Panzerfaust

Bericht eines Rekruten der Schweizer Armee

 

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Text  Susanna Schwager
Bilder  Raffael Waldner
Die hundskommune Realität? Weiss nicht, ob dafür die Zeit reicht, muss eigentlich weiter. Ist doch eher langweilig bei der Infanterie, normal. Weiss wirklich nicht – alles darf man nicht erzählen. Heikel. Militärgeheimnis. (hustet lange) Wir können ja mal anfangen.

Circa um fünf kommt der Zimmerchef herein. Der war vorher schon an der Besprechung aller Zimmerchefs, da bekommen sie die News des Tages. Er macht das Licht an und ruft: «Alle auf!» Brüllt es eher. Dann hast fünf Minuten, um dich anzuziehen. Bist extrem müde, immer. Bevor du fertig bist, kommt schon wieder einer: «Alle raus jetzt!» Der muss das, damit man rechtzeitig draussen ist. Dann gehst frühstücken. Musst, Befehl. Ich lasse es trotzdem weg. Wir haben uns so organisiert, dass wir noch ein halbes Stündchen weiterpennen können. Schläfst ja oft nicht mehr als drei Stunden. Ich lasse mich jeweils im Zimmer einschliessen.

Dafür hast nachher Megastress. Das viele Zeug anziehen, jetzt auch noch Leggins, weil es so arschkalt ist. Wir liegen immer im Dreck. Unterleibchen, dann der Taz, das ist der geblümte Anzug. Die Stiefel, das dauert ewig, bis die geknöpft sind. Dann so Beingümmis, in die man die Hosen stopft, der Stoff darf nicht über die Stiefel lappen. Je nach Wetter noch Jacke, und dann der Mutz, das Käppli. Am Schluss kommt der GT, Kampfgurt sozusagen (hustet sehr), da habe ich die Munition drin. Beziehungsweise die Magazine, Munition hab ich nicht immer. Dahinter ist die Gasmaske, Notfallstifte gegen epileptische Anfälle und so weiter. Rechts die Handgranatentasche. Dann noch eine Flasche mit Flüssigem.

Ich bin Panzerfaust. Infanterist. Also beides zusammen, Panzerfaustschütze in der Infanterie. War nicht mein Wunsch, das machen die wenigsten freiwillig. Ich wurde zugeteilt. (grinst) Die, die ein wenig frech sind, landen bei den Panzerfäusten. (hustet) Manchmal muss man etwas sagen. Die, die etwas sagen, werden Panzerfaust. Weil – dort kommst wirklich gut drunter. Dort nehmen sie dich dran.

Den Husten habe ich schon lange, sechs Wochen. Nicht schlimm, Bronchitis. Stört nur beim Reden.

Gefreut habe ich mich nicht aufs Militär. Aber eine negative Einstellung hatte ich auch nicht. Habe, ehrlich gesagt, nicht viel überlegt. Wollte es einfach absolvieren, bevor ich mit der Ausbildung weiterfahre. Pflicht für Männer, schon okay. Den Sinn einer Dienstpflicht seh ich durchaus. Und etwas beitragen will man. Ich hatte mir vorgestellt, man ist viel draussen und lernt ein paar Sachen. Sieht auch, zu was man fähig ist. Das passt mir, ich gehe gern an Grenzen. Ans Limit gehen, dazu ist das Militär cool, dachte ich.

Zuerst wurde ich als Grenadier ausgehoben, die Crème sozusagen. Wollte ich ursprünglich. Habe auch einen sehr guten Sporttest gemacht, da kann man wählen. Aber am Schluss kam ich dann zur Infanterie. Habe halt ein-, zweimal etwas gesagt, als sie mich bei der Aushebung ständig anbrüllten und fertigmachen wollten. Und später hiess es: «Panzerfaust. Sie wählen nicht. Euch lassen wir kriechen.»

