Mevlâna Böyle Dedi

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Spät schlich ich ins Bett, verbrechergleich war ich durch den Flur gegangen, einem Seiltänzer gleich schritt ich über die Dielen ins Zimmer, nichts knarrte, nichts quietschte, auch die Bettfedern nicht, als ich mich zwischen Leintuch und Bettzeugs schob, mich so langsam in das Bett legte, als wäre ich mit Nitroglycerin gefüllt.
Trotzdem wurde meine Frau wach und murmelte aus dem weichen Bau des Bettes mit geschlossenen Augen: «Was hast du noch gemacht? Wie spät ist es?» Und ich sagte ihr: «Spät. Schlaf nur weiter.» Aber sie stützte sich nun auf und fragte erneut, worauf ich sagte: «Was ich gemacht habe, so lange? Das errätst du nie.» Aber sicher errate sie es, sagte sie, worauf ich erwiderte, ich würde eine Wette eingehen, ich würde alles verwetten, was ich besitze, sie würde niemals daraufkommen. «Aber wir sind verheiratet, was du besitzt, das gehört mir schon.» – «Hm», machte ich, «das stimmt, aber etwas wirst du nie besitzen, nämlich das Wissen, was ich zuvor gemacht habe, als du schon geschlafen hast.» Und ich beschloss, es ihr nie zu verraten. Niemals. Wie jede Nacht legte ich noch meine Armbanduhr ab, die Zeiger und Ziffern leuchteten irrsinnig hell in der Dunkelheit. Es war drei Uhr morgens.
Es gibt Momente, da sitzt man auf dem Sofa und weiss, man sollte zu Bett gehen. Das Licht des Fernsehers ist nicht gut für den Menschen, das des Computers auch nicht, denn der Körper meint, man starre in die Sonne, es sei Tag, und die Jungs und Mädchen von der Melatoninfabrik in der Zirbeldrüse im Zwischenhirn zucken bloss mit der Schulter und sehen kein Bedürfnis, die Produktion des Schlafhormons hochzufahren. Sie machen weiter Pause. So ermüdet zwar der Körper unter der Last des tagsüber Getanen, aber der Geist geistert weiter, flackernd wie die blaue Flamme eines Gartengrills, kurz bevor das Gas ausgeht.
Man sitzt also auf dem Sofa, den aufgeklappten Computer auf dem Schoss wie einen jungen Labrador, und schaut sich in der Welt um. Konfiguriert auf der Homepage von Bugatti einen Wagen in halb «Orange Infernale», halb «Orange Tibet». Man kontrolliert zum vierten Mal die Lottozahlen der Abendziehung (vielleicht hat es ja eine Korrektur gegeben). Obwohl man weiss, dass es klüger wäre, ins Bett zu gehen, noch in einem Buch zu lesen, gibt man sich den sinnlosesten Dingen hin, als wohne in einem drinnen ein renitenter Teenager, der etwas nicht tun will, bloss weil das Sinn macht, was er tun sollte. Und das alles nur, weil man zu müde ist, um ins Bett zu gehen. Ich dachte schon, ich rufe einfach die 144 an und frage, ob sie mich ins Bett bringen könnten. Und wieder einmal klebte ich einen Post-it-Zettel an meine Hirnrinde: «Digitale Ausgangssperre nach 19 Uhr einführen, gleich morgen!»
Und als ich gar nicht mehr wusste, was ich tun sollte, als mir einfach nichts mehr einfallen wollte, wo ich im Internet noch herumlungern könnte, da hörte ich mir im iTunes Store indianische Kriegstänze an, stiess so auf die Oglala Sioux Singers und durch sie über Umwege (klick, klick, klick) kam ich zu Metin Alatli.
Von Metin Alatli hatte ich in meinem Leben zuvor noch nie gehört, aber was ich hörte im halben Koma, in dem ich mich befand, war aussergewöhnlichst. Psychedelische türkische Synthesizermusik aus den 70er-Jahren, als die elektronischen Musikinstrumente aussahen wie Telefonzentralen in Schwarz-Weiss-Filmen und klangen wie Käfige voller geprügelter Vögel aus einer fernen Galaxie. Die Lieder von Metin Alatli trugen verheissungsvolle Titel wie «Beyo?lunda Gezersin» oder «Silemezler Gönlümden» oder «Mevlâna Böyle Dedi» und sie tönten, als hätte mir jemand eine kräftige Portion C20H25N3O in den Abendtee gemischt.
Es war etwas, was ich im Leben zuvor noch nie gehört hatte, was mich mit einer gewissen Zufriedenheit erfüllte, die mir die Energie gab, mich vom Sofa zu erheben und endlich ins Bett zu gehen. Und niemals würde meine Frau herausfinden, was ich getan hatte in dieser Nacht. Dass ich den wundersamen Klängen von Metin Alatlis synthetischen Zaubermaschinen gelauscht hatte.
Es tut gut, ein Geheimnis zu haben und mit ihm ins Bett zu gehen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht entglitt ich der wachen Welt.

