Das Schweinesystem

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Millionen Tiere werden geschlachtet, aber nicht gegessen. Was tun dagegen?

Nur ein paar Daten, die für einen Schwindel sorgen, den sonst nur ein hastig hinuntergestürztes Glas Schnaps bewirkt:
—    Von jedem Tier, das für den Verzehr geschlachtet wird, landet als Fleisch- oder Wurstprodukt nur knapp mehr als die Hälfte bei uns Karnivoren. Etwas weniger als die Hälfte wird exportiert, an Haustiere verfüttert, findet in der Chemie- und Düngemittelindustrie Verwendung oder wird als «Biokraftstoff» dafür verwendet, grüne Automobile anzutreiben.
—    Als «tierische Nebenprodukte» gelten dabei 42 Prozent des Schlachtgewichts: Borsten, Fett, Knochen, Magen- und Darm­inhalte, aber auch Innereien. Die Industrie bedient sich dieser «Nebenprodukte» als Basis für so unterschiedliche Erzeugnisse wie Seifen, Waschmittel, Kosmetika, Arzneimittel, Dru­ckertinte, Gummi oder organischen Dünger.
—    Zu Fleischknochenmehl verarbeitete Schlachtabfälle werden als «klimaneutrale» Alternative zu fossilem Heizöl und Treibstoff verwendet.
—    Der Anteil der Innereien, die in die Resteverwertung eingeschleust werden, steigt ständig. Während noch in den Achtzigerjahren mehr als 1,4 Kilo Innereien pro Person verzehrt wurden, sind es heute nur noch 150 Gramm. Innereien galten als Arme-Leute-Essen. Seit die Quartiermetzger durch die Fleischtheke der Supermärkte ersetzt werden, ist das billige Fleisch nur noch schwierig zu bekommen.
—    Obwohl der Fleischkonsum insgesamt sinkt, müssen daher mehr Tiere gezüchtet und geschlachtet werden, damit wir – statt mit Innereien oder minderen Fleischteilen – mit den sogenannten Edelteilen, die etwa 30 bis 40 Prozent des Schlachtgewichts ausmachen, versorgt werden können.
—    Von den Fleischprodukten, die beim Konsumenten ankommen, werden 6 Prozent weggeworfen. Hochgerechnet vom Durchschnittsfleischkonsum von 82 Kilogramm/Jahr ergeben diese 6 Prozent ein Gewicht von 4,9 Kilo – pro Person. Gemäss der Studie «Fleischkonsum: Abfall und Verschwendung», welche die (den Grünen nahestehende) Heinrich-Böll- Stiftung publiziert hat, ergibt das für die Bundesrepublik Deutschland die unfassbare Menge von 45 Millionen Hühnern, 4,1 Millionen Schweinen und 230 000 Rindern, die dem Schicksal der Mästung und Tötung hätten entkommen können, ohne dass ein einziger Bewohner Deutschlands auf seinen Burger oder Braten hätte verzichten müssen.
Die Lektüre dieser Studie ist höchst empfehlenswert. Nicht dass es etwas Neues wäre, dass die industrielle Züchtung, Mästung und Tötung von Tieren ihre Schattenseiten hat. Was aber schwindlig macht, ist die Dimension des Zynismus und der moralischen Verwerflichkeit, wovon dieser Industriesektor begleitet wird. Man muss nicht darüber sprechen, dass einem angesichts dieser Fakten der Appetit vergeht. Man muss darüber nachdenken, wie man diese Art von Umgang mit Tieren bekämpft.
Die moralische Ächtung der Massentierzucht ist längst nicht da, wo sie hingehört. Die Branche operiert im Dunklen, obwohl viele engagierte, empörte Kolleginnen und Kollegen sie auszuleuchten versuchten und versuchen. Viele Kunden kaufen ihr Fleisch im Bewusstsein, dass die Produktion unter fragwürdigen Bedingungen erfolgt, lassen sich aber von den niedrigen Preisen den kritischen Verstand abkaufen. Leider wahr: Ein paar Fernsehfilme und Zeitungsartikel tun den Produzenten angeführter Missstände nicht weh. Sie werden erst agieren, wenn ihre Produkte sukzessive boykottiert werden.
Soll heissen: Fleisch dort kaufen, wo man weiss, dass die Schlachttiere ein würdiges Leben hatten. Weniger Fleisch essen. Viel weniger Fleisch essen. Dem Tier, das für unseren Genuss gestorben ist, den Respekt erweisen, es ganz aufzuessen.

Was macht uns produktiv?