Panzerfäuste müssen kriechen lernen, das ist so. Robben, auf dem Bauch und auf den Unterarmen. Manchmal, bis sie blutig sind. Kriechen musst den ganzen Tag, normal. Im Schlamm, im Schnee, in allem, was grad rumliegt. Kriechen musst können, das ist sehr wichtig. Weil du ja unbedingt (hustet, spricht gehetzt) – du musst extrem schnell versteckt sein, egal was für Wetter. Ein Panzer braucht nur sechs Sekunden, um einmal rundherum zu drehen und sein Rohr auszufahren. Wenn er dich sieht, ist tschüss. Der sprengt mit dem Rohr sofort dein ganzes Hügelchen weg, wenn du dich zu spät versteckst.

Kannst halt nicht ewig weit schiessen, aber der Panzer kann das, mehrere Kilometer. Wir schaffen 250 Meter. (hustet) So ist das. Es ist also dein Ziel, so nah wie möglich an ihn ranzukommen, ohne dass er dich bemerkt. Dafür stellst ihm Kartonkisten in den Weg, ein Panzer fährt nie über Kartonkisten. Es könnten Sprengminen sein. Machst also möglichst viele Wegsperren und legst dich in Deckung mit der Panzerfaust.

Das ist doch kein Gewehr! Es sieht aus wie (macht ein stöhnendes Geräusch) – also, das ist ein langes Rohr mit einer Verdickung vornedran und einem Loch drin. Das schiesst alles ab, wenn du abdrückst. Musst aber den Wind einberechnen. Wenn du gut abdrückst, kann das Rohr egal was durchbrechen. Auch einen Meter Panzerstahl. H-ja. Durchstösst das. Wenn du mit deinem Ding einen Panzer triffst, ist der wahrscheinlich weg. Dann ist grad – fertig Leben. Pro Panzer sind das – um die zehn. Leute (streicht über das Handy). Schau, so sieht das aus, Panzerschreck, 12,9 Kilo. Ein bisschen wie eine Bazooka.

Wir sind um die dreissig im Zug. Aber eben, wir sind megaviel weniger geworden. Heute Morgen beim Morgensport waren zwölf weniger. Alle irgendwas kaputt, Knie, Fuss, Schulter. Wirklich kaputt, nicht geheuchelt. Es ist so, du dehnst nie oder wärmst vorher auf. Und motiviert ist man nicht gerade. Kommst am Morgen unausgeschlafen an und sofort Gebrüll und voll drauf. Mit, weiss nicht, fünfzig Kilo auf den Knochen. Da kann schon was kaputtgehen.

Man schleppt halt. (hustet) Rucksack, Kampftenü komplett, kann ein wenig anhängen. Weiss nicht genau, zwanzig Kilo sind das vielleicht. Musst gut rugelen, damit alles reinbringst. Dann die Splischuweste, Splitterschutz, fünfzehn bis zwanzig Kilo, die ziehst an. Nachher das Gewehr, circa fünf Kilo. Und dann die Panzerfaust. Vielleicht zwischen fünfzig und sechzig Kilo trägst rum, hab es noch nie berechnet. Ich bin selber etwa siebzig Kilo. Aber das schleppst ja nicht die ganze Zeit, nur die sechs Kilometer zum Übungsplatz und zurück.

Man gewöhnt sich (hustet, spricht heiser) schon. Nur an die verdammten Blasen nicht. Die Haut geht kaputt, die Füsse sind am schlimmsten. Meine Fersen sind extrem offen, bis ins Fleisch, willst sehen? (grinst) Hätte nicht gedacht, dass Blasen so krass wehtun. Mit der Zeit sind sie verheilt, weil die Mutter Blasenpflaster schickte. Aber jetzt ist alles wieder offen. Wahrscheinlich schleimte sich deswegen ein Hoher am Besuchstag bei den Müttern so ein. Der konnte gar nicht genug kriegen (salbungsvoll): «Vor allem den Müttern unserer Soldaten gebührt Dankbarkeit! Weil sie so gut zu ihren Söhnen schauen. Und ihnen immer die dreckige Wäsche waschen!» Also ich wasche meine Wäsche selber. Und da am grossen Zeh ist ein Chnubel gewachsen, wie eine Nuss, Überbein. Blasen haben alle, sind ja nicht gefährlich.

