Warum?

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Ein Jahr nach dem Terroranschlag auf den Boston Marathon ist

jedes Detail geklärt. Nur nicht das Motiv der beiden Täter. Ein Besuch bei ihrer Familie


Text Jan Christoph Wiechmann
Bild Winslow Townson, AP, Keystone


Warum?

Jedes Treffen beginnt mit dieser Frage. Fünf Buchstaben. Ein Wort. Es ist die einzige Frage, die jetzt noch bleibt. Die immer noch bleibt. Ein Jahr nach dem Anschlag.

Manche, die die Jungs kannten, sagen: «Ich begreife es nicht.» Andere versuchen sich an einer Antwort. Aber – und das ist das Erstaunliche – keine Antwort gleicht der nächsten:

«Es lag an der Mutter», sagt der Onkel der Attentäter. «Sie ist das Zentrum des Bösen.»

Nicht die Mutter war es, glaubt der Familienfreund Max Masajew. «Es waren die Stimmen in Tamerlans Kopf.»

«Quatsch, Stimmen», sagt Tamerlans Freund Luis Vasquez. «Es war sein Selbsthass.»

Es war seine Verblendung, vermutet die Islamische Ge­meinde Bostons.

Es war islamistischer Extremismus, vermutet das FBI.

Es war eine Art «perfect storm», glaubt die engste Familienfreundin, Joanna Herlihy. Folgt man Herlihys Gedanken, so kam in jenen Tagen im April alles zusammen: Identitätskrisen. Grössenwahn. Der Zusammenbruch der Familie. Herlihy sagt: «Im Zentrum der Konflikte stand eine scheinbar ganz banale Frage: Wen darf ein Zarnajew lieben?»

Ein Jahr nach dem Terroranschlag auf den Boston Marathon ist die Chronik der Ereignisse geklärt, jedes Detail, jede Minute. Boylston Street, 15. April 2013, 14.49 Uhr. Zwei Bomben, drei Tote, 265 Verletzte, zwei Täter: Tamerlan Zarnajew, 26, und sein Bruder Dschochar, 19.

Der 15. April 2013 – das war die Rückkehr des Terrors nach Amerika, sagen viele. Nicht geklärt jedoch ist das Motiv. Und damit die Definition. War es ein Anschlag islamistischer Terroristen? Oder einer von Amokläufern? War es eher 9/11 oder Columbine? Das ist die Frage.

Eine Milliarden-Dollar-Frage. Zwölf Jahre lang, so behauptet die US-Regierung, funktionierte die Terrorabwehr. Ein teures, mitunter tödliches System aus NSA-Überwachung, Drohnenangriffen, Geheimgefängnissen, Folterzentren und zwei Kriegen. Sie hat das Land unfreier, aber – in den Augen vieler Amerikaner – auch sicherer gemacht. Dann kam Boston.

Einig sind sich die zwei Dutzend befragten Freunde, Professoren und Familienangehörigen darüber, dass der oft verwendete Begriff «islamistischer Terrorismus» zu kurz greift. Dass die Geschichte der Zarnajew-Brüder komplizierter ist als die Al-Qaida-geschulter Suizidbomber, die ins Paradies wollen.

Einig sind sie sich auch darin, dass vor allem der Niedergang der Familie die Brüder in den Abgrund riss. Ein Niedergang epischen Ausmasses, der mal an ein Drama von Tschechow erinnert und mal an schlechtes Reality-TV: Er umfasst Fehden und Zwangshochzeiten, Drogenhandel, Perspektivlosigkeit. Und vor allem: die Selbstverständlichkeit von Gewalt.

Das eigentlich Tragische, auch darin sind sich die Befragten aus dem Umfeld der Familie einig, ist, dass die Zarnajews beste Bedingungen vorfanden, als sie im Juli 2003 mit ihren vier Kindern aus der russischen Republik Dagestan nach Massachusetts kamen, in die Universitätsstadt Cambridge, Norfolk Street 410.

 

I. Die Familie
Das Misstrauen gegen Muslime ist noch gross nach den Terroranschlägen vom 11. September. Die Zarnajews aber haben Glück, sie landen in einer der tolerantesten Ecken Amerikas, seit jeher offen für Einwanderer aus aller Welt. Sie haben besonderes Glück, denn ihre Vermieterin, Joanna Herlihy, eine frühere Peace- Corps-Aktivistin, spricht fliessend Russisch und hat Verständnis für Flüchtlinge aus dem Kaukasus. Sie vermietet ihnen eine günstige Dreizimmerwohnung und hilft bei der Eingewöhnung.

Schnell wird Herlihy zur Mentorin der Zarnajews, die Kinder nennen sie «Grossmutter». Sie übernimmt Behördengänge und gibt Nachhilfe in Englisch, sie kümmert sich darum, dass der smarte Dschochar, damals neun, eine Klasse überspringt, und besorgt den Mädchen Plätze im angesehenen Chor der Handel and Haydn Society. Für Bella, 13, die bravere der Töchter, organisiert sie einen Folk-Dance-Kurs, für die umtriebige Ailina, 12, Breakdance und für Tamerlan, 15, den etwas wichtigtuerischen grossen Bruder, Hip-Hop. Sie erfüllt ihnen den sehnlichsten Wunsch – die Verwandlung kaukasischer Landeier in amerikanische Teenager.