Aus ökonomischer Sicht steht im Zentrum der Dauerdiskussion über Nutzen und Nachteile der Einwanderung die Frage nach der Entwicklung des Pro-Kopf-Wachstums. Dass die Personenfreizügigkeit zum Schweizer Wirtschaftswachstum einen starken Beitrag leistet, ist un­­bestritten. Allerdings stellt nicht das absolute, sondern das Pro-Kopf-Wachstum die entscheidende Grös­se dar für die durch Einwanderung bewirkten Wohlfahrtseffekte. Wenn die wirtschaftlichen Zusatzgewinne sich dadurch aufheben, dass sie auf mehr Menschen verteilt werden müssen, bringt die Immigration für die bereits ansässige Bevölkerung keine Vorteile.
Wie also sieht es aus mit der Entwicklung des Pro-Kopf-BIP? Die Kritiker der Zuwanderung behaupten immer wieder, dass das Schweizer Pro-Kopf-Einkommen seit Einführung der Personenfreizügigkeit nicht schneller wachse als davor.
Diese Behauptung ist falsch. Nach den Daten der Weltbank stieg das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-BIP im Zeitraum 2002 bis 2012 um 9,7 Prozent. Im Zeitraum von 1992 bis 2002 – also unter dem Kontingentsystem, zu dem SVP und Ecopop wieder zurückkehren möchten – betrug der Anstieg 7,7 Prozent. Seit Einführung der Personenfreizügigkeit ist die Entwicklung der Pro-Kopf-Wertschöpfung folglich besser verlaufen als während der vorangehenden Dekade. Zwar kann man gegen diese Schlussfolgerung geltend machen, dass der Unterschied sehr bescheiden ist. Allerdings sollte man in Betracht ziehen, wie sich in den Vergleichsperioden die internationale Konjunktur entwickelt hat. In den Neunzigerjahren war die Schweiz das Wachstumsschlusslicht aller OECD-Länder, sicherlich nicht nur, aber auch aufgrund der Zuwanderungspolitik. Seit 2002 entwickelt sich das Pro-Kopf-Einkommen relativ zu anderen europäischen Ländern zwar nicht brillant, aber durchaus positiv.
Der wichtigste Indikator für die Gesundheit einer Volkswirtschaft ist allerdings nicht das Pro-Kopf-Einkommen, sondern die Produktivität. Qualitatives Wachstum ist Produktivitätswachstum. Höhere Produktivität pro Arbeitnehmer kann sich in einem höheren Pro-Kopf- Einkommen oder auch in kürzeren durchschnittlichen Arbeitszeiten niederschlagen. Es bedeutet auch einen Wohlfahrtsgewinn, wenn die bessere Wirtschaftsleistung der Bevölkerung nicht in Form von besseren Löhnen, sondern von mehr Freizeit zugutekommt.
Wie steht es mit der Produktivitätsentwicklung? Zunächst ist festzuhalten, dass sie sich in der Schweiz während der letzten Jahre verlangsamt hat, was allerdings auf alle europäischen Länder zutrifft. Gemäss den Zahlen der OECD lag die durchschnittliche jährliche Steigerung der Arbeitsproduktivität von 2002 bis 2010 bei 0,6 Prozent, während sie im Zeitraum von 1991 bis 2002 1,4 Prozent betrug. Dennoch kommt eine Studie des KOF zu «Personenfreizügigkeitsabkommen und Wachstum des BIP pro Kopf in der Schweiz» zu dem Schluss, dass die verstärkte Einwanderung einen zwar nur bescheidenen, aber positiven Einfluss auf die Produktivität gehabt hat. Das KOF geht ferner davon aus, dass das verbesserte Qualifikationsprofil der Zuwanderer längerfristig den Positiv­effekt verstärken wird. Die Zuwanderung hat bisher das Problem der schwachen Schweizer Produktivitätsentwicklung nicht gelöst. Es gibt jedoch keinen Grund zur Annahme, eine Begrenzung der Zuwanderung würde in dieser Hinsicht Besserung schaffen, sehr im Gegenteil.
Zum entgegengesetzten Schluss kommt allerdings der emeritierte Zürcher Wirtschaftsprofessor und SVP-Vertreter Hans Geiger. In einem Artikel für das Newsnetzwerk schreibt Geiger: «Die Arbeitsproduktivität hat unter der Personenfreizügigkeit gelitten.» Er begründet dies damit, dass seit 2008 im Vergleich zur Periode 2000 bis 2007 die Produktivität gesunken sei. Die Periodisierung ist bizarr. Die Personenfreizügigkeit ist zwar erst seit Juni 2007 vollständig in Kraft, aber bereits die stufenweise Einführung seit Juni 2002 hatte eine massive Einwanderungszunahme zur Folge. Geiger zieht genau diese Phase der starken Zuwanderung heran, um vermeintlich zu beweisen, dass die Schweiz vor der Personenfreizügigkeit eine dramatisch bessere Produktivitätsentwicklung gehabt haben soll. Mit keinem Wort erwähnt der Bankenexperte zudem, dass die Finanzkrise und der Strukturwandel im Schweizer Bankensektor zu massiven, die Gesamtbilanz belastenden Produktivitätsverlusten im Dienstleistungssektor geführt haben – ein Einbruch, der viel mit Bonusexzessen und Schwarzgeldwirtschaft, aber rein gar nichts mit der Zuwanderung zu tun hat.
Die wirtschaftliche Strategiediskussion, der die Schweiz sich stellen sollte, ist komplex. Dass selbst vermeintliche Experten immer unverfrorener irgend­etwas drauflosbehaupten, stimmt nicht optimistisch.