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Hirn abschalten!
Es gibt aber wirklich strube Siechen, solche, die das geniessen. Ein Vorgesetzter referierte mal: «Richtig schön sind Blasen erst, wenn alles weggerieben ist und man den Knochen sieht. Erst dann sind das Blasen, meine Herren. Erst dann ist es richtig gut.» Der zeigte uns Fotos von seinen Füssen. Krass. Ich fand es irgendwie nicht normal, wie er das betonte. Der war so begeistert. Er meinte nicht, dass man nicht jammert, wenn die Füsse bluten. Er sagte: «Dann ist es geil!»

Ich bin jetzt ein paar Wochen da, und ich merke (zieht eine Grimasse), also ich vermute, meine Hauptaufgabe ist zu lernen, den Kopf zu vergessen. Hirn abschalten. Das ist das absolut Schwierigste. Muss sagen, ich war ja auch nicht immer der Einfachste. Bin nicht so der Typ, der einfach folgt, schon in der Lehre nicht. Aber hier verträgt es nichts. Drum ist das also mein Hauptthema (schaut aufs Handy). Das ist wahrscheinlich, damit sie mit dir machen können, was sie wollen. Sonst funktioniert die Armee nicht. Man könnte es vielleicht so sagen: Masochisten kommen hier gut auf die Rechnung. Und Sadisten kommen weiter. Nein, das stimmt nicht. Es geht darum, deinen Willen zu brechen. Mit Gewalt. Muss so sein. (hustet) Schwierig.

Ich will ehrlich sein, ich bin kein Lamm. Ich mein, ich gewöhn mich erst dran, wie es sein muss. Aber ich versteh es nicht. (hustet lange) Viele sind ein bisschen durchgeknallt. Geniessen es, dich fertigzumachen. Jagen dich zum Beispiel zu viert auf dem Übungsplatz hin und her, bis du tot bist. Freizeitbeschäftigung. Oder Sie zwingen dich, in privaten Kleidern vor ihnen im Dreck zu kriechen. H-ja. Das kann unter die Haut gehen.

Ich lerne aber. Alles würde ich nicht mehr machen. Das mit dem Figgermutz würde ich sicher nicht mehr machen. Figgermutz ist Kadermutz, wenn du so einen Spalt ins Hütchen machen darfst. Damit man sieht, du bist Kader. Figgermutz heisst das. Bist einer, der figgen darf, andere fertigmachen. Das sagt man so, normal. (grinst) Ich und der Kolleg haben uns das Fältchen auch reingemacht und sind an einem Vorgesetzten vorbeimarschiert. Und der explodierte: «Geht es Ihnen zu gut?»

Dann wurden wir bestraft. Der Kolleg flachgelegt, Liegestütz auf den Unterarmen und Fussspitzen, Warteposition. Körper ganz knapp über dem Boden. Das hältst fast nicht aus, auch wenn du extrem fit bist. Und ich: Sprint mit Zeitvorgaben – «Richtung meiner Hand! 300 Meter! Zeit dreissig Sekunden!» Seckeln und in dreissig Sekunden wieder zurück. Es waren aber absurde Zeitvorgaben, unmöglich zu schaffen. Ich gab wirklich alles, kam zurück, und es war immer zu langsam. Der kann dich wieder und wieder rüberjagen wie einen Hasen, bist immer zu langsam. Nach einer Stunde sagte ich: «So, finito.» Mir war schlecht, es war grad nach dem Mittagessen. Da schrie er: «Sie können den Sold abgeben! Busse!» Und nachher erzählte er überall, ich hätte angefangen zu weinen. Er wollte mich so noch ein wenig fertigmachen. Passiert ist sonst nichts. – Und einer hat mal gelacht. Da machten sie ihn kaputt. Standen um ihn herum, brüllten, und er lag auf dem Bauch am Boden. Die liessen ihn kriechen, die längste Zeit. (hustet lange)

Der Schlauch ist nicht so schlimm. Das Schlimme – das Schlimme ist die Erniedrigung.

