Wie Gaids?

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WIE GAIDS?
Von Michèle Roten

 

Vor zwanzig Jahren waren Aids und die Panik davor allgegenwärtig. Heute wird die Krankheit am liebsten verdrängt. Wie kam es dazu?

 

Neulich fiel mir auf, dass das Thema Aids eigentlich keines mehr ist. Wenn ich von ungewollten Schwangerschaften oder irgendwelchen neuerworbenen Geschlechtskrankheiten in meinem Umfeld höre, ist mein erster Gedanke immer noch: Was, ihr habt kein Kondom benützt? Und Aids?!, denn so wurde ich sozialisiert. Aber wenn ich diesen Gedanken mal äussere, schauen mich die Leute mitleidig an. Der Blick ist ähnlich wie der für Leute, die heute noch mit einem Alexander-McQueen-Totenkopf-Foulard herumlaufen: Aids scheint offenbar irgendwie vorbei zu sein. Ich höre Sätze wie: Als nicht fixender Hetero kannst du dich doch gar nicht mehr anstecken. Ich höre auch: Ja gut, eine Tablette im Tag, es gibt Schlimmeres. In einer „South Park“-Folge von 2008 wird Cartman mit HIV infiziert, als niemand zur Benefiz-Veranstaltung kommt, sagt die Kellnerin: Aids zieht halt nicht mehr so, „today, it’s all about cancer!“. Die HIV-Infektionen gehen zwar stetig zurück, im vergangenen Jahr waren es 564 Fälle in der Schweiz, aber gleichzeitig nehmen andere sexuell übertragene Krankheiten wie Syphilis, Gonorrhoe oder Chlamydien zu, was Anzeichen einer gewissen Gummimüdigkeit ist. Beziehungsweise, vielleicht: Aidsmüdigkeit. Angstmüdigkeit.

Natürlich, es hat sich viel getan. Die Diagnose ist kein Todesurteil mehr, es lässt sich recht normal und lange leben mit HIV. Man kann heute reisen – noch bis 2010 gab es für die USA de facto ein Einreiseverbot für HIV-Positive. Man kann heute Kinder kriegen. In den Medien findet Aids vor allem als Problem in Afrika und Osteuropa statt. Weit weg. Fällt ihnen aus dem Stand eine öffentliche Person ein, die HIV-positiv ist? Man liest nur noch selten Meldungen, die Aids mit uns, hier, jetzt verbindet, doch genau in diesen wenigen Momenten zeigt sich ein gesellschaftliches Paradoxon: Während die Krankheit inzwischen faktisch einen grossen Teil ihres Schreckens verloren hat und wir sie so weit wie möglich ausblenden können, ist der Umgang damit, sind die Reaktionen darauf immer noch die Gleichen wie damals. Wenn zum Beispiel 2010 einer HIV-positiven deutschen Popsängerin öffentlich der Prozess gemacht wird, weil sie ungeschützten Verkehr hatte mit mehreren Männern und einen von ihnen angesteckt hat – sie kriegte zwei Jahre auf Bewährung und dreihundert Stunden gemeinnützige Arbeit. Die Foren quollen über vor Empörung, das Urteil sei zu lasch, die Frau gehöre hinter Gitter – kaum eine Stimme, die darauf hingewiesen hätte, dass ja eigentlich auch die Männer hätten auf ein Kondom bestehen können, einfach so, weil es eine Kondom-Situation war, das haben wir doch so gelernt. Anfang 2012 ging die Meldung von einer auffälligen Häufung der HIV-Infektionen in St. Gallen durch die Nachrichten – sofort kursierten nicht nur Gerüchte, sondern auch Zeitungsmeldungen, die meisten hätten sich bei einem infizierten Stricher angesteckt. In solchen Reaktionen blitzt sie wieder auf in der Gesellschaft: die Erinnerung an die Angst vor Aids, die Hysterie, die Ignoranz, das Fingerzeigen. Also: Wo stehen wir eigentlich, 2012, in Sachen HIV?