Wenn von «Jüdischen Kreisen» die Rede ist

Gerigate hat sich von einer albernen Provinzposse zum gravierenden Politskandal ausgewachsen. Dass in der Schweizer Politik mit immer härteren Bandagen gekämpft wird, ist keine neue Erkenntnis. Dass nun aber ein Bündel Indizien den Verdacht nährt, politische Gegner Geri Müllers ver­suchten den Ruf des Stadtammanns und Nationalrats mit zugetragenen, privaten Nacktfotos zu zerstören, ist eine neue Eskalationsstufe der Ruchlosigkeit.
Wer es als wünschenswert erachtet, dass politische Auseinandersetzungen von bigotten Boulevardjournalisten und windigen Spin-Doktoren beherrscht werden, der darf erfreut sein über Müllers Sturz. Wer glaubt, dass politische Konflikte in öffentlichen Debatten und mit offenem Visier aus­zufechten sind, der kann nur hoffen, dass nicht nur die Zielperson, sondern auch die Initiatoren von Gerigate einen vernichtenden Reputationsverlust erleiden.
Ich habe nicht das geringste Verständnis für Geri Müllers Hamas-Sympathien. Selbst Sacha Wigdorovits attestierte dem «Magazin» in einem Vortrag vor der Handelskammer Schweiz-Israel eine «immer wieder proisraelische» Berichterstattung. Es geht hier nicht um die Frage, wer sich wie positioniert bezüglich des Nahostkonflikts. Es geht um die Frage, ob Minimalstandards der Fairness im Medien- und Politiksystem unseres Landes gewahrt bleiben.
Die Sonntagspresse hat weitere Informationen darüber geliefert, welche Rolle Sacha Wigdorovits und Josef Bollag gespielt haben in der zwielichtigen Angelegenheit. Doch vieles bleibt ungeklärt. So schafft es Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Sonntag» und Enthüller der Geri-Story, in einer langatmigen Selbstrechtfertigung und einer Zusammenfassung der Affäre kein Wort darüber zu verlieren, welche Informationen ihm PR-Mann Wigdorovits tatsächlich zugespielt hat. Wäre es nicht die Basisleistung seriöser Publizistik, relevante Informationen offenzulegen? Besonders in eigener Sache?
In einem Punkt hat Patrik Müller allerdings recht: Es ist höchst irritierend, dass der Schweizer Blätterwald nun widerhallt von Theorien über die Intrigen «jüdischer Kreise». Einige Publikationen vergreifen sich im Ton. Es gibt keine Intrigen «jüdischer Kreise». Es gibt einen sehr unappetitlichen Skandal, in den die Juden Sacha Wigdorovits und Josef Bollag verwickelt sind. Beide sind im übrigen durch aktives Pro-Israel-Lobbying, das sie über ihre Stiftung Audiatur betreiben, in der Öffentlichkeit präsent. Doch weder Bollag noch Wigdorovits können den Anspruch erheben, das Schweizer Judentum zu vertreten.
Bei Wigdorovits, der als PR-Experte fürs Unzimperliche landläufig bekannt ist und nie ein repräsentatives Amt innehatte, erscheint das selbstevident. Bollag hingegen ist zwar Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Baden, doch diese distanziert sich in einem scharfen Communiqué von der «politischen Auseinandersetzung zwischen Dr. Bollag und Herrn Stadtammann Müller».
Bollag hatte ausserdem bis 2008 das Amt des Vizepräsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes inne. Mehrere Quellen bestätigen, dass er 2008 gern zum Präsidenten des SIG gewählt worden wäre, dass er aber auf starke Ablehnung stiess und stattdessen aus der Geschäftsleitung ausschied. Einer der Gründe, weshalb Bollag das Vertrauen des SIG verlor, lag darin, dass er verantwortlich war für die Aktivitäten von «Media Watch», einer Lobbying-Gruppe, die mit nichttransparenten Undercover-Methoden Ein­fluss nehmen wollte auf die Israel-Berichterstattung in der Schweiz. Der SIG betrachtet Öffentlichkeitsarbeit zugunsten Israels selbstverständlich als eine seiner Aufgaben, aber verdeckte Operationen und James-Bond-Methoden lehnt er ab. Die jüdische Wochenzeitung «Tachles» beschrieb die SIG-Vizepräsidentschaft Bollags als eine «Ära der Flops, des Misstrauens, intransparenter Verbandsarbeit und ethisch fragwürdiger Agitation in einer Mentalität von Angst und Paranoia». Bollag ist immer wieder juristisch gegen «Tachles» vorgegangen, auch gegen diese Passage, konnte jedoch nie einen Prozess gewinnen. Er ist nicht der Repräsentant einer «jüdischen Verschwörung». Ganz im Gegenteil: Das Schweizer Judentum hat Bollag aufgrund seiner Neigung zu kon­spirativen Methoden schon vor Jahren die Repräsentationsfunktionen entzogen.
Bollag und Wigdorovits erscheinen im Grunde als tragische Figuren. Ihren Eifer für die jüdische Sache kann niemand infrage stellen. Doch ihre Verstrickung in Gerigate könnte das Schweizer Judentum schwerer schädigen, als es ein antizionistischer grüner Stadtammann und Nationalrat in seinem Leben je vermocht hätte.

Das Heu in der Suppe

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Es wird Heu gemacht in diesen Tagen. Über den Wiesen liegt würziger, zupackender Sommergeruch. Die Traktoren rasen mit Anhängern, auf denen sich getrocknetes Heu türmt, über schmale Feldwege. Jetzt muss es schnell gehen mit dem Einbringen des gerade getrockneten Grases. Bald wird es regnen, und es ist noch viel Stoff draussen auf den Wiesen.

Während die Bauern hyperventilieren, blähen wir, vielleicht mit einem Rucksack in derselben Landschaft unterwegs, geniesserisch die Nasenflügel: Gibts einen Geruch, der dem von an der Sonne getrocknetem Heu gleichkommt? Der Duft enthält alles: das Motiv der Verwandlung, wie ein Natur- zu einem Kulturgut wird; die permanente Überraschung, wenn die unzähligen Kräuter ihre ätherischen Öle an den Augenblick verschenken, in dem wir sie wahrnehmen können; Johanniskraut, Oregano, wilde Minze und viele andere, die wir ohne das «Grosse Pflanzenbestimmungsbuch» nicht richtig benennen könnten. Grossen Anteil an der Würze des Geruchs hat übrigens das etwas rätselhafte Kumarin, ein aromatischer, sekundärer Pflanzenstoff, der bei der Heutrocknung eine Hauptrolle spielt.

Wie kompliziert es ist, Gras in Heu zu verwandeln, spiegelt sich im Hyperventilieren der Bauern. Mindestens 80 Prozent der Biomasse müssen trocken sein, damit das Heu als solches gelten kann und die Ernte von den Wiesen konserviert. Es ist kein Zufall, dass die komplizierten, vielschichtigen Arbeitsgänge, die dafür notwendig sind, viele Produzenten abschrecken. Die Maschinen, die Heuballen aufnehmen und gleichzeitig in Plastikfolien verpacken, sind populär. Die Siloballen haben freilich mit dem getrockneten Heu nicht viel gemeinsam: In ihrem Inneren gärt es, und es ist der Milch (und allen Folgeprodukten) anzuschmecken, ob Kühe mit getrocknetem Heu oder mit Siloheu gefüttert werden. Die Fermentierung des gemähten Grases spiegelt sich eins zu eins in der Milch; ich kann nur empfehlen, Milch und Käse von Kühen, die mit getrocknetem Heu gefüttert werden, jedem anderen Produkt vorzuziehen – entschuldigen Sie bitte die Abschweifung.

Ich wollte nur vom Geruch des Heus schwärmen, und es dauerte – bis es mich ins Entlebuch verschlug –, dass ich auf die Idee gekommen wäre, dass dieser Geruch auch in ein Gericht, also in handfestes Essen, zu übertragen sein müsste: Auf der Karte des Rössli in Escholzmatt steht ein Gericht namens «Heusuppe» – und diese Suppe hat die Ambition, jenes erstaunte, optimistische Grundgefühl, das uns überkommt, wenn wir in eine Wolke frischen Heugeruchs geraten, augenblicklich wiederherzustellen.

Die erste grosse Überraschung: Es gelingt ohne Abstrich. Zweite grosse Überraschung: Die Sensation ist kinderleicht selbst herzustellen (wobei «kinderleicht» nicht unbedingt für das Gericht selbst gilt, aber ich will nicht vorgreifen). Stefan Wiesner, der Wirt im Rössli, stellt aus bestem Sommerheu und dazu kongruenten, getrockneten Kräutern eine klein gehäckselte Mischung her, die anschliessend wie der Inhalt eines Teebeutels verwendet wird. Hier das Rezept:


Zutaten: 1,5 l Rahm, 0,5 l Kalbs- oder Geflügelfond, 0,15 l Schaumwein, 17 g Heu- und Kräutermischung.

Rahm und Fond werden zusammen aufgekocht, anschliessend kommt das Heu in die Suppe – wie Tee ins Wasser. Vier Minuten ziehen lassen, dann sofort durch ein feines Sieb abgiessen. Kurz vor dem Servieren den Schaumwein zu­­geben und noch einmal kurz aufkochen. Mit Salz und Pfeffer würzen.


Wiesners Kräutermischung ist über www.stefanwiesner.ch zu bestellen; man kann die Mischung aber auch jederzeit selbst aus frischem Heu zubereiten, sofern es von unbehandelten Biowiesen stammt. Der Effekt ist erstaunlich. Der Sommer ist da. Und bleibt. Und bleibt.

 

Illustration: Alexandra Klobouk

Der Volkspädagoge

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Kaum ein Linker findet so viel Resonanz in der Bevölkerung wie Rudolf Strahm.

