Schluss mit dem Gequengel!

SCHLUSS MIT DEM GEQUENGEL!
Text Birgit Schmid

In einer satten Gesellschaft ist der Feminismus zum Lifestyle-Phänomen geworden. Alle finden es chic, über die Benachteiligung von Frauen zu reden. Eine Polemik

Kürzlich las ich in einer Frauenzeitschrift einen Artikel über „neun Dinge, die uns stark machen“. Die Zeitschrift hiess schlicht „ELLE“. Sie. Schon das kam mir in diesem Moment rein und unprätentiös vor. Erstens, war da zu lesen, ein Pfeiler unseres Glücks ist Liebesfähigkeit. Zweitens: Freunde. Dann kamen gesunder Egoismus, an siebter Stelle Hingabe. Anfangs nickte ich scheu zustimmend. Am Ende hatte ich das Gefühl, noch nie etwas so Einfaches und Wahres gelesen zu haben.

Wie kam es, dass ich plötzlich dieses „Genauso ist es!“-Erlebnis hatte, ausgelöst von etwas, das man sonst doch gern der Kategorie Küchentischpsychologie zuordnet? Mit einem Foto dazu, das eine Frau auf dem Velo zeigte, wie sie mit hochgewehtem Kleid durch eine Wiese pedalt.

Zur selben Zeit musste ich mich auf ein Interview mit der amerikanischen Autorin Hanna Rosin vorbereiten. Sie hat soeben das Buch „The End of Men“ geschrieben. Ich sollte mir Gedanken machen über den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergang der Männer, deren Krise an den Aufstieg der Frauen geknüpft ist, wenn man Rosin glaubt. Darüber, dass die Mädchen die Knaben in der Schule überflügeln, in den USA nur noch vierzig Prozent der Studienabschlüsse an Männer gehen und immer mehr Frauen und immer weniger Männer arbeiten. Darüber sollte ich nachdenken: dass der Wandel in der Arbeitswelt, wo mehr denn je Eigenschaften gefragt sind, die als „typisch weiblich“ gelten, das männliche Selbstverständnis erschüttert hat. Normalerweise kann ich solchen Thesen etwas abgewinnen. Aber plötzlich nervte mich dieses Gerede von „den Männern“ und „den Frauen“: Die sind jetzt grad oben, jene unten, da haben die Männer dies neue Problem, dort leiden die Frauen noch immer darunter. Plötzlich kam es mir wie der Ausdruck einer Wohlstandsgesellschaft vor, deren Ansprüche stetig wachsen.

Ohne dass ich es merke, schlittere ich in den geschlechterpolitischen Diskurs. Muss eine Meinung haben. Nur um mich irgendwann zu fragen: Ist das überhaupt meine Meinung? Glaube ich, was ich sage? Kann ich dazu überhaupt etwas sagen? Will ich? Es passiert etwas Kleines, man begegnet einer Frau, die nicht „die Frauen“ ist, man denkt an alle Männer, die noch lange nicht am Ende sind. Man stösst in einem anfälligen Moment auf ein banales Glücksrezept in einer Frauenzeitschrift und glaubt plötzlich wieder zu wissen, worum es eigentlich geht. Erst jetzt merkte ich, wie ich ständig dazu gedrängt werde, mich mit diesen Fragen zu befassen. Wie sehr ich beeinflusst werde zu finden, dass es nicht zum Besten steht.

Vielleicht steht es ja aber gar nicht so schlecht mit uns Frauen und den Männern?

Genau daran sollte man nicht zweifeln. In Geschlechterfragen bildet sich gerade wieder ein Konsens, den zu hinterfragen wenig populär ist. Okay, da sind die Männer, die auf der Verliererseite stehen, weil ihr Konzept von Männlichkeit bedroht ist – der „Amateur-Mann“ oder „kastrierte Mann“ taumelt durch die Medien, seit seine Rolle als Ernährer und Familienoberhaupt infrage gestellt wurde, also seit gut vierzig Jahren (wie ich ihn selbst beschrieben habe, im „Magazin“ Nr. 11/2010). Die Buben haben keine Rollenvorbilder mehr, gefühlte tausend „Clubs“ gab es im Schweizer Fernsehen schon zu diesem Thema. Die Frauen dagegen sind „auf dem Vormarsch“, auch eine dieser ausgeleierten Formulierungen, sie sind, was heutigen Erfolg verspricht, aufmerksamer, kommunikativer, konsensorientierter etc. Sie sind, nun ja, irgendwie besser.

Zugleich könnte es ihnen aber besser gehen, die Verhältnisse sind noch nicht das Optimale. Deshalb wird Hanna Rosin, die in ihrem Buch so tut, als hätten die Frauen den Gipfel erreicht, von manchen Frauen gehasst. Da tut eine so, als gäbe es nicht noch weit mehr zu erkämpfen. Das ist gefährlich und nicht „für die Sache der Frau“.