Letzte Woche ist einer ausgerastet. Der konnte nur noch schreien, hat alles um sich geworfen. Er war zu langsam beim Schuheputzen. Wenn einer nicht fertig wird in der vorgegebenen Zeit, muss der ganze Zug in Warteposition. Dreissig Leute werden flachgelegt, und der andere muss daneben putzen. Den setzten sie extrem unter Druck. «Machen Sie vorwärts! Sehen Sie nicht, wie Ihre Kollegen leiden? Das ist Ihre Schuld. Machen Sie endlich vorwärts, die haben Schmerzen.» Klar, der wurde immer nervöser, packte es irgendwann nicht mehr. Heulte richtig. (hustet) Ich bin sicher, er konnte nicht schneller.

Das Problem ist, die direkten Vorgesetzten, das sind die Obergefreiten. Die sind alle gleich alt wie wir. Manchmal sind sie erst neunzehn. Ab der achten Woche gehst in die Unteroffiziersschule, und ab der siebzehnten bist schon Vorgesetzter. Dann darfst befehlen. Darfst auch bestrafen. Die Obergefreiten sind die Schlimmsten, das sind die, die uns bestrafen. Ich muss aber auch sagen, manche sind sehr okay. Nur – man hat das Gefühl, bei vielen geht es darum, den Grossen rauszuhängen. Das merkst halt, und dann hast null Respekt. Obwohl sie grausam die Oberhengste spielen.

In unserem Zug gibt es einige, die wollen unbedingt weitermachen. Wiederholen ständig: «Wenn ich dann mal Rekruten habe, lege ich die anders flach. Ganz anders!» Ich denke, bei denen müsste es heissen: «Ungeeignet». Das kann sich die Armee aber nicht leisten. Die Streber lieben die Fertigmacher­spiele. Die berühmte Zimmerkontrolle zum Beispiel, da muss alles auf den Millimeter gerichtet sein. Klar, den Regalinhalt über unseren Pritschen kannst als Obergefreiter zigmal rausrupfen lassen. Drei Fingerbreit Abstand zwischen den Flaschen zum Beispiel, das ist ja ein dehnbarer Begriff. Es gibt auch verschieden dicke Finger. Wenn einer Lust darauf hat, müssen wir alle immer und immer wieder die Ordnung der Flaschen üben.

Was jemand privat für einen Job hat oder was für eine Herkunft, spielt keine Rolle. Ein Arschloch kannst überall werden. Es gibt auch richtige Freaks, eigenartige Siechen mit Figgermutz. Einer zum Beispiel ist so ein Gamer-Freak, spielt ständig «Call of Duty» oder «Battlefield». Der tiggt völlig aus mit seinen Kriegsspielen. In der Kaserne gibt es für die Rekruten und die Soldaten Automaten mit Kriegs- und Schiessspielen. Sonst nichts. Sonst hast keine Abwechslung.

Die meisten hier sind schon ein bisschen anders, als ich es gewöhnt bin. Das ist an sich nicht schlecht. Ich finde es sogar etwas vom Besten, dass man mit Typen zusammen ist, mit denen man sonst nicht reden würde. Das ist ganz interessant. Man schläft und furzt und leidet zusammen, das macht toleranter. Verstehe trotzdem vieles nicht. Die Singerei in der Gruppe zum Beispiel, das geht mir so auf den Geist. Das finden alle ziemlich geil. Wenn ich frage, warum sie das machen, kommt immer: «Hey, das ist wichtig für den Zusammenhalt!» Mir ist es nur peinlich. Dieses verdammte primitive Schlachtgebrüll. In der Uniform. Auch vor normalen Leuten. Am schlimmsten sind die perversen Lieder. Andere gibt es hier nicht.

Geht so (singt leise): «Auf dem Wege nach Berlin –», einer singt vor, und alle müssen nachbrüllen, «traf ich eine Bäckerin. Sie versprach mir Süssgebäck», und nachher, nachher – «wenn ich ihre düdüdü leck.» (stockend) H-ja. Halt so. Immer in diese Richtung. Frauen beleidigen, immer unter der Gürtellinie. Der Vorsänger ist der Vorgesetzte.

