Schlaf gut, mein Kind

Eine Frau aus Horgen tötete ihre drei Kinder. Warum?
Wir haben sie ein Jahr lang im Gefängnis besucht.

 

Text  Mathias Ninck

Illustrationen  Anoushka Matus

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Vor einem Mehrfamilienhaus an der Hüttenstrasse dreht das blaue Licht eines Krankenwagens. Es ist der 24. Dezember 2007. Die stille und heilige Nacht ist kalt und trocken, das Thermometer in Horgen zeigt minus 5,3 Grad, die Äcker: bestäubt mit Raureif. Früh am Morgen, kurz vor vier Uhr, traten ein Mann und eine Frau vors Haus, zitternd, Hand in Hand, sie trugen Trainer, eine Polizistin trennte das Paar, der Mann musste in das eine Auto steigen, die Frau ins andere. Die Wagen fuhren ins Dorf, zum Polizeiposten. Urinprobe. Dann sass die Frau in einem kleinen Raum, neben ihr eine Polizistin und gegenüber die notfallmässig aufgebotene Spitalseelsorgerin, sie kondolierte wegen der Kinder, sprach Worte des Trostes. Später wurde die Frau nach Zürich gefahren, zum Polizeiposten bei der Kaserne, sie musste sich ausziehen, man suchte sie nach Kratzspuren ab, machte Fotos, nahm Fingerabdrücke, sie trank einen heissen Tee, ein Polizist begann Fragen zu stellen, das erste Verhör an diesem Tag, 06.20 Uhr, Büro 530, Zeughausstrasse 11. Die Kinder lagen, gekühlt und aufgebahrt, auf einem Blech im Institut für Rechtsmedizin, zugedeckt mit einem hellblauen Tuch. Draussen, vor dem Fenster, das erste matte Licht des Tages. Nach vier Stunden Einvernahme sagte der Polizist der Frau, die angegeben hatte, in ihrer Wohnung sei eingebrochen worden: «Eine Tatbeteiligung von Ihnen lässt sich leider nicht ausschliessen. Aufgrund des aktuellen Ermittlungsstandes werden Sie der Staatsanwaltschaft IV zugeführt und müssen voraussichtlich in Haft bleiben.» Und dann, nach kurzem Zögern: «Darf ich Sie fragen, warum Sie während der Befragung nie geweint haben?»

 

Wie eine Formel

Als die Frau vier Jahre später im Gefängnis für Frauen in Hindelbank bei Bern inhaftiert wurde, konnte ich sie besuchen. Ich nenne sie Hanna Greib, ihr richtiger Name tut nichts zur Sache, wie auch die Namen der anderen Personen in dieser Geschichte unerheblich sind. Hanna Greib ist heute 39 Jahre alt. In den Jahren zuvor, während der Untersuchungshaft in Dielsdorf und in Zürich, hatte sie ein Tagebuch geführt, halb in Druckbuchstaben, halb Schnürchenschrift, in dem ich lesen durfte; in mehreren Gesprächen, die sich über das vergangene Jahr erstreckten, schilderte sie ihre Erinnerungen: an die Tat, an ihr Leben davor, wie sie als Kind in einem Tiroler Bergdorf aufwuchs und was daraus geworden ist. Bei meinem ersten schriftlichen Kontakt vor mehr als zwei Jahren hatte ich mir nicht viel gedacht, ich betrachtete ihre Tat, von der ich aus der Zeitung wusste, als etwas Abstraktes, wie eine Formel: Mutter tötet Kinder – das hatte etwas Theaterhaftes, klang wie aus dem Programmheft für eine Aufführung der «Medea». Es war so unvorstellbar. So unwirklich. Aber als ich dann das erste Mal im Auto sass in Richtung Hindelbank, da klammerte ich mich ans Lenkrad, ich sah vor meinem inneren Auge meine Tochter, wie sie am Vorabend mit weit aufgerissenen Augen am Tisch sass und fragte: Wie kannst du dieser Frau die Hand geben?

Ich betrat das Frauengefängnis und gab Hanna Greib die Hand. Mit dem Handschlag akzeptierte ich, dass sie ein Mensch ist. Es fiel mir nicht schwer. Für mich gibt es keine Monster. Es gibt Menschen, die Monströses tun, und mich interessiert, wie es zu derartigen Entgleisungen im Leben kommen kann. Erst wenn man sich das Extreme anschaut, das pathologische menschliche Handeln, erschliesst sich einem die Normalität – das sagte Sigmund Freud.

Das Frauengefängnis, das auf einer Kuhwiese zwischen Hindelbank und Bäriswil steht und früher «Zwangsanstalt für Weiber» hiess, ist ein altes Schloss mit reich verzierten Fensterläden, im modernen Anbau daneben hat es viel Glas, im Eingangsbereich Blumen, eine Sitzgruppe, und der Besucherraum geht hinaus auf eine Terrasse. Man kann sich in den Garten setzen und hört die Vögel lärmen. Kaum Gitter. Wenig Beton. Viel Wohnlichkeit, verglichen mit dem Männergefängnis auf dem Thorberg im Nachbardorf. Ich wusste, ich musste wach sein. Zwei Jahre zuvor, im Frühling 2010, bei der Verhandlung vor dem Geschworenengericht, hatte Hanna Greib gesagt: «Ich habe Lügengeschichten erzählt, ja, immer wieder. In meinem Leben habe ich viele Lügengeschichten erzählt. Wenn ich Lügengeschichten erzählte, erregte ich Mitleid – und vor allem auch Aufmerksamkeit.» Ich nahm mir vor, der Frau nichts zu glauben, aber alles für möglich zu halten.

Dann betrat sie den Raum. Ein Dschungel aus schwarzem Haar lag auf ihren Schultern, im scharfen Kontrast dazu: blasse, fast durchsichtige Haut, wie sie die meisten Gefangenen nach ein paar Jahren haben. Sie hatte ein gutes, von Medikamenten aufgeweichtes Gesicht. In der Hand hielt sie einen Teller Schokoladegebäck, sie trug Jeans, ein schwarzes T-Shirt und darüber eine braune Strickjacke, am Hals Silberschmuck. Sie war nervös, ihre Stimme flatterte. Wir redeten, assen die Kekse, tranken dünnen Kaffee aus Plastikbechern. Zwei Stunden später sass ich wieder im Auto, mit einem zwiespältigen Eindruck. Sie war defensiv gewesen, schien mir überangepasst. In gewissen Momenten durchaus gewinnend. Manches, das sie erzählt hatte, war für mich glaubhaft, anderes wirkte aufgesetzt. Viele schlimme Dinge erzählte sie ungerührt, emotionslos, mit einer seltsamen, wenig modulierten Stimme, dann konnten ihr plötzlich Tränen über die Wangen rollen, und ich verstand nicht recht, was sie da gerade beweinte. Sie war paradox. Sie konnte beispielsweise sagen, sie habe ihre Kinder nie geschlagen, eine halbe Stunde später schilderte sie in allen Farben, wie sie in den Zucht-und-Ordnung-Modus wechselte, wenn sie den Hexenkessel daheim nicht mehr ertrug. Dann knallte ihre Hand. Hielt man ihr diese Widersprüche vor, waren es für sie keine, sie entschied sich dann einfach für die eine oder andere Version, fast absichtslos, als handle es sich um ein warenhaushaftes Nebeneinander von Wahrheiten. Erst viel später, nachdem ich ihre Eltern im Ötztal besucht hatte, konnte ich mir vorstellen, wie das in ihrem Kopf funktionierte. Anders als bei den meisten Menschen sind bei ihr die Vorstellungen von Ideal und Wirklichkeit kaum miteinander verbunden. Ideal und Wirklichkeit – jeder kennt die Diskrepanz, und jeder gleicht das eine regelmässig mit dem anderen ab. Nicht Hanna Greib. Sie hat als Kind gelernt, dass es das Negative nicht gibt, es gehörte nicht dazu. Das war das Axiom der Familie Greib.

