Offene, verwundbare Volkswirtschaft

Die Weltwirtschaft schwächelt, Europa kommt aus dem Negativwachstum nicht heraus, die Schweizer Konjunkturprognosen müssen nach unten korrigiert werden. Erste Schweizer Firmen kehren zur Kurzarbeit zurück. Erneut zeigt sich deutlich, wie abhängig die helvetische Volkswirtschaft vom europäischen und internationalen Umfeld ist. Alles deutet darauf hin, dass die düsteren Aussichten nicht nur konjunkturelle, sondern auch langfristig wirksame Gründe haben. Wie zukunftssicher ist das exportorientierte Schweizer Wirtschaftsmodell? Verfügen wir über eine tragfähige wirtschaftspolitische Entwicklungsstrategie? Angesichts der aktuellen Schwierigkeiten sollte man erwarten, dass eine breite Debatte über diese Fragen geführt wird – aber nichts dergleichen geschieht. Die Schweizer Öffentlichkeit ist vollzeitlich mit Migrationsfragen beschäftigt.
Zwei Bedrohungen
Die wirtschaftliche Grosswetterlage wird von zwei Hauptbedrohungen überschattet: Erstens scheint der Globus auf eine «säkulare Stagnation» zuzusteuern. Die entwickelten Volkswirtschaften leiden an anhaltendem nied­rigem bis negativem Wachstum bei niedrigen bis negativen Zinsen. Der Wirtschaftsmotor dreht nur noch niedrigtourig – und das auf lange Sicht. Es herrscht ein globales Nachfragedefizit. Die Investitionsquoten sind rekordtief, die Firmen horten Cash und kaufen ­Aktien zurück, die Zinsen liegen bei null, weil zu viel gespart und zu wenig konsumiert wird.
Zweitens ist die Strategie, mit der ­Europa dieses Nachfragedefizit überwinden will, das exportbasierte Wachstum. Deutschland wird einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen und weigert sich, mit öffentlichen Ausgaben die Nachfrage im Euroraum zu erhöhen. Südeuropa und Frankreich setzen Arbeitsmarktreformen um (wenn auch langsamer als gewünscht). Die Folge ist, dass in Südeuropa die Löhne sinken, die Wettbewerbsfähigkeit steigt und die Kaufkraft abnimmt. Wachstum kann in diesen Ländern nur durch den Export entstehen. In Europa werden in den nächsten Jahren voraussichtlich ein immer grösseres Konsum­defizit und ein immer unerbittlicherer Wettbewerb um Exportchancen die Lage bestimmen. Genau in der Mitte dieses immer härter umkämpften Absatzmarktes liegt das Land, das unter allen entwickelten Volkswirtschaften die höchsten Aussenhandelsüberschüsse und damit die höchste Exportabhängigkeit aufweist: die Schweiz.
Dass der helvetische Aussenhandel unter Druck kommt, zeigt sich schon heute an der Währungsfront. Seit die Nationalbank im Herbst 2011 den Mindestkurs von 1.20 gegenüber dem Euro festgelegt hat, konnte ein gerade noch vertretbarer Wechselkurs gehalten werden. Möglich war dies aber nur, weil die SNB massive Devisenkäufe tätigte und ihre Bilanz auf knapp 500 Milliarden Franken, also auf über 80 Prozent des Schweizer BIP verlängert hat. In den Jahren 2012 und 2013 konnten die Währungsreserven stabil auf diesem Niveau gehalten werden, doch seit dem Mai 2014 kommen die Dinge wieder ins Rutschen. Bis Ende August (gemäss den letzten veröffentlichten Zahlen) stieg die SNB-Bilanz auf 522 Milliarden – und das ist erst der Anfang. Die europäische Zentralbank dürfte wie angekündigt der Deflationsgefahr im Euroraum mit gigantischen Geldspritzen entgegentreten. Der Euro wird dadurch weiter geschwächt werden. Wenn die SNB den Mindestkurs verteidigen will, wird sie deshalb massiv Devisen zukaufen müssen. Wie weit kann sie gehen? Wie lange kann sie das durchhalten?
Wichtige Pharmaindustrie
Die Wettbewerbsposition der Schweizer Industrie wird sich so oder so verschlechtern. Erstens kann sie heute kaum mehr vom Zinsvorteil profitieren, den sie immer genossen hat. In einer Null-Zins-Welt kann sich auch die ausländische Konkurrenz zu Discountpreisen refinanzieren, jedenfalls in Nord­europa. Zweitens wird die Lohnentwicklung relativ zum Ausland zu einem zunehmenden Problem: In der Schweiz sind von 1999 bis 2013 die Lohnstückkosten in Euro umgerechnet um 50 Prozent gestiegen. In Deutschland stiegen sie im selben Zeitraum um etwas über 10 Prozent. Werden wir längerfristig auf die europäische Lohnzurückhaltung einschwenken und den Binnenkonsum schwächen oder weiter internationale Wettbewerbsfähigkeit verlieren? Eine delikate Frage, die beantwortet sein will.
Einen gewissen Schutz vor kommenden Verwerfungen bietet die Tat­sache, dass die Schweizer Exportwirtschaft spezialisierte Nischen besetzt. Die bei weitem grösste Bedeutung kommt dabei der Pharmaindustrie zu, seit der Restrukturierung des Bankensektors mehr denn je. Aber kann die Basler Chemie in Basel bleiben, gege­benenfalls ohne Personenfreizügigkeit? Auch das ist eine nationale Schicksalsfrage. Die Antwort ist leider vollkommen offen.

