Der Verrat

Wie funktionieren Journalisten und Politiker? Und was sagt ihr Zusammenspiel über unsere Gesellschaft aus? Der Fall Carlos ist ein Lehrstück über die Angst vor den Medien.

 

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Text Mathias Ninck


Mit einem Knopfdruck löste der «Blick»-Journalist den Skandal aus. Es sollte das grösste Medienspektakel des Jahres werden. Es war ein Sonntagabend im August, Andreas Kunz drückte die Stopptaste seines DVD-Players. Er sass mit seiner Frau auf dem Sofa und langweilte sich, «The Newsroom», diese amerikanische Serie, war geschwätzig, fand er, er war müde und erledigt, ein paar Stunden zuvor hatte er beschlossen, seinen Job zu kündigen. Es gab Kollegen beim «Blick», die mochten ihn nicht, besser war, er ging. Und dann sprang, als er den Knopf drückte, das DVD-Bild zur laufenden Fernsehsendung, Kunz sah in ein Gesicht, das er kannte: Gürber. Das war doch dieser Jugendanwalt vom Fall Seebach. Dieser Hippie! Kunz war elektrisiert.

Nachdem das Schweizer Fernsehen an jenem Augustsonntag die Reportage «Der Jugendanwalt» ausgestrahlt hatte, entfachte die Boulevardzeitung «Blick» mit einem aggressiven Artikel einen nationalen Feuersturm. Der Staatsanwalt für Jugendliche, der in der Sendung porträtiert worden war, wurde in der Zeitung als Verhätschler von Straftätern verhöhnt und als Verschleuderer von Steuergeldern. Der Jugendliche mit dem Pseudonym Carlos, der jahrelang gewalttätig und nun erstmals auf dem Weg der Besserung war, wurde auf einen «Messerstecher» reduziert. Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion, und die Wirklichkeit hatte jetzt einen klingenden Namen: «Sozial-Wahn».

Die Grossbuchstaben des Boulevards zeigten Wirkung. Kaum hatte der «Blick» losgeschlagen, setzten sich in der Justizdirektion des Kantons Zürich die Entscheidungsträger zusammen. Sie standen unter Schock. Wie sollte man auf den Angriff reagieren? Das war die Frage. War gegen die Hetze überhaupt anzukommen? Würden die Erklärungen und Korrekturen, die jetzt nötig waren, nicht untergehen? Würde die Welle der Empörung nicht alle Reste von Besonnenheit wegspülen? War es nicht klüger, sich einfach wegzuducken und zu warten, bis die Journaille genug hatte und von selber aufhörte? Oder war es gerade andersrum? War das Risiko des eigenen Untergangs zu gross, wenn man den Anschuldigungen nicht entschlossen entgegentrat? Hatte man nicht eine Fürsorgepflicht gegenüber dem angeschossenen Mitarbeiter? Durfte man diesen Jugendanwalt einfach den hungrigen Wölfen zum Frass überlassen? Und musste man nicht dafür sorgen, dass die Sache nicht weiter eskalierte, auch zum Schutz des betroffenen Jugendlichen? Heisst politische Führung nicht gerade, dass man sich dann, wenn es schwierig wird, also wenn die öffentliche Grundstimmung in die falsche Richtung geht, dieser Empörung im offensiven Dialog entgegenstellt? War jetzt nicht Mut gefragt? Rückgrat? Keine Frage.

 

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Also rasch eine Pressekonferenz. Rasch die offene Auseinandersetzung mit den aufgebrachten Reportern. Das wäre jetzt wohl das Zweckmässige. Doch es gab sie nicht, diese Pressekonferenz.

Aber man stelle es sich einmal vor!

Man stelle sich vor, drei oder vier Tage nach dem ersten Artikel im «Blick» hätte in Zürich eine Pressekonferenz zum Fall Carlos stattgefunden. Martin Graf, der für die Justiz zu­ständige grüne Regierungsrat, Marcel Riesen-Kupper, Chef der Oberjugendanwaltschaft, und der im Film porträtierte Jugendanwalt Hansueli Gürber wären im Konferenzzentrum Walcheturm vor die Medien getreten. Martin Graf: «Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich begrüsse Sie zu dieser Medienkonferenz. Es geht um viel in diesem Fall Carlos. Es geht in erster Linie um einen Jugendlichen. Es geht aber auch um die Arbeit der Jugendanwaltschaft. Und es geht um unsere Steuergelder. In allen drei Punkten stehen wir heute in der Kritik. Ich habe nichts gegen Kritik, ich finde sogar, dass sie wichtig ist in einer Demokratie. Nicht selten führt öffentliche Kritik zu nötigen Korrekturen. Mich stören allerdings die Aufbauschungen und Übertreibungen in diesem Fall, und das ist der Grund, weshalb wir die Pressekonferenz durchführen. Mich stört, wenn gewisse Medien bereit sind, die Dinge so zu verzerren, dass sie mit der Wirklichkeit nur noch wenig zu tun haben. Der Carlos, der mir heute aus den Zeitungen entge­genblickt, hat mit dem Menschen Carlos wenig gemeinsam. Die Arbeit der Jugendanwaltschaft ist himmelweit von Ku­scheljustiz entfernt. Und der vom «Blick» fertiggemachte Jugendanwalt Hansueli Gürber gehört zu den besten Pferden in meinem Stall. Er ist routiniert und so gut vernetzt in der Schweiz wie kein anderer. Zum sogenannten Sondersetting, das die Oberjugendanwaltschaft mit Gürber zusammen erarbeitet hat, kann ich nach dem heutigen Wissensstand nur sagen: Es war eine Notwendigkeit. Natürlich überprüfen wir das noch. Aber diese 29 000 Franken, die wir monatlich für das Setting ausgegeben haben, sind meiner Ansicht nach gerechtfertigt, zumindest im Grossen und Ganzen. Ich gebe zu, auf den ersten Blick sieht es überhaupt nicht danach aus. Es sieht sogar nach einer Verrücktheit aus. Aus dem Zusammenhang gerissen, sieht dieses Sondersetting grauenhaft aus. Aber eingebettet in das Gesamtbild werden Sie erkennen, das hoffe ich zumindest, dass unser Vorgehen plausibel und an­gemessen ist. Das Ziel der heutigen Medienkonferenz ist es, Ihnen ein Gesamtbild zu geben. Danach dürfen Sie gern mit uns diskutieren, über unsere Arbeit, über die Kosten, die mit dieser Arbeit verbunden sind. Damit übergebe ich das Wort dem leitenden Oberjugendanwalt, Marcel Riesen-Kupper.»

Stellen wir uns vor: Martin Graf setzt sich, und Marcel Riesen-Kupper ergreift das Mikrofon.

«Liebe Journalistinnen und Journalisten. Bevor wir auf Carlos zu sprechen kommen, möchte ich darlegen, was das Jugendstrafrecht überhaupt ist. Warum die Schweiz ein eigenes Jugendstrafrecht hat. Man soll sich nicht an Vergeltung orientieren, lautet der Grundgedanke des Jugendstrafrechts, sondern an der Frage, wie der junge Täter positiv beeinflusst werden kann. Im Gegensatz zum Erwachsenenstrafrecht, wo der Sühnegedanke wichtig ist, hat der Staat das Jugendstrafrecht also als Erziehungsinstrument angelegt. Erziehung, meine Damen und Herren! Sie kennen das. Sie sind auch einmal erzogen worden, vielleicht erziehen Sie gerade selber Kinder. Erziehung ist ein aufwendiges Unterfangen. Erziehung geht langsam. Entsprechend sieht die Arbeit eines Jugendanwaltes aus. Ein Jugendanwalt muss oft mehrere Anläufe nehmen, er muss akzeptieren, dass es Rückschläge gibt, dass ein Zögling auch wieder Untaten begeht. Der Jugendanwalt muss dem Delinquenten eine Beziehung anbieten, was Zeit braucht und Geduld und, ja, ein gewisses Wohlwollen. Der Jugendanwalt muss sich wieder und wieder aufrappeln, wie es Hansueli Gürber im Fall Carlos getan hat. Wenn es dem Jugendanwalt gelingt, eine Beziehung aufzubauen, dann sinkt das Aggressionspotenzial. Das zeigt unsere Erfahrung. Diese konziliante Haltung kann man als ‹Sozial-Wahn› abtun, aber ich möchte etwas zu bedenken geben: Kinder und Jugendliche sind nicht einfach kleine Erwachsene. Sie stehen in einem Entwicklungsprozess. Der Jugendliche hat ein anderes Weltbild als der Erwachsene, seine Wahrnehmung ist auf sein Ego konzentriert. Der Jugendliche muss sich erst definieren, sein Leben hat Experimentiercharakter. Deshalb sieht er viel weniger, welche Konsequenzen etwas hat. Carlos, meine Damen und Herren, war in einem äusserst desolaten Zustand, als er zu uns kam, er war einer der Schwierigsten unter den schwierigen Jugendlichen. Dass er heute stabiler ist als früher, dass er den Rank gefunden hat, verdanken wir dem Sondersetting, das – auch für uns überraschend – funktioniert hat und das nun in der Kritik steht. Im Folgenden soll Ihnen aufgezeigt werden, wie dieses Setting zustande gekommen ist und warum es knapp dreissigtausend Franken kostet. Mein Kollege Hans­ueli Gürber kennt die Sache bis ins Detail, ich übergebe ihm das Wort.»

Stellen wir uns vor, dass Gürber sich jetzt räuspert und mit einer Entschuldigung beginnt.