Denn die Wirklichkeit setzte sich in der Familie Greib zusammen aus viel Negativem, Hässlichem; aus der ganzen Armut, dem Saufen des Vaters, der dumpfen Distanziertheit der Mutter und viel roher Gewalt. Das war alles so erbärmlich, so vernichtend, man schämte sich zu Tode. Hanna Greib sagte mir einmal: «Die oberste Regel der Familie Greib ist: Man redet nicht darüber.» Man schweigt, macht Vertuschungsmanöver. Mehr als einmal habe ich Hanna Greib gefragt, warum sie eigentlich mit mir spricht, sie hat viele Antworten gegeben, die meisten leuchteten mir ein, einmal sagte sie: «Ich denke oft: Ich habe keine Ahnung. Wie ist es wirklich? Ich weiss es nicht. Ich will mehr Wahrheit in meinem Leben.» Das klang echt. Das klang nach jemandem, der genug hat vom ewigen Zudecken, Herunterspielen und Ausblenden. Sie stellte mir eine Vollmacht aus: Ich durfte mit dem Psychotherapeuten reden, der sie 2005 behandelt hatte, ich durfte die Akten beiziehen, ich durfte nach Sölden reisen, wo sie aufgewachsen ist, und dort befragen, wen immer ich wollte. Sie fand es in Ordnung, dass ich nach München fuhr zu Annegret Wiese, einer Anwältin und Psychologin, die ein bemerkenswertes Buch geschrieben hat über Leute wie sie: «Mütter, die töten».

 

Heim, heim!

Bei meinem ersten Besuch hatte Hanna Greib von diesem Tag erzählt, an dem sie verhaftet worden war. Von der ersten Einvernahme, am frühen Morgen des Heiligen Abends. «Nach dem Verhör sagte ich die ganze Zeit: Ich will nach Hause. Hören Sie, ich will nach Hause, sagte ich zu dem Polizisten, ich will nach Hause. Der Polizist sagte: Das geht nicht. Und dass ich einen Anwalt brauche. Begriffen habe ich nichts. Ich dachte, das sei ein Film oder weiss ich was, ich dachte, heim, heim, ich will heim. Da sitzt du in einer versifften Zelle, alle paar Minuten geht die Türe auf, jemand will den PIN-Code des Handys, jemand will wissen, wo das Ladekabel ist, dies und das, oder sie schauten nur, ob ich mich umbringen will. Am Nachmittag wurde ich dem Staatsanwalt vorgeführt, er sagte, wenn ich nicht rede, könnte die Untersuchungshaft zwei Jahre lang dauern. Er sagte, ich hätte meine Kinder umgebracht; ich sagte: Nein, das habe ich nicht. In meinem Kopf drin hämmerte es. Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Nach dem Verhör fesselte man mich mit Handschellen, führte mich durch einen Tunnel unter der Zeughausstrasse hindurch zurück ins Gefängnis. Jemand brachte mir Kleider, die hatten sie in Horgen geholt. Eine Pfarrerin kam, ich heulte, sie fragte, ob ich vorhabe, mich umzubringen, ich sagte: Ja. Am Abend stand ich am Fenster, es war am Einnachten, ich sah die Lichter, einen Weihnachtsbaum, da dachte ich: Mein Gott, es ist Heiligabend. Es ist Heiligabend, und ich sitze in dieser stinkenden Zelle. Es ist kalt, und ich habe keine Socken. Kann nicht raus. Ich dachte an die Socken. Ich hatte kalte Füsse, daran erinnere ich mich. Ich hatte die totale Krise. Da fing ich an, an mir selber zu zweifeln. Nei, Hanna, was häsch gmacht! Dass ich das gmacht han und blände das uus, isch das möglich? Gibt es das? Es war der Moment, wo ich mich umgebracht hätte, wenn ich ein Messer oder irgendwas gehabt hätte. Dann kam ein Arzt, er brachte Medikamente.»

 

Unerreichbar

Hanna Greib, an Heiligabend 2007 noch eine Anfängerin im Gefangensein, hatte schon an diesem ersten Tag eine Ahnung von der Tragweite, die das alles hatte, es war der Hauch einer Ahnung, einen kurzen Moment lang: Diese Tat stand jetzt zwischen ihr und der Welt, wie eine dicke Mauer, sie war eingesperrt im Gefängnis und gleichzeitig aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Als sie durch die Gitterstäbe diesen Weihnachtsbaum sah, spürte sie es: Ihr Leben war nicht mehr verbunden mit den anderen Menschen, vermutlich für lange Zeit. Aber das war keine Perspektive. Sterben, dachte sie, das wäre die Erlösung. Das erzählte sie mir, wenn auch nicht in diesen Worten. Sie weinte, minutenlang.

Vier Jahre dauerte die Untersuchungshaft. Dann kam sie ins normale Gefängnis, in den sogenannt vorzeitigen Strafvollzug. Ihr Mann war drei Monate nach der Verhaftung aus der U-Haft entlassen worden, für den Staatsanwalt war klar: Der war es nicht. Es war die Mutter. Die Beweislage war drückend. Die Akten: tonnenschwer. Und der plumpe Versuch, nach der Kindertötung einen Raubmord vorzutäuschen, stellte sich als Kamikaze-Unterfangen heraus.

Der Prozess im März 2010 vor dem Geschworenengericht Zürich war eine Sensation, er wurde live übertragen ins Hallenstadion, Grossleinwand, Hunderte schauten zu, wie die angeklagte Hanna Greib ohne jede Überzeugungskraft ihre Version der Tatnacht erzählte. Intimitäten aus der Vorweihnachtszeit wurden ausgebreitet, wen sie wann oral befriedigt hatte. Eine Peepshow. Die Angeklagte wirkte kalt. Sie log. «Schlampe!», riefen die Leute im Hallenstadion. «Verrecken soll sie!» Sie schämte sich zu Tode, wie sie mir später sagte. Und niemand verstand, warum sie es nicht zugeben konnte. Dabei lag es auf der Hand. Es war für sie einfacher, damit zu leben, dass sie verdächtigt wurde, ein Verdacht ist weniger schlimm als eine Tat, der Verdacht hiess nur, dass es eine Möglichkeit war, die Tat begangen zu haben. Das war kein Leugnen im juristischen Sinn, es war ein Schutzwall, eine Abspaltung: Wenn ich das nicht eingestehe, kann es auch nicht gewesen sein. Natürlich war das nicht mehr als ein primitiver Überlebensmechanismus, aber er stabilisierte sie, wie man das bei vielen Leuten beobachten kann, die wider besseres Wissen an einer Ideologie festhalten. Hanna Greib wurde verurteilt, zu lebenslanger Haft. Im Juni 2012 hob das Kassationsgericht das Urteil allerdings auf, weil die Angeklagte ungenügend verteidigt worden war, ein anderer Anwalt, Thomas Fingerhuth, hatte inzwischen übernommen, er bereitete Hanna Greib dann auf die neue Gerichtsverhandlung vor, die das Bezirksgericht Horgen in diesen Tagen durchführt, vom 12. Dezember 2012 bis zum 29. Januar 2013.