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Flachlegen!
Es geht noch krasser. Einmal hatten wir eine Übung an einem Fluss. Und am anderen Ufer waren zwei Frauen, im Badeanzug, normale Frauen. Und wir mussten – mussten uns am Ufer ins Glied stellen. Befehl vom Obergefreiten. Und den Frauen Liedli zusingen. Hinübersingen, primitives Zeug. Der Vorgesetzte schrie es vor, und alle fanden es geil. Dann stellten sie sich ans Wasser, fuchtelten obszöne Gesten mit dem Gewehr und brüllten hinüber: «Das ist für euch, Ladies! Euch legen wir flach!» Die Frauen sind dann gegangen.

Fast noch schlimmer war, dass niemand sagte: «Hey, händers!? Seid ihr nicht dicht!?» Ab und zu sage ich: «Das ist jetzt wirklich unnötig.» Aber allein gegen die ganze Gruppe samt Vorgesetzten – magst nicht immer. Kommst dran, bist der Spielverderber. Hältst also deinen Mund. Und je primitiver, desto mehr Spass scheint es zu machen. Und immer gegen Frauen. Ich bin ja eigentlich nicht so der Emanzentyp, aber das stört mich krass.

Ich habe mich schon gefragt, ob man das von Frauen auch verlangen könnte? Ich meine, einen solchen Dienst? Ich meine, eine so trümmlige Art von Dienst? – Willst noch ein Müsterchen? (hustet lange) Es war wieder beim Schuheputzen. Dreissig Mann ungefähr, alle flachgelegt, in dieser Unterarm-Liegestütz. Liegst also da mit dem Gesicht im Dreck, stirbst, und einer brüllt hinter dir: «Arsch runter! Arsch rauf!» Dann wirds immer primitiv. «He dort! Finden Sie das geil, wenn Ihr Pimmel so den Boden küsst?!» Du streckst also den Hintern in die Position, die sie befehlen, und dann schreit einer über dir: «Brav! Herrlich! Perfekte Ärsche! Jetzt könnten wir euch tief in den blabla ine­figge.» H-ja. Das war aber zu viel. Ich stand auf: «Sorry. Das geht überhaupt nicht.» Und meldete es einem Obergefreiten, von dem ich weiss, dass er fair ist. Später drohten andere Gruppenführer dem, sie würden ihn zusammenschlagen, wenn das noch mal vorkomme.

Es ist komisch – diese Sprüche fahren am meisten ein. Machen kannst nichts dagegen. Ich habe es an einer Kompanie­aussprache gebracht, bringt nichts. Sie können ja nicht alles überwachen. Ein paar Tage später hörte ich wieder, wie ein Vorgesetzter zu einem Rekruten sagte: «Schauen Sie. Sie müssen Ihr Gewehr so fetten. Wie Sie Ihren Pimmel fetten.»

Es ist übrigens auch so, dass du dem Gewehr einen Namen geben musst, einen Frauennamen. Sie sagen dir: «Das ist jetzt Ihre Freundin» und wollen nachher wissen, wie die Freundin heisse. Der Obergefreite fragt das ab. Wenn einer das Gewehr unsanft abstellt, heisst es dann: «Würden Sie Ihre Freundin auch so behandeln?»

Meins hat keinen Frauennamen. Mein Gewehr heisst Gegenstand.

Willst noch mehr hören? Das Spieli mit dem Bäumegrüssen? Der Kolleg nahm am Anfang mal die falsche Hand zum Anmelden. Da musste der ganze Zug am Abend durch den Wald laufen, der Kolleg voraus und Bäume grüssen. Wirklich. Achtungstellung und rufen: «Baum! Rekrut XY! Niederwenigen! Gewehrnummer 00000!» Und zum nächsten. So ein Nonsens, Kindergarten. Zum Glück war es dunkel.

