Wir sind die, die es nicht gibt

Rund 100 000 Sans-Papiers leben in der Schweiz. Sie putzen unsere Strassen,
sie pflegen unsere Eltern. Wir profitieren von ihnen, doch wir sprechen nicht über sie.
Und die Politik schaut weg. Seit der Abstimmung erst recht



sanspap1_blogdasmagazin

Text Martin Beglinger
Bilder Sven Bänziger
Vor fremden Blicken duckt sich Marta sofort weg.
Nur nicht auffallen. Sie hat gelernt, sich möglichst unscheinbar zu machen, in all diesen Jahren, ja unsichtbar, sonst wäre sie längst nicht mehr hier. Jetzt wartet sie unter der grossen Uhr im Zürcher Hauptbahnhof und fühlt sich erst wieder etwas wohler, als wir uns in die hinterste Ecke eines nahen Cafés verziehen, wo sie aus ihrem Leben zu erzählen beginnt.
Marta, die nur hier so heisst, ist 50, klein, hat schwarze Haare und viel Hoffnung, aber keine Papiere. Das heisst, Papiere hat sie schon, ihren brasilianischen Pass, aber keine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung für die Schweiz. Marta ist eine sogenannte Sans-Papiers. Seit 24 Jahren lebt und arbeitet sie in der Schweiz, zunächst in St. Gallen, dann in Zürich – immer schwarz/illegal/irregulär, ohne geregelten Aufenthaltsstatus, wie man dies je nach politischer Haltung nennen mag.
«Mein Herz will hierbleiben», sagt Marta, die sehr gut Deutsch spricht und beim Simsen die Kommaregeln besser be­herrscht als manche Schweizer Studentin. In São Paulo war sie Primarlehrerin und träumte von einem Geografiestudium. Doch dafür brauchte sie Geld. Zufällig lernte sie einen Schweizer Manager und dessen Familie kennen, und sie empfahlen Marta, ihr Glück besser in der reichen Schweiz als in den gefährlichen USA zu versuchen.
So flog Marta im Jahr 1989 als Touristin in die Schweiz. Und blieb. Obwohl sie nach drei Monaten hätte ausreisen müssen. «Du bist nicht die Erste, die bleibt», beruhigten sie ihre Landsleute, die sie bald kennengelernt hatte. Das war einfach, denn ebenso rasch fand sie unter der Hand eine erste, zweite, dritte Ar­beit – als Putzfrau, Tagesmutter, Hundespaziergängerin, später auch als Zeitungsverträgerin.
Mit einem ordentlichen Arbeitsgesuch für die Schweiz, ob als Lehrerin oder Putzfrau, hätte Marta null Komma null Chancen gehabt. Brasilien gilt in der Schweiz als «Drittstaat», wie alle Länder ausserhalb der EU, und aus diesen Staaten erhalten nur Hochqualifizierte eine Arbeitsbewilligung.
Nie hätte Marta gedacht, dass aus der kurzfristigen Geldsuche ein halbes Leben in der Schweiz werden könnte, auch wenn ihr das Land vorkam «wie ein Traum». Bis heute, trotz allem. Sie verdiente, wenns gut lief, 2000 Franken pro Monat, bestenfalls gar mal 3500. Nach einem 16-Stunden-Tag hatte Marta mehr Geld beisammen als ihre Verwandten in São Paulo nach einem Monat.
Zwischendurch belegte sie private Deutsch- und Französischkurse, sie lernte malen und machte eine Ausbildung als medizinische Fitnessinstruktorin. Doch ein Abschluss blieb ihr versagt, da sie ohne Aufenthaltsbewilligung keinen Praktikumsplatz erhielt und ohne Praktikum kein Diplom.
Weil sie offiziell gar nicht hier sein dürfte, darf sie auch nicht Ge­meindemitglied jener Kirche werden, in der sie immer betet, Schweizer Freunde trifft und im Kirchenchor mitsingt. Trotzdem liefert Marta jeden Monat ihren Zehnten an die Kirche ab, mit einem unverdächtigen Einzahlungsschein. Das ist das Mindeste für die überzeugte Katholikin, damit Gott ihr weiter die Treue hält. Denn in all den Jahren wurde sie nie ernsthaft krank, nie kontrolliert – und auch nie verpfiffen.