 

Sex mit Angst

Man muss sich zuerst in Erinnerung rufen, wo wir standen vor nicht allzu langer Zeit, sagen wir mal vor zwanzig Jahren, 1992, als sich die Rate der Aidstoten und die Panik ihrem Höhepunkt näherte. Ich war damals 13. Wir lasen im Deutschunterricht „Jo“ von Derib, ein Aids-Aufklärungs-Comic. Jo ist eine junge Frau aus gutem Haus, die ihren neuen Freund Laurent überredet, einen HIV-Test zu machen, er will sie nämlich nicht küssen, weil er Angst hat, positiv zu sein. Ausserdem hatte sein Bruder, der von der Familie verleugnet wird, Aids und starb an einer Überdosis. Bei dem Test stellt sich heraus, dass Laurent negativ ist, aber Jo, Überraschung!, ist positiv. Ausgerechnet Jo. Hübsch, proper, wohlerzogen, damit hätte niemand gerechnet. Es geschah beim einen ungeschützten Mal an einer Party („Ich glaubte damals, Aids sei eine Krankheit bei Fixern oder Schwulen…“). Ihre Familie, ihre Freunde wenden sich von ihr ab. Am Schluss, man trifft unterwegs noch auf ein paar weitere Aidskranke, eingefallene, verbeulte Zombies, stirbt sie, auch sie grau im Gesicht und abgemagert, ihren Vater hat sie seit der Diagnose nicht mehr gesehen.

Ich weiss nicht mehr, ob wir eine tatsächliche, faktische Aufklärung darüber hatten, wie eine An­steckung passieren kann und wie nicht, ich weiss nur noch, dass meine Deutschlehrerin einen Satz sagte, der mir heute noch in den Ohren klingelt: „Seid einfach vorsichtig. Es reicht auch nur schon, jemandem die Hand zu geben, wenn beide einen Kratzer haben.“ Kinderhirne. Was sich dort mal eingebrannt hat, bleibt für lange Zeit.

Ich war zu diesem Zeitpunkt weit davon entfernt, irgendwas mit Drogen oder Sex zu tun zu haben, aber doch war mir klar, dass ich irgendwann an Aids sterben würde. Es war sehr wahrscheinlich, dass ich mich schon angesteckt hatte – es gab eine Million Möglichkeiten, wann es passiert sein könnte. All die Händedrücke! Als mich etwas auf der Wiese in den Fuss gepiekt hat, vielleicht war es ja eine gebrauchte Spritze mit Aids dran. Als ich mit der Freundin Blutsbrüderschaft geschlossen hatte. Beim ersten Kuss. Als ich mich aus Versehen auf das verpisste Klo gesetzt hatte. All die Spritzen beim Arzt, beim Zahnarzt, die hat man bestimmt mehrmals verwendet, bevor Aids aufkam. Die Leistenbruchoperation! All die Mückenstiche!

Und wenn ich mich noch nicht angesteckt hatte, war es eine Frage der Zeit, bis mich das Virus kriegte, denn das wollte es, mich kriegen, genau wie Jo. Die Angst vor Aids begleitete mich beim Erwachsenwerden.

Was in den Neunzigern sonst noch so geschah: Freddie Mercury starb einen Tag, nachdem die Gerüchte um seine Aidserkrankung offiziell bestätigt wurden. Magic Johnson gab bekannt, dass er HIV-positiv ist. „Philadelphia“ kam in die Kinos: Tom Hanks spielte den diskriminierten, ausgegrenzten, langsam und qualvoll sterbenden Junganwalt. Die Benetton-Werbung, der jesusgleiche Todgeweihte, umgeben von seiner dicken, verzweifelten amerikanischen Familie. Das deutsche Kultmagazin „Tempo“ reiste als belgische Investoren verkleidet durch Deutschland und bot zehn Bürgermeistern Pläne an für „geschlossene Anstalten für HIV-Infizierte“. Die Pläne waren vom KZ Sachsenhausen, acht der zehn Bürgermeister zeigten sich interessiert. Ich hörte den Satz: Ist es nicht toll, dass Aids die Leute trifft, die sowieso sterben sollten? Die Schlinge zog sich langsam zu: Bekannte von Bekannten kriegten Aids. Freunde von Bekannten kriegten Aids. Bekannte von Bekannten starben an Aids. Am Platzspitz hinter dem Hauptbahnhof Zürich, später am Letten, konnte man Aids sehen, und es sah wirklich so schlimm aus wie in „Jo“ und wie auf der Benetton-Werbung und viel schlimmer als in „Philadelphia“.

