Dreizehn populäre Irrtümer
über Intelligenz

Mit der Intelligenz ist es wie mit der Politik: Jeder hat eine Meinung,
kaum jemand eine Ahnung. Mathias Plüss macht den Versuch, den Dschungel
aus Scheinzusammenhängen und Vorurteilen ein wenig zu lichten.

 

50_intelligenz01_blogdasmagazin


Text  Mathias Plüss
Illustrationen  Jay Wright

 

1. IRRTUM: DAS MENSCHLICHE GEHIRN WIRD IMMER GRÖSSER
Die Entwicklung unseres Gehirns wird gern als einzigartige Er­folgsgeschichte dargestellt. Und es ist ja auch beeindruckend: In den letzten zwei Millionen Jahren hat sich sein Gewicht mehr als verdoppelt. Kaum bekannt ist jedoch die beinahe ironische Tatsache, dass sich dieser Trend vor etwa 20 000 Jahren umgekehrt hatte. Ausgerechnet in jener Zeit, da der Mensch seine Lebenswelt am dramatischsten verändert hatte, war sein Gehirn um etwa zehn Prozent geschrumpft. Evolutionär gesehen, ist das rasend schnell. Erst seit etwa hundert Jahren nimmt das Gehirnvolumen wieder zu, was vermutlich mit der verbesserten Gesundheit und Ernährung zu tun hat.

Über die Gründe für den jahrtausendelangen Hirnschwund tappen die Forscher im Dunkeln. Manche verfechten die These, das Bevölkerungswachstum habe zu einer Verdummung geführt: In einer grösseren Gruppe sei Intelligenz nicht mehr so überlebenswichtig, schliesslich könne man sich untereinander helfen. Der Haken an dieser Erklärung ist, dass weniger Hirn nicht zwingend weniger Intelligenz bedeutet.

 

2. IRRTUM: SIZE MATTERS
Die Grösse ist nicht das Entscheidende. Sonst müsste der Pottwal (neun Kilo Gehirn) den Menschen (knapp anderthalb Kilo) an Intelligenz übertreffen.

Nun könnte man einwenden, so ein Pottwalgehirn müsse ja auch eine viel grössere Körpermasse steuern. Kommt es womöglich nicht auf die absolute Zahl an, sondern auf das Verhältnis von Hirn- zu Körpergrösse? Beim Menschen hat das Gehirn einen Anteil von immerhin zwei Prozent am Körpergewicht – beim Pottwal sind es hundertmal weniger. Doch Fehlanzeige auch hier, wenn man genauer hinschaut: Spitzmäuse bestehen zu zehn Prozent aus Hirn. Trotzdem sind sie nicht so schlau wie die ziemlich cleveren Pottwale.

Im 19. Jahrhundert war in der Wissenschaft unbestritten, dass sich Intelligenz direkt an der Gehirngrösse ablesen lasse. Insbesondere der französische Arzt Paul Broca öffnete viele Schädel von Verstorbenen und stiess dabei auf so manche Überraschung. Das Gehirn eines Göttinger Gelehrten etwa, der sich postum vermessen liess, kommentierte er mit den Worten: «Nicht viel für einen Linguistikprofessor – aber immerhin.»

Nach heutigem Wissensstand gibt es zwar einen statistischen Zusammenhang von Gehirngrösse und Intelligenz. Er ist allerdings schwach, und für die Intelligenz sind vermutlich andere Dinge viel wichtiger: die Grösse der Grosshirnrinde, die Menge der Nervenzellen, die Übertragungsgeschwindigkeit. Auf jeden Fall ist der Zusammenhang zu klein, als dass man beim Einzelnen von der Gehirngrösse auf die Intelligenz schliessen könnte. Es gibt Dummköpfe mit zwei Kilo Gehirn, und es gibt Hochintelligente mit weniger als einem Kilo. Selbst Albert Einsteins brillantes Organ lag grössenmässig deutlich unter dem Schnitt.