Der Wirtschaftsfaktor

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Wie das Restaurant «Noma» die dänische Ökonomie verändert

 

Jeder Kollege, der schon einmal in Kopenhagen war und im «Noma» gegessen hat, kennt die Frage: «Du, ich fahre demnächst nach Kopenhagen, und du kennst doch den Redzepi. Kannst du mir einen Tisch im Noma besorgen?»
Ich persönlich kann das – alle, die ihre ganzen Hoffnungen auf mich gesetzt haben mögen, müssen jetzt stark sein – nicht. Wie auch? Für die 20 000 Sitzplätze, die das Noma jedes Jahr zu vergeben hat, gibt es mehr als eine Million Reservierungsanfragen. Das Noma, das in diesem Jahr zum vierten Mal zum besten Restaurant der «50 Best»-Liste von San Pellegrino ausgezeichnet wurde, ist inzwischen weit mehr als ein Leitbetrieb für ein neues Verständnis von Küche. Das Noma ist, wie das Magazin «Time» analysierte, zu einem Faktor geworden, der die gesamte dänische Wirtschaft verändert.
Nicht nur, dass der Tourismus angekurbelt wird. Die Zahl der «Foodies», denen die Eröffnung eines Restaurants genügt, um eine Wochenendreise anzutreten, steigt exponential. Die Information, wann und wo etwas Ausserordentliches aufsperrt, findet im Internet weltweit zeitgleich statt. Die Zahl der Reisenden, die Kopenhagen und andere dänische Städte besuchen, ist um mehr als zehn Prozent gestiegen – die Gründe dafür sind, wie das Tourismusbüro bestätigt, «Menschen und die Nordic Cuisine». René Redzepi: «Vor zehn Jahren wäre das Motiv, wegen des Essens nach Dänemark zu reisen, so absurd gewesen wie heute eine Reise nach Bagdad, um dort ein Sonnenbad zu nehmen.»
Das ist nicht alles. In und um Kopenhagen eröffnete eine ganze Schwadron neuer Restaurants. In vielen von ihnen tragen ehemalige Noma-Mitarbeiter die Flamme weiter. Der «Michelin», bekanntlich der einflussreichste Restaurant-Guide der Welt, kommt mit einer eigenen Ausgabe für Skandinavien auf den Markt, was die Aufmerksamkeit der Foodies noch einmal anfacht. Die Fischereiindustrie erlebt einen Aufschwung, weil zahlreiche neue Restaurants und von ihnen beeinflusste Zwischenhändler direkt am Ursprung Fisch und Krustentiere beziehen wollen. Bauern und Gemüseproduzenten haben Aufwind, weil nicht nur die High-End-Küchen ausgesuchtes Fleisch und Grünzeug haben wollen, sondern auch die Lebensmittelabteilungen der besser sortierten Supermärkte.
Ihnen allen dient das Noma als Codewort dafür, dass sich an den Ernährungs- und Konsumgewohnheiten der Dänen etwas Entscheidendes ändert. Christian Puglisi, Chef des Restaurants «Relae», nennt das Phänomen den «Trickle- down-Effekt» des Noma: ein Diffundieren des ursprünglichen, mutigen Gedankens, wie ein dänisches Luxusrestaurant aussehen könnte, in die Tiefe der Gesellschaft und die Breite der Ökonomie.
Gibt es etwas, das wir im alpinen Umfeld von der ausserordentlichen Wirkungsgeschichte des Noma lernen können? Kann eine gewisse Hinwendung zu mehr Produktradikalität und weg von den gewohnten, teilweise hochwertigen, teilweise verabscheuungswürdigen Versorgungsketten einen ähnlichen Effekt haben wie der Redzepi-Messianismus?
Sicher ist, dass ein revolutionärer Ansatz wie jener des Noma nicht einfach kopiert und in neuem Umfeld noch einmal angewendet werden kann. Das letzte kulinarische Genie, das eine ganze Region neu definierte, war Ferran Adrià, der in seinem «El Bulli» auf höchst artifizielle Weise die spanische Küche hochleben liess – und mit seiner Kunst nachhaltig zum Besseren veränderte – , Adrià gelang das auf ungefähr genau die umgekehrte Weise wie René Redzepi.
Das nächste Genie wird sich also etwas ganz Neues einfallen lassen müssen.

