Der böhmische Borat

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„Wie habt ihr das bloss geschafft, dass die Schlägereien aussehen wie echt?“, fragten amerikanische Filmproduzenten, nachdem sie die tschechische Western-Parodie „Limonaden-Joe“ gesehen hatten. Die Tschechen antworteten: „Was heisst da ‚wie echt‘? Die sind echt!“

Richtige Schlägereien im falschen Western: Bei den Tschechen weiss man nie genau, wie ernst sie es meinen. Sie verstehen es meisterhaft, sich im Grenzgebiet von Ernst und Ironie zu bewegen – ja gar beide Zustände gleichzeitig einzunehmen wie ein Quantenobjekt, das zugleich Welle und Teilchen ist. Das ist schon beim Übervater des tschechischen Humors so, bei Jaroslav Hašek: Wenn sein braver Soldat Schwejk sich etwa im Rollstuhl und unter Hurra-Rufen zur Musterung fahren lässt, weiss man nicht sicher, ob sein Rheumatismus echt ist oder nur gespielt, ob die ganze Aktion bloss ein Schelmenstreich ist oder ob Schwejk tief drin nicht vielleicht wirklich ein klein wenig patriotisch ist.

Einer von vielen Nachfolgern Schwejks ist der jungen Filmemacher Martin Dušek, den manche nun auch einen tschechischen Borat nennen: In seinem Dokumentarfilm „Mein Kroj“ („Meine Tracht“), der kürzlich im zweiten tschechischen Fernsehen kam, reist er in einer selbstgebastelten Tracht nach Augsburg und will dort den Sudentendeutschen Tag besuchen – ein heikles Unterfangen, wurden doch viele der Anwesenden oder zumindest deren Vorfahren nach 1945 von den Tschechen vertrieben. In seinem Aufzug aus kurzen Hosen, roten Strümpfen und blinkenden Škoda-Rücklichtern wird Dušek zuerst kritisch beäugt, dann aber doch reingelassen. Er tanzt und unterhält sich ganz gut mit den Leuten, vielleicht auch weil viele seine satirische Seite gar nicht wahrnehmen, bis ihn schliesslich die Veranstalter, die sich zu Beginn ihres Humors gerühmt hatten (ein untrügliches Zeichen für Humorlosigkeit), von der Polizei abführen lassen.

Vieles erinnert tatsächlich an Schwejk: Etwa das unschuldige Auftreten, das es schwer macht, ihm böse zu sein, die Oberen aber dennoch in Rage bringt, oder das Agieren hart an oder teilweise sogar ennet der Grenze des guten Geschmacks. Man ist sich nie sicher, wie schlecht das Deutsch des Hauptdarstellers wirklich ist – manches sagt er sicher absichtlich falsch („Die haben mir vertriebt!“).  Auf jeden Fall ist der Film mehr als Klamauk: Dušek hat selber teilweise sudetendeutsche Wurzeln und will mehr über seine Herkunft erfahren. Auf der einen Seite die Tschechen, die die Vertreibungen teilweise immer noch totschweigen, auf der anderen Seite die Sudetendeutschen mit ihrer oftmals reaktionären Gesinnung: ein schwieriges Thema. Es hat etwas Wohltuendes, dass Dušek es nicht mit Abwehrbereitschaft oder Tiefsinn angeht, sondern mit Ironie.

Der Film ist online und dauert 25 Minuten. Der grösste Teil ist deutsch – die Minuten zwei bis neun, wo tschechisch geredet wird, kann man überspringen, ohne dass man deswegen nicht mehr draus käme. Mehr Hintergrundinformationen gibts auf Radio Prag.

Haareis

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