Montagsdemonstration:
Die No Bullshit-Liste

Was ein No Bullshit-Lokal ist, habe ich in meiner dieswöchigen Kolumne schon ausgeführt, und mit dem „Mar do inferno“ in Cascais ist auch gleich ein erstes Exemplar dieser raren Spezies genannt. Hier kommen acht weitere. Die Adressen sind wertvoll. Falls Sie, Leserin und Leser, Ihre wertvollen No-Bullshit-Adressen mit mir teilen, tun Sie das bitte entweder in der Kommentarfunktion dieses Artikels oder, falls Sie um Diskretion bemüht sind, per Mail an seiler@csv.at.

 

1. Monopoli, Apulien

Das „Lido bianco“ befindet sich in bevorzugter Lage des apulischen Küstenstädtchens, tut aber nichts dafür, sich besonders herauszuputzen. Die Stühle aus Plastik, der Boden gekachelt, eher müde Topfpflanzen als einzige Dekoration. Aber dieser Fisch: an einer langen Fischtheke, die man beim Eintreten zwangsläufig passiert. Man passiert also auch den Mann, dessen Job es ist, in Akkordarbeit die Krustentiere zu öffnen, und wenn man ihm nur zwei Minuten zugeschaut hat, wird man nicht umhinkommen, die Meeresfrüchte-Selektion zu bestellen, die es in den Versionen crudo und cotto gibt, roh und gekocht. Mein Tipp: zuerst die eine, dann die andere.

 

2. Wien

Vor den Toren eines gewissen „Figlmüller“ mögen die Touristen in Zweierreihen stehen, um das – laut Figlmüllers bereits am Flughafen affichierter Selbstauskunft – „das beste Schnitzel Wiens“ zu bekommen. Tatsache ist, dass die Wiener Küche in ihrer absolut und denkwürdig auf das Wesentliche reduzierten Form nur bei „Grünauer“ so zu bekommen ist, wie es gehört. Die „gebackene Fledermaus“, nicht im eigentlichen Sinn ein Wiener Schnitzel, sondern ein spezielles Stück vom Schlussteil des Schlögels (vom Schwein), das paniert das Saftigste abgibt, was jemals als Schnitzel die kulinarische Bühne betreten hat.

 

3. Nizza

Während links und rechts Sternehütte stehen, wird im „La Merenda“ so geradeaus und deftig gekocht, dass es dir die Schädeldecke hebt. Das Lokal ist winzig. Die Tische, an denen du Platz nimmt, stammen aus einer Puppenküche. Die Auswahl ist beschränkt. Die Küche ist winzig. Sie produziert vor den Augen der Gäste großartige Geradeausküche: Gratinierten Kalbskopf, mit Bröseln gefüllte Sardinen, Kutteln mit Weißwein, Linsen mit Schweinswurst. Köstlich und sogar noch billig.

 

4. Triest

Manchmal ist es nicht einmal erforderlich, dass die ultimative No-Bullshit-Hütte der Stadt unbekannt ist. Das „Buffet da Pepi“ kommt in jedem Reiseführer zur Stadt Triest vor, und trotzdem ist der Besuch des kleinen, engen Innenstadtlokals unerlässlich. Thema ist „das Schwein“, und zwar „From Nose to Tail“. Es gibt Innereien, Rüssel, Schweinsbraten, Zunge, Würste, und wenn man frisch geriebenen Meerrettich und Senf und ein Stück Brot und ein Glas Bier der Brauerei „Dreher“ an den Tisch mitnimmt, ist alles so, wie es sein muss. Große Klasse.

Buffet da Pepi, Via della Cassa di Risparmio 3; (39-040) 366-858, keine Website

 

5. Lissabon

Fisch, Feuer und ein bisschen Wein: Das ist das Programm des „Mercado do Peixe“, eines ziemlich großen, ziemlich hässlichen Restaurants an der Peripherie von Lissabon. Man kann hier den frisch angelieferten Fang an Atlantikfischen betrachten, sich die persönliche Beute aussuchen und dann dabei zusehen, wie sie an einer zentralen Grillstation zubereitet wird. Riesiges Lokal, Top-Qualität, herrliche Unaufgeregtheit der Inszenierung bei gleichzeitigen exquisiten kulinarischen Erlebnissen. Sonntagabend geschlossen.

Estrada Casal Pedro Teixeira 84 - 1400-047 Lisboa, Tel : (+351) 213 616 070

 

6. Kopenhagen

Bevor Kopenhagen zum zwischenzeitlichen Mittelpunkt der kulinarischen Welt avancierte, hieß die lokale Spezialität Smørrebrød, dänisch für den Sandwich als Weltanschauung. Bei Ida Davidsen, der bei weitem nicht feinsten, aber ursprünglichesten Smørrebrød-Hütte der Stadt, gibt es Brote von geradezu unfassbarer Größe, aber auch Qualität, belegt mit mit Shrimps, Lachs, Aal, Hummer, Hering, Kabeljau. Mit Beef Tatar, geräucherter Lammstelze, Schweinsbraten, Leberpastete, Zunge. Mit Eiern und geräuchertem Käse und dänischer Salami und Tomaten. Eines genügt, um satt zu werden. Zwei sollten Sie auf jeden Fall essen. Bei drei gibt es Applaus und Aquavit.

 

7. New York

Es gibt Häretiker, die „Katz“ bevorzugen, aber ein Besuch im „Carnegie Deli“ hat noch jeden überzeugt: hier ist der Ort, wo amerikanische, jüdische und kontinentale Esskonventionen auf grandiose Weise verschmelzen. Der „Pastrami Sandwich“ ist unglaublich würzig und gut – und so groß, dass jedes Smørrebrød von Ida Davidsen dagegen wie Petits Fours aussieht. Man muss deshalb zu zweit in den „Carnegie Deli“ gehen, mindestens. Wenn man zu dritt einen Pastrami-Sandwich – herrlich: die Konsistenz und die milde, einzigartig elegante Räuchernote der Pastrami – verzehrt, kann man sich sogar noch einen New York Cheesecake als Dessert bestellen, und das ist keine Pointe: Drei Menschen, zwei Speisen – alle werden satt und glücklich sein.

 

8. Hongkong

Ein Winkel in Mong Kok, eine halbe Stunde vom Hafen entfernt, ein winziges Lokal mit ein paar zu kleinen Tischen und einer zwei mal drei Meter großen Küche, in der acht Menschen arbeiten. Hier, bei Tim Ho Wan in der Fuk Wing Street, werden für ein paar Groschen die besten Dim Sums der Welt serviert, grandiose kleine Teigtaschen mit Fleisch- und Scampifüllung, deren Konsistenz jeden Genießer in einen Taumel der Verzückung stürzt. Der Leiter des Restaurants nennt sich „Brother Pui“ und hat inzwischen ein Tim Ho Wan-Imperium mit mehreren Filialen, u.a. in Kowloon, aber auch direkt unter dem City Check In in Hongkong Central hochgezogen. Beim Stammhaus in Mong Kok sind die Chancen auf eine Mahlzeit am besten, ohne dafür lange in der Schlange zu stehen.

 

 

TAGESGERICHT: NO BULLSHIT

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Als ich nach einem langen Spaziergang entlang der Promenade von Estoril nach Cascais endlich im Restaurant «Mar do Inferno» ankam, hatte ich den Wirbel und den Trubel eines aufgedrehten portugiesischen Ferienstädtchens längst hinter mir gelassen. Auf dieser Seite von Cascais drehen sich keine Karusselle mehr, und der Sandstrand ist einer dicht mit Macchia und Sukkulenten bewachsenen Böschung gewichen, hinter der sich tiefblau und grossartig der Atlantik ausstreckt.
Es wäre allerdings ein veritabler Ge­waltakt, das «Mar do Inferno» als glamouröses oder auch nur minderen ästhetischen Grundsätzen genügendes Lokal zu beschreiben, denn es hockt bäurisch da, ein­stöckig und mit allerhand Zeltplanen und Bretterverschlägen zu dem merkwürdigen Konglomerat ergänzt, in dem ich zu essen gedachte. Auf der Terrasse  war kein Platz mehr frei. Ich kriegte ein Tischchen im Anbau, genau zwischen dem Ausgang der Küche und der mit Eis vollgepackten Theke, an der die Meeresfrüchte geknackt und für den Verzehr vorbereitet werden. Ausserdem hatte ich den Fernseher im Blickfeld, in dem gerade ein Spiel von Benfica übertragen wurde. Das beanspruchte die Aufmerksamkeit der Kellner weit mehr als das Gezappel ihrer Gäste.
Aber zu diesem Zeitpunkt war ich schon so ruhig, wie ich in einem Restaurant, das ich zum ersten Mal besuche, nur sein kann. Ich hatte die Muscheln gesehen, die an einen Nebentisch geliefert worden waren, und den Duft der Scampi eingeatmet, die ein Ehepaar, das ansonsten offensichtlich zum Fernsehen gekommen war, gerade schälte. Ausserdem sah ich auf dem Pult des Mitarbeiters, der mit einem Hammer gerade mächtige Taschenkrebse knackte, merkwürdige Schalentiere, die ich noch nie gesehen, geschweige denn ge­kostet hatte.
Der Kellner brachte die Karte, als Benfica das 1:0 schoss. Nachdem das Tor mehrfach wiederholt und vom Personal diskutiert worden war – Tendenz: hätte der Torwart halten können –, konnte ich endlich in den Dialog mit meinem Kellner treten. Wie die Amêijoas – die gegitterten Venusmuscheln, die es heute gab – zubereitet würden? – Der Kellner hob die Augenbrauen. Mit Knoblauch natürlich, mit Wein und Koriander. Wie man Amêijoas à Bulhão Pato eben zubereite. Noch was? – Äh, die Scampi ..? – Kommen von der Algarve. Sie kriegen keine besseren. Eingesalzen, gekocht, lauwarm serviert. – Und die schwarzen Dinger dort drüben auf der Theke? – Ach so (die Stimmung des Kellners hellte sich auf). Percebes. Entenmuscheln. Kennen Sie nicht? Ich bringe welche!
Das Essen war ein Triumph. Die Percebes entpuppten sich als etwas tinten-fischartig, aber sehr wohlschmeckend, die Amêijoas brachten mich in ihrem tiefen, das Meer und seinen besten Freund, den Knoblauch, feiernden Geschmack fast zum Weinen. Die Scampi waren die besten seit langer, langer Zeit, und weil die Mayonnaise gelb, perfekt und kräftig war, bestellte ich gleich noch eine Portion. Ich war viel zu schnell satt, lange bevor ich daran denken konnte, auch noch einen Fisch zu bestellen – aber das Glück, das mich ergriff, wurde nicht nur von den verschiedenen Eiweiss- und Fettkombinationen gespeist (und der Flasche Redoma branco von Niepoort), sondern von der seltenen Attitüde dieses Restaurants, nur das Notwendigste zu tun, um ein glänzendes Ergebnis zu erzielen. Die Gerichte im «Mor do Inferno» brauchten keine Inszenierung, keine Kreativität, keine feuilletonhafte Kochkunst. Wie die Teller aussahen? Keine Ahnung. Die Tische? Vergessen. Wichtig waren allein die simple Per­fektion, die jedem Produkt angedieh, und der unvergessliche Geschmack. Motto: No Bullshit. Hier wird keine Beilage, keine Idee, kein Kunstwerk serviert. Nur das, was sein muss – in jeder Hinsicht.
Im Blog: die wertvolle Liste der raren No-Bullshit-Lokale, die ich kenne.