 

Sündiger Spass

Aids war allgegenwärtig. Ich hatte Sex, mit Angst. Ich liess mich tätowieren und hatte Angst. Ich liess mich piercen und hatte Angst. Ich sprach mit niemandem darüber, wie sehr die Angst vor dieser Krankheit mein Leben beeinträchtigte, weil meine Angst sogar zu gross war, um darüber zu sprechen. Aids war das Unaussprechliche. Ich merkte erst, dass ich nicht die Einzige mit dieser stillen Panik war, als, und da war ich schon in den Zwanzigern, eine Affäre absolut hysterisch wurde angesichts eines geplatzten Kondoms. Er! Der Mann!

Aids war für mich, für uns, die in der Phase des halbinformierten Horrors aufwuchsen: ganz einfach das Schlimmste, was einem widerfahren konnte. Eine tödliche Krankheit. Die man sich durch eigenes Verschulden geholt hatte – auf der Suche nach sündigem Spass: homosexueller Sex, Sex überhaupt, Drogen. Es mutete in unserer protestantischen Gesellschaft schon fast wie eine göttliche Strafe an. Also: kein Mitleid. Dafür Schande über die ganze Familie, Ausgrenzung, Einsamkeit, Armut, gesellschaftliche Ächtung. Man konnte andere damit anstecken und musste beim Verrecken noch damit leben, dass man Schuld daran hat, dass der andere jetzt auch verreckt. Denn das war der Aidstod: verrecken.

Ich liess mich sehr lange nicht testen, einfach weil ich zu sehr fürchtete, das Ergebnis könnte positiv sein. Ich klammerte mich an jeden Tag, wo zumindest noch die Möglichkeit bestand, dass ich negativ sein könnte. Aber irgendwann tat ich es doch, und diese Woche des Wartens lief ich wie mit 40 Grad Fieber durch die Welt. Als ich anrief, um das Ergebnis zu erfahren, sagte die Frau einen Satz mit negativ, und mein ganzes Blut wich aus meinem Körper, ich taumelte, vielleicht etwa so, wie wenn die Nachricht „positiv“ gewesen wäre. Danach schwor ich mir, in Zukunft einen Bogen um jedes Risiko zu machen. Aber so kann man nicht leben. Also lebte ich weiter, immer mit ein bisschen Angst, aber die Angst wurde weniger, in gleichem Masse, wie das Thema an Präsenz in den Medien, in der Gesellschaft verlor, wie die Panikmache tatsächlicher Information wich, bis die Angst irgendwann zu handhabbarem Respekt wurde, und dann, eben, verschwand das Thema von der Bildfläche, und ich dachte kaum mehr an Aids.

Die Meldung aus St. Gallen vom Februar dieses Jahres erinnerte mich wieder daran: Nach durchschnittlich zwei bis drei HIV-Infektionen pro Monat im ganzen Jahr 2011 waren es im Januar in St. Gallen plötzlich dreizehn Infektionen gewesen. Öffentlich machte das Prof. Dr. Pietro Vernazza, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen und ein Name, um den man in der Schweiz nicht herumkommt, wenn es um Aids geht. 2008 veröffentlichte er als Präsident vom Eidgenössischen Komitee für Aidsfragen ein Statement, das weltweit für Wirbel sorgte: Unter einer gut durchgeführten und ärztlich überwachten Therapie kann eine HIV-positive Person ihren Partner, ihre Partnerin beim Sex ohne Kondom nicht anstecken, hiess es da. Diskutiert wurde in der Folge nicht so sehr auf medizinischer Ebene als mehr auf gesellschaftspolitischer – dort zielte das Statement allerdings auch hin. Medizinisch gibt es nicht mehr zu sagen als: Keine nachweisbare Virenlast bedeutet keine Infektionsgefahr.