Zeit der Ernte

Die Ecopop-Initiative ist nicht nur aus ethischen Gründen extrem fragwürdig, sondern ihre Annahme würde auch zu einer grundlegenden Veränderung des Schweizer Wirtschaftsmodells führen. Entsprechend heftig wird die Vorlage diskutiert.
Am 30. November kommt jedoch eine zweite Initiative zur Abstimmung, die für den Schweizer Wirtschaftsstandort potenziell nicht weniger einschneidend ist als Ecopop. Die Goldinitiative will die Unabhängigkeit der Nationalbank stark einschränken, ihre Handlungsfähigkeit eng begrenzen und einen grundsätzlichen Richtungswechsel in der Geldpolitik erzwingen. Sowohl der Finanzplatz als auch die Exportindustrie könnten von der Goldinitiative massiv in Mitleidenschaft gezogen werden. Den­noch steht die Goldvorlage bisher praktisch nicht im Fokus der Öffentlichkeit. Zum Zeitpunkt der letzten GFS-Umfrage hätte sie eine Mehrheit gefunden. Im Windschatten von Ecopop könnte die Goldinitiative angenommen werden, ohne dass sie jemals ernsthaft debattiert wurde.
Die helvetische Direktdemokratie ist zu einem derartigen Tollhaus geworden, dass ein geldpolitischer Grundsatzentscheid Chancen hat, in der Verfassung festgeschrieben zu werden, auch wenn er von allen öffentlichen Institutionen und von allen Parteien offiziell bekämpft wird. Die Saat des Rechtspopulismus, dessen Dynamik seit gut zwanzig Jahren die Schweizer Politik dominiert und die bürgerliche Mitte vor sich hertreibt, ist aufgegangen: Institutionen wie Regierung, Parlament oder Nationalbank haben jede Autorität verloren, und die Verabsolutierung des sogenannten Volkswillens ist so unanfechtbar geworden, dass offenbar keine Vorlage mehr zu abstrus ist, um nicht potenziell eine Mehrheit zu finden. Die Schweiz ist der bedeutendste Finanzplatz Kontinentaleuropas – aber heute steht sie kurz davor, sich ihre Geldpolitik durch Wirtschaftsexperten vom Kaliber eines Lukas Reimann und eines Ulrich Schlüer diktieren zu lassen. Auch wenn es am 30. November noch einmal gut gehen sollte: Es könnte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis eine direktdemokratische Kurzschlusshandlung das Schweizer Wohlfahrtsmodell aus den Geleisen wirft.
Die Parallelen zu den USA sind frappierend. Die Vereinigten Staaten sind die älteste und in vielerlei Hinsicht vorbildlichste Demokratie der Welt, doch der Aufstieg der Tea Party und die extreme Polarisierung des Parteiensystems haben das staatspolitische Gefüge der amerikanischen Institutionen an den Rand der Funktionsunfähigkeit gebracht. Die Schweiz ist die älteste und in vielerlei Hinsicht vorbildlichste Direktdemokratie der Welt, doch der Aufstieg der neuen SVP und die Umfunktionierung von Referendum und Initiative zu Mitteln des permanenten Wahlkampfs lassen es immer unmöglicher werden, eine berechenbare und kohärente Bundespolitik zu be­treiben.
Eine der obsessivsten Marotten des Tea-Party-nahen ehemaligen US-Präsidentschaftskandidaten Ron Paul ist die Wiedereinführung der Golddeckung des US-Dollars. Lukas Reimanns Nationalratsvoten zur Goldinitiative hören sich wie unbeholfene Paraphrasen von Ron Pauls Pro-Goldstandard-Pamphleten an. In den USA hat die Forderung nach einer Rückkehr zum Goldstandard allerdings nicht die geringste Chance. In der Schweiz jedoch könnte dieses Zentralelement der weltverschwörerischen Tea-Party-Ideologie mit den Mitteln der direkten Demokratie tatsächlich durchgedrückt werden.
Die Goldinitiative sieht vor, dass die Nationalbank 20 Prozent ihrer Aktiven in Gold anlegen muss, einmal erworbene Goldreserven nie mehr verkauft werden dürfen und sämtliche Reserven in der Schweiz gelagert werden. Sie würde die Verteidigung einer Euro-Untergrenze massiv erschweren und wahrscheinlich sogar verunmöglichen, weil die Nationalbank parallel zu ihren Devisenkäufen immer auch noch Goldkäufe tätigen müsste – aller Voraussicht nach zu stark überzogenen Kursen. Am Ende sässe die Nationalbank auf gigantischen Goldbeständen, die sie von Gesetzes wegen nicht antasten dürfte und die folglich vollkommen nutzlos und massiven Abwertungsrisiken ausgesetzt wären. Die Vorlage ist volkswirtschaftlicher Nonsens, aber die Initianten vertrauen wohl darauf, dass Gold beim Stimmvolk irrationale Reflexe auslöst – offensichtlich nicht ganz zu Unrecht.
Bezeichnend ist das hilflose Agieren der SVP. Der Zentralvorstand hat zwar knapp die Nein-Parole zur Gold­­initiative beschlossen, doch zahlreiche Kantonalparteien scheren aus – vom Fussvolk ganz zu schweigen.  Vor knapp drei Jahren hat Christoph Blocher eine der aggressivsten Kampagnen gegen die SNB und ihren damaligen Präsidenten geführt, mit denen je eine Schweizer Institution attackiert worden ist. Es hat den Anschein, als wäre es jetzt so weit: Die Saat ist aufgegangen.

