Drei Sterne sind nicht drei Sterne

3sterneWas für unterschiedliche Kulturen die beiden besten Restaurants der Schweiz repräsentieren
Dreisternrestaurants sind extraterritoriales Gebiet, ganz klar. Das fällt, gemessen an der Grundfläche der Schweizer Kulinarik, nicht besonders ins Gewicht, denn es gibt nur zwei: Andreas Caminadas Schloss Schauenstein in Fürstenau und Benoît Violiers Restaurant de l’Hôtel de Ville in Crissier.
Die Versuchsanordnung ist übersichtlich: Wie verhalten sich diese Speerspitzen der Unterhaltungsgastronomie zueinander? Steht der eine Cuisinier eher für die Vergangenheit und der andere für die Zukunft (oder beide, oder keiner)? Lässt sich am Beispiel der beiden Marktführer etwas über den Unterschied zwischen West und Ost, zwischen Deutschschweiz und Romandie feststellen, über unterschiedliche Denkweisen und Arbeitshypothesen?
Ich würde sagen: Ja. Caminada und Violier repräsentieren auf spektakuläre Weise unterschiedliche Schulen des kulinarischen Denkens.
Beginnen wir bei Benoît Violier. Er hat ein schweres und zugleich definiertes Erbe angetreten, als er 2012 das Restaurant de l’Hôtel de Ville in Crissier übernahm. Das Restaurant war von Frédy Girardet zu höchsten Ehren geführt worden (drei Michelin­-Sterne, die härteste Währung im Restaurantbusiness). 1996 übernahm der ehrgeizige, gestrenge Philippe Rochat das Haus und führte es auf selbem Niveau bis 2012. Dann war Violier an der Reihe, der seit 1996 für Rochat gearbeitet hatte. Mit 22 Köchen und 23 Servicemitarbeitern, einem Mitarbeiter pro Sitzplatz, bereitet er das zu, was man sich seit Jahrzehnten von einem Spitzenrestaurant erwartet: Kaviar und Gänseleber, Jakobsmuscheln und Hummer – kein Klischee, das über luxuriöses Essen kursiert, wird ausgelassen.
Caminadas Team ist vielleicht halb so gross wie jenes von Violier, und auch der Anlauf, den er genommen hatte, war kürzer. Seine Lehrzeit war komprimierter. Caminada liess sich nicht auf den Stil eines kulinarischen Übervaters einschwören, sondern holte sich in Bregenz, Baiersbronn und Uetikon Impulse, die ihm genügten, um sich 26-jährig selbstständig zu machen. Den Aufstieg von Schloss Schauenstein zum Dreisternrestaurant verantwortete er selbst, und er ging dabei einen verspielten, selbstbewussten Weg der Eigensinnigkeit. Caminadas Küche ist nicht wie irgendeine andere Küche. Die Auszeichnung durch drei Michelin-Sterne ist eher eine Herausforderung für die betont traditionsverliebten Michelin-Inspektoren als für Caminada: Seine Position als Meister der – man kommt in diesem Zusammenhang um das öde Wort nicht herum – kreativen Kulinarik wäre auch dann unbestritten, wenn ihm der Michelin nicht folgen würde.
Das heisst nicht, dass man bei Violier schlechter isst. Die Perfektion des Menüs ist beeindruckend, die Präzision der Geschmäcke erstaunlich, und zuweilen (etwa bei der Kombination eines Kardonengemüses mit schwarzem Trüffel) schlagen die Einfälle des Küchenchefs auch Funken. Dennoch wohnt man dem Essen wie einer Opernvorstellung bei, tief beeindruckt, elegant angezogen und ein bisschen erstaunt, für einen Abend zu einer Gesellschaft zu gehören, die für ein Essen und ein bisschen Wein 1500 Euro ausgibt. Sicher, auch bei Caminada isst man nicht umsonst (wenn auch markant weniger teuer als in Crissier). Aber man befindet sich hier nicht in der Oper, sondern in der Vorstellung eines spannenden Films mit unabsehbaren dramaturgischen Wendungen und ziemlich lauter Musik.
Der Vergleich der Schweizer Dreisterner läuft auf den Unterschied zwischen Hoch- und Populärkultur hinaus. Warum auch nicht. Beides hat Zukunft.

Menschenrechte «Made in Switzerland»

Mit dem Wahljahr nimmt auch die SVP-Kampagne für ihre Initiative «Schweizer Recht gegen fremde Richter» Fahrt auf. An der Universität Zürich fand letzte Woche vor überbelegtem Hörsaal ein Podium zu dem Thema statt, auf dem Christoph Mörgeli und Christoph Blocher mit den Rechtsprofessoren Urs Saxer und Daniel Jositsch sowie mit Doris Fiala und Claude Longchamp die Klingen kreuzten.
Überraschend war die Abwesenheit von Hans-Ueli Vogt. Warum verteidigte der SVP-Ständeratskandidat und Professor an seiner eigenen Alma Mater nicht die Vorlage, als deren geistiger Vater er gilt? Ein Grund könnte sein, dass die Volkspartei die staatsrechtliche Debatte tunlichst vermeiden will und deshalb lieber die Schlachtrösser des politischen Schaukampfs als einen Rechts­experten in den Ring schickte.
Bemerkenswert war, dass Blocher und Mörgeli – nebst farbenfroher Ausmalung des «Volksverrats» durch Brüssel-hörige Eliten – sich auf das Argument einschossen, die Schweizer Rechtsprechung bedürfe der Sicherung durch die Europäische Menschenrechtskonvention gar nicht, da in der Bundesverfassung der Schutz der Grundrechte ohnehin viel besser gewährleistet sei. Kampagnenstrategisch ist diese Ar­gu­mentation einleuchtend: Eine Vorlage, die unter dem Verdacht steht, den Menschenrechtsschutz in der Schweiz zu verschlechtern, hätte kaum eine Chance. Deshalb greift Blocher die EMRK nicht frontal an, sondern behauptet lieber, Menschenrechte «Made in Switzerland» seien ohnehin viel wirkungsvoller als internationales Vertragswerk. Dumm ist nur, dass diese Argumente in keiner Weise den juristischen Fakten standhalten.
Unbestritten ist zwar, dass der Grundrechtekatalog der Bundesverfassung mit der EMRK weitgehend übereinstimmt und in einigen Aspekten sogar noch über diese hinausgeht. Die Schutz­wirkung dieser Grundrechte ist jedoch aus mehreren Gründen viel schwächer als diejenige der EMRK.
Erstens führt die in der Schweiz fehlende Verfassungsgerichtsbarkeit dazu, dass die in der Bundesverfassung kodifizierten Grundrechte häufig gar nicht ein­geklagt werden können. Für alle «rechtsanwendenden Behörden» inklusive des Bundesgerichts sind nach BV Artikel 190 die Bundesgesetze und nicht die Verfassung massgebend. Wenn ein Bundesgesetz gegen ein Grundrecht verstösst, kann das Bundesgericht nur unter Berufung auf die EMRK, jedoch nicht auf Basis des Schweizer Grundrechtekatalogs seine Anwendung aussetzen. Diese archaische Lücke in der hausgemachten Garantie der Grundrechte könnte nur durch die Verfassungsgerichtsbarkeit geschlossen werden, deren Einführung aber von mächtigen politischen Kräften verhindert wird. Am erbittertsten bekämpft wird die Verfassungsgerichtsbarkeit von der SVP. Es ist de facto nicht zutreffend, dass Blocher die «Swissness» des Grundrechteschutzes stärken will. Sehr im Gegenteil.
Ein weiteres Problem liegt darin, dass die Rechtslage nicht nur durch den Grundrechtekatalog, sondern auch durch die Fortentwicklung der Verfassung bestimmt wird. Mit neuen Verfassungsartikeln können Grundrechtsgarantien in der Schweiz jederzeit zur Unkenntlichkeit entstellt werden – etwa die Religionsfreiheit durch die Minarett-Initiative. Auf­grund des Initiativrechts, das zu viel häufigeren Verfassungsänderungen führt als in anderen demokratischen Rechtsstaaten üblich, werden in der Schweiz immer wieder schwere Ein­schränkungen der Grundrechte beschlossen, ohne dass diese besonders geschützt werden könnten. Die Grundrechtsgarantien durch die Bundesverfassung sind deshalb im internationalen Vergleich ausgesprochen schwachbrüstig. Die Aufkündigung der EMRK wäre zuallererst für den Rechtsschutz der Schweizer Bürger eine Katastrophe.
Dass die Freiheitlichkeit einer Verfassungsordnung sich vor allem daran bemisst, wie schwer sie es der Staatsmacht macht, die Grundrechte immer stärker zu beschränken, hat schon der liberale Staatsrechtler Zaccaria Giacometti unterstrichen. Ausgerechnet Christoph Mörgeli wollte ihn jedoch als Kronzeuge für sein Lager reklamieren. Giacometti – der im Übrigen ein vehementer Vertreter der Verfassungsgerichtsbarkeit war – sah den besonderen Menschenrechtsschutz der Schweizer Verfassung allerdings genau darin, dass das Referendumsrecht die Gesetzesentwicklung und damit die immer weitergehenden Eingriffe in die Grundrechte verhindere. Es sei das Referendum, das sich «konservativ und damit zugunsten des Individuums» auswirke, schrieb der liberale Staatsrechtler in «Demokratie als Hüterin der Menschenrechte».
Wüsste Giacometti, dass die exponentielle Häufung von Volksinitiativen die Bundesverfassung in ein pitoyables politisches Schlachtfeld der permanenten Verfassungsteilrevisionen und der immer neuen Grundrechtseinschränkungen verwandelt hat, er würde sich wohl im Grab umdrehen.