 

Humanerer Ansatz

Ärzte wussten das schon lange, es wird schon lange praktiziert, sie hielten damit allerdings hinter dem Berg; denn das Nichteintreten eines Ereignisses lässt sich nicht beweisen. Dass das Statement doch herausgegeben wurde, sollte nicht nur eine allgemeine Entstigmatisierung von HIV-Positiven bewirken, sondern auch die Rechtsprechung beeinflussen – denn bis dato werden immer noch HIV-Positive verurteilt, auch wenn sie in voller Transparenz und einvernehmlich ungeschützten Verkehr hatten, und ungeachtet davon, ob eine Infektion stattfand oder nicht. (Der StGB-Artikel 231 ist momentan in Revision und wird, so die Hoffnung, abgeschwächt werden.)

Ausserdem sollte Paaren, die sich Kinder wünschen, eine Option neben der aufwendigen und teuren Spermienwäsche mit anschliessender In-Vitro-Fertilisation aufgezeigt werden – bei der ausserdem durch Mehrfachbefruchtungen Gefahren für die Ungeborenen bestehen.

Vernazza will festgehalten wissen, dass die Vorstellung, es gäbe eine Quelle, zum Beispiel ein Stricher, wo sich die Leute reihenweise anstecken, falsch ist. Vielmehr sei die Häufung in St. Gallen exemplarisch für die epidemiologische Verbreitung von HIV: Eine Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig kennen und vertrauen, hat ungeschützten Sex miteinander. Es muss sich nur einer anstecken, der dann nichtsahnend wieder zwei ansteckt, die dann jeweils wieder zwei anstecken und so weiter: Durch die Verästelung wächst der Baum sehr schnell. Der Knackpunkt ist die Phase der Primoinfektion, also die ersten Wochen bis Monate, in denen der HIV-Positive besonders ansteckend ist. Es hatte etwas von Detektivarbeit, was das Team der Infektiologie danach machte, sagt Vernazza. „Viele der positiv Getesteten hatten die gleichen Resistenzen, also die gleiche Variante des Virus. Sie wohnen ausserdem sehr nahe zusammen, das spielt sich alles in einem Radius von etwa zehn Kilometern ab. Wir merkten also: Da ist etwas. Wir sprachen mit den Leuten, versuchten, so viel wie möglich zu erfahren, um herauszufinden, wo wir den Hebel ansetzen müssen, um die Kettenreaktion zu durchbrechen. Aber vieles bleibt uns verborgen, das gehört irgendwie dazu. Wenn einer, der in einer monogamen heterosexuellen Beziehung lebt, sich selber und seine Freundin angesteckt hat. Und wenn er gleichzeitig noch eine Darmentzündung hat, und er behauptet, sie würden nie Spielzeug oder dergleichen benutzen, dann… nun ja. Dann war da etwas, auch wenn er sagt, da sei nichts.“

Prävention ist für den Mediziner nicht nur die Message mit dem Gummi drum und dem Dings beim Bums, sondern auch, eben, das Veröffentlichen einer Erklärung, dass die Ansteckungsgefahr bei Behandelten vernachlässigbar klein ist: Just ab dem Moment ging die Anzahl positiver HIV-Tests nach einem Anstieg zwischen 2002 und 2008 wieder massiv zurück. „Man konnte wirklich beobachten, dass die Leute viel eher bereit waren, sich behandeln zu lassen nach dem Statement.“ Und so wird HIV medizinisch-theoretisch der Riegel geschoben: früh erkennen durch regelmässige Tests (denn 80 Prozent der neuen Infektionen sind von 13 Prozent der HIV-Positiven, die nichts davon wissen), bei positivem Ergebnis schnelle Behandlung, der Patient ist nicht mehr ansteckend, ein Ast des Baumes versiegelt.

