Die verpasste Chance

Vor fünf Jahren mussten die UBS und Dutzende andere Finanzinstitute vom Staat gerettet werden. Dennoch machen die Banken fast so weiter wie zuvor.



Text  Mark Dittli
Es gibt Daten, die brennen sich in die Historie ein. Viele Menschen wissen noch ganz genau, wo sie am 11. September 2001 waren, als sie die Bilder der brennenden Türme des World Trade Centers in New York sahen. In der Finanzwelt ist eines dieser Daten der 15. September 2008: der Tag, an dem die Investmentbank Lehman Brothers unterging. Oder, in der Schweiz, der 16. Oktober 2008: der Tag, an dem Bund und Nationalbank die wankende UBS retten mussten.

Das globale Finanzsystem erlitt damals beinahe eine Kernschmelze, die Weltwirtschaft rutschte in die schwerste Rezession seit mehr als siebzig Jahren. Reihenweise kollabierten die Banken, und Staaten mussten Hunderte von Milliarden Dollar aufwerfen, um sie zu stabilisieren. 37 unter den 100 weltweit grössten Banken waren auf die Hilfe des Staates angewiesen. Sie waren zu gross, zu vernetzt und zu wichtig für das Geldflusssystem, als dass man sie hätte untergehen lassen können: too big to fail eben.

Es war eine Nahtoderfahrung für die westliche Wirtschaftswelt.

Ein halbes Jahrzehnt ist seither vergangen. Genug Zeit für Banken und Regulatoren, alles Nötige zu unternehmen, damit eine derartige Katastrophe nie mehr geschehen kann. Doch die Zeit wurde nicht genutzt.

«Das Finanzsystem ist heute nicht sicherer als vor dem Lehman-Kollaps. Die Situation ist sogar schlimmer als zuvor», sagt der Physiker Didier Sornette, der an der ETH Zürich das Financial Crisis Observatory leitet. «Das ‹Too big to fail›-Problem ist heute grösser als vor fünf Jahren», warnt Simon Johnson, der damals hautnah dabei war: Der am Massachusetts Institute of Technology lehrende Brite war 2007 und 2008 Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. «Mit Blick auf die nächsten fünf Jahre oder so müssen wir davon ausgehen, dass sich der Zyklus wiederholt und sich eine ähnliche Katastrophe, möglicherweise sogar eine noch schlimmere, ereignen wird», sagt Johnson.

Die Realität ist ernüchternd. Fünf Jahre nach dem Kollaps ist das globale Finanzsystem nicht sicherer geworden. Keines der grundlegenden Probleme wurde gelöst. Es hat sich nichts geändert. Was ist schiefgelaufen? Versuchen wir eine Erklärung.

 

Das Besondere an Banken
Im Kern geht es um drei ungelöste Grundprobleme. Erstens: Systemrelevante Finanzkolosse können im Notfall nach wie vor nicht in einem geordneten Prozess untergehen. Zweitens: Die schädlichen Anreizstrukturen innerhalb der Banken haben sich nicht verändert. Und drittens: Die meisten grossen Banken sind und bleiben massiv unterkapitalisiert.

Das erste Problem mag paradox klingen. Wieso soll eine Bank nicht wie jedes andere Unternehmen in Konkurs gehen können? Besonders Stimmen aus dem ordnungspolitisch liberalen Lager, die die Rettungsaktionen vor fünf Jahren als Sündenfall bezeichneten, äusserten die Forderung oft: Man soll Banken einfach untergehen lassen.

Diese Aussage ist naiv. Der Grund dafür liegt zum einen in der Rolle, die Grossbanken in der realen Wirtschaft wahrnehmen, und zum zweiten in der Struktur der Bilanz einer Grossbank. Banken stellen die Transferfunktion für das Tauschmittel Geld sicher; sie ermöglichen den Handel, sie sind das Schmiermittel der Wirtschaft. Wenn grosse, übernational tätige Banken diese Funktion nicht mehr wahrnehmen können – vor allem, wenn es mehrere gleichzeitig betrifft –, nimmt die Wirtschaft schweren Schaden. Das war im Spätherbst 2008 eindrücklich zu beobachten, als sich in Asiens Häfen Hunderte von Frachtschiffen stauten: Sie konnten nicht auslaufen, weil die Banken keine Vorfinanzierungen für die Transporte mehr gewährten.

