Goethe, Drupi und die Zitronentarte

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Es gibt, vielleicht abgesehen von Drupis «Piccola e fragile», kaum ein Stück Dichtung, die unsere Sehnsucht nach dem Sü­­den so befeuert wie die Zeilen, die Goethe seiner metrosexuellen Figur Mignon in «Wilhelm Meisters Lehrjahre» in den Mund legt:

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn

Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,

Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?

Kennst du es wohl? Dahin!

Dahin möcht’ ich mit dir,

O mein Geliebter, ziehn.
Man kann den Lorbeer riechen und den Wind spüren und das Rascheln des dunklen Laubs hören, aus dem die Orangen herausblitzen, aber unsere Sehnsucht entzündet sich bereits am Ende der ersten Zeile, wenn man das pralle Gelb der Zitronen sieht und es zurückdenkt in seine Ursprungsform, die Blüte, die elegant wie ein emigriertes Edelweiss auf ihrem Ast sitzt und einen Geruch verströmt, der alles in sich trägt, was die Zitrone einmal ausmachen wird – dabei aber unendlich viel zarter ist, fragiler, mondän.

Der Duft der Zitronenblüte verbindet sich mit dem harmonischen Rhythmus von Mignons Frage – und ja, logisch wissen wir, wo dieses Land ist: Es ist das Land, wo nicht nur Zitronen, sondern auch Vespas am Baum wachsen und «Piccola e fragile» in immer neuen Spielarten durch die Lautsprecher der Cafés geschleust wird. Und ausserdem: Selbst wenn wir müde aus Italien zurückkehren und froh sind über ein bisschen weniger Lärm, Frohsinn und Superpasta alla nonna, kehrt die Sehnsucht schneller zurück, als wir es wahrhaben wollen – und für solche Tage ist diese Notmassnahme gedacht: Die Notaufnahme befindet sich in der Küche, die Arznei heisst «Torta al limone».

Für den Teig benötigen Sie:

200 g Mehl

50 g Zucker

1 Pck. Vanillezucker

Schale von ½ Zitrone

100 g kalte Butter in kleinen Stücken

1 Eigelb
Die Zutaten für den Mürbteig müssen – mit Händen, die ausreichend lang im kalten Wasser gewaschen wurden, damit sie kühl sind – verknetet werden. Zu einer Kugel formen, in Klarsichtfolie einpacken und eine halbe Stunde lang in den Kühlschrank legen.

Dann den Teig zwischen zwei Klarsichtfolien ausrollen. Eine runde Backform von 26 Zentimeter Durchmesser damit auslegen, zwei bis drei Zentimeter am Rand hochziehen. Eine Stunde in den Kühlschrank stellen.

In der Zwischenzeit den Backofen auf 160 Grad vorheizen. Den Teigboden mit einer Gabel mehrmals einstechen. Jetzt kommt der Schritt, den Sie nicht übergehen dürfen: Mit Pergament und Bohnen bedecken und 10 Minuten lang blind vorbacken. Abkühlen lassen. Nun die Füllung herstellen.

Dafür benötigen Sie:

2 ½ Zitronen

4 Eier

1 Eigelb

200 g Zucker

125 g Sahne

1 EL Puderzucker
Von allen Zitronen die Schale abreiben und den Saft auspressen. Eier, Eigelb und Zucker schaumig schlagen. Zitronenschale und -saft unterrühren. Sahne steif schlagen, unterheben.

Jetzt können Sie den vorgebackenen Tortenboden aus dem Kühlschrank holen und die Zitronencreme daraufgiessen. Die Torte bei 130 Grad 50 Minuten lang backen.

Schon wenn Sie den Backofen öffnen, können Sie Goethe oder Drupi hören, ganz wie Sie wollen (vielleicht auch beide): Der Duft, der Ihre Küche jetzt erfüllt, ist zugleich melancholisch und überschwänglich (was natürlich die richtige Mischung ist, um diesen Kuchen zu geniessen – vielleicht mit einem Glas Champagner in Reichweite; aber das ist nur so eine Idee).

Die Torta al limone auskühlen lassen. Vor dem Servieren mit Puderzucker besieben und mit einem Flambierbrenner eine Karamellkruste herstellen.

Und dann an den Tisch.

«Dahin!», sagt schliesslich auch Mignon,

«Dahin möcht’ ich mit dir,

O mein Beschützer, ziehn.»

 

Illustration: Alexandra Klobouk

Sie beissen ja nicht

Die Veganer wollen nur das Gute.
Aber warum reden sie immer davon?

 

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Entsagung macht glücklich, auch wenn dieser Burger nicht danach aussieht:

Fleisch, Brot, Mayonnaise – alles ohne tierische Produkte.

 


Text BIRGIT SCHMID
Bilder ROBIN KRANZ und VOLKER HOBL
Man mag die Menükarte mit den Vorurteilen über sie nicht mehr lesen. Zum Beispiel: Sie sind belehrend, esoterisch, humorlos, empfindlich. Sie weisen auf das Grauen hin und sagen, wie man sich von der Schuld erlösen kann. Sie sagen, wie gut es ihnen tue, keine Tiere zu essen und zu tragen, sie fühlten sich, als könnten sie fliegen. Sie wollen Gutes für die Umwelt tun und halten das Wohl der Tiere für ein Synonym. Sie wissen alles besser. Sie gehen vielen auf die Nerven. Sie meinen es immer so ernst. Gibt es vegane Komiker? Haben Leute, die Fleisch hassen, guten Sex? Gibt es sie nur als Fanatiker oder als Sensible?

Auf jeden Fall scheint es immer mehr von ihnen zu geben, das V-Wort kursiert. «V» für Vische und Vleisch, Produkte, für die kein Tier sterben musste. Wofür man sie lange belächelte, das hält man ihnen zunehmend zugute: die Forderung nach gesunder Ernährung, den Umgang mit Tieren, die Kritik an unserer verschwenderischenWelt. Sogar die Medien zeigen den Verzicht auf Tierisches in seinen Abstufungen vor. Vegetarier. Pescetarier. Flexitarier. Veganer. Frutarier. Man spricht von einem Lifestyle, der wie immer urban angesiedelt ist. Vegan ist das neue Yoga.

Wer entscheidet sich, vegan zu leben, und warum? Wohin führt die Utopie einer Welt ohne Tierleid, die viele Veganer sich vorgenommen haben? Sind wir bald alle vegan? Oder muss man dafür erst gläubig werden?

Ein Abend gegen Ende Mai in einer Wohnung im Basler Matthäus-Quartier, ein paar Leute sitzen auf zerknautschten Sofas, ein aufgeklappter Laptop. Marielle, die hier zu Hause ist, führt in den Veganismus ein. Marielle, abgeschlossenes Soziologiestudium, arbeitet für die Vegane Gesellschaft Schweiz, an solchen Einführungsabenden nimmt sie ausser den 15 Franken Unkostenbeitrag nichts ein. Nach Angaben der VGS leben in der Schweiz um die 70 000 Veganer und Veganerinnen, es ist eine geschätzte Zahl; zugegen sind heute gerade mal drei. Sie werden sich keine Gedanken gemacht haben, wie sie in Zukunft ohne Verlust verzichten können, als sie auf dem Weg hierher am Italiener und dem gutbürgerlichen Gasthof vorbeigekommen sind: Denn sie alle ernähren sich bereits vegan. Daniel, um die dreissig, er sieht ein wenig aus wie ein Indienreisender mit seinem Rossschwanz und den Trekkingsandalen, erhofft sich ein paar Hinweise, wo man in Basel vegan essen und einkaufen kann. Manuela ist mit Leonard hier, ihrem einjährigen Sohn, sie will vor allem wissen, wie sie auch noch den Wollpulli und die Lederschuhe aus ihrem Leben verbannen und auf Kosmetika ohne Tierversuche umstellen kann. Sie ernährt ihren Sohn vegetarisch, wofür dieser oft bemitleidet werde.

Auf Marielles Computer sind jetzt Bilder aus dem Zoo und von Zirkustieren zu sehen. Es gehe nicht nur darum, Tiere zu essen, sie würden auch im Unterhaltungsbereich benutzt, «überall dort», sagt sie, «wo ihre Bedürfnisse als weniger wichtig bewertet werden als unsere eigenen».

Währenddessen stolpert das Kind, das nicht mehr ruhig sitzen mag, auf Marielles alten Hund Sheila zu, einen Golden Retriever. Weil Sheila blind ist, mag Marielle nicht, wenn Leonard ihn mit seinen tapsigen Händen streicheln will, und so schwenkt Manuela schnell den Schlüsselbund vor der Nase ihres Sohnes, um ihn abzulenken, mit dem Anhänger aus Leder, auf den sie vorher schuldbewusst gezeigt hat.

Weiter geht es im Powerpoint, Marielle präsentiert ein paar Zahlen. Bei 93 Prozent der Veganer in der Schweiz habe der Verzicht ethische Gründe, im Gegensatz zu den Amerikanern, die vor allem der Gesundheit zuliebe fleischlos essen, «gesundheitliche Gründe könnten bei uns in zwei, drei Jahren auch wichtiger werden, wenn die Vorteile bekannter sind», sagt sie. Daniel bestätigt: «Ich fühle mich irgendwie leichter, habe mehr Energie.» Marielle zeigt eine Grafik mit steil ansteigender Kurve: Google man «vegan», so finde man um bis zu fünfhundert Prozent mehr Treffer als noch vor kurzem. «Kann sein, dass wir dieses Jahr ‹Fleisch› überholen.» Was man in Worten schaffe, könne man aber leider noch nicht in Wirklichkeit: Letztes Jahr sei der Fleischkonsum wieder gestiegen.

Daniel spricht das Thema Käse an, der viele Vegetarier daran hindert, vegan zu werden. Dabei gebe es einen Ersatz, er sehe gleich aus, habe denselben Biss, an den Geschmack gewöhne man sich, in einem Wort: eine Entdeckung. Ob die andern ihn kennen?, fragt er, diesen veganen Käse, und wie auf Kommando sagen alle: den Wilmersburger!

Dann folgt die Degustation. Marielle serviert Wurstweggen, die keine echte Wurst enthalten, Rührei mit Ei-Ersatzpulver und Himbeercreme aus pflanzlichem Rahm. Zum Schluss will Daniel wissen, an welchen Aktionen er sich beteiligen könne, und Marielle zeigt auf einen kleinen Tisch mit tellergrossen Flyern, auf denen ein Ferkel abgebildet ist. Mit hundert verteilten Flyern, sagt sie, könne man ungefähr fünfzig Tiere retten.

 

Zeichen von Wohlstand
Das Essen definiert sich zunehmend danach, was es nicht enthält, genauso definieren wir uns über das, was wir nicht essen: Das Essverhalten der westlichen Welt differenziert sich immer mehr aus, der Veganismus ist ein Beleg dafür. Soziologisch gesprochen: Innerhalb der Gesellschaft bildet sich eine Gruppe heraus, die sich durch ihren Lebensstil vom Rest unterscheidet, zum Beispiel die Vegetarier. Von ihnen grenzen sich die Veganer mit einem rigideren Speiseplan noch einmal ab. Das allerdings lässt erst der Wohlstand zu. Es sind gut ausgebildete, über materielle Mittel verfügende Leute, die sich so ausgiebig mit dem beschäftigen können, was ihnen guttut. Arme Leute essen schlecht.