Die Entdeckung der Oktoberrübe

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Diesmal Herbstgemüse. Wie selbstverständlich greifen wir nach reifen Tomaten, mit denen wir tatsächlich noch immer Freude haben, nach Peperoni, Karotten und Sellerieknollen, nach einem Kopf Blumenkohl oder ein paar letzten Auberginen. Manchmal seufzen wir leise, weil die guten Bekannten aus der Gemüseabteilung uns wieder bekannte Genüsse versprechen, und wir wünschen uns, es käme manchmal etwas Neues, Überraschendes auf unseren Speiseplan.
Bin schon da. Mit einem Kilo Navetten.
Navetten gehören zur Familie der Speiserüben. Ihr gebräuchlicher Zweitname «Mairüben» passt nicht unbedingt in den Oktober, erklärt sich aber daraus, dass Navetten, die zeitig im Frühjahr gesät wurden, im Mai reif sind, während jene Rüben, die im Juli oder August gesät wurden, jetzt aus der Erde gezogen werden – wer möchte, darf sie deshalb ohne Weiteres «Oktoberrüben» nennen, viel Erfolg auf dem Gemüsemarkt.
Die runden Rüben haben einen Durchmesser von vielleicht fünf Zentimetern. Sie sind schön. Ihre Haut ist von einem cremigen Weiss, das an den Schultern in ein interessantes Violett übergeht. Dass die Navetten kräftig, fast scharf riechen, liegt an den Senfölen, die in ihrer Haut enthalten sind. Sind sie einmal von dieser Schärfe befreit, entfalten sie ein interessantes, erdiges Aroma, das man gut inszenieren kann, wenn man über die richtige Gebrauchsanweisung verfügt.
Diese stammt von Fergus Henderson aus dessen Kochbuch «Nose to Tail» (Echtzeit) und heisst «Rübenauflauf». («Das mag sich», schreibt Henderson, «nach einem trostlosen Essen in einem trostlosen vegetarischen Restaurant anhören, aber das ist es ganz und gar nicht. Leider ist mir bisher kein verlockenderer Name für dieses köstliche Gericht eingefallen.»)
Man braucht dafür:
– 1 Zwiebel, geschält und in sehr dünne Scheiben geschnitten
– 200 g Butter
– 1,2 kg Navetten, geschält und in sehr dünne Scheiben geschnitten
– Meersalz und schwarzen Pfeffer
Die Zwiebelscheiben werden langsam in 150 Gramm Butter gedünstet, sie müssen glasig und süss sein, wenn sie beiseite ge­stellt werden. Nun sind die Navetten an der Reihe. Eine feuerfeste Form wird mit dem Rest der Butter eingefettet, danach kommt eine erste Schicht Navetten in die Form. Darüber legt man die erste Schicht buttriger Zwiebel, die gesalzen und mit Pfeffer bestreut werden. Das System ist jetzt klar: Sie fahren damit fort, bis die Form voll und alle Zwiebel- und Navettenscheiben verbraucht sind. Dann Alufolie mit der matten Seite nach oben auf das Gemüse legen und die Form in den auf 160 Grad vorgeheizten Ofen stellen. Es dauert etwa eine Stunde, bis das Ge­mü­se weich und mollig ist. Sie können es aus der Form essen oder diese auf eine grosse Platte stürzen. Einmal mehr ist es sinnvoll abzuwarten, bis man sich beim Essen nicht mehr verbrennt. Um eine Spur heisser als lauwarm ist die ideale Betriebstemperatur für diesen Auflauf, der, wie Fergus Henderson sagt, «danach schreit, mit einem Stück Lammbraten verspeist zu werden». Eine Salsiccia macht sich auch nicht schlecht, und ein kleiner, bitterer Radicchiosalat ist ein nahezu idealer Kontrast zum rustikalen Henderson-Auflauf.
Ein etwas eleganteres Rezept präsentiert Alain Ducasse in seinem erstaunlich zugänglichen Kochbuch «Ducasse Nature» (Hädecke). Er zerteilt die Navetten in zwei Millimeter dicke Scheiben, karamellisiert sie im Schmortopf mit Honig und deglaciert sie mit Weissweinessig, um sie an­schliessend in Geflügelbouillon mit einer raffinierten Gewürzmischung fertig zu kochen und zu Botschaftern einer einfachen, aber dennoch eindrucksvollen französischen Kochweise zu machen. Dazu gibt es pochierte Entenleber. Den ganzen Expeditionsbericht lesen Sie im Blog.