Die Krise des Liberalismus

Im medialen Windschatten des Schottland-Referendums hat sich mit den Ergebnissen der deutschen Landtagswahlen eine potenzielle Trendumkehr gezeigt, die zwar von weniger Getöse begleitet war, für die Zukunft des europäischen Kontinents aber weit bedeutsamer sein könnte als die Zitterpartie um die Einheit Grossbritanniens. Die Erfolge der «Alternative für Deutschland» in Thüringen und Brandenburg könnten die Vorboten einer Zeitenwende sein.
Deutschland ist nicht nur das wichtigste und wirtschaftlich zugkräftigste Land der Eurozone und der EU, sondern es ist bis anhin in der Brandung des neuen europäischen Populismus ein mächtiger Fels der parteipolitischen Stabilität, des Verfassungspatriotismus und der proeuropäischen Gesinnung. Die «Verwirklichung eines vereinten Europas» gehört nach Paragraf 23 des Grundgesetzes zu den Leitprinzipien deutscher Politik.
Häufig zitiert wird dieser Paragraf in letzter Zeit allerdings nicht. Panik ist nicht angezeigt, aber die Dinge geraten ins Rutschen. Nicht nur scheint eine nationalistische, antieuropäische Rechtspartei Fuss zu fassen in der deutschen Politik, es ist auch im notorisch langweiligen, «eingemitteten» Parteiensystem der Bundesrepublik ein neuer Raum aufgegangen für eine dezidiert populistische Bewegung, die Anti-«Classe politique»-Affekte bedient. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, dürfte auch in Deutschland längerfristig eine Situation entstehen, die in kleineren EU-Staaten wie Schweden, Finnland, den Niederlanden oder Österreich schon heute erreicht ist: Weder die linke noch die rechte «Systempartei» sind allein regierungsfähig und werden in eine permanente Koalition gezwungen, die linke und vor allem rechte Polparteien vor sich hertreiben. Auch zur Lage der Schweiz, die in gewissem Masse von einer grossen Anti-SVP-Koalition regiert wird, bestehen sichtlich Parallelen.
Noch unter einem weiteren Aspekt erscheint der Durchmarsch der AfD als symptomatisch: Der Erfolg der neuen Rechtspartei geht einher mit dem Niedergang der deutschen FDP. Die deutschen Liberalen verlieren die Stammwähler an eine europafeindliche Antiestablishment-Bewegung, die einen neuen Politikstil salonfähig macht. Auch hier haben wir Schweizer ein unzweideutiges Déjà-vu-Erlebnis.
Sicherlich: Es ist nicht überraschend, dass der deutsche Bürger wenig Neigung verspürt, in Solidarhaftung mit den Krisenländern genommen zu werden und in irgendeiner Form die Vergemeinschaftung der in Euro denominierten Schulden mitzutragen. Dennoch verblüfft, dass ausgerechnet in Deutschland die Feindseligkeit gegenüber dem Euro so stark wird: Die Währungsunion hat eine Abwertung der deutschen Produktpreise um rund zwanzig Prozent ermöglicht und war unabdingbare Voraussetzung des «Exportwunders» der Nullerjahre. Ein Zusammenbruch des Euro würde das exportgetriebene Wachstumsmodell der Bundesrepublik schwer schädigen, weil eine Neo-D-Mark oder ein Nord-Euro deutsche Produkte wieder massiv verteuern würde. Dass ein wachsender Teil der deutschen Öffentlichkeit diese Zusammenhänge nicht zur Kenntnis nimmt und zum Generalangriff auf das eigene Wirtschaftsmodell ansetzt, ist beängstigend. Nationalistische Affekte triumphieren über ökonomische Vernunft.
Die Probleme der deutschen FDP gehen jedoch weit über die europapolitische Positionierung hinaus. In einer brillanten Analyse hat Wolfgang Münchau die politische DNA der Liberalen auf eine knappe Formel gebracht: Sie wurde bestimmt vom Pakt zwischen wirtschaftsliberalem Konservativismus und gesellschaftspolitischer Fortschrittlichkeit. Die FDP war die Partei von Otto Graf Lambsdorff UND Hildegard Hamm-Brücher. Sie stand für wirtschaftliche Ordnungspolitik und gesellschaftliche Progressivität. Dieser Pakt war immer konfliktreich, aber er war tragfähig. Die heutige FDP jedoch ist unfähig, ihn aufrechtzuerhalten: Die Wirtschaftsliberalen werden konservativ bis hin zu einem ökonomisch schädlichen Nationalismus. Die Progressiven wandern ab.
Der deutsche Liberalismus hat seine sozialethische Substanz verloren. Nur für Steuersenkungen und Deregulierung zu lobbyieren ist nicht ausreichend, schon gar nicht im Jahr sechs nach der Finanzkrise. Eine FDP, die zur Weiterentwicklung ihrer gesellschaftlichen Grundwerte nicht imstande ist, wird auf konservative, rechtsnationale Positionen zurückgeworfen – und macht sich selber überflüssig.
Auch die nächstjährigen Schweizer Parlamentswahlen dürften eine Richtungswahl werden. Der Schweizer Freisinn hat einen breiteren Wählersockel als die deutsche FDP. Er kämpft jedoch mit denselben Schwierigkeiten – und könnte dasselbe Schicksal erleiden.

Krone(nhalle) der Schöpfung

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Die Kronenhalle wird 90 – das erstaunt mich. Denn das Restaurant an der Zürcher Rämistrasse ist für mich ein genauso wichtiger Baustein für mein spezifisches Zürich-Gefühl wie zum Beispiel die NZZ, und die ist immerhin schon 234 Jahre alt. Die Vorstellung aber, dass es die Zürcher Zeitung 144 Jahre lang gegeben haben soll, bevor Hulda und Gottlieb Zumsteg das damalige «Hotel de la Couronne» übernahmen und die abgerockte Hütte in ein elegantes Restaurant mit feiner, bürgerlicher Küche um­wandelten, scheint mir befremdlich. Wo gingen die Herren Redaktoren denn da­mals zum Abendessen? Wo trafen sie ihre Verbündeten? Wo sassen sie mit grossen Augen vor ihrem Roten und beobachteten, wie Günter Netzer gut gelaunt eine Mousse au chocolat verzehrt?
Ich muss die Frage etwas bestürzt der Geschichtsschreibung überlassen. Allein die Vorstellung, es könnte einst ein Zürich ohne die Kronenhalle gegeben haben, er­füllt mich mit bleierner Traurigkeit und lähmt meine urbanistische Lebensfreude. Nicht, dass man in Zürich nicht auch an­derswo gut essen könnte, aber mit Sicherheit nirgends so schön und – ja, ich spreche dieses Wort aus, obwohl mir Zwinglis Erben dafür die protestantische Ethik auf den Leib wünschen werden – glamourös. Kein Platz Zürichs ist auch nur ein Zehntel so glamourös wie die Brasserie an der Rämistrasse, ein paar Schritte entfernt vom Bellevue. Während die Stadt Zürich geradezu zwänglerisch darauf bedacht ist, ihren Reichtum nicht auszustellen, fungiert die Kronenhalle als «Zollfreizone der Zurückhaltung», wie der «Feinschmecker» trefflich formulierte.
Die Brasserie der Kronenhalle, jener grosse Raum, den man durch den Eingang an der Rämistrasse betritt (und wo man, let’s face it, sitzen muss; die Nebenräume sind nicht die Hälfte wert), entstand durch den Umbau eines Pferdestalls. Die reichen Schweizer liessen es sich dort bald gut gehen, während Hulda Zumsteg mit dem, was die wohlhabende Kundschaft übrig liess – «s’Voorig vo de Riiche» –, eine gan­ze Generation von Emigranten durchfütterte, unter ihnen viele Maler und Schriftsteller. Es waren jedoch nicht die alten Zumstegs, sondern ihr Sohn Gustav, der das bewundernswerte Gespür für Kunst mitbrachte, durch das sich die Kronenhalle von einem guten Restaurant in einen der schönsten Plätze der Welt verwandel­te. Gustav machte sein Geld im Seidenhandel und gab es für Bilder von Segantini, Giacometti, Miró oder Picasso aus. Als die Wände seiner Wohnung, welche direkt über dem Restaurant lag, zu klein für seine Sammlung wurden, hängte er die Bilder einfach ins Lokal – und begründete damit jene Aura, welche die Kronenhalle noch heute umgibt: das Schöne, das Wertvolle und das Unerreichbare.
Es hat zweifellos etwas höchst Unterhaltsames, in der Brasserie zu sitzen und ein kräftiges Abendessen einzunehmen. Noch persönlicher, feierlicher ist die Freude nur am Nachmittag, zwischen drei und vier, wenn die Tische der Brasserie leer und weiss gedeckt sind und höchstens noch ein paar Überbleiber vom Mittagessen in zwei, drei Logen hocken. Dann hat die Stimmung im Lokal etwas von der Ruhe nach dem Regen («After the rain»), wie sie John Coltrane so unvergleichlich in Musik übersetzt hat.
Von draussen dringt gedämpftes Licht schräg durch die grossen, mit durchsichtigen Vorhängen verhängten Scheiben. Dunkle Holzverschalungen verleihen dem Raum Würde. Selbstverständlich keine Musik. Die Sitzbänke sind aus grün ge­­beiz­tem Leder, die einzelnen Logen mit Zwischenwänden aus Holz, Messing und Spiegelglas voneinander getrennt. Darüber spannt sich die Decke, die nach Jahren der Imprägnierung durch Zigarren- und Zigarettenrauch selbst die Farbe eines blassen Tabakblatts angenommen hat.
Jetzt vielleicht ein kleines Bier, ein Bürli und etwas Schinken, und es findet sich ein, das Glück, das Zürich seit 90 Jahren vergönnt ist. Ich gratuliere der Stadt zu dieser Institution.

DER Weg ins Glück

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Wie Frühförderung wirkt.Und warum sie so wichtig ist.


