Brief aus Lissabon:
Sieben Orte, um temporär glücklich zu werden

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Lissabon repräsentiert einen kontinuierlichen Ausnahmezustand. Die Stadt am Rand Europas bietet wohltuenden Kontrast zu den hektischen Metropolen London, Paris, Madrid und Mailand. Nicht nur, dass Lissabon vergleichsweise klein ist – die offizielle Bevölkerungszahl beläuft sich auf knapp unter eine halben Million Menschen, was einer starken Abwanderung der Stadtbevölkerung an die Peripherie geschuldet ist, wo im Gegensatz zur Hauptstadt moderne Wohnungen für die Bevölkerung gebaut wurden –, die Stadt hat sich auch ihr gemächliches Tempo und den morbiden Charme bewahrt, letzteren freilich nicht nur freiwillig. Die zahlreichen Häuser in der Innenstadt, die von ihren Eigentümern dem Verfall preisgegeben sind, sind Statisten auf der Bühne der Melancholie, die Lissabon zelebriert. In den Fado-Lokalen der Alfama finden sich längst nicht nur Touristen ein, um die himmeltraurigen Lieder unterschiedlich begabter Interpreten zu genießen, von denen nicht eines das Tempo anzieht oder Licht zum Fenster hineinlässt, und auch in den zahlreichen Miradouros, den Parks, von denen aus man die urbanen Wogen der Stadt prächtig und im Schatten von Platanen betrachten kann, tut man das jederzeit in Gesellschaft müßiger Einheimischer, die sich am Kiosk ein „Superbock“-Bier holen, um das Warten auf die innere Ruhe angemessen zu unterfüttern.

Die Frage nach kulinarischen Highlights in Lissabon ist vielschichtig – Qualität ist in der portugiesischen Hauptstadt nicht quantifiziert wie in vielen anderen von Gault Millau und Michelin vermessenen Städten. Umso mehr ist die Freude am Zelebrieren einer kulinarischen Realität zu spüren, die an der Grenze von Deftigkeit und Eleganz balanciert, eine Flasche Olivenöl und eine Knoblauchzehe jederzeit in Reserve.

 

  1. Der Tag-Nacht-Hell-Dunkel-Markt: Mercado da Ribeira

Gegenüber vom Bahnhof Cais do Sodré wurde die alte Markthalle aus dem Jahr 1876, eine monumentale Konstruktion aus Gusseisen, Glas und maurisch verfliesten Trennwänden, in einen modernen Foodcourt umgebaut und vom portugiesischen Ableger des Magazins „Time Out“ neu designt und gebrandet. Was auf den ersten Blick ein bisschen gewollt scheinen könnte, entpuppt sich als prächtiges Eintrittstor in das Erleben portugiesischer Kulinarik.

So treffen sich im neuen „Mercado da Ribeira“, der erst seit Mai dieses Jahres geöffnet ist, traditionelle und moderne Interpretationen der portugiesischen Küche. Es gibt die klassische „Croqueteria“, wo man alle möglichen in eine knusprige Hülle verpackten Kroketten kosten kann, genauso wie eine prächtig bestückte Weinhandlung (wo man sich für den Verzehr in der Halle mit der einen oder anderen Flasche rüstet), die Theke für den rasch zubereiteten frischen Fisch, einen Laden, der nur Tartar (vom Rind oder vom Lachs) serviert, eine kleine Filiale des Fischrestaurants „Sea Me“, die dem Reichtum an gutem Fisch einen zeitgemäßen Twist gibt. An der Stirnseite der Halle, in der 500 Gäste gleichzeitig an langen Tischen sitzen, essen, trinken und lärmen können, ohne dass du das Gefühl hast, auf dem Oktoberfest zu sein, haben sich fünf stadtbekannte Spitzenköche (Alexandre Silva, Miguel Castro Silva, Henrique Sá Pessoa, Marlene Vieira, Vítor Claro) angesiedelt, die gehobene Küche sozusagen mit Hemdsärmeln servieren, zu ausgesprochen guten Preisen und mit erstaunlicher Präsenz.

Kann sein, dass man bei manchen Ständen (Marlene Vieira; aber das Warten lohnt sich!) ein bisschen länger ansteht. Der Trick, enorme Menschenansammlungen zu umschiffen, besteht darin, die klassischen Essenszeiten der Portugiesen (Lunch ab 14 Uhr, Dinner ab 21 Uhr, frühestens) kontrapunktisch zu interpretieren und zum Beispiel in der Markthalle zu frühstücken. Gegen zwölf.