«Den Flusskrebsen sprechen die Schweizer reichlich zu»

ma1516_042_kol_seilerMontaigne, die Schweizer Küche und ein paar (natürlich unzulässige, aber lustige) Verallgemeinerungen

 

Bei Montaigne stiess ich auf eine überzeugende Schilderung der Schweizer Ernährungsmethoden. Der französische Edelmann (1533–1592), dessen «Essais» zu den herausragenden Werken des Späthumanismus zählen, charakterisiert nach einer Reise in die Schweiz, was er als Essgewohnheiten der Schweizer wahrnahm. Philosoph, der er war, beförderte er jede dieser Beobachtungen sofort in den Rang einer Eigenschaft.
«Dem Braten pflegt man häufig Meerrettich und gekochte Birnen beizumischen», so Montaigne. «Den Flusskrebsen sprechen die Schweizer reichlich zu; sie werden auf einer Platte serviert, die als Ausdruck ihrer besonderen Wertschätzung stets zugedeckt ist. Sie bieten sich die Krebse gegenseitig an, was sie bei kaum einem anderen Gericht tun. Das ganze Land ist voll davon, und obwohl man sie täglich isst, bleiben sie allen ein Hochgenuss.»
Bewundernd beschreibt Montaigne, der zeit seines Lebens im Périgord lebte, auch die Sparsamkeit der Schweizer, die zu allen Mahlzeiten Holzteller benutzen, «selbst hölzerne Töpfe und Pisspötte; und all das ist denkbar sauber und blank» – endlich, nehme ich erleichtert wahr, ein Klischee, das die Jahrhunderte überdauert hat. Aber auch jenes des wohlhabenden Schweizers ist in den «Essais» schon angelegt. Denn die Benutzung besagten Holzgeschirrs erfolgt nicht etwa aus Armut, sondern «rein aus Gewohnheit, denn selbst wo man die Speisen darauf serviert, benutzt man zum Trinken Silberbecher, von denen es eine schier unendliche Menge gibt».
Mich faszinieren an Montaignes Prosa nicht nur ihre Eleganz und die sprachliche Zeitgenossenschaft (die freilich auch der Neuübersetzung von Hans Stilett geschuldet ist). Mir imponiert, wie der Philosoph die teilnehmende Beobachtung mit grösster Selbstverständlichkeit zur Wahrheit erklärt: «An Lebensmitteln herrscht grosser Überfluss, namentlich an Fisch und Fleisch. Die Esstische können die Fülle kaum fassen, zumindest war es bei unserem so» – dies ist die maximale Konzession, die Montaigne macht: die Andeutung, dass es auch noch andere Esstische geben könnte.
Mit dem grössten Vergnügen würde ich dem Beispiel Montaignes folgen und ein paar Verallgemeinerungen über die Schweizer Küche in Umlauf bringen. Zum Beispiel:
–    Die Schweizer essen vor jeder Mahlzeit zu sauren Salat, was mit ihrem Verhältnis zum Genuss korrespondiert.
–    Manchmal schmelzen die Schweizer Käse, bis er flüssig ist, und tunken diesen mit Brot so lange auf, bis sie in der Leibesmitte starke Schmerzen verspüren.
–    Nach dem Essen gibt es Kaffee, dessen Säure jener des Salats entspricht.
–    Zum Frühstück essen die Schweizer Weissbrot, dessen Rinde so knusprig ist, dass man nach dem Verzehr eines Stückes Brot die Kleider wechseln muss, weil diese aussehen, als habe es geschneit.
Stimmt natürlich alles nicht. Kann man so nicht sagen. Gilt nur im Einzelfall. Nehme alles zurück. Entschuldigung. Exgüsi.
Montaigne, ach, ist natürlich nicht so eine Memme wie ich. Nachdem er die Schweizer abgefrühstückt hat, widmet er sich den Deutschen und kommt zu der markanten Erkenntnis, dass sie die erprobtesten Trunkenbolde sind, die ihm je unterkamen. «Die Deutschen trachten eher danach, [den Wein] durch die Kehle zu jagen als ihn auf der Zunge zergehen zu lassen, und hiermit fahren sie wesentlich besser: Ihre Lust wird so auf viel üppigere und schnellre Weise befriedigt.»
Diese Deutschen. Darauf können wir uns einigen.

Kritik der Kritik der Kritik

Die «Charlie Hebdo»-Morde, Varoufakis’ Stinkefinger und der Germanwings-Absturz brachten eine neue Welle von Medienkritik
mit sich. Das dauernde Selbstbashing ist aber nicht die Lösung, sondern ein Symptom der medialen Krise.
 