Text  MARTIN BEGLINGER

Fotos  DAN CERMAK

 

An einem Mittwochnachmittag im Juni dieses Jahres zwängte die Erstklässlerin Amelie Schmid aus Winterthur ihre vielen blonden Locken unter einen verdrahteten Plastikhelm. Dann legte sie sich mit ihrem Stoffbären und einem Kribbeln im Bauch in einen Kernspintomografen. Es war eng in der Röhre und auch recht laut. In den folgenden 75 Minuten musste Amelie eine Reihe von spielerischen Tests auf einem Tablet machen, alles in allem eine ziemliche Geduldsprobe, die nur schafft, wer nicht allzu zappelig ist und keine Platzangst hat.
Amelie hielt durch. Sie hatte sogar Spass daran. Denn es gab auch Belohnungen. So musste sie sich in einem der Tests entscheiden, ob sie vier Taler lieber sofort haben und gegen Spielzeug eintauschen wollte – oder aber acht Taler eine Woche später. Sie entschied sich fürs Warten, weil sie wusste, dass sie mit acht Talern schöneres Spielzeug eintauschen konnte.
Es waren nicht Mediziner, die sich für den Präfrontalen Kortex der jungen Probandin interessierten. Für einmal waren Neurologen und hinter ihnen Ökonomen am Werk, die im dritten Untergeschoss des Universitätsspitals Zürich die Hirnaktivität der Siebenjährigen im Zweisekundenrhythmus abbildeten. «Neuro­economics» heisst dieser Wissenschaftszweig, der menschlichen Entscheidungsprozessen auch im Gehirn auf die Spur kommen will. Um an der Spitze mitforschen zu können, hat der Zürcher Verhaltensökonom Ernst Fehr nicht nur mehrere Neurobiologen an sein «Department of Economics» nach Zürich geholt, sondern auch ein Labor mit einem institutseigenen Tomografen für fünf Millionen Franken eingerichtet.

 

Der Teufelskreis der Startnachteile
Amelie Schmid ist ein kleiner Teil eines grossen wissenschaftlichen Versuchs, den Fehr mit seinem Kollegen Daniel Schunk von der Gutenberg-Universität Mainz im November 2013 lancierte: die «Kids-Win»-Studie. Der Tomograf ist dabei nur ein Nebenschauplatz. Die Hauptbühne bilden 29 Primarschulklassen in Winterthur. Rund 580 Erstklässler und ihre Lehrerinnen sind an dem Versuch beteiligt. Er soll Antworten darauf liefern, wie sich die «motivationalen Fähigkeiten» von Kindern fördern lassen. Fehr und Schunk wollen wissen, wie man Fähigkeiten wie emotionale Selbstkontrolle, Geduld, Gewissenhaftigkeit, Ko­opera­tionsbereitschaft, Verlässlichkeit und Durchhaltewillen in der Schule besser trainieren kann. Und kann man es überhaupt?
Um solche Fragen kümmern sich normalerweise Pädagogen, Psychologinnen oder Kinderärzte, aber kaum Ökonomen. Sehr wohl hingegen Ernst Fehr. Ihn, der auch Phänomene wie Neid, Egoismus und Fairness erforscht, hat reales menschliches Verhalten schon immer mehr interessiert als der fiktive Homo oeconomicus oder die reine mathematische Abstraktion. Fehr und Schunk liessen sich ihrerseits von James Heckman inspirieren, einem amerikanischen Nobelpreisträger, der in den letzten Jahren mit mehreren Studien auf den grossen Segen frühkindlicher Förderung hingewiesen hat.
Andere wie der Entwicklungsspezialist Remo Largo oder die Freiburger Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm taten dies hierzulande gewiss schon früher. Nur konnte Heckman als einer der ersten Ökonomen die Wirkung und den volkswirtschaftlichen Nutzen von Frühförderung präzise belegen. Und präzise heisst hier: ähnlich stringent, wie Pharmakologen die Wirksamkeit von Medikamenten belegen müssen. Seither ist der Ökonom aus Chicago einer der prominentesten Fürsprecher guter Förderprogramme, was auch die Pädagogen freut, zumindest jene, die ahnen, dass sich Politiker, die solche Programme bewilligen müssen, womöglich eher von Ökonomieprofessoren als von Pädagogen überzeugen lassen.
Der Winterthurer Stadtrat und Schulvorsteher Stefan Fritschi (FDP) gab jedenfalls rasch grünes Licht, nachdem die Anfrage des international renommierten Zürcher Ökonomen Fehr für den Kids-Win-Versuch bei ihm eingetroffen war (zumal es die Stadt fast nichts kostet). Die Lehrerschaft war da schon etwas zurückhaltender. Sie musste sich erst daran gewöhnen, dass hier von Kindern als «Humankapital» die Rede war, das, je nachdem, eine höhere oder tiefere «Ertragsrendite» abwarf. «Was haben Ökonomen an der Primarschule zu suchen?», fragten sich Irmgard Eichholzer und Bea Baumann, zwei erfahrene Primarlehrerinnen, die sich mit ihrer Klasse freiwillig für den Versuch gemeldet hatten (wie alle anderen Beteiligten auch).
Klar, sagt Fehr, in der Ökonomie geht es nun mal grundsätzlich um den effizienten Einsatz knapper Mittel – auch in der Bildung und Erziehung. Aber die erste Skepsis war rasch überwunden, als er den Winterthurer Lehrerinnen die Arbeit James Heckmans näher vorstellte.
Der Amerikaner hat sich vor allem mit dem sogenannten Perry-Preschool-Projekt beschäftigt, in dem es um 123 Kinder aus Michigan geht – alle aus schwarzen Familien, alle arm, alle mit einem IQ unter 85. Lauter «Risikokinder». Die eine Hälfte dieser Drei- bis Fünfjährigen hat man zwei Jahre lang fünfmal pro Woche am Vormittag intensiv betreut, hat mit ihnen gespielt, sie «emotional und kognitiv angeregt», wie das im Fachjargon heisst. Die andere Hälfte der Kinder hat man, um einen Vergleich zu ermöglichen, ihren Eltern und sich selbst überlassen. Das Projekt startete 1962, in den folgenden vierzig Jahren wurden die mittlerweile Erwachsenen immer wieder befragt. Das Resultat, wie Heckman belegt: Die frühe Förderung hat einen sehr positiven Einfluss auf das spätere Leben. Der Grund dafür war nicht etwa ein höherer IQ, denn der blieb auf Dauer gleich tief wie zuvor. Was sich hingegen bei diesen Kindern markant verbessert hatte, war die sogenannte Selbstregulation, also jene emotionale und soziale Kontrollfähigkeit, die Ernst Fehr in Winterthur trainieren lassen will. Denn je besser die frühkindliche Selbstregulation, umso eher kommt es nach James Heckmans Erkenntnissen später zu
• besserem Schulerfolg,
• höherem Einkommen,
• weniger Arbeitslosigkeit,
• weniger Suchtverhalten,
• weniger Fettleibigkeit,
• besserer Gesundheit,
• weniger kriminellem Verhalten.
Es scheint, als habe man den Königsweg ins Glück gefunden.
So weit würde der Verhaltensökonom Fehr nicht gehen – bei aller Begeisterung über Heckmans epochale Studie. Doch für ihn ist es zumindest ein Wegweiser aus dem «Teufelskreis der sozial vererbten enormen Startnachteile» (Fehr) von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern. Es geht, mit anderen Worten, um mehr Chancengerechtigkeit.
Tatsächlich hat sich in den letzten Jahren die frühkindliche Selbstregulation zu einer Art Zentralkompetenz herauskristallisiert, die die Zukunft eines jungen Menschen mindestens so stark bestimmt wie seine soziale Herkunft. Ja, mehr noch als seine angeborene Intelligenz. Kein Wunder, dass reihenweise Bücher dazu erschienen sind, die entweder «Disziplin» (Roy Baumeister), «Konzentration» (Daniel Goleman) oder «Impulskontrolle» (Amy Chua) preisen, im Grunde aber alle das Gleiche meinen: eine gute Selbstregulation.
Doch kaum etwas scheint heute schwieriger zu sein in den westlichen Instant-Befriedigungsgesellschaften als Widerstand gegen die permanente Versuchung. Nicht von ungefähr schreibt Amy Chua in ihrem Buch «The Triple Package», die amerikanische Konsumgesellschaft sei – im Unterschied zur konfuzianisch geprägten Erziehungskultur – «ein grosser Vernichter von Impulskontrolle».
Den legendären Urtest zur Selbstregulation hat der Psychologe Walter Mischel Anfang der 70er-Jahre in Kalifornien erfunden, und er ist denkbar einfach. Es ist im Prinzip der Taler-Test, den auch Amelie im Zürcher Unispital absolvierte. Mischel stellte Vierjährige vor die Wahl, was sie lieber wollten: ein Marshmallow sofort essen – oder aber 15 Minuten allein in einem Raum ausharren und dann zur Belohnung zwei Marshmallows erhalten. Ein Drittel der Kinder griff sogleich gierig zu, ein zweites Drittel schwankte, doch ein Drittel widerstand der Versuchung und erhielt zur Belohnung zwei Bonbons. Das schafften die Widerständigen unter anderem deshalb, weil sie sich in der Wartezeit auf etwas anderes zu konzentrieren vermochten. Wer hingegen nur auf das Bonbon starrte, hatte schon so gut wie verloren.
Das sagt zwar einiges über die frühkindliche Willensstärke aus und über die Fähigkeit, eine Belohnung zugunsten eines höheren Ziels aufzuschieben – eine Grundvoraussetzung für die Idee des Investierens. Aber es sagt zunächst einmal gar nichts über die Zukunft. Wie nachhaltig diese Eigenschaften das weitere Leben tatsächlich prägen, offenbarten erst Studien wie jene an der Perry Preschool in Michigan oder ein anderer, geradezu gigantischer wissenschaftlicher Feldversuch in Neuseeland. In Dunedin, einer Stadt so gross wie Winterthur, wurden sämtliche 1073 Neugeborenen des Jahres 1972 systematisch untersucht: als Säuglinge, als Kleinkinder, als Jugendliche und dann wieder als 20-, 30- sowie 40-Jährige. Das Fazit nach vier Jahrzehnten war das gleiche wie in Michigan: Gute Selbstregulation in der frühen Kindheit fördert die Chancen auf ein besseres Leben.
Anfang 2014 schwärmten die Forscherteams von Ernst Fehr und Daniel Schunk an die Schulen in Winterthur aus, auch in die erste Klasse von Irmgard Eichholzer und Bea Baumann. Zunächst prüften sie jedes Kind auf seine motivationalen und kognitiven Fähigkeiten. Wie gross ist seine Geduld? Wie hoch die Risikobereitschaft? Und wie gut ist es im Lesen und Rechnen?
Dann erst begann das Training. Sechs Wochen lang, täglich mindestens dreissig Minuten, sass jeder Erstklässler an einem eigens auf seine Fähigkeiten abgestimmten Computer und trainierte sein Arbeitsgedächtnis. Denn dieses, sagen die Neurobiologen, wird von der gleichen Hirnregion aus gesteuert wie die Selbstregulation. Deshalb wollen Fehr und Schunk testen, ob das Gedächtnistraining zugleich die Selbstregulation verbessert. Das heisst aber nicht, Letztere lasse sich demnächst quasi per Knopfdruck im Hirn verbessern. Das ist Neuroscience-Fiction. Hingegen hoffen die Neurobiologen, den Lehrkräften künftig Hinweise auf bessere Lernmethoden zu geben, wie Todd Hare sagt, der mit Ernst Fehr die neurologischen Tests in der Kids-Win-Studie leitet.
Und das Ergebnis im Schulzimmer? Die Auswertung der Testdaten wird erst 2015 vorliegen, doch Kinder wie Lehrerinnen waren begeistert vom spielerischen Trainingsprogramm, das sich automatisch jedem Niveau anpasst. Waren die Antworten gut, wurden die Aufgaben anspruchsvoller und umgekehrt, was Lernerfolge auf jeder Stufe verschaffte. «In diesem kleinen Bereich ermöglichten die Computer einen hochgradig individualisierten Unterricht, wie wir ihn nicht bieten könnten», sagt Irmgard Eichholzer. «Alle Kinder blieben dran und waren voll motiviert. Wie nachhaltig das Training war, wird sich zeigen.»
Wesentlich zäher verliefen die Trainings zur Selbstregulation. Dazu hatten sich die Forscher ein Programm ausgedacht, das sich an einem Konzept namens «Mental Contrasting» des Motivationspsychologen Peter Gollwitzer orientiert. Die Idee: Ich sehe ein Ziel und zugleich ein Hindernis und muss nun einen Weg zu dessen Überwindung finden. Am besten in Form einer Wenn-Dann-Strategie, zum Beispiel etwa so: Wenn mein Banknachbar schwatzt, ich aber aufpassen und lernen will, dann halte ich einen Zettel mit der Mahnung «Pssst!» hoch.
Alles schön und gut gemeint, jedoch zu kompliziert und lebensfern für unsere Erstklässler, realisierten die beiden Lehrerinnen rasch und brachten den Inhalt in eine kindgerechtere Form. Es blieb auch so schwierig genug, die Vorstellungen der Wissenschaftler mit der Welt der Siebenjährigen zu verbinden.
Selbstregulation indirekt fördern? «Unbedingt!», sagen die beiden Lehrerinnen, und das tun sie nach ihrem Empfinden auch laufend, indem sie den Kindern täglich Aufgaben mitgeben. Doch ein künstliches Konzentrations- und Ausdauertraining? «Schwierig.»