Vor allem letztem Punkt widerspricht Raphael Neuburger. Er hat vor drei Jahren die Vegane Gesellschaft Schweiz gegründet, man trifft ihn zum Tee im Café Miyuko in Zürich. Brauner Teint, Ohrring, lila Hemd, das farblich mit den veganen Cupcakes in der Vitrine hinter ihm konkurriert – er sieht aus wie die sonnige Antithese zu seinen bleichen Gesinnungsbrüdern, wie man Veganer früher kannte. Mit denen will er nicht mehr viel zu tun haben, wie er auch keine Lust hat, vorgefertigte Bilder abzuwehren. Er lässt den Hinweis stehen, dass es Veganismus als Lifestyle-Merkmal in China oder Nigeria kaum gibt und in aufstrebenden Ländern, im Gegenteil, mehr Milch getrunken und Fleisch gegessen wird denn je. Er bezweifelt aber, dass Veganer bei uns einer bestimmten Schicht angehören.

Man müsse weder reich noch besonders gebildet sein, um einzusehen, «dass es nicht nötig ist, Tiere für den eigenen Konsum zu instrumentalisieren». Teigwaren, Gemüse, Brot, das alles sei ja nicht teuer. Er kenne Akademiker und Handwerker, Frauen und Männer, Alte und Junge, Dicke und Dünne, die an einem Leben ohne tierliche Produkte interessiert sind.

Warum sagt er «tierlich» und nicht «tierisch»? Damit man darüber stolpere: «Es soll dazu anregen, das Verhältnis zwischen Tier und Mensch neu zu überdenken.» Es gehe um den kleinen Unterschied wie etwa zwischen «kindisch» und «kindlich». Man sage ja auch «menschlich».

 

Sie kuscheln nicht mit Tieren
Raphael hat Biologie studiert, befasste sich mit Nutztierwissenschaften, lebt seit 14 Jahren vegan. Er besuchte Höfe und war schockiert: angekettete Kühe, die tagelang an Wände starren, Schweine auf Betonböden, mit Antibiotika vollgepumptes, manipuliertes Vieh – «eine Schande für eine moderne Gesellschaft». Auch Bio sei eine Lüge, denn es ändere nichts an der Tatsache, dass die Tiere nur leben, um für unser Fleisch zu sterben. Deshalb lässt er den Einwand nicht gelten, dass man Alpweiden sinnvoll bewirtschaften kann – im Gegenteil, es nervt ihn, dass die Leute oft «einen Aspekt herauspicken, um die ganze vegane Argumentation infrage zu stellen». Statt sich auf eine Diskussion einzulassen, im Fall der Ressourcenverschwendung etwa, wie das Mittelland mit Maisfeldern zugesät ist, die dann an das Vieh verfüttert werden – Flächen, die man ganz anders nutzen könnte. Stattdessen argumentiere man: Was machen denn die Schlachthofmitarbeiter, wenn es keine Tiere mehr gibt?

Fehlt nur noch eine Frage, er nimmt sie selber vorweg: Wie kann man es als Veganer verantworten, unbeabsichtigt eine Schnecke zu zertreten, eine Mücke zu verschlucken? Er sagt: «Es ist nicht das Ziel, der perfekte Veganer zu werden. Es soll lebbar sein. Die Erdbeeren, die ich esse, wachsen ja auch auf Mist.»

Hat er ein Haustier?

Nein. Auch hier zeige sich unser widersprüchliches Verhalten: Haustiere würden verhätschelt, als anderes Extrem für unseren Umgang mit Tieren.

Was ist schlecht daran, wenn sie uns guttun? In Heimen werden Tiere sogar therapeutisch eingesetzt. Auch sie benutzen wir, sagt Raphael: Sie unterhalten uns, aber wir meinen bloss, sie täten das gern. «Katzen sind Wildtiere, wir haben sie ihrem natürlichen Dasein entfremdet. Dasselbe gilt für die Domestizierung des Hundes, Hunde sind heute oft überzüchtet.»

Haben Veganer Tiere also gar nicht unbedingt gern?

Nicht unbedingt: Man müsse kein «animal hugger» sein, Tiere umarmen wollen, um nicht in Ordnung zu finden, dass die Kälber ihren Müttern weggenommen werden, damit wir deren Milch trinken können. Man müsse kein Tierfreund sein, um Tiere nicht misshandeln zu wollen.

Die Nährstofftabelle und auch den Prospekt für den Wilmersburger Käse gibt Raphael Neuburger jedem Interessierten mit auf den Weg. Und damit einen neuen Gedanken: Es geht Veganern wie ihm zwar um das Tier, aber eben auch wieder nicht. Denn werden Tiere nicht überflüssig, wenn man sie ganz vor den Menschen bewahrt? Dabei wird verdrängt, wie sehr und wie lange Mensch und Tier eine Gemeinschaft bildeten – bei den Nomadenvölkern und Alpkulturen bis heute – und auch voneinander profitierten. Der Wolf wurde zum Gefährten des Menschen, der Hund bewachte sein Haus. Die Katze schützte den Kornspeicher vor Mäusen und wurde dafür satt. Und jeder, der eine Katze hat, weiss, dass sie einen häufiger für ihre Zwecke einspannt als umgekehrt.

Viele Veganer mag es trösten, dass für das Sojaschnitzel auf dem Teller kein Tier sterben musste. Veganismus, konsequent zu Ende gedacht, imaginiert aber eine Welt, in der das Pelzige, Atmende, Fellige, Pulsierende fehlt.

In jener Welt käme es nicht mehr zur Begegnung mit dem Lamm, das weit abgehängt der Herde hinterherhinkt, bei einem Ausflug aufs Land. Der Stier würde einen nicht mehr in die Flucht schlagen auf der Alpweide beim Wandern. Man hätte als Kind der Geburt eines Fohlens nie beigewohnt. Es käme nicht mehr zu dem, wozu uns Tiere auch befähigen: Freude, Mitgefühl, Liebe. Veganer essen nicht nur kein Lamm, sie tragen auch seine Wolle nicht: Es kommt einem vor, als wollten sie alles Wissen über Schafe vergessen.

 

 

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Grilling Without Killing: Dieser Spiess ist ungefährlich –

er enthält ein Lupinen-Steak.

 

Warum so weich geworden?
Trotzdem kann man die Vorstellung unerträglich finden, dass das verletzte Lamm anderntags zum Metzger zur Schlachtung gebracht wird; sein Fleisch womöglich mit dem Slogan «von glücklichen Tieren» beworben wird. Die eigene Einstellung in der aktuellen Debatte um «Tiere essen und Tiere nutzen» ist nicht immer so klar. Es geht nicht ohne sich widerstreitende Gefühle, Veganer mögen für sich noch so eindeutige Antworten finden. Man bringt es nicht zusammen: In New York diskutieren sie, ob die Pferde vor den Kutschen leiden, in denen sie Touristen durch den Central Park spazieren fahren. In Palermo setzen die Kutscher ihren mageren Pferden Hüte auf und peitschen sie über den Asphalt.

Warum sind wir bei uns so weich geworden? So, dass man nicht nur kein Tier leiden sehen kann, sondern, wie eine Veganerin erzählt hat, plötzlich auch nicht mehr gedankenlos über eine Blumenwiese läuft, aus Angst, die Blumen zu zertreten.

Während die jungen Gläubigen sich sonntags in der City Church treffen, um gemeinsam zu singen, kommt eine Gruppe Veganer zum Grillieren am Türlersee zusammen, einem Naturschutzgebiet im Zürcher Säuliamt. Eine Handvoll Leute sitzt im Gras im Kreis, sie haben Gemüsespiesse, lang wie Schwerter, die auf dem Feuer liegen. «Grilling Without Killing» nennen sich solche Anlässe, diesen hier hat Markus aus Zug organisiert. In der Kühlbox, die er hierhergetragen hat, liegen falsche Grillschnecken und Fischstäbchen, es hat genug für alle. Markus trägt lange Haare und ein T-Shirt mit dem Logo von «Sea Shepherd», der Meeresschutzorganisation. Rundherum rauchende Feuerstellen, ausländische Familien essen ihren Sonntagsbraten.

«Ich war schon einmal mit meiner Mutter hier, wir haben Frösche eingesammelt, die die Strasse überqueren wollten, und trugen sie zum Wasser», sagt ein Mädchen, die Jüngste hier, im bodenlangen Rock; sie nagt gründlich an einem Maiskolben.

Ein junger Mann sitzt im Schneidersitz und streckt mit geschlossenen Augen sein Gesicht in die Sonne, seine Handflächen liegen offen wie Kollektoren.

Ein anderer mit Millimeterschnitt, nacktem Oberkörper, Camouflage-Shorts und Stoffgurt, hat auf seinen Nacken «vegan» tätowiert.

«Ich glaube, vegan werden Menschen, die schon viel Leid erfahren haben und deshalb eher ans Leid der Tiere denken», sagt eine dicke Frau mit traurigem Gesicht.

«Veganismus müsste eigentlich ein Schulfach werden», sagt Markus. «Das brächte mehr fürs Leben, als alles über König Ludwig XIV. zu erfahren.»

Früher habe er gedacht, das Wasser laufe ihm im Mund zusammen, wenn er eine Kuh auf einer Wiese sah, heute wisse er, das sei ein von der Werbung konditioniertes Denken. Heute sieht er in einem Rindsfilet umgekehrt das Rind, das für «einen unnötigen kurzen Gaumenkitzel» starb.Mit jemandem zu leben, der den Kühlschrank mit Fleisch füllt, wäre daher schwierig.

«Man soll die Fleischeslust für seine Freundin aufbewahren», sagt der Sonnenanbeter und lacht.

Markus fährt fort: Er habe für sich durchgespielt, ob er ein Tier töten könnte, denn nur die Tötung eines Tiers mit eigenen Händen würde es für ihn legitimieren, dessen Fleisch zu essen, alles andre wäre feige. «Was für eine Waffe würde ich gebrauchen? Wo müsste ich das Messer ansetzen?» Er schüttelt den Kopf: «Unmöglich.» Ebenso wenig möchte er ein Haustier halten, das Fleisch frisst. Er betreue, wie er es nennt, drei Degus, «reine Pflanzenesser wie ich», die er aus dem Tierheim geholt hat, und wenn er wüsste, die Nager würden in freier Natur überleben, würde er in die Anden fliegen und sie dort aussetzen.

Die Leute bestätigen einander oft, lassen auf eine Erfahrung die eigene folgen, ohne dass die Gespräche vom Thema abweichen. Nur die Gitarre fehlt an diesem Sommernachmittag, an dem in Zürich abends die Rolling Stones spielen. Manche Anwesende würden mit ihren Jutetaschen und Bärten auf Archivbildern von Woodstock nicht auffallen. Und doch, wenn diese Leute eine utopische Gesinnung eint, dann klingt die weniger verwegen, weniger naiv nach «Make love, not war» , obwohl vegan «der Inbegriff der Gewaltlosigkeit» sei, wie jemand gesagt hat. Es geht weniger um den Rausch, dafür um die Hygiene. Man lotet die Grenzen nicht mehr aus, man zieht sie – für sich und für alle anderen. Und obwohl auch Vegetarier und Fleischesser am Grill willkommen sind, damit sie entdecken, wie gut das «chicken-free chicken

» schmeckt: Sie würden das Gefühl nie los, nicht dazuzugehören, noch nicht da angekommen zu sein.