Nur in seiner eigenen Partei ist er unbeliebt. Warum?


Text  MARTIN BEGLINGER
Bild  ANDRI POL
Über Privates spricht er ungern, und auch der Hausbesuch eines Journalisten ist ihm zunächst nicht geheuer. «Aber i wott de ke Homestory!» Das wäre auch nicht sehr ­ergiebig. Sein kleines Reihenhaus in der Berner Vorortsgemeinde Herrenschwanden ist rasch beschrieben. Aussen von üppigem Grün überwuchert, innen bis unters Dach mit Papier gefüllt – Bücher, Ordner, Mappen, alles sorgsam geordnet und beschriftet. Nun stehen noch ein Spielzelt im Wohnzimmer und ein Kinderbett im Büro, seit er «Nonno» ist und einmal pro Woche seine Enkelin hütet.

«Ich bin jetzt Veteran», kokettiert Rudolf Strahm, der frühere SP-Nationalrat und Preisüberwacher. Sein Haar ist schlohweiss, aber mit seinen 71 ist er drahtig wie mit 31 und packt jeden Tag, als wärs sein letzter. Um neun hat er die tägliche Joggingrunde im nahen Wäldchen längst abgespult. Zudem geht er wahlweise schwimmen, wandern, tauchen, im Herbst in die Wüste, im Winter aufs Eis und einmal pro Monat – wer würde das vermuten – auf den Tanz (früher Afro, heute Oldies aus den Sixties).

Doch in den letzten Monaten war wenig Zeit dazu. Er musste schreiben, sein neues Buch zu Ende bringen, unbedingt! Es heisst «Die Akademisierungsfalle» *, ein Herzensthema, aber das sind ohnehin alle seine zwölf Bücher – wie auch jede einzelne Kolumne, die er für den «Tages-Anzeiger» und den «Bund» schreibt.

 

Hundert Auftritte – pro Jahr
Und das ist längst nicht alles: Der Mann hält Vorlesungen an den Universitäten Bern und Freiburg, er gibt Weiterbildungskurse an Schulen, alles in allem ist er gegen hundertmal pro Jahr im Land unterwegs, um Leute aufzuklären, sie mit Zahlen, Grafiken, Argumenten von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen.

Wer all dies auf sich nimmt, muss ziemlich getrieben sein, ein Missionar gar. Rudolf Strahm bevorzugt einen andern Begriff. Er versteht sich als Aufklärer, als «Volkspädagogen», wie er sich selber einmal nannte. Das heisst zunächst: Fakten vor Ideologie. Und es heisst nicht zuletzt: «Kein akademisches Geschwurbel. Ich will verstanden werden.»

Das wird er, oben wie unten. Seine direkte, kraftvolle Sprache kommt an. Strahm wird gehört wie kaum ein anderer politischer Kolumnist in der Schweiz. Er diskutiert im kleinsten Kreis mit Bundesrätinnen, er trifft regelmässig Regierungsräte, Chefbeamte und manchmal auch Grossbankpräsidenten zum vertraulichen Gespräch. Zugleich erhält er Aberhunderte von Mails und Briefen, und Tausende liken seine Kolumnen auf den Onlineforen.

Nur die Exponenten seiner eigenen Partei mögen ihn gar nicht. Entweder sie schweigen, oder sie schimpfen. Präsident Christian Levrat stellt sich taub, wenn der Oberlehrer Strahm sich meldet, andere weichen aus. Es gibt beinah schon einen Anti-Strahm-Re­flex in der Partei, und man könnte den Rest dieses Artikels problemlos mit den Krächen füllen, die Strahm früher mit Peter Bodenmann ausfocht und später mit der machtbewussten Susanne Leuten­egger Oberholzer, genannt SLO, die fraktionsintern noch schärfer austeilt als früher Bodenmann, ihr langjähriger Buddy in Bern. «Peterli, du abgschlag­ne Lügner!» – «Rüedu, du hüere Protestant!» Und SLO sagte es einmal so (in der «Tageswoche»): «Gegner wie Strahm waren ein totaler Ansporn, mich zu behaupten.» So tönte das unter Parteifreunden, es waren Jahre der Führungs- und Richtungskämpfe, Jahre voller Gift und Galle.

Ausserhalb seiner Partei mochte er noch so gut ankommen, innerhalb hatte er nie grosse Karrierechancen, weder als Fraktionschef noch als Regierungsrat. «Zu wenig linke Rhetorik», meint er.

Doch es ist nicht nur das. Es geht auch um Inhalte. Die Parteilinke lastet Rudolf Strahm eine entscheidende Mitschuld an zwei historischen Niederlagen an. Die erste war die EWR-Abstimmung 1992, die «Blochers halblinker Schneepflug» (Bodenmann) mit seiner EWR-skeptischen Analyse «Europa-Entscheid» zu Fall gebracht habe. Mit diesem Buch, sensationelle 40 000 Mal verkauft, konnte Strahm sein Reihenhaus abzahlen, aber es kostete ihn sämtliche Sympathien der linken EU-Befürworter.

Die zweite Abstimmung war jene vom 9. Februar 2014 über die Masseneinwanderung. Strahm schrieb eine einzige Kolumne dazu und gab ein Interview, worin er sich zwar nicht direkt zu einem Ja bekannte («das hätte ich Blocher nicht gegönnt»), aber er lieferte seine linken Argumente gegen einen «völlig liberalisierten Personenverkehr». Das Wesentlichste: Der Bundesrat unternehme nichts, um die realen Sorgen der Bevölkerung wegen der starken Zuwanderung zu entschärfen.

 

Die Hinrichtung
Nun gab es kein Halten mehr gegen den «Emmentaler Täuferbuben». Ein einziger «Blocher’scher Erguss!» sei das, «SVP-Politik mit allen Ressentiments!», «Rassistisch!», giftete die Chefredaktorin der Ge­werkschaftszeitung «Work» gegen ­Strahm, der früher selber einmal Gewerkschaftsfunktionäre ausgebildet hatte. Strahm war gekränkt wie selten und wähnte sich in einem politischen Schauprozess – eine journalistische Hinrichtung zwecks Abschreckung von Gleichgesinnten. Es war nur ein halber Trost, dass seine Mailbox gleichzeitig mit Glückwünschen und Durchhalteparolen überquoll und ihm ein Unia-Funktionär hinterher gestand: «Die Hälfte meiner Leute hat Ja gestimmt.»

Diese Attacken zeigen vor allem eines: Dem Veteranen Strahm wird offensichtlich ein Einfluss zugeschrieben wie kaum einem amtierenden SP-Parlamentarier.

«Ich werde überschätzt», sagt Strahm dazu. Aber man merkt sofort, dass er das selber nicht glaubt, so zögerlich sagt er es. Er weiss sehr wohl um seine Wirkung. «Wenn ich ins Volk rufe, dann glaubt man mir mehr als Levrat!», hielt er anderen Genossen auch schon in heiligem Zorn entgegen.

Klar, umpolen kann er niemanden. So schrieb er sich zum Beispiel die Finger wund für die Mindestlohninitiative – völlig chancenlos. Aber er kann Meinungen verstärken. «Das dachte ich schon lange, endlich schreibts mal einer»: Diese Reaktion hört er oft, vor allem aus dem traditionell sozialdemokratischen und dem moderat bürgerlichen Publikum, und dieses spielt an der Urne oft eine entscheidende Rolle.