 

Selbstkontrolle ist lernbar
Dieser Meinung ist auch die renommierte Lernforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich. Sie glaubt nicht, dass Selbstregulation wie ein einzelner Muskel trainierbar ist, auch nicht in der Schule. «Selbstregulation ist zwar lernbar, aber nicht isoliert lehrbar. Es braucht ein gut strukturiertes und emotional stabiles Umfeld, das dafür sorgt, dass ein Kind emotionale Selbstkontrolle lernt. Diese Selbstkontrolle ist wiederum gut lernbar, weil sie viel stärker formbar ist als die Intelligenz, wo die Gene eine weit grössere Rolle spielen. In der Schule kann Selbstkontrolle durch gut strukturierte Lernumgebungen gefördert werden. Alle Schüler müssen die Erfahrung machen, dass sie sich durch Anstrengung verbessern können.»
Wahrscheinlich, sagt Stern weiter, sei Selbstregulierung in den ersten Lebensjahren «besonders gut lernbar, weil erste emotionale und soziale Erfahrungen prägend sind für die Entwicklung von Vertrauen und Empathie».
Das ist zwar auch später möglich, aber nur mit wesentlich mehr Aufwand. Je höher das Alter, umso tiefer der «Return on Investment», würden die Neuroökonomen sagen.
Janine Schmid, die Mutter von Amelie, liest weder wissenschaftliche Studien über Selbstregulation noch Ratgeber über Disziplin, und sie war auch noch nie in einem Frühförderungskurs, wie sie unter bildungsnahen Mittelstandseltern so beliebt sind. Stattdessen vertrauen sie und ihr Ehemann hauptsächlich «dem gesunden Menschenverstand».
Amelie hat das Glück, in besagtem «gut strukturierten und emotional stabilen Umfeld» (Stern) aufzuwachsen, wo soziales Lernen automatisch geschieht, vor allem über Vorbilder.
Erzählt die Mutter am Stubentisch ihres Einfamilienhauses vom Wochenprogramm ihrer Tochter, dann könnte man Janine Schmid im ersten Moment für eine Tiger Mom halten. Ist sie aber nicht. Eher findet sie, Amelie, jetzt bereits eine Zweitklässlerin, mache zu viel aufs Mal: am Dienstag Ballett, am Mittwoch Mädchenriege, am Donnerstag Schwimmen – nebst dem normalen Schulprogramm. «Wir hetzen unsere Kinder nicht durch die Welt. Amelie selber ist die treibende Kraft.» Und warum, fragt die Mutter, sollten sie es der Tochter verbieten, wenn dieser alles so verblüffend leichtfällt und offensichtlich Spass macht?
Sie glaube, der Lebensweg werde zu neunzig Prozent in den Genen vorgespurt und nur zu zehn Prozent von der Erziehung. Gut möglich also, dass Amelie viel von ihren Eltern geerbt habe, sagt Janine Schmid, die teilzeitlich als Pflegefachfrau in der Unfallabteilung des Kantonsspitals Winterthur arbeitet, während Mark Schmid, ursprünglich gelernter Feinmechaniker, heute Unternehmer mit MBA-Abschluss ist und eine Beratungsfirma mit 25 Mitarbeitern aufgebaut hat. «Wir sind beide Machertypen, mit einem gesunden Ehrgeiz, den wir aus unseren beiden Familien mitbekommen haben.»
«Was ist Ehrgeiz?», fragt Amelie, die mit am Tisch sitzt.
«Wenn man etwas unbedingt erreichen will.»
«Ich will Tierärztin werden.»
«Schön», sagt ihre Mutter, «aber dann musst du in der Schule aufpassen und lernen, sonst wirst du nicht Tierärztin.»
In dieser Hinsicht sei sie «fadengerade», sagt Janine Schmid. Eine gewisse Disziplin und Zielstrebigkeit müsse sein, Schule ist nicht Nebensache. Trotzdem würde sie Amelie «nie ins Lernstudio» schicken, sollte sie das Gymi nicht aus eigener Kraft schaffen. «Auch eine gute Berufsausbildung wäre bestens, Hauptsache, es entspricht dem Kind.»
Manche Erziehungsmuster habe sie von ihren Eltern oder ihren älteren Schwestern übernommen, die selber Mütter sind, sagt Janine Schmid. Zum Beispiel die Liste mit den «Lachi»- und den «Lätschi»-Gesichtern, die an ihrer Küchenwand hängt. Für Mithilfe beim Tischabräumen gibts kein «Lachi», das gilt als selbstverständlich, hingegen für freiwilliges Staubsaugen. «Mitdenken ist gefragt.» Ein «Lätschi» handelt sich Amelie ein, wenn sie zum Beispiel endlos mit ihrem jüngeren fünfjährigen Bruder Lenny streitet. Nach zehn «Lätschi» gibts eine Woche lang keine Süssigkeiten oder kein Fernsehen, nach zehn «Lachi» ein Ge­schenk für höchstens zehn Franken. So läuft seit vier Jahren ein Selbstregulierungstraining, ohne dass man es je so genannt hätte.

 

10 000 Franken pro Kind
Mit einer ziemlich anderen Klientel als stabilen Schweizer Mittelstandsfamilien hat Barbara Steinegger zu tun. Die Elterntrainerin des Kinder- und Jugendhilfezentrums Dietikon arbeitet für ein weiteres wissenschaftliches Grossprojekt im Kanton Zürich – «Zeppelin» – , das der Psychologe Andrea Lanfranchi von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik im Jahr 2010 gestartet hat. Während «Kids-Win» auf die Schulkinder fokussiert, zielt «Zeppelin» auf die Eltern mit Kleinkindern bis zu drei Jahren.
Barbara Steinegger mag das Wort Elterntrainerin zwar nicht, aber es trifft die Sache, denn sie bildet Eltern zu «Lehrern ihrer Kinder» aus nach Vorbild des ursprünglich amerikanischen Programms «PAT – Mit Eltern lernen».
Nach Erfahrung der Mütterberatung und von Kinderärzten gelten in Dietikon gut zehn Prozent aller Familien als sogenannte Risikofamilien, weil die Eltern arbeitslos, psychisch labil, suchtgefährdet, alleinerziehend oder vielleicht auch alles zusammen sind. Solche Eltern zu finden und sie vom Sinn eines Trainings zu überzeugen war die erste grosse Hürde für das «Zeppelin»-Projekt.
Schliesslich hat man 250 Risikoeltern in 14 Zürcher Gemeinden ausgesucht. Nach dem Zufallsprinzip werden 130 von ihnen seit drei Jahren gefördert, die andern 120 Familien hingegen nicht, um die unterschiedlichen Effekte präzise eruieren und vergleichen zu können.
Barbara Steinegger besucht 15 solcher Familien mit Kindern ab Geburt bis drei Jahre, jeweils zweimal pro Monat für eine Stunde, möglichst nicht nur die Mütter, sondern auch die Väter, damit diese ebenfalls richtig zu reagieren lernen, wenn ihr dreijähriges Kind schreit, weil es nicht sofort haben darf, was es will. Zum Beispiel ein Marshmallow. Oder das Smartphone, mit dem die Eltern selber andauernd spielen. Hart bleiben? Nachgeben? Eine Alternative suchen? Ein klassisches Erziehungsproblem, sagt die Trainerin. Wichtig sei, dass die Eltern ihr Kind verstehen lernen, es nicht anbrüllen oder gar handgreiflich werden, sondern seine Gefühle und sein Verhalten begreifen. Dazu braucht es – Remo Largo weist seit Jahren darauf hin – in erster Linie eine gute Beziehung. Ohne die geht nichts. «Bindung kommt vor Bildung», sagt auch Barbara Steinegger.
Blosse Appelle würden nur verpuffen. «Es braucht Strategien, die man über längere Zeit mit den Eltern einüben muss», und sei es nur schon ein Plan, wann und wie man mit seinem Kind am besten einkaufen geht, damit es keine Qual für beide wird. «Durch Erfolgserlebnisse werden die Eltern gestärkt und lernen, ihre Kinder altersgerecht zu führen.»
Einfach sei ihre Arbeit gewiss nicht immer, sagt Barbara Steinegger, aber vom Nutzen ist sie überzeugt (wie es auch die Zwischenauswertung von «Zeppelin» andeutet).
Gratis ist das freilich nicht zu haben. Der Verein «a:primo», der mit «Schrittweise» ein ähnliches Angebot in 23 Städten und Gemeinden offeriert wie «Zeppelin» mit «PAT», verrechnet für 18 Monate rund 10 000 Franken pro Familie. Den Kanton Zürich würde es somit fünf Millionen Franken pro Jahr kosten, wollte er jene 500 Kinder aus Risikofamilien fördern, die die kantonale Jugendkommission als «absolutes Minimum» erachtet. 15 Millionen wären es, würde man alle 1500 jährlich neugeborenen Zürcher Risikokinder betreuen.
10 000 Franken pro Kind – ist das viel? Folgt man Ökonomen wie Heckman und Fehr, wäre es eine der besten staatlichen Investitionen. Denn aus einem in gute Frühförderung investierten Franken resultiert ein Nutzen von rund sieben Franken – weil dann später weniger Sozialausgaben, Arbeitslosengelder und Gefängnisplätze notwendig werden. Und weil das individuelle Einkommen dank besserer Schulerfolge steigt. Arbeitslosenprogramme für Dreissigjährige oder die Verkleinerung von Schulklassen seien im Vergleich dazu viel weniger effiziente Fördermassnahmen, sagt Ernst Fehr. Und er sagt es auch andersherum: «Wer es versäumt, genügend in frühkindliche Bildung zu investieren, verringert den langfristigen Wohlstand aller.»
Zürich, Bern oder Basel-Stadt haben in den letzten Jahren deutlich mehr in die Frühförderung investiert als andere Kantone. Aber insgesamt leistet sich die Schweiz gemäss OECD finanziell noch immer zehnmal weniger Frühförderung als der internationale Spitzenreiter Dänemark, auch deutlich weniger als die meisten westeuropäischen Länder. Und es dürfte auch künftig kaum mehr werden, wenn die Budgets überall rot sind, weil unter anderem ausgerechnet die Sozialausgaben explodieren wie etwa in Winterthur, wo sie 2013 bei 47 Millionen Franken lagen (plus 8,4 Prozent).
Mit der SVP wird ohnehin nicht zu rechnen sein. Die Partei legt sich schon gegen weitere Krippensubventionen des Bundes quer, und wissenschaftliche Studien zur Frühförderung mögen ihre Exponenten selbst dann nicht lesen, wenns darin um mehr Disziplin geht. Das seien bloss «lauter nutzlose Beschäftigungsprogramme für staatliche Beratungsbeamtinnen», meint der SVP-Bildungspolitiker Ulrich Schlüer. «Die Eltern tragen die Verantwortung für ihre Kinder. Dem kann man nicht ausweichen.»
Letzterem würde ein liberaler Ökonom wie Ernst Fehr so wenig widersprechen wie viele Lehrer. Doch was, wenn Eltern ihre Verantwortung trotzdem nicht wahrnehmen können? Darauf hat Schlüer keine Antwort.
Fehr hat eine. Doch er und die Forschergemeinde in der Frühförderung werden noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen.