Eine Bank ist kein normales Unternehmen. Jede andere Gesellschaft, selbst ein international vernetzter Grosskonzern, kann im Insolvenzfall – das heisst, wenn die Bilanz überschuldet ist – in einem geordneten Verfahren saniert oder zerlegt werden. Der Schuldendienst wird ausgesetzt, und es wird mit den Gläubigern in Ruhe ein Tausch von Schulden in neues Eigenkapital verhandelt. In diesem Prozess haben auch die Gläubiger Interesse an einem glimpflichen Ausgang, denn das steigert die Wahrscheinlichkeit einer Rückzahlung ihrer Kredite. Ist eine Sanierung aussichtslos, liquidiert ein Nachlassverwalter die Vermögenswerte des Unternehmens. Dieser Prozess kann Jahre dauern; im Fall der Swissair-Gruppe ist er nach zwölf Jahren noch nicht abgeschlossen.

Einer Bank steht diese Zeit nicht zur Verfügung. Die Bilanz einer Bank ist zu einem enorm hohen Grad von fremden Geldgebern finanziert: andere Banken, Geldmarktvehikel, Obligationäre, Sparer. Und ein grosser Teil dieses Fremdkapitals ist ihr nur kurzfristig zur Verfügung gestellt; es kann per Knopfdruck abgezogen werden. Doch dieses Geld hat die Bank in der Regel deutlich längerfristig wieder ausgeliehen respektive in den Kauf von Finanzanlagen investiert. Diese Inkongruenz in den Fristen – kurzfristig verschuldet, langfristig investiert – funktioniert nur, wenn die Bank jederzeit ablaufende Schulden durch neue ersetzen kann. Anders gesagt: Anders als bei einem normalen Unternehmen besteht die Bilanz einer Bank nicht aus Lagerbeständen, Fabriken und Forschungsstätten, sondern vor allem aus einem: Vertrauen.

Ist dieses Vertrauen am Finanzmarkt infrage gestellt, erleidet die Bank eine moderne Version des Bankensturms: Kapitalgeber ziehen ihr Geld ab. Um ihren Verpflichtungen nachzukommen, muss die Bank ihre Finanzanlagen verkaufen. Doch wenn zahlreiche Banken gleichzeitig in dieser Situation gefangen sind, geraten die Preise dieser Anlagen immer mehr ins Rutschen; die Banken erleiden Verluste auf ihren Notverkäufen. Irgendwann sind diese Verluste so hoch, dass die dünne Eigenkapitaldecke einer Bank aufgezehrt ist. Sie ist insolvent, im Sinn des Wortes: bankrott.

 

Bilanzen aus Luft
Nun kommt der Unterschied zu einem normalen Unternehmen: Die Kreditgeber einer Bank sind nicht eine Handvoll langfristig gebundener anderer Banken, mit denen eine Sanierung ausgehandelt werden kann. Sie hat es mit Hunderten von Geldmarktvehikeln, Obligationären und anderen Banken aus Dutzenden Ländern zu tun. Die warten nicht. Wer kann, zieht sein Geld ab.

Soll die Sanierung oder Liquidation einer international vernetzten Grossbank gelingen, so muss diese innerhalb eines Wochenendes isoliert und ein Teil des Fremdkapitals per Zwang in Eigenkapital getauscht werden. Nur so kann das Vertrauen wiederhergestellt werden. Denn herrscht am Montagmorgen, wenn die Finanzmärkte wieder öffnen, keine Klarheit über die Solvenz der Bank und zweifeln deren Gegenparteien an ihrer Geschäftsfähigkeit, setzt sich die Kapitalflucht fort. Die Bilanz zerfällt zu Staub. Weil aber Bankenkrisen selten isoliert, sondern meist im Zusammenhang mit einer breiteren Marktpanik auftreten, wäre in diesem Szenario eine Ansteckung anderer Institute kaum zu vermeiden.