Jetzt also das neue Buch: «Die Akademisierungsfalle». Es ist ein Lob auf die Berufsbildung, auf den ersten Blick nicht grad ein Aufregerthema, doch in den 230 Seiten steckt Zunder. Er ahnt, dass allein schon der Titel neuen Zoff absetzen dürfte. Es wäre nicht das erste Mal, auch unter echten und nicht nur unter Parteifreunden.

Einige von ihnen, die er jeden Dienstag zum Nachtessen trifft, darunter Akademiker aus dem Bildungsbereich, waren schon 2011 stinksauer, als Strahm im «Magazin» das Buch «Handwerk» des Soziologen Richard Sennett lobte. Endlich hatte mal ein hoch respektierter In­­tellektueller die praktische Intelligenz der Handarbeiter gepriesen und den aka­demischen Bildungskatechismus infrage gestellt. Strahm schrieb: «Unsere Bildungspolitiker, die sich in ihrer Hilf­losigkeit immer mehr auf standardisierte IQ-Tests, Pisa-Ratings und Befragungsraster berufen, stehen nach diesem Buch mit verkürztem Kopf in der Landschaft.»

Seither ist dieses Thema in Strahms Dienstagsclub tabu. Dem Frieden zuliebe.

Dabei hasst Strahm weder Akademiker noch Intellektuelle. Er, der studierte Nationalökonom, ist ja selber einer, sein Sohn ist Informatiker. Strahm ärgert sich nur über die «geistig schmalbrüstige Mainstream-Erziehungswissenschaft», die lange so tat, als sei die Matura alles und eine Berufslehre fast nichts.

 

Langsam dämmerts
Neu ist seine Haltung keineswegs, er weibelt seit zwanzig Jahren für die berufliche Aus- und Weiterbildung. Neu ist nur, dass er seit der Finanzkrise nicht mehr so allein mit dieser Ansicht steht. In den Schweizer Medien erhält er mittlerweile breiten Raum für seine Thesen, und selbst in der OECD dämmert es langsam einigen, dass italienische Maturaquoten von 75 Prozent womöglich nicht der Weg ins Paradies sind, sondern in eine Jugendarbeitslosigkeit von 40 Prozent führen. Wie in Frankreich, Spanien, Griechenland oder Grossbritannien. Offensichtlich produzieren diese Bildungssysteme an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbei, die brutale Zeche bezahlt Europas arbeitslose Jugend.

Statistik um Statistik belegt Strahm, wie die Länder mit einem dualen Berufsbildungssystem wirtschaftlich durchwegs besser abschneiden als jene ohne. Das sind, nebst der Schweiz, vor allem Deutschland und Österreich, teils auch die Niederlande und Dänemark. Alle diese Länder haben markant weniger junge Arbeitslose. Kein Zufall also, dass auch Präsident Obama 2013 das deutsche Berufsbildungssystem zum Vorbild für die USA ausrief.

In fast jedem dieser internationalen Vergleiche liegt die Schweiz vorne, der Bund hat 2014 zum offiziellen Jahr der Berufsbildung erklärt, und Strahm selber erklärt die Schweizer Kombination von betrieblicher Berufsausbildung und staatlicher Berufsfachschule mittlerweile gar im chinesischen Fernsehen.

Er könnte also gelassen sein. Ist er aber nicht.

Rudolf Strahm fürchtet, auch die Schweiz könnte in die Akademisierungsfalle geraten. Die Matura ist begehrt wie nie, die Geisteswissenschaften sind überlaufen, während es an Ärzten, Ingenieuren und Pflegepersonal fehlt, welche die Schweiz aus dem Ausland holt. Strahms Dauermahnung: «Der Fachkräftemangel ist hausgemacht!»

Seine eigene Partei sieht er bereits mitten in der Akademisierungsfalle. Ihre Sprache, ihre Themen – «alles zu elitär» für Strahm. «Das ist nicht böser Wille, sie kennen es nur nicht anders.» Schon als Nationalrat klagte er, dass die wenigsten Parlamentarier eine Ahnung von der Berufsbildung hätten, ganz besonders in seiner eigenen Fraktion. Wie denn auch, wenn die meisten an der Uni studiert haben? «Sehr viele Exponenten der SP-Fraktion sind nach dem Studium mehr oder weniger direkt Berufspolitiker geworden. Die eigene Erfahrung in einem Betrieb fehlt.»

Die Welt der Lehrlinge, ob in der Industrie oder bei den Dienstleistern, interessierte Strahms Fraktionskollegen nie wirklich. Denn es ist meistens die Welt der KMU, der Gewerbler, und dieses Milieu riecht für viele Linke schwer nach – SVP. «Mit der Berufslehre produzieren wir SVP-Wähler», sagte eine welsche SP-Nationalrätin einmal zu Strahm. Deutlicher ist das Ressentiment nicht zu formulieren.

Nicht, dass er selber ein vorbehalt­loser Freund aller Gewerbler wäre, die er weiss Gott kennt von all seinen Referaten und Streitereien in seiner Rolle als Preisüberwacher. «Elende Blockierer» seien sie, «jaaaa, und manchmal ganz unmögliche Typen», die von staatlichen Mindestlöhnen und mehr Arbeitnehmerschutz, wie Strahm sie will, meist null und nichts halten.

Aber deshalb hält er nicht gleich jeden Lehrmeister für einen Rassisten, wenn der mal einen «Jugo» im Betrieb zusammenstaucht. Und vor allem «sind die Gewerbler nun mal die Träger dieses Berufsbildungssystems, und sie haben auch schon manch unmöglichen Kerl als Lehrling eingestellt». Gewerbler, sagt Strahm, seien immer wieder «erstaunlich gute Hosensackpsychologen, die 15-jährige Schnösel einstellen, welche nur Probleme mit den Eltern, der Freundin und dem Töffli haben. Doch am Ende der Lehre sind zuverlässige junge Fachmänner mit guten Perspektiven aus ihnen geworden.»

 

Die kulturelle Kluft
Die Akademisierungsfalle ist das eine. Für Strahm steckt aber noch weit mehr dahinter, nämlich eine «kulturelle Kluft». Damit meint er einen tiefen – und wachsenden – Graben zwischen akademischer Bildungselite und breiter Bevölkerung. Hier liegt womöglich der grösste Zunder in seinem Buch begraben. Er schreibt: «Der Bildungsdünkel der universitären Elite (in der auch ich mich beruflich und als Dozent bewege) ist kulturell ein Kampf um Deutungshoheit und Herrschaft. Universitäre Forschung, akademische Titel, wechselseitige Zitationen, Schwurbelstile und Geringschätzung gegenüber allem, was nicht zur Bildungselite gehört, sind letztlich Herrschaftsinstrumente.»

Für eine Akademiker- und vor allem eine Geisteswissenschaftlerpartei, wie es die SP mehr als jede andere Partei ist, wirken solche Sätze wie eine Stinkbombe von rechts, auch wenn Begriffe wie «Deutungshoheit» und «Herrschaftsinstrument» aus dem Denkmuster von links stammen.

Jüngere und akademisch gebildete Linke, hat Strahm die Erfahrung gemacht, «verstehen gar nicht, wovon ich hier rede». Und das ist genau das Problem: «Die Bildungselite, die es gut meint, realisiert nicht, dass sie mit ihrer hochgestochenen Sprache in der Bevölkerung nicht ankommt.» Diese «Entfremdung» erinnert ihn an die Berner Aristokratie des 19. Jahrhunderts. «Die glaubten auch, sie wollten nur das Beste für das Volk. Und merkten nicht, dass sie sich immer mehr von ihm entfernten.»