Die Zarnajews, das sagen alle, sind damals eine glückliche Einwandererfamilie, die sich mit Optimismus an die Erfüllung ihres amerikanischen Traums macht. Ansor, der Vater, nennt die USA ein «grossartiges Land». Subeidat, die Mutter, liebt Hollywood und kleidet sich auch so, in hohen Stiefeln und Designerblazern. Sie entdeckt an sich eine auffällige Ähnlichkeit mit Demi Moore.

Bald jedoch kommen Joanna Herlihy erste Zweifel, zunächst an der Wahrhaftigkeit des Asylantrags. Dass Ansor im Kaukasus gefoltert worden war, stimmt wohl – aber nicht, dass die Regierung dahintersteckte, wie er behauptet. Nach allem, was sie hört, war es eher die Mafia, er arbeitete damals im Tabakhandel. Zu­dem gibt sich Ansor als Staatsanwalt aus, dabei war er lediglich Praktikant in einer Justizbehörde.

Es ist die erste vieler Lügen, die die Familie später einholen werden. Einmal zeigt Subeidat stolz ein gerahmtes Juradiplom, «Ansor hat es mir in Kirgistan gekauft», schwärmt sie. «Ich versuchte ihr zu erklären, dass man in Amerika ein Diplom nicht kaufen kann», erzählt Herlihy. «Ich habe sie dann zur Jurafakultät ge­bracht. Als sie merkte, wie aufwendig ein Studium ist, verlor sie schnell das Interesse.»

Joanna Herlihy sitzt vor dem inzwischen berühmten weissen Haus in der Norfolk Street, in jener Sitzecke, wo die Zarnajews einst mit anderen Tschetschenen ihre Barbecues machten. Sie ist Ende siebzig, Ex-Hippie, noch immer kritisch gegenüber der US-Regierung. Sie «adoptierte» die Familie auch deshalb, weil das FBI im Leben der Muslime stöberte. «Den Zarnajews konnte das FBI nie etwas vorwerfen. Sie hatten mit Extremismus nichts am Hut. Sie waren nicht mal religiös.»

Einen Grund für den baldigen Niedergang der Familie sieht sie in der naiven, fast disneyhaften Vorstellung, dass Amerika sie zu Millionären machen werde. Zwar arbeitet Ansor hart als Automechaniker, aber sein Englisch bleibt schlecht und sein Kundenstamm begrenzt. Subeidat versucht sich als Kosmetikerin in Schönheitssalons, doch das Geld bleibt aus und ihr Hunger nach Designerkleidung unstillbar.

Herlihy erlebt sie oft hysterisch, manchmal auch cholerisch. Auch Ansor wirkt instabil, oft ist er melancholisch, dann plötzlich wieder herrisch und autoritär. Auf Joanna Herlihys Rat hin begeben sich beide in psychiatrische Behandlung. Irgendwann deutet Subeidat unter Tränen den Grund ihres Traumas an, ein Familiengeheimnis, das wie ein Fluch über der Familie hänge.

«Darüber reden darf ich nicht», sagt Herlihy. «Versuchen Sie es bei Ruslan.»

 

II. Der Patriarch
Der Weg zu Ruslan Zarnajew führt durch die nicht enden wollenden Vorstädte Washingtons. Die Häuser werden grösser und die Zäune höher, bis am Ende einer Sackgasse eine Backsteinvilla auftaucht, davor ein weisser Mercedes. Ruslan ist Ansors jüngerer Bruder, eine Art Clanleader. Er immigrierte als Erster nach Amerika und wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann. Seinen Namen änderte er von Zarnajew zu Zarni.

Monatelang hat Ruslan Zarni jede Interviewanfrage abgelehnt. Sein Leben, so wie er es kannte, ist vorbei. Seit dem An­schlag ist er nicht mehr Ruslan Zarni. Er ist nur noch der Onkel der Terroristen. Erst als man Fragen zu seiner dubiosen Rolle in der Geschichte stellt, zu Themen wie Zwangsheirat und Familienfehden, stimmt er einem Treffen zu.

Zarni empfängt in seinem Salon, er ist bestens vorbereitet, hält das Plädoyer eines Staatsanwalts. Der Terroranschlag ist für ihn die Folge einer Gehirnwäsche. Er hält die Mutter für die Quelle alles Bösen, eine manipulative Diebin sei sie, eine Lügnerin, die ihren Sohn Tamerlan zum Fanatiker gemacht habe.

Warum hätte sie das tun sollen? – «Aus Rache.» – An wem? – «An uns. Ansor brachte sie einst vom Militärdienst mit. Was willst du mit der Schlampe?, haben wir ihn gefragt. Sie ist keine Tschet­schenin, sie ist eine Awarin. Wir sind eine sehr strenge Familie, und das Volk der Awaren ist unser Feind. Aber Ansor war wie hypnotisiert von ihr. Unsere Mutter sagte: Du bist ein Stück Dreck. Sie hat beide rausgeschmissen, Ansor und die Bitch.»