 

50_intelligenz04_blogdasmagazin


Das Gehirn erweist sich immer wieder als ausserordentlich flexibel: Manche Menschen haben nach einer Operation nur noch eine Hirnhälfte und sind trotzdem normal intelligent. Vor sechs Jahren wurde der Fall eines Franzosen bekannt, der gar bloss zehn Prozent der normalen Hirnmasse hat – aber nicht behindert ist. Der Mann hat eine Familie und arbeitet als Steuerbeamter.

 

3. IRRTUM: ES GIBT VERSCHIEDENE INTELLIGENZEN
1983 trat der amerikanische Psychologe Howard Gardner mit seiner These der multiplen Intelligenzen auf den Plan. Gemäss der Theorie gibt es nicht nur eine, sondern acht verschiedene Intelligenzen, etwa die musikalische oder die naturalistische Intelligenz. Die Zahl der Intelligenzen nahm seither inflationär zu, sodass man heute nicht nur zahlreiche Bücher über emotionale Intelligenz kaufen kann, sondern auch über kulinarische, astrologische oder Paarungsintelligenz. Angesichts dieses Intelligenzenbooms schlug ein Psychologe einmal scherzhaft eine Partyintelligenz vor, die sich an der Verweildauer der Partygäste messen liesse.

Das Problem ist, dass all die vielen Intelligenzen nicht klar definiert sind. Zwanzig Jahre wird nun schon über emotionale Intelligenz geforscht – und doch schrieb kürzlich ein führender Wissenschaftler, es gebe immer noch keine Übereinstimmung darüber, «was emotionale Intelligenz eigentlich ist». Klingt nicht gerade nach einem überzeugenden Konzept.

Es fehlen auch aussagekräftige Tests: Gemessen wird meist mit simplen Fragebögen. «Verbringst du viel Zeit damit, Musik zu hören?», wird man etwa in einem Test zur musikalischen Intelligenz gefragt. «Sorgst du dich um die Natur, und machst du so etwas wie Recycling, Camping und Wandern?» Wer dies bejaht, hat offenbar eine hohe naturalistische Intelligenz. Zur linguistischen Intelligenz gehört es, Witze zu erzählen. Unsere Höflichkeitsintelligenz verbietet es uns, an dieser Stelle eine sarkastische Bemerkung zu machen.

Was das alles mit Intelligenz zu tun haben soll, bleibt schleierhaft. «Man bekommt den Eindruck, fast jede Fähigkeit, fast jede Fertigkeit, fast jede Verhaltensweise sei neuerdings eine Intelligenz», schreibt der führende deutsche Intelligenzforscher Detlef Rost in seinem soeben erschienenen «Handbuch Intelligenz». Die Sache erinnert irgendwie an die schlaumeierischen Mönche des Mittelalters, die partout Gänse und Biber zu den Fischen zählen wollten, damit sie sie auch freitags essen konnten. Offenbar wollen auch am Intelligenzkuchen alle ein bisschen mitknabbern.

Die allermeisten Wissenschaftler lehnen das Konzept der multiplen Intelligenzen einhellig ab. Für sie gibt es nur eine einzige Intelligenz. Und diese lässt sich mit dem Intelligenzquotienten (IQ) ausdrücken.

 

4. IRRTUM: DER IQ IST EINE ZWEIFELHAFTE GRÖSSE
«Intelligenz ist, was der Intelligenztest misst», schrieb 1923 der amerikanische Psychologe Edwin Boring. Das Zitat wurde oft als Beweis für die angebliche Unseriosität der Intelligenzforschung herangezogen. Tatsächlich mangelt es bis heute an einer besseren Definition von Intelligenz. Aber ist das ganze Konzept deswegen unglaubwürdig?