Während „Feminismus“ noch vor wenigen Jahren als Schimpfwort galt und als Synonym für hässliche frigide Frauen, ist er heute Lifestyle. Der Lifestyle-Feminismus ist an sich nichts Schlechtes, er kämpft für eine gleichberechtigte Gesellschaft, ohne die Männer zu bekämpfen. Er beharrt auf Missständen, wo er noch welche zu sehen glaubt, und das eben gerade entspannt und manchmal auch mit Humor (ich schätze die Texte meiner Kollegin Michèle Roten sehr). Aber zu oft beschleicht mich in letzter Zeit das Gefühl, dass eine an sich tief politische Bewegung zum Accessoire geworden ist. Sich Feministin zu nennen macht sich gut. Die Sympathien sind einem sicher. Dem Feminismus wird sogar zur Waffe, dass er jung und hübsch sein darf, nackt sogar, wenn man an die barbusige Bewegung „Femen“ denkt. Ein sexy Feminismus könnte schon allein deshalb wirksam sein, weil man eher auf ihn aufmerksam wird.

Hin und wieder frage ich mich aber, ob manche Anliegen wirklich ganz durchdacht sind. Ob man sich nicht allzu leicht vom Strom mittragen lässt. Vielleicht argumentieren viele Frauen mit, weil sie dazugehören wollen und es cool ist, für etwas zu kämpfen und sich als benachteiligtes Geschlecht zu sehen. Zum Beispiel das Thema Frauenquote. Die Frauenzeitschrift „Annabelle“, für die ich selbst von 2006 bis 2009 als Redaktorin gearbeitet habe, startete eine politische Kampagne für die gesetzliche Regelung des Frauenanteils in Führungspositionen, dazu sammelte sie Stimmen öffentlicher Personen. Danach gefragt, kann man doch fast nicht anders, als dafür zu sein. Keine Frau ist gegen mehr Frauen in der Wirtschaft. Keine Frau ist gegen mehr Frauen in Führungspositionen. Wen die Einführung einer Quote aber nicht voll überzeugt, der gerät leicht in ein Dilemma. So teilten sich manche bei der Umfrage dem „Jein“-Lager zu, was in erster Linie die Angst verrät, gegen den gut meinenden politischen Mainstream zu sein.

Das ist es, was mir an der gegenwärtigen frauenbewegten Strömung nicht behagt: das normative Denken, das sie nach sich zieht, und folglich das Verbot, das Gegenteil zu vertreten.

 

Man müsse es einfach ausprobieren

Neulich bei einem Nachtessen mit Freunden: Die EU-Kommission hatte an diesem Tag gerade die Frauenquote vorgeschlagen, ich zögerte. „Was, du bist nicht für die Quote?“ Alle Augen richteten sich auf mich, als hätte ich gerade gesagt, ich würde Kinderarbeit tolerieren. Man sei ja auch nicht sicher, aber man müsse das nun doch einfach mal ausprobieren! Und schauen, was passiert! So könne es doch nicht weitergehen! „Haben wir denn nicht gesehen, wohin es führt, wenn in der Wirtschaft lauter Männer das Sagen haben?“, fragte jemand. Der Erregungspegel stieg. Am Schluss hatte ich das Gefühl, mit meinem mangelnden Einsatz für ein Gesetz – mehr Frauen in die Kader – die Finanzkrise persönlich verantwortet zu haben.

Ein anderes Beispiel: Zwei SP-Gemeinderätinnen der Stadt Zürich störten sich an der Wortwahl im Magazin der Zürcher Verkehrsbetriebe. Darin freuten sich die VBZ über den starken Anstieg des Frauenanteils bei ihren Tramführern und schrieben, bei ihnen würden die Frauen keine „paternalistischen Stützrädli“ benötigen, sondern bloss „gleich lange Spiesse und Dialog auf Augenhöhe“. Die SP-Politikerinnen erkannten darin ein Votum gegen Frauenquoten und gelangten an den Stadtrat.