Im Nachgang der Lehman-Krise gelobten Politiker in verschiedenen multinationalen Gremien, die regulatorischen Voraussetzungen für die Isolierung und Abwicklung grenzüberschreitend tätiger Grossbanken zu schaffen. Einige Finanzhäuser, etwa die Credit Suisse, erarbeiteten ebenfalls Vorschläge. Effektiv umgesetzt ist jedoch wenig bis nichts. «Realistischerweise muss man davon ausgehen, dass im Krisenfall auch heute noch jede nationale Aufsichtsbehörde eigennützig handeln und Vermögenswerte einer kollabierenden Grossbank auf ihrem Territorium sichern wird», sagt ein Geschäftsleitungsmitglied einer Schweizer Grossbank, das nicht genannt werden will.

Für Grossbanken gilt daher immer noch, was der frühere britische Notenbankgouverneur Mervyn King einst sagte: Sie sind global im Leben, aber national im Sterben. Auch Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank, gab im September in einem Interview in der «Finanz und Wirtschaft» zu: «Die ordentliche Abwicklung einer global tätigen Grossbank ist heute wahrscheinlich noch nicht möglich. Daher müsste weiterhin zwischen den hohen volkswirtschaftlichen Kosten eines ungeordneten Konkurses und den Kosten staatlicher Hilfe ab­gewogen werden.»

Ist also ein Finanzminister an einem Freitagabend mit der Tatsache einer insolventen systemrelevanten Grossbank in seinem Land konfrontiert, stehen ihm zwei Optionen zur Verfügung: Entweder er lässt die Bank fallen und riskiert am Montag ein Chaos, oder er stellt sich mit der Bilanz seines Staates hinter die Bank, rekapitalisiert sie mit Steuergeldern und stellt auf diese Weise sicher, dass an ihrer Solvenz keinerlei Zweifel mehr be­stehen. Er wird sich auch heute noch für die zweite Option entscheiden müssen, weil diese weniger Risiken birgt.

Die Bankmanager wissen daher – explizit oder implizit –, dass sie im Notfall weiterhin von ihrem Heimatstaat gerettet werden. Und hier kommt das zweite ungelöste Problemfeld ins Spiel: die Anreize.

 

Der Reiz der Verschuldung
Banken und Staaten stehen seit achthundert Jahren, als die ersten Geldhäuser in Florenz und Siena die Feldzüge ihrer Fürsten finanzierten, in einem Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit. Im 19. Jahrhundert kam es in den USA und in Europa zu zahlreichen Bankenkrisen, in denen Sparer häufig ihre Einlagen verloren. Um das System zu stabilisieren, entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vielen Ländern – auch in der Schweiz – Zentralbanken, die die Aufgabe erhielten, den Geschäftsbanken als Kreditgeber letzter Instanz zu dienen. Nach der Weltwirtschaftskrise in den Dreissigerjahren, die ebenfalls von heftigen Bankenkrisen begleitet war, entstand ein weiteres Sicherheitsnetz in Form von Einlagenversicherungen. Kleinsparer waren fortan geschützt und mussten in einer Bankenkrise nicht mehr um ihre Einlagen fürchten.

Diese Massnahmen waren volkswirtschaftlich und gesellschaftspolitisch durchaus sinnvoll. Den Banken gaben sie aber auch ein Signal: Die Gewinne in guten Zeiten gehören uns, katastrophal grosse Verluste werden vom Staat übernommen. Andrew Haldane, Exekutivdirektor bei der Bank of England und zuständig für das Dossier Systemstabilität, nennt diese Evolution einen «Doom Loop», einen verhängnisvollen Kreislauf: Nach jeder Bankenkrise über die vergangenen hundert Jahre haben die Staaten das Sicherheitsnetz etwas enger gespannt und damit den Banken implizit das Signal gegeben, es sei in Ordnung, wenn sie künftig noch etwas sorgloser agierten.