Schönheit, Charme, Musik: Es gibt so vieles, das sich nicht in einfache Worte fassen lässt. Oder kann jemand rasch eine schlüssige Definition für das Konzept der Zeit liefern? Letztlich gilt immer noch Albert Einsteins berühmtes Diktum, wonach Zeit «das ist, was man an der Uhr abliest» – nur dass die Physiker heute Cäsium-Atome als Uhren benutzen. Es funktioniert, und niemand würde bezweifeln, dass die Zeit existiert und sich messen lässt. Genauso ist es bei der Intelligenz: Das Konzept funktioniert. Die Tests sind aussagekräftig. Das ist es, was zählt.

Intelligenztests messen die Intelligenz nicht absolut, sondern im Vergleich der Menschen untereinander. Wer einen IQ von 100 hat, ist genau durchschnittlich intelligent. Zwei Drittel der Menschen befinden sich irgendwo zwischen 85 und 115 Punkten. Gemessen wird meist mit einem Test, der sich in einen sprachlichen, einen rechnerischen und einen räumlichen Teil gliedert.

Solche Tests gibt es seit hundert Jahren, und genauso lange werden sie von heftiger Kritik begleitet. Das ist teilweise verständlich, weil gerade die frühen Intelligenzforscher oft Befürworter von Eugenikprogrammen waren. Von dieser Position haben sich die allermeisten Wissenschaftler heute aber sehr weit entfernt.

Trotzdem gilt die Intelligenzforschung noch immer als anrüchig. Während wir kein Problem damit haben, körperliche Leistungen zu messen und zu werten, scheint es eine tief sitzende Abneigung zu geben gegen die Idee, Geisteskraft in Zahlen auszudrücken. Man dürfe einen Menschen doch nicht auf eine Zahl reduzieren, heisst es oft. (Reduziert man den Menschen auf eine Zahl, indem man sein Gewicht misst?) Beliebt sind auch Einwände wie «So etwas Kompliziertes wie Intelligenz lässt sich nicht auf einer simplen Skala darstellen» oder «Der IQ ist ein bedeutungsloses akademisches Konstrukt».

Bei seinen Vorträgen stelle er immer wieder fest, schreibt Detlef Rost, dass «statt Faktenkenntnis ideologisch verbrämte Meinungen, Mutmassungen, Vorurteile und Mythen» vorherrschten. Dabei sei Intelligenz heute «das am besten erforschte Merkmal der Psychologie». Und die Lernforscher Elsbeth Stern (ETH Zürich) und Aljoscha Neubauer (Universität Graz) doppeln nach: «Intelligenztests gehören zu dem Seriösesten, was die Psychologie geschaffen hat», schreiben sie in ihrem neuen Buch «Intelligenz – Grosse Unterschiede und ihre Folgen».

Die Situation gleicht aufs Haar jener in der Klimaforschung: Aufgrund der Dauerpolemik entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, die Angelegenheit sei wissenschaftlich umstritten. Dabei ist sich die Zunft weitgehend einig. 97 Prozent der Klimaforscher glauben, dass der Mensch signifikant zur Temperaturveränderung beiträgt. 97 Prozent der Intelligenzforscher glauben, dass es eine einzige, allgemeine Intelligenz gibt und sich diese mit IQ-Tests gut erfassen lässt.

Die Überzeugung stützt sich dabei hauptsächlich auf drei Fakten. Erstens ist Intelligenz ein robustes Persönlichkeitsmerkmal – nach dem fünfzehnten Lebensjahr ändert sie sich kaum noch. Studien zufolge haben Menschen auch im hohen Alter mehr oder weniger denselben IQ wie in der Pubertät.

Zweitens stimmen die Resultate aus den drei Testteilen (sprachlich, rechnerisch, räumlich) bei den meisten Menschen weitgehend überein. Entgegen der landläufigen Meinung kommt es praktisch nie vor, dass etwa ein mathematisch Hochbegabter im sprachlichen Test unterdurchschnittlich abschneidet. Dieses Ergebnis ist ein starkes Argument dafür, dass das Konzept einer allgemeinen Intelligenz sinnvoll ist: Es gibt eben nicht multiple, voneinander unabhängige Intelligenzen, sondern eine einzige Ressource, unsere Denkfähigkeit, auf die wir bei geistigen An­strengungen jedweder Art zurückgreifen.