In der Nebenhalle findet übrigens täglich der klassische Gemüse-, Fisch- und Fleischmarkt statt.

 

2. Lissabon-Romantik, durch den Fleischwolf gedreht: Das Boi-Cavalo in der Alfama

 

Die Alfama, der einst von Matrosen und Gaunern bevölkerte Teil Lissabons, wo die Straßen so eng und unübersichtlich wie in Venedig sind, nur steiler, ist das Stadtviertel, das Touristen am meisten lieben. Das erkennt man u.a. daran, dass man von allerlei Menschen mit wehenden Speisekarten in dunkle Löcher gelockt wird, aus denen traurige Fadomusik strömt. Meine Reflexe dagegen sind wach, aber ob nicht in der einen oder anderen Kneipe against all odds ein paar wunderbare Musiker etwas zum Heulen Schönes veranstalten, weiß ich beim besten Willen nicht. Tatsache ist, dass ich nach einem langen Essen im Boi-Cavalo gleich nebenan in der Rua do Vigarío 70A eine grandiose Sängerin hörte, die ein Auditorium von ausschließlich Einheimischen zu Tränen rührte – mich, draußen auf der Straße, inklusive.

Das Boi-Cavalo ist winzig, man muss reservieren. Zwei Köche am Herd, ein Kellner, der sich um die Bestellungen und den Wein kümmert. Die Attitüde des Restaurants ist wohl klassisch, aber der Twist ins Moderne, Überraschende gelingt sowohl bei Gerichten wie den Stabmuscheln mit Entenbouillon und kleinen Teigtaschen oder dem frittierten Tintenfisch mit Specksalat und fünf Gewürzen; durchaus deftig, aber nicht ohne Eleganz. Die Küche des Boi-Cavalo kombiniert gern Fleisch und Fisch (Huhn und Garnele, Kaninchen und Meeresschnecke), wagt sich an in der klassischen portugiesischen Küche unübliche Zubereitungsarten (Sous-vide) und verheiratet Modernität und Klassik mit einem verschmitzten Lächeln (konfierte Schweinsbacken mit Sauce vom klassischen Eintopf und gebratenem Brot). Ein Statement zur Zukunft der portugiesischen Küche.

 

3. Remmidemmi im Herzen der Stadt: Cantinho do Avillez

 

José Avillez ist ein in Portugal berühmter Koch mit einigem Unternehmergeist. Buchautor, TV-Präsentator, Besitzer eines Catering-Unternehmens, eines Cafés, einer Pizzeria. Nachdem er im eleganten „Belcanto“, das mit einem Michelinstern ausgezeichnet ist, seine Interpretation internationaler Hochküche etablierte, erfüllte er sich, wie er sagt, einen Traum, indem er mit dem „Cantinho do Avillez“ nahe der geschäftigen Rua Garrett ein „einfaches und komfortables“ Lokal eröffnete. Tatsächlich ist „Cantinho do Avillez“ ein hübsch eingerichtetes, modernes Lokal, das seine Ambition, in jeder Hinsicht casual zu sein, bei jeder Möglichkeit betont. Da der Andrang ungebrochen stark ist, werden abends mehrere Services verkauft, was bedeutet, dass sich jederzeit an der Bar neue Gäste drängeln und mit (grandiosen) Gin-Tonics über die Wartezeit hinwegtrösten.

Das Erlebnis war prägnant (inklusive Wartezeit an der Bar und Gin Tonics). Das Essen war für mein Gefühl (und verglichen mit der ambitionierten Vorstellung des Boi-Cavalo) selbst etwas casual. Es gab ein anständiges Ceviche von der Jakobsmuschel, einen gigantischen Hamburger mit Zwiebeln, eine fette, geräucherte Farinheira-Wurst und eine einschüchternde Portion vom Alentejo-Schwein mit deftiger Sauce – ein kulinarischer Ansatz zwischen Yummie-Style, schöner Klassik und weitgehend unanstrengendem Schick.