Klare Ansage

Die öffentliche Debatte um die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative und die Rettung der Bilateralen nimmt Fahrt auf – und das ist gut so. Das Schweizer Politiksystem ist verängstigt und überfordert. Nur Druck aus der Mitte der Zivilgesellschaft hat Aussicht, Parteien und Regierung zur Klärung der Lage zu zwingen.
Mit dem Ja der Auns zu Ecopop sollten sich letzte Illusionen, der harte Flügel der SVP werde sich zu einer mit den Bilateralen vereinbaren Umsetzung des Masseneinwanderungsartikels bereit finden, eigentlich erledigt haben. Auf der Gegenseite formieren sich zivilgesellschaftliche Bewegungen wie der Appell «CH-in-Europa.ch», der mit der Signatur von 112 öffentlichen Persönlichkeiten lanciert wurde und nun zur Unterzeichnung für alle Bürger offensteht. Auch die «Operation Libero», ein Zusammenschluss junger Akademiker, die sich Sorgen machen um die Zukunft der einzigen Schweizer Rohstoffressource – die Exzellenz von Universitäten und Berufsbildung –, versucht, an den etablierten Parteien und Verbänden vorbei die Mobilisierung für die Bewahrung der Bilateralen zu lancieren.
Insbesondere der Appell «CH-in-Europa», der lanciert wird von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Alt-Nationalbankpräsident Jean-Pierre Roth, Wirtschaftsführer Rolf Soiron, Alt-Bundesrichter Giusep Nay, Wirtschaftsanwalt Peter Nobel und Medienprofessor Kurt Imhof, ist bemerkenswert. Offenbar ist die Schweizer Zivilgesellschaft noch imstande zu jener Synthese von staatspolitischer Prinzipientreue (Nay), wirtschaftspolitischem Pragmatismus (Soiron) und sozialliberaler Intellektualität (Imhof), die einst die DNA des Schweizer Liberalismus ausmachte und deren Erbgut in der heutigen FDP weitgehend verschüttet zu sein scheint.
Der zivilgesellschaftliche Druck ist desto nötiger, als die offizielle Politik nun in ein steriles Schattenboxen verfällt, bei dem beide Seiten mit ihren Spielchen über die Banden beschäftigt sind. Der Bundesrat wird mit kalkulierter Dramatik den Kampf für die «konsequente Umsetzung» inszenieren, will sich aber – da hat die SVP völlig recht – in Brüssel bestätigen lassen, dass der Verhandlungsspielraum extrem begrenzt ist. Es mag in der EU-Kommission eine marginale Bereitschaft geben, symbolische Konzessionsgesten zu machen, aber die Manövriermöglichkeiten sind limitiert. Die EU könnte nur Einschränkungen zustimmen, die auf alle EU-Mitgliedstaaten ausdehnbar wären, frei festgelegte Kontingente sind tabu – eine Diskriminierung zwischen Inländern und EU-­Ausländern kommt nicht infrage. Am ehesten dürfte Brüssel bereit sein, den Zu­gang zu den Sozialwerken restriktiver zu gestalten, doch für die Schweiz wäre diese Massnahme irrelevant. Die Zuwanderung erfolgt bei uns grossmehrheitlich in den Arbeitsmarkt und nicht ins Sozialsystem.
Theoretisch würde das von Alt-Staatssekretär Michael Ambühl ausgefeilte Schutzklauselsystem, das in der Gesamt-­ EU in Kraft gesetzt werden könnte, den bestehenden Spielraum am besten ausnützen. Dass sich die EU aber ausgerechnet vom Nicht-Mitglied Schweiz ein neues Freizügigkeitsmodell aufzwingen lässt, erscheint weiss Gott unrealistisch.
Auch die SVP veranstaltet einen Kommunikations-Eiertanz. Am Sonntag vermeldete Christoph Blocher plötzlich, über den von Professor Reiner Eichenberger ge­machten Vorschlag, die Zuwanderung durch Sondersteuern für ausländische Arbeiternehmer zu regulieren, könne man diskutieren. Die Medien nahmen eilfertig das «Zurückkrebsen» des SVP-Führers in die Schlagzeilen, obwohl es sich offenbar um eine taktische Finte handelt. Die Diskriminierung zwischen Inländern und EU- Ausländern ist für die EU exakt genauso inakzeptabel wie die Festlegung von Kontingenten. Blocher will sich heute so wenig wie gestern mit der EU verständigen. Bereits am Montag wurde die vermeintliche Kompromissbereitschaft wieder relativiert. Blocher versucht sich den Anschein der Ge­sprächsbereitschaft zu geben, um Brüssel später desto heftiger Arroganz und diktatorisches Gehabe vorwerfen zu können.
Der Bundesrat will die Bilateralen retten – glaubt aber, vorerst mit angestrengter Geste beweisen zu müssen, dass er alles Menschenmögliche zur Respektierung des Volkswillens tut. Blocher will die Bilateralen zerstören – muss sein Ziel aber bis zuletzt in Abrede stellen, damit die Bürger am Ende das «EU-Diktat» für das Scheitern einer Kompromisslösung verantwortlich machen und mit einer Trotzreaktion antworten.
Klare Ansagen sind das Mindeste, was man von der Politik erwarten sollte. Nichts ist wichtiger für die Schweiz als die Gestaltung ihres Verhältnisses zu Europa. Die Zivilgesellschaft bleibt gefordert.