Der Abgrund offenbart sich für Strahm in Bildungsfragen wie dem Lehrplan 21 oder dem Fremdsprachenstreit, ebenso in den Debatten über Europa und Ausländer, ja «überall dort, wo es um Wert- und Weltanschauungsfragen geht». Die Kluft spaltet das Land, seine Partei, ja Strahms eigenen Freundeskreis.

Aber der Veteran mag jetzt keine grossen Rücksichten mehr nehmen. Wenn der Club Helvétique – darunter auch mehrere seiner linken Freunde – jene 51 Prozent der Stimmenden tel quel als «Scheuklappenschweizer» abserviert, die Ja zur Masseneinwanderungsinitiative gesagt haben, dann packt Strahm die Wut über dieses «elitäre Manifest»: «Das sind nicht alles Abschottungsbürger!»

Er fürchtet nur, dass er auch diesmal nicht verstanden wird, sondern gleich mitschubladisiert als «Scheuklappenschweizer». Als verkappter Blocherianer.

Das ist die zweite grosse Falle, vor der er seit langem warnt: «die Blocherfalle». In einer Kolumne schrieb er, der Blochers Abwahl für richtig hielt: «Zu mindestens 50 Prozent haben sich die Linken und die Bürgerlich-Liberalen den blocherschen Machtzuwachs selber zuzuschreiben! Weil sie vorhandene Probleme des Landes immer so lange verdrängten, bis es nicht mehr anders ging und Blocher das Terrain schon besetzt hatte.»

Sehr ähnlich sieht das Helmut Hubacher, der selber eben ein Buch über den Umgang mit Blocher ** geschrieben hat.

Nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative entdeckte Strahm in der Vox-Analyse den Beleg dafür, was er bereits von vielen Berufsberatern gehört hatte: dass die 50- bis 58-jährigen Schweizer mit mittleren Qualifikationen zunehmend schlechte Jobchancen gegenüber Jungakademikern aus dem Ausland haben. Die Folge davon: Überdurchschnittlich viele lehnen den freien Personenverkehr ab.

Wieder eine Kolumne, auf die er mehr als hundert Mails erhielt, die allermeisten zustimmend, auch ein paar ablehnende von Politologen, und er fragt sich, warum denn nicht seine Partei solche Fragen zum Thema macht. Die Antwort: weil sie in der Blocherfalle steckt.

Wie der Volkspädagoge Rudolf Strahm derart zwischen alle parteipolitischen Stühle geraten konnte – seiner SP zu rechts, der SVP zu links, der FDP zu etatistisch und der CVP zu protestantisch –, ist nur durch seine Herkunft zu erklären. Eben, der «Täuferbub aus dem Emmental». Sein Vater war Mitglied einer Freikirche, Primarlehrer und Chorleiter, die Mutter stammte aus einer Kleinbauernfamilie. Ruedi, ältestes von fünf Kindern, im Kriegsjahr 1943 in diese gotthelfsche Arbeit-Fleiss-und-Glaube-Welt hineingeboren, machte 1959 eine Chemielaborantenlehre im fernen Basel. Danach studierte er Chemie am Technikum Burgdorf und ging 1966 wieder zu Geigy nach Basel. Dort erklärte ihm der Personalchef, der spätere FDP-Nationalrat Paul Wyss, wer bei ihnen etwas werden wolle, müsse zusätzlich Betriebswirtschaft studieren und Offizier werden.

 

Der Student Strahm
Also wurde der junge Strahm Offizier und begann mit 25 Wirtschaft an der Uni Bern zu studieren. Volkswirtschaft. Doch an seinem ersten Studientag wurde gleich gestreikt, es war Mai 1968, die Studenten gingen für Studienreformen und Ho Chi Minh auf die Strasse.Und mittendrin der Rüedu, Täufersohn, Chemiker und Offizier – jene Mischung, aus der einer der sonderbarsten Schweizer Achtundsechziger entstehen sollte: ein linker Patriot, ein säkularisierter Protestant mit starkem Gerechtigkeitsempfinden.

Strahm habe sich zwar von seinem christlich-kleinbürgerlich-konservativen Milieu emanzipiert, schreibt sein Freund Peter Hablützel (der frühere Chef des Eidgenössischen Personalamtes) in einem Essay ***, aber ohne eine nachhaltige Aversion dagegen zu entwickeln. Nicht einmal gegen die Kirche. Er ist zwar längst «areligiös», aber ausgetreten ist er nie. Als einer der ersten Schweizer Linken hat er sich mit kirchlichen Hilfswerken wie Fastenopfer und Brot für Brüder in der Entwicklungshilfe engagiert und später die ersten Drittweltläden gegründet («Jute statt Plastik»).

Strahm sieht durchaus eine Verbindung zwischen den Emmentaler Täufern und den Achtundsechzigern: die Aufmüpfigkeit gegen die Obrigkeit, ob gegen die hohen Herren von Bern oder gegen die Amerikaner. Oder gegen die Übermacht der grossen Wirtschaftskonzerne.

Von Parolen wie «Überwindung des Kapitalismus» hält er zwar nichts und von einem bedingungslosen Grundeinkommen auch nicht viel – er ist einfach zu bodennah für solche «Träumereien». Wohl aber trat er früh gegen die wirtschaftliche Übermacht der Konzerne an. Gegen Nestlé (unterstützt vom jungen Zürcher Anwalt Moritz Leuenberger) oder gegen die Banken («noch vor Jean Ziegler»). 1970 schrieb er seinen ersten Artikel gegen Kapitalflucht, 1976 arbeitete er an Zieglers erstem fulminantem Buch mit, «Une Suisse au-dessous de tout soupçon», und 1978 holte ihn Helmut Hubacher als Zentralsekretär in die SP, wo er als Erstes Unterschriften für die Bankeninitiative zu sammeln begann.

Hubacher ist der einzige Ex-Präsident, mit dem er sich meistens gut verstand (sie waren soeben gemeinsam an den Thunerseespielen), und Jean Ziegler ist noch heute so von ihm angetan, dass er im gleichen Gewerkschaftsblatt, das Strahm eben noch journalistisch massakriert hatte, vorschlug: «Enteignet die Grossbanken! Rudolf Strahm als UBS-Präsident!» Der Unterschied zwischen Strahm und Ziegler ist nur, dass Strahm von CS-Präsident Urs Rohner innerhalb eines Tages zum Gespräch nach Zürich eingeladen wird, nachdem er öffentlich dessen Rücktritt verlangt hat.

Rudolf Strahm hat drei grosse Vorteile nach vierzig Jahren im politischen Geschäft: Er kennt seine Dossiers, er beherrscht die Mechanik der Macht, und er kennt das Personal. Doch Letzteres wechselt rasch, vor allem im Parlament, und dort ist niemand scharf auf ruhelose und rechthaberische Veteranen, die ihnen vor dem Licht stehen. Im Gegenteil: Liegt Strahm einem Nationalrat wegen der Berufsbildung oder sonst was in den Ohren, dann kann sein Furor rasch kontraproduktiv werden («Nid scho wieder dää . . .»).