Nicht nur die Banken haben diesen Anreiz aufgenommen, sondern auch ihre Kapitalgeber: Geldmarktfonds, Obligationäre und andere Banken gewähren den Finanzhäusern freimütig Kredit, weil sie davon ausgehen können, dass der Domizilstaat der fraglichen Bank rettend einspringen wird, sollte diese jemals in Schwierigkeiten geraten. Dieser Anreiz ist sicht- und berechenbar, denn die Ratingagenturen, die die Kreditwürdigkeit einer Bank einschätzen, geben stets zwei Ratings ab; eines auf «Standalone»-Basis, das heisst ohne Berücksichtigung der impliziten Staatsgarantie, und eines auf «Support»-Basis, das die angenommene Staatsgarantie einbezieht.

Haldane hat die Bonitätsratings der 29 weltgrössten Banken untersucht und nachgewiesen, dass ihr Support-Rating im Schnitt um drei Stufen höher, also besser, ist als ihr Standalone-Rating. Weil am Bondmarkt das Support-Rating entscheidet, bedeutet dies, dass die Banken dank impliziter Staatsgarantie in den Genuss abnormal niedriger Kosten für Fremdkapital kommen. Das ist nichts anderes als eine staatliche Subventionierung der Kapitalkosten für die Banken. Den Wert dieser impliziten Subvention für die 29 weltgrössten Banken berechnet Haldane gegenwärtig auf fast 500 Milliarden Dollar – im Schnitt 17 Milliarden Dollar je Bank.

Diese Tatsache schafft gleich zwei schädliche Anreize: Erstens streben die Banken danach, möglichst gross zu sein, denn je grösser sie sind, desto höher ist der Wert der staatlichen Subvention. Und zweitens haben sie jedes Interesse, einen möglichst grossen Teil ihrer Bilanz mit subventioniertem, billigem Fremd- und möglichst wenig mit Eigenkapital zu finanzieren.

 

Können mal Glück
Ein weiteres Beispiel schädlicher Anreize findet sich innerhalb der Banken, in der Berechnung der Bonizahlungen für die Topmanager. Als eine Hauptzielgrösse wird dabei die Eigenkapitalrendite definiert, weil, so das Argument, sie auch die Rendite ist, die den Aktionären zukommt. Doch es ist problematisch, die Eigenkapitalrendite als Massstab für Managementleistung zu nehmen, weil sie vom Verschuldungsgrad abhängig ist. Etwas technisch ausgedrückt: Die Eigenkapitalrendite ergibt sich aus der Gesamtkapitalrendite, multipliziert mit dem Verschuldungsgrad. Oder simpler: Die Eigenkapitalrendite ergibt sich aus Können, multipliziert mit Glück. Die Gesamtkapitalrendite zeigt nämlich das Können der Manager, mit der bestehenden Bilanz eine möglichst hohe Rendite zu erzielen. Der Verschuldungsgrad hingegen ist reines Glück: In guten Zeiten erhöht er die Eigenkapitalrendite um ein Vielfaches, und in schlechten Zeiten wirkt er zerstörerisch.

Die Bankenmanager sind dem Anreiz ausgesetzt, den Verschuldungsgrad bis zum maximal Zulässigen auszureizen und so die Eigenkapitalrendite aufzupeppen. Es ist daher absurd, wenn ein Banken-CEO heute das Ziel verkündet, 15 Prozent – oder 25 Prozent, wie vor wenigen Jahren Josef Ackermann bei der Deutschen Bank – Eigenkapitalrendite erreichen zu wollen. Ohne Einbezug der Veränderung des Verschuldungsgrades ist eine derartige Aussage wertlos.

«All die schädlichen Anreizsysteme innerhalb der Banken sind heute noch intakt», sagt ETH-Professor Sornette, «da hat sich in den fünf Jahren seit Lehman nichts geändert.» Die Banken und ihre Topmanager haben nach wie vor den Anreiz, möglichst gross und möglichst hoch verschuldet zu sein. Das Resultat ist das dritte ungelöste Problemfeld: weiterhin schwach kapitalisierte Bilanzen.

 

Tönerne Füsse
Im Jahr 2007, als das Finanzsystem aus den Fugen zu geraten begann, wiesen die meisten global agierenden Grossbanken Eigenkapitalquoten von unter 3 Prozent aus: Also waren von 100 Dollar ihres Vermögens mehr als 97 Dollar mit Krediten finanziert. Ende Juni 2007 wies die UBS eine Eigenkapitalquote von 2 Prozent aus, die Deutsche Bank von knapp 1,9 Prozent.