Drittens das Wichtigste: Der IQ hat eine gewaltige Vorhersagekraft für unser Leben.

 

50_intelligenz06_blogdasmagazin

 

5. IRRTUM: IM WIRKLICHEN LEBEN SPIELT DER IQ KEINE ROLLE
Die Forscher sind sich einig, dass Intelligenz eine überragende Bedeutung hat – und zwar nicht nur für die Schule, sondern auch für den Beruf. Der IQ ist der mit Abstand beste Faktor, um bei Jugendlichen den künftigen Bildungsgrad, den Stand auf der Karriereleiter und das Einkommen vorherzusagen. So zeigte etwa eine grosse amerikanische Studie, dass ein Endzwanziger mit einem IQ von 120 durchschnittlich 18 000 Dollar jährlich mehr verdiente als sein Bruder oder seine Schwester mit einem IQ von 100. Die Zusammenhänge gehören zu den stärksten, die man in den Sozialwissenschaften überhaupt findet.

Der Zusammenhang ist natürlich ein rein statistischer – im Einzelfall kann auch mal ein geistig Unterbemittelter an eine Konzernspitze vorstossen und eine Intelligenzbestie zum Sozialfall werden. Glück und Herkunft spielen eine Rolle, und nebst Intelligenz braucht es für ein erfolgreiches Fortkommen auch eine Portion Ehrgeiz, Sozialkompetenz und Motivation. Der Witz ist aber, dass gerade die Intelligenten auch besonders motiviert sind, weil ihr Lernerfolg sie anstachelt, sich noch mehr an­zustrengen.

Diese Erkenntnisse widersprechen gängigen Vorstellungen: Ist für die Karriere nicht der Ellbogen der wichtigere Körperteil als das Gehirn? Sitzen nicht überall mittelmässige Chefs, die den Aufstieg von geistig überlegenen Mitarbeitern verhindern? Das mag in der Verwaltung oder in gewissen Universitätsbereichen so sein – im Allgemeinen stimmt es aber nicht. Gerade in den an­spruchsvollsten Berufen kommt es auf jedes Gramm Intelligenz an. Im mathematisch-naturwissenschaftlichen Gebiet etwa haben Studien gezeigt, dass Menschen mit einem IQ von 145 deutlich mehr publizieren, mehr Patente anmelden und mehr Professuren an Elite-Unis ergattern als solche mit einem IQ von 135, was ja auch nicht gerade wenig ist.

Die entscheidende Gabe der Intelligenten ist ihre Lernfähigkeit. Vorwissen, Erfahrung, Ausbildung: All dies zählt auf lange Sicht weniger als eine gute Auffassungsgabe. Wer genug Grips hat, kann sich in beinahe jedes Gebiet einarbeiten. Nicht wenige Intelligente sind in mehr als einem Beruf erfolgreich: Simonetta Sommaruga etwa studierte Sprachen, arbeitete als Konzertpianistin und war oberste Konsumentenschützerin, bevor sie, notabene ohne juristische Ausbildung, zur Schweizer Justizministerin wurde.

Die Ergebnisse der Intelligenzforschung müssten eigentlich die Personalchefs interessieren: Es wäre doch naheliegend, den IQ von Stellenbewerbern zu prüfen. Doch da gibt es eine grosse Hemmschwelle: Lieber schickt man die Kandidaten in ein teures Assessment-Center, dessen Ergebnisse keineswegs aussagekräftiger sind als die eines billigen IQ-Tests. Oder man verlässt sich allein auf den Eindruck im persönlichen Gespräch und verzichtet damit auf das beste Diagnose-Instrument. Dies sei etwa so, wie «wenn ein Arzt seinem Patienten eine Gehirntumor-Operation vorschlägt, nur weil dieser über wiederholte und heftige Kopfschmerzen klagt», schreiben die Intelligenzforscher Stern und Neubauer.