«Ich habe einen Fehler ge­macht. Diesen Film zu machen war ein Fehler, und es tut mir leid, dass durch die Medienbe­richte der Jugendliche nun un­verschuldet in Bedrängnis geraten ist. Das wollte ich nicht. Ich habe diesen Film falsch eingeschätzt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich erinnere Sie an diese Szene, wo Carlos im Thaibox-Training ist. Man sieht einen grossen, muskulösen, dunkelhäutigen Mann, und er schlägt auf Sandsäcke ein. Ein Boxer. Der nicht eingeweihte Fernsehzuschauer assoziiert den Sack natürlich mit einem Opfer. Das ist die Aussage, die beim Zuschauer ankommt. Was man nicht zeigen kann: dass der Jugendliche im Thaiboxen Achtsamkeit lernt; er übt, seine Aggressionen gezielt einzusetzen, innerhalb klarer Regeln, mit Disziplin. Das war das Programm des Thaiboxers Shemsi Beqiri für Carlos, und wir haben es sorgfältig überwacht. Aber das bringt man nicht rüber in einem Dokumentarfilm, und darum sah dieses Eindreschen auf den Sandsack so sehr nach Siegenwollen und Vernichten aus.

Also, kurz gesagt, das mit dem Film ist schiefgegangen. Aber das Wichtige ist ja nicht der Film, sondern der Jugendliche. Ich möchte Ihnen im Folgenden ein paar Informationen nachliefern, die das Setting im Fall Carlos verständlich machen sollen. Wer ist Carlos? Carlos ist siebzehn Jahre alt, der Vater ist Schweizer, von Beruf Architekt, die Mutter aus Afrika, sie hat zwei Kinder aus einer früheren Beziehung. Die Eltern trennten sich früh, die Mutter lebte in Paris, der Vater arbeitete in Zürich, die dreizehn Jahre ältere Halbschwester, ein Teenager, schaute manchmal auf den kleinen Carlos oder überliess ihn sich selbst. Carlos ist auf jeden Fall seit Geburt stark vernachlässigt worden. Er ist ein hyperaktives Kind, das keine normalen Beziehungen eingehen kann. Seit frühstem Alter. Im Kindergarten gilt er noch als hochbegabt und wird für ein Förderprogramm vorgeschlagen, in der Schule ist er dann schon ein richtiger Problemfall, er kann nicht stillsitzen. Keine zehn Minuten hält er es aus, tigert herum, provoziert, er redet Blödsinn, die Lehrer stellen ihn vor die Tür, geben ihm Strafaufgaben, stellen ihn wieder vor die Tür, und zehn Minuten später sieht man ihn auf dem Dach des Schulhauses. Als er neun Jahre alt ist, kommt er für drei Wo­chen ins Gefängnis, jemand beschuldigt ihn, ein Haus angezündet zu haben, die Ermittlungen zeigen später: Er war es nicht. Er randaliert, mit elf Jahren wird Carlos für sechs Monate eingesperrt im Aufnahmeheim Basel.

Danach lebt Carlos in einer Pflegefamilie in Deutschland, und so geht es weiter: im Heim, beim Vater, im Ge­fängnis. Sie fragen sich jetzt, meine Damen und Herren, warum er ständig eingesperrt wurde. Die Antwort ist einfach: Niemand wollte ihn. Er war zu fordernd. Zu aggressiv. Alle hatten Angst vor ihm, man hat ihm nicht vertraut. Wenn er draussen rumlief, schauten die Leute besorgt hin. Was macht er wohl wieder? Was stellt er an? Sein Vater rannte ständig umher, suchte ihn, versuchte einzurenken, was der Sohn verbockt hatte, er konnte fast nicht mehr arbeiten. Wir von der Jugendanwaltschaft wussten nicht, wie weiter. Also haben wir ihn eingesperrt.

Als er wieder draussen war, sagten wir Carlos: So geht es nicht weiter. Wir erhöhten den Druck. Dann gab es die Messerstecherei mit einem Typen aus Schwamendingen, der ebenso aufgemotzt war wie er selber, Carlos kam ins Gefängnis Limmattal. Neun Monate. Ein Suizidversuch brachte ihn in die psychiatrische Klinik, wo er ans Bett gekettet wurde, damit er nicht abhauen konnte. Er kam in die Rheinau, drei Wo­chen Hochsicherheitsabteilung, dann in die neue Jugendpsychiatrie in Basel. Dort verweigerten die Angestellten bald darauf die Arbeit. Am nächsten Tag sass Carlos wieder im Knast. Alle Versuche, ihn in ein ge­regeltes Leben zu führen, scheiterten. Er war tatsächlich der Jugendliche, für den es keine Lösung gab. Es gab zwar keine Lö­sung, aber es gab ein Urteil des Bundesgerichtes, das uns vorschrieb, eine Lösung zu finden ausserhalb des Gefängnisses. ‹Die Jugendanwaltschaft ist anzuhalten, weiterhin intensiv nach einem Platz in einer geeigneten Einrichtung Ausschau zu halten›, schrieben die Richter. Der Psychiater empfahl in seinem Gutachten eine Eins-zu-eins-Betreuung durch einen ‹er­fahrenen, in sich ruhenden› Sozialpädagogen. Wir haben schliesslich zwei Va­rian­ten ge­prüft: die Abschiebung ins Ausland. Aber wenn dort etwas geschehen würde, dann hätte dies diplomatische Folgen – diese Variante kam aus politischen Gründen nicht infrage. Also die Unterbringung in der Schweiz. Aber wo? Wie?

Anna-Lisa Oggenfuss ging zu Carlos ins Gefängnis. Sie betrachtete den jungen Mann, in seinen Augen standen Wut und Auflehnung. Sie begriff: Es war der Blick eines halb verhungerten Hundes, der einsam und verwildert ist und deshalb der Welt nur noch mit gefletschten Zähnen gegenübertritt. Sie sagte zu ihm: Carlos, wer bist du? Ich sehe nur, was du nicht willst. Was willst du eigentlich? Carlos sagte: Thaiboxen! Und dann – peng! – stand er auf und schleuderte seinen rechten Fuss an die Decke des Besucherzimmers. Oggenfuss sass un­gerührt da. Sie sagte: Ich werde da­rüber nachdenken. Dann kam sie zu mir und schlug das vor. Ich sagte: Sicher nicht Thaiboxen! Sie bestand darauf. Sie hatte nach ihrem Besuch im Knast Trainings an­ge­schaut, in Bern und Basel, sie hatte alles übers Thaiboxen recherchiert, sie meinte, Carlos werde nicht gefährlicher dadurch. Er hatte nämlich schon alles an Muskeln. Er hatte im Gefängnis trainiert wie ein Wahnsinniger. Es war klar: Wenn er wollte, würde er jeden mit einem Hieb totschlagen. Die Gefährlichkeit war also schon da, es ging jetzt darum, sie mit diesem Training in Bahnen zu lenken. Und darum beschlossen wir: Thaiboxen sollte für Carlos der Einstieg zum Ausstieg sein. Also haben wir das Sondersetting gestartet, wir haben es so eingerichtet, dass er quasi in einem ‹Ge­fängnis in der Freiheit› lebte, immer be­gleitet war. Immer beaufsichtigt. Rund um die Uhr. Es funktionierte. Dreizehn Mo­nate lang kein Delikt – nichts. Carlos zog mit. Stand morgens um sechs Uhr auf. Putzte die WCs im Trainingsraum. Lernte. Lachte wieder. Wir waren alle überrascht.

 

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Für mich ist das eine Erfolgsgeschichte, und deshalb wollte ich sie in dem Dokumentarfilm er­zählen. Das war, wie gesagt, ein Fehler. Ich hoffe einfach, dass Sie nun sehen, warum wir diese spezielle Massnahme eingerichtet haben. Damit sind wir schon fast am Ende. Meine Damen und Herren, ein paar Richtigstellungen sind noch nötig. Es stimmt nicht, dass sich laufend zehn Sozialarbeiter um ihn kümmern, wie die Off-Stimme im Film erklärt und wo­raus der ‹Blick‹ dann seine ‹Sozial-Wahn›-Zeile zimmerte. Was man im Film sieht, ist eine so­genannte Standortbestimmung – eine Sitzung mit allen Beteiligten. Alle zwei, drei Monate werden die Leute zu­sammengeführt, die mit dem Fall zu tun haben. Ge­rade weil Jugendliche gut darin sind, ihre Betreuer gegeneinander auszuspielen, sind diese Absprachen wichtig.

Diese Sitzung ist also etwas vollkommen Normales, das gibt es in jedem Heim. In Carlos’ Fall sassen da: sein Vater, er selber, der So­zialarbeiter, ein Vertreter der Firma RiesenOggenfuss, Thaiboxweltmeister Shemsi Beqiri, der Anwalt des Jugendlichen, die Iranerin, die mit ihm wohnt, ein Lehrer und ich als der zu­stän­dige Jugendstaatsanwalt. Die Wohnung wurde ja auch kritisiert. Unter der Woche lebte die Iranerin bei ihm, am Wo­chen­ende, wenn sie freihatte, also von Freitagnachmittag bis Sonntagabend, wohnten der Vater, häufig auch die Mutter und die ältere Halbschwester von Carlos in der Wohnung. Manchmal wohnten da also vier Leute gleichzeitig. Und damit sind wir bei den Kosten angelangt. Die Firma RiesenOggenfuss hat die Kosten für das Setting dieser Eins-zu-eins-Betreuung pauschal veranschlagt – wie Sie wissen: auf 29 000 Franken. Der Betrag leuchtete mir damals ein und der Oberjugendanwaltschaft ebenso. Im Gefängnis kostet ein Jugendlicher, alles eingerechnet, rund 20 000 Franken, in der Psychiatrie 45 000 Franken – dieser Betrag sah also nicht falsch aus. Und wir waren froh, dass in einer Situ­ation, in der es keine Lösung gab, eine kompetente Firma kam und sagte: Wir organisieren euch die massgeschneiderte Lösung. In dieser Situation geht man dann auch nicht hin und schaut, wo man noch etwas wegstreichen kann. Im Nachhinein ist man natürlich gescheiter, und ich gebe gern zu, dass wir aus der Kritik Ihrer Be­richterstattung auch etwas gelernt haben. Nachdem das Sondersetting gut angelaufen war, hätte man mit RiesenOggenfuss den Preis senken müssen. Mit fortlaufendem Erfolg war weniger Betreuung und Überwachung nötig, und das hätte man ein­sparen sollen. Das war ein Fehler, das gebe ich zu. Diese Korrektur werden wir sofort machen. Meine Damen und Herren, damit bin ich am Ende, das war, was ich Ihnen sagen wollte. Marcel Riesen und ich stehen nun zur Verfügung für Fragen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.»