Von  THOMAS ZAUGG
 

Anfang März verstarb der Soziologe Kurt Imhof, dieser grossherzige Kritiker der Medien. Auf seinem Grab stehen eine ungeöffnete Flasche Amarone sowie ein Aschenbecher, darin eine Zigarette.
Ist es pietätlos, einen solchen Satz zu schreiben? Sollten Friedhöfe nicht Ruhestätten für journalistische Berichterstattung sein? Wie wir sie doch lieben, solche Fragen. Und wie oft man in letzter Zeit uns Journalisten solche Zweifel formulieren hört. Früher berichteten wir sechs Tage die Woche, und am siebten Tage betrieben wir Medienkritik. Dieser Tage aber ist jeder Journalist ein twitternder Journalistenfresser. Die «Zeit» brachte ein ganzes Magazin zum Thema «Was Journalisten anrichten» – noch zerreissender als dieses Spezialheft war der Hohn, der ihm aus der Blogosphäre entgegenbrandete.
Erst wenn Cartoonisten erschossen werden, wie in Paris, stellen wir uns hinter die Kollegen. Dann scheint es, als befürworteten wir im Namen der Pressefreiheit selbst die geschmacklosesten Mohammed-Karikaturen. Als jedoch herauskam, dass der griechische Wirtschaftsminister Varoufakis Deutschland in einer Rede den Mittelfinger gezeigt hatte, hörte alles Berichten wieder auf. Pressefreiheit? Je suis Charlie, bien sûr, mais pas Günther Jauch! Manch einer von uns forderte den Rücktritt Jauchs, des deutschen Fernsehmoderators, der Varoufakis mit dessen Stinkefinger konfrontiert hatte. Ob der Grieche in Jauchs Sendung seine Geste zu Recht leugnete, interessierte niemanden mehr. Dass da ein Politiker möglicherweise als rhetorisches Mittel den Mittelfinger einsetzte, war später kein Thema. Wir hypten stattdessen den Komiker Jan Böhmermann zum Star, der Varoufakis den schlimmen Finger wegretouchierte.
Noch nie zeigten sich Journalisten so offen von Parodie und Lüge fasziniert. Bis heute weiss keiner unserer Leser mit Sicherheit, welches Varoufakis-Video ein Fake ist. Das wäre der Moment, in dem man uns sagen sollte: Ihr macht euren Job nicht mehr.
Derart überforciert hinterfragen wir uns inzwischen, dass einige Reporter über den nächsten Terroranschlag schon gar nicht mehr schreiben wollen. Simon Kuper, Paris-Kenner der «Financial Times», schämte sich Wochen nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo» und den jüdischen Supermarkt für seine aufschlussreichen Beiträge. In einer Kolumne entschuldigte er sich beinahe dafür, über die Anschläge vor Ort berichtet zu haben. Er habe sich damit der Logik der Terroristen gefügt, die mit ihren Aktionen ja genau auf mediale Aufmerksamkeit abzielten.
Man kann Kupers Argument, dass die Medien, ob sie es wollen oder nicht, für den Terrorismus Gratis-PR leisten, eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. Dennoch stellt sich die Frage: Woher bloss kommt das Überangebot an hausgemachtem Pressebashing? Das Grundproblem ist längst bekannt. Kurt Imhof wusste, dass viele Journalisten in «Verrichtungsboxen» arbeiten, in denen mediales Kurzfutter hergestellt wird. Wir sind angeschlossen an eine Produktionsroutine, die nach «Content» verlangt. Wir reproduzieren, weil wir produzieren müssen. Und Medienkritik ist oft das am schnellsten und am billigsten hergestellte Produkt: Man schreibt über etwas, das man von innen kennt. Man formuliert kennerhaft die Kritik der Kritik der Kritik auf unzähligen Metaebenen, sodass sich News und Nachrichtensatire bald nicht mehr unterscheiden. Medienkritiker Stefan Niggemeier beschrieb in der FAZ seinen «Eindruck, selbst Teil eines Rituals zu sein: So wie zu jeder Katastrophe das Ausschlachten des Opferleids durch die ‹Bild›-Zeitung gehört, so gehört auch die Empörung darüber durch Medienkritiker dazu. Man ist Teil des ganzen Erregungs- und Empörungszyklus, spielt seine Rolle, berechenbar, erwartbar, womöglich entbehrlich.»
Wie finden wir den Ausgang aus dieser Matrix des Medienbashings? Wir sollten zuallererst die Verrichtungsboxen meiden und aufstehen gegen Arbeitsumstände, die uns in sie hineinzwängen. Und wir müssen den Empörungszyklus mit gezieltem Schweigen durchbrechen.
Natürlich darf man andererseits nicht aufhören, ständig an sich selbst zu verzweifeln. Die «Story», aus der ich am meisten für mein Journalistenleben gelernt habe, spielte sich im Balkangebiet ab. Vor fünf Jahren besuchten ein Fotograf und ich die Familie K. im Norden Albaniens. Zahllose Journalisten waren bereits vor uns dort gewesen. Sie hatten die Familienmitglieder gefilmt, befragt und mit Namen genannt. So viel Unwahres war inzwischen über die mögliche Schandtat der K.s geschrieben worden, dass sich die Leute im Dorf nur noch lustig machten über uns Reporter. 1999, nach der Befreiung des von serbischen Truppen blutig unterjochten Kosovo, rächten sich mafiöse Kreise der kosovo-albanischen Unabhängigkeitsarmee UCK an der serbischen Minderheit in ihrem kleinen Land. Einige Serben wurden über die albanischen Berge nach Albanien verschleppt, in Camps gesperrt, wo man sie schlug und vergewaltigte. Im Haus der Familie K. sollen Frauen und Kinder gefangen gewesen sein, die Dorfbevölkerung, so der Verdacht, habe sich von besagten UCK-Kreisen kaufen lassen und sich an den Misshandlungen beteiligt. Einzelnen Gefangenen habe man Organe entnommen und diese über den Flughafen Tirana zu Abnehmern in die Türkei geflogen. Das Problem war, dass wir bei jedem Rechercheschritt nur die von unseren Vorgängern zertretenen Pfade spürten. Unser journalistischer Tourismus hatte mitgeholfen, die Geschichte zu verdunkeln und das Leben der Menschen, die nach dem Verbleib ihrer Liebsten fragten, weiter zu verfinstern. Für meine Arbeitskollegen war ich nach meiner Rückkehr ein unangenehmer, äusserst medienkritischer Zeitgenosse.
Immerhin, kurze Zeit nach der Publikation unseres Artikels erschien zu den Organhandel-Vorwürfen der Bericht des Europarat-Sonderermittlers Dick Marty. Ein Assistent aus Martys Team hatte mich einige Wochen zuvor angerufen und gefragt, weshalb wir die Familie K. anonymisiert hätten. Es hätte wohl jede Familie in jenem Dorf treffen können, meinte ich. Dass Marty in seinem Bericht schliesslich von der «K. family» und dem «K. house» im Norden Albaniens schrieb, kommt mir bis heute wie eine kleine Rückeroberung journalistischer Stilhoheit vor. Davon abgesehen war mein Artikel schlecht, redundant, verworren. Das ist nicht Medienkritik, sondern schlichte Selbstkritik, wie wir sie eher bräuchten.
Klar von der Hand weisen müssen wir dagegen Kritik, wie sie an der Berichterstattung über den Germanwings-Absturz in den französischen Alpen geübt wurde. Die Selbstbezichtigungsmaschinerie der Medien ist hier kaum nachvollziehbar. Nach wenigen Tagen war die Suizidalität des Co-Piloten bekannt. Selbstverständlich sollte Andreas L. inzwischen von allen Medien Andreas Lubitz genannt werden dürfen; als Massenmörder ist er eine Person der Zeitgeschichte. «Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird», soll Lubitz laut «Bild»-Zeitung einer ehemaligen Freundin gesagt haben, «und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.» Symptomatisch, wie die NZZ die Echtheit und Relevanz dieser Worte sofort hinterfragte: «Falls das Zitat nicht stimmt, wäre es gut erfunden.» Misstrauten wir Zitaten aus «Mein Kampf» ebenso, wenn das Buch erst heute entdeckt würde? Wären auch diese Zitate laut NZZ zu passend, um wahr zu sein? Wir laufen Gefahr, durch Medienkritik Realitäten zu ignorieren.
Ein weiterer Punkt, der Presseleute nicht taub machen, aber schützen sollte gegenüber allzu medienkritischen Äusserungen: Es gibt keinen ethisch unangreifbaren Journalismus mehr, denn man diskriminiert heutzutage manchmal selbst dann, wenn man vor Diskriminierung schützen will. Eine junge Poetin namens Rupi Kaur hat uns das vor Augen geführt. Der Online-Bilderdienst Instagram löschte vor kur­zem Fotografien Kaurs, weil darauf ihr Menstruationsblut zu sehen war. Man sieht Kaur etwa, den Rücken der Kamera zugewandt, auf der Seite liegend in ihrem Bett, ein Tropfen Blut ist darauf zu erkennen, und in der Schamgegend weist ihre Trainerhose einen roten Fleck auf. Natürlich kann man sich streiten darüber, ob solche Bilder ins Netz gehören – selbst wenn sie Teil eines politischen Kunstprojekts wären. Doch Rupi Kaur sah es genau andersherum: Sie fühlte sich durch die Löschung diskriminiert. Kaur, deren Menstruationsbilder nun online verbreitet sind, fragte Instagram: Warum sei ihre Periode ein Tabu, während Frauen in anderen Fotografien ständig sexualisiert würden?
Selbst wenn Mediendienste zensurierend einschreiten, riskieren sie also einen Shitstorm aufgeklärter junger Menschen, die sich eine Welt ohne Tabus wünschen. Es könnte sein, dass solches Medienbashing nicht nur ein Ventil ist, sondern eine neue Art von Gesellschaftskritik. Dann aber müsste man diese Kritik nicht an «die Medien», sondern an die Gesellschaft richten.
Und «die Medien»? Auf dem Titelbild von Egon Erwin Kischs «Der rasende Reporter» sehen wir, wie utopisch der Journalismus einmal war: ein hochmoderner Apparat. Eins seiner Beine ist ein Flugzeug, eins seiner Augen eine Kamera. Die rechte Hand dient ihm als Feder, seine Linke tippt auf einer Schreibmaschine, deren Schreibkopf wohl das Herz des Reporters bildet. Das Buch erschien in den Goldenen Zwanzigerjahren während der Weimarer Republik. Kisch selber war ein literarischer, manchmal fabulierender Journalist – kein rasender Reporter. Dennoch muss das Titelbild seines Buches wieder unser Vorbild werden. Statt ständig Metakritik üben und ausgetretene Pfade zertrampeln: rasend rapportieren!

Macht Glencore schmutzige Geschäfte in Kolumbien?

blog16

Eine Gruppe Rentner und Lehrer aus dem Säuliamt

will es wissen – und stellt Ivan Glasenberg,

den CEO des Rohstoffkonzerns Glencore, zur Rede.

Eine Tatortbegehung in Südamerika


Von Rocío und Daniel Puntas Bernet

Auf dem Höhepunkt der dreiwöchigen Reise spricht der 74-jährige Heiner Stolz aus Obfelden, Kanton Zürich, pensionierter Zierfisch- und Weinhändler, schlank und trotz Gehstock rüstig, den einen Satz aus, dem kein Manager dieser Welt gewachsen ist: «Ich habe in meinem ganzen langen Leben noch nichts gesehen, was mich gleichzeitig so traurig und wütend gemacht hat wie die Situation in den Dörfern rund um Ihre Mine.»
Heiner Stolz sagt diesen Satz zu Mark McManus, dem CEO der Glencore-Steinkohlemine Prodeco in Kolumbien, Australier, 25 Jahre jünger als Stolz und mit allen Wassern gewaschener Minenmanager. McManus, stämmiger Nacken, bulliger Körper, Sommersprossen und kleine Hände, zeigt äusserlich keine Regung. Vor seiner Tätigkeit in Kolumbien hat er schon Steinkohle in Australien, Südafrika und Kanada aus dem Boden geholt und dabei, wie er mit angelsächsischer Ironie zu sagen pflegt, «die Drecksarbeit erledigt für die, die zu Hause gedankenlos den Lichtschalter betätigen».
Wenige Augenblicke zuvor hat McManus die siebenköpfige Schweizer Delegation im 17 Grad kalten und neonbeleuchteten Konferenzraum begrüsst, während draussen auf dem Minengelände schon morgens um acht über 30 Grad und Sonnenschein herrschen. Seinen höflichen Einstiegsfloskeln hat er ein charmantes «I already heard, you are very inquisitive» angehängt. Es hätte ein gemütlicher Arbeitstag mit der Schweizer Bürgerbewegung werden sollen, die überwiegend aus Rentnern und Lehrern besteht.
McManus übergibt das Wort seinem Pressesprecher, der nun die ökonomische Erfolgsgeschichte von Glencores Kohlemine in Kolumbien mit Powerpoint-Folien präsentiert: jährlich eine Produktion von 14 Millionen Tonnen Steinkohle, 6500 Beschäftigte und damit einer der grössten Arbeitgeber Kolumbiens, Bau eines 550 Millionen Dollar teuren Hafens an der Karibikküste, damit die Kohle noch effizienter verschifft werden kann und schneller nach Europa gelangt, Millionen, die in Bildung und Entwicklungsprogramme für die Bevölkerung investiert wurden, denn «Kohle ist endlich, und Glencore will auch dann, wenn wir hier wieder gehen, positiv in Erinnerung bleiben». Mit verschränkten Armen und abwesendem Blick folgt McManus der Präsentation. Gut möglich, dass er an den Satz von Heiner Stolz denkt und seine Erwiderung an die unerwartet aufsässigen Schweizer vorbereitet.
Wenn es um Glencore geht, den Zuger Rohstoffkonzern und eines der grössten Schweizer Unternehmen, das mit Handel, Logistik und eigenen Minen eine global einzigartige Position im Rohstoffgeschäft aufgebaut hat, geht es immer auch um die Frage nach der Wahrheit. Empörte werfen Glencore Arbeiterausbeutung, Umweltverschmutzung und Korruption in politisch schwachen Staaten vor. Der börsennotierte Konzern, der seinen Aktionären und der Öffentlichkeit Rechenschaft über sein Handeln ablegen muss, hält dagegen, verweist auf sein soziales und wirtschaftsförderndes Handeln in von Armut geprägten Abbauländern. Der Konzern hat eine wechselvolle Vergangenheit, die bis zu Marc Rich und seiner Umgehung des UNO-Embargos gegen das südafrikanische Apartheidregime zurückreicht. 2008 gipfelte sie im Schmähpreis «Public Eye Award» am World Economic Forum (WEF) in Davos für besonders verachtenswertes Geschäftsgebaren. Gleichzeitig loben Börsenexperten Glencores integriertes Geschäftsmodell.
Sieben Bewohner aus dem Säuliamt, einem bürgerlich geprägten Landstrich zwischen Zuger- und Zürichsee, wollten es genauer wissen. 2012 musste der Glencore-CEO Ivan Glasenberg im Zuge der Fusion mit Xstrata und des anschliessenden Börsengangs seiner Wohngemeinde Rüschlikon im Kanton Zürich 360 Millionen ausserordentliche Einkommenssteuer entrichten. Dieses Geld floss über den kantonalen Finanzausgleich den einzelnen Gemeinden zu. Da witterten ein paar Bürger die Chance, dem dubiosen Konzern endlich genauer auf die Finger zu schauen. «An diesem Geld klebt das Leid von Tausenden und die Zerstörung der Umwelt!», rief einer an der Gemeindeversammlung von Hedingen. «Es ist dreckiges Geld, wir wollen es nicht. Lasst es uns den Produktionsländern zurückgeben!»
Eine politisch unrealistische Forderung – aber die Saat für etwas Verwegenes, Historisches. In der Folge sammelten Dutzende Bürger in den Gemeinden Hedingen, Obfelden, Hausen, Affoltern am Albis, Kappel am Albis und Mettmenstetten Unterschriften. Die Idee: wenigstens zehn Prozent des Geldes Hilfswerken zu spenden, die in den Produktionsländern Glencores aktiv sind – und damit ein Zeichen zu setzen. Tatsächlich: In den einzelnen Abstimmungen im Herbst 2013 sagten die Stimmbürger von fünf der sechs Gemeinden Ja. Medien weltweit berichteten über den Coup.