 

Du darfst nicht Mutter sein

Bei einem meiner folgenden Besuche in Hindelbank ging es um etwas, das seit langem in Hanna Greibs Innern brennt. «Es ist der Satz: Wehre dich!», sagte sie. Und es gibt einen zweiten Satz, wie sie mir erzählte, immer wieder: «Du darfst nicht Mutter sein!» Aber warum? «Warum darf ich nicht Mutter sein?» Das frage sie sich. Diese Sätze trage sie in sich, seit langem, wie ein Vermächtnis. Sie sagte, sie begreife diese Sätze nicht. Ich stellte mir vor, es sei vielleicht der bizarre Auftrag ihrer Mutter. Das, was die Mutter der einzigen Tochter – ohne es ausgesprochen zu haben – irgendwie mitgegeben hatte. War es so? Hanna Greib mochte nicht darüber reden, auch später nicht. Sie sprach lieber von ihrer Angst, davon, dass sie die anstehende Gerichtsverhandlung fürchte, das war dann im letzten Sommer. «Vor einer Woche war mein Anwalt hier und sagte, er habe gute Neuigkeiten. Die Beschwerde am Kassationsgericht sei gutgeheissen worden, der Fall werde neu verhandelt. Wir setzten uns raus in den Garten. Er schaute mich an und sagte: Freuen Sie sich doch mal, Frau Greib! Nicht so griesgrämig! Er redete, und ich nahm das einfach in mich auf, und danach ging ich in meine Zelle, musste heulen. Ich hätte schreien können. Die anderen Frauen meiner Wohngruppe kamen und fragten: Hey, was isch los? Ich konnte es nicht sagen. Einfach alles noch einmal. Alles wieder, wieder, wieder. Der Staatsanwalt, der Richter. Dieses Reden von der Kaltblütigkeit. Und die Ungewissheit: Wie geht das aus?» Eine grosse Müdigkeit hatte sie befallen, keine Erleichterung, sie hatte Angst, alles noch einmal durchleben zu müssen: das Zurschaugestelltwerden, die Scham, ihren brüchigen Glauben an die eigene Unschuld. Sie sagte: «Irgendwann muss ich diese Schuld akzeptieren. Es wird der Punkt kommen, wo ich sage: Ich muss das einfach akzeptieren. Kämpfen bringt mich nicht weiter, ich drehe mich im Kreis.» Sie sagte das so, als führe sie ein Selbstgespräch, es war im Juni 2012, für mich klang es wie ein Geständnis. Ich fragte sie, ob das ein Geständnis sei. Sie verneinte. «Momentan setze ich mich damit nicht auseinander», erklärte sie. Ich fragte: «Wissen Sie, warum Sie es nicht gestehen?» Sie sass mit geröteten Wangen an dem Tisch in der Besucher-Cafeteria, nickte. Sagte mit dünner Stimme: «Weil dann die Frage nach dem Warum kommt.» Sie schaukelte leicht, schüttelte den Kopf, wischte sich mit der Hand eine Strähne aus dem Gesicht.

Ein halbes Jahr später rang sie sich dazu durch. Es war am 21. November 2012, Thomas Fingerhuth, der Anwalt, hatte sie besucht, er sagte zu ihr: «Frau Greib, es gibt drei Varianten, wie wir in diesen Prozess gehen.» Er machte eine Auslegeordnung, sie wählte eine Variante aus, scheinbar unbewegt, beinah stumpf, als müsse sie sich zwischen einem braunen, einem grauen und einem schwarzen Schal entscheiden. Aber sie war nicht lethargisch in dem Moment, wie sie mir später erzählte. Im Gegenteil. «Die Taten zu gestehen, erst dem Anwalt und später auch anderen, brachte mir keine Erleichterung. Die Leute sagten mir immer, es werde leichter für mich sein, wenn ich gestehe, das werde eine Bereinigung sein, aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist schlimmer jetzt. Ich sehe ständig diese Bilder, meine toten Kinder, das sah ich vorher nicht, das war wie verschwunden. Jetzt ist es da, und ich halte es fast nicht aus. Ich habe das getan. Es zieht mich extrem runter.»

Das Geständnis half immerhin den Leuten draussen. Ich erinnerte mich an die Aussage einer Verwandten Hanna Greibs, mit der ich in ihrer alten Heimat in Österreich gesprochen hatte: «Zunächst hat mir die Hanna leidgetan», sagte die Frau. «Wie kaputt und unempfindlich muss eine Mutter geworden sein, wie verzweifelt. Sonst kannst du so was gar nicht machen. Ich habe dann in der Zeitung über die Verhandlung gelesen am Geschworenengericht, ihre Aussagen und alles. Also, wenn sie es zugegeben hätte – aber dieses Abstreiten hat sie mir fremd gemacht.»

Sölden im Ötztal, Tirol. Ein Bergdorf mit 3000 Einwohnern, jeden Winter wächst es an auf 20 000 Menschen, Skifahrer, Snowboarder. Entlang der Strasse: gesichtslose Apartmenthäuser, Pensionen, Discos, Eisbars, ein Striplokal. Jeden Abend ein gewaltiges, berauschendes Rambazamba. Drei Kilometer ausserhalb, oben an einem abschüssigen Hang, ein Weiler mit fünfzehn Häusern: Granstein. Vom Tal her ist es das zweite Haus, uralt, ganz aus Holz, dunkel wie die Nacht, mit winzigen quadratischen Fenstern, die Rahmen weiss gestrichen. Hinter den Fenstern ein Chaos aus Bettdecken, herumliegenden Redbull-Dosen, Skischuhen. Ich klopfe. Ein junger Mann lässt mich hinein, er redet Polnisch, sofort steht eine Horde um mich herum, die Männer, nach Duschgel duftend und mit nassem Haar, verstehen kein Wort. Ich mache eine entschuldigende Geste, schaue mir die Stube an mit der niederen Decke aus dunklem Täfer und die daran angrenzende Küche. Und die Treppe. Hier hat sich eine dramatische Episode ereignet, die mir bezeichnend scheint für das Leben in diesem Haus, für eine bestimmte Form des Wahnsinns. Hier hat Hannas Vater vor 41 Jahren seine Ehefrau hinuntergestossen. Sie war hochschwanger und trug ein zweijähriges Kind im Arm, den Manfred. Hannas Mutter brach sich dabei den Arm, hatte eine Platzwunde im Gesicht, überall Blut, der Zweijährige blieb unverletzt. Er lag auf dem Hals der Frau. Das ungeborene Kind, Michael, kam wenig später als Frühgeburt zur Welt und starb, sein Bauch war aufgeplatzt. Es gab polizeiliche Abklärungen.

Ich verbrachte zwei Tage in Sölden, redete mit Leuten aus dem Dorf, mit Vertretern der Gemeindebehörde, mit Nachbarn, mit Verwandten – allen hatte ich in Vorgesprächen zusichern müssen, dass ich sie nicht namentlich zitiere. «Da drüben», sagte der Nachbar in Granstein und zeigte zum Haus der Greibs, «das war die Hölle auf Erden.»

Das Haus gehörte Rosa Greib. Sie war die «Oma Rosa», Hannas Grossmutter, ihre wichtigste Bezugsperson. Rosa Greib hatte siebzehn Geschwister. Zwei Brüder fielen im Krieg, einer wurde auf dem Hof vom Pferd erschlagen. Rosa lebte mit einigen ihrer Schwestern auf dem Hof, Anna, Maria und wie sie hiessen, sie besass fünf Kühe, zwei Schweine und ein paar Schafe, sie hatte einen kleinen unehelichen Sohn, den Anton. Anton Greib wurde wie ein kleiner König behandelt, wurde von den Tanten gehätschelt und verwöhnt, war bald ein wenig verzogen, er wurde dann tatsächlich ein König. «Er hat früh gelernt, die anderen für sich einzuspannen und herumzukommandieren, er hat als Jugendlicher bald den Macker rausgekehrt», sagte jemand, der mit Anton zur Schule ging. «Er war eigentlich umgänglich, sah gut aus, ein lustiger Typ, aber er wurde sehr anspruchsvoll, und dann haben sich unsere Wege getrennt.» Anton war gut in der Schule, handwerklich geschickt, er wurde aber nur «Hilfsarbeiter», wie es heute in den amtlichen Dokumenten heisst. «Man hat mich gebraucht», erklärte er mir, als ich ihn besuchte. «Wir hatten die Landwirtschaft. Es gab keinen Strom, keine Maschinen, überall steile Hänge – und ich war der einzige Bub im Haus. Was sollte ich in der Schule machen oder in einer Lehre? Dort nützte ich niemandem.» Als er erwachsen war, arbeitete er allerdings kaum noch mit, alles musste seine Mutter erledigen, er war selten im Stall, mal war er ein paar Monate lang Portier in einem Hotel, mal reparierte er Heuschlitten. Er trank. Seine Kinder halfen beim Misten und Melken, morgens um fünf, er selber lungerte herum, missgelaunt und streitlustig. «Er war ein Grobian, jeder machte einen grossen Bogen um ihn», sagte ein Mann aus dem Dorf.