Die Poesie des Glases

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Mozart, «Don Camillo und Peppone» und das Glas, in dem der Wein über sich hinauswächst

 

Manchmal, zum Beispiel bei der Lektüre von Verkostungsnotizen in Weinmagazinen, überkommt mich das Gefühl tiefer Ruhe. Die Daten rauschen an mir vorbei wie der Verkehr von gestern. Auch Bewertungen interessieren mich nicht. Weine, die einer ganzen Jury am besten gefallen haben, sind in der Regel nichts für mich: zu laut, zu kräftig, zu Vanille.
Eher suche ich nach Winzern, die etwas Poetisches über die Arbeit am Weinberg sagen, die mir mitteilen, dass sie bei der Kellerarbeit Mozart hören oder «Don Camillo und Peppone» lieben. Die Chancen, dass mir ihre Weine besser gefallen als jene irgendwelcher Testsieger, stehen gemäss einer Langzeitstudie (Sample = 1) hoch.
Wein ist ein sensibler Gegenstand. Kaum ein Lebensmittel muss sich so zwischen kulturellen Images und Marketingvisionen behaupten. Zudem bedarf ein guter Wein der richtigen Hardware. Er muss richtig gelagert, aber auch zur rechten Zeit entkorkt, richtig temperiert und schliesslich, wichtig, in ein Glas eingeschenkt werden, das diesen Namen verdient.
Ich habe oft mit Weintrinkern gestritten, die darauf bestanden, dass ihr Lieblingswein auch aus einem Wasserglas gut schmeckt. Sie haben nicht recht, auch wenn es noch immer französische Spitzengastronomen gibt, die diese Meinung teilen und Weine für 150 Euro in Gläsern von der Eleganz eines Skischuhs servieren.
Es ist das Verdienst der Tiroler Glasbläserei Riedel, dass der ständig zunehmende Perfektionismus der Winzer eine Entsprechung an der Hardware-Front bekam: Riedel decodierte die Geschmackslandschaft der Zunge und setzte die Erkenntnisse in Beziehung zur Weinwissenschaft. Das Ergebnis war eine Flotte an Spezialgläsern, deren Gebrauch äusserst sensibel – gar nicht erst an den Geschirrspüler denken! – und für den Alltag unerschwinglich teuer war.
Die Firma Riedel hat meine Neigung zu dünnwandigen Gläsern aus Kristallglas begründet, aber ein anderer Produzent hat sie neuerdings in regelrechte Liebe verwandelt. Seit die Glasmanufaktur Zalto aus Neunagelberg im Norden des niederösterreichischen Waldviertels begonnen hat, ihre Gläser der Serie «Denk Art» zu produzieren, lebe ich in der Gewissheit, dass ein gutes Glas mehr Einfluss auf den Genuss von Wein hat als alles andere, abgesehen vom Wein selbst.
Die Gläser von Zalto haben ein elegantes, am Boden fast eckiges Design (wie auch das in der Schweiz beliebte Gabriel-Glas). Die dabei verwendeten Winkel von 24°, 48° und 72° entsprechen, so die Zalto-Designer, den Neigungswinkeln unserer Erde. Sie berufen sich dabei auf Geschichte und Kosmos, also auf ein weites Assoziationsfeld.
Normalerweise würde mich so eine Story sofort kopfscheu machen, aber ich erfuhr sie erst, als ich das Glas bereits ausprobiert hatte. Seine Eigenschaften sind phänomenal. Nicht nur, dass das Glas so dünn und leicht ist wie kein anderes. Das Glas ist von einer beeindruckenden Elastizität, die dafür sorgt, dass man es auch beliebig oft im Geschirrspüler waschen kann.
Der Genuss von Wein aus diesen Gläsern ist ein völlig anderes Wahrnehmungserlebnis. Der Duft, das Spiel der Aromen, kommt kristallklar zur Geltung. Weine, die in anderen Gläsern stumpf und bedrückt wirken, bekommen plötzlich Auftrieb und Seele. Selbst Weine, die man gut zu kennen meint, zeigen sich plötzlich frischer, fröhlicher. Kein Wunder, dass die führende Weingastronomie in ganz Europa das Glas – bevorzugt das Universal- und das Burgunderglas, auch meine Favoriten – zu entdecken beginnt.
Einziger Nachteil: Man will nie wieder aus einem anderen Glas trinken.