 

6. IRRTUM: DER IQ IST ANGEBOREN
Kaum etwas hat so viel Verwirrung gestiftet wie die häufig zu hörende Aussage, Intelligenz sei «zu fünfzig bis achtzig Prozent angeboren». Nein, die Zahlen sind nicht falsch. Missverständlich ist hingegen der Ausdruck «angeboren». Denn er suggeriert, ein Durchschnittsmensch komme schon mit fünfzig oder achtzig seiner späteren hundert IQ-Punkte zur Welt – eine absurde Vorstellung. Auch ein Bill Gates hätte niemals auch nur annähernd sein heutiges Intelligenzniveau erreicht, wäre er unter Wölfen statt unter Computern aufgewachsen.

Die Intelligenz eines Kindes muss sich erst entwickeln, und das tut sie in Abhängigkeit seiner Umwelt. Jedes Schuljahr steigert den IQ um drei bis fünf Punkte – darum ist es auch unfair, die Intelligenz von Menschen ohne Schulbildung zu messen: Sie hatten nie eine Chance, sich zu entfalten. Doch trotz alledem ist die Aussage richtig, dass Intelligenz zu einem recht grossen Teil in den Genen steckt. Wie das?

Instruktiv ist der Vergleich mit der Körpergrösse: Auch sie lässt sich, mehr noch als die Intelligenz, auf die Gene zurückführen. Dennoch wird ein Kind von Rieseneltern klein bleiben, wenn es in einer Hungersnot aufwächst. Die Gene geben bloss das Maximum vor. Ob es erreicht wird, hängt von den Umweltbedingungen ab. Genauso ist es bei der Intelligenz: Das Intelligenzpotenzial ist angeboren, nicht die Intelligenz selbst.

Könnte jeder sein Potenzial voll ausschöpfen, so wäre Intelligenz zu hundert Prozent angeboren. Dass wir nur fünfzig bis achtzig Prozent erreichen, ist daher ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, zumal gerade in den unteren Schichten der tiefere Wert gilt. Das bedeutet, dass Unterschichtskinder häufig in der Entwicklung ihrer Intelligenz behindert werden.

 

7. IRRTUM: INTELLIGENZ IST ERBLICH
Die Aussage ist nicht wirklich falsch: Gewiss ist Intelligenz ein Stück weit vererbbar. Aber längst nicht so sehr, wie sich viele Leute vielleicht vorstellen. Eltern und Kinder sind in ihrer Intelligenz viel unterschiedlicher als eineiige Zwillinge. «Die Familienähnlichkeit der Intelligenz ist nicht besonders gross», schreiben Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer.

Der Grund dafür ist, dass die Eltern ihr genetisches Intelligenzpotenzial keineswegs eins zu eins an ihre Nachkommen weitergeben. Ein Kind bekommt von seiner Mutter und seinem Vater jeweils nur die Hälfte des Genoms vererbt, und wenn es Pech hat, sind gerade die besten Intelligenzgene nicht darunter. Nochmals eine Generation später kann sich hohe Intelligenz komplett verflüchtigen, ebenso jede andere Begabung. So waren etwa die Kinder von Johann Sebastian Bach noch ganz passable Komponisten, von seinen Enkeln hingegen spricht heute niemand mehr. Eine Ausnahmebegabung ist immer ein einmaliges Geschenk, das unwiederholbar aus der grossen Lotterie der Natur hervorgeht.

 

50_intelligenz05_blogdasmagazin

 

8. IRRTUM: MÄNNER SIND INTELLIGENTER ALS FRAUEN
Seit Beginn der IQ-Messungen bot sich stets dasselbe Bild: In den ersten fünfzehn Lebensjahren sind die Mädchen vorne. Dann werden sie von den Buben überholt. Und für den Rest des Lebens behalten die Männer einen Vorsprung von etwa fünf Punkten auf die Frauen. Diese Regel galt für sehr unterschiedliche Länder, weshalb die meisten Forscher überzeugt waren, die Männer hätten von Natur aus etwas mehr Grips.