Es hat sie nie gegeben, diese Pressekonferenz. Warum nicht? Marcel Riesen-Kupper sagt: «Der Fall Carlos ist nicht kommunikabel.» Und Martin Graf schreibt in einer Mail ans «Magazin»: «Niemals hätte man die Medien stoppen können! Dazu ist der Fall medial zu gut bewirtschaftbar.» Weil weder Graf noch Riesen-Kupper mit dem «Magazin» richtig reden wollten und in einer Weisung an alle Mitarbeiter der Justizdirektion ein Redeverbot verhängten, musste das Material für diesen Text auch in heimlichen Gesprächen zusammengetragen werden. Das «Magazin» hat viele Ge­spräche ge­führt: mit Roger Huber (daraus darf allerdings nicht zitiert werden, «sorry», schreibt Huber), mit Jugendanwälten, mit Leuten aus dem privaten und beruflichen Umfeld von Martin Graf, Marcel Riesen-Kupper und Hansueli Gürber. Aus den Gesprächen geht hervor: Diese Pressekon­ferenz wäre möglich gewesen. Wenn man gewollt hätte.

Am Sonntagabend, den 25. August 2013, strahlte also das Schweizer Fernsehen die Reportage «Der Jugendanwalt» aus, zur gleichen Zeit sassen der «Blick»-Journalist Andreas Kunz und seine Frau zu Hause auf dem Sofa und schauten die zweite Folge der amerikanischen Serie «The Newsroom», die er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Hanspeter Bäni, Dokumentarfilmer und Autor der Reportage, war zu Hause im Aargau, gespannt, was passieren würde, er hatte noch am Schnittplatz zu Hansueli Gürber gesagt: «Das Sondersetting um Carlos ist brisant, das könnte für Gesprächsstoff sorgen.» Gürber hatte geschmunzelt. «Ich bin mir Gegenwind gewöhnt. Ich habe nichts zu verbergen.» Marco Lüssi, stellvertretender Chef der Reporter bei «20 Minuten», zappte an dem Abend zu­fällig in die Sendung hinein, blieb hängen, schaute die letzten zehn Minuten, «weil ich mit Gürber schon oft zu tun gehabt habe», wie er später erzählte. Dann drückte Andreas Kunz bei seinem DVD-Player auf die Stopptaste, und die Ereignisse nahmen ihren Lauf: Aus dem Dokumentarfilm wurde der Fall Carlos, über den die Schweiz ein halbes Jahr streiten durfte und der erst mit dem Urteil des Bundesgerichts vor zwei Wochen geklärt wurde.


Die Protagonisten des Falles:


– Martin Graf: Regierungsrat und Vorsteher der kantonalen Direktion der Justiz und des Innern. Mitglied der Grünen. Verheiratet mit der grünen Kantonsrätin Esther Hildebrand. Ag­ronom und Vater von fünf Kindern.
– Marcel Riesen-Kupper: Leiter der Oberjugendanwaltschaft des Kantons Zürich. Mitglied der SVP. Ehemaliger Kirchenrat. Bespricht sich an monatlichen Sitzungen mit den leitenden Ju­gendanwälten seines Amtes über die wichtigen Fälle.
– Roger Huber: PR-Berater.
– Benjamin Tommer: Pressesprecher der Justizdirektion.
– Hansueli Gürber: leitender Jugendanwalt Zürich-Stadt. Führte den Fall Carlos ab 2008 bis zum 30. August 2013.
– Felix Bieri: leitender Jugendanwalt Winterthur. Führte den Fall Carlos vom 30. August bis zum 13. September 2013.
– Patrik Killer: leitender Jugendanwalt See/Oberland. Er führt den Fall Carlos seit dem 16. September 2013.
– Anna-Lisa Oggenfuss und Rolf Riesen: Inhaber der RiesenOggenfuss GmbH. Sie führten das Sondersetting für Carlos durch.
– Hanspeter Bäni: Filmemacher beim Schweizer Fernsehen SRF.
– Andreas Kunz: «Blick»-Journalist bis Ende August 2013. Seit Dezember 2013 stellvertretender Chefredaktor der «SonntagsZeitung».
– Thomas Ley: Redaktionsleiter beim «Blick», als die Kampagne startete.
– Marco Lüssi: stellvertretender Chef der Reporter bei «20 Minuten».
– Liliane Minor: Journalistin beim «Tages-Anzeiger».
– Alex Baur: Journalist bei der «Weltwoche».
– Fabienne Riklin: Journalistin bei «Schweiz am Sonntag».
– Carlos: Jugendlicher, bis zum 30. Au­gust 2013 in der von RiesenOggenfuss eingerichteten Eins-zu-eins-Betreuung, danach im Gefängnis, seit dem 1. März 2014 wieder im Sondersetting.

 

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Sonntag, 25. August 2013
Der Dokumentarfilm ist ausgestrahlt. Es ist Sonntagabend, 22 Uhr, die Schweiz geht zu Bett. Andreas Kunz sitzt, an ein Kissen gelehnt, auf dem Bett, tippt auf das iPhone ein. Er schreibt eine Mail an Thomas Ley, seinen Vorgesetzten beim «Blick». Ob er die Dok-Sendung gesehen habe? Die Therapie eines Straftäters koste mehr als 20 000 Franken im Monat. Das sei unglaublich. Man müsse das gross aufziehen. Ley ist sofort einverstanden, er schreibt zurück: «Gute Idee! Ich halte Dir den Platz frei.» Die Mails gehen hin und her, später dann schreibt Ley: «Big story!»

Andreas Kunz erzählt: «Ich war hellwach, als ich den Gürber im Fernsehen sah. Was für ein Luxusprogramm er sich da für seinen Klienten ausgedacht hat. Wie viel das kostet. Wie er im Film mit einem Lächeln sagt, es hat auch schon doppelt so viel gekostet. Ich dachte: Was für eine Geschichte! Ich hatte schon oft Gerüchte über zu teuren Strafvollzug und zweifelhafte Therapien gehört, bei meinen Recherchen war ich von den Behörden aber immer abgeblockt worden. Jetzt lag ein konkreter Fall bereit. Ich sah: Das ist eine Eiterbeule, in die man hineinstechen muss.»

 

Montag, 26. August 2013
Thomas Ley trifft am Montagmorgen auf der «Blick»-Redaktion ein. Andreas Kunz und der Blattmacher Fabian Zürcher, der auch zur interimistischen Chefredaktion gehört, reden schon über den Film. Kunz erzählt: «Fabian redet gern in Schlagzeilen, er prägte gleich am Morgen den Begriff ‹Sozial-Wahn›. Und fand: Machen wir grad so, vorn auf dem eins, gross. Sozial-Wahn! Ich sagte: Mach das.»

An der Morgensitzung ist unbestritten, dass das die Titelstory ist. Dann wird re­cherchiert und geschrieben. Thomas Ley erzählt: «Als alles fertig war, am Abend, sassen wir zusammen und planten den nächsten Tag. Es gibt beim ‹Blick› die Tradition der Fortsetzungsgeschichte, der Kampagne. Der normale Rhythmus einer Kampagne ist: Am ersten Tag wird jemand voll angeschossen. Am zweiten Tag wird häufig noch einmal nachgelegt. Am dritten Tag kommt dann das grosse Verteidigungsstück, in dem sich der Angeschossene erklärt.»

Kritik ist das eine. Warum aber dieses Lächerlichmachen des Jugendanwalts? Andreas Kunz fand, Gürber sei der klassische Hippie, und wollte eigentlich eine Hippie-Abrechnung machen. Thomas Ley erzählt: «Ich sagte Kunz, ich wolle aber keine Abrechnung mit den Hippies oder den Achtundsechzigern, wir schreiben über das Hier und Jetzt.» Kunz bestreitet heute, sein Motiv sei die Abrechnung mit den Achtundsechzigern gewesen. Er sagt: «Ich fand bemerkenswert, dass sich Gürber als Hippie porträtieren liess. Dass er aus freien Stücken über höchst Persönliches wie seine zwei Frauen sprach. Aber ernsthaft eine Geschichte über ihn als Hippie? Sicher nicht.»