Ein Industrieunternehmen könnte niemals mit derart wenig Eigenkapital arbeiten. Doch im Banking war das die Normalität. Es war allerdings nur die Normalität in der jüngeren Vergangenheit: Gemäss Daten der US-Einlagenversicherungsbehörde hielten die Banken in den Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert noch 20 bis 50 Prozent Eigenkapital, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren es 10 bis 20 Prozent, und bis in die Achtzigerjahre waren es immerhin 5 bis 10 Prozent. Nie in der Historie waren die Banken grösser und schwächer kapitalisiert als im Jahr 2007: mächtig anmutende Türme, ohne Fundament. Und dann begann der Sturm.

Als die Marktpreise für verbriefte Hypothekarkredite im Verlauf der Krise ins Rutschen gerieten und die Banken immer höhere Verluste erlitten, frass sich das Loch rasend schnell durch die dünnen Eigenkapitaldecken. Um ihre Solvenz zu sichern, nahmen etliche Banken in Panik immer wieder neues Eigenkapital auf; zunächst fanden sie in asiatischen Staatsfonds noch willige Käufer für neue Aktien. Doch irgendwann funktionierte das nicht mehr, sodass am Ende bei Banken wie UBS, Citigroup, Royal Bank of Scotland, Anglo Irish Bank, Commerzbank oder Bank of America der Staat einspringen musste. 37 der 100 weltgrössten Banken mussten gemäss Daten der Bank of England damals gerettet werden. Die Bankbilanzen hatten sich als viel zu wenig robust erwiesen.

 

Süsse Argumente
Im Nachgang der Krise hätte es einen simplen Weg gegeben, dieses Problem rasch und effektiv zu lösen: Die Banken sollten deutlich mehr Eigenkapital halten. Das schafft zwar keinen Schutz vor weiteren Unfällen, aber mit mehr Eigenkapital können viel höhere Verluste verkraftet werden, bevor die Solvenz der Bank am Markt infrage gestellt wird. Der Schritt hätte die Robustheit des gesamten Finanzsystems deutlich erhöht.

Der Basler Ausschuss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich machte sich zwar an die Arbeit und stellte Ende 2010 das sogenannte Basel-III-Regelwerk vor, das höhere Eigenmittelanforderungen empfiehlt. Insgesamt war das Paket aber viel zu zahm. Die Regulatoren machten drei Hauptfehler: Sie gingen in den Eigenmittelanforderungen viel zu wenig weit, sie setzten zu lange Fristen für deren Einführung (bis 2019) und erlaubten drittens den Banken in der Berechnung ihrer Eigenkapitalquote weiterhin die Risikogewichtung ihrer Anlagen.

Die Banken setzten sich vehement gegen höhere Eigen­kapitalvorschriften zur Wehr. Eigenkapital sei teuer, warnten sie, daher werde sich ihre Kreditvergabe verteuern, was wiederum die Realwirtschaft schwäche. Das Argument verfing. Es klingt logisch. Aber es ist falsch. Es lässt sich mit ökonomischen Argumenten wasserdicht widerlegen. «Die Aussage, Eigenkapital sei für die Banken zu teuer, ist ein Mythos, sie hat keine faktische Basis», sagt der frühere IWF-Chefökonom Johnson. Es gebe auch keinen Beweis dafür, dass höhere Kapitalanforderungen die Wirtschaft schwächten.

Die an der Stanford-Universität in Kalifornien lehrende Finanzprofessorin Anat Admati hat im Frühjahr 2013 zusammen mit dem deutschen Ökonomen Martin Hellwig vom Max-Planck-Institut in Bonn das Buch «The Banker’s New Clothes» publiziert, in dem sie die Argumente der Banken zerpflückt. «Wie viel Eigenkapital eine Bank besitzt, hat nichts mit ihrer Kreditvergabe zu tun», sagt Admati, «die Banken wiederholen diese Warnung immer wieder, in der Hoffnung, dass sie dann für wahr gehalten wird.»