 

«Veganismus gesetzlich verankern»
Renato Werndli, Hausarzt im St.-Gallischen, sagt es offen, jeder Vegetarierin und jedem Vegetarier, meistens unaufgefordert: Gerade sie als Vegetarier müssten doch das Wissen mitbringen von den jährlich zwangsgeschwängerten Kühen und den männlichen Küken, die man gleich nach dem Schlüpfen lebend schreddert – und folglich noch einen Schritt weiter gehen und vegan werden. Wenn es der Sache dient, braucht der Mann um die sechzig drastische Worte. «Als Diktator würde ich als Erstes den Veganismus gesetzlich verankern», hat er in einer Mail geschrieben, was er dann etwas abschwächt, als man sich in der Vegelateria in Zürich trifft, wo er einen Chi trinkt, ein «Rohkostelixier mit aktiven Enzymen». Er gehört zu jenen, die ihren Entscheid nicht für sich allein treffen, sondern ihn auch predigen. Denen es nicht genügt, damit im Stillen glücklich zu sein, sondern die den Verzicht andern beibringen wollen; ein Verzicht, der ihn zum Auserwählten macht. Er missioniere gern, sagt er mit leiser Stimme, denn es stimme einfach nicht, dass Essen eine Privatsache sei, «solange Tiere in unseren Schlachthäusern ermordet werden».

Was ist mit dem Morden in freier Natur, mit Wölfen, die Lämmer reissen? Wölfe haben keinen Verstand, sagt er. Sie halten Schafe nicht in Massen, nutzen sie nicht industriell, pferchen sie nicht in Laster, um sie in die Todesfabriken zu schleusen.

Er könnte meinen, was die Tierethikerin Hilal Sezgin in ihrem neuen Buch «Artgerecht ist nur die Freiheit» sagt: Tiere haben nur Rechte gegenüber Menschen, aber nicht untereinander, da sie keine moralischen, vernunftbegabten Akteure sind. Der Mensch, der über sein Handeln nachdenken kann, hat eine moralische Verantwortung und folglich kein Recht, einem empfindungsfähigen Wesen Leid zuzufügen.

Kein Wunder, dass die Bauern inzwischen die Praxis des Hausarztes meiden. Er schreibt Leserbriefe, geht an Demos. Er betreibe Veganismus nicht als Wohlfühlprogramm, sagt er, sondern es gehe ihm allein um das Wohl der Tiere. Er glaube an nichts. Anders als viele Kolleginnen, die neben der veganen Ernährung auch in der Alternativmedizin ihr Heil sehen, sei er kein Esoteriker.

Zum Abschied überreicht er eine Broschüre, darin Bilder von Kindern mit Hungerbäuchen neben ketchupkleckernden Fleischessern und sanftäugigen Kälbern, und kurz fragt man sich, ob es ein Recht auf Verdrängen gibt.

Das Extreme hat Bettina Hennig anfangs abgeschreckt. «Oh Gott, was sind das für Gemüse-Nazis», hat sie gedacht, als sie in die Foren ging. Sie ist im Hochschwarzwald aufgewachsen, der für seine deftige Sterneküche bekannt ist. Doch als sie entdeckte, wie jung der Verzicht auf Fleisch hält, verschenkte die Lifestyle-Journalistin ihre Prada-Taschen. Das erzählt sie am Telefon aus Hamburg, soeben ist ihr Buch «Ich bin dann mal vegan» fertig geworden, es erscheint im Herbst. So leichthin der Titel klingt, so sorglos hört sich ihr Werdegang zum fleischlosen Dasein an. Sie spart jetzt auf Stella McCartney, die vegane Designerin. Ihr Alter sagt sie nicht, sie werde heute aber oft geduzt, und die erotische Ausstrahlung ihrer veganen Freundinnen jenseits der vierzig könne sie bezeugen. Dass der vegane Koch Attila Hildmann vegan als das neue Viagra bezeichnet, leuchtet ihr ein, denn «tierisches Fett verstopft die Arterien». Zu Glücksgefühlen tragen schon nur kleine Entscheide bei, das weiss sie auch von ihrem Umfeld. Sie kennt Leute, die im Zweifelsfall kein Flaschenbier mehr trinken, denn das Etikett könnte mit Leim aus Tierknochen aufgeklebt sein. Sie bestellen jetzt Bier im Offenausschank.

Ihr Herzenswunsch wäre, dass alle Menschen vegan werden, und ja: auch damit sie sehen, wie glücklich man dabei wird.

Die Sehnsucht nach Rigorismus kann erfüllend sein, vor allem, wenn sie sich mit der Überzeugung paart, zu einer besseren Welt beizutragen. Und dabei anderen voraus zu sein. In England wird derzeit über den Begriff «clean eating» gestritten, die Frage, ob «sauberes Essen» nicht impliziert, dass all jene, die nicht auf eine glutenfreie, zuckerlose, kohlenhydratarme Ernährung ohne Plastikverpackung achten, dreckig essen, unsauber sind. Auch der rigorose Verzicht auf Fleisch klingt nach Reinheitsgebot, und an die Vorstellung von Reinheit sind wiederum moralische Werte geknüpft. Rein bleibt, wer seine Triebe unterdrückt, wer sich unter Kontrolle hat und diszipliniert; Glück durch Entsagung, ein möglicher Lustgewinn von Veganern. Wie früher der Sex, gilt heute Fleisch als das Verunreinigte. Der Vergleich zu religiösen Ritualen liegt nahe, wo sich der Symbolwert von Essen in Vorstellungen äussert, was gut und was böse, richtig und falsch ist. Der Brotaufstrich, der ohne tierische Produkte auskommt, darf das Label «vegan» nicht tragen, wenn er durch Maschinen ging, mit denen auch Milchschokolade verarbeitet wird. Es könnten sich Spuren darin finden.

 

 

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Essen ohne Schuld: Auf dieser Pizza liegen «Sheese»,

vegan für «Käse», und Salami aus Pflanzen.

 

Von Milch kontaminierte Schokolade
Das lernt man auf einer Shoppingtour, die durch Zürichs veganes Angebot führt. Das Angebot wächst, es gibt inzwischen rein vegane Shops, sogar für Schuhe und Kleider, die nicht aus Leder, Wolle, Seide und Daunen sind, und für nächstes Jahr hat sich die Supermarktkette Veganz in der Schweiz angekündigt. Am Einkaufsmorgen kam die Mitteilung einer Neueröffnung in Schaffhausen. Man wolle, hiess es darin, «die Veganisierung der Ostschweiz vorantreiben». Das klingt wie die Christianisierung Ostafrikas im Kleinräumigen.

So etwas ist nicht zu befürchten, solange Raphael Neuburger die Shoppingtour durchführt, der gelassene Präsident der Veganen Gesellschaft Schweiz. Er gibt das kontaminierte vegane Nutella als bedenkenlos frei und sagt: «Wir wollen ja nicht heiliger sein als der Papst.» Drei junge Frauen folgen ihm, zuerst ins Reformhaus, dann zum Grossverteiler. Markus, der Grillmeister, schliesst sich an.

Es geht den Regalen entlang, durch die auch Geschäftsleute von der nahen Bahnhofstrasse drängen, es ist kurz nach Büroschluss. Raphael kann fast blind nach den guten Sachen greifen, nur selten führt er eine Verpackung an die Augen heran, um die Zutaten auf Tierisches abzusuchen. Zwieback: Wisse man nicht, aber enthalte oft Milch. Honig: Könne man durch Ahorn- und Agavensirup ersetzen, für die keine Biene schuften musste. Weiter zum Schinken aus Soja, der sich für Spaghetti alla carbonara eignet. Soja bringt Raphael aufs Thema, er sagt: «noch etwas, mit dem wir die Welt retten könnten, wenn wir es nicht mehr unseren Tieren verfüttern». Sondern es selber essen und den Hungernden in den Ländern zukommen lassen, wo es angebaut wird – ein Satz, der ins vegane Repertoire gehört. Vor den Gestellen mit veganen Shampoos und Seifen greift er nach einer Tube. Das sei eine B12-Zahnpaste, die das Vitamin B12 ersetzt. Alle wissen, wovon er spricht: B12 kommt nur in tierischem Eiweiss vor, ein Mangel äussert sich in Blutarmut, man ist müde, gereizt, depressiv. Deshalb sollten es Veganer als Ergänzungsmittel einnehmen. Raphael empfiehlt, einmal im Jahr zum Arzt zu einem Check zu gehen, als jemand fragt. Manche Veganer
geben ihr Blut alle vier Monate, um sich zu überzeugen, dass es gesund ist, wie sie leben. Ob das gesund ist?

Nach der Tour liegt er endlich im Einkaufskorb, der Wilmersburger Käse, 150 Gramm zu 4 Franken 90. Rein pflanzlich, laktosefrei, glutenfrei, sojafrei, ohne Gentechnik. Ablaufdatum in drei Monaten. Er schmeckt nach Wachs.

 

Die Utopie einer Zoopolis
Gut möglich, dass mit Käse aus dem Labor bald Raclette oder Pizza gemacht wird in den Kantinen von Schulen, Spitälern und Verwaltung und dass neben Köchen auch Schüler in veganem Kochen unterrichtet werden. Das verlangen zwei Volksinitiativen in Bern und Basel, lanciert vom Projekt «Sentience» für Empfindungsfähigkeit, einer Gruppe von Leuten, die die vegane Ernährung auf eine politische Ebene bringen wollen.

Dass er nicht empfindlich ist, hat Projektleiter Adriano Mannino bewiesen, als er kürzlich den Rostigen Paragraphen entgegennahm, den Preis «für das unnötigste und dümmste Gesetz». Er ist gerade aus Las Vegas zurück, trotz Jetlag und Regen hilft er an diesem Juliabend in Basel beim Unterschriftensammeln. Mit einem Bogen unterwegs sind auch Michèle, Florence und Kai, alle jung und vegan. Sie steuern nur junge Leute an, fast jeden können sie gewinnen. Später in der Beiz erläutert Adriano, der Philosophie studiert hat, seine Theorien. Die Ziele hinter dem Veganismus seien wichtiger als die Frage, wie man ihn praktiziere – deshalb könne man auch nicht von «den Veganern» sprechen. Mit Gläubigen oder Gesundheitsaposteln hat er nichts zu tun. Als Co-Präsident der Giordano Bruno Stiftung, der «Denkfabrik für zeitgemässe Aufklärung und evolutionären Humanismus», kämpft er für ein vernunftgeleitetes, wissenschaftliches Weltbild und gegen Religion und jede Form irrationalen Denkens.

Das trägt Leuten wie ihm den Vorwurf ein, sowohl die Kultur wie die Geschichte auszublenden. Wer in keiner Weise mehr Tiere «brauchen» will, nimmt eine Welt ohne Tiere oder viel weniger Tiere in Kauf. Es würde ein Ende des Zusammenlebens von Mensch und Tier bedeuten; und damit einer jahrtausendealten Beziehung. Es ist wieder diese technokratische Sicht, die auszublenden scheint, dass der Mensch an etwas glauben muss, und zudem eine Welt vorstellt, die ärmer an Schnurren, Muhen und Blöken wäre.

Wird es eines Tages keine Tiere mehr geben?

Darum gehe es nicht, sagt Adriano. Wenn er redet, sind alle Blicke am Tisch auf ihn gerichtet. «Man formuliert eine Utopie, um dann in Schritten in diese Richtung zu gehen. Es liegt im Wesen der Utopie, dass sie Leitlinien vorgibt und sagt, wie eine mögliche ideale Welt aussehen soll.» Man könne Pazifist sein, auch wenn eine Welt ohne Krieg unwahrscheinlich scheint. «Kurioserweise fragen die Leute uns Veganer immer nach der Endvorstellung.»