 

4. Fisch für zwischendurch: Sea me

 

„Sea me“ ist nicht nur ein Wortspiel, sondern auch ein Seafood-Restaurant, das in Lissabon von der reinen Lehre des mit einem Stück Knoblauch in Olivenöl herausgebratenen Meeresfisch abweicht und die auf einer mit Eis gekühlten Theke ausgestellten, frisch hereingekommenen Meeresfrüchte und Fische auf ambitionierte Weise zubereitet – zum Beispiel auf asiatische Art als (manchmal ein bisschen zu kreativ gedachte) Sushi oder auch ganz geradlinig als Sashimi. Im Gegensatz zur klassischen Tradition, Fisch solange zu kochen, bis er wie ein Stück Fleisch aussieht, ist das ein epochaler Fortschritt. Auch die etwas schummrige Baratmosphäre, dem Speisesaal einer schicken Yacht nachempfunden, ist unterhaltsam – und der Signature dish des „Sea Me“, ein Stück Nigiri mit gegrillten Sardinen und Meersalz, ist allein den Besuch der Hütte wert.

 

5. Der Hitze des Nachmittags entkommen: Die Weinbar „Alfaia Garrafeira

 

Tagsüber ist das Viertel „Bairro Alto“ mit seinen zahllosen geschlossenen Bars und den einzelnen Touristenrestaurants mit ihren Tischen auf der Straße eher ein bisschen öde, aber wenn der Nachmittag fortschreitet und die Weinbar „Alfaia“ aufsperrt, dann dringt plötzlich auch der Elektrobossanova von Renata Gebara ans Freie, und man fühlt sich magnetisch auf die winzigen Stühle der Bar gezwungen, um sich beim Vinho Verde solange beraten zu lassen, bis man besser vom gegenüberliegenden Restaurant eine Portion Kroketten bestellt oder den Kellner bittet, ein paar Scheibchen vom sündhaft teuren Presunto des Porto presto, eine portugiesische Spielart der Pata negra, herunterzusäbeln. Nirgendwo gelingt die Einführung in den portugiesischen Wein stimmungsvoller.

 

6. Endlich die besten Pasteís de nata: Manteigaria

 

Dass hier einmal ein Handschuhgeschäft war, sieht man gleich am Schild über dem schmalen Laden an erster Lage, und die Bezeichnung „Laden“ stimmt eigentlich auch nicht. Die „Manteigaria“ bezeichnet sich selbst als „Fabrica De Pastéis De Nata“, als Fabrik für jene kleinen, mit einer Art Pudding gefüllten Blätterteigtörtchen, die es in Lissabon in jedem Café, eigentlich an jeder Straßenecke gibt, oft in anständiger, manchmal sogar in exquisiter Qualität. Nie können die Pasteís aber besser sein als in dem magischen Augenblick, wenn sie auf einem riesigen Tablett aus der Backstube kommen und auf dem Ladentisch, auf dem man sich auch gut elegante Handschuhe für die Dame von Welt vorstellen könnte, geparkt werden. Meine Empfehlung: nicht nur ein Stück (kostet 1 Euro) kaufen, sondern mehrere, um herauszufinden, welche Temperatur des Törtchens den Genuss maximiert. Im Geschäft wird man gewarnt, beherzt in die ganz frischen Törtchen zu beissen, weil ihr Inhalt selbstverständlich viel zu heiss ist – die Warnung beherzigen können allerdings nur äußerst charakterstarke Menschen, deshalb auch meine Empfehlung. Das zweite Törtchen, verzehrt, nachdem man sich vom Genuss des ersten gerade so erholt hat, ist übrigens das beste. Einmal mehr ist der Reiz des Lauwarmen nicht zu übertreffen.

 

7. In allen Farben dieser Welt: Sardinen im „Loja dos conservas

 

Der Laden ist, sagen wir es vornehm, der Hammer: Auf einem riesigen Tisch, in Kästen, auf an der Wand befestigten Regalen, kunstvoll appliziert, finden sich hier die Erzeugnisse der portugiesischen Fisch- und Konservenindustrie. Es gibt Thunfisch in verschiedensten Ölen und Saucen, es gibt Muscheln und Tintenfisch, vor allem aber gibt es Sardinen jeder Qualität und vieler Jahrgänge: nirgends hat die Sardine so einen Stellenwert wie hier in Portugal, und an keinem anderen Ort bekommt diese Wertschätzung ein so buntes Outfit wie hier, auf den kleinen Flächen der Konservenverpackungen. Soll heißen: Man kann sich gar nicht sattsehen an den wunderschönen Dosen und Döschen, an ihrer Farbgebung und Bildsprache, an der Vielfalt der Typographie und ihrer Variationen.