Auch die Ökonomen des IWF haben nachgewiesen, dass höhere Eigenkapitaldecken nicht zu einer Kreditverknappung führen, ganz im Gegenteil: Während der Finanzkrise waren es die am besten kapitalisierten Banken, die ihre Kreditvergabe am wenigsten einschränkten.

Admati und Hellwig zeigen, dass Eigenkapital für Banken nicht per se teuer ist. Es erscheint bloss teuer, weil sie kaum welches besitzen und ihre Bilanz daher für Eigenkapitalgeber hochriskant ist. Hält die Bank mehr Eigenkapital, wird ihre Bilanz sicherer, die Wahrscheinlichkeit eines Insolvenzfalls sinkt. Die erhöhte Sicherheit wiederum erlaubt es der Bank, sich günstiger sowohl mit Fremd- wie auch mit Eigenkapital zu finanzieren. Verzerrend wirkt in diesem Bild bloss die Tatsache, dass die Fremdkapitalkosten der Banken dank der impliziten Staatsgarantie abnormal günstig sind. Nicht das Eigenkapital ist also zu teuer, sondern das Fremdkapital dank der staatlichen Subvention zu billig.

 

Gefährliche Präzision
Trügerisch ist zudem die Praxis, dass die Banken für die Berechnung der Basel-III-Eigenkapitalquote – das gilt auch für nationale Richtlinien wie in der Schweiz – die Anlagen in ihrer Bilanz mittels eigener Modelle nach Risiken gewichten dürfen. Verbriefte Hypothekarkredite mit der Bonitätsbestnote AAA zählten vor der Finanzkrise beispielsweise mit null Risikogewicht, das heisst, die Banken durften sie als risikofrei betrachten. Das Gleiche gilt für Anleihen von Staaten wie Griechenland.

Andrew Haldane von der Bank of England rechnet vor, dass für die Risikogewichtung in einer Bankbilanz Millionen Parameter geschätzt werden müssen und dass schlicht zu wenige historische Daten verfügbar sind, um überhaupt brauchbare Resultate zu erhalten. Es sei gefährlich, ein enorm komplexes System wie das Bankenwesen mit komplexen Regeln kontrollieren zu wollen, warnte er im August 2012 in einer Rede am jährlichen Notenbankertreffen in Wyoming. Besser sei es, einfache, klare und transparent nachvollziehbare Regeln zu verwenden.

Haldane führte ins Feld, dass der Glass-Steagall Act von 1933, der in den USA das Trennbankensystem festschrieb, aus 37 Seiten bestand. Das Basel-III-Regelwerk umfasse dagegen 616 Seiten, und das amerikanische Dodd-Frank-Gesetz, das nach der Finanzkrise erlassen wurde, dürfte in seiner Endfassung gegen 30 000 Seiten zählen. Die komplexen neuen Regeln böten den Banken viel zu viele Schlupflöcher, warnt der Brite. Er hält es daher für weitaus besser, die Eigenkapitalquote auf Basis der ungewichteten Bilanzsumme zu berechnen.

«Eines wissen wir: In jeder Krise hat sich gezeigt, dass die Risikogewichte der Banken komplett falsch waren», sagt Simon Johnson. Er weist darauf hin, dass die meisten Grossbanken heute auf risikogewichteter Basis zwar eine Eigenkapitalquote von 10 Prozent oder mehr aufweisen, sie in der ungewichteten Berechnung jedoch immer noch um 3 Prozent oder noch tiefer liegt. Die UBS kam Mitte 2013 auf 3,9 Prozent, die Deutsche Bank auf 3 Prozent. «3 Prozent sind viel zu wenig», warnt er, «die Grossbanken sollten mindestens 10 Prozent ihrer ungewichteten Bilanz in Form von Eigenkapital halten. Erst dann könnte von einem robusteren Finanzsystem gesprochen werden», sagt der MIT-Professor.

Noch weiter gehen Admati und Hellwig, die Eigenkapitalquoten von 20 bis 30 Prozent fordern. «Das ist in anderen Branchen völlig normal und liesse sich auch im Fall der Banken sofort umsetzen», sagt die Amerikanerin.