 
«Auf den Spuren von Glasenbergs Drecksgeld»
In der Euphorie der Stunde kam der Bewegung noch eine andere Idee. Im Zusammenhang mit Glencore war immer wieder von Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien die Rede gewesen, von Gewerkschaftern, die mit dem Tod bedroht wurden, von mit Kohlestaub vergifteter Umwelt, von vertriebenen Dorfbewohnern. Warum sich nicht ein eigenes Urteil bilden? Heiner Stolz rief auf zur «Tatortreise». Und Anfang Januar 2015 stiegen sieben Säuliämtler, drei Frauen und vier Männer zwischen 56 und 74 Jahren, in den Flieger nach Guajira und Cesar, dem Herz der kolumbianischen Steinkohleförderung. «Auf den Spuren von Glasenbergs Drecksgeld», wie es zu Hause am Stammtisch ein paar salopp formulierten.
Das erste Mal traurig und wütend wird Heiner Stolz am dritten Reisetag – in Tamaquito, einem verlassenen Indianerdorf in der Nähe von El Cerrejón, der grössten Steinkohlemine Südamerikas, die zu je einem Drittel Glencore, BHP Billiton und Anglo American gehört. Sie ist mit 69 000 Hektaren so gross wie Frankreichs zweitgrösstes Weinanbaugebiet, die Rhône. Von der Aussichtsplattform sind die riesigen Krater, welche über Jahrzehnte ausgehoben wurden, kaum zu überblicken. Hunderte von Baggern und Lastwagen wirken aus der Ferne wie Spielzeuge in einem viel zu grossen Sandkasten. Sie fördern jedes Jahr weit über 30 Millionen Tonnen Steinkohle, welche grösstenteils nach Europa exportiert werden. Durch die Förderung entsteht Kohlestaub, den der Wind in alle Himmelsrichtungen übers flache Land trägt. Er setzt sich, kaum sichtbar, auf Pflanzen und auf Feldern fest, legt sich auf Flüsse und Seen, dringt in Häuser ein, in die Atemwege der Menschen. Das vielleicht Perfideste am Kohletagebau ist seine vermeintliche Harmlosigkeit. Was ist schon etwas aufgewühlter Staub gegen das Reaktorunglück in Fukushima oder die Hunderte von Millionen Liter Rohöl, die nach der Explosion der Plattform «Deepwater Horizon» in den Golf von Mexiko flossen?

 
Versiegte Flüsse, kranke Kinder
Nach Tamaquito kam der Staub schleichend, näherte sich vom gegenüberliegenden Flussufer, vergiftete die dort liegenden indigenen Gemeinden, eine nach der anderen. «Wir merkten lange nichts davon», sagt Jairo Fuentes vom Stamme der Wayúu, der hier zur Welt kam und dessen Nabelschnur hier vergraben liegt. Er hat die Schweizer Gruppe nach einer holprigen Fahrt mit dem Jeep und einer kurzen Wanderung an den früheren Ortskern geführt, ein lichtes Waldstück, auf dem Holzreste, zwei Fussballtore, Steinformationen am Boden und verwitterte Kochvorrichtungen vom einstigen Dorf­leben zeugen. Jairo, dunkler Teint und schmale Augen, trägt ein weisses Hemd, auf dem die farbigen Embleme der verschiedenen Clans aufgestickt sind. Er spricht mit einer weichen Stimme, die im Kontrast steht zu seinem stämmigen Körper. In der Hand hält er den Holzstecken des Anführers. Bis vor Kurzem lebten hier 31 Familien, jagten und fischten, hielten Vieh und bauten Gemüse an, betrieben regen Handel mit den umliegenden afrokolumbianischen Gemeinden. Doch die Bagger der Mine El Cerrejón rückten Tamaquito immer näher. Zum Staub, der die einst kristallklaren Bäche und die unzähligen Heilpflanzen verschmutzte, die Lungen der Alten strapazierte, die Yuccapalmen vermodern und das Vieh verenden liess, kamen weitere Probleme: Das Militär, die Polizei und das Minen-Sicherheitspersonal waren auf einmal omnipräsent, sie bauten Zäune, privatisierten Wege. Wegen der Sprengungen in der Mine versiegten Flüsse und Quellen. Jagdgründe wurden beschnitten, die Fischbestände gingen zurück, Kinder erkrankten häufiger. Die Wayúu hatten sich nie um Landtitel gekümmert und beanspruchten lediglich Gewohnheitsrecht. Jetzt standen ihnen plötzlich Minenmanager gegenüber, die von Eigentumsrechten redeten. Als 2001 das benachbarte Tabaco von den Behörden dem Erdboden gleichgemacht wurde, wussten die Wayúu, dass ihre Tage gezählt waren. Sie hatten nicht nur die Mine zum Feind, sondern auch den Staat. «Die Steuern und Abgaben der Konzerne landen seit Jahr und Tag in den Taschen der Politiker», sagt Jairo. «Warum sollten die sich auf unsere Seite schlagen?»
Immerhin: Die Indianer erreichten einiges. Gemeinsam mit dem Ältestenrat ging Jairo in die Offensive, beschloss die freiwillige Umsiedlung und stellte einen langen Katalog von Forderungen zusammen: eigene Landtitel, Kompensationszahlungen, eine ihrem Lebensstil angepasste Bauart der neuen Häuser, genügend Weideland und Vieh, ein Wasseranschluss, das uneingeschränkte Besuchsrecht ihrer heiligen Nabelschnur-Stätte und pro Familie eine Ziege – zum Opfern an die Mutter Erde beim Verlassen der alten Heimat. «Man wollte uns wie einen Fisch austrocknen, doch ein Fisch hat auch die Eigenschaft, dass er sich schwer packen lässt», erzählt Jairo.

 
Silvia Berger, kaufmännische Angestellte: Ich will mich nicht für ein Unternehmen schämen, das in meinem Land ansässig ist. Gerade weil wir nur einfache Bürger sind, haben wir gegenüber Glencore Gewicht. Die Liste der kleinen Dinge, die ich als Mutter, Berufs- und Hausfrau mit angezettelt habe, ist lang: Mittagstisch, Pfarrsekretariat, Betreuung einer Alterssiedlung, Aktivitäten für bosnische Flüchtlingsfrauen, Mitgestaltung eines Verkehrskonzepts. Die Denkmäler hier zeigen überall Simón Bolívar, den grossen südamerikanischen Befreiungskämpfer. Wäre doch toll, wenn dereinst Glencore-CEO Ivan Glasenberg danebenstünde.

 
Von aussen betrachtet, ist das neue Tamaquito ein gelungenes Beispiel für eine erfolgreiche Umsiedlung. Schöne, grosse Häuser für jede Familie, gebaut auf einer grosszügigen Lichtung. Die Bewohner kochen immer noch lieber auf der offenen Feuerstelle und nicht in den neuen, modernen Küchen, und nachts spannen sie ihre Hängematten unter dem freien Himmel auf, um im Traum mit den Ahnen zu reden. Im Gespräch mit der Bevölkerung dominieren trotzdem Frust und Unmut: Die Mango- und Zitronenbäume verdorren, das Trinkwasser ist salzig, die Kinder leiden neuerdings unter Hautkrankheiten, die von der Mine El Cerrejón zugesicherten landwirtschaftlichen Aufbauprojekte funktionieren nicht. Jairo droht: «Wenn sich die Lage nicht bald bessert, werden wir die Schienen des über hundert Güterwagen langen Kohletransports an die Küste blockieren.»
Die Schweizer Delegation kauft den Frauen farbige, von Hand gestrickte Umhängetaschen ab und verspricht Jairo Fuentes, Glencore die Nachricht zu überbringen. Im Kleinbus geht es anderntags weiter zu den umgesiedelten Gemeinden Roche und Las Casitas. Beides afrokolumbianische Bauerndörfer, welche der Kohlestaubbelastung weichen mussten. Die Bewohner sind wütend auf die Minenbetreiber und reden sich im Schatten von ein paar Bäumen gegenüber den Schweizern in Rage. Abends, unter dem kühlenden Ventilator und begleitet von der stets präsenten und meist ohrenbetäubenden Musik lokaler Salsa- oder Merengue-Grössen, reden sich die sieben Säuliämtler die Köpfe heiss, reflektieren bei einem Bier oder einem Cocktail ihre Eindrücke. Die Empörung über das gesehene Unrecht nimmt mit jedem neuen Tag zu. Frühmorgens zwängen sie sich in den Kleinbus, um über staubige Strassen zum nächsten Dorf, zur nächsten Mine, zum nächsten Gewerkschaftstreffen zu fahren. Man teilt Mückenspray und Wasserflaschen, um der Hitze einigermassen zu trotzen, tauscht auf Facebook Bilder aus, liest sich gegenseitig die neusten Nachrichten aus der Schweiz vor. Ein paar von ihnen sorgen mit ihren Sprüchen für gute Stimmung. Ohne die Diskussionen über Menschenrechte und Minen könnte man meinen, hier habe sich eine Touristengruppe in der Destination geirrt.