„Loja dos conservas“ ist ein Standort der portugiesischen Fischereiindustrie. Hier soll das Angebot präsentiert und der Absatz gesteigert werden. Man kann aus rein optischen Gründen hier glücklich werden – oder aber auch aus kulinarischen. Die Fachkräfte im schönen Geschäft beraten bei der Annäherung an den eigenen Geschmack.

DIE EMBRYONALE NUMMER VIER

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Manche Weingüter sind gut darin, ihrem Wein ständig neue Betrachtungsweisen mit auf den Weg zu geben, andere segeln hart am Wind technischer Modernitäten. Manche Weingüter konzentrieren sich hingegen auf das sowieso fragile Zusammenspiel von Natur, Kultur und Jahreszeiten und entlassen Jahr für Jahr spezifische, aber an den Rändern der Wahrnehmung durchaus unterschiedliche Weine in die Freiheit des Marktes – der Wein, man merkt es, steht dabei solitär im Mittelpunkt; sein Auftritt, seine Verpackung sind wichtig, aber nicht Hauptsache.
Die Aufmerksamkeit dieser Winzer wirkt also von innen nach aussen. Das Gegenbeispiel funktioniert viel plakativer: mit der Form einer Flasche, die entweder an die grossen Weine aus dem Bordeaux oder an jene des Burgund erinnert; mit Namen, die dem Erfindergeist von Werbeagenturen entspringen und nicht der vornehmen Schlichtheit, die einzig die Herkunft des Weins und sein Erzeugungsjahr gebührend in den Mittelpunkt stellen möchte.
Ich hole so weit aus, weil ich zeigen will, wie vorsichtig und sorgfältig ein Winzer wie Johannes Meier sein Terrain sondiert, bis er das traditionelle Sortiment seines «Weingut Bachtobel» um eine echte Neuheit erweitert. Die wechselhafte, manchmal dramatische Geschichte des Thurgauer «Schlossgut Bachtobel» habe ich in einer «Magazin»-Geschichte aufgeschrieben (06/13), nur kurz also: Johannes Meier übernahm 2008 ein grosses Erbe von seinem verstorbenen Onkel Hans-Ulrich Kesselring, und er liess sich einige Jahre Zeit, um dieses Erbe zu verstehen, die Produktionsweise zu durchdringen und schliesslich langsam, aber sicher nach den eigenen Vorlieben zu formen. Die unterschiedlichen Pinots sind dabei nach Nummern geordnet. No 1 steht für einen fruchtigen, einfach gemachten Blauburgunder, No 2 (mein Lieblingswein) ist ein eleganter, zugänglicher Wein, der ohne jede Anstrengung alles hat, was ein Pinot noir braucht, No 3 wurde zusätzlich zur schonenden Verarbeitung mit den gutseigenen Baumpressen aus dem 16. Jahrhundert teilweise im neuen Holz barriquisiert – für meinen Geschmack vielleicht sogar etwas zu viel.
Aber nun kündigte das Weingut zum ersten Mal auch «No 4» an, einen «Spitzen-Cru», der «nur in exzellenten Jahren» gekeltert wird. No 4 wird nicht nur aus selektierten, aussergewöhnlich reifen Trauben des Weinguts vinifiziert, diese werden auch diversen Intensivierungsmassnahmen un­terworfen und reifen anschliessend in Holzfässern aus vorselektierter, französischer Eiche zwölf Monate lang, bevor sie noch einmal für vier Monate in den Stahltank kommen. Die abgefüllten Flaschen kommen frühestens zweieinhalb Jahre nach der Ernte auf den Markt, derzeit zum Stückpreis von 48 Franken – mit einer inkludierten Warnung: Öffnen Sie diesen Wein «frühestens drei bis vier Jahre nach der Abfüllung». Optimal zu trinken, so der Beipackzettel, werde der Wein freilich erst nach sechs bis zwölf Jahren sein.
So lang wollte ich freilich nicht warten, ich wollte No 4 persönlich kennenlernen, wenn auch in dem Zustand, den viele Weinkritiker «embryonal» nennen.
Der Duft, den No 4 verströmte, als ich das erste Glas einschenkte, war vielversprechend. Der Wein erzählte von Kräutern, von nächtlicher Kühle, von eleganter Würze – dass der Wein am Gaumen noch abweisend und etwas pelzig wirkte, war nicht überraschend und ist auf die mangelnde Eingebundenheit der Tannine im Wein zurückzuführen – eine Frage der Zeit, nicht mehr und nicht weniger. Der erste Schluck brachte auch Feuer mit, einen kräftigen Nachgeschmack mit langem, immer wieder nachhallendem Echo, und ich habe eine Vorstellung davon, wie dieser Wein in sechs oder, besser, in zehn Jahren schmecken wird: wie der kleine Bruder, die No 2, nur noch intensiver – saftig, hell und optimistisch.
Jetzt einlagern. Nicht zu früh zu probieren.