Es ist irgendwie ein humanerer Ansatz als der, zu erwarten, dass Menschen in Sachen Sex immer mit dem Kopf denken. Denn das tun sie nicht. Werden sie auch nie tun. Das ist das grosse Problem mit HIV. Eine Studie aus dem Jahr 2007 der Hochschule für Soziale Arbeit hat sich mit genau dieser Frage beschäftigt: Wie stecken sich Menschen heute an? Befragt wurden 21 Neuinfizierte. Es zeigte sich, dass Homosexuelle zwar in allen Fällen eine HIV-Schutzstrategie hatten, was bedeutet, dass sie zwar wissen, dass man ein Kondom benützen sollte, aber in der Situation aus bestimmten Gründen darauf verzichteten: keine Zeit; keins zur Hand; zu viele Drogen; zu viel Alkohol; er sagte, er sei negativ. Heterosexuelle hingegen hielten es oft schlicht nicht für nötig, sich zu schützen, oder dachten, sie könnten dem Gegenüber ansehen, ob er oder sie HIV-positiv ist.

Vernazza, der auch an dieser Studie beteiligt war, muss an dieser Stelle „etwas Schwieriges“ sagen: „Heterosexuelle haben nicht ganz unrecht damit, wenn sie das Gefühl haben, HIV betreffe sie nicht. Die Epidemie wird hauptsächlich unterhalten von Schwulen.“ Tatsächlich stecken sich pro Jahr etwa gleich viele Schwule wie Heterosexuelle an – aber im Vergleich zu ihrer geringeren Repräsentation in der Gesamtbevölkerung ist diese Verteilung bei Schwulen damit natürlich ungleich grösser.

Es gibt mehrere Gründe, warum das Virus bei Homosexuellen effektiver verbreitet wird: Sie haben tendenziell mehr Sexualkontakte als Heterosexuelle, und sie nehmen oft sowohl die penetrierende als auch die penetrierte Rolle ein. Der penetrierende Part läuft generell etwas weniger Gefahr, sich anzustecken, und deshalb ist in heterosexuellen Beziehungen die Frau oft eine Art Sackgasse für das Virus – während es in Mann-mit-Mann-sowohl-als-auch-Konstellationen zwei Verbreiter hat.

Logisch müsse in der Schwulenszene am meisten getan werden, sagt Benedikt Zahno vom Checkpoint Zürich, man baue ja schliesslich auch nicht am Genfersee Lawinenschutz. Der Checkpoint Zürich sieht den momentan richtigen Ansatz in der Prävention in einer sehr punktuellen, sehr individuellen Herangehensweise. Schon Checkpoint selber ist punktuell: ein Gesundheitszentrum für Männer, die mit Männern Sex haben. Es wurde 1996 ins Leben gerufen, weil man festgestellt hatte, dass die medizinische Versorgung von Schwulen in etwa so gut ist wie die von Migrantinnen und Migranten. Der Grund: Schwule ziehen in die Stadt, weil dort die Toleranz grösser ist, und haben keinen Hausarzt. „Vielleicht haben sie einen auf dem Land, wo sie aufgewachsen sind, aber der kegelt zweimal die Woche mit dem Vater“, sagt Zahno. „Die Hemmschwelle, sich testen zu lassen, Fragen zu stellen, ist einfach niedriger, wenn das Angebot sich spezifisch an Schwule richtet.“ Momentan liegt die (gefährliche) Zeitspanne zwischen Ansteckung und Diagnose bei Homosexuellen bei etwa zwei Jahren – was schon einiges tiefer ist als bei Heterosexuellen –, aber man arbeite daran, sie noch mehr zu senken, sagt Zahno. Homosexuelle legen generell ein überproportional gutes Schutzverhalten an den Tag, und so muss die Prävention in genau die kleinen Lücken im System dringen. Checkpoint hat extra am Sonntag von 16 bis 20 Uhr geöffnet, für jene, die sich im Rausch der Samstagnacht zu Risikoverhalten hinreissen liessen – es gibt die Möglichkeit der HIV-Postexpositions-Prophylaxe (PEP), eine vierwöchige Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten, die die Chance einer Infektion um bis zu 90 Prozent verringert. Rund zwanzig nehmen dieses Angebot pro Monat in Anspruch, und nein, keiner legt es darauf an und kommt dann halt regelmässig, genauso wenig, wie es Frauen gibt, die mit der Pille danach verhüten. Checkpoint berät auch in Sachen Präexpositions-Prophylaxe: Studien haben gezeigt, dass HIV-Negative, die HIV-Medikamente nehmen, sich sehr viel seltener anstecken. Das sei eine überlegenswerte Möglichkeit, sagt Zahno, „gerade bei Schwulen, die regelmässig Drogen nehmen, wenn sie Sex haben — denn dann kann es halt vorkommen, dass nicht mehr an den Gummi gedacht wird.“ Solchen wird übrigens auch primär mal eine psychologische Beratung ans Herz gelegt, was Checkpoint ebenfalls anbietet.