 
Pia Holenstein, Lehrerin: Ja, ich will etwas bewegen, deshalb bin ich hier. Als erste SP-Frau in der von der SVP dominierten Schulbehörde in Affoltern am Albis lernte ich zu politisieren. Befriedigender, als verwöhnte Mittelstandsjugendliche durch die Schule zu bringen, sind meine politischen Reisen. Ich war als Volontärin in Vietnam und als Menschenrechtsbeobachterin in Palästina. Was die Probleme rund um die Minen anbelangt, so ist von der kolumbianischen Regierung offenbar nichts zu erwarten. Aber Glencore ist ein Schweizer Unternehmen, also hat es sich auch so zu verhalten!

 
3000 tote Gewerkschafter
Im Schatten zweier Bäume an einem Strassenrand in Barrancas, einer kleinen Stadt in unmittelbarer Nähe zur Mine El Cerrejón, erzählen zwei Gewerkschaftsmitglieder, was ihnen im Laufe der letzten Jahre widerfahren ist. Fredy Lozano sagt: «Rund 1000 Mitarbeiter von der 14 000 Mann starken Belegschaft von El Cerrejón sind derzeit krank. Atemprobleme, Schlaflosigkeit, Rückenschmerzen, Magenkrebs lauten die häufigsten Diagnosen – und sie haben gemäss Ärzten alle mit der Tätigkeit in der Mine zu tun. Ein weiteres Problem ist die Gewalt: 3000 tote Gewerkschafter hatte Kolumbien in den letzten zwanzig Jahren zu verzeichnen. Wir werden mit dem Tod bedroht, sobald wir mit dem Minenmanagement verhandeln.» Fredy zückt sein Smartphone und zeigt uns eine Mail von vergangener Woche. Absender: Águilas Negras, Volksallianz für ein Guajira ohne Guerillas und Gewerkschafter. Betreff: Todesstrafe.
Die Säuliämtler brennen darauf, den Managern der Minen endlich persönlich gegenüberzutreten und sie mit dem Gesehenen und Gehörten zu konfrontieren. Eine erste Gelegenheit dazu erhalten sie in der zu einem Drittel Glencore gehörenden Mine El Cerrejón. Der Tag wird zu einer Lektion in Sachen Konzern-PR: Powerpoints, unterlegt mit bewegendem Soundtrack, nicht enden wollende Reden über das Gute, das die Mine dank dem florierenden Geschäft dem Land und seinen Menschen schenkt, aufgesetzte Herzlichkeit bei jeder Gelegenheit. Der Kommunikationsdirektor, seine beiden Assistentinnen, ein Arzt, ein Umsiedlungsexperte, ein Biologe und ein Personalverantwortlicher parieren abwechselnd die Fragen und Bedenken der Schweizer: «Rückenschäden der Camioneure? Das ist ein gesellschaftliches Problem! Schauen Sie sich nur die vielen Übergewichtigen in den Strassen an!» – «Staublungen? Atemwegserkrankungen? Krebs? Unsere Kohle ist von so guter Qualität, dass die Staubentwicklung extrem niedrig ist. Das Problem sind die nicht geteerten Strassen. Ausserdem hat das mit dem Brauch zu tun, ständig mit Holzkohle zu grillieren!» – «Bedrohung von Gewerkschaften durch Paramilitärs in unserem Auftrag? Damit wollen sich bloss ein paar Leute aufspielen!» – «Wieso wir keine Menschen der umgesiedelten Dörfer anstellen? Das wäre eine soziale Diskriminierung gegenüber allen anderen!» – «Wir hätten ganze Dörfer plattgewalzt? Die Leute haben zu viel García Márquez’ ‹Hundert Jahre Einsamkeit› gelesen!

 
Höhepunkt der Empörung
Heiner Stolz und seine Mitstreiter bleiben hartnäckig und lassen sich nicht so schnell abspeisen. Als sie die Schlusspredigt des Kommunikationsdirektors über sich ergehen lassen, erreicht ihre Empörung den ersten Höhepunkt. Bevor es zum Showdown mit Mark McManus kommt, steht eine sechsstündige Rumpelfahrt im engen Kleinbus in die Nachbarprovinz Cesar bevor – und dort ein Besuch der Gemeinde El Hatillo.

 
Christian Moser, Rentner: Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich sämtliche steuerlichen Mehreinnahmen von Ivan Glasenberg den Rohstoffländern zurückgegeben. Allerdings bezweifle ich, dass wir mit unserer Anwesenheit vor Ort etwas bewirken werden. Was ich nicht verstehe: Mit ihrer Portokasse liessen sich die Probleme hier in kürzester Zeit aus der Welt schaffen – und es käme sie am Ende günstiger als der weltweite Reputationsschaden. Mark McManus war mir trotzdem sympathisch. Mit dem könnte ich locker abends ein Bier trinken.
Es ist Sonntagnachmittag, 15 Uhr, 33 Grad Celsius, die Kraft der Sonne lässt langsam nach. Das Fussballteam von El Hatillo spielt sich ein, gleich trifft es auf die Mannschaft eines Nachbardorfes. Der Rasen ist ein staubiges Rechteck. Aus der Dorfbar erklingen karibische Klänge, Zuschauer säumen den Spielfeldrand, schon gehts los. Das Fussballspiel ist eine willkommene Abwechslung für die 120 Familien grosse, krisengebeutelte Gemeinde, die demnächst auf Geheiss des Umweltministeriums wegen zu starker Luftverschmutzung dem Erdboden gleichgemacht werden soll.
Hier lebt Yolima, eine der aktivsten Kämpferinnen für eine geordnete und durchdachte Umsiedlung. Ihr rosafarbenes Top und die passenden Crocs harmonieren mit der Fassade ihres Hauses. Die 37-Jährige ist nicht mehr ganz schlank, trägt ein herzhaftes Lachen und keine einzige Falte im Gesicht. Yolima ist Hausfrau und war die beste Lastwagenfahrerin weit und breit. Wie die meisten Kolumbianerinnen in ländlichen Gegenden wurde sie früh Mutter und, auch das ist häufiger der Fall, vom Vater des Kindes bald verlassen. Sie begann als Putzfrau für die Glencore-Mine Prodeco zu arbeiten – und verliebte sich erneut. «Als ich das erste Mal dieses Ungetüm von einem Lastwagen voller Kohle sah, dessen Räder allein doppelt so gross sind wie ein erwachsener Mensch, wollte ich ihn augenblicklich fahren!» Sie liess sich zur LKW-Fahrerin ausbilden, ignorierte über Monate die despektierlichen Kommentare der Männer. Yolima wurde immer besser, fuhr Zwölf-Stunden-Schichten ohne Pause und wurde von ihren 380 Kollegen gar zum «Mineur des Jahres» gewählt.
Während Yolima Kohle transportierte, ging El Hatillo die Luft aus. Zäune von neuen Minenkonzessionären umzingelten das Dorf in drei Himmelsrichtungen, und in der vierten versperrte eine gigantische Abräumhalde die Sicht. Der Fluss musste umgeleitet werden, und das verbleibende Rinnsal war ebenso verschmutzt wie die Fruchtbäume und die wenigen noch verbliebenen Weideflächen. Kohlestaub überall. 2013 führte ein giftiger Cocktail aus Dürre, ausfallenden Ernten, verschmutztem Wasser und hoher Arbeitslosigkeit zu einer Hungerkrise.
Dass Yolima für eine der Firmen, die dafür mitverantwortlich sind, arbeitete, bereitete ihr keine Bauchschmerzen. Als jedoch ihr Bruder ins Gefängnis musste, baute sie in einem unkonzentrierten Moment einen Unfall mit ihrem Lastwagen, und der Job war weg. Seither engagiert sich Yolima erst recht für eine rasche Umsiedlung, «denn die Ungewissheit, wann es wohin geht, verbunden mit der schlechten Luft und den fehlenden Jobs, schlägt uns aufs Gemüt». Trotzdem bleibt ihr grösster Wunsch, «bald wieder auf einer dieser gigantischen Maschinen sitzen zu dürfen».
Heiner Stolz, Rentner: Mir tut es weh zu sehen, wie die Bevölkerung unter den Minen leidet. Ein Dorf umzusiedeln ist offensichtlich ein Job, der weit schwieriger zu bewältigen ist, als Kohle aus dem Erdreich zu befördern. Trotzdem bin ich der Meinung, dass eine Firma, die derart gigantische Gewinne an ihre Aktionäre ausschüttet, sich dem Verdacht aussetzt, nicht nur Rohstoffe, sondern auch Menschen auszubeuten.