 

Illustration: Alexandra Klobouk

«Viele haben schon Mühe, das Wort ‹Jude› in den Mund zu nehmen»

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Ein Gespräch über jüdische Identität in der Schweiz.


Gespräch  SACHA BATTHYANY und MIKLÓS GIMES


Bilder  HELMUT WACHTER

 

DAS MAGAZIN — Herr Meyer, Herr Frenkel, springen wir zurück in Ihre Kindheit, Sie sind beide in einem ähnlichen Alter, in die Achtzigerjahre also. Es ist Freitagabend, kurz vor Sonnenuntergang. Der Sabbat beginnt.
 
Beni Frenkel — Mein Vater gab den Segensspruch über einem Glas Traubensaft. Das Essen war am Freitagabend besser als unter der Woche, es gab Fleisch, meine Mutter kochte Speisen nach 200 Jahre alten Rezepten ihrer Ururgrossmutter. Ich bin in Dättwil aufgewachsen, Kanton Aargau. Religion spielte keine grosse Rolle bei uns, die jüdischen Traditionen schon eher. Wir waren die einzigen Juden weit und breit, aber auffallen wollten wir nicht, sonst hätten wir nicht überleben können.
Wieso kann man als Jude im Aargau nicht überleben?
 
Frenkel — Es hat nicht ins Landschaftsbild ge­passt zu jener Zeit. Wir lebten auf dem Land, nicht in der Stadt Zürich. Wir haben niemandem gesagt, dass wir Juden sind, aber natürlich wussten es alle.
 
Thomas Meyer — Ihr wart nicht die einzigen Juden da draussen. Wir lebten in Mellingen, keine zehn Kilometer entfernt.
 
Frenkel — Auch in Baden gibt es eine kleine jüdische Gemeinde, ich weiss schon, dennoch hat es sich so angefühlt. Vielleicht wollte ich auch der Einzige sein, wie diese Figur in der Fernsehserie «Little Britain». Kennt ihr den? Den dicken Schwulen, «I’m the only gay in the village»? Er wird jedes Mal sauer, wenn er auf andere Schwule trifft, weil er so seinen Status verliert. In meinem Dorf waren wir die Attraktion – entweder bist du schwul oder jüdisch.
Man hat einiges gehört in den letzten Tagen über Baden. Geri Müller, Nacktselfies, Josef Bollag.
 
Frenkel — Geri Müller kenne ich nur vom Namen. Ich habe ihm auch nie Bilder zugeschickt. Josef Bollag kenne ich aber gut. In guten Zeiten durfte ich in seinem grossen Swimmingpool planschen und hinter ihm in der Synagoge beten. Heute ist unser Verhältnis etwas abgekühlt, weil ich mal über ihn geschrieben habe.
Wie lief der Freitagabend bei Ihnen ab, Herr Meyer?
 
Meyer — In meiner Familie ist nur meine Mutter jüdisch. Religion war bei uns kein Thema. Manchmal nahm mich meine Mutter mit in die Synagoge, aber ich fand das vollständig uninteressant. Ich kannte die Gesänge und die Menschen nicht, und der religiöse Aspekt hat mich in keiner Weise interessiert. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Freitagabend in den Achtzigerjahren war also wie alle Abende auch: Ich sass zu Hause und habe mit Matchbox und Lego Banküberfall und Massenkarambolage gespielt oder gelesen.
Wie religiös sind Sie, Herr Frenkel?
 