 

Dienstag, 27. August 2013
Der «Blick» liegt am Kiosk. In gelben Buchstaben auf schwarzem Grund steht da auf der Titelseite: Sozial-Wahn! Zürcher Jugendanwalt zahlt Messerstecher Privatlehrer, 4 1/2- Zimmer-Wohnung und Thaibox-Kurse. Kosten: 22 000 Fr pro Monat. Ein paar Details aus dem Zusammenhang des zwanzigminütigen Films gerissen – das ist die Diktion des Boulevards. Im Boulevard ist alles schwarz-weiss, heiss-kalt. Dazwischen gibt es nichts. Boulevard zielt auf die Gefühle. Immer. Der Boulevard ist heute wieder stärker als früher, weil das Wettrennen um News schneller geworden ist, die Onlineportale rennen einer Zeitung hinterher, wenn die eine knallige Geschichte hat, und die Zeitungen rennen den Onlineportalen hinterher.

Der «Blick» liegt am Dienstagmorgen auf den Redaktionen der Schweizer Medien. Manch ein Ressortleiter sieht die Zeile und denkt: Wow, das ist gut. Was für ein Aufreger! Das müssen wir aufnehmen. Sie tragen das in ihre Redaktionssitzungen. Sie wissen gleichzeitig, dass das unbeliebt ist bei den Journalisten. Keiner wird sich freiwillig melden. Keiner schreibt gern, was andere schon geschrieben haben.

Marco Lüssi, stellvertretender Chef des Reporterteams bei «20 Minuten», erzählt: «Ich hatte am Sonntagabend in die Sendung reingezappt. Ich hatte mit Gürber gute Erfahrungen gemacht, er ist offen, ehrlich, und er ist beim Gegenlesen nie kompliziert. Ich sagte an der Sitzung, dass ich ihn kenne, und also kam das zu mir. Ich schaute dann erst mal den ganzen Film. Hab gleich fürs Netz einen Zusammenschrieb der ‹Blick›-Geschichte gemacht und Gürber angerufen. Gürber sagte, er dürfe nicht reden, sein Chef wolle das machen. Ich solle Marcel Riesen-Kupper anrufen. Das fand ich schon ziemlich seltsam: dass Gürber, der früher Sprecher der Jugendanwaltschaft war und jetzt angeschossen wurde, nicht reden durfte. Als ich bei Riesen-Kupper anrief, sagte mir die Sekretärin: ‹Sie, bei uns ist die Hölle los!› »

Die Sekretärin verbindet Lüssi mit Riesen-Kupper, sie reden eine Viertelstunde. Lüssi tippt das Gespräch ab, schickt es zum Gegenlesen, es kommt mit wenigen Änderungen zu­rück, geht online. Riesen-Kupper kontert in dem Interview geschickt die angriffigen Fragen, erklärt das Sondersetting, die Kosten, beschreibt Carlos als einen Jugendlichen, «mit dem keiner tauschen möchte». Riesen-Kupper kommt ganz als Stimme der Vernunft rüber. Lüssi erzählt: «Bei mir selbst hielt sich die Empörung in Grenzen, aber auf der Redak­tion erregte der Fall die Gemüter. Ich fand Riesen-Kuppers Argumente einleuchtend, er hatte ge­sagt, dass das Sondersetting seinen Preis hat, dass es aber nicht billiger ist, wenn man Carlos einfach wegsperrt. Andrerseits war mir klar, dass die Bilder des Films gewaltige Kraft hatten. Das merkte man auch sofort, die Leser schäumten, die Geschichte lief gut, wir sehen ja, wie oft eine Story angeklickt wird.»

Niemand zahlt gern Geld für eine Sache, über die er keine Kontrolle hat. Eigenes Geld weg­geben im Vertrauen, dass es richtig eingesetzt wird? Die Steuern bezahlen? Da bleibt im Innern etwas zurück. Es ist die Bereitschaft, sich zu empören. Darum und weil Empörung überhaupt ein sehr schönes Gefühl ist, operieren Journalisten gern damit.

Zur gleichen Zeit: Redaktionssitzung im Ressort «Zürich» des «Tages-Anzeigers». Liliane Minor erzählt: «Als es um die ‹Blick›-Geschichte ging, war allen klar, man muss mal bei der Justiz anrufen und nachfragen. Also: Stimmt der Betrag? Und warum soll man einen Jugendlichen auf diese Art betreuen, wo es doch so viele Heime und Institutionen gibt? Der Ressortleiter fragte dann: Wer macht das? Alle schauten zu Boden und scharrten verlegen mit dem Fuss. Ein Kollege sagte, er mache das nicht. Man könne mit dieser Geschichte nur verlieren. Ich habs dann übernommen, eigentlich nur weil ich nicht wollte, dass es jemand macht, der auf die Empörung aufspringt. Ich vermutete von Anfang an, dass die Ge­schichte aufgebauscht ist. Ich habe schon so viel über den Sozialbereich geschrieben, über schwierige Schüler, über Menschen im Knast und in der Psychiatrie, ich wusste, was das kostet und wie solche Interventionen und Massnahmen ablaufen. Aber ich wusste auch, wie schwierig es für Aussenstehende ist, das richtig einzuordnen.»

Liliane Minor ruft Marcel Riesen-Kupper an von der Oberjugendanwaltschaft. Es wird ein langes Gespräch, Riesen ist froh, dass da jemand verstehen will und wirklich zu­hört, wie er später in einer Mail schreibt. Liliane Minor sagt: «Riesen hat mir das Ganze einfach erklärt. Das Sondersetting. Wie das alles ist, er hat auch die Kosten erklärt. Er war vollkommen offen, und er hat mir auch gesagt, dass er alles wusste über diesen speziellen Fall. Er stellte sich voll und ganz hinter Gürber. Er sagte mir wörtlich, dass er mit dem Sondersetting von Carlos einverstanden war. Das hat mich später ziemlich schockiert, als ich sah, wie er die Verantwortung plötzlich von sich gewiesen hat.»

Auf der Redaktion einer Sonntagszeitung fängt die Arbeitswoche am Dienstag an. Fabienne Riklin ist Nachrichtenredaktorin bei der «Schweiz am Sonntag». Am Mittwoch bringen die Tageszeitungen und Onlineportale den Fall Carlos gross, sie springt auf die Geschichte auf. Und sie hat Reporterglück: Auf der Redaktion gibt es eine Frau, die eine ehemalige Mitarbeiterin kennt von RiesenOggenfuss, und mit der führt Fabienne Riklin nun Gespräche, und von ihr be­kommt sie schliesslich das Protokoll einer Standortbestimmung mit Carlos, in dem sein fordernder Charakter beschrieben ist, dass er täglich Rindfleisch essen will, dass er ein verwöhntes Luxusgeschöpf sei und ein teures Armani-Deo benutze. Das sind alles brandheisse News, und bei den Sonntagszeitungen ist das die Währung, die zählt. News. Etwas, das die anderen nicht haben. Sie spricht zudem mit einem Strafrechtler, der das Jugendstrafrecht verteidigt, daraus wird ein Artikel, der aufzeigt, dass die Nacherziehung von Gewalttätern mehr bringt als eine Gefängnisstrafe; sie redet mit Martin Killias, der in den Medien immer nach der harten Hand des Erziehers ruft und das Thaiboxen, ohne den Fall Carlos zu kennen, skandalös findet. Fabienne Riklin recherchiert allein. Am Freitag, nach dem Gespräch mit dem Chefredaktor, weiss sie, dass sie bis Samstag eine Doppelseite füllen muss. Der Chefredaktor findet: Was ist da los, dass der Typ, der so viel auf dem Kerbholz hat, Rindfleisch essen darf und Armani-Deos be­kommt? «Wir entschieden, das zur Hauptgeschichte zu machen, also dieses Protokoll der Standortbestimmung zu bringen.» Hat sie sich über die Glaubwürdigkeit ihrer Informantin schlaugemacht? Sich ge­fragt, ob täglich Rindfleisch zu verlangen dasselbe ist, wie täglich Rindfleisch zu essen? Riklin sagt: «Selbstverständlich habe ich mich intensiv mit dem Fall beschäftigt.» Aber man könne in einer solchen Woche nicht alles tun, was man im Idealfall tun möchte. Sie habe ständig Entscheidungen treffen müssen und nicht übertrieben viel Zeit ge­habt, es sei schwierig, eine «so grosse Übung» in einer Woche zu machen, und das allein.

An diesem Dienstag, an dem der erste «Blick»-Artikel erschienen ist, versucht «Blick»-Reporter Andreas Kunz, mit den Angeschossenen ins Gespräch zu kommen. Es misslingt. Um 10 Uhr schickt er eine SMS: «Sehr geehrter Herr Gürber, ich möchte mit Ihnen heute ein Interview machen, in dem Sie die Betreuung von Carlos erklären können. Solche Ausgaben für Behandlungen verstehen die Leute nicht. Erklären Sie es bitte. Danke für Rückmeldung. Andreas Kunz, Blick.» Hansueli Gürber reagiert nicht. Um 11. 30 Uhr schickt Kunz ein zweites SMS: «Bitte erklären Sie Ihre Position. Wir kriegen Hunderte Mails, unter anderem von Nationalräten. Ich will Ihnen Gelegenheit zur Stellungnahme geben, Sie haben bei Autorisierung des Interviews selbstverständlich das letzte Wort.» Gürber schreibt zurück: «Sie müssen sich vorerst an Herrn Riesen wenden. vhG.» Andreas Kunz ruft Riesen-Kupper an. Der gibt sich jovial, sagt: «Sie, Herr Kunz, ich habe den Film am Sonntagabend auch gesehen. Und habe gehofft, dass der ‹Blick› nicht zuschaut.» Kunz lacht. «Zu spät», sagt er. Jetzt lachen beide. Dann bringt er sein Anliegen vor, dass er ein grosses Interview machen möchte. Ein Verteidigungsstück. Riesen sagt, okay, das machen wir. Sie verabreden sich, um 14 Uhr soll es stattfinden. Ein Telefoninterview. Kunz wird gebeten, seine Fragen im Voraus zu schicken.

