Wir brauchen unbedingt Rituale, uns allen fehlen kleine tägliche Rituale. Das hat der russische Filmemacher Andrei Tarkowski mal gesagt. Sie können zum Beispiel jeden Abend vor dem Schlafengehen ein Glas warmes Wasser trinken. Ich lese jeden Morgen 15 Minuten in den Texten von Édouard Glissant, das ist mein Ritual. Glissant ist 1928 auf Martinique geboren und letzten Februar in Paris gestorben. Er war Schriftsteller, Dichter und Philosoph, leider kennt ihn im deutschsprachigen Raum fast niemand. Dabei ist er ein wichtiger Vordenker der Globalisierung. Er hat immer wieder gezeigt, wie Kulturen sich auf einen globalen Dialog einlassen können, ohne Identität zu verlieren durch eine unnötige Homogenisierung. Im Gegenteil: Glissant zeigt, wie Gesellschaften sich globalisieren können und gleichzeitig sogar zusätzliche Differenzen produzieren. Die Alternative wäre natürlich, sich nur wenig auf die Welt einzulassen, das ist der Weg, den die Schweiz jetzt gerade geht, die schon seit einer geraumen Weile ausschliesslich mit sich selbst beschäftigt ist. Ein wichtiger Begriff bei Glissant ist der des Archipels, also einer Meeresregion mit vielen Inseln. Das obige Bild ist in den Antillen entstanden, seiner Heimat, daneben steht eine Skizze, die Glissant in eines seiner Bücher gemacht hat. Diese Inselgruppe ist für ihn so wichtig, weil sie eben kein Zentrum hat, es gibt zwar einen Austausch zwischen den Inseln, aber jede hat ihre eigene Kultur bewahren können. Édouard Glissant hat auch einen Roman geschrieben „Sartorius“, darin beschreibt er das imaginäre Volk der Batoutos, die ihre Identität nicht aus der Genealogie beziehen, sondern aus dem Kontakt mit den Nachbarvölkern. Er hatte auch Pläne für ein karibisches Museum, ein Gebäude ohne Zentrum, verteilt auf viele kleinen Häuser auf allen Inseln.
Warum ich so viel Glissant lese? Ich mag die Vorstellung, dass man ein Werk tatsächlich auch als Werkzeugkiste benutzt. Dass man sozusagen hineingreift ins Denken eines anderen Menschen und einzelne Elemente als Werkzeuge für die eigene Arbeit benutzt. Ganz egal, in welchem Beruf man tätig ist.
„Traktat über die Welt“ und der Essay über die Vielfalt „Kultur und Identität“ sind im Verlag Das Wunderhorn erschienen.
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