Zarni beendet seine Anklagen oft mit dem Zusatz «Bitch». Wahlweise auch «Schlampe» oder «Hexe». «In Tschetschenien gibts noch schlimmere Wörter: ‹Fehler der Natur›.» Er beschreibt fast stolz, wie seine Familie Subeidat psychisch terrorisierte.

Das sechsstündige Gespräch mit Ruslan Zarni ist eine Begegnung mit einer anderen Welt. Er ist sehr höflich, redet sich aber in Rage. Er glorifiziert Amerika, verteidigt aber die arrangierte Ehe. Als Beweis präsentiert er seine junge Frau Salina: «Hier. Als Teenager geheiratet. Sechs Kinder hat sie mir geschenkt.»

Als ich Salina später frage, ob sie ihren zwanzig Jahre älteren Mann damals liebte, sagt sie: «Ich liebe ihn auch heute nicht. Aber er ist ein guter Vater.»

Je länger Zarni erzählt, desto deutlicher wird, dass Ansor und Subeidat Zarnajew auf der Flucht vor dem eigenen Clan waren. Sie lebten das Verbotene, eine Mischehe – in Amerika kein Problem, in der Familie ein Skandal.

Es ist eine der zentralen Fragen dieser Geschichte: Wie viel Freiheit ist erlaubt? Wie viel Amerika?

Bei Ansor lösen die Erfahrungen in der neuen Heimat paradoxe Reaktionen aus: Je besser die Integration seiner Kinder gelingt, desto mehr behindert er sie. Er, der sich in Dagestan eingeschränkt sah, fühlt sich überrumpelt von so viel Liberalismus. Die Tänze sind ihm zu freizügig. Die Einwanderer zu bunt. Die Optionen zu zahlreich.

Zu Hause zieht er ein autoritäres System auf. Während er seine Jungen zu Kampfsportlern und Automechanikern ausbildet, soll seine Frau die Mädchen zu gehorsamen Töchtern erziehen. Als Vollstrecker seiner Gebote dient ihm Tamerlan, sein Ältester, der wie ein zentralasiatischer Despot über seine Schwestern wacht. Wenn die experimentierfreudige Ailina wieder mal nicht spurt, biegt er sie mit Schlägen zurecht. Und nicht nur sie.

 

III. Bella
Will man den Niedergang datieren, so beginnt er 2005, auf dem Schulhof der Cambridge Rindge and Latin School, als sich Bella in einen Brasilianer verliebt. Tamerlan erfährt davon und schlägt den Jungen brutal zusammen. «Zwei, drei Geraden reichten», erzählt Luis Vasquez, Tamerlans Freund. «Immerhin war Tam Boxer. Alle hatten Angst vor ihm.»

Warum haben Sie nicht eingegriffen? – «Dann hätte ich mir auch eine gefangen. Wer nimmt es schon mit dem Biest auf? Das ist wie in einer Diktatur. Es gibt einen Führer, der alle durch ein Regime aus Drohungen und Gewalt niederhält.»

Und das hat funktioniert? – «Nicht lange. Genau das war Tamerlans Problem. Er wollte der King sein. Aber ein Putin kommt in einer liberalen Universitätsstadt nicht so gut an. Da isoliert man sich.»

Luis Vasquez, 25, ist einer der wenigen Freunde der Attentäter, der offen spricht. Die meisten wollen sich nicht mehr äussern, seitdem das FBI sie verhörte. Sie wollen nicht als Terroristenfreunde in die Geschichte eingehen. Vasquez sieht es anders. Er sucht den Punkt, an dem er Tamerlan hätte stoppen können.

«Wir waren beste Freunde, aber Tamerlans Zuhause war mir ein Mysterium», erzählt er. «Er lebte zwei Leben, die nichts miteinander zu tun hatten: drinnen Tschetschenien, das Mittelalter; draussen Amerika, die Moderne. Dieser Spagat hat ihn zerrissen.»

Nach der Schlägerei wird Tamerlan eine Woche vom Unterricht suspendiert. Bella trifft es härter. Ihr Vater sperrt sie zu Hause ein, verweigert ihr das letzte Schuljahr und jeden Kontakt zu Freunden. Von einem Tag auf den anderen entreisst er ihr: die Jugend.

Luis Vasquez hat eine besondere Beziehung zu den Zarnajews. Tamerlan war sein Freund, Bella die beste Freundin seiner heutigen Frau Dariana. Und Dschochar war sein Schüler im Sportunterricht. «Ich habe nie so unterschiedliche Brüder erlebt», sagt er. «Dschochar war schüchtern, unsicher, sogar als Kapitän des Ringerteams. Tamerlan war ein Leader.» In diesem Ungleichgewicht sieht Vasquez eine Ursache für das gemeinsame Attentat. «Tamerlan gab den Befehl, Dschochar folgte. Tamerlan starb als Krieger in der Schlacht. Dschochar verkroch sich in einem Boot. Mehr muss man nicht sagen.»

Er nennt sie: das Monster und das Mäuschen.