Doch seit ein paar Jahren sind die Frauen am Aufholen. Laut dem bekannten neuseeländischen Intelligenzforscher James Flynn haben die Frauen die Männer bereits in drei Ländern überholt, nämlich in Argentinien, Estland und Neuseeland. Auch in der traditionellen Männerdomäne Mathematik schwinden die Unterschiede zusehends. Geht der Trend so weiter, sind die Unterschiede in ein paar Jahren verschwunden.

Bei den Hochbegabten (IQ höher als 130) dominieren nach wie vor die Männer, und zwar umso mehr, je weiter man die Intelligenzskala emporklettert. Bei IQ 145 beispielsweise beträgt das Männer-Frauen-Verhältnis acht zu eins. Unter den 66 Mitgliedern der Tetra High IQ Society (Aufnahmebedingung: IQ höher als 160) gibt es nur eine einzige Frau. Doch die Männer sollten deswegen nicht frohlocken: Erstens ist der Vorsprung auf die Frauen auch bei den Hochbegabten stark geschrumpft. Zweitens ist die Dominanz der Männer schlicht Ausdruck dessen, dass sie breiter über die Intelligenzskala verstreut sind. Es gibt also nicht nur mehr sehr intelligente, sondern auch mehr sehr dumme Männer.

 

9. IRRTUM: DIE GESELLSCHAFT VERDUMMT
Gross war die Empörung, als Thilo Sarrazin, damals Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, vor drei Jahren eine provokante These verkündete: «Wir werden auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer.» Begründung: Einwanderer hätten meist einen unterdurchschnittlichen IQ, aber überdurchschnittlich viele Kinder. Wegen der Vererbung der Intelligenz führe dies über kurz oder lang zu einer Verdummung der Gesellschaft.

Das klingt im ersten Moment logisch. Die Argumentation verfinge aber nur, wenn die Einwanderer genetisch dümmer wären als die Einheimischen. Da Migranten jedoch oft den unteren Gesellschaftsschichten angehören, kann man davon ausgehen, dass die Intelligenz bei ihnen zu einem recht grossen Teil milieubedingt ist (siehe 6. Irrtum). Der Rückstand ist also zumindest theoretisch wettzumachen.

Und in der Praxis geschieht dies auch. Die Verdummungsthese ist uralt, hat sich aber bis heute nicht bestätigt. Schon der grosse Charles Darwin beklagte sich darüber, «dass auch die schwächeren Glieder der zivilisierten Gesellschaft ihre Art fortpflanzen» – dies sei zweifellos «für die Rasse des Menschen im höchsten Grade schädlich». Von diesem Schaden ist aber nichts zu sehen, im Gegenteil: «Viele Mitglieder der damaligen Unterschicht sind zu den Menschen geworden, die wir heute um uns herum sehen», schreibt James Flynn. «Sie sind bildungsfähig und nehmen all jene wichtigen sozialen Rollen ein, die einst als Privileg der Oberklasse galten.»

Flynn ist der Entdecker eines erstaunlichen Effektes: Wir werden immer gescheiter. Seit Beginn der Intelligenzmessungen hat der mittlere IQ fast überall auf der Welt jährlich um durchschnittlich einen Drittelpunkt zugenommen. Die Intelligenztests müssen immer wieder neu geeicht werden, damit der Schnitt bei hundert Punkten bleibt. Gemäss derzeitigem Massstab hatte der Durchschnittsamerikaner vor hundert Jahren etwa einen IQ von siebzig Punkten – in diesem Bereich liegen heute die ärmsten Gebiete Schwarzafrikas. Wenn der Flynn-Effekt anhält – und dagegen spricht derzeit wenig –, haben diese Länder also eine reelle Chance, in den nächsten Jahrzehnten deutlich aufzuholen.