Tee aus Portugal

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Tee, schwarz oder grün, ist ein Lebenselixier, für viele von uns ein täglicher Begleiter. Trotzdem weiss kaum jemand, wie eine Teepflanze auch nur aussieht oder wie sie zu dem wird, was wir in unseren bevorzugten Teehandlungen in Empfang nehmen. Lange dachte ich, ich könne eine leibhaftige Teeplantage nur besuchen, wenn ich dafür in die Hügel von Assam, Darjeeling oder Shizuoka reise.
Aber das stimmt nicht. Es gibt auch in Europa Tee, wenn auch am äussersten, sozusagen zugekauften Rand des Kontinents. Auf São Miguel, der grössten Insel der zu Portugal gehörenden Azoren, zwei Flugstunden von Lissabon entfernt, vier Stunden von Boston, wächst seit mehr als hundert Jahren Tee, guter Tee.
Auf den Azoren wurde Tee angebaut, nachdem eine Mehltauerkrankung gegen Ende des 19. Jahrhunderts die bis dahin vorrangig kultivierten Orangenplantagen während nur einer Saison dahingerafft hatte. Die Bedingungen für Tee waren günstig. Die Teepflanzen lieben das milde subtropische Klima ohne grosse Temperaturschwankungen. Sie gedeihen während des ganzen Jahres. Natürliche Parasiten und Schädlinge fehlen, sodass auf den Azoren vollkommen ohne Einsatz von Pflanzenschutzmitteln Tee angebaut werden kann. Schwarz- und Grüntee von den Azoren war bio, schon lange bevor irgendwer wusste, was bio ist.
In der Blütezeit des Teeanbaus gab es auf den Azoren über sechzig Teefabriken, die ihre Produktion vor allem nach Europa lieferten. Als Teeimporte aus Indien und Asien immer billiger und die Energiekosten auf den Atlantikinseln immer höher wurden, schlossen die meisten Fabriken ihre Tore. Übrig blieben nur zwei – die bis heute produzieren.
Ich besuchte das Haus, das in Postkartenlage an der Nordküste von São Miguel liegt und auf den ersten Blick wie eine kubanische Zigarrenfabrik aussieht, nur dass auf der Fassade in grandioser, achtzig Jahre alter Typografie «Chá Gorreana» steht: «Chá» heisst auf Portugiesisch «Tee». Umgeben ist die Gorreana-Fabrik von 45 Hektaren wunderschön geschnittener Teehecken, die die Landschaft so elegant strukturieren, wie das sonst nur Wein vermag. Der Tee – Jahresproduktion vierzig Tonnen – besitzt einen wunderbaren, eigenwilligen Charakter. Ich genoss die rustikale, florale Eleganz des «Chá verde», weit zugänglicher als viele der grasigen, enorm nuancierten grünen Tees aus Asien, deren Genuss Hingabe und kulturelle Vertiefung fordert: Chá Gorreana schmeckt bereits mit der ersten Tasse, ist belebend, heiter und unkompliziert. Mein Getränk.
Gorreana ist seit 1883 durchgängig in Familienbesitz. Der Grund, warum die Firma noch immer produziert, ist höchst erstaunlich. Erstens produziert Gorreana seinen Strom in einem kleinen Kraftwerk in den Bergen selbst. Zweitens hat man auf die Modernisierung der Produktionsanlagen kurzerhand verzichtet.
Die Maschinen stammen vom britischen Erzeuger Marshall, Sons & Co, der in früheren Jahrhunderten in Gainsborough landwirtschaftliche Maschinen herstellte. Sie sind seit der Einrichtung der Fabrik im Jahr 1883 in Betrieb. Trockner, Fermentierungstrommel, Förderbänder: alles museumstaugliche Maschinen, die durch gutes Klima und anständige Pflege ihre veranschlagte Lebensdauer weit überschritten haben und während der Produktion einen angenehmen, intensiven Geruch verströmen. Nur für die Abfüllung der fertigen Teeblätter in Papiersäckchen hat man sich bei der Schweizer Kebo AG ein neues Gerätchen gekauft. Das Sortieren der Säckchen in die kleinen Kartons übernehmen wiederum azorische Arbeiterinnen in Dienstmädchenuniform, wie von einer Postkarte aus der guten alten Zeit.
Fotos der Produktionsmaschinen im Blog. Bezogen werden kann der Tee über www.gorreana.de