 

IV. Ailina
Noch grössere Sorgen als um Bella machen sich die Zarnajews um ihre Tochter Ailina. Sie ist die Lebhafteste von allen, in der Familie wird sie «die Wilde» genannt. Subeidat beichtet ihrer Vermieterin Joanna Herlihy ihre Strategie: «Ailina hat grosse Probleme mit ihrem Vater. Wenn sie heiratet, kann er sie nicht mehr schlagen.»

Für Ansor kommt als Schwiegersohn nur ein Tschetschene infrage. Er will den eigenen Fehler nicht wiederholen. Die Ehevermittlung übernimmt Clanleader Ruslan Zarni persönlich. Er sucht für seine Nichte Ailina den Bruder seiner Frau aus, Elmira Khozhugov, 19, einen wohlhabenden Tschetschenen, der in Ka­sachstan lebt. «Für Ansor ein Traum», sagt Ruslan. «Elmira war der einzige Sohn. Das bedeutete: Geld, Geld, Geld.»

War Ailina nicht zu jung? – «Nein, das war das perfekte Alter. Sie brauchte einen Tutor. Und Elmira fuhr Mercedes.»

Am Tag bevor Ailina zur Hochzeit nach Kasachstan aufbricht, feiern die Zarnajews auf der Norfolk Street ein Fest. Herlihy erinnert sich an Ailinas Zerrissenheit: «Sie wollte fliehen, noch im letzten Moment. Andererseits fand sie es cool. Sie war eben mitten in der Pubertät.»

Auch Bella wird wenig später in Kasachstan mit einem Tschetschenen verheiratet. Einen Tag vor der Eheschliessung ruft sie panisch ihre Mutter an. «Schlucke Pillen, und trinke nichts mehr», rät ihr die Mutter, die plötzlich das schlechte Gewissen plagt. «Dann wird dir schwindlig. Täusche einen Notfall vor.» Doch Zarni, der die Hochzeit in der Stadt Almaty organisiert und be­zahlt, sagt: «Begreifst du, dass so ein Betrug tödlich enden kann?» So wird die Ehe vollzogen.

Beide Mädchen werden schnell schwanger und bekommen ein Kind. Beide Ehen scheitern. Bella flieht zurück nach Amerika, nach New Jersey, und rutscht ab ins Drogenmilieu. Ailina wird eines Tages barfuss im Regen gefunden, ihr Mann habe sie ge­würgt, berichtet sie der Polizei. Elmira sagt aus, Ailina treibe sich nachts herum und lasse das Kind allein. Er muss vorübergehend ins Gefängnis, Ailina flieht in ein Frauenhaus.

In jenen Tagen beginnt die Fehde der Brüder Ruslan und Ansor Zarnajew. Ansor beschuldigt Ailinas Mann, seine Tochter zum Gruppensex gezwungen zu haben – «ich schneide Elmira die Kehle durch». Ruslan erwidert: «Du bist ein mieser Ganove, Ansor. Schneide deine eigene Kehle durch.»

«Da habe ich sie verstossen», sagt Zarni. «Das höchste Strafmass unserer Familie. Aber ich hatte keine Wahl. Ich wusste: Entweder vergiessen sie jetzt mein Blut. Oder ich vergiesse ihres.»

 

V. Tamerlan
Auf das Schicksal ihrer Schwestern reagieren die Brüder unterschiedlich. Während Dschochar sich zurückzieht in seine Welt aus Partys und Kiffen, ist es für Tamerlan umso mehr die Aufforderung, die Familienehre zu retten. Seit seiner Ankunft in Amerika sah er in sich das Potenzial zum Superstar. Als es mit Hip-Hop nicht klappt, will er zum Film. Als es mit dem Film nicht klappt, kleidet er sich wenigstens so: enge Hosen mit Schlangenmuster, bis zum Bauchnabel offenes Hemd, dazu ein weisser Schal, ein Hut aus Fuchsfell.

Im sonst so toleranten Cambridge kommt ein autoritärer Russe im Dandy-Outfit jedoch nicht so gut an. «Er kleidete sich noch schlimmer als seine Eltern», sagt Max Masajew. «Und zu denen sagten wir immer schon: Da kommen die zwei Schwäne.»

Masajew ist Vorsitzender der Tschetschenen in Boston. Im Kaukasus arbeitete er einst als Urologe, jetzt führt er ein Altenheim für Russen in einer Lagerhalle am Charles River. Er nennt es seinen American Dream.

Auffällig: Jeder Tschetschene präsentiert stolz seinen Besitz. Die Zarnajews aber präsentierten immer nur Luftschlösser. «Irgendwann haben wir sie nicht mehr ernst genommen», sagt Masajew. Besonders beängstigend findet er, wie die Eltern Tamerlan glorifizieren, Subeidat nennt ihn ein «Meisterwerk» der Natur, vergleicht ihn mit Herkules. «Dabei war er ein Versager in der Schule und der Uni und kiffte ohne Ende», sagt Masajew. «Ansor sagte mir mal, Tamerlan werde später zwei Meter gross. Als wäre das ein Beruf.»