Marlies, seine Frau, war weiter unten im Ötztal aufgewachsen – in einem alkoholverseuchten Nest. Ihre Mutter trank, der Vater trank, beide schlugen die Kinder, der Vater missbrauchte Marlies, und wenn das Mädchen aus dem Zimmer entwischte, stand da die Mutter und schickte sie zurück. Später, als Teenager, entdeckte Marlies, dass der Vater nicht ihr biologischer Vater war. Sie redete nicht mehr mit der Mutter. Die Mutter warf sie daraufhin aus dem Haus.

Marlies Greib sagte mir: «Ich hatte ein schlechtes Elternhaus.» Damit war ihre Vergangenheit ausdiskutiert. Sie handelte ihre Kindheit mit einem Gemeinplatz ab, und das war typisch, wie ich im Verlauf der vier Stunden, die ich bei den Eltern Greib verbrachte, allmählich begriff. Die Dinge, wie sie sind, gibt es bei ihnen nicht. Hannas Mutter hatte all die möglichen Worte für den Horror, den sie erlebt hatte, in sich eingesperrt und verwahrt, alles war verriegelt, über die Jahre hinweg, damit war ausgeschlossen, dass sie redete. Und damit war es auch nicht verhandelbar. Im Frühjahr 2000 geschah dann allerdings etwas Unerwartetes, Marlies, die im Skigebiet, oben am Gletscher, in einem Selbstbedienungsrestaurant am Buffet arbeitete, wurde auf dem Heimweg von einer Lawine gestreift. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, kam in die psychiatrische Klinik. Drei Monate stationär. Dann drei Jahre lang Psychotherapie. Die Dämme bröckelten. Zwei- oder dreimal gab es Gespräche zwischen Ärzten und Familienmitgliedern, wichtige Informationen sickerten hinaus. Hanna Greib erfuhr so beispielsweise von dem Unglück an der Treppe.

Im Gefängnis erzählte mir Hanna Greib, sie sei «geschockt» gewesen, als sie die Sachen von ihrer Mutter erfahren habe. «Der Doktor hatte gesagt, er wolle mit uns reden. Ich habe gemerkt, der Vater war sehr nervös, sehr, sehr nervös, ich wusste nicht, warum, er war nicht drinnen im Zimmer. Meine Mutter erzählte mir, sie habe Strafanzeige gemacht gegen ihn, sie fing an, sich zu wehren gegen diesen Mann, der sie tyrannisierte, aber dann hat sie plötzlich alles wieder zurückgezogen. Warum? Ich weiss es nicht. Ich weiss nicht, ob er sie unter Druck gesetzt hat. Ich habe meine Mutter gefragt, warum trennst du dich nicht, die Schläge und all das, er ist so böse, aber sie sagte nur, sie habe ihn so kennen gelernt. Das habe ich nie verstanden. Das verstehe ich noch heute nicht.»

Die Mutter malochte. Sie schnitt Gurken in Stücke, rüstete Salat, half an der Kasse aus, oben am Gletscher im Selbstbedienungsrestaurant, sie schuftete, jemand musste Geld verdienen. Die Kinder mussten was zum Essen und zum Anziehen haben. Und der ganze Alkohol. Morgens früh fuhr sie hoch ins Skigebiet, abends um neun kam sie heim. Manchmal erst um zehn. «Wenn ich abends auf den Hof kam, dachte ich oft: Was wird heute sein?», erzählte sie. Da sass dann ihr Mann mit der Rumflasche. Und die Kinder behandelten sie wie eine Fremde. Manchmal war die Mutter am Ende, dann liess sie ihren Frust an den Kindern aus, es brauchte wenig, bis sie «eins auf den Arsch» kriegten, wie sie es selber formulierte. Wenns sein musste, auch mit dem Teppichklopfer. «Oma Rosa hat versucht auszugleichen, zu helfen, aber ihr Sohn hat sie dann angeschrien, und sie hat nicht mehr piep und nicht papp gesagt», erzählte mir eine Nachbarin. «Als Rosa dann ihre kleine Rente erhielt, musste sie ihrem Sohn jeden Cent abgeben, und der hats versoffen.» Und Marlies habe keine Chance gehabt, die hatte «richtig Angst vor ihrem Mann».

Anderntags. In der Stube der Eltern Greib: eine Wohnwand, ein Sofa mit Blumenmuster. Ein Radio, das auf einen Schlagersender eingestellt ist. An den Wänden Familienfotos, Oma Rosa, die Kinder, die Eltern bei Hannas Hochzeit, herausgeputzt. Die Eltern wohnen schon lange nicht mehr in dem alten Holzhaus in Granstein. Sie wohnen in Sölden, auf der anderen Talseite, in einem Block, nah an einer Felsschlucht. Die Bilanz ihrer Elternschaft: Der älteste Sohn hat sich vor den Zug geworfen, der zweitälteste ist in die Schweiz ausgewandert, der dritte Sohn wohnt im Dorf, redet aber seit Jahren nicht mehr mit ihnen, die Tochter tötet ihre Kinder. Sind die Eltern verbittert? «Oh», sagt Marlies Greib, Hannas Mutter. «Unser Leben ist total beschissen.» Sie steht in der Küche, packt Einkäufe aus, eine schmallippige, ernste, schlanke Frau in Bluejeans und rotem Pulli, Kurzhaarfrisur, modische Brille, sie wirkt energisch und zugänglich.

Auf der Ofenbank sitzt Anton Greib, Hannas Vater, 68 Jahre alt. Ein zerfurchtes, von dunkelroten Äderchen durchzogenes Gesicht, hängende Mundwinkel, schütteres Haar, er trägt ein grau kariertes Flanellhemd und Filzpantoffeln. Er kocht Kaffee, seine Frau bringt mir Gebäck. Sie sagt: «Ich verstehs einfach nicht, und ich werds in zehn Jahren noch nicht verstehen.» Dann erzählt sie, wie das war damals, als sie vom Tod ihrer Enkelkinder erfuhr. «Am 23. Dezember hatten wir noch mit den Enkelkindern telefoniert. Wir haben immer jedem hundert Euro geschickt. Nachher haben sie angerufen, danke, Grosi, für den Batzen, danke, Opa. Dann fragte Céline, willst du noch die Mama? Ich hörte dann, wie Hanna im Hintergrund sagte: Sag dem Grosi, dass ich morgen anrufe. Am 24. kam dann kein Anruf. Am 25. klingelte das Telefon, wir waren am Frühstücken, ich werd das nie vergessen, da sagte ich: Das ist die Hanna. Aber es war die Schwester des Schwiegersohns. Du, Marlies, sagte sie, Mario und Céline sind tot. Ich fragte: Wo ist die Hanna und ihr Mann? Gab es einen Unfall? Nein, sagte sie. Die sind im Gefängnis.»

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Ausgerutscht. Bumm

Drei Tage nach Weihnachten kam die Polizei aus Innsbruck und stellte Fragen. Zwei Monate später durfte die Mutter die Tochter zum ersten Mal besuchen im Gefängnis, draussen in der Schweiz, in Dielsdorf. «Ich traf meine Tochter, sie sass hinter einer Scheibe. Sie hielt die Hände gegen das Glas, ich hielt die Hände gegen das Glas. Wir redeten, ganz normale Sachen. Wie gehts dem Papa, wie gehts dir, Mama? Wie es ihr gehe, fragte ich. So weit gut, sagte sie. Ich sagte: Wir lassen dich nicht im Stich. Du bist unsere Tochter.»

Draussen die Sonne, glitzernde Berghänge, das Ötztal ist frisch eingeschneit, hellblau wölbt sich ein hoher Himmel. Das Gespräch dreht sich um die Enkelkinder, dann um ihre eigenen Kinder, die eine «schöne Kindheit» hatten, wie der Vater sagt. Wir reden über Michaels Tod. Die Mutter erzählt: «Wir mussten zum Doktor, weil der Manfred einen Ausschlag hatte. Mein Mann sagt zu mir: Marlies, bisch du fertig?, dann sage ich: Ja. Hab den Manfred im Arm gehabt und bin über die ganze Stiege runter. Also … gefallen.»