Es gibt aber auch die richtig wütigen Hunde. Einmal waren wir beim Schiessplatz, mussten Handgranaten werfen. Nicht richtige, wir übten nur. Und der Vorgesetzte brüllte ständig hinter uns her: «Hey Mann, vorwärts! Das ist richtig Krieg hier! Ausser dass man seine Kameraden erschiesst.» Da hat einer gefragt, warum man im Krieg denn Kameraden erschiesse. Und er: «Feiglinge und Verräter wie euch würde man im Krieg erschiessen!» Später sagte er auf einem Marsch: «All die Untauglichen da – das ganze Pack sollte man an die Wand stellen!» Der ist Eidgenoss, alteingesessener Schweizer.

Es funktioniert eben schon. Ich bin auch anders als am Anfang. Ich – ich getrau mich nicht mehr viel.

 

Satellit machen!
Am Anfang ist man noch mutiger. Einmal habe ich einen nachgeäfft, der brüllt immer so, dass es ihm die Stimme überschlägt. (grinst) Stimmbruch. Natürlich wollte er wissen, wer es war. Und es war blöd – in dem Moment getraute ich mich nicht, es zuzugeben. Zur Strafe musste ein anderer dann in Kampfmontur den Satellit machen. Dreissig Leute marschieren, und der musste mit Tempo um den Zug sprinten. Und vorne jedes Mal laut «Ping!» rufen. «Ping! Ping!» – Ja, «Ping». Anscheinend tönt ein Satellit so. (hustet, lacht nicht) Das arme Schwein musste so lange «Ping» machen, bis ich sagte: «Ich wars.»

Habe mich mies gefühlt nachher. Mich dann entschuldigt bei dem mit dem «Ping». Wenn du Scheiss machst, sollst die Konsequenzen selber tragen. – Konnte es im ersten Schreck nicht zugeben. Und dann kannst nicht zurück. Ich dachte halt, wenn ich es nicht zugebe, macht er einfach weiter. Aber ich sage dir, der ist völlig ausgerastet. H-ja. Er ist jünger als ich, schon Vorgesetzter. Als ich mich dann meldete, ist aber erstaunlich wenig passiert. Er fragte nur, wieso ich es nicht zugegeben hätte. Das konnte ich nicht sagen. Da brüllte er: «Rekrut XY, haben Sie Angst vor mir?» Und ich musste rufen: «Ja, Obergefreiter! Ich habe Angst gehabt!» Das wollte er hören. Das war alles.

Krass finde ich halt, was das alles kostet. Fünf Milliarden, im Jahr. Und für was? Um das WEF und ein paar Botschaften zu beschützen? Das wird uns bei jeder Gelegenheit aufgetischt, immer repetieren sie das. Schutz des WEF in Davos. Es wird natürlich auch vom Kriegsfall geredet. Aber seien wir ehrlich – wie wird der nächste Krieg in der Schweiz aussehen? Infanterie? Hinter Hügelchen versteckte Eidgenossen allein auf weiter Flur? Mit Panzerfäusten? (grinst) Oder mit ihren Freundinnen im Anschlag?

Eine Panzerfaust kostet übrigens 2200 Stutz. Aber mit denen darfst erst am Schluss. Im Schnitt drei lassen wir los, pro Mann. Das heisst pro Zug mal dreissig. Also einige Hunderttausend Franken allein für uns paar, nur fürs Schlussbouquet. Oder beim Kolleg hat der Oberwachtmeister Hunderttausende Gewehrschuss be­stellt. Ich war nicht selber dabei, aber der Kolleg ist nicht einer, der blufft. Vielleicht hat der Vorgesetzte geblufft, das weiss ich nicht. Sagen wir: um die 50 Rappen pro Schuss. Wenn man nur ungefähr rechnet – da hat ein praktisch Gleichaltriger mal schnell ein Formular ausgefüllt und eine halbe Million verbraten. H-ja. Und das sind nur die kleinen Schüsse.