 

Martin Beglinger ist Redaktor des «Magazins».

martin.beglinger@dasmagazin.ch

Der Fotograf Dan Cermak lebt in Zürich.

www.dancermak.ch

Schwarzer KöRPER

Die jüngsten Unruhen machen klar:

Der Rassismus ist in den USA virulent.

Der Schriftsteller Teju Cole ist nach Leukerbad gefahren,

um mit James Baldwin darüber nachzudenken,

was es heisst, einen schwarzen Körper zu haben.


Text  TEJU COLE

Dann fuhr der Bus in die Wolken hinein, und in jeder Wolkenlücke erhaschten wir einen Blick auf die Stadt unter uns, die am frühen Abend eine Konstellation aus gelben Punkten bildete. Vor dreissig Minuten waren wir in einer Stadt namens Leuk abgefahren. Der Zug nach Leuk war aus Visp gekommen, und der Zug nach Visp aus Bern, und der Zug davor aus Zürich, wo ich am Nachmittag aufgebrochen war. Drei Züge, ein Bus und ein kurzer Spaziergang durch herrliche Landschaft, und schliesslich erreiche ich Leukerbad in der Dunkelheit. Gemessen an der absoluten Strecke, war Leukerbad nicht weit entfernt, doch ziemlich schwer zugänglich. 2. August 2014, James Baldwins Geburtstag. Heute wäre er neunzig geworden. Er gehört zu jenen Persönlichkeiten, die gerade aus der Gegenwart gleiten und schon die Schwelle zum Historischen überschreiten – auch John Coltrane wäre in diesem Jahr achtundachtzig geworden, und Martin Luther King Jr. hätte seinen fünfundachtzigsten Geburtstag gefeiert; sie könnten noch unter uns weilen und scheinen doch, zuweilen, sehr weit weg, als hätten sie vor Jahrhunderten gelebt.
James Baldwin verliess Paris und kam 1951 zum ersten Mal nach Leukerbad. Die Familie seines Geliebten, Lucien Happersberger, besass ein Chalet in einem der hoch gelegenen Bergdörfer. Und Baldwin, damals deprimiert und unkonzentriert, reiste hin, und das Dorf (auch bekannt unter dem Namen Loèche-les-Bains) wurde zu seinem Refugium. Das erste Mal kam er im Sommer und blieb zwei Wochen. Im Winter kehrte er zurück und zu seiner eigenen Überraschung im darauffolgenden Winter gleich wieder. Sein erster Roman «Gehe hin und verkünde es vom Berge» fand seine endgültige Form hier. Er hatte sich acht Jahre mit dem Buch abgeplagt und vollendete es schliesslich an diesem unwahrscheinlichen Rückzugsort. Und Baldwin schrieb noch mehr, einen Essay, den er mit «Ein Fremder im Dorf» übertitelte. Und wegen dieses Essays und nicht so sehr wegen des Romans bin ich jetzt in Leukerbad.

 

Hüter eines schwarzen Körpers
«Ein Fremder im Dorf» erschien zuerst 1953 in «Harper’s Magazine» und dann 1955 noch einmal in der Essaysammlung «Notes of a Native Son» [Aufzeichnungen eines Eingeborenen]. Der Essay erzählt von der Erfahrung des Schwarzseins unter ausschliesslich weissen Dorfbewohnern. Er vermittelt zunächst den Eindruck einer aussergewöhnlichen Reise, vergleichbar mit Charles Darwins Fahrt zu den Galapagosinseln oder Tété-Michel Kpomassies Tour nach Grönland. Doch dann öffnet er sich anderen Anliegen, nimmt einen anderen Ton an, während er auf Amerika und die Rassensituation der 1950er-Jahre schwenkt. Der Teil des Essays, der das Schweizer Dorf beschreibt, ist verträumt und bekümmert zugleich. Baldwin ist sich der Absurdität der Situation bewusst, als ein aus New York kommender Autor für irgendwie minderwertig gehalten zu werden von Schweizer Dorfbewohnern, die grösstenteils noch nie auf Reisen waren. Doch in späteren Passagen, wenn er über Rasse in Amerika schreibt, ist der verträumte Ton verflogen. Da ist er wütend und prophetisch, schreibt mit scharfer Klarheit und rasanter Eloquenz.
Am Abend meiner Ankunft nahm ich mir ein Zimmer im Hotel Mercure Bristol. Ich öffnete die Fenster zu einer finsteren Aussicht, wohl wissend, irgendwo in dieser Dunkelheit ragte das Daubenhorn empor. Ich liess heisses Wasser ein und legte mich mit meiner alten Taschenbuchausgabe von «Notes of a Native Son» halstief in die Badewanne. Aus meinem Laptop tönte blechern Bessie Smith mit «I’m Wild About That Thing», eine dreckige Bluesnummer und ein Meisterwerk glaubhafter Abstreitbarkeit: «Don’t hold it baby when I cry / Give me every bit of it, else I’ll die / I’m wild about that thing.» [Halt es nicht zurück, Baby, wenn ich heule / Gib mir jedes Stück davon, sonst sterbe ich /Dieses Ding macht mich ganz wild.] Vielleicht sang sie ja von einer Posaune. Und in diesem Bad, zu seinen Worten und ihrer Stimme, hatte ich dann meine Körperdouble-Erfahrung: Da war ich also in Leukerbad, und Bessie Smith sang mit ihrem Song aus dem Jahr 1929 herüber, und ich bin schwarz wie er und ebenso schlank, und ich habe auch eine Lücke zwischen den Vorderzähnen, und ich bin nicht besonders gross (nein, schreibs hin: klein), und ich bin cool auf dem Papier und lebhaft als Person oder andersherum, und als Teenager war ich ein glühender Prediger (Baldwin: «Nichts, was ich seither erlebt habe, kommt der Kraft und der Herrlichkeit gleich, die ich manchmal mitten in einer Predigt fühlte, wenn ich wie durch ein Wunder wahrhaft, wie man so sagt, ‹das Wort› in mir trug und ich und die Kirche eins waren»), und auch ich habe die Kirche verlassen und nenne New York mein Zuhause, auch wenn ich gerade nicht dort wohne, und auch ich fühle mich überall, von New York City bis in die ländliche Schweiz, als der Hüter eines schwarzen Körpers, der eine Sprache dafür finden muss, was das für mich und für die Leute, die mich ansehen, bedeutet. Der Vorfahre hatte sich kurz des Nachfahren bemächtigt. Es war ein Moment der Identifikation, der mir in den folgenden Tagen den Weg wies.

 

