Trauer um Kurt Imhof

Die Beileidsbekundungen sind warmherzig, die Nachrufe zahlreich und respektvoll: Die Schweizer Medien trauern um Kurt Imhof, ihren kompetentesten, unermüdlichsten und schärfsten Kritiker. Seit Imhof im Jahr 2010 zum ersten Mal das jährlich erscheinende «Jahrbuch Qualität der Medien» herausgegeben hat, wurde er von den Schweizer Gazetten wechselweise mit Polemiken eingedeckt, totgeschwiegen, ins Lächerliche gezogen oder schlicht geächtet. Seriöse Auseinandersetzungen mit seinen aufwendigen soziologischen Studien sind rar geblieben. Heute bekunden jedoch plötzlich auch die Verhöhner von gestern ihre tief empfundene Trauer. Mag man Imhof auch posthum in der Sache nicht recht geben, so beklagte der Medienkolumnist eines ansonsten Imhofs Arbeit gegenüber stets verspottenden Wochenmagazins den Verlust eines «unterhaltsamen Menschen mit einem guten Humor». Imhof war tatsächlich ein Mann mit einem soliden sarkastischen Humor, und ich bin mir ziemlich sicher, er hätte es nicht als pietätlos empfunden, auch an dieser Stelle den klaren Befund zu der überraschend intensiven Trauerarbeit der Schweizer Medien ungeschminkt auszusprechen: Nur ein toter Mediensoziologe ist ein guter Mediensoziologe. So scheint der implizite Branchenkonsens zu lauten. In einem gar nicht so verborgenen Seelenwinkel mögen die Kollegen immer gewusst haben, dass dem unbequemen Kritiker vielleicht nicht in allen Detailfragen recht zu geben ist, dass er aber früh und treffsicher den Finger auf die wunden Punkte legte. Nur konnte oder wollte das kaum jemand laut denken, geschweige denn öffentlich schreiben. Desto fleissiger muss das schlechte Gewissen nun Trauerarbeit leisten. Dem verstorbenen Kritiker gegenüber kann man sich endlich der verdrängten Wertschätzung hingeben. Es geht von ihm ja keine Gefahr mehr aus.
Zugegeben: Wasserdicht war die kollektive Verdrängungsleistung Gott sei Dank zu keinem Zeitpunkt. Es gibt auch Entscheidungsträger wie Roger de Weck, der Imhofs Analysen stets als instruktiv und relevant betrachtete. Es gibt auch Medienjournalisten wie Rainer Stadler, der jedes der bisher erschienenen Qualitäts-Jahrbücher in der NZZ mit unbestechlicher Sachlichkeit analysierte und durchaus auch der Kritik unterzog. Zudem gab es schon vor dem tragischen Tod des wichtigsten Schweizer Mediensoziologen einen allmählichen Wandel in der öffentlichen Rezeption seiner Arbeit.
Besonders plastisch lässt sich das an der Positionierung des «Tages-Anzeigers» ablesen.
Im Gefolge der Masseneinwanderungsinitiative entbrannte im Februar letzten Jahres eine sehr gehässige Polemik zwischen der Tagi-Redaktion und Imhofs Universitätsinstitut. Imhof rechnete dem Tamedia-Flaggschiff vor, es habe in seiner Berichterstattung zur MEI das Pro-Lager massiv bevorzugt. Diesen Vorwurf wollte der «Tages-Anzeiger» nicht auf sich sitzen lassen und sagte, Imhof sei methodisch nicht seriös und betreibe «Forschung aus der Hüfte». Darauf lud Imhof Redaktoren des «Tages-Anzeigers» in sein Institut ein, die Pro- und Contra-Artikel zur Masseneinwanderungsinitiative wurden nochmals gemeinsam ausgezählt, Imhof gestand Fehler ein, er blieb aber bei seiner Kritik, das Pro-Lager sei im «Tages-Anzeiger» bevorzugt worden. Im letzten Oktober verfasste dann Inland-Chef Daniel Foppa eine wohlwollende Rezension des neuen Medien-Jahrbuchs, und im Dezember 2014 wurde Imhof zu einem Besuch des «Tages-Anzeiger»-News­rooms und zu einer Blattkritik eingeladen, bei der er Eindruck machte.
Einzelne Verleger mögen es immer noch als blosse Provokation auffassen, dass Imhof den Strukturwandel in den Printmedien – insbesondere die neue Dominanz der Gratiszeitungen und der auf Reichweite setzenden Onlinemedien – als Bedrohung für die Medienqualität betrachtete. Für Journalisten jedoch, die bei sinkenden Budgets und schrumpfenden Personalbeständen versuchen, ein hohes Qualitätsniveau zu halten, ist von überwältigender Evidenz, dass Imhofs Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind.
Niemand kann heute mit Sicherheit sagen, wie das Geschäftsmodell des Qualitätsjournalismus in der Schweiz dereinst aussehen wird. Niemand weiss, wie sich Qualität auf lange Sicht wird monetarisieren lassen. Der öffentlichen Debatte, die Imhof nicht nur mit Provokationsgeist, sondern auch mit präzisen Daten und soliden Argumenten losgetreten hat, kann die Branche nicht länger ausweichen. Die wahre Trauerarbeit, welche die Schweizer Medien zu leisten haben, besteht darin, diese Debatte offen zu führen.