Lifestyle-Faschismus

Vier Wochen vor dem Abstimmungssonntag kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Ecopop-Initiative eine Mehrheit findet. Insbesondere das taktische Doppelspiel der SVP, deren Par­teistrategen zwar kein Ja, aber explizit ein möglichst knappes Nein anstreben, verhilft der Vorlage zu realen Sieges­chancen. Wer erfolgreich um die populistische Lufthoheit pokern will, muss halt auch mal die Zukunft der Schweiz aufs Spiel setzen.
Schon heute steht jedenfalls fest, dass wir unser Bild der Schweizer Volkssouveränität grundsätzlich revidieren sollten. Bis anhin herrschte Konsens, dass die Überfremdungsinitiative von James Schwarzenbach ein spektakulärer Schandfleck in der Geschichte der direkten Demokratie darstellt. Neben Ecopop jedoch wirkt Schwarzenbachs Xenophobie nach guter Väter Sitte nur noch gemütlich wie ein alter Heimatfilm. Schwarzenbach war ein Fremdenfeind. Ein Eugeniker war er nicht.
Es ist Balthasar Glättlis Verdienst, in den «Unheimlichen Ökologen» das faschistische Erbteil der Umweltschutzbewegung aufgearbeitet zu haben. Das Buch kommt spät, mit Blick auf Ecopop vielleicht zu spät, aber immerhin. Der Philosoph Luc Ferry veröffentlichte bereits Anfang der Neunzigerjahre «Le Nouvel Ordre écologique», einen in Frankreich breit diskutierten Essay über den ökologischen Antihumanismus, der an politphilosophischer Reflektiertheit bis heute nicht übertroffen ist. Auch die deutschen Grünen haben ihre Hausaufgaben längst gemacht. Wie sagte doch der grüne Umweltminister Jürgen Trittin 2002 im Berliner Umweltforum: «Es gab eigentlich keinen Punkt, an dem Naturschutz und Nationalsozialismus ideologisch grundsätzlich unvereinbar waren. All das mag für einen Naturschützer unangenehm sein – aber es ist die historische Wahrheit.»
Worin liegt der eigentliche Skandal der Ecopop-Initiative? Nicht in der Forderung nach rigider Zuwanderungsbeschränkung. Ihre Einführung wäre zwar ein wirtschaftliches Desaster, aber dass die Schweizer Bevölkerung immer wieder an die Urne gerufen wird, um über die Gestaltung der Zuwanderungspolitik zu entscheiden, ist der Courant normal der direkten Demokratie. Der Skandal liegt in der Verbindung von Zuwanderungsbeschränkung in der Schweiz mit Geburtenkontrolle in der Dritten Welt. Offenbar reicht es nicht aus, die Ausländer zu kontingentieren, um in der helvetischen Heimat die Unversehrtheit von Wald, Weid und Alpenbrache zu bewahren. Es müssen zu diesem hehren Zweck auch aktive Anstrengungen unternommen werden, um in der Sahelzone die Geburtenrate zu senken. Globale Denatalität zum ökologischen Wohl der Heimat. Oder im Klartext: weniger Negerlein. Das ist die politische Substanz der Ecopop-Initiative. In der schönen Schweiz des Jahres 2014 könnte sie mehrheitsfähig sein.
Der Gipfel der Obszönität wird erreicht, wenn die Ecopop-Initianten versichern, es gehe ihnen mitnichten um postkoloniale Bevölkerungskontrolle, sondern um die Durchsetzung des Menschenrechtes auf Familienplanung und die Stärkung der Rechte der Frauen. Leider steht von Menschen- oder Frauenrechten im Ini­tiativtext kein Sterbenswörtchen. Auch eine Erhöhung der Entwicklungshilfe fordern die vermeintlichen Drittweltfreunde von Ecopop mit keiner Silbe. Verlangt wird, dass mindestens 10 Prozent der Entwicklungshilfe für Familienplanung ausgegeben werden. Das bedeutet, dass die Summen, welche die Deza zwangsweise für Aufklärungskurse und Verhütungsmittel auszugeben hätte, nicht mehr für Spitäler, Schulen, Saatgut und Bewässerungssysteme verwendet werden können. Es bedeutet, dass den Bedürftigsten der Welt Mittel weggenommen werden mit dem ausschliess­lichen Ziel zu verhindern, dass sie sich vermehren. Natürlich ist Familienplanung Bestandteil jeder vernünftigen Entwicklungspolitik. Wer Geburtenkontrolle aber als obligatorische Priorität in der Verfassung festschreibt, dem geht es nicht um das Wohlergehen der Entwicklungsländer. Es geht ihm einzig darum, den Zuwachs der Weltbevölkerung um jeden Preis zu bremsen – auf dass wir unsere Alpenbrache ganz ohne schlechtes ökologisches Gewissen mit hübschen, garantiert inländischen Kindern bevölkern können.
Der Kerngehalt von Ecopop ist faschistoid – aber die Umsetzung ist angenehm Lifestyle-kompatibel. Bekanntlich steigt die umweltbewusste Easyjet-Generation nicht mehr ins Flugzeug, ohne vorher das schlechte Gewissen mit einer kleinen CO2-Kompensationszahlung auf myclimate.com beruhigt zu haben. So reist es sich komplexfrei und unbegrenzt. Auch wenn Sie einen Kinderwunsch hegen sollten, ist es doch gut zu wissen, dass die Deza zur Kompensation in der Sahelzone, sagen wir, zwanzig Frauen sterilisiert. So bliebe alles nachhaltig im ökologischen Gleichgewicht.