Ein weiterer Makel der Risikogewichtung nach internen Modellen liegt in ihrer Scheinpräzision. Die gängigen Risikomodelle gehen von der Grundannahme aus, dass in der Finanzwelt alle Risiken berechen- und damit absicherbar sind. Das Konzept der echten – und unberechenbaren – Ungewissheit wurde in der modernen Finanztheorie wegrationalisiert. So gehen die Risikomodelle davon aus, dass die Preisausschläge an den Finanzmärkten dem Gesetz der Normalverteilung folgen und die historischen Korrelationen zwischen einzelnen Anlagen konstant sind. Wenn an den Märkten Panik herrscht, gelten diese Annahmen jedoch genau nicht mehr, und die Risikomodelle senden ein falsches Signal von Sicherheit. Das ist vergleichbar mit einem Airbag, der immer zuverlässig funktioniert – ausser im Fall einer Frontalkollision mit 120 km/h.

 

Was ist liberal?
So weit die Feststellung: Die Anreizstrukturen in den Banken haben sich nicht verändert, diese haben immer noch das Interesse, möglichst wenig Eigenkapital zu halten. Als Folge davon sind die Grossbanken nach wie vor stark unterkapitalisiert. Wie aber konnte es dazu kommen? «Die Banken haben die bestfinanzierte und bestorganisierte Lobby der modernen Wirtschaftsgeschichte», sagt Simon Johnson. «Ihre Strategie war klar: verzögern, verzögern, verzögern. Je länger man eine neue Regulierung verzögert, desto zahmer wird sie.» Auch der an der New York University lehrende Historiker Richard Sylla sieht die hauptsächliche Erklärung in der Lobbyingmacht der Banken. «Sie haben den Reformprozess erfolgreich verlangsamt und versuchen, ihn totzureden», sagt er.

Es ist offensichtlich, dass sich Politiker und Regulatoren von den Argumenten der Banken beeindrucken liessen. Das war auch in der Schweiz zu sehen: Der vormalige UBS-Chef Oswald Grübel drohte mehrmals öffentlich, seine Bank könnte den Hauptsitz in ein anderes Land verlegen, sollten die Eigenmittelanforderungen zu scharf ausfallen.

Doch an der Lobbyingmacht allein kann es nicht liegen. Vier weitere mögliche Erklärungen lauten: Erstens wurde die falsche Debatte geführt, zweitens wurde die Finanzkrise fälschlicherweise als historisch einzigartiges Ereignis betrachtet, drittens war, rückblickend betrachtet, alles gar nicht so schlimm, und viertens liess man sich vom Argument der «gleich langen Spiesse» blenden.

Von Beginn weg verlief die öffentliche Debatte rund um das Thema «Too big to fail» insbesondere in der Schweiz in einem naiven Links-Rechts-Schema: Es ging um die plumpe Frage zwischen mehr Regulierung und mehr Freiheit für die Banken, wobei sich die politische Linke für mehr Regulierung und die liberal-bürgerliche Seite für mehr Freiheit einsetzten. Doch was hat eine eindeutig bewiesene staatliche Subvention mit einem freien Markt zu tun? Es wäre ein urliberales Ansinnen gewesen, die marktverzerrende Subvention der Grossbanken zu eliminieren – eine Tatsache, die die «Liberalen» in der Schweiz und den meisten europäischen Ländern übersahen. Pikanterweise sind es in den USA derzeit vor allem stramme Marktliberale wie der frühere Notenbanker Thomas Hoenig, die sich für härtere Kapitalanforderungen und sogar eine Zerschlagung der «Too big to fail»-Banken einsetzen.