 
Auswendig gelernte PR-Sätze
Montagmorgen, neun Uhr, Mark McManus bittet die Schweizer Delegation in den 17 Grad kalten Raum. Helme, Schutzbrillen und Westen für die anschliessende Minenbesichtigung liegen bereit, CEO McManus verteilt die Schuhe in den richtigen Grössen persönlich. Ein Dutzend Kolumbianer betreten den Raum. Es sind ehemalige Kleinbauern, die dank der Start-up-Hilfe von Glencore kleine Betriebe aufbauen konnten: Abfallentsorgung, traditionelle Brotherstellung, Fischzucht, Schnitzerei aus Kohle. Die Mikro-Unternehmer wirken nervös, sagen Sätze, die sie offensichtlich vorher auswendig gelernt haben, der Pressesprecher souffliert bei Bedarf. McManus spürt, dass die Schweizer das Spektakel als peinlich empfinden und sie nicht zu unterschätzen sind. Rhetorisch versiert erwidert er ihre Empörung: «Eine dreiwöchige Reise ins Minengebiet ist viel zu kurz, um die Komplexität der Probleme zu verstehen. Auch ich war schockiert, als ich das erste Mal nach Kolumbien gekommen bin und gesehen habe, was alles schiefläuft.» Rohstoffe lägen nun einmal in oft schwierigen Ländern, und Glencore scheue sich nicht, dorthin zu gehen. Ausserdem bezahle man in keinem anderen Land der Welt so viele Steuern wie in Kolumbien. Doch das Geld gehe in die falschen Taschen.
Mit der nötigen Portion Understatement zitiert McManus eine staatliche Studie, wonach der Grad der Verantwortlichkeit im Zusammenhang mit der Umsiedlung von El Hatillo auf die verschiedenen Minen der Provinz Cesar und die behördlichen Stellen umgerechnet worden ist. Der Teil von Glencore liegt bei 8,65 Prozent. McManus findet, ganz im Gegensatz zu den El-Cerrejón-Verantwortlichen eine Woche zuvor, den richtigen Ton. Zum Schluss sagt er: «Glauben Sie mir, ich würde gern diese Gemeinden richtig umsiedeln und endlich vorwärtsmachen. Doch wir können nicht einfach so Regierung spielen.»
Als der Bus vom Firmengelände wegfährt, stehen McManus und sein Team in der Tür des Firmeneingangs und schauen den Schweizern nach. Konnten wir sie überzeugen?, scheinen ihre Blicke zu fragen. Zumindest hat ihnen dieser Besuchstag den Wind etwas aus den Segeln genommen. Auf der Fahrt zurück in die nahe Stadt wird kaum gesprochen, jeder ist in seine Gedanken versunken. Die Wahrheit im Rohstoff­abbau ist ein komplexes Gefüge.

 
Bastian Nussbaumer, Rentner: Meine Hauptwut gilt dem kolumbianischen Staat. Natürlich hat Glencore in dieser Grässlichkeitskette der Rohstoffförderung seinen Anteil, doch ich würde behaupten, die meisten Manager meinen tatsächlich, was sie sagen. So schieben sich am Ende alle Beteiligten die Schuld gegenseitig zu. Ein klassisches Beispiel von Arbeitsteilung auf moralischer Ebene. Wie soll sich ein Rohstoffhändler, der im Takt mit dem Kohle-Weltmarktpreis lebt, mit einem indigenen Bauern verstehen, der mit den Ahnen redet?

 
Zurück in der Schweiz verfasst die Gruppe einen kritischen Bericht an Glencore. Der Rohstoffkonzern reagiert prompt und lädt die sieben Unermüdlichen an den Hauptsitz in Baar ZG ein. Kurz nach Sitzungsbeginn betritt Ivan Glasenberg das Büro: der Milliardär, dessen Nachsteuern die Tatortreise überhaupt in Gang setzten. Dunkle Krawatte zu dunklem Anzug, weisses Hemd mit den gestickten Initialen I. G. auf dem Ärmel­rand. Glasenberg hat am Vortag die Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien (ASK) empfangen und ist noch ganz aufgewühlt: NGOs bräuchten «bad news», um überhaupt Spendengelder zu erhalten. Seine Einladungen, mit ihm persönlich und vor Ort die Probleme gemeinsam anzugehen, seien stets auf Ablehnung gestossen. Dann stellt Glasenberg Glencore als wirtschaftlichen Entwicklungshelfer dar: «Glencore hat allein im Kongo und in Sambia über neun Milliarden Dollar investiert – und unterm Strich noch keinen einzigen verdient.» Dann geht er nahtlos zur Kritik im Bericht über. Er verteidigt sein Team in Kolumbien, hört aufmerksam zu, schüttelt den Kopf, will es genauer und detaillierter wissen, sucht in den Gesichtern seiner Leute nach Erklärungen, verspricht, der Sache nachzugehen. Doch die Delegation bleibt hartnäckig. Nach zweieinhalb Stunden Glasenbergs Überraschungsangriff: «Let’s fix this. Ich lade Sie ein, mit mir nach Kolumbien zu reisen.»

 
Ortsbegehung mit dem CEO
Drei Wochen später, Ende März, erneut in Tamaquito. Jairo Fuentes sitzt in der Mitte eines grossen Kreises, trägt dasselbe bestickte Hemd wie beim ersten Treffen, die Hände ruhen auf seinem Stock. Flankiert wird er von den Dorfoberen und einem Dutzend in farbige Gewänder gehüllten Bewohnern. Jairo hält einen langen Monolog, vergleicht das Verhalten der ausländischen Minengesellschaften mit jenem der spanischen Kolonialherren und zählt die Verfehlungen von El Cerrejón einzeln auf. Ihm gegenüber: Ivan Glasenberg, weisses Polo­shirt und dunkle Hose, schwarze Sonnenbrille, Kopfhörer, mit denen er den Worten Jairos auf Englisch folgt.
Glasenberg hat sein Versprechen gehalten und ist, begleitet von seinem Nachhaltigkeitsteam aus Baar und seinen Kohlemanagern aus Australien und den USA, nach Kolumbien gereist. Mit dabei: Der Schweizer Botschaftsdelegierte für friedensfördernde Massnahmen sowie die 56-jährige Silvia Berger aus Hedingen und der 71-jährige Bastian Nussbaumer aus Hausen am Albis. Die beiden Säuliämtler liessen sich Glasenbergs Angebot nicht entgehen, begrüssten vor dem Gespräch herzlich Jairo, der sich über das unerwartet rasche Wiedersehen freute. «Dass sich der Konzernchef der Probleme persönlich annimmt, ist schon mal ein grosser Erfolg für unsere Ini­tiative. Jetzt wollen wir sehen, ob Glasenberg den Worten auch Taten folgen lässt», sagt Silvia Berger.
Und auch die Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien gab sich erstmals einen Ruck und hat sich der Reise kurzfristig angeschlossen. Mit gutem Grund: Am 20. April stellt die ASK in Bern ihren Schattenbericht der Öffentlichkeit vor, den sie in Kooperation mit der kolumbianischen NGO Pensamiento y Acción Social (PAS) über Glencores angebliches Fehlverhalten in Kolumbien erstellt hat. Der Bericht klagt die Finanztransaktionen Glencores in Kolumbien an, die Umsiedlungspraxis, den Umgang mit Gewerkschaften und Umweltverschmutzungen. Ergänzt wird er durch eine ausführliche Stellungnahme Glencores, die jeden einzelnen Vorwurf relativiert oder widerlegt.
Glasenberg hat einen schlechten Start. Auf der Busfahrt nach Tamaquito nennt er den alten Ort ein armseliges Loch, die Bewohner könnten El Cerrejón dankbar sein, dass sie nun bessere Häuser, urbane Nähe und die Möglichkeit zur Bildung für die Jungen hätten. Ebenso sei dem endlich ermöglichten Zugang zum Gesundheitswesen, insbesondere für Neugeborene, Rechnung zu tragen. Auf Jairos Erläuterungen, wieso man bei der Umsiedlung unter mehreren Optionen ausgerechnet diesen wasserarmen Landstrich gewählt habe, meint er: «Sie haben den falschen Ort ausgesucht! Wenn ich das getan hätte, müsste ich als Manager die Konsequenzen tragen.» Glasenbergs Verhalten verweist auf ein Grundproblem in diesem Konflikt. Die Glencore-Manager können sich offenbar nicht vorstellen, dass die ursprüngliche Lebensform der indigenen Bevölkerung wertvoll war, dass Fortschritt und Bildung nicht zwangsläufig Segen bedeuten. Bastian Nussbaumer hat in sei-ner beruflichen Karriere als Sozialpädagoge solche Züge bei Machtmenschen oft beobachtet, er nennt es «dickfelliges Unbeteiligtsein». Glasenberg ist ein erfahrener Händler, aber auch ein ausgesprochener Instinktmensch, mit einem Gefühl für pragmatische Lösungen. Er verspricht sofortige Trinkwasserlieferungen mit Containern und beauftragt den anwesenden El-Cerrejón-Chef, Tamaquito langfristig die Wasserversorgung zu garantieren.
Beim Nachtessen liefert Glasenberg einen Einblick ins globale Rohstoffgeschäft und wieso er Glencore als Wirtschaftsmotor sieht, überall dort, wo der Konzern Minen besitzt: «Rohstoffvorkommen haben per se keinen Wert. Das wollen die NGOs partout nicht verstehen. Nehmen Sie Guinea. Das Land sitzt auf den grössten Eisenerzreserven der Welt. Um das Erz zu bergen, braucht Guinea 20 Milliarden Dollar, doch kein Investor ist heute bereit, dieses Risiko einzugehen», sagt der Konzernchef.
Rohstoffförderung bedeute fast immer wirtschaftliche Prosperität. In der Provinz La Guajira zeichne die Kohleförderung El Cerrejóns für 55 Prozent des Bruttosozialprodukts verantwortlich, in Cesar würden die 6500 Glencore-Angestellten gemäss einer staatlichen Studie durch Sekundäreffekte für insgesamt 40 000 Stellen sorgen. «Auf den Philippinen haben wir uns soeben von unserem Gold- und Kupferminenprojekt Tampakan getrennt. Die NGOs hätten uns wegen der damit verbundenen Zwangsumsiedlung von 5000 Menschen sowieso nur die Hölle heiss gemacht. Jetzt erledigen kleine Mineure und ihre Warlords den Job – sicher nicht zum Vorteil der Bevölkerung.»