 

Mit der Macht per Du
Sein Trumpf bleibt seine breite Resonanz in der Bevölkerung, und der öffnet ihm weiterhin fast jede Tür für Hintergrundgespräche mit bestinformierten Beamten und Chefbeamten. Strahm hat nicht nur eine klare Meinung, er recherchiert auch, bevor er öffentlich meint.

Mit allen amtierenden Bundesräten ist er per Du, ausser mit Frau Widmer-Schlumpf. Den Hannes (Schneider-Ammann) kennt er seit langem aus dem Nationalrat, doch das hindert ihn nicht, den Wirtschafts- und Bildungsminister am schärfsten von allen zu kritisieren.

Alain Berset, der altersmässig Strahms Sohn sein könnte, kennt er kaum, umso besser hingegen Simonetta (Sommaruga). Mittlerweile hat er es aufgegeben, seine Rolle als ihr Einflüsterer jedes Mal dementieren zu wollen. Es stimmt ja. Wobei er nicht einflüstert, was nach Fernsteuerung riecht, aber «alle paar Monate» intensiv mit der Justizministerin die grossen Themen «z Bode redt», manchmal auch einen ganzen Abend bei ihr zu Hause. «Als Veteran bin ich frei», sagt Strahm. Er könne ihr ungefiltert sagen, was er denke und sie vielleicht sonst nicht höre, auch weil er kein Pöstchen von ihr begehre.

 

Unglaublicher Hass
Im Nationalrat sassen die beiden hintereinander, und Strahm bekam aus nächster Nähe mit, wie Sommaruga vom linken Fraktionsflügel um Andrea Hämmerle, Pierre-Yves Maillard oder Franco Cavalli geschnitten wurde, nachdem sie mit drei Co-Autoren im Jahr 2001 das nachmals berüchtigte Gurten-Manifest publiziert hatte. «Die SP akzeptiert eine Begrenzung der Zuwanderung», stand zum Beispiel drin, und allein dieser Satz reichte, um das «Gurken-Manifest» zu schreddern.

«Da war ein unglaublicher Hass», erinnert sich Strahm, der oft als Mitautor genannt wird. Das ist er nicht, doch er distanzierte sich auch nie davon, obwohl er fand, so gehe es tatsächlich nicht. «Im ganzen Manifest stand kein einziger Satz zur sozialen Frage und zum Thema Gerechtigkeit. Das ist inakzeptabel für eine Partei wie die SP.» 2005 schrieben Strahm und Sommaruga gemeinsam ein Buch, eine Art erweitertes Gurten-Manifest, einen «praktischen Reformplan für eine moderne Schweiz», von dem er unterdessen schon einiges umgesetzt sieht, insbesondere bei der Integrationspolitik, die der Justiz­ministerin obliegt.

Integration, sagt Strahm, hat entscheidend mit Sprache und Ausbildung zu tun, und damit ist er wieder bei seinem Buch, das die Berufsbildung als zentralen Integrationsfaktor schildert – nicht nur für bildungsferne Einwanderer, sondern für alle Leute mit hohem Armutsrisiko. «Prävention und Bekämpfung von Armut heisst berufliche Ausbildung und Arbeitsmarktintegration», sagt Strahm. Also nicht Sozialpolitik. Er weiss natürlich, dass er damit «die Sozialarbeitsszene provoziert», zumal er von den Sozialarbeitern («Völlig falsch ausgebildet!») verlangt, dass sie sich mehr an den Berufsberatern orientieren, deren oberstes Ziel die Eingliederung in den Arbeitsmarkt ist.

Zu jenem Thema hingegen, das ihn am meisten umtreibt, schweigt der Volkspädagoge bis auf Weiteres: Europa. Der 9. Februar sei noch lange nicht verdaut, aber auch er ist ratlos nach der Niederlage, die er dem Bundesrat ausdrücklich an den Hals gewünscht hat (zum Ärger von Simonetta).

Ja, er lag falsch, als er der EU 1992 fehlendes ökologisches Bewusstsein vorwarf. Sie ist heute weit grüner, als er damals dachte, gesteht er selber ein. Doch seine Grundskepsis ist geblieben. Das grosse Friedensprojekt, das die EU einmal war, vermag Strahm immer weniger zu erkennen, dafür immer deutlicher ihr «neoliberales Deregulierungsprogramm».

Man dürfe nicht wegen jedes Hüstelns eines EU-Funktionärs hyperventilieren, müsse sich alle Optionen offenhalten; sicher ist für Strahm nur eines: In diesem Jahr läuft nichts mehr. In Brüssel warten alle, bis «der Filou» Barroso, den Strahm als Jungmarxisten in Genf kennen lernte, weg ist und die neuen Kommissare installiert sind.

Voraussichtlich 2016 dürfte dann der nächste grosse Europa-Entscheid an der Urne fallen: Bilaterale ja oder nein? Rudolf Strahm liebäugelt bereits mit seinem dreizehnten Buch.

 

* Rudolf Strahm: «Die Akademisierungsfalle. Warum nicht alle an

die Uni müssen», Hep-Verlag, 2014

 

** Helmut Hubacher: «Hubachers Blocher», Zytglogge-Verlag, 2014

 

*** Peter Hablützels Text ist erschienen in: Rudolf Strahm: «Kritik aus

Liebe zur Schweiz», ­Zytglogge-Verlag, 2012

Ein Kerl von einem Käfer

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«Wir sind so gerne in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.» Das schrieb Nietzsche. Es kam mir in den Sinn, als ich knirschenden und knackenden Schrittes durch den Wald ging, aber ich hatte so meine Zweifel an dem Satz, denn ich fand doch, dass die Bäume auf mich herunterblickten. Auch die Sträucher schauten streng. Und dann lief mir einer über den Weg, der keinen Hehl daraus machte, dass er mich nicht mochte. Als er mich bemerkte, erhob er seine Waffen: ein Hirsch­käfer.

Was für ein faszinierendes Tier, das mir so mutig sein Geweih entgegenstreckte (das selbstverständlich kein Geweih ist, sondern ein Paar Mandibeln), obwohl es nichts auszurichten wüsste gegen die robuste Sohle meiner Meindl-Wanderschuhe, aber: Natürlich zertrete ich keine Käfer! Nie! Schon gar nicht ein solches Prachtexemplar. Ich ging vielmehr auf die Knie und betrachtete das Wesen fasziniert. Hätte der Käfer sprechen können, er hätte sicher gesagt: «Ich hasse die freie Natur, weil mir Menschen über den Weg laufen und mich betrachten, als wäre ich vom Zirkus. Als wäre ich ein Freak. Aber hey, komm nur näher, ich mach dich platt, ich zersäble deine dicke Nase. Komm nur her, du …»

Imponiergehabe ist eine der Charaktereigenschaften, welche man typischerweise einem Macho zuschreibt. Imponiergehabe ist zugleich Drohung wie auch Locken: Es soll rivalisierende Geschlechtsgenossen einschüchtern, aber auf das andere Geschlecht betörend wirken. Und dieser Hirschkäfer, er drohte. Nachdem ich mit meinem iPhone fünfundzwanzig schlechte Fotos des Tieres geschossen hatte, liess ich es in Ruhe und ging weiter. Die Bäume verdrehten die Augen.