Falscher Volksentscheid

Die Sicherung des bilateralen Weges müsste wahlarithmetisch ein Kinderspiel sein. 58 Prozent der Stimmberechtigten sprechen sich nach einer Gfs-Umfrage für den Vorrang der bilateralen Verträge über die Masseneinwanderungsinitiative aus, und nur 30 Prozent plädieren für die Kündigung der Bilateralen, falls eine buchstabengetreue Umsetzung der Initiative nur um den Preis eines Bruchs mit der EU zu haben ist. Klare Verhältnisse: Die Schweiz bekennt sich eindeutig zum Bilateralismus. Oder doch nicht? Nach heutigem Stand drängt sich der gegenteilige Schluss auf: Nur ein Mirakel scheint den Triumph von Christoph Blochers Anti-Europa-Politik verhindern zu können.
Von einer grossen Koalition zur Rettung der Bilateralen, die alle Parteien aus­ser der SVP vereinen müsste, ist bisher nichts zu sehen. Im Gegenteil: Der Polit-betrieb steht bereits im Bann des Parlamentswahlkampfs. Die europapolitische Agenda wird daher, soweit es geht, neutralisiert, auf nach den Wahlen vertagt. Das oberste Kommunikationsziel, das alle Parteien eisern verfolgen, lautet: Wir respektieren den heiligen Volkswillen. Wir sind nicht aufgeklärte Kritiker, sondern devote Hohepriester des neohelvetischen Volksabsolutismus. Am Ende könnte die Schweiz wirklich bekommen, wofür das GESAMTE Parteiensystem rückhaltlosen Einsatz zeigt: eine «konsequente» Umsetzung des Volkswillens – und eine schwere Beschädigung des Verhältnisses zur EU.
Mit neckischer Prägnanz hat die «Arena» letzte Woche die bizarre Attitüde der Gegner der Masseneinwanderungsinitiative gezeigt. Man hätte erwartet, dass SVP-Nationalrat Lukas Reimann von allen anderen Parteienvertretern hart angegangen wird – weit gefehlt. Gerhard Pfister von der CVP war sich mit Reimann in praktisch allen Punkten einig – nur dass er stur behauptete, die «konsequente Umsetzung» der Masseneinwanderungsinitiative werde die Bilateralen in keiner Weise beschädigen. Was nicht sein darf, existiert auch nicht. Alles andere könnte Stimmen kosten.
FDP, SP, die Grünen und die Grünliberalen sprachen zwar tapfer von «intelligenter» anstatt von «konsequenter» Umsetzung, aber die Strategie ist jener Gerhard Pfisters sehr verwandt: Man erklärt das Prinzip Hoffnung zur Strategie und behauptet ganz einfach, es lasse sich alles unter einen Hut bringen – Kontingente, Inländervorrang, Personenfreizügigkeit, was auch immer.
Der eigentliche Paria in der «Arena» war nicht Lukas Reimann. Die Parias waren Rechtsprofessor Thomas Cottier und BDP-Nationalrat Hans Grunder. Cottier sprach zwar nur aus, wovon ausser Reimann alle Diskussionsteilnehmer überzeugt sind: Das Ja zur Masseneinwanderungsini­tiative war ein schwerer Fehler. Er stellte jedoch eine Forderung auf, die für unsere Berufspolitiker einen solchen Tabubruch darstellt, dass sie sich panisch von ihm distanzierten: Der Volksentscheid sollte laut Cottier mit einer neuen Volksabstimmung korrigiert, der Verfassungsartikel annulliert werden. Nur BDP-Vertreter Hans Grunder plädierte ebenfalls für die erneute Revision der Verfassung – aber mit einem Vorschlag, der schon heute zur Unkenntlichkeit verwässert ist.
Die Verfassung wird nicht angetastet, bei der Umsetzung will man sich jedoch durchwursteln: Dies ist der weise Ratschluss der politischen Schweiz. Man kann die Position vernünftig finden, wenn man überzeugt ist, dass sich eine neue Volksini­tiative nicht gewinnen lässt. Das Problem ist nur: Warum soll sich ein Referendum zum Umsetzungsgesetz gewinnen lassen, wenn eine Initiative offenbar eine Suizidmission wäre? Weil bei einem Referendum das Ständemehr nicht notwendig ist?
Der neohelvetische Volksabsolutismus manifestiert sich nicht nur in der Sakralisierung von Volksentscheiden, sondern auch im neuen Durchsetzungsfetischismus. Die Forderung, die Parteien sol­len sich den europakompatiblen Kompromiss der Alpeninitiative zum Vorbild nehmen, ist von einer sagenhaften Naivität. Christoph Blocher hat die Masseneinwanderungsinitiative zur Zerstörung der Bilateralen lanciert. Ein Kompromiss liegt ihm fern. Daran lassen we­der seine Kommunikation seit dem 9. Februar noch die bereits aufgegleiste SVP-Durchsetzungsinitiative zur Zuwanderung den geringsten Zweifel. Blocher hat das Stimmvolk systematisch in die Irre geführt – was allein schon Grund genug sein sollte, den Bürgern den Verfassungsartikel zur Annullierung noch einmal vorzulegen.
Ein Parteiensystem aber, das kollektiv die Botschaft aussendet, dass es um jeden Preis «den Willen des Volkes respektiert», hat nicht die geringste Chance, glaubwürdig zu vertreten, dass ebendieses Volk in die Irre geleitet wurde.