Das wird halt provoziert, zum Beispiel: Was passiert mit den fünfzig Tieren, die man durch das Verteilen von hundert Flyern oder Spenden – Letzteres rechnet er gründlich vor – angeblich rettet? Schützt man sie vor dem Tod? Aber die allerwenigsten gehen auf einen Gnadenhof in Pension, wie ihn Hilal Sezgin, die Tierethikerin, gegründet hat für Schafe, Ziegen und Hühner, die sonst getötet worden wären. Oder bewahrt man die fünfzig Tiere vor dem Leben? Dann würde man Kühe und Schafe irgendwann wirklich nur noch als exotische Lebewesen kennen. Hat der Kulturhistoriker Thomas Macho nicht recht, wenn er von «Reinheitszone» spricht, die der Veganismus errichten wolle; in der die Tiere ganz ausgeschlossen sind, weil jede Nutzung als falsch betrachtet wird? Hier ist er wieder, der Puritanismus.

Niemandem schwebe eine Welt vor, sagt Adriano, in der sich Mensch und Tier nicht mehr begegnen. Deshalb habe er auch nichts gegen Haustierhaltung. «Instrumentalisierung ist kein Problem, wenn niemand darunter leidet.» Er weist auf die Utopie einer «Zoopolis» hin, wie sie die kanadischen Philosophen Will Kymlicka und Sue Donaldson entwerfen, beide Veganer: in der auch Tiere Bürgerrechte haben. Kühe zum Beispiel könnten auf Biohöfen weiterhin Arbeit leisten, sie erbrächten Dünger, dafür würde gut für sie geschaut. «So wären ihre Grundrechte gewahrt.» Wildtieren müsste man innerhalb ihres Territoriums Souveränität zugestehen, in diesen Raum dürften Menschen nicht eingreifen, ausser im Rahmen humanitärer Intervention. Tiere dürfen aber Tiere fressen, sagt Adriano, denn sie hätten keine Wahl, sie müssen überleben. Es sei denn, es gebe Alternativen, auch Hunde könne man gut und gesund vegan ernähren. «Gerade weil Menschen die Wahl haben, sollten sie sich nicht an der Natur, sondern an der Kultur orientieren.»

Was ist mit kulturellen Gewohnheiten, die Veganer aufzugeben bereit sind? Abgesehen davon, dass es von Herablassung und Ignoranz gegenüber der Kultur der Ernährung zeugt: Wäre es für ihn als halben Sizilianer kein Verlust, wenn er auf die Insel reist und keinen Pecorino und frischen Ricotta vom Markt mehr essen kann? «Kulturelle Traditionen gehen nicht über alles», sagt er, «vor allem, wenn sie ethisch nicht zu rechtfertigen sind.» Altes gehe verloren, Neues entstehe. Auch die Sprache erneuere sich ja ständig und verliere dadurch nicht an Wert. Dann diese kultivierte Künstlichkeit von «Sheese» für Käse und «Vurst» für Wurst: Hat er keine Mühe mit der künstlichen Herstellung veganer Lebensmittel, die oft auch danach schmecken? Nein, sagt er: Veganer Käse oder Fleisch enthielten wohl mehr Natur als die Produkte aus einer hochindustrialisierten Landwirtschaft. Zudem verfeinere sich die vegane Küche ständig. «Der Mensch ist ein Gewohnheitstier», sagt er, «er stellt aber schnell um. Das Frauenstimmrecht wurde lange auch abgelehnt, weil die Männer Angst hatten, etwas zu verlieren. Heute käme niemand mehr auf den Gedanken, es zu hinterfragen. Genauso ist es beim Essen.»

Aber warum wollen sie gleich die Revolution, die eh nicht kommt, warum sind sie so radikal?

Man fragt ihn das zum Abschied. Adriano Mannino muss aufs Tram, vorher sagt er noch, worum es ihnen geht: gehört zu werden.

Das muss der Grund sein, warum sie so gern über ihre Sache reden und so viel.

 

Birgit Schmid ist stellvertretende Chefredaktorin des «Magazins».

birgit.schmid@dasmagazin.ch

 

Die Fotografin Robin Kranz und der Foodstylist Volker Hobl leben

in Hamburg. www.robinkranz.de www.volkerhobl.com

 

 

Der «Magazin»-Essay-Preis
für unter 35-Jährige.
Thema: Widerstand ist zwecklos

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Das Sprichwort sagt: Der Klügere gibt nach. Aber stimmt das? Sind Demonstranten naiv, die Stimme und Stöcke gegen das Regime erheben, das sie unterdrückt? Ist es dumm, um die Zuneigung eines Menschen zu kämpfen? Doch andererseits – sollte man sich wirklich Tag für Tag gegen den Chef auflehnen und sich zermürben, statt einfach zu kündigen; kann man Mü­digkeit besiegen; ist Widerstand, wie es das kriegerische Weltraumvolk der Borg in «Star Trek» seine Opfer wissen lässt, manchmal nicht wirklich zwecklos?

Wir möchten von Ihnen wissen, wo­für es sich zu kämpfen lohnt und wo es besser ist, die Waffen zu strecken. Schreiben Sie uns Ihre Gedanken – egal, ob über Ihr eigenes Handeln oder das von Politikern, Unternehmern oder von Gestalten der Weltliteratur, die ihre Grösse so oft erst dadurch erringen, dass sie scheiterten und sich ergaben. Seien Sie leidenschaftlich, seien Sie polemisch, seien Sie verzweifelt, aber vor allem: Wählen Sie immer nur die besten Argumente und Beispiele, denn es braucht sehr gute Gründe, um eine Kapitulation zu erklären.

Ihr Essay, in deutscher Sprache, sollte zwischen 15 000 und maximal 20 000 Zeichen (inklusive Leerzeichen) umfassen. Pro Autor wird nur ein eingesandter Text berücksichtigt, der zudem unveröffentlicht sein muss.

Einsendeschluss der Word-Datei an essay@dasmagazin.ch ist der 30.09.2014.

Der Preis wird jährlich mit dem Ziel vergeben, neue Autorinnen und Autoren zu entdecken und zu fördern. Der Siegertext wird, wie im letzten Jahr, im «Magazin» veröffentlicht. Zusätzlich hat der Ge­win­ner die Möglichkeit zu einer eingehenden Textarbeit mit einem «Magazin»-Redaktor und die Chance, in unserer Redaktion ein Praktikum zu machen.

Und übrigens, wenn beim Schreiben die Blockaden kommen: Widerstand ist hilfreich.

 

Illustration: Jody Barton

Sehr schwer schlagbar

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Morgen Sonntag wird auf einer bestimmten Strasse einer bestimmten Stadt ein bestimmtes Radrennen zu Ende gehen. Für nicht Radsportbegeisterte ein Ende von etwas ganz und gar Langweiligem. Für diejenigen jedoch, die sich etwas daraus machen, ist es das Ende eines Heldenepos. (Epos steht hier für «Versdichtung grösseren Umfangs», nicht für das Glykoprotein-Hormon «Erythropoetin» im Genitiv.) Denn es gibt nichts Grossartigeres in Sachen Fernsehunterhaltung, als über Stunden eine ganze Etappe einer grossen Länderrundfahrt zu verfolgen, sei es jene von Frankreich oder jene von Italien: Drama sondergleichen. Der Philosoph Peter Sloterdijk – er ist, obwohl auf den ersten Blick nicht erkennbar, selbst ein grosser Rennradfahrer – sagte einst, dass nur, wer selber einen ernsthaften Berg hochgefahren sei, so etwas wie eine Ahnung von dem haben könne, was die Profis an Übermenschlichem leisteten. Er sagte, es erinnere ihn an ein theologisches Studium: Man brauche den ersten Grad der Einweihung, um zu verstehen, dass man nichts verstehe.

Daran musste ich denken, als ich mein Rennrad über eine schmale Brücke lenkte, welche über den Fluss Stura führt, gleich hinter einem Ort namens Vinadio in den italienischen Seealpen. Ich hatte die Hauptstrasse verlassen, die Strada Statale 21 della Maddalena, auf der ein Lastwagen nach dem anderen seinen Anhänger das Tal hoch Richtung Frankreich zieht. Im Jahr 1949 entschied sich ziemlich genau an dieser Stelle der Giro d’Italia, als Fausto Coppi seinem Erzrivalen Gino Bartali auf der 17. Etappe davonfuhr. Davon gibt es Zeugnis. Der Schriftsteller Dino Buzzati – manchen vielleicht noch aus dem Italienischunterricht bekannt, sein Roman «Il deserto dei Tartari» gehört zum beliebten Stoff –, dieser Buzzati also wurde von der Zeitung «Corriere della Sera» damit beauftragt, über den Giro zu schreiben, Tag für Tag. Das Duell zwischen den damaligen Besten Coppi und Bartali erschien dem Schriftsteller, der zum ersten Mal in seinem Leben ein Radrennen verfolgte, wie der Kampf zwischen Achill und Hektor. Nach der Lektüre von Buzzatis Artikelsammlung trägt man nicht das Gefühl mit sich herum, ein Buch gelesen, sondern ein Bild gesehen zu haben, einem dieser Wimmelgemälde von Pieter Bruegel gleich.

Hinter der Brücke windet sich eine schmale Strasse wie eine Schlange in einem Kampf, der nicht zu enden scheint, und wenn man denkt, so, nun ist die Schlange tot, wenn man eine Ebene erreicht, wo es fast eben an einem gespenstisch friedlich gurgelnden Bächlein entlanggeht, der Puls fällt, der Atem flacher geht, dann hört man bald einen Wasserfall tosen und in der verdächtigen Ruhe danach den scharfen Pfiff eines Murmeltiers, die Strasse erhebt sich erneut, steil, 11 Prozent, 12, 13, wieder geht es hin und her und hin und her, aus dem Lärchenwald steigt man in eine Landschaft des reinen Gerölls, bis man schliesslich oben ist, auf dem Colle della Lombarda, 2350 Meter über Meer, die dick gekleideten Motorradfahrer sieht, die im Rudel haltmachen und johlend Erinnerungsfotos schiessen, und auch ein paar andere Rennradfahrer, deren Gesicht ein seltsames Lächeln ziert. Es sind Gesichter, die eine feine Ungläubigkeit ausstrahlen über das, was mit einem geschehen ist in den letzten zwei Stunden. Ein paar Minuten nur steht man dort oben, saugt das Panorama ein, dann zieht man die Windjacke an und stürzt sich hinunter, dorthin, wo man herkam und bald wieder sein wird.

Die Abfahrt ist ein Nochmals-Erleben des eben Erlebten, bloss ohne Anstrengung und im Modus Fast Forward. Unten dann wird man nicht mehr der sein, der man gewesen ist, bevor man losfuhr. Man hat ein Abenteuer erlebt. Es ist ja beileibe keine Gesetzmässigkeit, dass die Kombination von an und für sich grossartigen Dingen zwingend zu einer Steigerung des Gesamten führen muss. Die Kombination jedoch von der Landschaft des Piemont, dem Lenken eines Rennvelos und der spätmittäglichen Lektüre von Buzzatis Buch in einem Liegestuhl unter einem Granatapfelbaum mit noch summenden Beinen von der täglichen Ausfahrt plus die Aussicht auf den zeitlich sich nähernden Teller Gnocchi alla bava – das ist schwer schlagbar. Sehr schwer schlagbar. Wenigstens für die, die darum wissen.

 

«Dino Buzzati beim Giro d’Italia», 190 Seiten, erschienen im

Verlag Covadonga

Ende des Bürgerblocks

In der «Financial Times» war kürzlich eine amüsante These zur amerikanischen Politik zu lesen: Das Verhältnis zwischen dem US-Wirtschaftsestablishment und der Tea Party sei vergleichbar mit den Beziehungen, die die pakistanische Regierung mit den Taliban unterhalte. Diese gelten zwar eigentlich als Pakistans Verbündete in Afghanistan – zugleich sind die Gotteskrieger derart radikal, dass sie immer wieder ihre pakistanische Schutzmacht angreifen, die Hand beissen, die sie füttert, und Pakistans Armee zwingen, mit Strafaktionen gegen Taliban-Hochburgen vorzugehen.

