Balthasar und ich standen vor einem Buch, das uns in Hässlichkeit bei weitem übertraf und dennoch wertvoller und berühmter war als wir zwei Sterbliche. „Des Malers Atelier“ ist eines der Schwergewichtsbücher des grossen deutschen Gegenwartskünstlers Anselm Kiefer. Wir manövrierten das Werk von 1980, das einen Epochenschnitt in Kiefers Schaffen darstellt, auf einem Rollwagen durchs Zürcher Kunsthaus, hievten es behandschuht auf den Ateliertisch, um es zu untersuchen. Zwei Tage lang fühlten wir uns wie zwei Kunstchirurgen.
„Des Malers Atelier“, ellbogenbreit und armhoch, ist kein schönes, sondern ein besonders deutsches Buch. Wir fanden darin eine tote Fliege und Haare der Scham. Das Buch schien auszubluten vor lauter Schellack und Acrylfarbe, die Schutzfolien waren heillos verklebt und mussten in schmerzlicher Kleinarbeit von jeder Seite abgezogen werden. Wie so oft beim frühen Kiefer, zeugt auch dieses Werk in tausend Metaphern von jüngster deutscher Geschichte. Bevor wir zum Schluss des Malers Atelier brennen sehen, tauchen wir auf der ersten Doppelseite in einen Sternenhimmel ein. Dann folgt die Fotografie eines Sandbodens mit zerbrochenem Schwert, darüber „ein Schwert verhieß mir der Vater!“ – ein Walküre-Zitat. Bald erscheint Seite für Seite immer auffallender das Symbol der Malpalette. Flügel werden der Palette verliehen, sodass sie sich aus Kiefers brennendem Dachboden erheben kann. Entschwindet da ein deutscher Künstler dem Hummus der Nazi-Vergangenheit, die auch sein Atelier überschattet, mittels Feuer und Flügeln?
Kiefer, geboren 1945 in Donaueschingen, hat sich wie kein zweiter seiner Generation die Frage gestellt, ob es schöne Künste nach Auschwitz noch geben darf. Der junge Beuys-Schüler bereiste in den Sechzigerjahren die Länder Europas, ausgerüstet mit der Wehrmachtsuniform seines Vaters. Da und dort, etwa vor dem Kolosseum in Rom, vollführte Kiefer den Hitlergruss und liess sich fotografieren. Das Ganze nannte er „Heroische Sinnbilder“, es war seine Abschlussarbeit.
Mit Susan Sontag konnte man diesen „faszinierenden Faschismus“ lange Zeit kritisieren, die Wagner-Zitate, die Kiefer auf fast jedes seiner Bilder malte, fand man weder interessant noch lustig. Heute ist Anselm Kiefer kein Trauma mehr, nicht einmal für sein Heimatland. Der Deutsche mit dem 35 Hektar grossen Atelier in einem alten Industriekomplex in Südfrankreich wird international ausgezeichnet und als Vermittler zwischen jüdischer und deutscher Kultur gefeiert. Allein im letzten Jahr wurde er so oft ausgestellt wie zuvor in kaum einem Jahrzehnt, es folgen bald weitere Höhepunkte im Essl Museum und in der Bonner Bundeskunsthalle, wo der grosse Kiefer-Sammler Grothe auf rund zweitausend Quadratmetern ausstellen wird.
Das Problem ist nur, dass Kiefer, seit er sich mit Werken wie „Des Malers Atelier“ von deutschen Schuldfragen ein Stück weit befreit hat, undurchschaubarer ist denn je. Der Kunstwissenschaftler Daniel Arasse schrieb leicht verlegen von einem „Labyrinth“, in dem sich selbst der Künstler nicht auskenne.
Wer Anselm Kiefer helfen möchte, liest den 2011 erschienenen ersten Band seiner „Notizbücher“. Scheinbar ist da einer drauf und dran, entweder verrückt zu werden oder als eine Art Schöpfergott in die Kunstgeschichte einzugehen. Eines Tages nämlich tritt Kiefer ins Freie, zu einem seiner Riesenbücher, die er Wind und Wetter aussetzt: „17 Uhr 30. die buchseiten draußen auf dem hof eingesammelt und betrachtet und gesehen, daß es gut war. aber es fehlt noch der atem über den lehm-erde-schichten.“
Am Abschlusstag unserer Untersuchung rollten wir Kiefers altes Buch zur grossen Bodenwaage im Keller. „Des Malers Atelier“ wiegt fast 30 Kilogramm. Wir fürchteten, dieses Werk mit unseren Fingern für immer verunstaltet zu haben, nur schon beim Abhäuten der Schutzfolien. Doch einen Kiefer, beruhigte uns die Restauratorin, könne man letztlich nur im Verwesungsprozess begleiten.