Die zweite mögliche Erklärung für die zahnlose Reaktion ist das oft geäusserte Argument, die Krise sei ein Jahrhundertereignis gewesen. Es sei übertrieben, die Banken wegen eines einmaligen Ausrutschers in ihren Entfaltungsmöglichkeiten zu behindern. Doch so verständlich das Argument auch klingen mag: Es ist gefährlich und falsch. Denn was sich 2007 und 2008 abspielte, war kein Meteoriteneinschlag, kein exogenes, unvorhersehbares Ereignis. Im Finanzsystem entstehen die Risiken endogen, im Inneren; sie entstehen und wachsen durch das Verhalten der Marktakteure selbst – begünstigt durch schädliche Anreizstrukturen. Die asymmetrische Verteilung privater Ge­winne und vom Staat übernommener Verluste animiert das Finanzsystem als Ganzes dazu, stets an seine Grenzen – und immer wieder darüber hinaus – zu gehen. Zwischen 1980 und 2010 ereigneten sich mindestens elf grosse Finanzkrisen mit global spürbaren Auswirkungen: elf «Jahrhundertereignisse» in dreissig Jahren.

Die dritte mögliche Erklärung: Die meisten Banken, auch die UBS, konnten in den Jahren nach 2008 die erhaltene Hilfe zurückzahlen, der Staat hat mit der Rettung sogar noch Geld verdient. Daraus wurde in der öffentlichen Debatte oft suggeriert, es sei alles gar nicht so schlimm gewesen – was wiederum härteren regulatorischen Vorstössen den Wind aus den Segeln nahm. Das ist jedoch eine unzulässige Ex-post-Betrachtung, die die damals herrschenden Risiken ausblendet. Bund und Nationalbank standen im Fall der UBS zunächst mit der horrenden Summe von mehr als 60 Milliarden Franken im Risiko. Es hätte auch schiefgehen können.

Die vierte mögliche Erklärung ist das von den Banken geäusserte Argument, man dürfe sie nicht mit zu hohen Eigenmittelanforderungen einschränken, da sie sonst im Konkurrenzkampf mit ausländischen Wettbewerbern im Nachteil seien. Tatsächlich herrschte zwischen einigen Staaten ein Wettkampf, es mit der Härte neuer Vorschriften nicht zu übertreiben. Die Schweiz, Grossbritannien und Schweden handelten im Vergleich überdurchschnittlich rasch, während Deutschland und Frankreich zu den grössten Bremsern in der Ausarbeitung der Basel-III-Empfehlungen zählten. Das Argument der «gleich langen Spiesse» verfing daher. Bloss: Wie intelligent ist es aus Sicht eines Staates, bewusst das Risiko schwach kapitalisierter «Too big to fail»-Banken zu dulden, bloss weil es andere Staaten auch tun?

 

Ein teurer Fehler
Es ist eine wahrlich bittere Erkenntnis fünf Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise: Alles ist, wie es vorher war. Das globale Finanzsystem ist nicht sicherer geworden. Auch heute könnte eine global vernetzte Grossbank im Notfall nicht fallen gelassen werden. Die Anreizstrukturen haben sich um kein Jota verändert. Und die Eigenkapitaldecken der Grossbanken sind immer noch lächerlich dünn: Giganten auf tönernen Füssen, nach wie vor.

«Die Grossbanken halten uns weiterhin in Geiselhaft», sagt Stanford-Professorin Anat Admati.

Im Herbst 2008 wütete die grösste und gefährlichste Finanzkrise seit der Grossen Depression in den frühen Dreissigerjahren. Doch Konsequenzen hatte die Katastrophe nahezu keine. In keinem Land, auch nicht in der Schweiz, wurden ohne Scheu Diskurse geführt, ob die Grossbankenstruktur, wie wir sie heute kennen – die erst in den letzten 25 Jahren nach einer Reihe von Deregulierungs- und Fusionswellen entstanden ist –, sinnvoll ist. Es wurde kaum ernsthaft der Frage nachgegangen, welche Innovationen der Banken volkswirtschaftlich überhaupt nützlich sind und ob ein aufgeblähter Finanzsektor für die Realwirtschaft möglicherweise sogar schädlich sein kann. Nur selten wurde debattiert, ob die Deregulierung, die seit den Achtzigerjahren die Finanzbranche befreite, teilweise kontraproduktiv war.

Bewusst oder unbewusst haben Behörden, Politiker, die Öffentlichkeit, die Medien den Status quo in Kauf genommen. Wir haben in Kauf genommen, dass eine Katastrophe wie im Herbst 2008 nochmals geschehen kann und geschehen wird.

Es wird sich als teurer Fehler erweisen.