Andreas Kunz schickt die Fragen.

1. Herr Riesen-Kupper, was muss ich alles anstellen, damit ich eine 4,5-Zimmer-Wohnung, einen Privatlehrer und ein exklusives Thaibox-Training geschenkt bekomme?

2. Gegen aussen wirkt es so: Je dümmer jemand tut, desto grösser seine Luxusbehandlung. Wie konnte es im Justiz- und Sozialwesen so weit kommen?

3. Natürlich wird einer wie Carlos nicht rückfällig, wenn man ihn für 22 000 Franken verhätschelt und er eine exklusive Betreuung bekommt. Die Frage ist: Ginge es nicht auch anders?

4. Wie wäre es zum Beispiel mit Arbeit?

Andreas Kunz erzählt: «Ich schicke also diese Fragen, warte. Keiner meldet sich. Um halb drei rufe ich an, keiner geht ran. Drei Uhr, ich rufe an, keiner nimmt das Telefon ab. Die anderen auf der Redaktion sagen: Du, kommt die Geschichte? Ich sage: Versprochen! Die haben mir ein Interview versprochen. Halb vier, ich rufe an, keiner geht ans Telefon, ich schicke eine Mail: Was ist los? Es wird sechs Uhr, dann kommt eine Mail. Die Fragen sind schriftlich beantwortet. Ich rufe sofort an und sage: Das war aber nicht die Abmachung. Ein mündliches Interview war abgemacht. Und die Hälfte der Fragen ist nicht beantwortet. Riesens Sekretärin sagt am Telefon: ‹Herr Kunz, so ist das jetzt halt einfach.› Andreas Kunz hat sich darüber aufgeregt, er fühlte sich hintergangen und war hässig. «Wenn mir Riesen-Kupper dieses Interview gegeben hätte, wäre es anders gekommen. Im Text standen dann auch die unbeantworteten Fragen. Die Jugendanwaltschaft hatte die Gelegenheit, sich zu erklären und zu entlasten, nicht wahrgenommen.»

Marcel Riesen-Kupper beantwortet die Mail vielleicht deshalb so lange nicht, weil er in Zürich ist, an einer notfallmässigen Sitzung der Justizdirektion. Regierungsrat Martin Graf hat ihn zu sich gerufen, er will wissen, was los ist. Riesen-Kupper sagt sinngemäss, er habe seinen Jugendanwälten immer lange Leine gelassen, er habe nicht so genau gewusst, wie sie ihre Massnahmen ausgestalteten. Den Vertrag mit RiesenOggenfuss kenne er eigentlich nicht. Er sagt seinem Vorgesetzten vermutlich also nicht die ganze Wahrheit, und dieser fragt nicht nach. Es geht dann darum, inwieweit jetzt auch Riesen in der Schusslinie steht. Graf bedeutet ihm, er müsse dafür sorgen, dass er, Riesen, aus der Schusslinie komme. Riesen fragt, ob ihm die Justizdirektion einen Krisenberater bezahlen würde. Es wird bejaht. Noch am selben Abend ruft Marcel Riesen-Kupper den PR-Berater Roger Huber in St. Gallen an, den ihm eine Mitarbeiterin in der Oberjugendanwaltschaft empfohlen hat, und erteilt ihm den Auftrag. So erzählt es jemand aus dem Umfeld Marcel Riesen-Kuppers, der den Verlauf der Sitzung erzählt bekommen hat. Justizdirektor Martin Graf und Oberjugendanwalt Marcel Riesen-Kupper wollen sich dazu im «Magazin» nicht äussern.

 

 

Mittwoch, 28. August 2013
Der «Blick» ist da. Zu brutal für den Knast! Sozial-Wahn um Messerstecher. Darum kriegt Gewalttäter Carlos eine Luxus-Behandlung, erklärt der Chef des spendablen Jugendanwalts. Und der Titel im Innern der Zeitung: Alles noch viel teurer. Daneben ein Bild von Riesen-Kupper. Und: «Aus 22 000 Fr werden plötzlich 29 000 Fr pro Monat!» Aus der langen Antwortmail von Marcel Riesen-Kupper bringt der «Blick» drei Sätze, der Artikel suggeriert, Riesen habe die Fragen des «Blick» nicht beantwortet, der Oberjugendanwalt wird im Text mit Spott übergossen.

Liliane Minor hat auf ihrer Combox eine Nachricht von Hansueli Gürber: «Ich bin froh, dass Sie objektiv geschrieben haben.»

Bei der Oberjugendanwaltschaft in Winterthur gibt es die erste Sitzung mit dem PR-Berater Roger Huber. Der entwirft Szenarien, zeichnet die Akteure auf ein Flipchart, macht Kreise und Pfeile. Färbt ein, wen er als mögliches Informationsleck in Betracht zieht. Wer Gegner ist, wer Freund. Gürber ist Gegner. Ist die Firma RiesenOggenfuss ein Freund? Eher nicht. Es geht militärisch zu und her. Er rede und analysiere und inszeniere seine eigene Wichtigkeit, erzählt jemand, der da­bei gewesen ist. «Er wirkt, als geniesse er es, dass um ihn herum lauter verängstigte, schockierte Leute sitzen. Er scheint sich dabei pudelwohl zu fühlen.»

Wer ist Roger Huber? Ein ehemaliger Journalist. Einer, der jetzt hinter den Kulissen versucht, die öffentliche Meinung zu be­stimmen. Sein Credo ist, wie er im Internet schreibt: Schummeleien finden immer einen Weg an die Öffentlichkeit. Wer nicht hundert Prozent offen kommuniziert, geht ein hohes Risiko ein. Also: nie­mals Fakten verleugnen, nichts vertuschen, keine Folgen relativieren. Heute lässt sich alles nachverfolgen, die Netzöffentlichkeit kennt keine Gnade. Zweitens: Man muss sein Gesicht zeigen und sich für Fehler entschuldigen, muss sagen, was man in Zu­kunft ändern wird. Drittens: Schlafende Hunde, die am Er­wa­chen sind, muss man selber wecken. Man muss auch eingestehen, wenn man etwas nicht weiss, man muss zu­geben, wenn man in einem Dilemma steckt und dass man an der Erarbeitung einer Lösung ist.

Die Schwierigkeit der Krisenkommunikation liegt nicht in diesen Grundsätzen. Sie liegt bei den Menschen, die hinaustreten müssen ins Fegefeuer. Den Dialog zu finden mit den Journalisten, die da vor einem sitzen und oft selbstgerecht sind und unwissend und sich in ihre Vorurteile verbissen haben, das braucht Rückgrat. Das können nur Persönlichkeiten.

Nach dieser ersten Sitzung mit dem PR-Berater aus St. Gallen ist für alle Beteiligten klar: Jetzt geht es nicht mehr um den Jugendlichen Carlos. Es geht nicht mehr darum, das erfolgreiche Sondersetting zu verteidigen. Jetzt geht es um Politik, also um Machterhaltung. «Mein Auftrag ist, Marcel Riesen-Kupper zu retten. Darum gebe ich in diesem Fall auch andere Empfehlungen ab, als ich es sonst tue», sagt Roger Huber, als ihn das «Magazin» einmal am Telefon erwischt. Man hat gefragt, warum Huber alle anweise, sich bedeckt zu halten. Warum er nicht offen kommuniziere. «Je mehr wir reden, desto schwieriger wird der Fall.» Mehr sagt er nicht, taucht sofort ab in den Nebel der Heimlichkeit (Journalisten nennen das: Off-the-record-Gespräche), wo alles unverbindlich bleibt.

An diesem Mittwoch geschieht eine weitere Merkwürdigkeit. Ahmet aus Schwamendingen, das Opfer von Carlos’ Messerattacke, beschwert sich bei «20 Minuten» und beim «Blick», die Berichterstattung über Carlos erinnere ihn an den Vorfall vor zwei Jahren, an die Messerstecherei. Man solle bitte die Artikel vom Netz nehmen. Er hinterlässt seine Handynummer. Beide Redaktionen rufen ihn an, schlagen ihm vor, ihn gross herauszubringen, die Journalisten treffen ihn, er lässt sich fotografieren und erzählt, wie schlimm Carlos sei – «ich traue ihm alles zu». Marco Lüssi erzählt: «Ich sah eine gute Geschichte: Man könnte neben die Kosten des Sondersettings die Summe stellen, die das Opfer be­kam. Ein Missverhältnis. Ich habe dann wieder Riesen-Kupper angerufen, die Se­kretärin sagte, er rufe zurück. Er hat nicht zurückgerufen. Am nächsten Tag hiess es: Ab sofort redet nur noch Beni Tommer, der Sprecher der Justizdirektion.»

 

Donnerstag, 29. August 2013
Die Schlagzeilen an diesem Morgen. Akte Carlos: Der Staat macht ihn zur Killermaschine. Jetzt spricht das Opfer des Messerstechers. Das ist die Titelseite des «Blick». Und «20 Minuten»: «Opfer von Carlos klagt Behörden-Wahnsinn an», steht auf der Titelseite; und im Blatt: «Er wird verwöhnt – ich leide mein Leben lang». Im scharfen Kontrast dazu der «Tages-An­zeiger». Liliane Minor schreibt unter dem Titel Zwischen Verhätscheln und Strafen einen ganzseitigen Meinungsartikel: «In der Öffentlichkeit macht das Bild die Runde, Carlos werde verhätschelt. Müsse nichts tun. Mache sich ein schönes Leben. Er­hal­te seine verdiente Strafe nicht. Dieses Bild ist falsch», schreibt sie und belegt diese Behauptung mit Beispielen, zeigt Hintergründe auf, erklärt.