 

Ausgrenzen wie nie

Alles läuft darauf hinaus, dass die Prävention individuell lebbar sein soll, umsetzbar, kein Regelwerk mit „Du musst“ und „Immer“ und „Nie“. Durch HIV, sagt Zahno, haben Schwule nicht nur unzählige Freunde verloren, sondern auch die Freude an Sex – noch vor zehn Jahren gab es sehr viele, die auf Analsex verzichteten, aus Angst vor HIV. Heute gehe es darum, wieder eine normale Sexualität zu leben, das Risiko zu managen, und dazu gehöre auch das Wissen, „nicht mehr den Tod zu riskieren, sondern seine Gesundheit“. Aids habe sich gewandelt von einer tödlichen zu einer chronischen Krankheit, dementsprechend müsse sich auch der Umgang damit wandeln, das ist Zahnos Ziel.

Es ist auch eine Herausforderung für die Gay Community. Früher war es gerade das Virus, das die Gemeinschaft zusammenhielt – man fühlte sich füreinander verantwortlich. „Heute gibt es eigentlich kein Wir-Gefühl mehr“, sagt Zahno, „und das liegt daran, dass man kein so grosses gemeinsames Thema mehr hat, wie es Aids halt war.“ Gerade für ältere Schwule sei HIV heute schon fast ein Tabuthema – „das Trauma vom alten Aids ist noch nicht ganz überwunden und der Blick für das neue HIV noch nicht geschärft“, und so blendet man es lieber ganz aus. Die Jüngeren sind zwar gut informiert, aber auch hier zieht man es vor, zu verdrängen. Das geht ja auch ganz gut heutzutage. Wenn dann ein Testergebnis positiv ausfällt allerdings, nimmt das keiner auf die leichte Schulter: im Gegenteil. Oft müsse er sie runterholen, sagt Zahno, und ihnen er­klären, dass ihr Leben damit keineswegs vorbei sei.

„Ja, es ist paradox“, sagt auch Bettina Maeschli von der Aids-Hilfe Schweiz. „Einerseits wird die Krankheit banalisiert, andererseits sind die Reaktionen oft immer noch panisch.“ Einerseits habe sich so viel gebessert – der Informationsgrad in der Gesellschaft ist so hoch wie nie, Gesetze sind in Überarbeitung, es gab medizinische Quantensprünge –, andererseits wird etwa die Stigmatisierung eher schlimmer: „Denn die Schuldfrage hat sich eher verstärkt. Die Leute denken: Damals konnte man es ja noch nicht wissen, aber wer sich heute ansteckt, ist wirklich selber schuld.“