Und das viele Zeug, das verteilt wird. Das bekommt jeder, zweimal im Jahr jeder. Unterleibchen, Socken, bis auf die Haut geben sie dir alles. Wirklich, ich habe daheim weniger. Es wird viel vergeudet. Das stört mich immer mehr, hat ja keiner dafür bezahlt. Zahlen tun wir alle. Nur Blasenpflaster gibt es nicht.

Man hat halt ab und zu den Eindruck, der Laden ist nicht optimal organisiert. Nach einer Nachtübung haben sie sogar mal einen Panzer vergessen. Ohne Scheiss. Bei einem Bauern in der Scheune. Bis der Bauer anrief: «Wann holt ihr endlich den Panzer ab? Der versperrt mir jetzt schon seit einer Woche den Platz!» Ein Panzer, sagen wir, sechs, sieben Millionen. Das war nicht bei uns, aber ich weiss, wo es war, und ich weiss, dass der Kolleg das nicht erfunden hat. Bei uns ist dafür ein Duro verloren gegangen, Mannschaftslastwagen. Der war einfach weg. Klauen wäre nicht schwierig, es haben ja alle den gleichen Schlüssel.

Auch Munition könntest mitnehmen, kein Problem. Vor kurzem zum Beispiel hatten wir eine Übung. Nachtschiessen! Im Dunkeln. Schiessen. Auf schwarze Scheiben. H-ja, so war der Befehl. Haben wir halt ins Zeug gerotzt. Bis ein Oberst angerannt kam: «Übung sofort abbrechen! Ins Dunkle schiessen, was soll das bringen!?» Irgendwie logisch. Dann hatten wir aber zu viel Munition und mussten sie aufspitzen, auf Schieneli aufziehen, immer zehn Schuss. Das macht man zu zweit oder zu dritt in einem Raum mit etwa 300 losen Schuss vor sich auf dem Tisch. So einen Berg Schüsse hast vor dir, kein Mensch zählt die. Könntest hampfelweise Munition mitnehmen, merkt keiner. (leise) Das wird auch gemacht. Vor einigen Wochen habe ich im WC zufällig 300 versteckte Schüsse gefunden.

Und ab und zu kommt der Befehl: «Mexikanisch ausschiessen!» Offiziell weiss das niemand. Die Munition wird halt bestellt, und häufig braucht man sie aus irgendeinem Grund nicht auf. Die muss aber weg, sonst gibts Probleme. Dann rotzen wir drauflos, drrrrrrr, drrrrrrr. (hustet) Es ist komisch – das macht richtig Spass. Uhuere! Bireweich.

 

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Peng!
Ich bin kein guter Schütze, ich habe gemerkt, ich mag die Waffe nicht. Bin nicht ruhig damit, nie habe ich die Ruhe mit dem Ding. Und halt auch keine persönliche Beziehung. Andere schon, die tragen ihr Gewehr inzwischen wirklich wie eine Frau.

Es passiert auch uhuere schnell etwas. Vorletzte Woche stand einer neben mir und schoss dem andern beinahe in den Fuss. H-ja! Riesenglück! Der hatte im Stress vergessen, das Gewehr zu sichern. So ein Schuss ist wirklich krass schnell draussen. Und trägst das Gewehr ja meistens auf dem Rücken, geladen. Und als Sicherung ist da nur so ein kleines Hebeli, also nur so ein winziges Stückchen Metall, und nur so ein paar wenige Millimeter verschieben und schon – PENG!

Glück – muss man haben. Haben nicht alle. Vor kurzem ist einer in die Wand rein. Mit dem Duro, voll. Ich habe das Wrack gesehen. Der Beifahrer wurde schwer verletzt. (hustet müde) Es sind halt alles Junglenker. Und mit dem Stress. Für die Ausbildung bekommst sofort das Fahrzeug zugeteilt und fährst. Auch mit Leuten hintendrauf. Auch auf Autobahnen, normal. Fährst und lernst es. Das ist aber recht heikel. Wenn es windet, zieht es extrem in die Plachen, da musst du genau richtig Gegensteuer geben, nicht zu viel. Sonst landest draussen. (leise) H-ja. Die sind voll da rein. Die erste Nacht hiess es, er liegt im Koma. Später erfuhren wir, dass ein Teil seiner Haut verbrannt ist. (hustet) Kopf abschalten.