Der Hipster

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Antonio Benedetto Carpano, die Farbe Beige und eine Getränkeempfehlung

 

Es gibt Getränke, die haben eine Jacht. Bacardi ist so ein Getränk, und wir alle haben die Jacht schon gesehen und den Sandstrand, wo sie anlegt, und wir haben uns gedacht: O wie schön ist Panama …
Andere Getränke tragen ein cremefarbenes Kostüm und einen komischen Hut, sodass man auf den ersten Blick nicht feststellen kann, ob Hut und Kostüm echt historisch oder speziell retro sind. So ein Getränk ist Vermouth, und ich muss zugeben, dass ich jetzt viele Jahre lang einen weiten Bogen um die Flaschen mit dem holundersirupfarbenen Inhalt gemacht habe, weil – zu retro, zu süss, zu grosse Nachbarschaft zu Getränken wie Eierlikör oder Blue Curaçao, die dazu da sind, pubertierenden Kindern den ersten Rausch zu erleichtern oder ­alten Damen den Einstieg in den Altersalkoholismus.
Ich muss zugeben, dass ich mich geirrt habe. Es begann damit, dass ein junger Koch, der draussen vor der Küche junges Gemüse und eine erstaunliche Anzahl an Kräutern angebaut hatte, mir ein Exemplar von Artemisia absinthium unter die Nase hielt, dem Wermutkraut, und als ich dessen kunstvoll gefiederte Blätter zwischen den Fingern zerrieb, stieg mir dieser Kenn-ich-doch-Geruch in die Nase, der mich packte, für einen Moment zu einem pubertierenden Kind werden liess und anschliessend wieder an die Pforte des Altersalkoholismus zurückrückte.
Es traf sich also gut, dass der junge Mann gerade auf die Idee gekommen war, aus einem kräftigen Weisswein einen geschmeidigen Vermouth zu machen – er hatte den Gärprozess des Weins unterbrochen, etwas Alkohol, Wermutkraut und ein paar andere Kräuter zugefügt und den jungen Wein in Vermouth verwandelt, ganz wie es der piemontesische Destillateur Antonio Benedetto Carpano schon Ende des 18. Jahrhunderts vorgemacht hatte. Damals unterzog man den Wein dieser Aromatisierung übrigens vor allem deshalb, um die Fehler des Weins wegzuschminken. Heute geht es jedoch darum, diese als Getränk getarnte Schminke als etwas Eigenes, geschmacklich Selbstständiges zu begreifen, und da hilft die Tatsache, dass der Wein, der dem Getränk Fundament sein muss, fehlerlos und rund ist und die weitere Verarbeitung sorgfältig und unter Ausschluss gängiger Fehlerquellen (zu viel Zucker, künstliche Aromen) erfolgt.
Der Vermouth, den ich anschliessend trank, kam in einem schmalen Weinglas, in dem einige Eiswürfel lagen. Er war frisch und jugendlich, seine Bitternoten gaben dem sonst eher gut­mütigen Charakter etwas kantigere Konturen, um die Hüften befand sich eine gemütliche Süsse, die aber niemals zu breit auftrat – ich fand Gefallen an dem Getränk. Es hatte mit dem pick­süssen Martini bianco meiner Jugend nichts gemeinsam, es ver­hielt sich eher wie eine Orange zu einem Nimm-2-Bonbon.
Seither beobachte ich mit Vergnügen, wie immer mehr dieser Craft-Vermouths in den Getränkeregalen erlesener Geschäfte auftauchen. Winzer lassen sich dazu genauso hinreissen wie neugierige Küchenchefs. Auch ehrgeizige Kellner haben mit speziellen Vermouth-Drinks etwas entdeckt, was das fade Glas Prosecco als Aperitif ersetzt oder – auch das ist möglich – gemeinsam mit Prosecco als aromatischer, verblüffender Longdrink auftritt.
Ich muss also mein Bild vom Vermouth revidieren. Er trägt nicht mehr Beige. Er hat keine dicke Brille auf. Er hat ein bisschen was von einem Hipster, wobei es naturgemäss nicht einfach ist, einen Hipster letztgültig zu beschreiben, weil sich dessen Auftritt permanent ändert – aber das allein könnte vielleicht schon ein Hinweis darauf sein, was wir in der nächsten Zeit beim Genuss eines Gläschens Vermouth – schlank, auf Eis oder auch ganz anders – zu erwarten haben.