Anton Greib, von der Ofenbank aus, brummig: «Sie ist ausgerutscht. Bumm.»

Marlies Greib: «Runter. Ich hatte eine Schram-me, aber keine Wehen. Dann waren die Wehen da, wir mussten nach Innsbruck, da hab ich mir schon gedacht, irgendwas stimmt nicht, es standen so viele Ärzte da. Ich fragte, was los ist, sie sagten, gar nix, alles in Ordnung, Frau Greib, und dann hiess es, es ist ein Sohn, aber ich wusste eine Woche lang nicht, was los ist. Etwas war los.»

Anton Greib: «Die ganzen Gedärme waren draussen.»

Hat sie später Anzeige gemacht gegen ihren Mann?

Marlies Greib antwortet: «Also das … das hat mit ihm nichts zu tun. Mich hat niemand gestossen. Er war draussen im Auto. Ich bin ausgerutscht. Und runter.» Am darauffolgenden Tag rief sie mich in Zürich an, sie sagte, sie wolle etwas klarstellen. «Die Sache an der Treppe, mit dem Michael, da hat mein Mann jetzt das Gefühl, er werde als Mörder hingestellt. Es stimmt nicht. Er sass im Auto, als es passierte. Es war ein Unfall, einfach ein Unfall, wie es das auf der Skipiste auch gibt.»

Ich fragte Hannas Vater, warum er seine Frau und seine Kinder geschlagen hat. Die Kinder habe er nicht angerührt, antwortete er. Nie! «Das ist der reinste Schmäh!» – «Eher ich mal», fügte die Mutter an, «dass ich ihnen eins gegeben habe. Aber er – niemals!» Ich sagte, es sei aktenkundig. Der Vater rief: «Fragen Sie den Manfred, der wohnt bei Ihnen draussen in der Schweiz. Fragen Sie ihn! Wissen Sie, was der macht, wenn Sie ihn fragen? Der knallt Ihnen eine. Weils gelogen ist.»

Ich musste Manfred Greib nicht fragen, die Polizei hatte ihn zweimal einvernommen. «Ein Problem, das unser Vater hatte, war das Alkoholproblem», hatte er den Beamten gesagt. «Da hat Hanna viel gelitten, wie ich auch. Mein Vater hat uns alle geschlagen.» Und weiter: «Es kam vor, dass der Vater sich bei Schlägen nicht spürte.» Und Klemens, der älteste Bruder, hatte ausgesagt: «Als Hanna auf die Welt gekommen ist, war die schlimmste Phase des Vaters. Da hat er am meisten gesoffen. Anton und Marlies haben mit einem Holzstück oder dem Teppichklopfer geschlagen, Anton hat auch die Marlies geschlagen, ich kann mich auch erinnern, dass er sie einmal im Winter aus dem Haus gesperrt hat, sie musste in einem Heustadel übernachten. Hanna hat die katastrophalen Familienverhältnisse voll mitbekommen, keiner von uns hat von den Eltern Liebe erfahren. Wir waren da zum Arbeiten und zum Schlägekassieren.»

Eines Tages hatte Marlies Greib unter dem Bett ihres Sohnes eine Schachtel mit Schmuck entdeckt. Diebesgut. Sie alarmierte die Polizei. Als Klemens, der eine Bäckerlehre machte und damals fünfzehn war, heimkam, schrie ihn der Vater an, er dürfe das Haus nicht mehr betreten, nie mehr, und dann warf er alles aus dem Fenster: Klemens’ Kleider, Schubladeninhalte, die Nachttischlampe. Die Nachbarn schauten zu. Der Sohn schrie zurück, er wünsche den Eltern den Tod, verrecken sollten sie, und stapfte davon, die Strasse hoch, bis zum Waldrand. Dort stand ein leeres Haus, er richtete sich ein. Als sich Klemens vor zwei Jahren das Leben nahm, gingen die Eltern nicht zur Beerdigung.

 

Penislutschen

Die Wucht des Elternhauses war das grosse Thema bei meinem nächsten Besuch in Hindelbank, ich wollte von Hanna Greib wissen, was für sie das Schlimmste war. Sie sprach nicht von den Schlägen des Vaters oder davon, dass sie ihrem ältesten Bruder nachts manchmal Labello vom Penis lutschen musste, wie es in ihrem Gefängnistagebuch steht. Sie erzählte von einer Weihnacht in ihrer frühen Kindheit. Sie war noch ein pummeliges Mädchen, fünf Jahre alt, die Kerzen brannten, die ganze Familie sass in der Stube. «Meine Mutter und meine Grossmutter haben sich nicht so gut verstanden», sagte Hanna Greib. «Die Oma war für mich und meine Brüder wie eine Mutter, das hat meine Mutter gemerkt, sie war eifersüchtig, das hat man gespürt. Dann sagte der Vater zur Oma, geh du in die Küche. Sie wurde ausgeschlossen. Die Familie in der Stube, man sang Weihnachtslieder und packte Geschenke aus, und die Oma in der Küche. Das habe ich nicht verstanden. Ich wollte bei meiner Familie sein, bei meiner Mutter, und ich wollte bei der Oma sein, schliesslich bin ich halt auch zu ihr hinübergegangen in die Küche. Wir trinken warme Milch und hören Radio. Die andern in der Stube. Wir haben beide geweint. Später ist der Vater in die Küche gekommen, er wankte schon, sagte: Jetzt bringe ich mich um. Als er wieder draussen war, flüsterte ich zum Grosi: Das Beste wäre, er würde es tun. Dieses Bild begleitet mich seither an Weihnachten, und darum habe ich Weihnachten immer gehasst.»

Bekannte der Familie Greib, Leute aus dem Dorf, sagten: Es war nicht immer alles brutal. Als der Vater aufhörte zu trinken, wurde vieles besser. Aber es blieb schwierig. «Die Kinder haben daheim kein Verständnis gefunden.» Eine Frau, die immer wieder mit den Greibs zu tun hatte, sass einmal in Sölden im Hotel Rosengarten an der Bar, das war vor mehr als zwanzig Jahren, Hanna Greib machte eine Schnupperlehre. Sie musste Getränke ausschenken, ein «Radler» – Hanna wusste nicht, was das ist. «Sie hat Bier mit Wasser angemacht, ein Fehler», erzählte mir die Frau. «Die Angestellten haben sie blöd hingestellt, ein Riesengelächter, dieses Blossstellen hat mich beschäftigt. Niemand ist hingegangen und hat gesagt, schau, das macht man so und so. Man hat draufgehauen, statt ihr geholfen – und sie tat mir leid, weil es bei ihr zu Hause auch so war. Die Kinder wurden nie ermutigt, sie wurden nicht angeleitet. Dass man die mal in den Arm nahm und drückte, ich kanns mir nicht vorstellen. Die hatten keinen Halt, es war ein Chaos dort oben in Granstein.»

Als Hanna Greib im Jahr 2005 eine Psychotherapie anfing, zeigte sie sich in den Gesprächen als junge Frau, die mit vielen unverstandenen Erfahrungen rang. Sie war erstarrt in der Wut auf den Vater und in der Sehnsucht nach der Mutter. Der Therapeut fühlte sich erschlagen, wie er sagte, bei all der Gewalt, die in den Erzählungen der Frau zur Sprache kam. Er staunte auch über ihre Unbedarftheit. Annegret Wiese, die Psychologin aus München, die viele Kindstötungen untersucht hat und den Horgener Fall aus den Akten und aus meinen Aufzeichnungen kannte, meinte: «Meine Vermutung ist: Hanna Greib ist emotional nicht gereift, sie ist innerlich auf dem Stand eines kleinen Mädchens. Sie identifiziert sich voll mit ihren Kindern – und gleichzeitig sieht sie, dass die Kinder sich von ihr weg entwickeln. Und wenn die Kinder glücklich sind, gönnt sie ihnen diese Gefühle nicht, sie ist eifersüchtig auf deren Glück, hasst sich dann aber dafür, dass sie diese Missgunst hat, weil sie ja eigentlich eine gute Mutter sein möchte.»