 
Glasenberg – King of Coal
Glasenberg hat sein ganzes Leben als Rohstoffhändler gearbeitet und ist seit Anfang der Neunzigerjahre für die heutige Glencore tätig. War Marc Rich, mit dem er zwei Jahre in Baar zusammengearbeitet hat, der «King of Oil» (so der Titel der Biografie von Daniel Ammann), so ist Glasenberg zweifellos der King of Coal. Mit seinem sicheren Gespür, bei einem tiefen Kohlepreis um die Jahrhundertwende in Australien, Südafrika und Kolumbien Kohleminen zeitgleich mit dem einsetzenden chinesischen Wirtschaftsboom zu kaufen, hat er Glencores Aufstieg zum 60-Milliarden-Konzern massgeblich gestaltet. Dass er sich dabei mehr für die nächste Geschäftsmöglichkeit als beispielsweise für die indigene Kultur Kolumbiens interessiert, liegt auf der Hand.
Anderntags in der Provinz Cesar, den Minen von Prodeco: Gloria und Rafael von der kolumbianischen NGO PAS, zwei knapp dreissigjährige feurige Kämpfer für das Gute, hören eine kurze Zeit den Ausführungen der Manager zu. Dann fällt Gloria Glasenberg ins Wort und widerspricht: «Durch fehlendes Deklarieren Ihrer Firmenstruktur haben Sie 100 Millionen Dollar staatliche Abgaben unterschlagen!» Glasenberg kontert: «Falsch: Unsere Verträge mit Kolumbien sind eindeutig. Steuern und Royalties wurden klar festgelegt, sonst wären wir als Investoren gar nicht erst eingestiegen.» Die beiden liefern sich ein Wortgefecht erster Güte, mit starken Argumenten auf beiden Seiten, bis Glasenberg zum zweiten Mal in diesen Wochen mit einer für Glencore-Verhältnisse überraschenden, unwiderstehlichen Offensive aufwartet: «Lassen Sie uns doch zusammenarbeiten und die Umsiedlung von El Hatillo gemeinsam über die Bühne bringen!» Im Bus sitzen Gloria, Rafael und Glasenberg nebeneinander, tauschen Visitenkarten, die Stimmung ist gelöst. «Setzen Sie Ihr investigatives Talent doch einmal anderweitig ein», fordert Glasenberg Gloria lachend heraus. «Wir sind bereits daran», zwinkert Gloria zurück, denn zu viele Abgaben ausländischer Firmen würden in Bogotá versickern.
Nussbaumer und Berger sehen der Verbrüderung zwischen Rohstoffkonzern und NGO zufrieden zu. Es war das erklärte Ziel ihrer zweiten Reise, die Fronten abzubauen, die beiden gegensätzlichen Interessengruppen zum Wohle der betroffenen Kolumbianer rund um die Minen zusammenzuführen.
Zum Abschluss der Reise besucht der Glencore-Tross El Hatillo. Bereits seit dem ersten Besuch der Säuliämtler hat sich einiges bewegt: Glencore hat die UNO zu Hilfe geholt und ein neues Umsiedlungsteam auf die Beine gestellt. Jetzt beten Glasenberg und seine globalen Kohlemanager zusammen mit rund fünfzig Dorfbewohnern auf dem Dorfplatz. Auch hier hört er sich geduldig die Sorgen von verschiedenen Rednern an, verspricht, die Sache zu priorisieren und mit den Chefs der anderen involvierten Minenfirmen umgehend zu reden.
Glencore ist es gelungen, echtes Bemühen zu zeigen. Reingewaschen ist Glencore deshalb noch nicht: Die Kolumbianerin Gloria wird Glasenberg weiterhin auf die Füsse treten, sollte er seine Versprechen nicht halten. Und die Säuli­ämtler, die bereits im Mittelalter die Schweine über den Albis nach Zürich trieben, wollen auch nächstes Jahr rund um Glencores Minen nach dem Rechten sehen. Denn dass sich die Konzernspitze überhaupt in Bewegung setzte, ist letztlich den sieben Unermüdlichen zu verdanken.

 
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ROCÍO und DANIEL PUNTAS BERNET bilden die Chefredaktion von «REPORTAGEN»

Freisinn im Glück

Das brillante Resultat der FDP bei den Zürcher Kantons- und Regierungsratswahlen könnte kaum eindeutiger sein. Weniger eindeutig ist allerdings, worauf der plötzliche Stimmengewinn des Zürcher Freisinns tatsächlich zurückzuführen ist.
Bemerkenswert erscheint, dass die FDP-Renaissance einhergeht mit einem SVP-Resultat ohne signifikanten Zuwachs. Über mehr als zwei Jahrzehnte ist der kontinuierliche Niedergang des Freisinns einhergegangen mit dem kontinuierlichen Aufstieg der SVP (der allerdings schon 2011 ins Stocken geriet). Nun dürfte die Ausblutung nach rechts ans Ende gekommen sein. Fazit: Die FDP kann gegenwärtig auf ihrem rechten Flügel weder gross Stimmen holen – noch an die immer weiter rechts aussen positionierte SVP verlieren. Die Grenzen sind bereinigt, die Schnittmenge des Stimmenpotenzials ist dramatisch geschrumpft. Der Freisinn wäre folglich gut beraten, nicht weiterhin seine gesamte Positionierungsstrategie als Wechselbad rechtsbürgerlicher Schulterschlüsse und Bruderzwiste zu inszenieren. Die heutige Konkurrenz der FDP sind die Mitteparteien. In der Mitte hat der Freisinn gegenwärtig eine realistische Wachstumsperspektive.
Bereits 2011 hätten die liberalen Parteistrategen zu diesem Schluss kommen müssen. Die FDP erlitt damals einen katastrophalen Einbruch bei den Zürcher Kantonsratswahlen – aber nicht zugunsten der SVP. Profitiert haben die neuen Mitteparteien, denen die Freisinnigen nun die verlorenen Stimmen wieder abnehmen konnten. Als Staatsgründungs- und Traditionspartei hätte die FDP einen enormen Branding-Vorteil, um genau das zu vertreten, was sowohl die vermeintlich neue wie die alte Mitte suchen: Solidität, Kontinuität, Rechtsstaatlichkeit, staatspolitische Verantwortung. Ohne Not hat die FDP sich in diesen Feldern den Rang ablaufen lassen. Ohne Not hat sie sich von der SVP immer wieder in die Defensive drängen lassen und um eine Wählerschaft gebuhlt, die für sie ohnehin verloren ist.
Das eigentliche Mysterium dieser Wahlen bleibt jedoch, weshalb die FDP gerade jetzt in der Mitte wieder punkten kann. Sicher hat Parteipräsident Müller den Ton gegenüber der SVP in letzter Zeit verschärft, wurde das Angebot von flächendeckenden Listenverbindungen zurückgewiesen, führen das Hickhack um die Masseneinwanderungsvorlage und die Anti-EMRK-Initiative zu einer verstärkten Entfremdung zwischen den beiden rechtsbürgerlichen Parteien. Dem entgegen bleibt jedoch die SVP-FDP-Allianz zur Rettung der Schweizer Nuklearindustrie weiterhin intakt und wurde mit dem «bürgerlichen Schulterschluss gegen die Frankenstärke» in heiliger rechtsbürgerlicher Harmonie die Kapitalgewinnsteuer gekippt – wie zu den besten Zeiten der «Geldsäcke-FDP» sogar unter forscher Unterstützung durch den UBS-Chef.
Vor allem was die Masseneinwanderung anbelangt, fallen der FDP nun Früchte in den Schoss, deren Ernte gar nicht vorgesehen war. Anstatt sich als Hüter des Bilateralismus offensiv zu profilieren, hat der Freisinn bis anhin dieselbe Strategie verfolgt wie alle anderen Anti-MEI-Parteien auch: Er spielt auf Zeit und versucht das Thema aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Ein Schlüssel zum freisinnigen Erfolg dürfte darin liegen, dass die Partei das Glück hat, mit ihrer Strategie bei den Wählern gar nicht durchzudringen.
Im Übrigen muss sich die Zürcher FDP wohl auch bei unfreiwilligen Wahlhelfern bedanken. Der eine ist Martin Bäumle. Der GLP-Präsident hat schon vor den Wahlen klar erkannt, dass das Europathema alle anderen Dossiers verdrängen würde, und unternahm einen Last-Minute-Versuch, die Grünliberalen als bürgerliche Europapartei zu verkaufen. Die Analyse war richtig, aber der Versuch einer Neupositionierung erfolgte viel zu spät und viel zu zögerlich. Es ist nicht so, dass die FDP europapolitisch mehr Profil gezeigt hätte als die Mitteparteien – eher im Gegenteil. Sie profitiert jedoch massiv davon, dass der Freisinn und Didier Burkhalter die Hauptzielscheibe der SVP-Angriffe auf die vermeintliche Schweizer Brüssel-Hörigkeit darstellen.
Ein weiterer wichtiger Faktor für den Überraschungserfolg war der Putschversuch bei der NZZ. Es ist nicht klar, was die versuchte Installierung eines be­kennenden Blocherianers an der Spitze des bürgerlichen Leitmediums über den Zustand des Zürcher Wirtschaftsfreisinns aussagt. Man kann davon beeindruckt sein, wie geschlossen die Redaktion gegen Markus Somm auf die Barrikaden ging. Man kann aber nicht minder davon beeindruckt sein, dass ein solches Vorhaben überhaupt denkbar geworden ist und dass der Verwaltungsrat, der diesen Putschversuch zu verantworten hat, nur wenige Wochen später vollkommen problemlos in Amt und Würden bestätigt wird. Die Zürcher Wähler scheinen mehr der Widerstands- als der Ausverkaufshypothese zuzuneigen.
Auch da hat die FDP verdammt viel Dusel gehabt.