Aus Mitleid gibt Masajew Tamerlan einen Job als Pfleger, doch schon bald schmeisst der ihn hin, es sei unter seiner Würde. Glücklich erlebt Masajew ihn nur, wenn er für die Alten auf dem Keyboard russische Volkslieder spielt. Da sitzt ein junger Mann mit Krokodillederschuhen und Seidenhemd vor zwanzig Greisen und singt so hingebungsvoll, als wäre er in der Show «American Idol». Und jedes Mal gewinnt er.

Einmal vertraut sich seine Mutter Masajews Frau Anna an: «Tamerlan hört Stimmen, als wären zwei Leute in seinem Kopf.» – «Das muss ein Arzt checken», mahnt Anna. «Aber sie hat meinen Rat nicht ernst genommen. Er war ja angeblich so perfekt.»

Fragt man die Masajews nach dem Motiv der Tat, verweisen sie auf diese Stimmen: Tamerlan war krank, sagen sie, er litt unter Schizophrenie. Es ist eine Erklärung, die viele Tschetschenen anführen, auch Tageszeitungen wie der «Boston Globe». Es ist, wenn man so will, die gutmütigste Erklärung für den Terroranschlag. Sie liefert alles in einem: Grund, Motiv und Definition. Das Merkwürdige ist: Kein anderer der Befragten hat Tamerlan je von Stimmen erzählen hören.

Als letzte Hoffnung bleibt Tamerlan nur das Boxen. Von An­fang an träumten er und sein Vater von einer Karriere, die ihn bis zu den Olympischen Spielen führen soll, als Vertreter der USA. Er glaubt, dass er, der Tschetschene, qua Herkunft härter ist als seine Konkurrenten, gnadenloser. Man verpasst ihm den Spitznamen «Der Russe», und er trägt ihn mit Stolz.

«Tamerlan brachte alles mit», sagt der Trainer Tommy Lee, Präsident der South Boston Boxing League, «er bewegte sich wie eine Gazelle und war stark wie ein Pferd. Aber ihm fehlte Disziplin, und er war arrogant. Weil er glaubte, genug Talent zu besitzen, trainierte er zu wenig.»

Wie viele Bostonians will sich Lee zu dem Fall eigentlich nicht mehr äussern, weil man den Tätern nur Aufmerksamkeit verschaffe. «Aber ich frage mich ständig, was passiert wäre, wenn er beim Boxen geblieben wäre. Dann hätte Amerika für ihn gejubelt. So nahm er Rache an Amerika.»

Zweimal gewinnt Tamerlan die Golden-Gloves-Meisterschaften von New England, doch der grosse Durchbruch bleibt aus. Weil er Fristen für die Beantragung der Staatsbürgerschaft verpasst, darf er an US-Meisterschaften nicht teilnehmen. Den endgültigen K.o. versetzt er sich selber, als er seine Freundin Nadine Ascencao schlägt, weil sie ihm, dem Mann, nicht gehorcht.

Nadine erinnert die Episode als traumatisch, «er nannte mich Schlampe, weil ich Shorts trug, und schlug mich mitten auf der Strasse ins Gesicht.» Tamerlan wird wegen schwerer Körperverletzung angezeigt, Nadine lässt die Anzeige jedoch fallen, aus Angst vor Tamerlans Rache. Die Staatsbürgerschaft und Olympia rücken damit in weite Ferne. Also sucht er nach einem neuen Feld, auf dem er weltberühmt werden kann.

 

VI. Subeidat
Die Moschee der Islamic Society of Boston ist ein lebendiger Ort im Herzen von Cambridge. Bis zu achthundert Menschen aller Nationalitäten strömen freitags zum Gebet und bleiben zum Nachbarschaftsplausch. Seit Anfang 2010 ist auch eine hagere Frau mit Hidschab darunter, im Schlepptau ihr ältester Sohn.

Subeidat Zarnajewa trägt plötzlich schwarze Gewänder, sie verwandelt sich von der glamourösen Holly­woodqueen in eine strenggläubige Muslimin. Sie tue das alles, so vertraut sie ihrer Freundin Anna Nikeava an, um ihrem orientierungslosen Lieblingssohn Tamerlan einen Lebenssinn zu geben.

In den Augen vieler ist Subeidats neue Religiosität nur Show, ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Ihr Schwager Zarni nennt es verächtlich «Rebranding». Tatsächlich aber scheint Subeidat verzweifelt nach einer Therapie für ihren Sohn zu suchen. «Studiert Tamerlan denn mit einem Imam?», fragt Joanna Herlihy. «Nein, er bringt es sich selber bei», antwortet Subeidat. «Er hält die Imame für zu liberal.»

«Das ist Tamerlan», sagt Herlihy. «Statt zu studieren, unterzieht er sich einer Gehirnwäsche. Er hält sich selber für den besten Lehrmeister.»

In der Moschee fallen Subeidat und Tamerlan durch schlechtes Benehmen auf. Subeidat klärt Gäste auf, der Anschlag auf das World Trade Center sei ein Auftrag der Bush-Regierung gewesen. Tamerlan beteiligt sich weder am Koranstudium noch an wohltätigen Aktionen, erzählt die Gemeindeleiterin Nicole Mossalam, «es interessierte ihn nicht». Stattdessen schaut er auf Youtube Videos von radikalen Predigern und erstellt sich seinen Islam im Baukastenverfahren.

