Ist die Physik das Geld wert?

1911 entdeckte der neuseeländische Physiker Ernest Rutherford, dass Atome einen Kern haben. Seine Entdeckung beruhte auf einem einfachen Experiment, zu dem er nur eine Prise strahlendes Radium und eine dünne Goldfolie benötigte. Rutherfords Team bestand aus genau drei Wissenschaftlern, und seine Arbeit wurde von der Royal Society in London mit siebzig Pfund unterstützt.

Rutherfords geistige Nachfolger arbeiten heute am Cern in Genf: Auch sie machen Experimente mit Teilchenstrahlen, und auch sie versuchen, dadurch die fundamentale Struktur der Materie zu ergründen. Der Unterschied liegt in der Grösse: Das Cern hat 2400 Angestellte. Weitere 10 000 Wissenschaftler, die Hälfte aller Teilchenphysiker der Welt, kommen hierher zum Forschen. Das Jahresbudget beträgt mehr als eine Milliarde Franken – der neuste Teilchenbeschleuniger LHC kostete mehr als vier Milliarden.

Immer grösser, immer teurer: Der Physik-Nobelpreisträger und Bestseller-Autor Steven Weinberg hat die Geschichte der Teilchenbeschleuniger in der letzten Ausgabe der New York Review of Books nachgezeichnet. Längst haben grosse Beschleuniger nicht mehr in Gebäuden Platz – sie sind, wie Weinberg schreibt, zu „Bestandteilen der Landschaft“ geworden. Die Logik der Entdeckungen habe die Physiker gezwungen, in die Grösse zu gehen. Dass die entdeckten Strukuren dabei immer kleiner werden, ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch: Wer nachts eine Maus aufspüren will, braucht ja auch eine stärkere Taschenlampe als für einen Elefanten.

Dass der nächste Grossbeschleuniger, den die Physiker in eine paar Jahren planen werden, kleiner und billiger ausfallen wird, ist etwa gleich wahrscheinlich wie ein Schrumpfen des nächsten Staatshaushalts. Weinberg ist sehr skeptisch, ob die Regierungen dannzumal ein solches Projekt noch unterstützen werden. Sein Pessimismus gründet in der Erfahrung eines superteuren amerikanischen Beschleunigerprojekts, dem schon in den neunziger Jahren der Geldhahn zugedreht wurde. Auch bei grossen Weltraumteleskopen stockt die Finanzierung. „Darum ist es möglich, dass die Suche nach den Naturgesetzen im nächsten Jahrzehnt zum Stillstand kommt und zu unserer Lebenszeit nicht wieder aufgenommen wird“, schreibt Weinberg.

Wie viel Geld ist die weitere Erforschung der fundamentalen Naturgesetze wert? Man darf die Frage stellen, ohne deswegen gleich zum Wissenschaftsfeind zu werden. Die Ressourcen, die Grossprojekte (wie etwa auch die EU-Flagships) verbrauchen, fehlen dann eben andernorts – wobei Weinberg zu Recht darauf hinweist, dass das Geld von gestrichenen Projekten leider nicht automatisch in andere Wissenschaftszweige fliesst. Letztlich ist es aber eine politische Frage, was gefördert werden soll und was nicht.

Ein wenig ätzend ist, dass Wissenschaftler bei der Verteidigung ihrer Grossprojekte oft auf einen Nebenschauplatz ausweichen: Sie verweisen auf die vielen nützlichen Erfindungen, die ihre Forschung quasi nebenbei für die Gesellschaft hervorgebracht habe. Das ist zwar richtig, aber es spricht nicht für oder gegen ein bestimmtes Projekt. Wenn man zehntausend hochintelligente Menschen über Jahre an einem Ort versammelt, ist es fast schon zwangsläufig so, dass ab und zu etwas Brauchbares dabei abfällt. Ja, das WWW ist eine unglaublich gute Erfindung des Cern – aber angesichts des technischen Fortschritts und des menschlichen Kommunikationsbedürfnisses wäre sie früher oder später auch an einem andern Ort gemacht worden. Die Begründung für ein Projekt muss in der Sache selbst liegen, nicht in seinem möglichen Nebennutzen.

Shana

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Haareis

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