Andere hatten weniger Glück. Am Tag unseres Treffens rü­cken Kantonspolizisten nach Regensdorf aus, um eine andere Brasilianerin, illegale Haushaltshilfe auch sie, zu verhaften. An­lass: Die Beamten hatten einen Tipp aus der Nachbarschaft erhalten.


So viele Papierlose, wie die Stadt Bern Einwohner hat
Stimmen die Schätzungen halbwegs, dann gibt es allein in der Re­gion Zürich rund 8000 Martas und gegen 40 000 in der ganzen Schweiz. Gemäss einer Studie der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich arbeitet in jeder siebzehnten Wohnung des Kantons eine illegale Haushaltshilfe. Während die Frauen meistens putzen, pflegen und hüten, arbeiten die papierlosen Männer auf dem Bau, in Restaurants oder in der Landwirtschaft. Hinzu kommen die Kinder der Sans-Papiers. Das macht, gemäss der bislang um­fassendsten Studie im Auftrag des Bundesamtes für Migration, 20 000 Sans-Papiers in der Region Zürich und 90 000 in der ganzen Schweiz.
Diese Studie ist unterdessen zehn Jahre alt, eine neuere gibt es nicht. Der Migrationsdruck ist seither weiter gestiegen, die Grenzen sind mit Schengen durchlässiger geworden, und doch glaubt SVP-Nationalrat Heinz Brand, der langjährige Chef des Bündner Migrationsamtes, nicht an diese Schätzung. «Sie ist zu hoch, auch wenn ich es nicht belegen kann.» Ihm sei jedenfalls «noch nie ein wirklich echter Sans-Papiers» begegnet. Das überrascht auch nicht, denn Papierlose finden Arbeit und schützende Anonymität vor allem in den Städten Zürich, Genf und Basel. In Zizers oder Urnäsch flöge eine schwarz beschäftigte Filipina schon am ersten Tag auf.
Der Soziologe und Migrationsexperte Sandro Cattacin von der Universität Genf glaubt hingegen, mit 90 000 liege man «auf jeden Fall zu tief». Aufgrund von systematischen Arbeitgeberbefragungen rechnet er mit 100 000 bis maximal 170 000 Sans-Papiers. Nimmt man den Mittelwert, dann ist die virtuelle Stadt der Unsichtbaren so gross wie Bern.
Es leben und arbeiten somit ungefähr gleich viele Menschen illegal in diesem Land wie legal in der Bundesstadt wohnen. Und doch ist es kaum ein Thema. Das ist erstaunlich für ein Land, das so bitter über Ausländer und Einwanderung streitet, dass es sich darob spaltet. Und es ist doppelt verwunderlich für einen Staat, in dem jeder Einwohner nummeriert und jede Handreichung reglementiert zu sein scheint. Doch bei den Papierlosen schaut dieser Staat meistens weg – weil es die Politik so will.
Die bislang einzige Grundsatzdebatte im Parlament fand 2001 statt – als Folge mehrerer Kirchenbesetzungen im Land, wo sich erstmals Sans-Papiers selbstbewusst an die Öffentlichkeit getrauten. Doch alle parlamentarischen Anträge auf Legalisierung blieben chancenlos.
Seither versucht die kleine Sans-Papiers-Lobby verzweifelt, die politische Diskussion zu reanimieren. Im März 2013 hat sie die Petition «Keine Hausarbeiterin ist illegal» lanciert, im November das «Basler Modell». Letzteres fordert auf hundert Bewilligungen für hoch qualifizierte Expats zwanzig bis dreissig für Papierlose aus Drittstaaten. Schliesslich, so die Begründung, brauchen gerade die Hochqualifizierten Leute, die ihre Wohnungen putzen, damit sie selber ungestört arbeiten können.
Der Fokus auf die Hausarbeiterinnen ist kaum Zufall. Denn peruanische oder philippinische Putzfrauen dürfen noch eher mit politischem Goodwill rechnen als abgewiesene und untergetauchte Asylbewerber, die sich immer öfter Sans-Papiers nennen.
Trotzdem ist das politische Echo mehr als verhalten, im rot-grünen Basel wie auf Bundesebene. Im letzten Herbst kehrten die Lobbyisten ernüchtert aus dem Parlament zurück, weil man ihnen fast rundum von neuen Vorstössen abriet. «Keine Chance!», «kontraproduktiv!», fanden selbst Linke schon damals – und seit dem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative gilt das erst recht.