«Neger! Neger!»
«Nach dem mir verfügbaren Informationsstand hatte kein schwarzer Mann vor mir dieses kleine Schweizer Dorf jemals betreten», schrieb Baldwin. Doch seit seinen Aufenthalten vor über sechzig Jahren ist das Dorf erheblich gewachsen. Inzwischen hat man hier schwarze Menschen gesehen, ich war also kein ungewöhnlicher Anblick. Ein paar Blicke gab es schon, beim Einchecken ins Hotel oder in dem feinen Restaurant etwas weiter die Strasse hoch. Man bekommt Blicke in Zürich, wo ich den Sommer verbringe, und Blicke in New York City, wo ich seit vierzehn Jahren zu Hause bin. In ganz Europa gibt es Blicke, auch in Indien, und überall, wo ich mich ausserhalb von Afrika aufhalte. Es kommt immer darauf an, wie lange die Blicke anhalten und ob sie in Glotzen übergehen, welche Absicht sie verfolgen, ob ihnen etwas Feindseliges oder Spöttisches anhaftet und inwieweit Beziehungen, Geld oder Kleidungsstil in solchen Situationen als Schutzschild herhalten. Fremder zu sein heisst, angesehen zu werden, aber schwarz zu sein heisst, auf eine spezielle Weise angesehen zu werden («Die Kinder rufen: ‹Neger! Neger!›, wenn ich durch die Strassen gehe»). Leukerbad hat sich verändert, aber was genau? Auf den Strassen spielten tatsächlich keine Horden von Kindern, und ich sah überhaupt kaum welche. Vermutlich waren die Kinder in Leukerbad, wie alle Kinder auf der Welt, Stubenhocker, die mit gerunzelter Stirn Computerspiele navigierten, Facebook checkten oder Musikvideos anklickten. Vielleicht waren ja einige der älteren Leute, denen ich jetzt in den Strassen begegnete, die besagten Kinder von damals, die bei Baldwins Anblick so überrascht gewesen waren und für deren Beschreibung er in dem Essay um einen angemessenen Ton ringt: «All dies hatte durchaus, das muss wohl eingeräumt werden, den Charme aufrichtiger Verwunderung, dem ich sicherlich keine absichtliche Unfreundlichkeit entnahm; es lag aber auch keine Andeutung darin, dass man mich für menschlich hielt: Ich war einfach ein lebendes Wunder.» Doch heute haben deren Kinder und Enkelkinder eine andere Beziehung zur Welt. Vielleicht sind Fremdenfeindlichkeit und Rassismus Teil ihres Lebens, ebenso wie Beyoncé, Drake und Meek Mill, die Musik, die ich freitagnachts aus den Schweizer Clubs pulsieren höre.
In den Fünfzigerjahren musste Baldwin seine Platten noch wie einen Geheimvorrat an Medikamenten einschleusen und seinen Plattenspieler nach Leukerbad hochschleppen. Doch der Sound von amerikanischem Blues erlaubte ihm, mit Harlem geistig verbunden zu bleiben. Während meines Aufenthalts lauschte ich manchmal derselben Musik, um mich mit ihm zu verbinden, etwa Bessie Smith’ «I need a little sugar in my bowl / I need a little hot dog on my roll» [«Ich brauch ’n bisschen Zucker in meiner Schale / Ich brauch ’n kleines Würstchen in meiner Stulle»] oder Fats Wallers «Your Feet’s Too Big»; und natürlich meine eigene Playlist: Bettye Swann, Billie Holiday, Jean Wells, «Coltrane Plays the Blues», die Physics und Childish Gambino. Die Reisemusik hilft einem, sich seine eigene innere Witterung zu schaffen. Doch die Aussenwelt spielt auch mit: Als ich eines Nachmittags im Römerhof zu Mittag ass – an diesem Tag waren alle Gäste und das gesamte Personal weiss –, tönte aus den Lautsprechern Whitney Houstons «I Wanna Dance With Somebody». Geschichte ist jetzt und Black America.
Beim Abendessen in einer Pizzeria gab es Blicke. Britische Touristen am Nebentisch starrten mich an. Ausser mir war nur die Kellnerin von dunklerer Hautfarbe, und im Spa-Bereich des Hotels fand ich einen älteren schwarzen Mann unter den Angestellten. «Die Menschen sind in der Geschichte gefangen, und die Geschichte ist in ihnen gefangen», schrieb Baldwin. Es stimmt aber auch, dass die kleinen Bruchstücke der Geschichte mit enormer Geschwindigkeit herumschwirren und nicht immer logisch nachvollziehbar ist, wo und wie lange sie sich absetzen. Ich war nicht die einzige schwarze Person im Dorf. Doch vielleicht interessanter war die schlichte Tatsache, dass ich nicht der einzige Ausländer war. Das war wohl die grösste Veränderung. Hatte das Dorf damals jenes Flair eines Kur- oder Wallfahrtsortes mit ein bisschen Lourdes-Atmosphäre, ist es heute viel geschäftiger, und die Besucher kommen nicht nur aus anderen Teilen der Schweiz, aus Deutschland, Frankreich, Italien und allen Ecken Europas, sondern auch aus Asien und den Amerikas. Leukerbad ist heute der beliebteste Badekurort der Alpen. Die städtischen Bäder sind überfüllt. Es gibt Hotels an jeder Strassenecke, in jeder Preisklasse, exklusive Restaurants und Geschäfte für Luxusartikel. Wenn man auf tausendvierhundert Metern über dem Meeresspiegel eine zum Weinen teure Armbanduhr kaufen möchte, ist das heutzutage möglich.
Die besseren Hotels haben ihre hauseigenen Thermalbäder, auch das Hotel Mercure Bristol. Ich nahm den Aufzug und fuhr ins Spa hinunter. Zuerst ging ich in die Trockensauna, und einige Minuten später glitt ich in den Pool und liess mich im warmen Wasser in den Aussenbereich treiben. Draussen waren noch andere Badegäste, aber nicht viele. Es regnete leicht. Wir waren umringt von Bergen und umschlossen von unsterblichem Blau.

 

Zusehen, wie die Eroberer ankommen
In ihrem brillanten Buch «Harlem Is Nowhere» schreibt Sharifa Rhodes-Pitts: «In beinahe jedem Essay, den James Baldwin über Harlem schrieb, vollführt er dieses ganz besondere literarische Kunststück, das Sportreporter, wäre er Sportler gewesen, wahrscheinlich mit einem eigenen Code versehen und ‹den Jimmy› getauft hätten. Ich würde es eher mit filmischen Begriffen beschreiben, denn seine Wirkung erinnert an eine Technik, bei der der Kameramann herausschwenkt, indem er mit einer Nahaufnahme beginnt und dann auf Weitwinkel auszoomt, während die Linse auf einem Punkt in der Ferne fokussiert bleibt.» Diese Bewegung, diese plötzliche Erweiterung des Fokus, findet man auch in seinen Essays, die nicht von Harlem handeln. In «Ein Fremder im Dorf» gibt es eine Textpassage von etwa sieben Seiten, wo Baldwin im Begriff ist, den Erzählton des Eingangsabschnittes hinter sich zu lassen, und rhetorisch Gas gibt. Er notiert Folgendes über die Dorfbewohner:
«Diese Menschen können nach Ansicht der Macht nirgendwo in der Welt Fremde sein; sie haben in der Tat die moderne Welt geschaffen, auch wenn sie es nicht wissen. Der Ungebildetste unter ihnen ist auf eine Art, in der ich es nicht bin, mit Dante verwandt, mit Shakespeare, Michelangelo, Aischylos, Da Vinci, Rembrandt und Racine. Die Kathedrale von Chartres bedeutet ihnen etwas, was sie mir nicht bedeuten kann, und genauso ginge es ihnen mit dem Empire State Building in New York, sollte einer von ihnen es jemals zu Gesicht bekommen. Aus ihren Kirchenliedern und Tänzen gingen Beethoven und Bach hervor. Nur wenige Jahrhunderte zuvor befinden sie sich auf dem Höhepunkt ihres Ruhms – doch ich bin in Afrika und sehe zu, wie die Eroberer ankommen.»
Worum geht es in dieser Aufzählung? Interessiert es Baldwin wirklich, dass die Leute aus Leukerbad durch irgendeine vage Vertrautheit mit Chartres verwandt sind? Dass irgendein weit zurückliegender genetischer Strang sie mit Beethovens Streichquartetten verknüpft? Später argumentiert er, dass trotzdem niemand den Einfluss bestreiten kann, den «die Präsenz des ‹Negro› auf den amerikanischen Charakter gehabt hat». Er erkennt die Wahrheit und die Kunst in Bessie Smith’ Schaffen. Er will und kann nicht – will ich zumindest glauben – Bach über den Blues stellen. In den 1950ern herrschte eine recht enge allgemeine Vorstellung von «Black Culture». In der Zwischenzeit hat es wohl ausreichend kulturelle Errungenschaften von Schwarzen gegeben, um eine ganze Starbesetzung aufzustellen: Da waren Coltrane und Monk und Miles, Ella und Billie und Aretha. Toni Morrison, Wole Soyinka und Derek Walcott passierten uns ebenso wie Audre Lorde, Chinua Achebe und Bob Marley. Der Körper wurde nicht des Geistes wegen aufgegeben: Alvin Ailey, Arthur Ashe und Michael Jordan ereigneten sich ebenfalls. Die Quelle des Jazz und des Blues schenkte der Welt dazu Hip-Hop, Afro­beat, Dancehall und House. Und, ja, als James Baldwin 1987 starb, wurde auch ihm die Anerkennung eines Stars zuteil.

 

Frage der Abstammung
Während Baldwin weiter über die Kathedrale von Chartres und die Grossartigkeit jener Kulturleistung nachdenkt und darüber, dass sie Schwarze, seiner Meinung nach, nur als Negativ, nämlich als Teufel einschliesst, schreibt er: «Der ‹American Negro› hat kraft der absoluten Entfremdung von seiner Vergangenheit zu seiner Identität gefunden.» Doch die entfernte afrikanische Vergangenheit ist heute viel zugänglicher als noch im Jahr 1953. Ich würde nie auf den Gedanken kommen, dass ich einige Jahrhunderte zuvor «in Afrika war und zusah, wie die Eroberer ankamen». Ich vermute also, Baldwin macht hier einen rhetorischen Schachzug und sucht nur eine makabre Kadenz für den Abschluss eines Textabsatzes. In «A Question of Identity», einem anderen Essay aus «Notes of a Native Son», schreibt er: «Die Wahrheit über jene Vergangenheit ist nicht, dass sie zu kurz ist oder zu vage, sondern vielmehr, dass wir uns derart entschieden von ihr abgewandt und ihr deswegen nie abverlangt haben, was sie zu geben hat.» Im 14. Jahrhundert schufen die Künstler am Hof von Ife Bronzeskulpturen mittels eines komplizierten Giessverfahrens, das in Europa bereits in der Antike verloren ging und erst mit der Renaissance wiederentdeckt wurde. Die Ife-Bronzen sind den Werken von Ghiberti oder Donatello ebenbürtig. Ihre Präzision und formale Pracht lassen die Konturen eines bedeutenden Königsreichs erahnen, zeugen von einem Netzwerk hoch entwickelter Ateliers und einer kosmopolitischen Welt des Handels und Wissens. Und Ife war nicht alles. Ganz Westafrika war ein kulturelles Ferment. Von der egalitären Regierung der Igbo über die Goldarbeiten der Ashanti-Könige und die Messingbüsten aus Benin bis zu den militärischen Erfolgen des Mandinka-Reiches und den musikalischen Virtuosen, die jene Kriegshelden besangen, hatte dieser Teil der Welt bereits zu tiefgreifend in Kunst und Leben investiert, um einfach auf eine Karikatur reduziert zu werden, «die zusieht, wie die Eroberer ankommen». Wir wissen es heute besser. Wir wissen es mit einem ganzen Stapel von wissenschaftlicher Sicherheit, und wir können es stillschweigend voraussetzen; die explizite Auflistung aller Kulturleistungen ermüdet uns sogar und dient uns eigentlich nur dazu, dem Eurozentrismus entgegenzuwirken.
In keiner Welt würde ich die einschüchternde Schönheit der Yoruba-Poesie, um ein Beispiel zu nennen, gegen die Sonette von Shakespeare eintauschen noch die Brandenburgischen Konzerte der Kora-Musik der Mali vorziehen. Ich freue mich, beides haben zu können. Diese sorglose Zuversicht ist auch ein Geschenk der Zeit. Es ist der Gewinn, den frühere Generationen erkämpft haben. Ich fühle mich nicht fremd in Museen. Baldwin aber hat sich über die Frage der Abstammung den Kopf zerbrochen. Er hatte einen Sinn für bedeutende Weltkunst, aber auch ein Gefühl für seine Ausgrenzung aus ihr. In dem Essay «Autobiographical Notes» stellt er auch eine Liste zusammen (allmählich bekommt man den Eindruck, solche Listen wurden ihm bei Streitgesprächen an den Kopf geworfen): «Auf eine subtile, wirklich profunde Weise suchte ich etwas Bestimmtes in Shakespeare, Bach, Rembrandt, in den Denkmälern von Paris, der Kathedrale von Chartres und dem Empire State Building, in diesen Gebilden, in denen meine Vergangenheit nicht vorkam. Vergeblich und für immer würde ich in ihnen eine Spiegelung meiner Selbst suchen. Ich war ein Eindringling; dies war nicht mein Erbe.» Die Zeilen zittern vor Traurigkeit. Was er liebt, erwidert seine Liebe nicht.