Die Aids-Hilfe Schweiz fuhr schon immer eine Strategie des gesellschaftlichen Lernprozesses – es sollte nicht das Gefühl vermittelt werden, die Problematik sei auszugrenzen und auszumerzen, gebaut wurde auf die individuelle Selbstverantwortung. Ihre Präventionsarbeit ist eine Erfolgsgeschichte: nicht nur, weil sie oft als leuchtendes Beispiel herbeigezogen wird und die Kampagnen international preisgekrönt sind, sondern auch einfach, weil die Zahlen der Neuinfektionen, des Kondomgebrauchs deutlich zeigen, dass sie gefruchtet haben. Ohne Dings kein Bums, im Minimum ein Gummi drum, das wissen wir, diese Sätzchen sind drin, so sehr, dass sie Gefahr laufen, zur Floskel zu werden. Wo man im Moment steht bei der Aids-Hilfe: Die Prävention wird gezielter. Homosexuelle, Immigranten, Risikosituationen wie zum Beispiel Urlaub.

 

Unzumutbares Risiko

Wo man in der Gesellschaft steht, zeigt sich derweil in den Diskriminierungsmeldungen der Rechtsberatung der Aids-Hilfe. Ein paar Beispiele: „Nachdem der Arbeitgeber herausgefunden hatte, dass ein Koch in seiner Kantine HIV-positiv war, wollte er ihn versetzen mit der Begründung, dass es aus Hygienegründen nicht erlaubt war, ihn weiterhin als Koch zu beschäftigen.“ „Einem Mann wurde gekündigt, kurz nachdem der Arbeitgeber erfahren hatte, dass er HIV-positiv ist. Der Arbeitgeber hatte diese Kündigung damit begründet, dass er seinen Kunden und Mitarbeitenden dieses Ansteckungsrisiko nicht zumuten könne.“ „Einem Mann, der als Betreuer von Jugendlichen arbeitete, wurde auf Druck der Eltern der Betreuten gekündigt, welche von der HIV-Infektion des Betreuers erfahren hatten.“ Zahnärzte, die HIV-positive Patienten nicht behandeln wollen, Häuser, die nicht gekauft werden, weil keine Lebensversicherung abgeschlossen werden kann. 2011 waren es 84 Fälle, und was gemeldet wird, ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs.

 

Ignoranz im Spital

Der Rest des Eisbergs wird zu Christina Grube getragen. Seit siebzehn Jahren arbeitet sie am Unispital Zürich in der Infektiologie. Sie ist Study Nurse und so etwas wie „die Mutter aller Zürcher HIV-Positiven“, sagt ein HIV-Positiver. Und auch noch: Ich hätte die erste Zeit nicht überlebt ohne die Grube. Im Büro von Frau Grube hat es Hunderte Schweinchen aller Art, Stoff, Lego, aufblasbar, überall Schweinchen, alle geschenkt gekriegt von ihren Patienten, dazwischen Poster und Postkarten mit schönen Männern, und dann noch mehr Schweinchen. Christina Grube, resolut, schnell, deutsch-scharfzüngig, schaut die Schweinchen manchmal an und erinnert sich daran, wer ihr dieses oder jenes geschenkt hat, viele von ihnen sind inzwischen tot. Als sie die Stelle vor siebzehn Jahren antrat, wollte sie bald darauf schon wieder kündigen, weil es sie zu sehr mitnahm, wie diese jungen Männer reihenweise wegstarben, wie sie litten unter den Nebenwirkungen der ersten Medikamente, wo man verschrieb, was da war, weil man irgendetwas tun musste, und damit Resistenzen züchtete, die die Behandlung heute erschweren können. Das war ziemlich genau auf dem Höhepunkt und kurz vor dem Durchbruch mit den besseren Medikamenten, Proteasehemmern, gleich danach sinkt die Kurve der Aidstoten steil ab. Grube blieb also und wurde die Mutter. Die Mutter, die tröstet, die auch mal abends oder nachts angerufen wird bei psychologischen Notsituationen, weil sie auch mal ihre Handynummer rausgibt, weil sie weiss, dass diese Krankheit immer noch schlimm ist, immer noch einsam macht; sie ist aber auch die Mutter, die ihre Zöglinge mal „zusammenscheisst“, wie sie sagt, wenn sie übermütig und unvorsichtig werden und mit irgendwelchen Geschlechtskrankheiten ankommen, wenn sie weiterhin IV beziehen wollen anstatt wieder zu arbeiten, obwohl sie gesundheitlich fit sind.