Offene, verwundbare Volkswirtschaft

Die Weltwirtschaft schwächelt, Europa kommt aus dem Negativwachstum nicht heraus, die Schweizer Konjunkturprognosen müssen nach unten korrigiert werden. Erste Schweizer Firmen kehren zur Kurzarbeit zurück. Erneut zeigt sich deutlich, wie abhängig die helvetische Volkswirtschaft vom europäischen und internationalen Umfeld ist. Alles deutet darauf hin, dass die düsteren Aussichten nicht nur konjunkturelle, sondern auch langfristig wirksame Gründe haben. Wie zukunftssicher ist das exportorientierte Schweizer Wirtschaftsmodell? Verfügen wir über eine tragfähige wirtschaftspolitische Entwicklungsstrategie? Angesichts der aktuellen Schwierigkeiten sollte man erwarten, dass eine breite Debatte über diese Fragen geführt wird – aber nichts dergleichen geschieht. Die Schweizer Öffentlichkeit ist vollzeitlich mit Migrationsfragen beschäftigt.
Zwei Bedrohungen
Die wirtschaftliche Grosswetterlage wird von zwei Hauptbedrohungen überschattet: Erstens scheint der Globus auf eine «säkulare Stagnation» zuzusteuern. Die entwickelten Volkswirtschaften leiden an anhaltendem nied­rigem bis negativem Wachstum bei niedrigen bis negativen Zinsen. Der Wirtschaftsmotor dreht nur noch niedrigtourig – und das auf lange Sicht. Es herrscht ein globales Nachfragedefizit. Die Investitionsquoten sind rekordtief, die Firmen horten Cash und kaufen ­Aktien zurück, die Zinsen liegen bei null, weil zu viel gespart und zu wenig konsumiert wird.
Zweitens ist die Strategie, mit der ­Europa dieses Nachfragedefizit überwinden will, das exportbasierte Wachstum. Deutschland wird einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen und weigert sich, mit öffentlichen Ausgaben die Nachfrage im Euroraum zu erhöhen. Südeuropa und Frankreich setzen Arbeitsmarktreformen um (wenn auch langsamer als gewünscht). Die Folge ist, dass in Südeuropa die Löhne sinken, die Wettbewerbsfähigkeit steigt und die Kaufkraft abnimmt. Wachstum kann in diesen Ländern nur durch den Export entstehen. In Europa werden in den nächsten Jahren voraussichtlich ein immer grösseres Konsum­defizit und ein immer unerbittlicherer Wettbewerb um Exportchancen die Lage bestimmen. Genau in der Mitte dieses immer härter umkämpften Absatzmarktes liegt das Land, das unter allen entwickelten Volkswirtschaften die höchsten Aussenhandelsüberschüsse und damit die höchste Exportabhängigkeit aufweist: die Schweiz.
Dass der helvetische Aussenhandel unter Druck kommt, zeigt sich schon heute an der Währungsfront. Seit die Nationalbank im Herbst 2011 den Mindestkurs von 1.20 gegenüber dem Euro festgelegt hat, konnte ein gerade noch vertretbarer Wechselkurs gehalten werden. Möglich war dies aber nur, weil die SNB massive Devisenkäufe tätigte und ihre Bilanz auf knapp 500 Milliarden Franken, also auf über 80 Prozent des Schweizer BIP verlängert hat. In den Jahren 2012 und 2013 konnten die Währungsreserven stabil auf diesem Niveau gehalten werden, doch seit dem Mai 2014 kommen die Dinge wieder ins Rutschen. Bis Ende August (gemäss den letzten veröffentlichten Zahlen) stieg die SNB-Bilanz auf 522 Milliarden – und das ist erst der Anfang. Die europäische Zentralbank dürfte wie angekündigt der Deflationsgefahr im Euroraum mit gigantischen Geldspritzen entgegentreten. Der Euro wird dadurch weiter geschwächt werden. Wenn die SNB den Mindestkurs verteidigen will, wird sie deshalb massiv Devisen zukaufen müssen. Wie weit kann sie gehen? Wie lange kann sie das durchhalten?
Wichtige Pharmaindustrie
Die Wettbewerbsposition der Schweizer Industrie wird sich so oder so verschlechtern. Erstens kann sie heute kaum mehr vom Zinsvorteil profitieren, den sie immer genossen hat. In einer Null-Zins-Welt kann sich auch die ausländische Konkurrenz zu Discountpreisen refinanzieren, jedenfalls in Nord­europa. Zweitens wird die Lohnentwicklung relativ zum Ausland zu einem zunehmenden Problem: In der Schweiz sind von 1999 bis 2013 die Lohnstückkosten in Euro umgerechnet um 50 Prozent gestiegen. In Deutschland stiegen sie im selben Zeitraum um etwas über 10 Prozent. Werden wir längerfristig auf die europäische Lohnzurückhaltung einschwenken und den Binnenkonsum schwächen oder weiter internationale Wettbewerbsfähigkeit verlieren? Eine delikate Frage, die beantwortet sein will.
Einen gewissen Schutz vor kommenden Verwerfungen bietet die Tat­sache, dass die Schweizer Exportwirtschaft spezialisierte Nischen besetzt. Die bei weitem grösste Bedeutung kommt dabei der Pharmaindustrie zu, seit der Restrukturierung des Bankensektors mehr denn je. Aber kann die Basler Chemie in Basel bleiben, gege­benenfalls ohne Personenfreizügigkeit? Auch das ist eine nationale Schicksalsfrage. Die Antwort ist leider vollkommen offen.