 

Unterschiede
Hier trennen sich Baldwins und meine Wege. Ich kann zwar seinen Schmerz nachvollziehen, doch nicht die Selbstverleugnung, die ihn daran fesselt. Der zutiefst menschliche Bach ist mein Erbe. Ich fühle mich nicht als Eindringling, wenn ich ein Porträt von Rembrandt betrachte. Beide bedeuten mir mehr als vielen Weissen, so wie manchen Weissen Aspekte afrikanischer Kunst wichtiger sind als mir. Ich kann mich weisser Vorherrschaft widersetzen und mich trotzdem an gotischer Architektur erfreuen. Ich stimme Ralph Ellison zu: «Die Wertungen meines Volkes sind weder ‹weiss› noch ‹schwarz›, sie sind amerikanisch. Sie könnten auch nichts anderes sein, denn wir sind Menschen, die mit der amerikanischen Erfahrung verwoben sind.» Und trotzdem kann ich (ein halbes Jahrhundert später in den USA geboren) Baldwin immer noch verstehen, weil ich die blanke Wut angesichts eines um sich greifenden und begrenzenden Rassismus im eigenen Körper gespürt habe. Aus seinen Texten klingt ein Hunger nach Leben, nach allem, was es zu bieten hat, und ein Wunsch, nicht nur als nichts vorzukommen (ein Neger, nichts als ein Neger), wo er doch weiss, dass er so viel ist. Und dieses «so viel» hat weder mit seinem Schriftsteller-Ego noch mit der Aufregung über seinen Ruhm in New York und Paris zu tun. Vielmehr geht es um die unanfechtbaren Grundeigenschaften eines Menschen: Lust, Schmerz, Liebe, Humor und Trauer und die Komplexität der inneren Landschaft, die unsere Gefühle erhält. Baldwin wunderte sich darüber, dass irgendjemand irgendwo diese Grundfeste infrage stellte und ihm damit die grösste Zeitverschwendung aufbürdete, die Rassismus vor allem ist, und mit ihm so vielen Leuten an so vielen Orten. Diese unermüdliche Fähigkeit, schockiert zu sein, steigt wie Dampf aus seinen Texten: «Der Zorn des Missachteten nützt dem Einzelnen nichts», schreibt er, «aber er lässt sich auch auf keinen Fall vermeiden.»
Leukerbad gab Baldwin die Möglichkeit, von Grund auf über weisse Vorherrschaft nachzudenken. Dort fand er wohl ihre einfachste Ausformung. Die Männer, die ihm nahelegten, er sollte Ski fahren lernen, um ihn dann verspotten zu können, oder die Dorfbewohner, die ihn hinter seinem Rücken des Diebstahls von Brennholz beschuldigten, oder diejenigen, die sein Haar anfassen wollten und dann vorschlugen, er solle es wachsen lassen, um sich einen Wintermantel daraus zu stricken, und «die Kinder, denen man beigebracht hat, dass der Teufel ein schwarzer Mann ist, und die vor lauter Angst aufschrien», wenn er auftauchte: Für Baldwin waren das die Urformen (wie die noch nicht ausgestorbenen Quastenflosser) von Gesinnungen, aus denen sich die intimeren, vertrackteren, vertrauteren und obszöneren amerikanischen Formen weisser Vorherrschaft entwickelt hatten, die er schon allzu gut kannte.
Es ist ein schönes Dorf. Ich mochte die Bergluft. Doch jedes Mal, wenn ich von meinem Bad in der Therme oder einem Spaziergang mit der Kamera in mein Zimmer zurückkehrte und Onlinenachrichten las, wurde ich mit einer endlosen Serie von Krisen konfrontiert: im Mittleren Osten, in Afrika, in Russland, eigentlich überall, allgegenwärtiges Leiden. Doch mit jenem grösseren Elend waren Geschichten verknüpft, und das Nachdenken über und mithilfe des «Fremden im Dorf» wirkte wie ein Kontrastmittel auf meine Wahrnehmung dieser Nachrichten. Die US-Polizei schoss weiter auf unbewaffnete schwarze Männer oder tötete sie auf andere Weise. Und den anschliessenden Protesten in den «Black Communities» entgegnete der Polizeiapparat mit einer Gewalt, die kaum noch vom Einmarsch einer Armee zu unterscheiden ist. Die Menschen begannen allmählich eine Verbindung zwischen den verschiedenen Ereignissen zu erkennen: die Schiessereien, der fatale Würgegriff, die Erzählungen von Menschen, denen lebensrettende medizinische Behandlung verweigert worden war. Eine Welle der Empörung und Trauer erschütterte die von Schwarzen bewohnten Stadtteile.
In diesem Zusammenhang wurde ich auf eine kleinere, weniger bedeutende Geschichte (die aber nicht weniger bedeutet) aufmerksam. Der Bürgermeister von New York und sein Polizeichef sind besessen von öffentlicher Ordnung, Reinigung und Reinhaltung und haben entschieden, dass die Verhaftung von Tanztruppen, die in fahrenden U-Bahn-Waggons auftreten, eine Möglichkeit ist, die Stadt sauberer zu machen. Die Rechtfertigung, warum dies vorrangig behandelt werden müsse, las sich folgendermassen: Manche Leute hätten Angst, von einem Fuss getroffen und ernsthaft verletzt zu werden (noch ist es nicht passiert, aber sie haben schon Angst davor), einige Leute empfinden es als Störung, und ein paar politische Entscheidungsträger sind der Meinung, kleinen Verstössen nachzugehen würde grösseren Verbrechen vorbeugen. Also wurde die Polizei eingeschaltet, um die Bedrohung durch Tänzer zu bekämpfen. Sie jagten und schikanierten sie und legten ihnen Handschellen an. Das «Problem» waren Tänzer, und diese Tänzer waren, zum Grossteil, schwarze Jungs. Die Zeitungen schlugen denselben Ton wie die Regierung an: eine hochmütige Ablehnung der Performer. Und gerade diese Tänzer sind doch ein Lichtblick im Alltag, ein Moment ungeregelter Schönheit, Künstler mit Talenten, die sich ihr Publikum kaum vorstellen kann. Welche Denkweise steckt hinter der Haltung, ihre Beseitigung würde das Stadtleben verbessern? Niemand hält doch die Trick-or-Treaters an Halloween für eine öffentliche Bedrohung. Die Gesetzeshüter gehen auch nicht gegen die Zeugen Jehovas oder gegen Pfadfinderinnen vor, die Girl-Scout-Cookies verkaufen. Aber der schwarze Körper wird vorverurteilt und daher unnötigen Gefahren ausgesetzt. Schwarzsein be­deutet, Hauptleidtragender selektiver Strafverfolgung zu sein und in einem Zustand psychischer Schwankungen zu leben ohne Garantie persönlicher Sicherheit. Zuallererst ist man ein schwarzer Körper und dann erst ein Kind, das die Strasse entlangläuft, oder ein Harvard-Professor, der nach seinem Schlüsselbund sucht.
William Hazlitt schrieb 1821 einen Essay mit dem Titel «The Indian Jugglers» [Die indischen Gaukler]. Seine Worte kommen mir jedes Mal beim Anblick eines grossartigen Sportlers oder Tänzers in den Sinn: «Mensch, du bist ein wundervolles Tier, und deine Wege sind unergründlich! Du kannst die wunderlichsten Dinge tun, aber du verwandelst sie ohne viel Aufhebens! Dein Gelingen dieser aussergewöhnlichen Geschicklichkeit übersteigt die Vorstellungskraft, und atemlos muss man sie bewundern.» Angesichts des Bewunderungswürdigen verschlägt es manchen den Atem nicht aus Bewunderung, sondern aus Wut. Sie nehmen ebenso sehr Anstoss an der Präsenz des schwarzen Körpers – ein unbewaffneter Junge in einer Strasse, ein Mann, der ein Spielzeug kauft, ein Tänzer in der U-Bahn, ein Schaulustiger – wie an der Gegenwart des schwarzen Geistes: Man radiert sie aus, und gleichzeitig macht man unendlich viel Profit mit der Arbeit von Schwarzen. Die gesamte Kultur ist durchzogen von Imitationen des schwarzen Körpers, seines Gangs und Verhaltens, seiner Kleidung, wie ein Vampir, der à la Greg Tates «Everything But the Burden» schwarzes Leben aufsaugt.

 

Rassismus tarnt sich
Leukerbad ist von Bergen umringt: das Daubenhorn, das Torrenthorn, das Rinderhorn. Ein Bergpass, der Gemmi, etwa 850 Meter höher gelegen als das Dorf, verbindet den Kanton Wallis mit dem Berner Oberland. Durch diese zerklüftete Landschaft, dürftig an Orten und Grün, ein Lehrbuchbeispiel des Erhabenen, bewegt man sich wie im Traum. Der Gemmipass ist mit guten Gründen berühmt, Goethe erklomm ihn und auch Byron, Twain und Picasso, und er kommt sogar in einem Sherlock-Holmes-Abenteuer vor. Der Detektiv überquert ihn auf dem Weg zu seinem schicksalhaften Treffen mit Professor Moriarty bei den Reichenbachfällen. An dem Tag, als ich mich auf den Weg zum Gemmi machte, gab es Regen und Nebel, aber das schlechte Wetter war mein Glück, denn ich hatte die Wanderpfade für mich allein. Und dabei erinnerte ich mich an eine Geschichte von Lucien Happersberger. Sie erzählt von einer Wanderung, die er mit Baldwin in diesen Bergen unternahm. Baldwin hatte beim Aufstieg plötzlich den Halt verloren und war für einen Augenblick in eine gefährliche Lage geraten. Doch Happersberger, ein erfahrener Kletterer, reichte ihm die Hand, und Baldwin war gerettet. Und diesem erschreckenden Augenblick, diesem biblisch anmutenden Moment hat Baldwin den Titel des Buches zu verdanken, an dem er so lange gearbeitet hatte: «Gehe hin und verkünde es vom Berge».
War Leukerbad seine Bergkanzel, so waren die Vereinigten Staaten seine Gemeinde. Das abgelegene Dorf verschaffte ihm eine schärfere Perspektive auf die Lage der Dinge zu Hause. Er sei ein Fremder in Leukerbad, schrieb Baldwin, in den USA jedoch konnte ein Schwarzer niemals ein Fremder sein noch ein Weisser seine Fantasie von einem gänzlich weissen Amerika ohne Schwarze jemals verwirklichen. Diese Vorstellung, man könne die schwarze Existenz beseitigen, ist eine Konstante in der amerikanischen Geschichte. Es braucht seine Zeit zu verstehen, dass dieses Loswerden-Wollen weiterbesteht. Es braucht seine Zeit, bis die Weissen das verstehen. Es braucht seine Zeit, bis Nicht-Schwarze anderer Hautfarbe das verstehen. Und es braucht seine Zeit, bis es manche Schwarze verstehen, ob sie nun schon immer in den USA leben oder Nachzügler sind wie ich und sich anderswo andere Kämpfe abgewöhnt haben. Der amerikanische Rassismus hat viele bewegliche Teilchen und im Laufe der Jahrhunderte genügend Zeit gehabt, eine beeindruckende Tarnung zu entfalten. Er ist in der Lage, lange Zeit und ganz im Stillen seine Bösartigkeit anzusammeln und gleichzeitig so zu tun, als würde er wegschauen. Wie Frauenfeindlichkeit liegt er in der Luft. Man bemerkt ihn nicht auf den ersten Blick. Aber man versteht es irgendwann.
«Menschen, die ihre Augen vor der Wirklichkeit verschliessen, beschwören einfach nur ihren eigenen Untergang herauf, und jeder, der darauf besteht, in einem Zustand der Unschuld weiterzuleben, obwohl diese Unschuld schon lange tot ist, verwandelt sich in ein Monster.» Die Neuigkeit des Tages ist – eine alte Nachricht, aber krude wie eine frische Wunde –, dass die Existenz der Schwarzen in Amerika aus Sicht der Überwacher und Bestrafer, der Wirtschaftspolitik und unzähliger erschreckender Ausformungen der Missachtung beseitigbar ist. Unschuld wird zwar sehr anschaulich zur Schau gestellt, tatsächlich aber gibt es keine Unschuld mehr. Das moralische Konto bleibt so tief im Soll, dass wir nicht einmal anfangen können, über Reparationen nachzudenken. Baldwin schrieb «Ein Fremder im Dorf» vor mehr als sechzig Jahren. Und was ist jetzt?•