Im gnadenlosen Schacher um Ausländerkontingente, der am Morgen nach dem 9. Februar losging, haben ausgerechnet die illegalen Chrampfer die schlechtesten Karten. Daran dürfte sich erst etwas ändern, wenn der erste bürgerliche Politiker offenbare, dass seine Mutter von einer Sans-Papiers gepflegt werde, heisst es unter den Lobbyisten.
So bleibt es beim faktischen Pakt zwischen links und rechts, dieses Thema in der Versenkung zu belassen. Die einen nennen das Realpolitik, die andern Zynismus.


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Christoph Blocher schaute weg
Was die Rechte bei diesem Pakt verschweigt: dass sie sich im Grunde kaum an diesen illegalen Arbeitsmigranten stört. Denn diese sind – notgedrungen – die angepasstesten Ausländer überhaupt. Ihr Leben ist härter als jenes der Saisonniers von einst. Sie arbeiten zu tiefsten Löhnen, haben nie Ferien, können nichts tun, was einen Ausweis erfordert. Nicht mal eine Schwarzfahrt mit dem Tram dürfen sie sich erlauben, weil eine Kontrolle wohl ihr Ende in der Schweiz wäre. Und kriegen sie keine Arbeit mehr, dann müssen sie weiterziehen, weil niemand für sie sorgt, erst recht nicht der Schweizer Sozialstaat.
Was die Linke und die Mitte verschweigen, benennt Ruth Dreifuss in einem nüchternen Satz: «Man gewinnt halt keine Wahlen, indem man sich für die Sans-Papiers einsetzt», sagt die frühere Genfer Bundesrätin bei unserem Besuch in ihrer Genfer Wohnung. Sie wohnt im Ausländerquartier Pâquis, wo Diplomaten ebenso wie Drogendealer und Prostituierte verkehren – und wohl nicht wenige Sans-Papiers aus Lateinamerika oder von den Philippinen.
Ruth Dreifuss, 74, ist so ziemlich die einzige prominente Sozialdemokratin, die sich nicht mit dem Schweigepakt der Parteien abfinden will. «Es ist einfach menschlich nicht in Ordnung, weiter in dieser Heuchelei zu leben, also von der billigen Arbeitskraft der Sans-Papiers zu profitieren, ihnen aber fast alle Rechte zu verwehren.» Deshalb empfiehlt sie der zuständigen Justizministerin, «meiner Genossin und Freundin» Simonetta Sommaruga, «dringend eine nach klaren Kriterien erfolgende Legalisierung der Sans-Papiers». Womit Dreifuss notabene nicht abgewiesene Asylbewerber ohne Papiere meint, sondern eben Frauen wie die Brasilianerin Marta in Zürich, von denen es auch in Genf rund 5000 gibt, die als Haushaltshilfen und Altenpflegerinnen arbeiten, na­mentlich in vielen internationalen Funktionärsfamilien.
Würde sie eine Volksinitiative zur kollektiven Regularisierung der Sans-Papiers lancieren?
Das denn doch nicht, sagt Ruth Dreifuss. Weil sie ahnt, wie es enden würde. «Aber ich würde den politischen Spielraum in Bern besser ausnützen. Man braucht ja nicht immer alles an die grosse Glocke zu hängen. Und ich würde mal ein Pilotprojekt mit einer Gruppe von Sans-Papiers lancieren, analog wie das der Bundesrat seinerzeit bei der kontrollierten Verschreibung von Heroin gemacht hat. Wenn wissenschaftlich erhärtete Fakten vorliegen, dann steigt die Akzeptanz neuer Lösungen in der Bevölkerung.»
Die Genfer Regierung hat es schon mal versucht. Im Januar 2005 wurde die freisinnige Regierungspräsidentin Martine Brunschwig Graf beim damaligen Justizminister Blocher in Bern vorstellig und verlangte die «einmalige, ausserordentliche und auf einheitliche Kriterien gegründete Regularisierung der illegal anwesenden Hausangestellten zu erwirken.»
Mit Moral argumentierte die Genfer Regierung kaum, aber umso mehr mit dem volkswirtschaftlichen Nutzen. Offensichtlich ist der Bedarf an Hausarbeiterinnen gross, sonst wären sie nicht hier. Zum andern, sagt Brunschwig Graf noch heute, «stört es mich, dass der Staat hier einfach wegschaut und eine rechtsfreie Zone akzeptiert».