Der Flynn-Effekt ist ein Ausdruck dessen, dass unsere Intelligenz von der Umwelt geformt wird. Vermutlich hat die verbesserte Ernährung einen Anteil, ebenso die Gesundheit. Weltweit gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Infektionskrankheiten und Intelligenzquotient: Ein Kind, das ständig mit Parasiten kämpft, kann weniger Energie in die Hirnentwicklung stecken. Hygiene, Impfungen und Antibiotika steigern darum die Intelligenz.

Der Hauptgrund für den permanenten IQ-Anstieg ist aber, dass wir uns an eine immer komplexere Umwelt anpassen. Immer rascher müssen wir uns an neue Geräte und Umstände gewöhnen, der Schulstoff wird dichter, ja sogar die Filmhandlungen sind verschlungener als noch vor einer Generation. Dies alles hat unser Denkvermögen verbessert. Leider fehlt im Deutschen ein Ausdruck für das Gegenteil von «Verdummung» – wir würden dieses nicht vorhandene Wort an dieser Stelle nämlich gerne verwenden.

 

10. IRRTUM: HOCHINTELLIGENTE SIND ASOZIAL
Das Klischee stimmt nicht: Bis in die höchsten IQ-Zonen hinauf sind Hochbegabte völlig normale Menschen. Sie essen Fast Food, machen Strandferien und erzählen einander gerne den neusten Büroklatsch. Etliche Studien zeigen, dass Intelligente sogar sozial kompetenter und emotional ausgeglichener sind als der Durchschnitt. Es ist bestimmt kein Zufall, dass es mit Angela Merkel eine Physikerin ist, die das Machtspiel beherrscht wie keine Zweite und die es schafft, niemals jemanden vor den Kopf zu stossen.

Gerade im Bereich der Mathematik und Physik gibt es aber auch Käuze, die eine Kontaktstörung haben – sie interessieren sich für nichts anderes als für ihr Fach. Prototyp ist der russische Mathematiker Grigori Perelman, der monatelang mutterseelenallein auf einer Datscha lebte, um sich nonstop mit dem Beweis der poincaréschen Vermutung zu beschäftigen. Man muss dazu aber sagen, dass es sich bei diesem Typus um eine kleine Minderheit handelt.

Ausserdem ist eine starke Fokussierung bei besonders komplexen Problemen schlicht unabdingbar. «Ein Schuss Autismus» sei wohl für bestimmte wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeiten vonnöten, schrieb der österreichische Kinderarzt Hans Asperger, nach dem das entsprechende Syndrom benannt ist. «Daraus kann eine unbeirrbare Schlagkraft kommen, welche diese Menschen den Normalen durchaus überlegen macht.» Der Erfolg gibt ihnen recht: Nach sechs Jahren Brüten hatte Perelman seinen Beweis fertig.

Intelligenz wirkt sich nicht nur auf den Berufserfolg positiv aus (siehe 5. Irrtum), sondern auch auf viele weitere Lebensbereiche. Gescheite sind gesünder, machen mehr Sport, müssen weniger ins Gefängnis und haben weniger Unfälle als der Durchschnitt. Es gibt auch Nachteile: Sie tragen häufiger eine Brille (hier stimmt das Klischee), und offenbar konsumieren sie auch mehr Drogen. Dies liege an der Neugier der Intelligenten, heisst es, an ihrer Freude am Ausprobieren. Andere Erklärungen sind gewiss denkbar.

Der wichtigste und rätselhafteste Vorteil von Intelligenz ist jener der höheren Lebenserwartung. Der Effekt ist stark, besonders bei Frauen, wie eine umfassende Studie aus Schottland zeigte: Die intelligentesten Frauen (oberstes Viertel) hatten eine Chance von 70 Prozent, 76 Jahre oder älter zu werden – im untersten Viertel betrug die Wahrscheinlichkeit bloss etwa 45 Prozent. Gewiss spielen hier auch Dinge wie Geld und Gesundheitsverhalten eine Rolle, aber sie können nur einen kleinen Teil des Effekts erklären. Man vermutet deshalb, dass jene Gene, die für hohe Intelligenz mitverantwortlich sind, gleichzeitig auch lebensverlängernd wirken. Die Welt ist un­­gerecht.

