Eben ist eine Studie der Harvard-Universität erschienen, die ergeben hat, dass (gut) geschminkte Frauen als kompetenter, vertrauenswürdiger und liebenswerter eingeschätzt werden als ungeschminkte. Diese Untersuchung ist tatsächlich aber gar nicht so neu, denn sie wurde vor fünf Jahren schon gemacht. Und zwar von mir. Ja! Ha, ha, Harvard, suck it! Zwar wurde ich nicht von Procter & Gamble finanziert und meine Stichprobengrösse war viel kleiner, ich kam nicht aus der Psychologie, sondern aus der Soziologie, aber letztlich untersuchten wir damals genau das Gleiche.
Mein Forschungsinteresse war folgendes: Dass attraktive Menschen als intelligenter, kompetenter und als überhaupt in allem viel besser eingeschätzt werden denn weniger attraktive, ist ja hinlänglich bekannt. Aber inwiefern variieren die Einschätzungen bei ein und derselben Person, wenn diese einmal im ungeschminkten, „natürlichen“ Look beurteilt wird und einmal geschminkt und aufgebretzelt? Ursprünglich wollte ich selber die Befragungen durchführen mit einer Freundin als zu beurteilendem Objekt, aber es stellte sich als ziemlich schwierig heraus, eine zu finden, die bereit war, sich stumm in eine Ecke zu stellen und begaffen zu lassen (meine Freundinnen wollten ja auch nie Model werden). Also musste ich es selber machen, ein Freund übernahm die Befragungen. Ich stand einen Tag lang in bequemen Jeans, Turnschuhen, Kapuzenpulli und ohne Schminke in einem Shoppingcenter, ein paar Meter von meinem Freund entfernt und unbeteiligt in der Gegend rumschauend, um die Antworten der Probanden auf keine Weise zu beeinflussen. Und dann dasselbe noch einen Tag lang in vorteilhaften Jeans, hochhackigen Stiefeln und einem hübschen Blüschen, mit gemachten Haaren und Make-up.
Ich hatte einen Fragenkatalog erstellt, mit dem die Zuschreibungen verschiedener positiver Eigenschaften eruiert werden sollten, darunter Intelligenz, sozialer Status, Kompetenz, Vertrauenswürdigkeit, Liebenswürdigkeit, Soziabilität und noch ein paar andere, die mir jetzt nicht mehr einfallen. Ist ja schon lange her. Die Unterlagen liegen in einer Kiste im Keller und dort ists kalt und dunkel, mag ich jetzt nicht runtergehn. Das Wichtigste, das Ergebnis nämlich, ist sowieso im warmen, hellen Elfenbeinturm meines Kopfes abgelegt: Alle, jede einzelne dieser wünschenswerten Eigenschaften wurde höher eingeschätzt im aufgehübschten Zustand. Ich fand das recht überraschend. Wäre ja durchaus vorstellbar gewesen, dass Intelligenz eher der nachlässig gekleideten Variante zugeschrieben wird; dem Nerd halt. Aber nix da – die Leute fanden es auch wahrscheinlicher, dass man der oberflächlichen Tussi seine Kinder anvertraut als der unauffälligen Studentin.
Die Harvard-Studie untersuchte nur Gesichter, geschminkt versus ungeschminkt, aber das Ergebnis war dasselbe. Da ein Kosmetik-Konzern bezahlt, wird das Ergebnis euphorisch interpretiert – hey, nur ein paar Minuten mehr morgens machen einen Unterschied! Auch ein paar konkrete Schminktipps lassen sich ableiten: Für einen starken, kurzen Auftritt, der implizieren soll, dass man das Sagen hat, eignet sich ein dunklerer, glänzender Lippenstift gut. Wer aber längerfristig kompetent und teamorientiert erscheinen will, ist mit einem dezenteren, nicht stark glänzenden Ton gut beraten.
Ein paar Fragen tun sich auf. Was wäre mit der Studie passiert, hätte sich herausgestellt, dass geschminkte Frauen dümmer wirken und schlechter ankommen als ungeschminkte? Ob das publiziert worden wäre? Oder: Und die armen Männer? Die Armen können sich ja nicht eben ein bisschen mehr Rouge auflegen, wenn sie völlig übermüdet zu einem Vorstellungsgespräch müssen! Die armen, armen Männer! Aber auch: Ist das wirklich so eine gute Nachricht? Dass sich hässliche Frauen immerhin auf das Niveau des Wohlwollens schminken können, das schönen Frauen im ungeschminkten Zustand entgegengebracht wird? Denn darauf läuft es am Schluss ja einmal mehr hinaus: Schöne Frauen habens halt besser. Einmal mehr wissenschaftlich verbrieft, einmal mehr zementiert, einmal mehr.