Doch der Appell kam schlecht an beim Justizminister. Christoph Blocher versenkte die Genfer Initiative in einer seiner hintersten Schubladen, und neun Jahre später wartet der Kanton noch immer auf eine Bewilligung des Bundes. Sie wird auch von der sozialdemokratischen Justizministerin Sommaruga nicht kommen, obschon sie die Lage der Sans-Papiers einmal mit «Sklaverei» verglich. «Es gibt schlicht keinen politischen Willen, dieses Problem zu lösen», sagt kurz und resigniert Martine Brunschwig Graf, die unterdessen nicht mehr Regierungsrätin ist, sondern Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.


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Genf ist nicht Zürich
Das heisst nicht, dass seither nichts passiert wäre. Eine nationale Kollektivlösung mag blockiert sein, aber unter der aufgeheizten politischen Oberfläche hat sich ein pragmatischer Umgang mit den Papierlosen etabliert. Es gibt mittlerweile ein Recht auf Krankenversicherung, ein Recht auf Schulbesuch der Kinder, seit 2012 auch das Recht auf eine Berufslehre. Dass Letzteres durchkam, war eine kleine politische Sensation, doch die Hürden für eine solche Lehre liegen derart hoch, dass bis heute gerade mal zwei Ju­gendliche eine solche Lehre begonnen haben.
Alle diese Initiativen gingen von Genfer Politikern aus. Die erste stammt aus dem Jahr 1986, als der damalige CVP-Regierungsrat Dominique Föllmi ein türkisches Mädchen, dessen Vater bereits ausgeschafft und die Mutter in Abschiebehaft waren, persönlich in die Schule begleitete. So forderte er das Grundrecht auf Schulbildung auch für Kinder von Saisonniers ein, die damals zu Tausenden heimlich bei ihren Eltern in der Schweiz lebten.
Genf ist erst recht die beste Stadt für Sans-Papiers, wenn sie in eine Kontrolle geraten. In der Deutschschweiz heisst das meistens Ausschaffung, in Genf hingegen hat die Gewerkschaft SIT ein Arrangement mit den Behörden, das Sans-Papiers vor einer raschen Abschiebung schützt. 5000 von ihnen haben sich bei der SIT registrieren lassen und werden dort juristisch beraten, wenn sie in Schwierigkeiten geraten – gratis und mit Glück sogar von Ruth Dreifuss persönlich. «Ich bin bekanntlich Gewerkschafterin», sagt die Alt-Bundesrätin, die in den letzten drei Monaten viermal im Büro des SIT aushalf. Dort versucht sie Ausweisungen zu verhindern oder allfällige Ansprüche auf Ferien, Lohn und sogar AHV durchzusetzen, notfalls vor Arbeitsgericht. (In der Romandie kann der Arbeitgeber mit einem «Chèque Service» AHV für seine illegale Hausangestellte einbezahlen, ohne ihren Namen bei den Behörden verraten zu müssen.) Mal ist Dreifuss erfolgreich, mal nicht. «Die Migrationsbürokratie ist halt eine Lotterie und ein grosses Labyrinth», sagt die frühere Sozialministerin. «Das ist Kafka pur.»
Zu den Geheimnissen dieser Bürokratie zählt auch die Frage, wie viele Sans-Papiers tatsächlich ausgeschafft werden. Die angefragte Zürcher Kantonspolizei verweist dazu ans kantonale Migrationsamt, dieses ans Bundesamt für Migration und jenes wiederum ans kantonale Migrationsamt, kurz: Eine Unzahl von Informationsbeamten schieben sich gegenseitig die Frage zu, bloss eine Antwort erhält man nie. Auch ob die ertappte Brasilianerin aus Regensdorf noch im Land ist oder nicht, darf die Öffentlichkeit nicht wissen. «Datenschutz», sagt der Beamte.
Gleichwohl darf man annehmen, dass nur wenige Sans-Papiers ausgeschafft werden, weil man gar nicht erst nach ihnen fahndet. Kaum ein Polizist rückt deshalb aus, sofern er nicht muss, weil ein konkreter Hinweis vorliegt. Und zuallerletzt kontrolliert er einen privaten Haushalt. Dort ist es reiner Zufall, dass jemand auffliegt, respektive Pech, wenn man misstrauischen Nachbarn oder Grenzwächtern im Inland in die Hände läuft. Grösser ist die Kontrollgefahr nur auf Baustellen.