Ähnlich, so die FT, seien die Beziehungen zwischen den Wirtschaftsverbänden und dem rechten Flügel der Republikanischen Partei: Obwohl das Big Business traditionell auf die konservative Wählerschaft zählen kann, um tiefe Steuern und andere Wirtschaftsinteressen zu verteidigen, hat ihm nun die Tea Party in einer Reihe von Kerngeschäften herbe Niederlagen beigebracht. Insbesondere wurde die von den Unternehmerverbänden gewünschte Reform der Einwanderungsgesetzgebung verhindert. Die US-Wirtschaft kann sich auf die Republikaner nicht mehr verlassen. Tea-Party-Vertreter zögern keine Sekunde, auch gegen wichtige Wirtschaftsinteressen frontal vorzugehen. Den amerikanischen Unternehmerverbänden wird wohl auch nichts anderes übrig bleiben, als eine Strafaktion zu starten, um ihre unzuverlässigen Verbündeten in die Schranken zu weisen. Konkret dürfte dies bedeuten: Big Business wird im nächsten Präsidentschaftswahlkampf nicht den republikanischen Kandidaten, sondern Hillary Clinton unterstützen.

Die Entwicklung der Republikaner macht einen ideologischen Konflikt deutlich, der nicht nur in den USA zunehmend virulent wird. Die Globalisierung lässt die traditionelle Allianz zwischen Wirtschaftseliten und konservativer Basis brüchiger werden. Selbst amerikanische Unternehmen haben in bestimmten Sektoren mit Fachkräftemangel zu kämpfen und erachten eine liberale Einwanderungspolitik als matchentscheidenden Standortfaktor. Die konservative republikanische Wäh-lerbasis jedoch gibt der Zuwanderungsbeschränkung oberste Priorität. Der Gegensatz wird unüberwindbar.

Natürlich ist es nicht neu, dass zwischen den politischen Idealen der wert-konservativen, rechten Wählermassen und der Agenda der Spitzenverdiener und Wirtschaftsführer grosse Unterschiede aufbrechen. Doch die gemeinsame Feindschaft gegenüber dem Sozial- und Steuerstaat und das geteilte Bekenntnis zu «freiheitlichen» Werten – was immer unter dem so dankenswert unscharfen Begriff der «Freiheit» zu verstehen ist – haben immer wieder eine verblüffende Fähigkeit bewiesen, soziologische Gräben zwischen den rechten Wählergruppen zuzuschütten und eine mehrheitsfähige Synthese aus Wirtschaftsliberalismus und Wertkonservatismus zu stiften. Mehr und mehr scheint diese Allianz jedoch infrage gestellt: Die Wirtschaft will Zuwanderung, die Basis will möglichst dichte Grenzen.

Auch die Schweiz ist heute auf neue Weise mit diesem Konflikt konfrontiert. Die Gegner der Personenfreizügigkeit bestreiten nun nicht mehr, dass eine Kündigung der bilateralen Abkommen zu einer Schädigung des Schweizer Wirtschaftsstandorts führen würde. Zwar versucht Christoph Blocher die negativen Folgen als relativ unbedeutend darzustellen, aber der SVP-Leader stellt nicht in Abrede, dass aus einem Alleingang Erschwernisse für die Schweizer Exportindustrie entstehen würden. Sein Hauptargument für die Begrenzung der Zuwanderung macht fundamentalere Gründe geltend: Die Souveränität ist wichtiger als die Wirtschaft. Die Schweiz muss um jeden Preis die alleinige Entscheidungsgewalt über die Zuwanderung zurückerlangen. Ökonomische Nachteile sind in Kauf zu nehmen.

Damit wird der Wertekonsens des Bürgerblocks grundsätzlich infrage gestellt. Den wirtschaftsnahen Kräften erwächst am rechten Flügel eine Fundamentalopposition – was die bürgerlichen Parteien in der ganzen Tragweite allerdings noch immer nicht erkannt haben. In Steuer- und Regulierungsfragen zelebrieren sie mit der SVP weiterhin den bürgerlichen Schulterschluss und stellen die Linke – obwohl diese in der Regel minoritär und machtlos ist – als tödliche Bedrohung für den Standort hin. Welche Glaubwürdigkeit haben diese bürgerlichen Parteien, wenn sie gegen den Isolationismus der SVP antreten wollen? Wie soll der Wähler da noch unterscheiden zwischen Wirtschaftsfreunden und Wirtschaftsfeinden?

Die bürgerlichen Parteien müssen auf letztere Frage eine unzweideutige Antwort geben. Mit einer simplen Strafaktion wird es nicht getan sein.

Fühlen wir uns, wie wir essen…

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…oder essen wir, wie wir uns fühlen?

An ganz bestimmten Feiertagen – Geburtstagen, Hochzeitstagen, Freitagen – schlagen wir sehenden Auges über die Stränge. Wir bestellen uns etwas Fettes zu essen, etwa den geschmorten Schweinebauch auf chinesische Art, trinken dazu mehr als nur den Aperitif, das Bier und die zwei Gläser Wein, nach denen eigentlich längst gut wäre, bestellen uns, weil wir zu diesem Zeitpunkt des Abends deutlich übermotiviert sind, noch ein Dessert – mit Sahne? Klar – womit sonst? –, und weil der Metabolismus uns bereits jetzt signalisiert, dass er überfordert sein wird, bekommt er von uns auch noch den Doppelwhopper in Form eines Digestifs und eines Espresso verabreicht. Schon auf dem Nachhauseweg ahnen wir, dass der Abend morgen in der Früh nicht unbedingt so schön aussehen wird wie jetzt gerade, aber das nehmen wir billigend in Kauf. Yolo, wie mir mein Sohn so weitsichtig beigebracht hat: You only live once.

Frage: Warum tun wir uns das an? Was motiviert uns dazu, Dinge zu uns zu nehmen, von denen wir wissen, dass sie uns nicht guttun werden? Die erste Antwort ist überraschend: Laut einer Studie, die das «Journal of Consumer Psychology» veröffentlichte, hängt der Konsum von ungesundem Essen oft damit zusammen, dass die Probanden schlechter Stimmung sind. Je schlechter die Laune, desto regelmässiger der Griff zum Trostessen: zum Honigtopf, zum Fertigsnack, zum Schokoriegel. Gute Stimmung, so die Studie, motiviert hingegen die meisten Menschen, gesund, leicht und perspektivisch zu essen, in der Stunde des Genusses auch die ak­kumulierten Folgen im Blick zu haben, sich selbst also im Kontext der eigenen Lebensgeschichte zu betrachten.

Mehrere andere Studien behaupten freilich das Gegenteil. Eine 2013 in der Zeitschrift «Appetite» veröffentlichte Arbeit mit dem Titel «Happy Eating» identifizierte das Schlemmen (im konkreten Fall den Genuss von Chips und Schokolade) als Ausdruck konkreter, positiver Stimmung. Diese Erkenntnis wird partiell auch im «Journal of Consumer Psychology» aufgegriffen, allerdings nur als kulturelle Ausnahme. «Man isst den Geburtstagskuchen», sagt Studienleiterin Meryl Gardner von der University of Delaware, «man geht aus, isst und trinkt zu viel, und alles ist der Besonderheit der Situation geschuldet – wir haben eben gelernt, mit Essen zu feiern. Das grosse Fressen ist Teil so vieler Kulturen.»

Der Psychologieprofessor Leigh Gibson von der University of Roehampton in London streicht das atavistische Moment dieser Beobachtung heraus: «Wir als Homo sapiens sind nicht geworden, was wir sind, weil wir gesund gegessen haben. Unsere Aufgabe war es die längste Zeit, uns zu reproduzieren und zu überleben, bis wir Mitte zwanzig waren. Deshalb haben wir auch glücklich das Mark aus den Knochen geschlürft. Wir brauchten die Energie, die Proteine, die Nährstoffe, aber wir mussten auch nicht lang leben. Gesunde Ernährung ist eine moderne Kulturleistung. Wir brauchen sie aber nur, weil wir so lang leben.»

Die Balance von Stimmung und Essen ist also wechselseitig. Gutes Essen erzeugt gute Stimmung und umgekehrt. Exzesse rächen sich, das wissen wir längst, aber das Ergebnis einer weiteren, von der Penn State University in Pennsylvania an 44 Probanden monatelang unternommenen Studie bringt noch einmal präzisere Aufschlüsse. «Kalorienreiches Essen, ge­sättigte Fettsäuren und Salz», so Studienleiterin Helen Hendy, «hatten eindeutige Auswirkungen auf die Stimmung – zwei Tage später.» Auch umgekehrt, zwischen gesundem, leichtem Essen und der entsprechend aufgehellten Stimmung, konnte dieser Zusammenhang über die Frist von zwei Tagen nachgewiesen werden.

Wir sollten also nicht essen, als gäbe es kein Morgen. Es geht um übermorgen.

 

Illustration: Alexandra Klobouk

In Schwyz

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Wir holen Reiche und werden selber reich, dachten die Schwyzer

und senkten die Steuern. Doch die Rechnung geht nicht auf. Ein Kanton

gerät aus dem Gleichgewicht.


Text JOEL BEDETTI
Bilder MARK NIEDERMANN
Illgau ist ein 800-Seelen-Dorf auf einer Felsenterrasse über dem Muotatal. Man erreicht es über eine schmale Strasse oder mit einer selbst bedienten Seilbahn, die in atemberaubendem Winkel die schroffen Felsen hochfährt. Von Illgau aus hat man einen gewaltigen Blick auf die Schwyzer Voralpen, die sich am anderen Talende in die Luft erheben. Es ist still hier oben, vom Bauboom im Flachland kriegt man nicht viel mit, abgesehen davon, dass die Ausserschwyzer Gemeinden am Zürichsee inzwischen 60 Prozent des Illgauer Budgets bestreiten.

Und trotzdem erfrecht sich ausgerechnet einer von hier oben, das Ganze zu kritisieren. Im Sigristenhaus, dem einzigen Wirtshaus in Illgau, sitzt Othmar Reichmuth, 50 Jahre, Baudirektor des Kantons Schwyz, ein ernstes und bedächtiges Gemüt.

Die erste Kritik richtet Reichmuth, ein ehemaliger Schwinger mit breitem Schädel und angegrautem Schnauz, vorsichtshalber gegen sich selbst. «Heute bin ich enttäuscht von mir. Ich habe mir viel vorgenommen, aber noch wenig erreicht.»

Enttäuscht ist er auch über den Kanton und dessen Politik. Aber zuerst will er etwas festhalten. «Manche bezeichnen mich als linksten Schwyzer Regierungsrat, aber ich bin kein Linker.» Denn wer hier Grundsätzliches kritisiert, gilt schnell als Linker. Und dann hat man eh schon verloren.

 

Keine Bereitschaft, Probleme anzugehen
Doch alles, was Othmar Reichmuth getan hat, war, eine Frage zu stellen. Es war an einem Sonntagabend im November 2012, fast schon ein Versehen. Reichmuth musste einen Gastbeitrag für das Heft des kantonalen Industrievereins schreiben. Es pressierte, aber Reichmuth kam nichts in den Sinn. Also schrieb er, was ihm auf dem Magen lag.