Nicole Mossalam führt durch die Moschee, die in den Medien als Tamerlans ideologische Heimat galt. Ihre Gemeinde hat An­feindungen erlebt, insgesamt aber war die Unterstützung gross. Auch das gehört zu dieser Geschichte, ein Jahr danach: Amerika hat – anders als nach 9/11 – nicht mit Misstrauen auf die Tat der beiden Muslime reagiert.

Zweimal fällt Tamerlan durch radikales Auftreten auf. Einmal brüllt er im Gebetsraum, Muslime dürften ein heidnisches Fest wie Thanksgiving nicht feiern. Ein anderes Mal beschimpft er den Imam während einer Predigt über Martin Luther King als «Ungläubigen».

Hätten Sie da hellhörig werden sollen? «Das ist die Frage», sagt Mossalam. «Bei uns herrscht Meinungsfreiheit. Tamerlans Aussagen waren nicht so extrem, als dass man ihn hätte anzeigen müssen. Er schien mir eher verloren, verblendet.»

Tamerlan zieht sich nun immer mehr zurück in seine eigene Welt. An Wochenenden nimmt Subeidat ihn mit zu einem pflege­bedürftigen Rentner, den sie betreut, Donald Larking. Die ungleichen Männer freunden sich an. Sie fühlen sich beide isoliert in einer Gesellschaft, die ihre Gedanken nicht zu schätzen weiss. Sie studieren stundenlang antisemitische Zeitschriften wie «The American Free Press», sie gelangen zur Überzeugung, dass Amerika von Juden regiert wird und nach Vorwänden sucht, um Kriege gegen islamische Länder zu führen.

US-Medien spekulieren darüber, ob der zum Islam konvertierte Larking ein Mentor war und Tamerlan das Motiv lieferte: Rache an Amerika. Doch wer sich mit Larking, 68, unterhält, stellt schnell fest, wie abwegig diese Theorie ist. Seine Gedanken sind zusammenhangslos, die Sätze kaum vernehmbar, er verheddert sich in wilden Verschwörungstheorien. «Der Anschlag in Boston war das Werk des FBI», proklamiert er. «Es ist ein Zeichen: Die Apokalypse ist nah.»

Wahrscheinlich verhielt es sich eher so, wie es Larkings Pflegerin, Julia Myers (Name geändert), beobachtet: «Larking hat Tamerlan die Tür geöffnet ins Crazyland. Hineingegangen ist er dann allein.»

 

VII. Ansor
Das religiöse Geschwätz zu Hause geht Ansor Zarnajew immer mehr auf die Nerven. Er ist zwar traditionell, aber nicht religiös, und so verbringt er die Abende oft bei Wodka oder Cognac im russischen Restaurant Arbat. An einem dieser Abende gerät er in eine Schlägerei mit anderen Russen. Er hält sich wacker, findet er, ganz der alte Boxer, bis einer ihm eine Eisenstange auf den Kopf schlägt und er das Bewusstsein verliert.

Weder Tamerlan noch Dschochar kommen ihrem Vater zu Hilfe. Es ist die Vermieterin Joanna Herlihy, die Ansor ins Krankenhaus fährt und sich fortan um ihn kümmert. Subeidat verbreitet, ihr Mann habe Krebs, eine Diagnose, durch die sie sich wohl Zuwendung und Geld erhofft, spekulieren Freunde.

Die Spannungen zwischen Vater und Sohn verstärken sich, als Tamerlan ankündigt, keine Tschetschenin zu heiraten, sondern seine amerikanische Freundin Katherine Russell, eine Katholikin, die für ihn zum Islam konvertiert. Er hat die Studentin in einem Nachtclub kennengelernt. Die Spannungen werden noch grösser, als Tamerlan seiner Frau später aufbürdet, 16 Stunden am Tag als Altenpflegerin zu arbeiten, während er mit der gemeinsamen Tochter zu Hause bleibt und den Koran studiert. Ansor nennt seinen Sohn einen Faulpelz, Tamarlan seinen Vater einen Ungläubigen, ein «Nichts».

Die Familie lebt inzwischen von Sozialhilfe und Essensmarken. Im September 2011 lassen sich Ansor und Subeidat scheiden. «Es gab Streit, aber es war eher eine pragmatische Entscheidung», erklärt Herlihy. «So bekamen sie mehr Wohngeld. Aber als Zeichen an die Kinder war das fatal.»

Nach zehn Jahren Amerika sieht sich Ansor am Ende. Er ist gesundheitlich schwer angeschlagen und leidet unter Heimweh. «Ich habe nichts erreicht», sagt er zu seinem Freund Chris Walter, einem Teppichhändler. Im Herbst 2011 verlässt er das Land, in dem er nie richtig klarkam. Im Sommer danach folgt Subeidat. Sie hat einen triftigen Grund. Sie wird beim Ladendiebstahl erwischt, als sie versucht, neun Designerkleider mitgehen zu lassen. «Eltern, die ihre Kinder allein zurücklassen – da haben Sie die Antwort auf alle Fragen», sagt Masajew.