 

11. IRRTUM: INTELLIGENZ MACHT GLÜCKLICH
Angesichts der vielen Vorteile von Intelligenz beginnt vielleicht manch einer mit seinen Hirnzellen zu hadern. Doch es gibt einen Trost: Zwischen Lebenszufriedenheit und IQ besteht kein Zu­sammenhang. Obwohl es den Intelligenten gesundheitlich, finanziell und beruflich besser geht, sind sie im Durchschnitt nicht zufriedener. Das ist nicht leicht zu erklären.

Womöglich ist es schlicht das permanente Nachdenken, das unglücklich macht: Es ist anstrengend, und manche Einsichten können deprimierend sein. «Ich pfeife auf die Intelligenz: Ich wäre durchaus zufrieden, wenn ich viel Instinkt hätte», schrieb der französische Schriftsteller Jules Renard in seinem Tagebuch. Dummerweise lässt sich aber das Oberstübchen nicht einfach abschalten, wenn man genug vom Grübeln hat.

Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer haben eine andere Erklärung für das relative Unglück der Intelligenten: Sie vermuten, dass etliche von ihnen beruflich unterfordert sind. «Wer bei hoher Intelligenz einer intellektuell wenig anspruchsvollen Tätigkeit nachgeht, wird mutmasslich unzufriedener sein als jemand, der seinen intellektuellen Möglichkeiten entsprechend gefordert wird», schreiben die Forscher. Eine Mitschuld an der falschen Be­rufswahl trage die Berufsberatung, die sich statt auf Begabungstests oft bloss auf Interessentests stütze, obwohl diese wenig aussagekräftig seien. Für soziale und unternehmerische Berufe gilt sogar: Wer sich besonders stark dafür interessiert, ist unterdurchschnittlich gut dafür geeignet!

 

50_intelligenz03_blogdasmagazin

 

12. IRRTUM: INTELLIGENZ MACHT KLUG
Intelligenz und Klugheit sind nicht dasselbe. Intelligent wird man durch ein effizientes Gehirn. Klug wird man durch Erfahrung. Das eine führt nicht automatisch zum anderen, und manch ein Bergbauer versteht besser als ein hochtrabender Professor, wie die Welt funktioniert. Ein etwas weniger Begabter kann ein genauso erfülltes und sinnvolles Leben führen wie ein Intelligenzprotz. Wir sollten uns davor hüten, «den Intellekt zu unserem Gotte zu erheben», schrieb Albert Einstein, «er hat zwar gewaltige Muskeln, aber keine Persönlichkeit. Er kann nicht führen, sondern nur dienen, und er ist nicht wählerisch in der Wahl seines Herrn.» Wie wahr dies ist, hat das 20. Jahrhundert in aller Deutlichkeit gezeigt: Gerade die Intellektuellen erwiesen sich als besonders verführbar durch Ideologien.

 

13. IRRTUM: INTELLIGENZ IST GEIL
Intelligente haben weniger Sex! Darauf deuten Umfragen an amerikanischen Colleges hin. Ausgerechnet an Elite-Unis ist der An­teil von Jungfrauen besonders hoch. Am Massachusetts Institute of Technology etwa sollen drei Viertel der Biologiestudenten noch nie Sex gehabt haben, sodass man sich ernsthaft fragen muss, ob sie Darwin wirklich verstanden haben. Offenbar lag der britische Schriftsteller Aldous Huxley richtig, als er schrieb: «Ein Intellektueller ist eine Person, die etwas entdeckt hat, das interessanter ist als Sex.»