Die Justizdirektion hat die Oberjugendanwaltschaft beauftragt, einen Be­richt zu erarbeiten zum Fall Carlos. Wenn der Bericht vorliegt, wird die Öffentlichkeit orientiert. Vorher sagt die Justizdirektion nichts mehr.

 

Freitag, 30. August 2013
Carlos’ Vater hat eine Reise gebucht, nach Holland, das Hotelzimmer ist reserviert. Er hat Angst. Aber der Sohn will nicht weg. Die beiden streiten. Carlos hat trainiert, am nächsten Tag wird ein grosser Wettkampf stattfinden, da will er ums Verrecken teilnehmen. Zuerst der Wettkampf morgen, dann gehen wir. Das sagt er dem Vater. Der Vater sagt: «Es geht sofort los. Heute. Du musst abtauchen für eine Weile. Wir müssen dich aus dem Medienrummel rausnehmen. Kennst du den Film ‹Easy Rider›? Zwei Langhaarige auf dem Töff, Aussenseiter, die den Hass des Pöbels auf sich ziehen. Am Schluss startet einer durch, ein wildfremder Mann, und knallt die beiden Langhaarigen ab.» Carlos ahnt etwas, er weiss nicht was, wie er später dem «Magazin» erzählen wird. Er fragt seinen Vater: «Du, werde ich verhaftet?» Er geht zu Markus Giger, dem Pfarrer von Streetchurch in Zürich-Aussersihl, bei dem er einen Termin hat. Danach, kurz vor 14 Uhr, wird er beim Stauffacher von einem achtköpfigen, bewaffneten Einsatzkommando der Stadtpolizei überfallen und in Handschellen gelegt. Seither ist er eingesperrt. Andreas Kunz kommentiert im «Blick»: «Carlos sitzt jetzt im Gefängnis. Das ist beruhigend. Unter massivem öffentlichem Druck hat der Zürcher Justizdirektor Martin Graf (Grüne) die erforderliche Massnahme getroffen.»

Hansueli Gürber muss den Fall Carlos abgeben, er wird dem leitenden Jugendanwalt in Winterthur zugewiesen, Felix Bieri. Bieri ist wie Gürber glaubwürdig und gradlinig, ein temperamentvoller Mann mit trockenem Humor. Während Gürber der Pädagoge mit strafverfolgerischer Haltung ist, ist Bieri eher der Strafverfolger mit pä­dagogischer Haltung.

Die vernichtenden Schlagzeilen reissen nicht ab. Wie an den drei vorhergehenden Tagen bringt der «Blick» auch an diesem vierten Tag die Story gross auf dem Cover: «Carlos ist kein Einzelfall. Samurai-Kurse für einen Mutter-Prügler. So verwöhnt Zürich seine jungen Gewalttäter. Und «20 Minuten» weiss: «Auch der Thaibox-Trainer von Carlos ist ein Schläger. Am Wochenende bezeichnet der «Sonn­tagsBlick» Carlos als «Teufel», und in der «Schweiz am Sonntag» erscheint die Doppelseite von Fabienne Riklin. Der Titel – eine genüssliche, wenn auch falsche Schlagzeile – reicht über zwei Zeitungsseiten: «Rindfleisch und Armani-Deo: Die Justiz erfüllt Carlos jeden Wunsch. Und im danebenstehenden Kommentar vergleicht Beat Schmid, der stellvertretende Chefredaktor, Carlos mit einer vorpubertierenden Tochter, die quengelt und nörgelt, bis sie die gewünschten Converse-Turnschuhe bekommt. Der Kommentator gibt sich als Pädagoge, der weiss, wie man Carlos erziehen muss. «Wenn Carlos danach ist, lässt er sich ein Rindsfilet servieren. Und weil es ihm guttut, pflegt er seine Achselhöhlen mit einem 47-Franken-Deo. Auch Carlos weiss: Wer lange schreit, kommt schneller zum Ziel. Damit macht er den Zürcher Ju­gendanwalt Hans­ueli Gürber zur Lachnummer.»

Hansueli Gürbers Haus wird von der Polizei bewacht. Er hat Morddrohungen bekommen. An seiner Strasse in einem Vorort von Zürich ist ein Mann mit einem Ge­wehr gesehen worden. Nachbarn be­ob­achten etwas, das es bei den Gürbers noch nie gegeben hat: Abends werden die Rollos heruntergekurbelt. Gürber darf nicht mit den Medien reden. Er darf sich nicht wehren. Das bestätigt Pressesprecher Benjamin Tommer auf Anfrage. Und gleichzeitig stellt niemand die Falschmeldungen richtig. Niemand sagt, dass Carlos das Armani-Deo von seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Dass er zwar täglich Rindfleisch verlangt, aber nicht er­halten hat. Niemand rettet Gürber vom heissen Grill der Medien. Warum nicht? In einem Hintergrundgespräch mit Tommer erfährt das «Magazin», dass die Wut auf Gürber in der Zürcher Justizdirektion ge­waltig ist, weil «er uns diese Scheisse eingebrockt hat», weil er ein «elender Egomane ist». Wie konnte er nur diesen Film machen! Man lässt Gürber schmoren, weil man in ihm die Ursache für die anhaltende Kritik der Medien sieht. Es ist offensichtlich: Die überdrehten Berichte der letzten Tage haben den Blick der Entscheidungsträger verengt. Man beschliesst eine radikale Strategie: Man wird den «Egomanen» nächste Woche opfern, an einer Pressekonferenz. Man hofft, so Marcel Riesen-Kupper und Martin Graf zu retten.

Gute Frage: Welcher Teufel hat Hans­ueli Gürber geritten bei diesem Dokumentarfilm? Warum hat er mitgemacht und da auch noch von Carlos erzählt? Wars Naivität? Ein Jugendanwalt, der seit zwanzig Jahren mit ihm befreundet ist, sagt: «Gürber hat nie Anerkennung be­­kommen für seine Arbeit. Er hat sich den Arsch aufgerissen, viel riskiert, intern hat man nie ein Wort der Anerkennung ausgesprochen. Weil alle wussten: Wenn etwas schiefgeht, kommt der Wirbelsturm der Empörung über uns. Man hat ihn machen lassen, hat besorgt geschwiegen, weil er ja doch ziemlich viel Erfolg hatte mit seinen schwierigen Fällen, aber alle haben immerzu ge­dacht: Wenn das nur gut geht. Das Vertrauen, das man ihm gegeben hat, war voller Misstrauen. Der Sicherheitsgedanke hat auch bei uns in der Jugendanwaltschaft stark zugenommen. Gürber, der etwas ge­wagt hat, war immer mehr eine Randfigur. Diesen Film zu machen, zu zeigen, dass seine Methode funktioniert – das war eine Aktion aus der Einsamkeit heraus.»

 

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6. September 2013
Zwölf Tage nach Ausstrahlung des Dokumentarfilms «Der Jugendanwalt» findet die erste Pressekonferenz zum Fall Carlos statt. Martin Graf und Marcel Riesen-Kupper treten im Konferenzzentrum Walcheturm der Zürcher Regierung vor die versammelten Journalisten. Martin Graf versucht, den Medien zu schmeicheln. Graf sagt: «Ich wollte wissen, ob es sich hier um einen Einzelfall handelt, der danebenging, oder ob wir andere gleich gelagerte Fälle haben.» Sein Urteil steht also fest: Der Fall Carlos ging daneben. Graf sagt: «Das oberste Ziel des Jugendstrafrechts ist, die Jugendlichen wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Aber das ist kein Freipass für abenteuerliche Betreuungsregimes.» Graf sagt: «Gera­de der Umgang mit den Schwierigsten der schwierigen Jugendlichen verlangt Sorgfalt. Und das war in diesem Fall nicht er­füllt.» Graf sagt: «Luxus und Nice-to-Haves haben in einem Sondersetting nichts zu suchen.» Graf sagt: «Bei der Aufsicht über RiesenOggenfuss hat der zuständige Ju­gendanwalt nicht richtig hingeschaut. Einen solchen Vertrag hätte ich nie unterschrieben.» Graf sagt des Weiteren: «Mein Vertrauen wurde missbraucht.» Mit fünf Sätzen ist Gürber erledigt. Vom Regierungsrat persönlich. Ein Journalist fragt an der Pressekonferenz noch: «Werden Sie Gürber entlassen?» Graf antwortet: «Er steht ohnehin vor der Pensionierung. Über personalrechtliche Massnahmen gebe ich keine Auskunft.» Im Subtext heisst das: Man müsste ihn feuern. Ein Journalist fragt: «Hat Marcel Riesen-Kupper vom Sondersetting gewusst?» Marcel Riesen-Kupper antwortet: «Wir haben auf der Oberjugendanwaltschaft gewusst, dass ein Sondersetting stattfindet. Über die Ausgestaltung des Settings war ich nicht informiert. Die Kompetenz liegt bei den Jugendanwälten.» Jetzt war die Lüge draussen.