Hanna Greib arbeitet im Gefängnis in der Wäscherei, im «Waschwerk», wie es dort heisst, sie sagt, es gefalle ihr. «Überhaupt, das Leben im Gefängnis, es tönt sonderbar, aber man gewöhnt sich dran.» Jeden Tag steht sie an einer riesigen Maschine mit roten Lämpchen, die Maschine besteht aus einer gewaltigen Walze, und die Walze walzt vor sich hin, und Hanna Greib und die anderen Frauen stehen vor der Walze, ein 174 Grad Celsius heisses Metall, hinter sich die Wägelchen mit der gewaschenen und aufgeschüttelten Wäsche, die spannen sie ein, Bettlaken, Tischtücher, Handtücher, perfekt zusammengepresst kommen sie hinten heraus, und die Frauen legen sie in ein Wägelchen, das dann wieder abgeholt wird von den Hotels und Altersheimen. Ein mechanisches Surren erfüllt den Raum. «Wir haben verschiedene Programme, Bettwäsche zum Beispiel wird einmal gefaltet, gewisse Tischtücher müssen wir von Hand zusammenfalten. Die Chefinnen arbeiten mit, sie sind Aufseherinnen, drei Frauen. Wenn es mir nicht gut geht, kann ich zu ihnen gehen. Ich bin zufriedener geworden, seit ich hier arbeiten kann. Die Frauen rufen sich gegenseitig Sachen zu, dort drüben die vom Frottee, hier die Tischwäsche, dann gibt es auf einmal Streit, und vielleicht geht noch der Alarm los, weil eine Maschine kein Waschmittel mehr hat, jemand schreit: stopp, da wird gestritten, weil die eine das Gefühl hat, die andere mache zu wenig oder spiele sich als Chef auf. Ich betrachte das, bekomme Hühnerhaut. Es gibt Frauen, die auch mal einen Stuhl durch die Gegend werfen, und dann schauen alle mit grossen Augen und warten, bis der Sicherheitsdienst die Stuhlwerferin einbunkert.»

Hanna Greib hatte sich eingerichtet im Gefängnis. Sie habe es nicht leicht, aber es gehe schon, sagte sie. Am Anfang musste sie untendurch, Frauen, die ihre Kinder getötet haben, werden im Gefängnis als besonders verabscheuungswürdig angesehen. «Als ich hier ankam, hörte ich eine Frau sagen: Jetzt kommt die Kindsmörderin, sie hat alle ihre drei Kinder getötet, sie ist gefährlich», erzählte mir Hanna Greib. «Wo immer ich durchging, machten die Frauen einen Schritt zur Seite. Hallo, was isch los?, sagte ich. Lönd mich in Ruhe! Wenn ich mich am Mittag unten an den langen Tisch setzte, kam es vor, dass jemand zu mir sagte: Setz dich woandershin, mit einer Kindermörderin essen wir nicht. Oder jemand sprach mich ganz direkt an: Ui nei, du häsch würkli drü Chind umbracht?»

1995 hatte Hanna Greib ihren Mann kennen gelernt, einen Schweizer Bauernsohn, der in Sölden Skiferien machte. Sie arbeitete an der Kasse im Gletscherrestaurant. «Dieser Mann war ein Strohhalm, an dem sie sich festgehalten hat», sagte eine Bekannte von ihr. «Sie hat gehofft, dass sie durch ihn ein neues Leben bekommt.» Heirat im Frühling 1996. Das war eine erste Fehlüberlegung: einfach im Ötztal loszufahren und in Reichenburg, Kanton Schwyz, aufzuwachen. «Ich habe mir zu wenig überlegt, was da auf mich zukommt», sagte sie. «Es war wie eine Flucht. Ich hatte keinen Job, keine Ausbildung, konnte die Sprache nicht, er ging ins Militär, siebzehn Wochen, ich hockte da in dieser Zweizimmerwohnung, voller Heimweh.» Dann die zweite Fehlüberlegung: Mutter zu werden. 1999 gebar sie ein Mädchen, Lisa. Sie wusste nicht, was das bedeutete, wie das geht, was sie tun musste, sie fühlte sich dem Muttersein nicht gewachsen, wie sie sagte.Sie hatte oft das Gefühl gehabt, nicht Mutter sein zu dürfen, aber als sie dann doch Mutter war, wollte sie es gut machen, besser als ihre Mutter. «Ich war enttäuscht von meiner Mutter. Ich hätte mir immer gewünscht, sie wäre da. Sie würde mich trösten, wenn ich weinte. Ich verstand nicht, warum sie nicht da war. Wenn in der Schule etwas war, gingen andere Eltern hin, meine Eltern nie, mit dem Lehrer reden – nichts. Oder wenn ein Ausflug war, Schulreise, wir waren immer die, die nicht mitdurften. Für mich war klar, wenn ich mal gross bin, ich machs anders.»

Aber wie dieses Andersmachen gehen sollte, davon hatte sie keinen blassen Schimmer. Lisa, das Baby, war also da, es gab Momente des Glücks und der Freude, «bei mir ging es bunt mit den Gefühlen, Heulen und Lachen, alles ging durcheinander», erzählte Hanna Greib. Sie habe immer Angst gehabt, das Kind verhungere, sagte sie, das Baby brüllte und schrie, auch in der Nacht, auch wenn es gerade gestillt worden war. Der Arzt beruhigte sie, das sei normal, sie glaubte dem Arzt nicht, «das ist doch nicht normal, wenn ein Kind so viel schreit, etwas machte ich falsch». Und es gab andere Allüren des kleinen Kindes, die die Mutter an sich zweifeln liessen. «Lisa sah mich nicht an, sie schaute weg. Und ich konnte sie nicht baden, sie schrie immer wie wild, aber bei meinem Mann ging es dann. Schon komisch.» Das Schreien, die Selbstzweifel. Sie war Mutter, und sie wusste, sie packte es nicht. Sie verspürte Hass. Ja, sagte sie, es gab Momente, da hasste sie das kleine Kind. All die negativen Gefühle, die damals nicht sein durften, die in ihr drin waren und ein Eigenleben führten, unkontrolliert. Die dann hervorbrachen. An einem frühen Morgen, sieben Wochen nach der Geburt, drückte Hanna Greib dem schreienden Kind die Hand aufs Gesicht, minutenlang, bis es verstummte. Sie ging duschen, kehrte zurück, sah, das Kind war erstickt.

Etwas Irritierendes folgte: Sie kam ungestraft davon. Niemand erkannte die Tat. Die Rechtsmediziner diagnostizierten den sogenannten plötzlichen Kindstod. Die Frau, die getötet hatte, wurde nicht beschuldigt, aber die Schuld, die in ihr drin war, löschte sich nicht einfach aus. Dann, ein paar Wochen später, war sie schon wieder schwanger, Herbst 1999, mit Zwillingen. «Ich war schockiert», erzählte sie. «Damit hatte ich nicht gerechnet, ich wollte keine Kinder, ich wollte sie weghaben.» Sie hatte Angst, wartete, dann sagte sie ihrem Mann, was war und dass sie an Abtreibung denke. Der Mann hielt dagegen. Er freue sich. Er hoffte, die Kinder würden ablenken von Lisas Tod. Seit Lisa tot war, hatte er sich häufig über seine Frau gewundert. Wie die sich aufführte. Immer öfter hatte er gedacht: Die hat einen Vogel. So erzählte es mir Hanna Greib, sinngemäss. Ihr Mann, von dem sie geschieden ist, sagte, er wolle nicht mit den Medien reden.

In den Monaten, Jahren, die auf Lisas Tod folgten, veränderte sich Hanna Greib, äusserlich, innerlich, sie stopfte Essen in sich hinein, wurde dick, liess sich den Magen verkleinern, dann ein Magenband einsetzen, die Gallenblase entfernen, nahm ab, alles unverhältnismässig, das merkte sie selber, das stellten andere Menschen fest. Sie wurde ohnmächtig aufgefunden, nach dem dritten Mal machte sich ihr Mann ernsthaft Sorgen. Schaltete Ärzte ein. Ging mit zu den Terminen. Im Dezember 2005, als Hanna Greib sich täglich vier-, fünfmal erbrach und für eine Psychotherapie entschied, fragte der Therapeut, was sie herführe. Sie antwortete: «Die Leute kennen mich nicht mehr.»