Auf Kosten der Schwächsten

Man könnte sich auch gewählter ausdrücken, aber nennen wir das Kind beim Namen: Die aktuelle Debatte um Missbrauch und Verhätschelung in der Schweizer Sozialhilfe ist eine Bullshit-Diskussion.
Ohne Zweifel hat unser Sozialversicherungssystem mit dringenden Herausforderungen zu kämpfen: Der demografische Wandel macht die langfristige Finanzierung der AHV – der aktuelle Stand der jährlichen Ausgaben beträgt rund 40 Milliarden Franken – zu einem Problem und könnte je nach Wirtschaftsentwicklung und Migrationssaldo in zehn bis fünfzehn Jahren zu einer Finanzierungslücke von bis zu 8 Milliarden Franken führen.
Die berufliche Vorsorge, deren Rentenzahlungen sich 2012 auf gut 25 Milliarden beliefen, ist ebenfalls in finanzieller Schieflage.
Die jährlichen Schweizer Gesundheitskosten belaufen sich auf knapp 70 Milliarden, werden von der obligatorischen Krankenversicherung nur in Höhe von knapp 26 Milliarden gedeckt (Stand 2012) und führen trotzdem allein im Jahr 2015 erneut zu einer Prämienerhöhung von 4 Prozent, also einer vollen Milliarde. Alle diese Versicherungssysteme bestimmen nicht nur die Perspektiven und Lebensbedingungen der überwältigenden Mehrheit der Schweizer Bürgerinnen und Bürger, sondern sie kosten auch so gewaltige Summen, dass sie einen entscheidenden Einfluss auf das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht haben.
Aber es sind nicht diese Versicherungssysteme, die mit schöner Verlässlichkeit alle paar Jahre wieder den Auftakt zum Parlamentswahlkampf markieren, die Emotionen hochgehen lassen – um dann bis zum nächsten Wahlkampf wieder in der Versenkung zu verschwinden.
Nein, diese Rolle spielt die Sozialhilfe. Zwar belaufen sich ihre Gesamtkosten nur auf 2,4 Milliarden – was 0,4 Prozent des BIP entspricht. Volkswirtschaftlich betrachtet, ist das Gesamtvolumen der Sozialhilfe so niedrig, dass die Debatte kaum relevant ist. Aber hier geht es nicht um Probleme der Finanzierbarkeit. Es geht einzig darum, dass hier politisch die Musik spielt.
«Sozialschmarotzer» erregen den Volkszorn – weil die Mehrheit der Bevölkerung der nicht immer realistischen Überzeugung ist, selber nie auf Sozialhilfe angewiesen zu sein, weil Ausländer überproportional vertreten sind, weil sich einzelne Missbrauchsfälle wunderbar breittreten lassen. Die Startenöre der Ressentimentpolitik wollen sich eine so vorteilhaft beleuchtete Bühne nicht nehmen lassen. Wen kümmert schon die objektive Relevanz, so lange man das Publikum davon überzeugen kann, dass es im Land kein wichtigeres Problem gibt als den «Sozial-Irrsinn»?
Sicher: 2,4 Milliarden sind viel Geld, und es wäre durchaus legitim, vernünftig die Frage zu diskutieren, ob die Summe sinnvoll eingesetzt wird. Wer die Statistik ansieht, kann allerdings für die allseits beklagte «Entgleisung» des Systems keine Anzeichen finden. Die Quote der Sozialhilfeempfänger liegt stabil um die 3 Prozent. Die Kosten haben zwar überproportional zugenommen, aber es ist unbestreitbar, dass der grösste Teil dieses Anstiegs von äusseren Faktoren wie den steigenden Mietpreisen, Krankenkassenprämien und verstärkt an der Sozialhilfe hängen bleibenden Ergänzungsleistungen verursacht wird. Theoretisch ist es denkbar, dass ein Teil der Zusatzkosten auch auf Missmanagement oder zunehmenden Laxismus zurückzuführen ist. Die Denunzianten des «Sozial-Irrsinns» haben allerdings bisher noch nicht einmal den Versuch gemacht, diese eher unwahrscheinliche Hypothese statistisch zu erhärten.
Im internationalen Vergleich jedenfalls ist die Schweizer Sozialhilfe beeindruckend günstig. In Deutschland beliefen sich 2012 alleine die Hartz-IV-Kosten auf umgerechnet 40 Milliarden Franken – worin die Sozialhilfe für nicht erwerbsfähige Bürger noch nicht eingeschlossen ist. In den USA beziehen sagenhafte 14 Prozent der Gesamtbevölkerung Lebensmittelmarken, und die Kosten aller mit der Schweizer Sozialhilfe vergleichbaren Welfare-Programme belaufen sich auf über 2 Prozent des BIP – fünfmal mehr als in der Schweiz. Dass trotzdem immer wieder die Forderung laut wird, die Schweiz solle sich an den USA ein Vorbild nehmen, weil dort bessere Anreize zur Arbeitsmarkt-Integration gesetzt würden, erscheint angesichts dieser Zahlen befremdend.
Die Faktenlage ist simpel: Die Schweiz ist ein reiches Land mit einem ausgezeichnet funktionierenden Arbeitsmarkt und hat deshalb verhältnismässig bescheidene Sozialhilfelasten zu tragen. Dass aus politischem Kalkül auf Kosten der Schwächsten ein nationaler Notstand inszeniert wird, ist beschämend.

Montagsdemonstration:
Die No Bullshit-Liste

Was ein No Bullshit-Lokal ist, habe ich in meiner dieswöchigen Kolumne schon ausgeführt, und mit dem „Mar do inferno“ in Cascais ist auch gleich ein erstes Exemplar dieser raren Spezies genannt. Hier kommen acht weitere. Die Adressen sind wertvoll. Falls Sie, Leserin und Leser, Ihre wertvollen No-Bullshit-Adressen mit mir teilen, tun Sie das bitte entweder in der Kommentarfunktion dieses Artikels oder, falls Sie um Diskretion bemüht sind, per Mail an seiler@csv.at.

 

1. Monopoli, Apulien

Das „Lido bianco“ befindet sich in bevorzugter Lage des apulischen Küstenstädtchens, tut aber nichts dafür, sich besonders herauszuputzen. Die Stühle aus Plastik, der Boden gekachelt, eher müde Topfpflanzen als einzige Dekoration. Aber dieser Fisch: an einer langen Fischtheke, die man beim Eintreten zwangsläufig passiert. Man passiert also auch den Mann, dessen Job es ist, in Akkordarbeit die Krustentiere zu öffnen, und wenn man ihm nur zwei Minuten zugeschaut hat, wird man nicht umhinkommen, die Meeresfrüchte-Selektion zu bestellen, die es in den Versionen crudo und cotto gibt, roh und gekocht. Mein Tipp: zuerst die eine, dann die andere.