An der Pressekonferenz anwesend ist Alex Baur, der seit vielen Jahren für die «Weltwoche» schreibt. Ihm ist diese Lüge in den falschen Hals geraten. Am Tag zuvor ist ein Artikel von ihm erschienen, in dem er wie die meisten Blätter auf Gürber eindrischt: «Der Zürcher Jugendanwalt Hansueli Gürber will einen jungen Messerstecher zähmen, indem er ihn zur Kampfmaschine ausbilden lässt. Der Fall Carlos offenbart die Schwächen des Schweizer Jugendstrafrechts», steht in der Einleitung zu seinem Artikel. Alex Baur erzählt: «Nach meinem Artikel hat mich Gürber angerufen, weil er sich aufgeregt hat. Er hat sich über etwas aufgeregt, auf das ich nie gekommen wäre. Ich habe geschrieben, er sei in der SP. Da sei er schon lange nicht mehr Mitglied, schimpfte er. Ich habe mit vielen Leuten über diesen Gürber und auch über den Fall Carlos gesprochen. Ich habe mit der Zeit gemerkt, die Jugendanwaltschaft hat sich viel überlegt, auch das Thaiboxen können sie gut begründen, alles ist durchdacht. Es war nicht so zusammengebastelt, wie ich geglaubt hatte. Nach den anfänglichen Zweifeln war mir klar, das Setting für Carlos war gut. Ich hatte mich geirrt. Wenn ich sehe, ich liege falsch, habe ich kein Problem damit, dies zuzugeben. Dann korrigiere ich mich. Also bei mir war es so, wie es vielen ging: Auf den ersten Blick denkt man: Ui nei, muss man wirklich einen Gewalttäter so behandeln? Aber wenn man dann den ganzen Fall anschaut, muss man eben sagen: Das Setting war gut. Aber definitiv ge­dreht hat es mich eigentlich an dieser Pressekonferenz mit Graf und Riesen. Es war so offensichtlich, dass da ein Spiel gespielt wurde. Es ging ihnen nicht um Carlos, es ging ihnen nur noch darum, ihren Arsch zu retten. Niemand stand da und sagte: Liebe Leute, ich bin verantwortlich! Sie haben die Verantwortung auf den abwesenden Gürber geschoben, und da ging mir der Laden runter. Dieser Verrat am eigenen Mitar­beiter, das war hundsfotzig! Das verletzte ganz einfach mein Gerechtigkeitsempfinden.»

 

7. September 2013
Der «Blick» freut sich. Er bringt eine selbstgefällige Schlagzeile zu dieser Pressekonferenz: Jugendanwalt Gürber kriegt aufs Dach! Und Thomas Ley, Redaktionsleiter beim «Blick», kommentiert: «Ist der Fall Carlos geklärt? Zumindest ist er anerkannt. All die Fakten, die der ‹Blick› in den vergangenen zwei Wochen aufgedeckt hat, werden von der Zürcher Oberjugendanwaltschaft bestätigt und sogar ergänzt. Die Justizbehörden machen reinen Tisch, das muss man anerkennen.»

Ende gut also, für den «Blick». Nur etwas muss noch gemacht werden: die eigentliche Arbeit am Fall Carlos. Wie weiter mit dem Jugendlichen, der ja «nur vorübergehend» eingesperrt wurde? Felix Bieri, der den Fall von Gürber ge­erbt hat, rackert sich durch die Akten. Zwei Tage später ist er so weit.

 

9. September 2013
Bieri schickt seinen Bericht an die Oberjugendanwaltschaft. Er schreibt: «Lieber Marcel. Nach einlässlicher Analyse der Akten und vielen telefonischen Besprechungen mit den Ak­teuren stelle ich fest: Carlos benötigt zweifellos ein Sondersetting im Sinne des Gutachtens vom 12. Mai 2012. Das seit Juni 2012 laufende Sondersetting verlief (wider Erwarten) sehr positiv und führte zu einer offensichtlichen Stabilisierung der Situation. Aufgrund aller Rückmeldungen ist Carlos derzeit in der Persönlichkeitsentwicklung noch weit entfernt, in einer klassischen stationären Institution der Jugendstrafrechtspflege bestehen zu können; insbesondere in einer engen Gruppe von Gleichaltrigen ist sein Aggressionspotenzial nicht abschätzbar. Carlos ist vollständig fixiert auf die Vertrauenspersonen Gürber – Riesen/Oggenfuss – Beqiri; Aussenstehende haben derzeit keinen Zugang. Carlos ist ohne sein Verschulden inhaftiert, dies ist für ihn nicht nachvollziehbar und stellt die allseits festgestellte positive Entwicklung der vergangenen Monate in Frage. Ich ziehe daraus folgende Schlüsse: Die Inhaftierung ist so kurz wie möglich zu halten. Als Anschlusslösung kommt nur ein Sondersetting in Frage. Aufgrund der persönlichen Beziehung ist das nur mit RiesenOggenfuss umsetzbar. RiesenOggenfuss ist bereit, vorausgesetzt, die Oberjugendanwaltschaft spricht der Organisation das ausdrückliche Vertrauen aus, die weitere Planung an die Hand zu nehmen. Ich bitte um schriftliche Stellungnahme zu diesem Bericht. Freundliche Grüsse, F. Bieri.»

Marcel Riesen-Kupper zeigt den Bericht seinem PR-Berater, Roger Huber. Huber sagt: «Wenn du Carlos ins Sondersetting zurückbringst, kommt der ‹Blick› mit der nächsten fetten Schlagzeile: Nichts daraus gelernt!»

 

11. bis 13. September 2013
An der Universität Fribourg findet die Jahrestagung der Schweizerischen Vereinigung für Jugendstrafrechtspflege statt, deren Präsident Marcel Riesen-Kupper ist. Es gibt Referate und Podiumsdiskussionen. In einer Pause besprechen sich Riesen-Kupper und Bieri in Sachen Carlos. Sie treffen sich im Hotelzimmer. Riesen-Kupper will, dass Bieri den Be­richt umschreibt. Bieri weigert sich. Bieri erkennt nämlich, dass es Riesen nicht um den Jugendlichen geht, sondern um Politik. Eine untaugliche Massnahme zimmern – bloss aus Angst vor dem Pöbel? Nicht mit Felix Bieri. Es folgt ein wüster Streit, in dessen Verlauf Bieri die Akten durchs Hotelzimmer wirft. «Das musst du schon selber machen!», soll er seinem Chef entgegengedonnert haben. So jedenfalls erzählen es Leute, die an der Tagung waren und den Streit von den Streitenden erzählt bekommen haben. Die Justizdirektion will dazu nichts sagen, sie bestätigt lediglich, dass es den Streit gab.

Jetzt erwacht die Aufsichtsbehörde der Justizdirektion: die Justizkommission des Kantonsrats. Sie beschliesst, die Art und Weise, wie Martin Graf und seine Leute den Fall Carlos behandeln, zu untersuchen.

Oberjugendanwalt Marcel Riesen-Kupper verfügt: Jugendanwalt Patrik Killer übernimmt mit sofortiger Wirkung den Fall Carlos. Den Medien wird eine weitere Lüge aufgetischt: «Wegen Arbeitsüberlastung gibt Felix Bieri den Fall Carlos ab.»

 

Anfang November 2013
Der leitende Jugendanwalt Patrik Killer hat die Akten durchgearbeitet, auch er zieht in Betracht, die spezielle Massnahme für Carlos mit dem Thaiboxer Beqiri weiterzuführen. Mit der Firma RiesenOggenfuss wird über eine «kommunizierbare Anschlusslösung» verhandelt. Die Firma senkt den Preis und senkt ihn weiter, bis zur Schmerzgrenze: 19 000 Franken pro Monat. Patrik Killer verlangt weitere Streichungen. Jetzt hat RiesenOggenfuss genug und schmeisst entnervt den Bettel hin: Wie sollen wir die Sicherheit garantieren, wenn ihr nicht dafür zahlen wollt? Marcel Riesen-Kupper, der auch in diesem Rückzug einen medienwirksamen Eklat sieht, lädt zu einer letzten Sitzung ein, um die Sache einvernehmlich zu klären.

 

11. November 2013
Etwas Verrücktes geschieht. Es gibt eine Demonstration. Eine Schar von bewegten Menschen zieht mit Kerzen in der Hand vor eins der Häuser, wo Anna-Lisa Oggenfuss und Rolf Riesen Jugendliche betreuen. Sie sagen: Lasst Carlos nicht hängen! Gebt ihn nicht auf! Er ist zum Spielball der Politik ge­worden! Er kann nichts dafür! Die Menschen, die da mit ihren Kerzen in der Kälte stehen, haben Geld gesammelt. Wir bezahlen das Sondersetting!, sagen sie.

 

13. November 2013
Die Sitzung mit Marcel Riesen-Kupper. Riesen und Oggenfuss sagen dem Oberjugendanwalt: «Wir ziehen unseren Rückzug zurück. Wir sind wieder dabei. Wir machen das Sondersetting, und Sie dürfen die Kosten in der Offerte selber einsetzen. Wir machen es zu jedem Preis.»

Damit hat Marcel Riesen-Kupper nicht gerechnet. Soll er Carlos nun tatsächlich zu Beqiri nach Basel zurückbringen? Soll er es tun? Natürlich bespricht er das mit dem Chef. Martin Graf sagt: «Du entscheidest.» Riesen-Kupper ist unschlüssig, er bespricht sich mit Roger Huber. Der PR-Berater sagt: «Wenn Carlos ins Sondersetting kommt und dort ein Delikt begeht, dann gnade dir Gott. Dann bist du weg, und Martin Graf ist auch weg. Nichts daraus gelernt! lautet dann die vernichtende ‹Blick›-Schlagzeile. Nimmst du das in Kauf?»

 

19. November 2013
Die Angst hat gesiegt. Patrik Killer verfügt die Versetzung von Carlos in die geschlossene Abteilung des Massnahmezentrums Uitikon, also ins Gefängnis. Gleichentags wird die An­ordnung umgesetzt.