Der Therapeut, den Hanna Greib schriftlich vom Arztgeheimnis befreit hatte, sagte mir: «In der Therapie ging es darum, dass sie Eltern hatte, die sie nie als eigenes Wesen respektierten. Und dass in ihrer Familie alles Übergriffige tabuisiert sei. Und sie sagte: Ich bin erschöpft. Ich bin so erschöpft, dass ich abends um acht ins Bett muss. In der Therapie war Abgrenzung ein Thema, Unterwerfung, Abhängigkeit. Einmal sagte sie, sie spüre eine Riesenwut auf den Vater, so gross, dass sie sich vergessen könnte. Im Nachhinein bekommt ein solcher Satz natürlich einen besonderen Klang. Im Nachhinein sehe ich auch, wie man ihre extremen Symptome deuten kann, vielleicht rebellierte sie innerlich gegen das, was sie 1999 getan hatte, die Tötung von Lisa. Sie zerstörte mit dem Dickwerden ihr Aussehen, sie malträtierte sich mit Operationen, die medizinisch unnötig waren, die beiden Affären richteten sich in ihrer Gleichzeitigkeit irgendwie auch gegen sie selbst – all das hatte etwas Selbstzerstörerisches, sah nach Selbstbestrafung aus. Ihre Schuld schien nach Bestrafung zu schreien. Dann, plötzlich und für mich überraschend, beendete sie nach sechzehn Sitzungen die Therapie.»

Ich fragte Hanna Greib, warum. Zuerst nannte sie lauter Begründungen (mangelndes Geld, die Mühe, einen Babysitter zu finden), die nur den wahren Grund verdeckten. «Es drängte etwas hervor, das ich nicht wollte», sagte sie schliesslich. «Es ging darum, dass ich heftig träumte, vom Vater, von der Gewalt und auch davon, dass ich bei Lisa die Finger im Spiel gehabt haben könnte. Das tat so weh, das war zu schlimm.»

In der Zeit danach, also zwischen Therapieabbruch im April 2006 und Heiligabend 2007, verstärkte sich bei Hanna Greib die Entfremdung von dem, was ihr nahe war, von ihrem Mann, ihren Kindern. Der Mann, so empfand sie, interessierte sich nicht mehr für sie. Er interessierte sich für Bagger. Er war Gartenbauer. Und die Kinder, die knapp acht Jahre alt waren, wollten weg von ihr, die wollten zum Grosi in Sölden. Dort leben und zur Schule gehen. Das sagten sie ihrer Mutter. Die konnten ihr ins Gesicht schreien: «Mami, ich hasse dich!» Oder: «Figg di!» Hanna Greib war entsetzt, wie weit es mit ihr und mit allem gekommen war.

Und gleichzeitig lag in ihr etwas brach, schon sehr lange, sie wusste nicht, was genau es war oder wie sie es bezeichnen sollte, nichts Konkretes. Eine Sehnsucht nach Neuem. Ihre beiden Affären im Herbst 2007 waren Ausdruck davon. Ihr Leben kam ihr manchmal vor wie ein einziger grosser Verdruss, das sagte sie mir einmal, wenn auch nicht in diesen Worten, sie sprach von ihrem «Scheissleben», es kam ihr vor wie eine Wüste aus Monotonie, Alleinsein und dieser gnadenlosen Häuslichkeit. Sie musste ständig da sein, sich an feste Zeiten halten, nähren und pflegen und hinterherräumen und das Rumgehacke der Kinder schlichten, was alles nichts nützte, weil es immer wieder von vorn anfing, es gab das Gefühl, sie müsse alles allein tragen, und gleichzeitig musste sie die Wut unterdrücken, sie wusste nicht, wohin mit dieser Wut. Das war der Nährboden für ihren Selbsthass und den Hass auf die Kinder. «Frau Greib, hassten Sie Ihre Kinder?», fragte ich sie einmal. «Manchmal», sagte sie.

Liebte sie die Kinder? «Ich habe versucht, sie zu lieben, auf meine Art, so, wie es mir möglich war. Ich habe versucht, für sie da zu sein. Umgekehrt haben mir die Kinder viel Liebe gegeben. Sie haben mich getröstet und gestreichelt, wenn es mir mies ging.»

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Radikale Ordnung

In jenen Jahren, als Hanna Greib an der Hüttenstrasse in Horgen wohnte, mit Mann und Zwillingen, entfaltete sie eine auffallende Verschrobenheit. Sie sorgte in ihrer Wohnung für radikale Ordnung und Sauberkeit. Hanna scheuerte und schrubbte und wischte auf, der Staub war eingesaugt, bevor er den Boden berührte, es war, als strebe sie nach mikrobieller Sterilität, und immer von vorn, kaum waren die Fenster geputzt, wurden sie erneut geputzt, wieder und wieder, und die Kinder halfen mit, reinigten Waschbecken, spülten Klos, trugen Wäsche in den Keller, und wenn Hanna in Sölden war, putzte sie dort noch Mutters Wohnung, die aber schon tipptopp war. In den Schränken war alles auf Millimeter genau geordnet und ausgerichtet und aufgeschichtet, «perfekter als in jedem Museum», wie es in einem Polizeibericht steht. Im Keller: Unmengen von Vorräten. Hanna Greib musste Ordnung halten unter den Dingen, es war ihr letzter Halt.

Die Dinge und sie, das ging, das war etwas anderes als die Kinder und sie.

Das mit den Kindern war vertrackt, und es wurde immer vertrackter. In den ersten Jahren hatte sie die Kinder immer in der Wohnung gehabt, ausser zum Einkaufen, die Nachbarin sagte zu ihr: «Deine Wohnung ist ein Käfig.» Später gingen die Kinder vors Haus zum Spielen, die Mutter immer hinterher, und wenn sie in die Bäckerei einkaufen gingen, stand Hanna Greib oben am Fenster und überwachte sie. Sie musste die Kinder beaufsichtigen, sonst hielt sie es nicht aus. Warum? Annegret Wiese, die Psychologin in München, sagte: «Etwas völlig Unberechenbares ist in ihr drin, wie in ihrem Vater, der einfach grundlos dreinschlagen konnte. Bei ihr ist eine Angst da vor einer Tat, die sie nicht will, also mit anderen Worten: das heimliche und gleichzeitig unheimliche Wissen, dass sie etwas tun könnte.» Im Gefängnis schilderte mir Hanna Greib zwei Begebenheiten, wo sie die Herrschaft verloren hatte, beide illustrieren ihr Kontrollbedürfnis. «Einmal, ich weiss noch, sagten die Kinder, sie seien auf dem Spielplatz, dann habe ich rausgeschaut und sah sie nicht. Ich sofort runter, schrie ihre Namen, keine Antwort. Sie waren über die Wiese und standen am Zaun bei der Strasse, sie hatten ein Büsi gesehen und waren ihm nachgelaufen, rauf bis zur Strasse. Es hatte da ein Feld zwischen unserem Haus und der Strasse. Oh mein Gott, hatte ich eine Krise! Ich schrie sie an, sie standen da und sagten, hey, Mami, alles guet, mir sind ja da! Ich war völlig aufgelöst.»