Othmar Reichmuth war seit zwei Jahren im Amt. Im Wahlkampf 2010 hatte er in einem Interview gesagt, es mangle dem Kanton Schwyz an Visionen, und er versprach, man werde in zwei Jahren neue Lösungsansätze für die Verkehrsmisere in Ausserschwyz haben, wo sich jeden Morgen und jeden Abend Tausende von Autos durch Pfäffikon am Zürichsee entlangzwängen. Doch hatten die Ausserschwyzer wenig Willen gezeigt, ihr Verkehrsproblem in Angriff zu nehmen. 2010 hatten die Freienbacher in einer Abstimmung den Fällmistunnel versenkt, der ihre Nachbarn in Wollerau entlastet hätte. Stattdessen lagen auf Reichmuths Pult Anträge von Gemeinden, die noch Bauland einzonen wollten, bis das nationale Raumplanungsgesetz im Mai 2014 in Kraft treten würde.

Nicht minder auf dem Magen lag Reichmuth das 100-Millionen-Defizit-Budget, das seine Regierung für 2013 vorzulegen gedachte. Doch weder seine Regierungskollegen noch der Kantonsrat waren bereit, über höhere Steuern zu reden, wie das der Baudirektor vorgeschlagen hatte.

So schrieb Reichmuth im Arbeitszimmer seines Bauernhofs: «Baulandpreise, Wohnungsmieten, Krankheitskosten steigen und steigen – Bahn und Strassen sind morgens übervoll. Wollen wir das wirklich?» Er fragte weiter, ob man sechsspurige Autobahnen, Billigflüge und – sehr umstrittenes Thema in Schwyz – «steuerlich sonderbehandelte Ausländer» wirklich brauche.

Reichmuths Sätze schafften es sofort in die nationalen Schlagzeilen. Noch niemals hatte sich ein bürgerlicher Politiker öffentlich so kritisch über das Wachstum im Kanton Schwyz geäussert. Aus der Bevölkerung erhielt Othmar Reichmuth mehr als hundert zustimmende Mails und eine Handvoll ablehnende, die er persönlich beantwortete. Aus der Politik gab es Schelte. Die Schwyzer SVP warf ihm vor, das Kollegialitätsprinzip verletzt zu haben. Die FDP schrieb, Reichmuth solle nicht am Ast sägen, auf dem er sitze – als Bewohner einer Gemeinde, die vom innerkantonalen Finanzausgleich profitiert.

 

Kaum Missgunst gegenüber Erfolgreichen
Pfäffikon hat über 7000 Einwohner, es ist die grösste Ortschaft in Ausserschwyz. Hier kommt das Geld her, das die Kassen von Illgau und der Mehrheit der Innerschwyzer Gemeinden aufstockt.

Am Morgen sind die Strassen in Pfäffikon verstopft, die S-Bahn saugt die Pendler nach Zürich auf und spuckt auf der Gegenfahrbahn Männer in schwarzen Hosen und weissen Hemden aus, die in den Büros der Treuhandbüros verschwinden, wo sie juristische und natürliche Personen aus aller Herren Länder ins Steuerparadies Schwyz locken.

Auf der Terrasse des Hotels Seedamm Plaza sitzt Dominik Zehnder und schüttet Zucker in seinen Espresso. An Othmar Reichmuths Kritik hatte Zehnder, 51, als frisch gewählter FDP-Kantonsrat keine Freude. «Ich war erschrocken», sagt er und reisst die Augen auf. «Haben Sie schon mal irgendwo auf der Welt gehört, dass ein Staatschef sagte: Wir müssen das Wachstum drosseln? Nur wenn wir wachsen, können wir die Steuern tief halten und die staatlichen Leistungen erbringen.»

Dominik Zehnder, hochgeschossen, trotz eines Hitzeausbruchs in Anzug und Krawatte unterwegs, ist Family-Office-Vermögensverwalter und legt das Geld von Familien mit einem Budget von 30 bis 300 Millionen Franken an. Und vertritt, auch wenn er das selber nicht so sieht, als FDP-Kantonsrat der Gemeinde Freienbach die Interessen einer ähnlichen Schicht. Sein Credo steht gross auf seiner Website: «Kompromisslos Liberal».

Zehnder, ein humorvoller Mensch, dem manchmal englische Ausdrücke ins astreine Züridütsch fallen, ist in Staats- und Steuerfragen einer der radikalsten Vertreter im Schwyzer Parlament. Für die linken Parlamentarier ist er ein rotes Tuch, der Extremste aller Steuersenker, und auch ein bürgerlicher Kollege meint, die Welt Dominik Zehnders sei jener der meisten Schwyzer wohl ziemlich fern. Aber es ist eine Welt, mit der sie sich auseinandersetzen müssen.

Sie riefen Reiche, und es kamen Menschen wie Dominik Zehnder. 1998 liess er sich in Bäch, einem Dorf zwischen Wollerau und Pfäffikon, nieder, in einem ordentlichen Haus mit Garten und Seeanstoss. Wegen der Nähe zu Zürich, dem See, aber auch der niedrigen Steuern wegen.

Dominik Zehnder gefällt das politische Klima im Kanton Schwyz. «Hier gibt es wenig Missgunst gegenüber den Erfolgreichen», sagt er und lächelt. «Othmar Reichmuth darf seine Visionen, oder was immer das ist, gern dem Volk vorlegen. Aber ich denke, wir sind so weit gut gefahren.»

 

 

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FDP-Kantonsrat Dominik Zehnder

kennt kaum Mittelschichtler.

 

Kanton mit zwei Geschwindigkeiten
So denkt weiterhin auch die Mehrheit der Schwyzer Politiker. Doch um ein noch grösseres Loch in der Staatskasse zu verhindern, beschloss diese am 21. Mai erstmals seit langem wieder eine Erhöhung der Vermögens- und Einkommenssteuer ab 230 000 Franken – wenn auch in homöopathischen Dosen.

Es ist vor allem der nationale Finanzausgleich NFA, der seit 2009 für ein riesiges Defizit in der Kantonskasse sorgt. Denn die Gewinne, die der Kanton mit seiner Tiefsteuerpolitik macht, werden gleich wieder abgeschöpft. Ohne Steuererhöhung hätte das Defizit in diesem Jahr 141 Millionen Franken betragen, mehr als einen Zehntel des 1,3-Milliarden-Haushalts. Die Staatsreserven sind von über 500 Millionen auf die Hälfte zusammengeschmolzen. Obwohl der kantonale Hauseigentümerverband und die Junge SVP das Referendum gegen die Steuererhöhung ergreifen, wird der bürgerliche Schulterschluss wohl gerade für eine allgemeine Steuerfusserhöhung ausreichen, um den Haushalt aus dem Minus zu holen. Zugleich wird die Kritik am NFA immer lauter, besonders seit Anfang Juli bekannt wurde, dass der Kanton nächstes Jahr 161 Millionen in den NFA wird zahlen müssen. Viele Bürgerliche betrachten den NFA, wie SVP-Präsident Xaver Schuler es im Mai formulierte, als «Feind des Kantons».

Dominik Zehnder hat den Kampf gegen den Finanzausgleich zu seiner Mission gemacht. Er empfindet ihn als unsolidarisch. «Wir halten die Verwaltung schlank, aber Bern nimmt unser Geld und unterhält damit seinen Dienstleistungsstaat.» Als am 16. April die Bundesratsreise in den Kanton Schwyz ging, empfing der Kantonsrat die Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf am öffentlichen Apéro mit einem weissen Transparent, auf dem in Rot stand: «NFA = Nur falsche Anreize».

Für Othmar Reichmuth ist der Finanzausgleich nicht das Problem. «Wir befinden uns einfach auf der Seite, auf der man nicht gern ist», sagt er und verzieht im Illgauer Sigristenhaus den Mund zu einem schiefen Lächeln. Zehnders Aktion fand der Baudirektor «störend, um ein Haar peinlich». Auch für Reichmuth ist die fehlende Solidarität ein Problem. Aber nicht jene der anderen Kantone, sondern die im eigenen Kanton.

Die Worte liegen Reichmuth auf der Zunge, er schluckt sie. Er ist kein Provokateur, er will nicht Kollegen brüskieren. Aber er muss es loswerden: «Ich bin persönlich der Überzeugung, dass wir ein Missverhältnis geschaffen haben zwischen Arm und Reich. Ich glaube, dass die Rechnung ‹Von tiefen Steuern für Reiche profitieren alle› nicht mehr stimmt. Die Mittelschicht profitiert kaum.» Es ist ein gewichtiger Satz, steht er doch dem zentralen Grundsatz der Schwyzer Kantonspolitik entgegen.

Schwyz ist ein «Kanton der zwei Geschwindigkeiten» ge­wor­den, wie es der Politikberater und frühere CVP-Politiker Iwan Rickenbacher einmal beschrieb. So wie sich die Bevölkerung sozial entmischt, droht der Kanton geografisch auseinanderzufallen. Die Ortschaften am Zürichsee und Küssnacht am Vierwaldstättersee blühten auf, während das Hinterland noch immer mehr oder weniger ein Abbild des alten, bäuerlichen Schwyz ist.

 

Hirz-Joghurt und Hongkong
CVP-Regierungsrat Othmar Reichmuth und FDP-Kantonsrat Dominik Zehnder stehen fast wie Karikaturen für die beiden Kulturen, die im Herzen der Schweiz kollidieren. Zehnders Alltag spielt sich zwischen Bäch und Zürich ab, wo er die ihm anvertrauten Vermögen verwaltet und auch mal eine Kunstgalerie besucht. Reichmuth pendelt zwischen der Baudirektion in Brunnen und Illgau, wo er abends und am Wochenende auf dem Bauernhof der Frau und des Schwagers mithilft.

Reichmuth und Zehnder kennen sich persönlich kaum, so wie beiden auch die Welt des anderen fremd ist. Reichmuth hat keinen Umgang mit Millionären, Zehnder kennt, abgesehen von den Gewerblern in der FDP, kaum Leute aus der Mittelschicht. So wird die politische Diskussion, die eine Gesellschaft zusammenhalten soll, schwierig.

Reichmuths und Zehnders Biografien sind so unterschiedlich wie die Motive, die sie in die Politik brachten.

Othmar Reichmuth ist der Sohn eines Fabrikarbeiters.

Dominik Zehnder ist der Sohn des bekannten Unternehmensberaters Egon P. S. Zehnder.

Reichmuth wuchs in Steinen nahe Illgau auf, lernte Käser, absolvierte die Handelsschule.

Zehnder wuchs in Küsnacht an der Zürcher Goldküste auf, besuchte das Privatgymnasium, studierte Recht in Zürich und machte einen MBA in Harvard.

Reichmuth wurde Disponent bei der Joghurtfirma Hirz. Als Nestlé Hirz übernahm, hätte er landesweiter Disponent in Olten werden oder ins Ausland gehen können. Doch Reichmuth hatte kein Fernweh. Er wurde Geschäftsführer einer grossen bäuerlichen Genossenschaft.

Zehnder arbeitete als Vermögensverwalter bei Goldman Sachs, bevor er sich selbstständig machte. Er lebte in New York, London und in Hongkong, wo er seine Frau, eine Hongkong-Chinesin, kennenlernte. Seine Kinder gehen aufs Privatgymnasium in Einsiedeln und lernen in den Sommerferien Chinesisch.

Othmar Reichmuth kam gegen seinen Willen in den Gemeinderat von Illgau. Ihm wäre lieber gewesen, man hätte seinen Nachbarn gewählt. Doch mit der Wahl erwachte Reichmuths Pflichtgefühl, 2002 wurde er parteiloser Gemeindepräsident, 2010 schliesslich Regierungsrat für die CVP.