Es gibt andere Leute, die hätten auch einen Zusammenschiss nötig, aber das geht ja nicht, also schluckt Christina Grube es runter und informiert so höflich wie möglich. Zum Beispiel die, die zu ihr durchgestellt werden mit der Frage, wie es denn zu handhaben sei, dass am nächsten Samstag zum Essen mit Freunden auch ein HIV-Positiver komme. Nein, die sagen meist „einer mit Aids“, korrigiert sich Grube. Also, da komme einer mit Aids und es gebe doch Fondue. Ob man da ein eigenes Caquelon für ihn machen solle? Und das sei kein Einzelfall. Jedes Jahr, wenn die Fonduesaison losgehe, kommen diese Anrufe. Mehrere. Mit der Fonduefrage.

Grube wundert sich auch über den Mann, der einen HIV-Test machen will, weil er im Tram den gleichen Aussteigeknopf gedrückt hat wie einer, der „so aussah, als habe er Aids“. Oder über die, die zum Test kommen, obwohl sie nichts befürchten, weil sie glauben, erkennen zu können, ob jemand, mit dem sie ungeschützt Sex hatten, positiv ist oder nicht. Oder über den, der sie panisch anruft und eine Postexpositions-Prophylaxe will, weil er glaubt, er habe sich bei einer Person angesteckt, obwohl diese in Behandlung ist und sie ausserdem ein Kondom benutzt haben. Sie versteht den Mann nicht, der zum Test kommt, weil er ungeschützten Sex hat mit seiner Affäre, die Frau ist schwanger, sie wissen schon, da läuft nicht mehr viel, aber wenn, dann natürlich ebenfalls ungeschützt. Grube leidet mit, wenn ihr ein Patient erzählt, wie der langjährige Kumpel durchdreht, als er ihm von seinem Status erzählt: „Das erzählst du mir erst jetzt? Wir kennen uns seit zehn Jahren! Ich hätte mich anstecken können!“ Obwohl man doch gar keinen Sex hatte. Bei dem, der sagt, mein Gott, wenn das Ergebnis positiv ist, schluck ich halt eine Pille, halb so wild, holt Grube die Tagesration Tabletten für Fälle, wo ein resistentes Virus akquiriert wurde, eine ziemliche Menge und beginnt zu erzählen: „Eine Pille, ja? So, diese hier nimmt man mit den Mahlzeiten. Diese auf leeren Magen. Dann noch die und die und die, morgens, mittags, abends.“ Und so weiter. „Die Leute müssen etwas sehen“, sagt Grube, „das ist alles zu abstrakt geworden.“

Christina Grube muss sich also recht oft zusammenreissen. Die Ignoranz macht übrigens auch vor dem Medizinalpersonal nicht halt: Grube wurde schon ermahnt, weil sie am Telefon fast ausgeflippt ist, als eine andere Abteilung wieder mal eine ihrer Patientinnen zu ihr schickte – ob nicht sie bitte einen Zugang legen könne. Man hatte Angst, sich anzustecken. Aids ist die einzige Krankheit, wo so etwas passiert. Grube rät jedem Neudiagnostizierten, sich gut zu überlegen, wem er davon erzählt. Ob überhaupt. Aber darüber reden muss man, und so wundert sich Grube auch, dass es inzwischen keine Selbsthilfegruppen mehr gibt, wo sie ihre neuen Kinder hinschicken kann. Alles wegrationalisiert.

Weil eben, Aids, das gibts ja nicht mehr wirklich.