Eine andere Episode. «Die Kinder kamen aus dem Kindsgi, Mario raste strahlend auf mich zu, er rief Mami! – und wollte in meinen Arm springen. Ich konnte das nicht. Ich stand da, stocksteif, alles war, wie soll ich sagen, verknotet.» Sie habe in dem Moment gedacht: Ich hatte es nicht so gut, wie ihr es habt, erzählte sie. Sie empfand Neid. «Es hat mir das Herz gebrochen», sagte sie, unter Tränen. Ihr Sohn, offensichtlich glücklich, rannte ihr entgegen, aber nicht sie hatte ihn glücklich gemacht. Andere! Hanna Greibs Kontrollbedürfnis bezog sich nicht nur auf Gefahrenmomente, sondern auf alle Erlebnisse. «Ich habe mich dann gehasst dafür, dass ich das Glück meiner Kinder hasste.» Das Glück der Kinder warf ein helles Licht auf das Unglück, das sie in der Kindheit erlebt hatte. Grob gesagt, hasste Hanna Greib die Kinder, die sie liebte, für das Glück, das sie nicht gehabt hatte. Und der Hass war etwas Altes, wie Annegret Wiese sagte, das hatte sich in ihr versteinert. «Brach diese Versteinerung aber erst mal auf, dann brauchte es nicht viel, und dieses starke Gefühl war auf einmal da, zum Leben erweckt mit voller Wucht.»

In Sölden, beim Grosi, war alles anders, da hatten die Kinder Freiheiten, durften dreckig werden, selber hinaus ins Dorf, sie machten Unternehmungen, fuhren auf haarsträubenden Bahnen in Vergnügungsparks. Dort machte das Leben ziemlich viel Spass. Sie fragten ihre Mutter ständig, wann sie wieder nach Sölden dürften, wann das Grosi wieder komme, und wenn sie bei den Grosseltern waren, bettelten sie, noch bleiben zu dürfen. «Bitte, Mami, noch eine Woche!» Hanna Greib ertrug das nicht. Dass die Eltern, die sie so kurz gehalten hatten, nun die Enkelkinder verwöhnten, sie knuddelten und küssten, das hielt sie nicht aus. Und sie bekam Angst, ihre Mutter würde ihr die Kinder eines Tages wegnehmen.

Am Tag vor Heiligabend, dem 23. Dezember 2007, fuhr Hanna Greib nach Wädenswil in die Migros. Am Nachmittag schmückte sie mit den Kindern den Weihnachtsbaum, «alles war friedlich», sagte sie. An der Oberfläche. Ihr Mann hatte beschlossen, die Kinder bekämen dieses Jahr keine Geschenke, weil sie schon alles hätten; Hanna Greib hatte aber heimlich für jedes Kind einen Nintendo gekauft und ein Spiel dazu. Ihre Mutter hatte angerufen und lange mit den Kindern geplaudert, sie selber hatte keine Lust, mit der Mutter zu reden. Beim Schmücken des Baumes war dem Bub eine Kugel zu Boden gefallen, sie, Hanna, war ausgerastet, hatte ihn angeschrien, das sei das letzte Mal, dass sie einen Christbaum hätten. Nie mehr, fertig luschtig. Gemeinsames Nachtessen. Fernsehen. Kinder ins Bett. Kurz vor neun ein SMS von diesem Mann, D., ihrer Affäre: «Wenn einmal aus dem Himmelszelt ein Stern in meine Hände fällt, verpack ich ihn und schick ihn dir, denn Glück für dich, das wünsch ich mir! Träum süss! D.» Hanna Greib und ihr Mann gingen zu Bett, schliefen ein. Sie erwachte, stand auf, schluckte eine Kopfwehtablette, legte die Nintendos unter den Weihnachtsbaum. Legte sich wieder hin. Stand wieder auf, ging ins Zimmer von Mario, «ich fühlte nichts, einfach nichts», sagte sie später, sie legte ein Kissen auf Marios Gesicht und setzte sich darauf, fünfundsechzig Kilogramm. Dann ging sie ins Zimmer von Céline, legte ein Kissen auf ihr Gesicht und setzte sich darauf, die Tochter bäumte sich auf, wehrte sich, erfolglos.

Ich fuhr nach München, es war vor Weihnachten. Währenddessen fing in Horgen der Prozess gegen Hanna Greib an, ihr Geständnis am ersten Verhandlungstag war ein Medienereignis. In München sass ich in einem vollen Café, es war laut, Geschirrgeklapper, Stimmengebrumm. Dort traf ich Annegret Wiese, die Autorin des Buches «Mütter, die töten». Sie hat viele Fälle analysiert, wo Frauen ihre Kinder getötet haben, und sie hat eine grosse Gemeinsamkeit gefunden: Alle Täterinnen hatten ein extrem gestörtes Verhältnis zur eigenen Mutter. Als sie selber noch Kinder waren, wagten sie es nicht, die Wut auf die Mutter zu zeigen, sie spielten das brave Mädchen. Aus diesem Befund entwickelte Wiese eine Theorie: Die in der Kindheit unterdrückte Aggression gegen die Mutter richte sich später gegen den eigenen Nachwuchs. «Kindertötung», schreibt sie, «ist ein Aufflammen dieser archaischen Wut.» Ich hatte ihr von meinen Gefängnisbesuchen erzählt, wir waren seit Sommer 2012 in losem Kontakt. Wiese sagte, solche Fälle gebe es selten, in Deutschland etwa zehn pro Jahr. Dann beschrieb sie Hanna Greib, wie sie sie sieht: als eine Person mit zwei Seiten. «Es gibt einen Teil ihrer Person, der die Kinder überwacht, weil ihnen niemals, niemals, niemals etwas zustossen darf. Dieser Teil ist stark, er würde nicht zulassen, dass die Kinder sterben, erst recht nicht durch ihre Hand. Und auf der anderen Seite ist da der Teil, der alles Lebendige und Eigenständige hasst. Dieser Teil möchte den Kindern die Lebendigkeit nehmen, bevor sie sich zu lösen beginnen und eigenständig werden.» Ich fragte sie, warum Hanna Greib das Lebendige und Eigenständige hasse. «Weil Frau Greib diese Entwicklung in ihrer eigenen Kindheit nicht machen konnte. Sie ist damals emotional erstarrt.» Wir redeten lange, schliesslich auch über das Gutachten des Zürcher Gerichtspsychiaters, der bei Hanna Greib eine «erhebliche Rückfallgefahr» feststellte. Wiese sagte: «Das war ein Beziehungsdelikt. Das war zielgerichtet, es zielte auf ihre eigenen Kinder. Die Kinder von Frau Greib sind tot. Ich sehe keine Rückfallgefahr.»

Am Schluss wollte ich wissen, warum das Delikt diese Schrecklichkeit hat. Annegret Wiese sagte, sie habe zwei Vermutungen. Zum einen hätten viele das Gefühl, das Delikt greife in etwas Natürliches ein, nämlich dass das Leben sich weiterentwickeln wolle. Jede Generation gebe etwas weiter an die nächste Generation – das unterbreche man mit dieser Tat. Die Kinder töten, das sei eine radikale Abkehr vom Leben. Die zweite Vermutung: «Das Delikt rührt an Urängste. An die Angst des Verlassenseins. Was ist denn noch sicher, wenn selbst das fundamentale Bündnis zwischen Mutter und Kind nicht mehr funktioniert?»

Jeder Mensch möchte geschätzt werden, jeder möchte Aufmerksamkeit, das gilt auch für Gefangene. Das wusste ich, als ich ins Frauengefängnis fuhr, jedes Mal dachte ich daran: Ich bin für die Gefangene nicht einfach der Reporter, der, kalt und berechnend, ein paar zitierbare Aussagen von ihr will. Ich war jemand, der sie einen Besuch lang herausholte aus dem grossen grauen Nichts. Menschen im Gefängnis verlieren langsam an Persönlichkeit, sie werden zu Nummern. Kommt jemand von aussen, aus der wirklichen Welt, ist das ein Ereignis. Und hört dieser Jemand zu und schreibt sogar auf, was er zu hören bekommt, dann ist diese Hervorhebung ein Grossereignis.

Anfang Januar, der Prozess am Bezirksgericht Horgen ist für vier Wochen unterbrochen, fahre ich zum letzten Mal nach Hindelbank. Ich bin nervös, weil ich Hanna Greib zurückstossen muss. Es tut mir leid. Ich sage: «Das wars. Ich werde nicht wieder kommen.» Sie schaut mich an, dann sagt sie: «Das isch okay.» •

 

Mathias Ninck ist Redaktor des «Magazins».

Die Illustratorin Anoushka Matus lebt und arbeitet in Zürich.