In Dagestan verbreiten die Zarnajews, dass ihre Kinder auf Eliteunis gehen und Tamerlan Amerika bei Olympia vertreten wird. Die Töchter seien mit Tschetschenen liiert, dabei hat Bella inzwischen einen Palästinenser geheiratet und Ailina einen Dominikaner. Manchmal wirkt es, als leide die gesamte Familie unter Wirklichkeitsverlust.

Auch Tamerlan bricht nun nach Dagestan auf, eine Reise, die CIA und FBI veranlassen, seine Spuren zu verfolgen. Er überlegt, sich dem Dschihad anzuschliessen, und nimmt den Namen eines islamischen Gelehrten an, Muaz. Der russische Geheimdienst FSB setzt ihn auf eine Terror-Watchliste und untersucht Kontakte zu Mitgliedern einer Untergrundbewegung. Beweise gibt es bis heute nicht.

Die Lage in Dagestan, wo Muslime gegen Muslime kämpfen, verwirrt Tamerlan. Er präsentiert sich mit Bart und langen pakistanischen Gewändern, wie ein Salafist, fällt damit aber völlig aus dem Rahmen. Auch sein amerikanisiertes «Yo brother»-Gehabe kommt bei den strengen Glaubensbrüdern nicht gut an, wie einer seiner Cousins erzählt. Die Reise in die Heimat, die ihm Erleuchtung bringen soll, wird zu einer weiteren Episode seines Niedergangs. Nicht mal als Radikaler taugt er.

Im Herbst 2012 liest sich die Geschichte der Familie Zarnajew wie ein Drehbuch der Coen Brüder. Der Vater, einst Boxer, ist ein Wrack. Die Mutter eine Diebin. Die konservative Tochter, Bella, wird beim Drogendealen erwischt, die andere, Ailina, als Komplizin von Geldfälschern. Der Älteste, das «Meisterwerk», ist ein arbeitsloser Hausmann. Die Hoffnung liegt nun auf dem Jüngsten.

 

VIII. Dschochar
Seine Tage an der University of Massachusetts folgen einem festen Ritual. Dschochar schläft lange, bis mittags, dann macht er sich daran, Marihuana abzuwiegen und zu verpacken. Er hat den besten Stoff von Dartmouth, etwa 1000 Dollar verdient er pro Woche, erzählt ein Kommilitone. Die Nächte verbringt Dschochar in New York oder beim Cruisen in seinem Honda Civic. Zu Vorlesungen geht er selten und prahlt stattdessen auf Twitter: «Ich gehe einen Monat nicht zur Uni und schreibe trotzdem eine Eins.»

Seit Highschool-Tagen ist Dschochar die akademische Hoffnung der Zarnajews. Er ist allseits beliebt und erhält ein Stipendium, er gilt als bestens integriert. Ausdruck findet das in seinem Twitter-Post: «Meine Mutter will eine arrangierte Ehe für mich. Haha. Sie sollte chillen. Ich finde meine eigene Braut.»

In den Wochen nach dem Anschlag wird in den Medien das Bild eines höflichen, strebsamen Jungen entstehen. Schulfreunde schwärmen von Dschochars Hilfsbereitschaft und Coolness. Der «Rolling Stone» setzt ihn ikonenhaft aufs Cover. Spricht man heute mit den Schulkameraden, erscheint die alte Freundschaft merkwürdig oberflächlich. Sie hingen zwar zusammen ab, aber so richtig kannte ihn keiner. Schon gar nicht zwei Jahre nach der Highschool – eine Ewigkeit im Leben eines Teenagers.

Sein Leben am College gleicht eher dem seines grosskotzigen Bruders. Dschochar fährt freihändig Auto, hängt Poster halb nackter Mädchen an die Wand und hält sich – wie ein guter Gangster – eine Pistole im Nachtschrank. Der angeblich Smarteste aller Zarnajews lebt nach der Flucht seiner Eltern «das Leben eines orientierungslosen Stoners», erzählen zwei Freunde. «Er wollte uns weismachen, dass er auf Eliteunis angenommen wurde, aber da glaubte ihm schon keiner mehr.»

«Mach doch mal ein Praktikum, etwas Sinnvolles», rät Joanna Herlihy, die Einzige, die sich noch um ihn kümmert. «Mal sehen», antwortet er.

Herlihy bemerkt, dass auch Dschochar anfällig wird für Verschwörungstheorien. Es passt zu seinem antriebslosen Leben. Verschwörungstheorien erfordern kein Nachdenken. Man entwickelt sie nach Lust und Laune, nicht nach der Realität.

Am 11. September 2012 erhält Dschochar die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er schwärmt jedoch zunehmend von seiner tschetschenischen Heimat. Auf Twitter postet er: «How I miss my homeland #dagestan #chechnya», obwohl er nie dort gelebt hat. Sein Professor, Islamwissenschaftler Brian Williams, stellt fest, dass er nur wenig über die Kultur und Geschichte weiss. «Dschochar war ein Möchtegern-Tschetschene. Er war durch und durch ein American Kid, völlig assimiliert. Er hatte auch keine Erleuchtung, wie Dschihadisten sonst. Seine Tatbeteiligung macht überhaupt keinen Sinn.»