Die Diskussion um die Frauenquote nimmt leicht dekadente Züge an, ein Phänomen auch des heutigen Feminismus. Der sich auf die Frauen- und Emanzipationsbewegung beziehende Feminismus Ende der Sechzigerjahre erhielt seine Existenzberechtigung aus der skandalösen Benachteiligung der Frau, die keine Freiheit hatte, ihr Leben jenseits von Bügelbrett und Herd zu gestalten, die kein Recht besass, sich politisch zu beteiligen. Es ist viel geschehen seit damals. Die Frauen, zumindest im Westen, haben etwas erreicht. Das geht doch ein wenig vergessen, wenn es heute heisst, wir seien noch lange nicht am Ziel. Und gehört zum Verständnis des Feminismus nicht auch die utopische Vorstellung von seinem Ende? Weil er überflüssig wird, sobald all seine Ziele erreicht sind? Denn nur solange er Probleme sieht, braucht es ihn. Frauenförderung nötig zu haben klingt Ende 2012 eigenartig und immer ein wenig auch nach Entwicklungshilfe. Das nenne ich dekadent: die exzessive Beschäftigung mit einer als stark ungerecht empfundenen Situation aus einer privilegierten Lage heraus. Nur eine überaus satte Gesellschaft kann es sich leisten, den Begriff Gender Mainstreaming, Gleichstellung in allen Bereichen, als politische Strategie zu formulieren und als Staatsaufgabe festzuschreiben. Trotzdem bleibt für mich Genderpolitik, nun … einfach ein Wort. Es ist nicht einmal emotional aufgeladen, ich rege mich nicht auf darüber. Als ob es mit dem Leben nichts zu tun hätte. Ich weiss nur, dass dahinter viele gute Absichten stehen. Gut meinende Absichten, die auch als politisch korrekt gelten. In diesem Sinn ist bereits die politische Korrektheit dekadent, eine Verfallserscheinung. Was für ein Luxus, das gute Leben zu einem immer noch perfekteren, mustergültigen trimmen zu wollen.

Man spricht zu allgemein von den Frauen, die dank Quote in höhere Positionen gehoben werden sollen. So wünschenswert es wäre, dass man Frauen findet, die dann auch wirklich die Führung wollen: Sie bleiben bis jetzt Phantome. Ich kenne bloss meine Freundinnen, und die sind real. Mir gehen einfach die letzten Argumente für eine Frauenquote aus, wenn ich mit der 41-jährigen Psychologin mit Doktortitel spreche, die dem Wunsch nach dem dritten Kind alles andere unterordnet. Jede Ambition auf Karriere hat fahren lassen. Oder der kinderlosen 38-jährigen Vizedirektorin einer PR-Agentur, die schwört, ein Angebot zur Nummer eins in ihrem Unternehmen auszuschlagen, weil sie um ihr Leben daneben fürchten würde (und als Nummer zwei vielleicht sogar über mehr Macht verfügt).

Womöglich wende ich mich mehr dem Privaten zu, statt mich zu engagieren. Kann sein, dass ich das subjektive Bewusstsein stärker gewichte als das politische. Was mir an der Bildung eines Meinungsmainstreams nicht geheuer ist, merkte ich, als ich einen weiteren Artikel las, „A Woman of Intellect and Style“ war der Titel, erschienen in der „New York Times“. Das interessierte mich in diesem Moment mehr als die Masse an Publikationen zur Frauenquote. „She was absolutely individual“, stand da in einem Porträt über die amerikanische Schriftstellerin Mary McCarthy, die vor hundert Jahren geboren wurde und den Sechzigerjahre-Bestseller „Die Clique“ schrieb. Sie wurde als Feministin bezeichnet, und obwohl sie es irgendwie war, wollte sie es dem Namen nach nicht sein: Sie lehnte die Bewegung als „weinerlich“, „gierig“ und „schrill“ ab. McCarthy hatte vier Ehemänner, war auch zu lesen, und unzählige Affären, die sich aneinanderreihten wie die Perlen, die sie um den Hals trug.

Sie war ihrer Zeit weit voraus, wäre jetzt so ein Satz, den man hier schreiben könnte. Als ob eine Zeit immer einen einzigen Typus Mann und einen bestimmten Typus Frau hervorbrächte. Als ob es keine menschlichen Wesenszüge darüber hinaus gäbe. Deshalb ist der Trendforschung auf dem Gebiet des Geschlechtertreibens auch nicht zu trauen. Das Treiben, wo man sich umtanzt und umspielt, ineinander verirrt und wieder auflöst, wäre ja geradezu ein versöhnliches Bild: Das ändert sich nie. Hanna Rosin braucht stattdessen die Metapher der Wippe, jemand ist oben, jemand ist unten, Aufstieg und Fall bedingen sich gegenseitig. Man spielt Frauen und Männer jetzt gegeneinander aus, die Probleme der einen sind an den Erfolg der andern geknüpft.

Zurück zu den Männern, die sich angeblich an die neuen Verhältnisse nicht anpassen können. Es klingt, als wäre die Zeit stehen geblieben: Hanna Rosin sagt, Männer, die weniger als ihre Frauen verdienen oder ihre Tage auf dem Spielplatz verbringen, würden darunter leiden. Ein solcher „stay-at-home dad“, den die Autorin für ihr Buch anonym interviewt hatte, wehrte sich im Nachhinein. In einem Artikel für das Onlinemagazin „The Daily Beast“ schrieb er, Rosin habe seine Geschichte für ihre „Bestseller-Polemik“ karikiert – in Wahrheit seien er und seine Frau sehr glücklich mit der Rollenverteilung.

