Sehgal und Binswanger

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Das ist der Künstler Tino Sehgal in meinem Büro in London. Mit ihm zusammen führte ich eines der interessantesten Gespräche des vergangenen Jah­res. Wir haben den Ökonomen Hans-­Christoph Binswanger interviewt. Der Schweizer war der Pro­fessor, der mich an der HSG sozusagen am nach­haltigsten inspiriert hat. Was für eine Koinzidenz, als Tino mir erzählte, wie stark seine künstlerische Arbeit von den Ideen Binswangers inspiriert sei – man muss dazu wissen, dass Tino ebenfalls Ökono­mie studiert hat. Wir beschlossen dann, Binswanger zu zweit zu interviewen, um unser gemeinsames In­teresse an dem genialen Mann zu fokussieren. Ich mag das sehr, dieses Brückenschlagen zwischen Menschen im Gespräch, in diesem Fall sogar in einem Trialog. Für viele der Aktivisten der weltwei­ten Occupy­-Bewegungen ist Hans­-Christoph Bins­wanger eine Art Vordenker. Eines seiner Bücher heisst ja auch „Geld und Magie, eine ökonomische Deutung von Goethes Faust“. Darin beschreibt er die Erfindung des Papiergeldes als einen reinen Akt der Immagination, der Vorstellung also. Das Geld hatte natürlich am Anfang den Gegenwert der realen Produkte und Dienstleistungen, allmäh­lich verselbstständigte sich dieser Prozess und führte dann zu dem fast alchemistischen Glauben, dass Geld sich auf irgendeine Weise endlos repro­duzieren kann. Das sind die Prozesse, mit denen man das Heute verstehen kann. Darüber hat Bins­wanger schon früh nachgedacht. Er zeigt in seinem Werk den Widerspruch auf zwischen dieser Vorstel­lung von unendlichem Wachstum als Folge eines bei­nahe irrationalen Glaubens an die Geldvermehrung und den begrenzten Ressourcen. Ja, wir brauchen Wachstum, sagt er. Nur sollte es beschränkt wer­den. Denn das Glück, das der Wohlstand ohne Zweifel generiert, hat einen sehr hohen Preis – einen zu hohen, wie man jetzt sieht.

Die Mainstream­-Ökonomie konzentriere sich zu sehr auf die Faktoren Arbeit und Produktivität, sagte uns Binswanger in dem Gespräch noch, anstatt die natürlichen und die intellektuellen Ressourcen in gesamtwirtschaftliche Überlegungen miteinzu­beziehen. Das alles könne man übrigens aus Goethes „Faust“ ziehen, darum auch der Titel seines gross­artigen Buches. Faust selbst denke den unendlichen Fortschritt, während Mephisto bereits das Zerstö­rungspotenzial einer solchen Idee erkennt.

 

Hans-Christoph Binswanger, Tino Sehgal und Hans Ulrich Obrist im Gespräch.