Williams sitzt auf dem seelenlosen Campus, an jenem Ort, wo Dschochar früher seinen Drogenhandel betrieb. Bis heute erhält der Professor Drohbriefe rechter Amerikaner, die behaupten, er sei ein Mentor der Täter gewesen. «Das ist charakteristisch für solch historische Fälle», sagt er. «Irgendwann kommt die Realität gegen die Verschwörungstheorien nicht mehr an.»

Für Williams sind die Zarnajew-Brüder keine islamistischen Extremisten. Es war kein Akt, um ins Paradies zu gelangen, sondern um im Diesseits berühmt zu werden. Er vergleicht sie eher mit den «Beltway Snipers», Muhammad und Malvo, die 2002 siebzehn Menschen erschossen und Schreiben hinterliessen wie «Nennt mich Gott».

Ruslan Zarni vergleicht seine Neffen eher mit Timothy McVeigh, dem rechtsradikalen Bomber von Oklahoma City.

Luis Vasquez vergleicht sie mit Eric Harris und Dylan Klebold, den Massenmördern von der Columbine High School.

Sie töteten, weil die Gesellschaft nicht einsehen wollte, wie grossartig sie sind. Da sind sie Lee Harvey Oswald näher als Mohammed Atta.

Im Herbst 2012 spitzt sich die Situation zu. Dschochar hat in Dartmouth 20 000 Dollar Schulden und droht von der Uni zu fliegen. Gleichzeitig setzt Joanna Herlihy Tamerlan eine Frist, ihre Wohnung zu verlassen. Er reagiert panisch. Sie kontert: «Wie lange willst du deine Frau noch arbeiten lassen, während du faul herumhängst?»

Heute fragt sich Herlihy: «Fühlte er sich von mir in die Ecke gedrängt? Mich beschäftigt der Gedanke.»

Nadine Ascencao fragt sich: «Hätte man ihn damals deportiert, wenn ich ihn angezeigt hätte?»

Ruslan Zarni sagt: «Das Einzige, was ich mir vorwerfe, ist, dass ich Tamerlan nicht erschossen habe. Dann wäre das Blutvergiessen in der Familie geblieben.»

Irgendwann Anfang 2013 nimmt der Fall jene Wendung, für die es noch keine endgültigen Antworten gibt. Tamerlan, der nach seiner Rückkehr aus Dagestan in Schwarz und mit Gebetskappe herumläuft, vertieft sich in Websites von Dschihadis, wie das FBI später ermittelt. Er macht sich zum Anführer eines Clans, der nur noch aus zwei Personen besteht.

Auch Dschochar verbringt seine Zeit nun wieder in der alten Wohnung und gibt eine Reihe vielsagender Tweets von sich: «Wenn du das Wissen und die Inspiration hast, bleibt nur noch Action.» Er hat mit dem Leben an der Uni abgeschlossen und wendet sich, mit neunzehn, erstmals der Religion zu. Er versucht sich sogar an einem Salafisten-Bart, aber noch spriesst nicht viel.

Warum Dschochar? Diese Frage beschäftigt jeden Interviewten bis heute. Fast alle sehen Tamerlan als Drahtzieher – und Dschochar als seine Marionette. So könnte auch die Verteidigungsstrategie beim Prozess im November aussehen: Dschochar wurde eingeschüchtert, er war ein Mitläufer, manipuliert von den Parolen seines älteren Bruders.

Die Frage wird sein: Wie glaubwürdig ist diese Theorie, wenn er angeblich der Intelligenteste der Zarnajews war? Und wie eingeschüchtert ist einer, der Stunden nach dem Anschlag einem Freund twittert: «Wollen wir später noch abhängen?»

Die Anleitung für den Bau der Bombe finden Ermittler später auf Dschochars Computer. Sie stammt aus dem Al-Qaida- Magazin «Inspire» und ist überschrieben: «Wie du in der Küche deiner Mutter eine Bombe baust.» Die Brüder besorgen sich Schnellkochtöpfe, füllen sie mit Schiesspulver und Nägeln und packen sie in Rucksäcke.

«Da treffe ich sie auf der Strasse, und wir plaudern über Bücher», sagt Herlihy fassungslos. «Und danach sitzen sie in meiner Wohnung und bauen die Bombe. Und das in der Gegenwart eines zweijährigen Kindes.»

In seinen Bekennernotizen definiert der gänzlich unpolitische Dschochar den Anschlag später als politischen Akt, als Rache zweier Muslime an Amerikas Massakern in der islamischen Welt. «Ein Angriff auf einen Muslim ist ein Angriff gegen alle Muslime», schreibt er.

Macht sie das zu islamistischen Terroristen? Zu Dschihadisten? Oder sind sie nicht in erster Linie Versager? Zwei Egomanen, die ihrem Hass auf die Welt eine Ideologie überstülpten?

Auf die Definition wird es ankommen, wenn die Geschworenen im November vor einem Gericht in Massachusetts über die Todesstrafe für Dschochar Zarnajew entscheiden werden.