Wieder in der Zivilisation, besorgte ich mir ein bisschen bedruckten Wald, also ein Buch, um mehr über den Hirschkäfer zu erfahren, denn wie so oft: Man weiss nichts. Nichts. Nichts. Das Buch war nicht dick, aber je mehr ich las, desto grössere ­Gefühle entwickelte ich für den kleinen Käfer. So imposant der männliche Hirschkäfer anzusehen ist, so stark er scheint und martialisch im Gehabe: Ihm ist ein kurzes Leben beschert. Es dauert bloss drei bis acht Wochen. Und diese drei bis acht Wochen dienen einer Aufgabe: Frau finden, Kinder machen. Erschwerend kommt hinzu, dass das gewaltige Werkzeug des männlichen Hirschkäfers recht unnütz ist. Für die Nahrungs­beschaffung ist es ganz und gar ungeeignet. Um an den Saft des Eichenbaums zu gelangen, benötigt der männliche Hirschkäfer entweder einen wunden Baum oder aber die Hilfe eines Weibchens, welches mit seinem kleineren, aber praktischeren Kieferwerkzeug die Rinde ritzt. Der männliche Hirschkäfer ist unfähig, für sich selbst zu sorgen. Nicht selten kommt es vor, dass dieser Saft durch Pilzbefall in Gärung gerät und dadurch alkoholhaltig wird. Der berühmte Koleopterologe (das ist nichts Unanständiges, bloss ein anderes Wort für Käferkundler) Adolf Horion beschrieb den Hirschkäfersuff wie folgt: «Erst fangen sie an zu krakeelen, dann taumeln sie vom Baume herunter, versuchen in drolliger Weise bald auf dem einen, bald auf dem anderen Bein zu stehen, wobei sie immer von neuem umpurzeln, bis sie schliesslich den Rausch verschlafen.» Beim Trinken kommen sich auch die Geschlechter näher. Das geht dann so: Das Weibchen öffnet mit seinem Werkzeug den Saftfluss des Baumes und sondert Lockstoffe ab, das Männchen fliegt heran, meist in der Abenddämmerung – ganz so, als ginge es in eine Bar. Selbstverständlich sind da weniger Weibchen als Männchen; der grosse ungarische Entomologe (das ist kein Enten-, sondern ein Insektenkundler) Friedrich F. Tippmann beschrieb gar sogenannte Rammelbäume, auf denen Hunderte männlicher Hirschkäfer um wenige Weibchen kämpften. Als wäre das Leben des männlichen Hirschkäfers nicht schon beschwerlich genug, muss er nämlich einen Kampf gewinnen, ein anderes Männchen besiegen, auf den Rücken legen, vom Ast stossen, ansonsten kann er sich mit keinem Weibchen paaren. Der Geschlechtsakt dauert dann im Schnitt achtzehn Minuten. Kurz darauf wird gestorben.

Die vom Weibchen gelegten Eier entwickeln sich zu Larven. Bis wieder ein strammer Hirschkäfer das Licht des Waldes erblickt, dauert es acht Jahre. Acht Jahre! Acht Jahre im Boden als Wurm, dann drei bis acht Wochen auf der Erde: Was für ein Leben. Kein Wunder, kam der Kerl so aggressiv daher.

Eine konservative Revolution

Zum 1. August hat der Club Helvétique ein Manifest veröffentlicht mit dem Titel: «Welche Schweiz wollen wir?» Er stellt darin das Konzept einer «weltoffenen, humanitären Schweiz» der negativen Vision einer «Scheuklappen-Schweiz» gegenüber, welche drohe, zum Modell unseres Landes zu werden. Christoph Blocher hat im letzten «Magazin» Stellung genommen zu dem Manifest. Die Replik des Alt-Bundesrates ist bemerkenswert.

Blocher bezeichnet die Unterzeichner des Manifests als «pubertär», weil sie sich zwar auf die Bundesverfassung von 1848 berufen, den Bundesbrief von 1291 aber «ungeschehen machen wollen». Die «Verdrängung» von 1291, das heisst des «Geburtsjahres» der Schweiz sei historisch nicht zulässig. Sie werde einzig dadurch motiviert, dass die Autoren nicht mehr für die Unabhängigkeit der Schweiz einstehen wollen, welche der gemeinsame «Hauptzweck» sowohl des Bundesbriefes als auch der 48er-Verfassung gewesen sei.

Der Argumentation des Alt-Bundesrates fehlt es an intellektueller Redlichkeit. Erstens nimmt der Club Helvétique zu 1291 gar nicht Stellung. Ist die Nicht-Erwähnung des Bundesbriefes gleichzusetzen mit einer verwerflichen Verdrängung? Glaubt Blocher tatsächlich, dass man nur dann etwas über die Schweizer Identität sagen darf, wenn man sich in Habachtstellung auf ein Landfriedensabkommen aus dem späten 13. Jahrhundert beruft?

Zweitens weiss Blocher, dass 1291 nicht die «Geburtsstunde» der Eidgenossenschaft ist. Weder ist gesichert, dass der Bundesbrief keine Fälschung ist, noch kann auf die Datierung gezählt werden, noch ist der Bundesbrief (falls er tatsächlich echt sein sollte) ein herausragendes Dokument. Er ist ein Landfriedensabkommen unter vielen, die über Jahrhunderte zur Konsolidierung der Eidgenossenschaft geführt haben. Der Bundesbrief als die Geburtsstunde der Eidgenossenschaft ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Diese Tatsachen sind unumstritten in der Geschichtswissenschaft. Als Politiker steht es Blocher frei, Mythen propagandistisch zu bewirtschaften. Dass er jedoch vorgibt, er wolle dem Club Helvétique (dem ausgewiesene Historiker angehören) eine Geschichtslektion erteilen, ist schlicht unaufrichtig.

Drittens steht im Zentrum des Landfriedensabkommens von 1291 keineswegs die Unabhängigkeit. «Bezweckt war nicht Unabhängigkeit von Habsburg», sondern die Ma­chtsicherung der «eigenen, lokalen Eliten», schreibt der Historiker Thomas Maissen in seiner neuen «Geschichte der Schweiz». Könnte es sein, dass auch heutige lokale Eliten – Milliardäre, Medienbesitzer und sonstige Oligarchen – den Kampf um die Unabhängigkeit nur vorschieben und dass es ihnen um nichts anderes geht als um Stimmenanteile und Machterhalt?

Mit Rekurs auf den Originaltext will Blocher ferner beweisen, dass 1848 die «Bewahrung der Unabhängigkeit des Vaterlandes» im Zentrum der Verfassung stand. Diese Aussage ist ebenso richtig wie banal. Es gibt keine moderne Verfassung, in deren Zentrum nicht die Wahrung staatlicher Unabhängigkeit steht. Über ihre Verfassung konstituieren sich moderne Staaten als souveräne Körperschaften. Die amerikanische Verfassung ist geradezu die Fortschreibung der Unabhängigkeitserklärung. Wenn der blosse Unabhängigkeitswille den Kern der 48er-Verfassung bilden würde, wäre nicht ersichtlich, worin überhaupt die besondere Errungenschaft des Schweizer Bundesstaates liegen soll.

Wirklich einmalig an der 48er-Verfassung waren das allgemeine Wahlrecht, das nirgendwo sonst in Europa existierte, die garantierten Grundrechte und die Volksrechte. In diesen Rechten liegt die Besonderheit. Sie waren die Voraussetzung für die liberale Gesellschaftsordnung und den wirtschaftlichen Aufstieg der Eidgenossenschaft. Blocher ist vollkommen auf die Unabhängigkeit fixiert, verliert zu Wahlrecht und Grundrechten kein Wort. Sind diese sekundär, irrelevant?