 

Der Orkan liess die Männer auferstehen

An Hanna Rosins These begann ich Ende Oktober überhaupt zu zweifeln. Aus dem Treffen mit ihr in New York wurde nichts, weil die Autorin wegen des schweren Wirbelsturms für Tage nicht von ihrem Wohnort Washington nach New York reisen konnte. Und plötzlich zeigte sich mir dort ohnehin eine andere Wirklichkeit. Ich sah, wie der Hurrikan mit Frauennamen Sandy die Männer auferstehen liess: Sie schleppten Sandsäcke vor die Geschäfte. Sie bauten Staudämme vor die Tunneleingänge. Sie trugen Schirme, sie fuhren das Auto vor, sie legten ihre Jacken um die Schultern ihrer Frauen, die, sind wir ehrlich, nichts anderes erwarteten. Sie zahlten im Restaurant. Ach ja, und zwei Männer kämpften zu diesem Zeitpunkt gerade um das höchste Amt der Welt.

Statt Hanna traf ich John in New York, einen Freund, und erzählte ihm von ihrem Buch. „This is so seventies“, diese Diskussion gehöre so in die Siebzigerjahre, winkte er ab. John arbeitete in den Neunzigern bei Sony, wurde Opfer von Restrukturierungen, war dann bei Lehman Brothers, verlor den Job noch vor der Finanzkrise, heute unterrichtet er als Englischlehrer an einer Businessschule und studiert nebenbei Humangenetik und Biotechnologie.

Die Männer – nicht anpassungsfähig?

„Genau. Dieses Gerede ist so langweilig“, sagte ich, „und vor allem stimmt es gar nicht. Man könnte nach Börsenschluss in eine Bar an der Wallstreet gehen und sich davon überzeugen lassen, wie sehr wir noch in einer Men’s World leben, nicht?“ – „Ach was“, sagte John. „Ich habe bei Lehman so viele Bankerinnen erlebt, die den Männern in nichts nachstanden. Sogenannt maskuline Frauen. Sie waren genauso tough, genauso zielstrebig und kompromisslos wie ihre männlichen Kollegen.“ John, der kürzlich sein Genom analysieren liess, sagt: „Männer! Frauen! Heute müssen wir doch von Persönlichkeitstypen reden. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden zunehmend irrelevant, die Erotik jetzt einmal ausgenommen. Alles ist eine Frage der Persönlichkeit.“

Man muss ja nicht gerade eine Utopie geschlechtsloser Mutanten entwerfen. Aber vielleicht wenigstens aufhören, so zu tun, als wäre einem nichts wichtiger als Frauenbelange. Wem ist gedient, wenn man ein Verhalten als besonders geschlechtstypisch aufzudröseln und sich gegenseitig zuzuschreiben versucht? Männer fragen inzwischen auf der Lifestyle-Ratgeberseite schon, wie man einer Frau heutzutage ein Kompliment macht, als wären „die Frauen“ absehbar in ihrer Reaktion, als gäbe es in diesen Fragen ein Richtig oder Falsch. In diesem Moment fragt man sich tatsächlich, ob die Männer in den angenehmsten und einfachsten Dingen des Lebens den Kompass verloren haben. Dann wäre ihnen wirklich nicht mehr zu helfen (und den Frauen ebenso wenig). Womöglich wird es ihnen aber auch nur eingeredet.

Bevor wieder mal das Ende der Männer verkündet wird, soll man sich daran erinnern, was Männer in weniger satten Gegenden dieser Welt noch alles anrichten. Man soll an die Mädchen in Pakistan denken, denen die Taliban in den Kopf schiessen, bloss weil sie zur Schule gehen wollen. Daran, dass in China mit seiner Ein-Kind-Politik Frauen gezwungen werden, ihre weiblichen Föten im siebten Monat abzutreiben. Oder wie in vielen afrikanischen Ländern noch immer Kindsbräute verkauft werden. Daran soll man auch denken, wenn wir Frauen der Ersten Welt wieder einmal das Gefühl haben, bei einer Beförderung übergangen worden zu sein, für die wir unser Interesse nie offen zeigten, oder wenn wir meinen, ein Anrecht auf den besseren Platz im Theater zu haben, nur weil wir Frauen sind.

Erst wenn man diese Geschichten im Kopf behält, kann man über das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern zu sprechen beginnen. Erst dann merken wir vielleicht, wie seltsam manches klingt.

 

Bild: Frances M. Roberts (Keystone)