Dominik Zehnder, seit 21 Jahren FDP-Mitglied, liess sich 2011 als Füllerkandidat der Schwyzer FDP für die Nationalratswahlen aufstellen. Er drehte ein Video, auf dem er vor einem Gemälde sein «Weniger Bürokratie»-Programm bekannt gab. Er schnitt nicht schlecht ab, weshalb ihn die lokale FDP bat, an den Kantonsratswahlen im nächsten Jahr zu kandidieren, als Vertreter der Finanzbranche.

Zehnder wurde 2012 ins Schwyzer Parlament gewählt, aber er ist kein politisches Schwergewicht. Wenn er Leserbriefe schreibt oder sich im Parlament meldet, geht es meist um Geld: um Steuern oder ums Staatsbudget. Dann kann Zehnder, der im persönlichen Gespräch angenehm ist, giftig werden. Wenn die versprengte Schwyzer Linke wieder mal die Tiefsteuerpolitik kritisiert, zitiert er Konrad Adenauer: «Alles, was die Sozialisten vom Geld verstehen, ist die Tatsache, dass sie es von andern haben wollen.» Zehnder findet, der Staat soll sich aus dem menschlichen Zusammenleben möglichst raushalten.

Nicht, dass ihm jene, die in der Marktwirtschaft kein Glück haben, egal wären. Aber Zehnder ist für Marktwirtschaft und Charity. «Was ich hier an Steuern spare, das spende ich wieder, zum Beispiel an Strassenmädchen in Südamerika.»

In der Schweiz aber, findet Zehnder, jammere man auf hohem Niveau. Deshalb stimmte er am 21. Mai nicht nur gegen die Steuererhöhung, sondern auch gegen Gülle-Beiträge für die Schwyzer Bauern. «Ich bewundere die Bauern für ihre harte Arbeit, aber es ist ihre persönliche Wahl.»

Doch die alten Bauern haben das Schwyzer Modell erst möglich gemacht. Ihre Armut einerseits und ihre Bockigkeit gegenüber den Behörden andererseits erlaubten es dem CVP-Finanzdirektor Franz Marty in den 80er-Jahren, den armen Kanton zur Steueroase umzubauen. Neben tiefen Steuern hatte Schwyz unverbautes Land an Seeufern und Hängen zu bieten – und die Nähe zu Zürich, das mit der Autobahn 1968 in Pendlerdistanz gerückt war. Franz Martys Plan ging auf. Gemeinden wie Wollerau verdoppelten innert weniger Jahre ihre Steuerkraft.

Marty, damals die dominierende Figur in der Schwyzer Politik, senkte die Steuern mit Mass. Und setzte sich für den Finanzausgleich ein, weil er wusste, dass Schwyz nur als Trittbrettfahrer von Zürich überleben konnte. Die Alternative wäre eine Steuerharmonisierung gewesen. 2001 setzte Marty zudem den innerkantonalen Finanzausgleich durch, mit dem die wachsenden Gemeinden am Zürichsee das Hinterland unterstützten.

 

Nährboden für SVP
Doch dann kamen Martin Ebner und die SVP. Ebner, aufgewachsen in der neureichen Gemeinde Freienbach, stieg in den 90er-Jahren zum Guru der Börsenspekulanten auf, während sein Gesinnungsfreund Christoph Blocher vom anderen Zürichseeufer aus die Schweiz aufrüttelte. Der Kanton Schwyz bot mit seinen konservativen Alteingesessenen und steuersparenden Neuzuzügern den Nährboden für den Aufstieg der SVP.

Dadurch verlor die CVP dramatisch an Macht. 1996 hatte sie 46 Sitze im Kantonsrat und die SVP 12. 2008 hielt die SVP 41 Sitze im 100-köpfigen Kantonsparlament und die CVP 29.

Der Ton wurde schärfer, die Ideen radikaler. Für Ebner und die SVP waren Martys Steuersenkungen nicht genug. Als Ebner 1997 seine BZ Bank aus Steuergründen von Zürich nach Wilen in Freienbach verlegt hatte, kamen die beiden noch gut klar. Doch besser gefiel Ebner, was die Gemeinde Freienbach tat. Sie baute ihr angehäuftes Vermögen ab, indem sie den Steuerfuss halbierte und die Rechnung ins Minus fallen liess.

Ebner tourte mit seinem «Aktien verändern Ihr Leben»-Programm durchs Land und schlug vor, dasselbe Prinzip auch auf den Kanton anzuwenden. Er zeigte eine Folie mit einem Eichhörnchen auf dem Projektor, verglich es mit Finanzdirektor Marty, der das Staatsvermögen horte, statt es abzubauen – oder es wenigstens in Aktien anzulegen.

Die SVP schaffte es mit ihrer Rhetorik, die Welt der Millionäre und der Bauern zusammenzuhalten. Aber die Risse in der ungleichen Koalition waren unübersehbar.

An einem Maitag im Jahr 2001 machte sich Ebner auf ins Muotatal, die konservativste Ecke der Schweiz. Er liess sich vom damaligen SVP-Nationalrat und Möbelunternehmer Peter Föhn traditionelle Möbelschreinereien zeigen. Dann erklärte er den Muotatalern in der vollen Mehrzweckhalle, die Zukunft gehöre nicht dem Holz, sondern den Aktien, vielleicht noch dem computerisierten Milchtrog. Es gab ein Raunen im Saal, aber keinen Aufstand. Die Muotataler befolgten Ebners Rat nicht, zum Glück. Die BZ Bank machte bald darauf massive Verluste, Ebners Gefolgschaft verlor ihr Erspartes. Und Peter Föhn, inzwischen Ständerat, produziert heute Feng-Shui-Möbel.

Symbolisch aber war Ebners Besuch im Muotatal wichtig. Er war Bote der neuen Macht im Kanton Schwyz: der Bewohner der Terrassensiedlungen am Zürichsee. Seine unterschwellige Botschaft lautete: Ihr kennt den Deal. Solange ihr so wenig von uns verlangt, bleiben wir. Sonst sind wir schnell wieder weg.

 

Im Geld schwimmen
In den Nullerjahren steuerte die «Schwyzer Steuersenkungsparty», wie Kritiker sie nennen, ihrem Höhepunkt zu. 2005 wollte der Regierungsrat die Vermögenssteuern von günstigen 0.8 Prozent auf 0.7 senken, doch in der Finanzkommission unterboten sich FDP und SVP mit Gegenvorschlägen, sodass die Steuer auf 0.5 Prozent fiel. Der SVP-Kommissionspräsident sagte damals: «Voraussicht ist gefragt, nicht Erbsenzählen.»

Egal, wie tief die Schwyzer ihre Steuern noch senkten – die Rechnung ging auf. Kanton und Gemeinden schwammen im Geld. 1984 nahm der Kanton 100 Millionen Steuerfranken ein, 2004 waren es fast 300 Millionen, 480 Millionen im Jahr 2012.

Dass die Leistung der Schwyzer auch wesentlich darin be­stand, in der Nähe Zürichs zu liegen, ging dabei gern vergessen.

Die Überschüsse der guten Jahre investierten die Schwyzer nicht in Infrastruktur, Bildung oder dergleichen. Sie hielten sie in den Schatztruhen, damit man sie wieder abbauen konnte. Die bürgerliche Phalanx aus der dominierenden SVP, der sich nach rechts beugenden FDP und der einbrechenden CVP konnte im Kanton Schwyz der Nullerjahre fast ungehindert ihre Vorstellungen von einem idealen Staatswesen verwirklichen. Ein Staat, der sich möglichst wenig einmischt.

Die Schwyzer Verwaltung ist vermutlich die billigste und effizienteste im Land. Und jene mit dem schmalsten Angebot für die Bürger. Der Kanton Schwyz liegt im letzten Drittel der Kantone, was Prämienverbilligungen angeht. Er gibt praktisch kein Geld für Kultur aus; der Staatsarchivar ist zugleich Kulturchef. Der Kanton bringt seine Asylanten so günstig unter, dass er mit den Bundesgeldern, die er dafür kriegt, sogar noch Gewinn macht. Und er spart, angetrieben von einem staatskritischen Parlament, ohne Unterbruch. Seit 2006 gab es vier Sparpakete. Selbst eingefleischte Sparer wie Dominik Zehnder geben inzwischen zu, dass es da nicht mehr viel zu holen gibt.

 

 

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Baudirektor Othmar Reichmuth

ist die Welt der Millionäre fern.

 

Jeder zweite Schwyzer hat Seenähe
Reichmuths Baudepartement ist ein gutes Beispiel für das Schwyzer Staatsverständnis. Seit 1970 ist der Kanton um mehr als die Hälfte auf 150 000 Einwohner angewachsen, vor allem in den Gemeinden am Zürichsee und in Küssnacht am Vierwaldstättersee; jeder zweite Schwyzer lebt mittlerweile in Seenähe.

Das Schwyzer Landschaftsbild ist ein beeindruckendes Zeugnis unkoordinierten Wachstums. Der Kanton liess die Gemeinden machen, und die bauten drauflos. Denn kurzfristig profitierten alle: die Zuzüger, die Gemeindekasse und das lokale Gewerbe. Heute stehen Villen, Einfamilienhäuser und Geschäftszentren kreuz und quer in der Gegend herum.

So leidenschaftslos wie in die Raumplanung investierte der Kanton in den öffentlichen Verkehr. Dabei hätte gerade Schwyz als Pendlerkanton effiziente Transportmittel nötig. 20 000 Ausserschwyzer pendeln nach Zürich zur Arbeit, 10 000 Innerschwyzer nach Zug.

Nachdem Othmar Reichmuth im Oktober sein Baudepartement bezogen hatte, wollte er es nicht nur benutzen, um Baubewilligungen zu unterzeichnen. Er wollte Weitsicht ins Wachstum bringen. Zuerst nahm er sich des öffentlichen Verkehrs an. Er brachte zwar eine ÖV-Strategie durchs Parlament, aber mit den zwei Beamten, die sich um dieses Dossier kümmern, war er auf verlorenem Posten. Der Kanton droht den Anschluss an die nationale Verkehrsentwicklung zu verlieren. «Hier ist es halt schwierig, für visionäre Vorstellungen Mehrheiten zu finden», sagt Reichmuth. «Das tut mir manchmal ein bisschen weh.»

 

Rattenrennen um bezahlbaren Wohnraum
Im Landschaftsbild weniger sichtbar, dafür umso tiefer schürfend sind die Veränderungen im sozialen Gefüge, die der Boom bewirkt hat. In keinem anderen Kanton ist das Vermögen so ungleich verteilt wie in Schwyz. Der Mittelstand ist unter Druck.

Im Steuerwettbewerb fokussierten die Schwyzer Politiker so auf die grossen Steuerzahler, dass man sich als Normalverdienender wie ein Bürger zweiter Klasse vorkommen musste. Für linke Anliegen hatten zumindest FDP und SVP ohnehin lange nur Spott übrig. Im vergangenen September verlangte die SP im Kantonsrat rekordtiefe Steuersätze für alle statt nur für Reiche. Denn mit sinkendem Gehalt verwandelt sich der Kanton Schwyz von einem Steuerparadies in eine Steuerhölle. Kein Kanton besteuert niedrigere Gehälter. Doch FDP-Finanzdirektor Kaspar Michel liess keinen Zweifel offen, für wen der Kanton die Steuergesetze macht: «20 Prozent erbringen 73 Prozent der Gesamtleistung», rechnete Michel im Kantonsrat vor.