Marta will nicht mehr
Labyrinthisch sind auch die Heiratsvorschriften für Sans-Papiers. Es war im Jahr 2005, als SVP-Präsident Toni Brunner eine Motion einreichte, um Scheinehen mit Schweizern zu verhindern, mit denen Papierlose – im Visier hatte er vor allem abgewiesene Asylbewerber – ihre Ausschaffung verhindern konnten. 2009 stimmte das Parlament klar zu, so dass Sans-Papiers ab 2011 tatsächlich nicht mehr heiraten durften. Allerdings nur in der Deutschschweiz und nur ein paar Monate lang. In Genf und Lausanne hingegen befanden die Richter, die Lex Brunner verstosse gegen das Menschenrecht auf Heirat, worauf das Bundesgericht beschied, dass jeder Antrag einzeln geprüft werden muss.
Seither beschreibt Bea Schwager den kafkaesken Weg für ihre Klienten bis zu einer Hochzeit so: «Die Ehewilligen müssen zuerst aufs Standesamt gehen. Dieses bestätigt, dass ein Ehevorbereitungsverfahren eingeleitet worden ist, und setzt eine Frist zum Nachweis des geregelten Aufenthaltes. Mit diesem Schreiben wird beim Migrationsamt eine Kurzaufenthaltsbewilligung beantragt mit Beweisen wie Fotos und Referenzen, dass es sich nicht um eine Scheinehe handelt. Danach stellt das Migrationsamt eine Bewilligung – in Zürich ist es nur eine Duldung – im Hinblick auf das Ehevorbereitungsverfahren aus.»
Auch sie hätte einfach heiraten können wie viele ihrer Landsfrauen, erzählt Marta, die kleine Brasilianerin in der hintersten Ecke des Zürcher Cafés. Leider fand sie nicht den Richtigen, und nur pro forma wollte sie nie Ja sagen. «Für mich ist Heiraten etwas Heiliges und kein Geschäft.»
Nach 24 Jahren ist Marta erschöpft von ihrer ewigen Angst vor Entdeckung; sie hat endgültig genug davon, sich aus Not durchs Leben zu lügen; sie mag nicht mehr vor jeder Uniform er­zittern und die Strassenseite wechseln, obwohl sie nichts verbrochen hat, ausser dass sie hier putzt; sie will auch nicht länger in einem Zimmerchen in heimlicher Untermiete hausen, wo sie nie jemanden einladen kann.
Um dies zu ändern, bleibt ihr nur ein Weg: Sie muss ein «ausländerrechtliches Härtefallgesuch» stellen.
So meldete sich Marta Anfang 2012 bei Bea Schwager. Die Leiterin der Zürcher Anlaufstelle für Sans-Papiers überlegte zu­nächst lange, ob sie Marta wirklich zu diesem Schritt raten wollte. Denn er ist hochriskant. Wer ihn wagt, muss sich outen. Wird ihr Gesuch abgelehnt, dann bewirkt Marta mit der Selbstanzeige ihre Abschiebung nach Brasilien, zurück zu ihren Verwandten, von denen sie in all den Jahren nicht viel mehr gehört hat, als dass ein Bruder erschossen wurde und ihre Eltern gestorben sind.
Der Schutzengel hätte Marta besser nach Genf oder Lausanne geschickt. Dort stünde ihre Chance auf eine positive Antwort etwa hundertmal höher als in Zürich. Pierre-Alain Niklaus breitet in seinem erhellenden Buch «Nicht gerufen und doch ge­fragt» über Sans-Papiers in Schweizer Haushalten folgende Zahlen des Bundesamtes für Migration aus: Von den geschätzten 20 000 Sans-Papiers im Kanton Zürich sind zwischen September 2001 und Dezember 2011 ganze zehn Personen als Härtefall akzeptiert worden. Macht eine pro Jahr. Im Kanton Genf mit ungefähr 10 000 Papierlosen waren es 1389, wovon der Bund schliesslich 1015 absegnete.


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Wer meldet schon seine Putzfrau an?
