Die Scheingenauigkeit
der Zahlen

… oder wie bei Radio DRS auf wundersame Weise sechs Nullen verschwanden.

 

Zahlen beeindrucken. Wer Zahlen auftischt, wirkt kompetent. Wenn einer bis zur dritten Stelle nach dem Komma Bescheid weiss, muss er ja drauskommen.

Dabei sind gerade die sehr exakten Zahlen oftmals problematisch. Erstens sind sie unpraktisch und verhindern den Blick aufs Ganze. Zweitens sind sie manchmal schlichtweg falsch. Wenn etwa die Stiftung Weltbevölkerung vorhersagt, die Bevölkerung von Nigeria werde von derzeit 170,1 bis 2050 auf 402,4 Millionen anwachsen, dann kann man jetzt schon mit Sicherheit sagen, dass der Wert nicht stimmt. Bei Langfristprognosen ist solche Präzsion schlicht Unfug – eine sinnvolle Angabe wäre etwa 400 ± 50 Millionen.

Ein anderes Beispiel, das ich schon länger amüsiert verfolge, sind die unterschiedlichen Ernährungsstatistiken der Schweiz. Das Bundesamt für Landwirtschaft und der Schweizerische Bauernverband haben je eine eigene Statistik-Abteilung, und die haben je ihre eigenen Methoden. Auf die Zahlen zu kommen ist auch nicht ganz leicht – die Beamten sitzen ja nicht mit am Tisch und zählen, was wir verzehren. So müssen sie denn auf Produktions- und Verkaufszahlen zurückgreifen und abschätzen, wieviel etwa aus den Hausgärten noch dazukommt und wieviel weggeworfen wird. Das ist alles gut und recht, aber daraus zu schliessen, dass zwischen 2009 und 2010 der Kirschen-Konsum in der Schweiz pro Kopf um zwanzig Gramm zugenommen habe (von 0,44 auf 0,46 Kilo), wie es das Bundesamt tut, ist schlicht unzulässig.  Insbesondere, wenn die Konkurrenz vom Bauernverband für den gleichen Zeitraum einen völlig anderen Wert und Trend angibt: minus zweihundert Gramm, von 1,0 auf 0,8 Kilo. Immerhin mit einer Stelle weniger hinter dem Komma.

Wie viele Kirschen essen die Schweizerinnen und Schweizer nun wirklich? Etwa ein halbes bis ein ganzes Kilo. Genaueres kann man anhand der Daten nicht sagen. Und für die allermeisten Zwecke reicht das auch. Wer Zusammenhänge verstehen und vermitteln will, braucht keine Hochpräzision, sondern Grössenordnungen. Aber genau damit tun sich viele schwer.

 

Ein besonders krasses Beispiel ist mir letzte Woche am Radio aufgefallen: Da hat ein DRS-, pardon, ein SRF-Korrespondent behauptet, die EU-Staaten verlören durch Steuerflucht und -vermeidung jährlich bis zu einer Trillion Euro. Der Gewaltsbetrag gefiel dem Reporter so sehr, dass er nicht nur die Anzahl seiner Nullen nannte (es sind deren 18), sondern in einer wahren Kaskade die achtzehn Nullen auch noch einzeln aufzählte (nachzuhören hier unter „ganze Sendung“ ab etwa Minute 10:30).

Ich wusste sofort, dass die Trillion falsch war. Nicht, dass ich das wahre Ausmass der Steuerflucht genau kennen würde. Aber mir war klar, dass es in einem Raum wie der EU, wo sich Staatsbudgets und Inlandprodukte im Bereich von Millarden (neun Nullen) und Billionen (zwölf Nullen) bewegen, nicht plötzlich ein Wert auftauchen konnte, der sechs Nullen mehr hatte. Die Grössenordnung stimmt nicht. Der richtige Wert ist übrigens eine Billion, und die Falschangabe beruht mit Sicherheit auf einer falschen Übersetzung aus dem Englischen, wo unsere Billionen ärgerlicherweise Trillionen heissen (eine gute Erklärung dieses Ärgernisses war kürzlich im Sprachblog zu lesen).

Nun ja, so ein Fehler kann ja mal passieren, und offensichtlich haben ihn im Nachhinein auch die Radioleute entdeckt. Ihre Reaktion fand ich aber ein wenig seltsam: Sie haben die falsche Trillion und die sechs überzähligen Nullen für den Internet-Beitrag einfach herausgeschnitten und durch die richtige Billion ersetzt, ohne das zu kennzeichnen – nicht gerade die feine Art. Nun kann man dem Korrespondenten (hier ab etwa 2:05) zuhören, wie er bis zwölf zählt. Nur haben die Radiomacher dummerweise vergessen, den Fehler auch in der Gesamtsendung (die ich am Anfang verlinkt habe) zu korrigieren.

 

Haareis

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