 

28. November 2013
Die Justizkommission des Kantonsrats liefert ihren Bericht ab, Regierungsrat Martin Graf benutzt ihn für eine Pressekonferenz in eigener Sache. Interessantes Detail: Marcel Riesen-Kupper darf nicht dabei sein an dieser Konferenz. Der Re­gierungsrat fühlt sich in seiner Politik bestätigt und sagt das auch. Das «Magazin» fragt an dem Anlass, inwieweit die Me­dien eine Rolle gespielt hätten bei der Versetzung von Carlos ins Gefängnis. Graf antwortet mit versteinertem Gesichtsausdruck: «Das hat keinen Millimeter eine Rolle gespielt!»

 

15. Dezember 2013
Andreas Kunz hat Karriere gemacht, er ist jetzt stellvertretender Chefredaktor der «SonntagsZeitung». In seinem ersten Kommentar am neuen Ort kritisiert er Regierungsrat Martin Graf dafür, dass er Carlos im Knast versorgt hat. «Carlos hat während seines Sondersettings immerhin nichts mehr ver­brochen – und ist trotzdem weggesperrt.»

 

16. Dezember 2013
In der Onlinezeitschrift «Jusletter.ch» erscheint ein Essay der Strafrechtsprofessoren Daniel Jositsch und Peter Aebersold. Die beiden schreiben, sinngemäss, im Fall Carlos führe der Mob Regie. Regierungsrat Martin Graf und Marcel Riesen-Kupper liessen zu, dass der «Blick» faktisch bestimme, was mit Carlos geschieht. Was hat Jositsch zu der harten Kritik bewogen? Jositsch sagt: «Der Fall Carlos zeigt etwas auf, das bedenklich ist, nämlich: Der Staat hat eine Massnahme gemacht für einen Täter. Der Täter hat sich in der Massnahme korrekt verhalten. Und dann ändert der Staat die Massnahme, zuungunsten des Täters, ohne es erklären zu können. Es gilt bei Jugendlichen wie auch bei Erwachsenen: Wenn ein Täter eine Sanktion nicht nachvollziehen kann, dann nützt sie nichts. An diesem 18-Jährigen wird vorgeführt, dass sich die Gesellschaft selber so verhält, wie man ihm vorwirft sich zu verhalten – unberechenbar, willkürlich, aggressiv.»

 

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22. Januar 2014
Das «Magazin» besucht Carlos im Gefängnis. Eine Stunde in einem engen, fensterlosen Raum, ein Tisch, vier Stühle. Carlos redet langsam und bedacht, hat dabei ein müdes Flackern in den Augen.


Das Magazin — Wie würden Sie einem Fremden, der keine Schweizer Zeitungen gelesen hat, den Fall Carlos erklären?


Carlos — Ich kann das nicht erklären.


Probieren Sie es.


Die Öffentlichkeit ist da reingekommen. Über einen Film. Es gab einen Film, und Gürber wollte da zeigen, dass einer der schlimmsten Jugendlichen der Schweiz die Kurve gekriegt hat. So war der Film am Anfang. Der Film beginnt mit dem Positiven. Dann hat der Film umgeschlagen ins Negative, der Filmer, Bäni oder wie er heisst, hat Positives rausgeschnitten und Negatives reingeschnitten.


Und dann?


Dann kamen der «Blick» und die anderen Zeitungen. Ich kam nach Hause von der Malerwerkstatt an dem Tag, und ich traf im Treppenhaus jemanden, der auch im Haus wohnt. Er hatte plötzlich Angst vor mir. Ich redete mit ihm, sagte: Nein, nein. Du musst keine Angst haben. Wir lachten, und dann war es wieder gut. Die Zeitungsartikel fand ich nicht so schlimm. Aber am Wochenende habe ich die Kommentare der Leser gelesen, das fand ich schlimm. Das war ex­trem. Mein Vater sagte mir, ich solle aufhören, diese Onlinekommentare zu lesen, und das habe ich dann irgendwann auch getan.


Was stand da?


Die wünschten mir den Tod.


Was war Ihre Reaktion?


An dem Wochenende ging ich trainieren, so gut trainiert wie an dem Tag habe ich noch nie.


Kamen Journalisten zu Ihnen?


Nein. Aber Shemsi Beqiri rechnete damit. Er sagte, als ich ins Training kam: Mach die Türe zu. Vielleicht steht der «Blick» vor der Tür.


Dann wurden Sie verhaftet. Wissen Sie, warum?


Nein. Niemand weiss es.


Die Behörden sagen: Wir haben Angst, dass es zu einem Kontakt zwischen Carlos und Journalisten kommt und er jemanden verprügelt. Oder umgekehrt.


Das ist nicht der wahre Grund. Ich verprügle keine Journalisten. Ich haue Ihnen ja keine runter.


Was wünschen Sie sich?


Ich möchte zurück zum Kampfsport. Das Thaiboxen habe ich geliebt.


Glauben Sie, dass Sie wieder boxen können?


Ich glaube es nicht. Martin Graf will doch nicht seine Karriere riskieren wegen einem Neger wie mir.


Was würden Sie Marcel Riesen-Kupper sagen, wenn er Sie im Knast besuchen würde?


Ich würde ihm gern meine Meinung sagen.


Nämlich?


Nur damit Sie gehandelt haben, sperren Sie mich ein! Finden Sie richtig, was Sie ge­macht haben? Das würde ich sagen.


Was machen Sie den lieben langen Tag?


Ich sitze in dem Raum, der Zelle. Um halb sieben stehe ich auf, weil ich dann mit mei­nem Vater telefonieren kann. Lese etwas, jemand hat mir das Buch über Nelson Mandela geschenkt. Ich schreibe Briefe, immer wieder an Alex Baur. An zwei, drei andere. Ich sitze da, und die Gedanken drehen und drehen. Ich drehe ständig um mich selber. Das ist nicht gut. Die Leute, die mich besuchen, sagen: Carlos, bisch huere stur worde, sit i de Zelle hocksch.


Was sind das für Gedanken?


Weiss auch nicht. Mir kommen Sätze in den Sinn, die Shemsi gesagt hat und die ich nicht verstanden habe. Ich denke darüber nach, manchmal verstehe ich sie plötzlich.


Was sind das für Sätze?


Shemsi hat mich besucht, hier im Knast, und gesagt: «Irgendwann kommst du raus. Du musst dann nicht die ganze Welt kaufen.» Der Satz ist mir geblieben. Meistens geht mir aber ganz anderes durch den Kopf: Wie geht es der Mutter, wie geht es dem Vater?


Seit acht Jahren sind Sie ständig im Knast oder in Heimen gewesen, auch in sehr guten Heimen. Überall haben Sie randaliert und sich verweigert, bis es nicht mehr ging. Warum eigentlich?


Es sind Lager.


Wie meinen Sie das?


Es sind Lager. Was soll ich sagen? Verstehen Sie nicht? Lager! Ständig Leute um mich herum, alle haben für mich entschieden. Alle wussten, was gut ist für mich. Ir­gendwelche Leute. Sie geben mir das Ge­fühl, ich bin ein Problemkind. Seit ich denken kann, gibt man mir zu verstehen, ich bin ein Problemkind. Problemkind, Problemkind. Das macht mich wütend. Und alle sagen immer: Wir machen es für dich. Für deine seelische Gesundheit. Und dann sperrt man mich hier ein, wie einen Kinderschänder. Verstönd Sie, was ich meine?


Warum haben Sie bei RiesenOggenfuss nicht rebelliert?


Die waren anders. Die haben mich nie ver­urteilt. Und dann brachte Frau Oggenfuss Shemsi, das war es. Und bei Shemsi war es genau auch so. Shemsi hat nie gesagt, ich sei schlecht. Shemsi hat mich aufgenommen wie einen kleinen Bruder. Bei ihm war ich jemand. Hier im Knast bin ich einfach ein Auftrag, den die Therapeuten erfüllen müssen.

 

18. Februar 2014
Das Bundesgericht tritt mit einem Paukenschlag in Erscheinung. Es kritisiert die Zürcher Justiz in seltener Schärfe. Martin Graf habe Carlos allein wegen des öffentlichen Drucks inhaftiert, der Jugendliche habe sich nichts zuschulden kommen lassen. Damit verstosse die Zürcher Justiz gegen Treu und Glauben; Justizdirektor Martin Graf und die Oberjugendanwaltschaft hätten willkürlich gehandelt. Der Jugendliche sei aus der geschlossenen Unterbringung zu entlassen.

Liliane Minor kommentiert im «Tages-Anzeiger»: «Graf und Riesen-Kupper wollten ganz einfach die Volksseele beruhigen und jeden Anschein von Kuscheljustiz vermeiden. Dass diese Lösung rechtlich nicht haltbar ist, müssen sie gewusst haben.» Und Marcel Gyr schreibt in der NZZ: «Seit einem halben Jahr haben sich die Zürcher Justizbehörden am Fall Carlos festgebissen. Es hat jetzt das Bundesgericht ge­braucht, um die Verantwortlichen zurück auf Feld 1 zu schicken: in den Zustand von Mitte August letzten Jahres, als ein spezifisch für den jugendlichen Straftäter installiertes Massnahmenprogramm seit 13 Monaten erfolgversprechend am Laufen war.» Der «Blick» versteckt das Urteil, eine winzige Meldung, auf Seite 8, unten rechts, wo keiner hinschaut.

 

28. Februar 2014
Die Justizdirektion gibt bekannt, wie es weitergeht mit Carlos: Er kommt zurück ins Sondersetting, alles geht da weiter, wo es im August 2013 aufgehört hat.•