 

2. Wien

Vor den Toren eines gewissen „Figlmüller“ mögen die Touristen in Zweierreihen stehen, um das – laut Figlmüllers bereits am Flughafen affichierter Selbstauskunft – „das beste Schnitzel Wiens“ zu bekommen. Tatsache ist, dass die Wiener Küche in ihrer absolut und denkwürdig auf das Wesentliche reduzierten Form nur bei „Grünauer“ so zu bekommen ist, wie es gehört. Die „gebackene Fledermaus“, nicht im eigentlichen Sinn ein Wiener Schnitzel, sondern ein spezielles Stück vom Schlussteil des Schlögels (vom Schwein), das paniert das Saftigste abgibt, was jemals als Schnitzel die kulinarische Bühne betreten hat.

 

3. Nizza

Während links und rechts Sternehütte stehen, wird im „La Merenda“ so geradeaus und deftig gekocht, dass es dir die Schädeldecke hebt. Das Lokal ist winzig. Die Tische, an denen du Platz nimmt, stammen aus einer Puppenküche. Die Auswahl ist beschränkt. Die Küche ist winzig. Sie produziert vor den Augen der Gäste großartige Geradeausküche: Gratinierten Kalbskopf, mit Bröseln gefüllte Sardinen, Kutteln mit Weißwein, Linsen mit Schweinswurst. Köstlich und sogar noch billig.

 

4. Triest

Manchmal ist es nicht einmal erforderlich, dass die ultimative No-Bullshit-Hütte der Stadt unbekannt ist. Das „Buffet da Pepi“ kommt in jedem Reiseführer zur Stadt Triest vor, und trotzdem ist der Besuch des kleinen, engen Innenstadtlokals unerlässlich. Thema ist „das Schwein“, und zwar „From Nose to Tail“. Es gibt Innereien, Rüssel, Schweinsbraten, Zunge, Würste, und wenn man frisch geriebenen Meerrettich und Senf und ein Stück Brot und ein Glas Bier der Brauerei „Dreher“ an den Tisch mitnimmt, ist alles so, wie es sein muss. Große Klasse.

Buffet da Pepi, Via della Cassa di Risparmio 3; (39-040) 366-858, keine Website

 

5. Lissabon

Fisch, Feuer und ein bisschen Wein: Das ist das Programm des „Mercado do Peixe“, eines ziemlich großen, ziemlich hässlichen Restaurants an der Peripherie von Lissabon. Man kann hier den frisch angelieferten Fang an Atlantikfischen betrachten, sich die persönliche Beute aussuchen und dann dabei zusehen, wie sie an einer zentralen Grillstation zubereitet wird. Riesiges Lokal, Top-Qualität, herrliche Unaufgeregtheit der Inszenierung bei gleichzeitigen exquisiten kulinarischen Erlebnissen. Sonntagabend geschlossen.

Estrada Casal Pedro Teixeira 84 - 1400-047 Lisboa, Tel : (+351) 213 616 070

 

6. Kopenhagen

Bevor Kopenhagen zum zwischenzeitlichen Mittelpunkt der kulinarischen Welt avancierte, hieß die lokale Spezialität Smørrebrød, dänisch für den Sandwich als Weltanschauung. Bei Ida Davidsen, der bei weitem nicht feinsten, aber ursprünglichesten Smørrebrød-Hütte der Stadt, gibt es Brote von geradezu unfassbarer Größe, aber auch Qualität, belegt mit mit Shrimps, Lachs, Aal, Hummer, Hering, Kabeljau. Mit Beef Tatar, geräucherter Lammstelze, Schweinsbraten, Leberpastete, Zunge. Mit Eiern und geräuchertem Käse und dänischer Salami und Tomaten. Eines genügt, um satt zu werden. Zwei sollten Sie auf jeden Fall essen. Bei drei gibt es Applaus und Aquavit.

 

7. New York

Es gibt Häretiker, die „Katz“ bevorzugen, aber ein Besuch im „Carnegie Deli“ hat noch jeden überzeugt: hier ist der Ort, wo amerikanische, jüdische und kontinentale Esskonventionen auf grandiose Weise verschmelzen. Der „Pastrami Sandwich“ ist unglaublich würzig und gut – und so groß, dass jedes Smørrebrød von Ida Davidsen dagegen wie Petits Fours aussieht. Man muss deshalb zu zweit in den „Carnegie Deli“ gehen, mindestens. Wenn man zu dritt einen Pastrami-Sandwich – herrlich: die Konsistenz und die milde, einzigartig elegante Räuchernote der Pastrami – verzehrt, kann man sich sogar noch einen New York Cheesecake als Dessert bestellen, und das ist keine Pointe: Drei Menschen, zwei Speisen – alle werden satt und glücklich sein.