Der Hauptgrund für diese Kluft ist die abschreckende Härte in Zürich, die mit Rita Fuhrer (SVP) begann und sich unter dem heutigen Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) so gut wie nicht ge­än­dert hat. «Die Leute stellen kaum Gesuche, weil die Chancen auf eine Bewilligung so schlecht sind», sagt Bea Schwager.
Marta versucht es trotzdem. Um als Härtefall zu gelten, muss sie nicht nur ihre eigene Identität preisgeben, sondern auch die möglichst vieler ihrer Arbeitgeber. Fast ein Jahr lang mühte sie sich mit Bittschreiben ab, musste immer wieder nachhaken, bis schliesslich siebzehn frühere Arbeitgeber bereit waren, sich ebenfalls den Behörden zu offenbaren. Offenbar ist es ihnen eine Busse wert, ihrer Haushaltshilfe ein amtliches Alibi zu verschaffen.
Ohnehin ist Marta nicht schlecht gefahren mit ihren Arbeitgebern, bis auf einen, der glaubte, er könne sie ins Bett zwingen, weil sie sich als Illegale kaum wehren kann, erst recht nicht bei der Polizei. Doch sie wehrte sich, indem sie von sich aus kündigte. Mit allen andern lief es gut. 25 Franken Stundenlohn sind heute die Regel, und nicht selten kommt eine finanzielle Extraunterstützung dazu.
In eine Krise geriet Marta nur, als 2008 ein neues Bundesgesetz gegen Schwarzarbeit in Kraft trat.
Seither wird sie sehr viel öfter gefragt: «Hast du eine Bewilligung?» Die Antwort bringt beide Seiten in Verlegenheit, denn es ist in der Regel nicht so, dass man illegale Hausangestellte sucht, weil sie billiger und williger wären, sondern weil man kaum andere findet.
«Irreguläre» Hausangestellte erfahren ihre Schweizer Arbeitgeber selten als krasse Ausbeuter, wie Bea Schwager und Pierre-Alain Niklaus einräumen. Oft merken jene erst hinterher, dass ihre vermeintliche «Perle» ohne Bewilligung hier lebt, und geraten dann ins Dilemma, ob sie ihre Angestellte wieder entlassen sollen, die sie eigentlich mögen und die sie so wunderbar entlastet. «Der moralische Druck zu gesetzestreuem Handeln scheint weniger gross zu sein als der Wunsch, die Person weiter zu be­schäftigen», schreibt Pierre-Alain Niklaus nach vielen Gesprächen mit Arbeitgebern.
Seit sie ihr Gesuch eingereicht hat, verdient Marta gar nichts mehr. Sie darf nicht arbeiten, bis das kantonale Migrationsamt und schliesslich der Bund ihren Fall entschieden haben. Das dauert, oft sogar ein Jahr. Derweil schwindet ihr Erspartes, aber nicht ihre Hoffnung.


«New York ist auch euer Zuhause»
Doch was, wenn sie vor 24 Jahren in die USA gereist wäre anstatt in die Schweiz? Ihre Freundinnen, die diesen Weg gingen, hätten längst eine Bewilligung, sagt Marta. Sie sagt es ohne Bitterkeit, auch wenn sie weiss, dass sie in der Schweiz kaum je zu hören be­kommen wird, was soeben der neue New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio den Papierlosen in seiner grossen Jahresansprache zugerufen hat: «New York ist auch euer Zuhause.» Nun will er eine halbe Million Sans-Papiers in seiner Stadt mit Identitätskarten ver­sorgen, damit sie «endlich Mietverträge unterzeichnen, Bankkonten eröffnen» und überhaupt am öffentlichen Leben der Stadt teilnehmen könnten. Doch der Bürgermeister hat das gleiche Problem wie die Genfer mit Bundesbern, nur dass es in den USA die Republikaner sind, die seine Pläne auf nationaler Ebene blockieren.
Jetzt steht Marta, der bislang Unsichtbaren die amtliche Durchleuchtung bevor. Ob sie wirklich integriert ist. Ob sie sich wirklich nie etwas zuschulden kommen liess. Wie hart eine Rückkehr nach Brasilien sie wirklich träfe und so weiter. Persönlich darf Marta nicht bei den Beamten vorsprechen, die eingereichten Papiere müssen genügen. Dann wird das kantonale Migrationsamt Ja oder Nein sagen, und falls Ja, geht ihr Dossier zur Bestätigung nach Bern, ins Bundesamt für Migration.