Das Ostertabu

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Moses, Mohammed und warum gerade Schweinefleisch so unheilig ist

Zeit für den Osterschinken. Die Metzger mit dem besten Gespür für Pökelsalz und kaltes Räuchern haben Konjunktur, und neben dem alljährlichen Rekordverbrauch von harten Eiern und Lindt-Osterhasen feiern manche von uns, das Fett des Schinkens noch im Mundwinkel, die Auferstehung des Herrn. Das ist der Augenblick, in dem sich andere von uns voller Ekel abwenden und zutiefst froh darüber sind, dass ihr Herr ihnen verboten hat, Schweinefleisch zu essen.
Die einschlägigen Verbote stammen sowohl aus dem Alten Testament als auch aus dem Koran. «Von dieser Fleisch sollt ihr nicht essen noch ihr Aas anrühren; denn sie sind euch unrein», steht in 3. Mose 11,8. Während im Alten Testament darüber hinaus jede Menge anderer, einander zum Teil widersprechender Fleischverbote zu finden sind (Stichwort: Wiederkäuer und/oder Tiere mit gespaltenen Klauen, jede Menge Seevögel und Adler), beschränkt sich der Koran überraschend eindeutig und dezidiert auf das Verbot des Schweins: «Verboten hat Er euch nur Fleisch von verendeten Tieren, Blut, Schweinefleisch und Fleisch, worüber ein anderes Wesen als Gott angerufen worden ist.» (Koran 2,173)
Das Motiv des Unreinen wird seither von Juden und Muslimen in seltener Eintracht neu ausgelegt und mit Bedeutung gefüttert. Rabbi Moses Maimonides, im 12. Jahrhundert Hofarzt des muslimischen Sultans Saladin in Ägypten, gab als erstes Erklärungsmuster vor, dass «die Lebensgewohnheiten und die Nahrung des Tieres höchst unsauber und ekelerregend sind» – einen Befund, den kein Schweinezüchter teilen würde, der seine Tiere frei im Wald laufen lässt, wo sie am liebsten Wurzeln, Nüsse und Getreide fressen.
Die im 19. Jahrhundert gewonnene Erkenntnis, dass durch schlecht gekochtes Schweinefleisch Trichinose auf den Menschen übertragen werden kann, musste nachträglich als Rationalisierung dieser Unreinheit herhalten, als Motiv, das den Verzicht auf Schweinefleisch plötzlich vernünftig erscheinen lässt – und das göttliche Verbot fürsorglich. Wenn das so wäre, müsste sich der Herr allerdings die Frage gefallen lassen, warum er seinen Anhängern nicht beibringt, Schweinefleisch so zu garen, dass keine Erreger mehr übertragen werden können. Man fragt ja nur.
Der Anthropologe Marvin Harris macht in seinem Buch «Wohlgeschmack und Widerwillen. Die Rätsel der Nahrungstabus» (Klett-Cotta TB) auf erstaunliche, durchaus weltliche Zusammenhänge aufmerksam, die erklären, warum das Schwein von grossen Konfessionen als «abscheulich» empfunden wird, während andere Weltreligionen damit nicht das geringste Problem haben. Er analysiert das religiöse Tabu im Zusammenhang geografischer und landwirtschaftlicher Besonderheiten der jeweiligen Lebensräume: «Der Islam hat», so Harris, «(…) bis zum heutigen Tag eine geografische Schranke, die zusammenfällt mit den ökologischen Übergangszonen zwischen bewaldeten Regionen, die für die Schweinehaltung gut geeignet sind, und Gegenden, wo zu viel Sonne und trockene Hitze die Schweinehaltung zu einem riskanten und aufwendigen Unternehmen machen.»
Die Schlussfolgerung ist interessant und folgt der marxistischen Hierarchisierung von Fressen und Moral. «Priester, Mönche und Heilige», sagt Harris, «weigern sich oft zum Zeichen ihrer Frömmigkeit statt aus Gründen praktischer Notwendigkeit, köstliche und nahrhafte Speisen anzurühren. Aber die Religion, deren Esstabus dem normalen Menschen eine gute Ernährung erschweren und die dennoch floriert, muss man mir erst noch zeigen.»

Immer sicherer?

Es ist nicht überraschend, dass der Absturz einer Germanwings-Maschine zu einem medialen Mega-Ereignis geworden ist. Ein innereuropäischer Städteflug mit einer Billigairline gehört zum ganz gewöhnlichen Alltag des heutigen Normalbürgers. Der Schock und die öffentliche Trauer dürften sich auch dadurch erklären, dass man sich persönlich betroffen fühlt vom tragischen Crash in den französischen Alpen. Wer hatte nicht einen bangen Gedanken an den eigenen letzten Städtetrip?
Die Heftigkeit der Reaktionen kann allerdings nicht ausschliesslich auf die abrupte Erkenntnis zurückgeführt werden, dass Katastrophen sich überall und jederzeit ereignen können. Es sind besonders die Umstände des Absturzes – der absichtliche «Mitnahme-Suizid» des Co-Piloten, der nach dem heutigen Wissensstand die plausibelste Hypothese darstellt –, die die Öffentlichkeit verstören. Zudem ist der Germanwings-Crash wohl deswegen so traumatisch, weil er den tragischen Beweis liefert, dass perfektionierte Sicherheitssysteme zwar Gefahren reduzieren, fatalerweise aber auch neue Risiken erzeugen können.
Der Soziologe Niklas Luhmann hat in seinen Theorien über die ständig zunehmende Komplexität gesellschaftlicher Systeme die Flugsicherheit als Beispiel dafür zitiert, dass mit jeder technischen Verbesserung die Kontrollsysteme zwar leistungsfähiger, aber auch anfälliger für neue, selbst generierte Gefahren werden. Schon die letzte Grosskatastrophe einer europäischen Airline, der Absturz einer Air-France-Maschine im Jahr 2009 auf dem Flug von Rio de Janeiro nach Paris bekräftigte diese These. Auslöser für den Crash war das Versagen von Geschwindigkeitssensoren, die unter normalen Bedingungen zwar einen sicheren Instrumentenflug ermöglichen, deren plötzlicher Ausfall aber das Flugzeug in eine prekäre Lage brachte, die Piloten überforderte und schliesslich zur Katastrophe führte.
Mit gleichnishafter Schlichtheit zeigt nun der Germanwings-Crash, wie jede neue Sicherheitsmassnahme sich in ihr diametrales Gegenteil verkehren kann. Erst seit den Anschlägen vom 11. September ist es Standard geworden, die Cockpits von Passagiermaschinen gegen äussere Eindringlinge abschliessbar zu machen. Vor fünfzehn Jahren hätte der Co-­Pilot des Germanwings-Flugs den Piloten nicht aussperren können. Erst der «verbesserte» Standard hat die jetzige Katastrophe ermöglicht.
Dass kein technischer Defekt, sondern der Faktor Mensch für den Crash verantwortlich gewesen sein soll, verwundert im Übrigen nicht. «Erweiterte Suizide» von Piloten sind zwar extrem selten – in der Geschichte der Zivilluftfahrt gibt es nur vier bestätigte Fälle, was angesichts der mittlerweile knapp drei Milliarden Passagiere, die pro Jahr befördert werden, eine Fallzahl im mikroskopischen Bereich darstellt. Doch es ist in der Tat sehr oft menschliches Fehlverhalten, das bei Flugzeugabstürzen die entscheidende Rolle spielt.
Malcolm Gladwell hat in seinem grossen Essay über statistische Ausreisser («Outliers») ein faszinierendes Kapitel über Flugzeug­abstürze geschrieben, in dem er darlegt, dass die grosse Mehrzahl aviatischer Katastrophen durch eine unglückliche Kumulation von kleinen Pilotenfehlern herbeigeführt wird, die psychologische und kulturelle Wurzeln haben. In der Regel sind es Unachtsamkeit, Übermüdung und vor allem mangelnde Kommunikationskompetenz – also alles weiche, menschliche Faktoren – , die zu folgenschweren Unfällen führen.
Der Ruf nach einem rigoroseren psychologischen Screening von Flugzeugbesatzungen ist daher sicher nicht falsch. Es dürfte jedoch illusorisch sein, alle Probleme mit der Früherkennung depressiver Suizidkandidaten lösen zu wollen. Die psychologischen Kompe­tenzen, auf die es im Zweifelsfall viel häufiger ankommt – Stressresistenz, Aufmerksamkeit, Teamfähigkeit –, sind komplexer als die simple Abwesenheit eines Todeswunsches. Die Öffentlichkeit klammert sich heute daran, dass der Germanwings-Crash in der Person von Andreas Lubitz vermeintlich ein eindeutig identifizierbares Gesicht und einen eindeutig verantwortlichen Täter bekommt. Die aktuelle Tragödie mag tatsächlich auf diese Weise erklärbar sein. Sie stellt jedoch eine extreme Ausnahme dar.
Für die Hinterbliebenen dürfte es kein Trost sein, aber es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb dieses Unglück so erschütternd ist: Flugzeugabstürze werden seltener. Laut der Zahlen des «Aviation Safety Network» sank die Zahl der weltweiten Todesopfer der Zivilluftfahrt von knapp 2500 im Jahr 1972 auf knapp 500 im Jahr 2012, obwohl sich gleichzeitig die Anzahl der Passagiere etwa versiebenfacht hat. Die Sicherheitsstandards steigen unablässig – und genau deshalb sind immer wieder neue Katastrophen zu erwarten.