 

8. Hongkong

Ein Winkel in Mong Kok, eine halbe Stunde vom Hafen entfernt, ein winziges Lokal mit ein paar zu kleinen Tischen und einer zwei mal drei Meter großen Küche, in der acht Menschen arbeiten. Hier, bei Tim Ho Wan in der Fuk Wing Street, werden für ein paar Groschen die besten Dim Sums der Welt serviert, grandiose kleine Teigtaschen mit Fleisch- und Scampifüllung, deren Konsistenz jeden Genießer in einen Taumel der Verzückung stürzt. Der Leiter des Restaurants nennt sich „Brother Pui“ und hat inzwischen ein Tim Ho Wan-Imperium mit mehreren Filialen, u.a. in Kowloon, aber auch direkt unter dem City Check In in Hongkong Central hochgezogen. Beim Stammhaus in Mong Kok sind die Chancen auf eine Mahlzeit am besten, ohne dafür lange in der Schlange zu stehen.

 

 

TAGESGERICHT: NO BULLSHIT

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Als ich nach einem langen Spaziergang entlang der Promenade von Estoril nach Cascais endlich im Restaurant «Mar do Inferno» ankam, hatte ich den Wirbel und den Trubel eines aufgedrehten portugiesischen Ferienstädtchens längst hinter mir gelassen. Auf dieser Seite von Cascais drehen sich keine Karusselle mehr, und der Sandstrand ist einer dicht mit Macchia und Sukkulenten bewachsenen Böschung gewichen, hinter der sich tiefblau und grossartig der Atlantik ausstreckt.
Es wäre allerdings ein veritabler Ge­waltakt, das «Mar do Inferno» als glamouröses oder auch nur minderen ästhetischen Grundsätzen genügendes Lokal zu beschreiben, denn es hockt bäurisch da, ein­stöckig und mit allerhand Zeltplanen und Bretterverschlägen zu dem merkwürdigen Konglomerat ergänzt, in dem ich zu essen gedachte. Auf der Terrasse  war kein Platz mehr frei. Ich kriegte ein Tischchen im Anbau, genau zwischen dem Ausgang der Küche und der mit Eis vollgepackten Theke, an der die Meeresfrüchte geknackt und für den Verzehr vorbereitet werden. Ausserdem hatte ich den Fernseher im Blickfeld, in dem gerade ein Spiel von Benfica übertragen wurde. Das beanspruchte die Aufmerksamkeit der Kellner weit mehr als das Gezappel ihrer Gäste.
Aber zu diesem Zeitpunkt war ich schon so ruhig, wie ich in einem Restaurant, das ich zum ersten Mal besuche, nur sein kann. Ich hatte die Muscheln gesehen, die an einen Nebentisch geliefert worden waren, und den Duft der Scampi eingeatmet, die ein Ehepaar, das ansonsten offensichtlich zum Fernsehen gekommen war, gerade schälte. Ausserdem sah ich auf dem Pult des Mitarbeiters, der mit einem Hammer gerade mächtige Taschenkrebse knackte, merkwürdige Schalentiere, die ich noch nie gesehen, geschweige denn ge­kostet hatte.
Der Kellner brachte die Karte, als Benfica das 1:0 schoss. Nachdem das Tor mehrfach wiederholt und vom Personal diskutiert worden war – Tendenz: hätte der Torwart halten können –, konnte ich endlich in den Dialog mit meinem Kellner treten. Wie die Amêijoas – die gegitterten Venusmuscheln, die es heute gab – zubereitet würden? – Der Kellner hob die Augenbrauen. Mit Knoblauch natürlich, mit Wein und Koriander. Wie man Amêijoas à Bulhão Pato eben zubereite. Noch was? – Äh, die Scampi ..? – Kommen von der Algarve. Sie kriegen keine besseren. Eingesalzen, gekocht, lauwarm serviert. – Und die schwarzen Dinger dort drüben auf der Theke? – Ach so (die Stimmung des Kellners hellte sich auf). Percebes. Entenmuscheln. Kennen Sie nicht? Ich bringe welche!
Das Essen war ein Triumph. Die Percebes entpuppten sich als etwas tinten-fischartig, aber sehr wohlschmeckend, die Amêijoas brachten mich in ihrem tiefen, das Meer und seinen besten Freund, den Knoblauch, feiernden Geschmack fast zum Weinen. Die Scampi waren die besten seit langer, langer Zeit, und weil die Mayonnaise gelb, perfekt und kräftig war, bestellte ich gleich noch eine Portion. Ich war viel zu schnell satt, lange bevor ich daran denken konnte, auch noch einen Fisch zu bestellen – aber das Glück, das mich ergriff, wurde nicht nur von den verschiedenen Eiweiss- und Fettkombinationen gespeist (und der Flasche Redoma branco von Niepoort), sondern von der seltenen Attitüde dieses Restaurants, nur das Notwendigste zu tun, um ein glänzendes Ergebnis zu erzielen. Die Gerichte im «Mor do Inferno» brauchten keine Inszenierung, keine Kreativität, keine feuilletonhafte Kochkunst. Wie die Teller aussahen? Keine Ahnung. Die Tische? Vergessen. Wichtig waren allein die simple Per­fektion, die jedem Produkt angedieh, und der unvergessliche Geschmack. Motto: No Bullshit. Hier wird keine Beilage, keine Idee, kein Kunstwerk serviert. Nur das, was sein muss – in jeder Hinsicht.
Im Blog: die wertvolle Liste der raren No-Bullshit-Lokale, die ich kenne.