Als identitätsstiftenden Schlüssel zur Schweizer Erfolgsgeschichte betrachtet der Club Helvétique zudem Henry Dunant und die Genfer Konventionen. Die 48er-Schweiz war die Speerspitze des Völkerrechtes. Sie hat internationales Recht nicht nur respektiert, sie hat es entwickelt, gepflegt und aktiv propagiert. Blocher hingegen will die Schweiz zwingen, die Europäische Menschenrechtskonvention und den UNO-Pakt II zu kündigen. Henry Dunant und dessen humanitäres Vermächtnis betrachtet er vermutlich als «pubertär».

Im Namen eines mythologisierten Mittelalters will Blocher mit traditionellen Grundwerten des liberalen Schweizer Bundesstaates brechen. Es ist sein Recht, eine konservative Revolution anzustreben. Aber er soll bekennen, was Sache ist.

Codewort: Schlürf, Schlabber

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Wenn man keinen Garten hat, in dem Obstbäume stehen – in meinem idealen Garten stünden ein Baum mit Boskop-Äpfeln, ein Baum mit Williams Christbirnen, ein Weinbergpfirsichbaum, ein Baum, der Herzkirschen trägt, ein Aprikosenbaum und auch ein Feigenbaum –, muss man sich ständig mit Früchten herumschlagen, die nicht reif sind. Heikle Früchte wie zum Beispiel Aprikosen verweigern, wenn sie einmal den Punkt der idealen Reife erreicht haben, den Transport, wie im übrigen auch viele Sorten von Erdbeeren, die nach erreichter Reife maximal einen Tag lang geniessbar bleiben, bevor sie zu Matsch werden; dieser Tag ist allerdings ein Hochamt dessen, was Fruchtgenuss – nein, das ist an dieser Stelle keine juristische Anbiederung, liebe Anwälte – sein kann: das ideale Zusammenspiel von Aromen und Konsistenzen, das gleichzeitig im klaren Bewusstsein dessen stattfindet, dass es nur jetzt und hier möglich sein wird. Codewort: Schlürf, schlabber.

Eine vollreife Aprikose zu essen, die gerade vom Baum gefallen ist, kommt einem gelungenen Moment im Theater gleich, wenn grossartige Schauspieler von einem verständigen Regisseur dazu befähigt werden, einen guten Text so auf die Bühne zu bringen, dass alle Bestandteile der Theaterkunst für einen Augenblick in Balance sind: Ein gelungener Moment im Theater kann schneller vorbei sein, als du begriffen hast, dass er schon da war. Darin gleichen sich das Theater und das Reifen von Früchten.

Wenn man sich Früchte auf dem Markt oder, schwieriger, in den Regalen des Supermarkts besorgen muss, bekommt man stillschweigend mehrere Gebrauchsanweisungen mit auf den Weg. Erstens: Was du hier bekommst, wurde unreif geerntet. Du musst selbst dafür Sorge tragen, dass du deine Aprikose dann verzehrst, wenn sie dem dafür geeigneten Zustand am nächsten ist. Zweitens: Du darfst nicht damit rechnen, hier erste Ware zu bekommen. Was im Supermarkt verkauft wird, ist bereits nach zahlreichen Kriterien gefiltert; die Haltbarkeit der betreffenden Sorte ist dabei wesentlich wichtiger als ihr Geschmack. Aprikosen sind zum Beispiel steinhart und sauer, wenn du sie nach Hause schleppst – ein einfühlsamer Verkäufer, der ein Minimum an Anstand hat, wird dir noch mitteilen, dass du sie an einem warmen Platz nachreifen lassen sollst, eine Anregung, der du gern folgst. Oft genug tritt dann allerdings der urbane Effekt ein, dass du die Frucht in eine Schale legst und sie dort liegen lässt, bis sie oben noch immer hart, unten jedoch schon faul ist. Ein süsslicher Geruch, der das Bedauern darüber in sich trägt, dass du zu unaufmerksam warst, deine Aprikosen einmal morgens und einmal abends umzudrehen, flankiert die Angelegenheit auf bittersüsse Weise.

Ich reagiere auf solche Beobachtungen immer pikiert und rette, was zu retten ist, indem ich Kompott mache; dabei bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie der Reifeprozess ein und dieselbe Frucht oben nicht erreicht und unten schon. Lassen sich daraus, denke ich mir dann, Rückschlüsse auf das menschliche Älterwerden ziehen? Dass den älteren Menschen zum Beispiel die Füsse arthritisch schmerzen, während sein Geisteszustand noch immer postpubertär ist? Oder, wenn ich beobachte, wie eine angefaulte und bereits gärende Aprikose von vergnügungssüchtigen Wespen belagert wird: Kann es sein, dass der Geist im gesunden Körper überreif wird (der Körper umgekehrt ja wohl kaum)? Irgendwie gefällt mir der Gedanke, dass die versehentliche Überreifung der Gehirnarbeit uns auf abwegige, ganz und gar aus der Art schlagende Gedanken bringen könnte – und wenn ich mich etwa daran erinnere, wie der amerikanische Schriftsteller Hunter S. Thompson («Fear and Loathing in Las Vegas») seine offensichtliche Gedankenüberreifung manifestierte, muss ich mich als Wespe zu erkennen geben, die ausgiebig davon genascht hat.

 

Illustration: Alexandra Klobouk

Old masters

In Thomas Bernhard’s novel Old Masters the art critic Reger visits the Kunsthistorische Museum every day where he always sits in the Bordone-Hall on the same plush bench in front of a Tintoretto painting and from where he mouths off about the catastrophic condition of Austria, as well as the fine arts.

Perhaps it would have done him good if the Viennese museum had already had the idea back then of asking an artist to mix the collection up and display old and new art alongside each other. Two years ago the visionary American painter Ed Ruscha went through the museum’s stockroom on the invitation of the curator Jasper Sharp and arranged, without regard to art historical criteria or chronology, coins, stamps, graphic arts and animal studies so that it made sense to his own artistic eye. Ruscha was so enthusiastic about these precious objects of creativity, which spent most of their time locked away in this enormous museum’s belly, that he also presented them in a catalogue box that he titled, after Mark Twain, The Ancients Stole All Our Great Ideas.

There were of course forerunners to this project, above all at the National Gallery in London that already back in the 1980s invited famous artists such as Lucian Freud, Francis Bacon or Bridget Riley to arrange the collection to their liking. Today we are so used to seeing contemporary art in spaces created for contemporary art that we are in danger of losing an important dimension – the bridge building to what went before in art.

So it will be an epiphany when the Kunstmuseum in Basel puts on the Andreas Beyer curated exhibition For Your Eyes Only with works from the Richard and Ulla Dreyfus-Best Collection. Works by late Renaissance painters will be hung alongside 20th century artists; Arcimboldo and Dalí, Pieter Bruegel and Man Ray. Providing that one doesn’t sit on the same plush bench every day, this will trigger a lively dialogue between paintings and observers that it would tempt even the critic Reger into a eulogy to art.

 

Ed Ruscha, The Ancients Stole All Our Great Ideas: Ed Ruscha

im Kunsthistorischen Museum, Verlag Walther König, 2012

 

The exhibition For Your Eyes Only starts on 20 September

in the Kunstmuseum Basel

 

Hans Ulrich Obrist is curator and co-director at the Serpentine Galleries

in London.