Der Zweck der Einheitskasse

Die Abstimmung über die Einheitskrankenkasse zeigt auf symptomatische Weise die Krise der politischen Institutionen. Über falsche Fragen werden Scheindebatten geführt. Am Ende dürften die Vorlage scheitern, die Verwirrung der Bürger noch grösser sein und die Schweiz weiter über ein Gesundheitssystem verfügen, das nicht nur zu den besten, sondern auch den teuersten gehört und viel weniger kostengünstig ist, als es sein könnte und müsste.
Dass die SP den x-ten Versuch unternimmt, das existierende Versicherungssystem zu schleifen, ist nachvollziehbar. Das Schweizer Kopfprämiensystem ist die mächtigste Umverteilungsmaschine unseres Sozialstaates, es handelt sich jedoch nicht um Umverteilung von oben nach unten, sondern von unten nach oben.
Die Kennzahlen sind spektakulär: Die durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung verursachten Kosten schlugen 2012 mit 25,7 Milliarden zu Bu­che, was knapp 40 Prozent des gesamten Bundeshaushaltes entspricht. Der degressive Effekt des Kopfprämiensystems dieser Gesundheitssteuer wurde mit relativ bescheidenen 4,2 Milliarden abgemildert. Die Folge ist, dass auch Versicherte mit niedrigem Einkommen die vollen Prämien bezahlen und die Gesundheitsrisiken finanziell viel besser gestellter Bürger mittragen.
Nehmen wir den Kanton Zürich: Ein Alleinstehender mit einem steuerbaren Einkommen von 38 000 Franken, also einem Bruttoeinkommen von etwa 48 000 Franken, hatte 2012 bereits gar keinen Anspruch auf Prämienverbilligung. Bei einer durchschnittlichen Monatsprämie von 378 Franken bezahlte dieser Versicherungspflichtige gut 4500 Franken Jahresprämie, also stolze 9,4 Prozent seines Bruttoeinkommens. Exakt dieselbe Jahresprämie bezahlt ein Einkommensmillionär, der damit allerdings nur 0,45 Prozent seines Bruttolohns für seine Grundversicherung aufwenden muss. Wer glaubt, dass Krankenversicherung eine rein private Angelegenheit ist, der mag daran nichts Anstössiges finden. Doch wer der Überzeugung ist, dass die Gesundheit zu den Kernaufgaben eines Sozialstaates gehört, der diesen Namen verdient, muss den Schweizer Krankenversicherungssonderfall als skandalös empfinden.
Die Verzerrungseffekte der Prämiendegression dürfen nicht unterschätzt werden. Die einzige andere mehr oder weniger universelle Individualsteuer in unserem Land ist die direkte Bundessteuer für die Ein­kommen natürlicher Personen. Diese Steuer ist zwar stark progressiv, doch ihr Gesamtvolumen liegt mit unter 10 Milliarden Franken viel zu niedrig, als dass sie den degressiven Effekt der Krankenkassenprämien auch nur ausgleichen könnte. Das unterste Fünftel der Schweizer Erwerbshaushalte zahlt fast 40 Prozent seiner Steuern und Abgaben in Form von Kopfprämien. Beim obersten Fünftel belaufen sich diese Ausgaben auf nicht einmal 10 Prozent. Als direkte Folge dieses Ungleichgewichts sind in unserem Land die Effekte von Sozialtransfers, Abgaben und Steuern auf die Einkommensverteilung bedeutend kleiner als in beinahe allen anderen OECD-Ländern. Der Gini-Index der Primäreinkommen liegt im Schnitt der letzten Jahre leicht über 3, der Gini-Index der verfügbaren Einkommen leicht unter 3. Das geheiligte Kopfprämiensystem bringt es de facto zustande, die sozialstaatliche Um­verteilung in unserem Land fast vollständig zunichte zu machen.
Die Sozialdemokraten können eine solche Krankenversicherung naturgemäss nicht akzeptieren – lancieren nun aber eine Gesundheitsfinanzierungsreform, welche genau die Kopfprämien nicht antastet. Die angestrebte Einheitskasse mag überflüssige Verwaltungs- und Werbekosten eliminieren und den zynischen Wettbewerb um «gute Risiken» beenden, doch die potenziellen Einsparungen sind bescheiden. Das degressive Finanzierungsmodell würde er­halten bleiben.
Was also ist der eigentliche Zweck der Initiative? Es geht darum, die Lobbying-Macht der Krankenkassen zu brechen. Solange jeder dritte Gesundheitspolitiker im Parlament offiziell auf der Gehaltsliste der Versicherer steht, solange Santésuisse für Abstimmungen fast beliebig Ressourcen mobilisieren kann, so lange werden sich die Interessen der Branchenverbände und nicht die Bedürfnisse der Versicherten durchsetzen. Erst die Einheitskrankenkasse würde der systematischen Korrumpierung des «Miliz-Parlamentes» den Geldhahn zudrehen.
Weil die politischen Institutionen nicht gut funktionieren, soll eine Volksinitiative also die Voraussetzungen für eine sachliche Entscheidungsfindung schaffen. So war das mit der direkten Demokratie eigentlich nicht gemeint.

NATÜRLICHE PARTTIME-VEGETARIER

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Letzte Woche ist das Kochbuch «Italien vegetarisch» von Claudio Del Principe erschienen. Der Basler, der als Texter und Kommunikationsberater arbeitet, «wühlt», wie er sagt, «gern im kulinarischen Erbe seiner italienischen Wurzeln»; davon kann man sich in seinem grandiosen Blog anonymekoeche.net überzeugen. Ein Ge­spräch über die italienische Küche minus Fleisch & Fisch und den nur scheinbaren Widerspruch zwischen Vegetarismus und südländischer Selbstverständlichkeit.

 

Das Magazin — Bei allem Respekt, Claudio Del Principe: Wie geht ein italienisches Kochbuch ohne Ossobuco?

 

Del Principe — Das geht sehr gut. Denn Italiener geniessen ihr Essen in Etappen. Sie fokussieren sich jeweils auf jedes einzelne Gericht. Und dieses bekommt dieselbe, volle Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

 

Das heisst, Sie lassen in Ihrem neuen Buch «Italien vegetarisch» einfach die Hauptspeisen aus?
Streng nach italienischem Protokoll, ja. Obwohl – nein. Ein «Secondo» darf auch fleisch- oder fischlos sein. Eine Zucchini-Frittata zum Beispiel.

 

Aber ein vegetarisches Kochbuch, das sich nur aus Teilen der italienischen Küche be­dient, würde italienische Traditionalisten, sagen wir, irritieren. Oder?

 

Im Gegenteil. Endlich sind 150 traditionelle, authentische Gerichte versammelt, die zeigen, wie gut Italien ohne Fleisch und Fisch schmeckt.

 

Wie sind Sie vorgegangen? Haben Sie klassische Kochbücher nach vegetarischen Re­zepten durchforstet?

 

Ich habe mich aus meinem familiären Re­zeptefundus bedient und aus italienischen Kochbüchern, die der Tradition verpflichtet sind.

 

In Ihrem Blog anonymekoeche.net spielt Vegetarismus eine untergeordnete Rolle. Sind Sie selbst zum Teilzeit- oder Erwerbsvegetarier geworden und haben sich in der Freizeit mit Lamm-Steak-Salat oder Calamaretti getröstet?

 

So untergeordnet ist die vegetarische Rolle nicht. Sie war und ist immer sehr präsent für mich. Das Medium Blog bringt es aber mit sich, dass nach fünf Beiträgen mit Fleisch der Eindruck entstehen könnte: Aha!, vegetarisch interessiert den Claudio nicht. Ich muss einmal über ein Redesign nachdenken.

 

Also ist es doch kein Widerspruch, Italiener und Vegetarier zu sein?

 

Als Italiener ist man von Natur aus Vege­tarier! Wenn auch nur Parttime. Aber Gemüse ist uns überlebenswichtig. Eine Mahlzeit, bei der nicht ein Gemüse die Hauptrolle spielt, ist eigentlich undenkbar. Nur kommt in Italien niemand auf die Idee, diese Rezepte in die vegetarische Schublade zu stecken. Es sind einfach grandiose Ge­richte, die grossartig schmecken – basta.

 

Welche Regionen Italiens geben denn für den Gemüseesser am meisten Rezepte her? Ich erinnere mich an unglaublich gute Gemüseeintöpfe in Apulien (gleichzeitig aber auch an die rohen Meeresfrüchte in Monopoli, meine Fresse).

 

Ja, Apulien ist ein vegetarisches Bull’s Eye. Aber jede Region hat spannende, teilweise autochtone Sorten. Die Abruzzen, wo meine Eltern leben, sind bekannt für Hülsenfrüchte, roten Knoblauch von Sulmona oder für die beste Kartoffel für Gnocchi: die «Gelbe von Avezzano». Und im Veneto gibts den herrlich bitteren Radicchio!

 

Besonders gut zu Lammkoteletts …

 

Unbedingt! Dazu fällt mir ein: Den herben Stängelkohl Cima di rapa MUSS man in Kampanien zwingend mit Salsiccia essen. Doch in Apulien gehört er untrennbar zu Orecchiette. Das heisst: Selbst Italiener sind regional so verschieden, dass man die Übersicht verlieren kann. Dafür gewinnt man Varianten ohne Ende.

 

 

Claudio Del Principe, Katharina Seiser (Hg.):
Italien vegetarisch. Christian Brandstätter Verlag, 2014