Es tauchen halt Fragen auf. Wenn man überhaupt noch denken mag. Meistens bist nur fertig. Das wenige, was ich schlafe, schlafe ich wie ein Stein. Es gibt schon die Möglichkeit für Gespräche, Armeeseelsorger. Nicht meine Wellenlänge. Und manchmal kommt der Zugführer und fragt, ob etwas sei. Aber das nützt nie etwas.

Musst mich richtig verstehen, ich bin nicht gegen die Armee, will mich nicht drücken. Wäre schon bereit, etwas für die Allgemeinheit beizutragen. Aber irgendwie etwas Sinnvolles. Nicht in diesem komischen Verein voller seltsamer Siechen hocken. Oder sich die ganze Zeit anbrüllen lassen. Vor allem diese Anschreierei belastet. Das macht dich wirklich fertig! Wirst irgendwie klein, abnormal. (hustet lange) Von wegen Pflicht für die jungen Männer – habe mich auch schon gefragt, wie sich das auswirkt. Wirst monatelang fertiggemacht, übersäuert. Aufgereizt. Oder, vielleicht willst irgendwann auch mal was kleinmachen. Flachlegen. Oder umlegen. – Man geht ja heim.

Oder kriegst Depressionen. Man redet lieber nicht drüber, aber ich sage dir, es ist – uhuere schwierig. Und dass man auch noch gehorcht! Und diese gottverdammten Lieder! (springt auf, geht herum, ruft ausser sich) Ich habe einfach so überhaupt keinen Bock herumzuballern, mich von Gleichaltrigen figgen zu lassen und perverse Lieder zu singen! Muss aber! (stösst die Luft aus, setzt sich, sagt leise) Kannst du mir erklären, warum das jemand geil findet? Manchmal ist es – ziemlich unheimlich.

Ich singe nie. Aber es bleibt kleben. Kannst das Hirn abschalten, aber es bleibt so verdammt kleben. (lacht verlegen)

Willst noch ein Abschiedsliedli? Hier das Panzerfaustlied. «Ich liebe meine Panzerfaust. Und robb mit ihr den Berg hinauf.» Hier fehlt ein Stück, hab ich vergessen. Dann: «Das Abschussgerät ist schnell montiert und der Panzer anvisiert. Anvisiert und abgedrückt, Panzerfäuste sind gut bestückt. Pääng!!» Und dann müssen alle Mann im Glied so machen. So, den Arm hochrecken, mit der Faust. Und dann runterfahren und an den Pimmel langen. Kapiert? Zum Zeichen der guten Bestückung. Und das machen alle! Päng, und an den Sack langen. Ich mache es nicht. Ich stehe einfach daneben. (hinter den Händen) Ich sage dir, da – da fühlst dich einfach verloren.

Das Ding ist – ich lerne schon etwas. Nur nicht das, was ich dachte. (hustet, verdeckt glasige Augen) Ich lerne, dass es viel mehr kaputte Leute gibt, als ich wusste. Typen, die alles machen, wenn andere es auch machen. Ich ja auch. Das ist das Schlimmste.

Letzte Woche, nach der Hälfte der Woche – ich habe es im Kopf nicht mehr ausgehalten.

Weiss auch nicht, was ich sagen soll. Wenn du anfängst nachzudenken, hast verloren. Ich will nur noch fertig werden.

Es ist – was solls. Es ist das, was es ist. Es ist so, wie die Realität wahrscheinlich ist. Die Realität. Normal.

Dass sie so ist, wusste ich nicht.

Es gibt Macht, gegen die machst nichts. Gegen die bist allein. Muss ich verdauen. (lehnt sich zurück) Sterben tust nicht daran. H-ja. Bin anscheinend nicht zu allem fähig. (grinst) Mues go pfuuse, bisschen schlafen.

(leise) Danke.