Mehr Kopfzerbrechen als die Steuern machen den normalverdienenden Schwyzern aber die Mieten, vor allem jene in Ufernähe. Viele können sich diese Lagen nicht mehr leisten. Bis vor kurzem zogen sie weiter südlich in die March, aber auch dort schiessen die Preise in die Höhe. Heute ziehen sie nach Glarus oder ins Kantonsinnere nach Einsiedeln, wo Wohnungen und Eigenheime noch zahlbar sind. Der Steuerfuss in Einsiedeln ist einer der höchsten im Kanton, und vermutlich wird man ihn bald noch mehr aufstocken müssen, denn die Zuzüger brauchen neue Schulhäuser und Wasserleitungen.

Spätestens das Rattenrennen um zahlbaren Wohnraum hat die Schwyzer aufgeschreckt. 2008 hielten gemäss einer Umfrage des «Boten der Urschweiz» 40 Prozent das Wachstum eher für Fluch als Segen, 2012 waren es schon 57 Prozent. Vielleicht das deutlichste Zeichen: Die Schwyzer SVP verlor in den Kantonsratswahlen 2012 nicht weniger als sechs Sitze.

FDP-Kantonsrat Dominik Zehnder fährt durch das Dorfzentrum von Pfäffikon, ein Durcheinander aus verlorenen alten Giebelhäuser und nagelneuen Blöcken.

«Für die meisten Leute sind Veränderungen etwas Negatives», sagt Zehnder. «Aber ich habe Veränderungen immer als Chance gesehen.» Als er sich in seiner Heimat Küsnacht kein passendes Haus leisten konnte, zog er halt hierher. Dafür muss jetzt jemand anders wegziehen. «Wer sagt, dass die Leute, die nun in die March ziehen, es dort nicht schön finden werden?», fragt Zehnder. «Dass das zu Anpassungsschwierigkeiten führt, tut mir leid. Aber das Leben besteht darin, dass man sich mit den Umständen arrangiert.»

Für Wohnbau-Genossenschaften ist Zehnder trotzdem nicht zu haben, im Unterschied zum bürgerlich dominierten Ge­meinderat Pfäffikons, der sich inzwischen für bezahlbaren Wohnraum einsetzt, damit die Gemeinde nicht zur Schlafstadt wird.

 

Um Lokalkolorit geht es nicht
Hier geblieben sind vor allem die älteren Bewohner, die zu alten Mietzinsen wohnen. Weil Familien kaum zahlbare Wohnungen finden, verzeichnet die Gemeinde Freienbach im Bevölkerungswachstum einen Rückgang an Kindern, sie musste schon Kindergärten schliessen. Die Schulhäuser haben Überkapazitäten, während die Bewohner der Terrassensiedlungen ihre Kinder oft in die Privatschulen schicken, nur schon weil diese eine Tagesstruktur anbieten.

Auch sonst leben die neuen Pfäffiker an den Eingesessenen vorbei. Sie fehlen an den Vereinsabenden; in Zürich ist das Kulturangebot internationaler. Die Millionäre sind halt nicht hergekommen wegen des Lokalkolorits. Sondern wegen der Steuern.

Auch an der Gemeindeversammlung, an der es schliesslich um ihr Geld geht, lassen sie sich kaum blicken. Aber sie haben ja Martin Ebner. Ebner, Bürger von Wilen, einem kleinen Ortsteil von Freienbach, besucht regelmässig die Versammlungen, meist ohne sich zu melden. An der Gemeindeversammlung im Dezember 2013 hatte er seit Jahren wieder einmal einen Auftritt. Die Gemeinde, die ein kleines Defizit macht, wollte den Steuerfuss von 70 auf 80 Prozent erhöhen.

Ebner, inzwischen 68 Jahre alt, schlug vor, die Gemeinde solle erst mal ihre Vermögen abbauen, bevor man die Steuern erhöhe. Er verlangte sogar, Darlehen auf die Schulhäuser und Pflegezentren aufzunehmen, um die Gemeinde zu finanzieren.

Das ging auch dem bürgerlichen Gemeinderat zu weit.

Doch dann erinnerte Martin Ebner die anwesenden Freienbacher, meist aus dem Mittelstand, wieder mal daran, dass gut 20 Prozent der Steuerzahler 80 Prozent der Steuern zahlen. Und warnte sie, dass die Häuser mit Hanglage schnell leer stehen könnten, sollte sich an der Steuerpolitik viel ändern. «Die Steuern sind nichts anderes als der Preis dafür, in dieser Gemeinde zu leben», sagte Martin Ebner.

Die Freienbacher verwarfen Ebners Vorschlag haushoch, doch sie wissen, dass sie sich erpressbar gemacht haben. Für Vermögensverwalter Zehnder ist die Mobilität der Wohlhabenden allerdings keine Erpressung, sondern ein Kontrollsystem. «Sonst würde die Mehrheit die Minderheit schröpfen», sagt er. «30 Prozent zahlen in unserem Kanton gar keine Steuern; dass denen grundsätzlich gleichgültig ist, wie viel Geld der Staat ausgibt, liegt in der Natur des Menschen.»

Die zahlende Minderheit könne sich beugen – oder mit den Füssen abstimmen.

Das könne übrigens jeder, sagt Dominik Zehnder. «Unser Kanton verlangt wenig und gibt wenig. Wer einen Dienstleistungsstaat will, kann in einen anderen Kanton ziehen. Das ist das Schöne an unserem förderalistischen System!»

20 Kilometer südlich und 400 Meter höher sitzt Othmar Reichmuth im Illgauer Sigristenhaus über dem Feierabendbier. Als er 2012 von hier oben seinen Warnruf abschickte, wollte er, dass die Schwyzer darüber nachdenken, ob sie Erfolg wirklich mit Geld und neuen Häusern gleichsetzen wollen. Reichmuth sprach von anderen Werten, von erfüllender Arbeit und einer intakten Landschaft.

«Wir sind in eine Sphäre gerutscht, in der wir Geld vergöttern», sagt Reichmuth. Man habe sich nur darauf ausgerichtet, etwa mit der Pauschalsteuer für reiche Ausländer. «Dagegen sträubt sich mein Gerechtigkeitssinn.»

Dann lächelt der Baudirektor, es soll nicht pathetisch klingen. «Manchmal habe ich das Gefühl, das Geld ist zu unserem Dämon geworden.»

 

Joel Benedetti schreibt regelmässig für «Das Magazin».

joel.bedetti@gmail.com

Der Fotograf Mark Niedermann lebt in Riehen.

www.markniedermann.com

Beim Wort genommen

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Hätte mich jemand gesehen, wie ich da sass an der Busstation, wartend, sie oder er hätte gedacht: Oh, wie schön, ein frommer Mann, versunken, tief kontemplativ, in Andacht, ein selten Bild in diesen Tagen, die von Hektik geprägt sind und Betriebsamkeit, Krach, Tempo, es allgemein die Absenz von Ruhe zu beklagen gilt. In der Tat sah es so aus, als betete ich, in mich gekehrt, die Hände im Schoss, den Kopf geneigt, den Blick demütig gesenkt, ruhig, nicht einmal ein Knie wippte, kein Fuss zappelte, ganz still sass ich dort auf der harten Bank aus Holz. In Wahrheit jedoch blickte ich auf mein iPhone, checkte die Mails, sah, dass mein Online-Scrabble-Spielpartner gerade ein ziemlich saftiges Wort gelegt hatte, «KNUPPERT» auf doppelt dreifach: 167 Punkte. Ich stiess einen leisen Fluch aus, «KNUPPERT», dann noch einen und lupfte den Kopf.

Als ich den Blick hob, sah ich eine Frau. Sie lächelte. Ihr Kopf war sehr gross, was damit zu tun hatte, dass es keine echte Frau war, sondern eine, die von einem Werbeplakat lächelte. Die Frau lächelte nicht nur, sondern sie sagte auch etwas. Natürlich sagte sie nicht wirklich etwas, denn eine Frau auf einem Plakat kann ja nicht sprechen, aber ihre Worte waren auf das Plakat gedruckt. Ich kannte diese Frau, aber woher? Ihr Lächeln war schmal, und in ihren Augen lag etwas Wildes, Hungriges, vielleicht auch Irres, zudem schien sie leicht vorgebeugt, wie zum Sprung bereit. Sehr wahrscheinlich hatte der Fotograf zu ihr gesagt: «Schau dynamisch, als würdest du losrennen, als wärst du ein wildes Tier!» Aber sie schaute eher drein, als hätte sie es – von arg beschleunigter Verdauung geplagt – gerade noch hinter ein Gebüsch geschafft und wäre dabei ertappt worden. Die Worte der Frau: «Ich trenne defekte Mixer vom Abfall.»

Ich las den Satz nochmals, denn in letzter Zeit kam es vor, dass ich Dinge falsch las, verstand oder sagte, was sicher mit dem zwar gemächlich, aber leider unaufhaltsam fortschreitenden Alterungsprozess zu tun haben muss. Erst kürzlich stand ich vor dem Kühlregal eines Supermarkts, griff nach einer Packung und las dort auf dem Etikett «Gabriel García Márquez», dabei stand dort «Chipolata & Merguez». Erst kürzlich fragte ich die Verkäuferin im Franz Carl Weber: «Entschuldigung, haben Sie den neuen Playboy-Prospekt», weil ich mich für die neuen Playmobil «Top Agents»-Figuren interessierte. Erst kürzlich hörte ich im Restaurant, wie ein Bündner am Nebentisch in seinem herrlichen Dialekt «Cazzo mit Sossa» bestellte – erleichtert sah ich dann, dass er vom Kellner eine heidelbeerblaue Gazosa eingeschenkt bekam. Ich wusste: Man muss genau hinhören und exakt lesen. Also las ich zur Sicherheit nochmals, was auf dem Plakat stand, Wort für Wort, aber dort stand tatsächlich: «Ich trenne defekte Mixer vom Abfall.» Und ich wusste wieder, woher ich die Frau kannte, aus dem «Sportpanorama», es war eine ehemalige, äusserst erfolgreiche Orientierungsläuferin. Das Plakat war Werbung, welche das Volk dazu bringen soll, über Recycling nachzudenken. Dass man eben keine Mixer in den Müll schmeisst, wie man es tagtäglich tut. Sondern sich Ohrenringe daraus bastelt oder etwas Lustiges für auf den Hut? Damit den Weihnachtsbaum schmückt?

Mir fiel ein, dass ich schon andere Varianten derselben Plakatwerbung gesehen hatte. Ich sah den Töffrennfahrer Tom Lüthi, der sagte: «Ich trenne LEDs vom Abfall» (natürlich las ich erst «Ich trenne LSD vom Abfall», was mich doch sehr die Augenbrauen hatte heben lassen). Ich sah den Singer-Songwriter Luca Hänni, der sagte: «Ich trenne Hosen vom Abfall.» Und ich sah diese in der Presse gern als unsympathische Zicke dargestellte Skirennfahrerin, die sagte: «Ich trenne Jacken vom Abfall» (was man auch gleich sehen konnte, denn eine dieser vom Abfall getrennten Jacken trägt sie auf dem Foto).

Die Werbung stimmte mich traurig: Selten noch hatte ich eine so uninspirierte und biedere Werbekampagne gesehen wie diese von Swiss Recycling. Warum soll ich mir langweilige Werbung ansehen? Mein Leben ist doch schon langweilig genug. Ich trenne schlechte Werbung vom Leben. So senkte ich den Blick erneut, starrte wieder auf mein iPhone und nahm mir vor, gleich heute noch einen Mixer in den Abfall zu schmeissen oder zwei oder besser sogar drei. Die Worte der Frau, sie sollten nicht umsonst gewesen sein.