Frenkel — Schwer zu sagen. Ich halte den Sabbat ein, esse kein Schweinefleisch, ich lese gern in der Bibel und begehre keine andere Frau – obwohl, ist das jüdisch? Ich weiss nicht genau, ob ich mich noch zu den Orthodoxen zähle, ich merke, wie ich mich mehr und mehr entzweie. Man wollte mich schon aus meiner jüdisch-orthodoxen Gemeinde rauswerfen, doch der Rabbiner sprach mir sein Vertrauen aus. In die Synagoge gehe ich trotzdem, ob­wohl ich weiss, dass mir die Leute nicht ins Gesicht blicken. Das ist gespenstisch. Ein Gotteshaus, aber die Menschen schauen dich nicht an.
 
Wann begann diese Entfremdung?
 
Frenkel — Ich hatte einen Religionslehrer, der mich sehr prägte, eine Art Wanderprediger, der von Dorf zu Dorf fuhr und jüdische Agglo-Kinder unterrichtete. Er lehrte mich die universellen Werte des Judentums, ganz banal: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, solches Zeugs. Sei wohltätig, du sollst nicht töten. Mit dreizehn wollte ich ausbrechen aus dem Kanton Aargau, ich wollte an eine Talmud-Hochschule nach England. Meine Eltern waren dagegen, aber mein Wunsch war stärker.
Der Wunsch wonach?
 
Frenkel — Nach Gottesnähe. Ich wollte weg, weil ich Gott suchte. So wie Nonnen ins Kloster gehen. Zwei Jahre später zog ich erst nach Gateshead, hoch im Norden Englands, später nach Manchester. Doch der Kulturschock war zu gross. Ich war gemischte Klassen gewohnt, und plötzlich wurde ich mit moralischen Vorschriften konfrontiert, die ich nicht einhalten konnte. Neben dem Bubeninternat gab es die Mädchenschule. Täglich stand ich am Fenster und sah 500 Mädchen rein- und rauslaufen, obwohl ich da nicht hätte stehen dürfen. Von den Werten des Judentums war ich fasziniert, bis heute ist das so, aber in dieser Schule ging es nur um Ge­bote, um inhaltsleere Spitzfindigkeiten, bis hin zu den Kleider- und Frisurenvorschriften. Zwei Jahre später war ich am Boden.
 
Sie haben Gott gesucht und nicht gefunden.
 
Frenkel — Ich wollte ja orthodox werden, doch es funktionierte nicht, also stand ich wieder in Dättwil vor der Tür. Es war ein Schock, von dem ich mich bis heute nicht ganz erholt habe. Eines habe ich fürs Leben gelernt: eine generelle Skepsis gegenüber Fundamentalisten oder Dogmen jeglicher Art.
 
Meyer — Hast du Gott später gefunden?
 
Frenkel — Nein. Ich hatte meine spirituelle Phase sehr früh, vielleicht kommt das Interesse irgendwann wieder, mag sein. Mit meiner Frau spreche ich oft über Gott, sie ist religiöser als ich. «Warum tut Gott dies? Was will er uns mit jenem sagen?» Aber ich merke, wie mich das kaltlässt. Bei mir ist vieles erloschen.
 
Herr Meyer, glauben Sie an Gott?
 
Meyer —  Ich glaube an das Göttliche. Die amerikanischen Ureinwohner nennen es «Das grosse Geheimnis». Das gefällt mir. Auch weil es die Schranken unseres Bewusstseins mit einschliesst. Es gibt für mich keine grössere Anmassung als die Behauptung zu wissen, was Gott will oder sagt.
 
Herr Meyer, Sie haben einen zweijährigen Sohn namens Levi. Ist die Mutter Ihres Kindes auch Jüdin?
 
Meyer — Ist sie nicht. Ich habe nicht auf ihre Religionszugehörigkeit geachtet, mich interessieren bei Frauen andere Dinge. Unseren Sohn haben wir Levi genannt, weil uns der Name gefiel und weil ich den Impuls hatte, etwas weiterzugeben. Ich wollte eine gewisse … Prägung teilen. Ja, darum ging es mir: ums Teilen.
 
Wie war das bei Ihnen, Herr Frenkel?
 
Frenkel — Als ich ein Teenager war, stellte ich mir immer vor, ich würde eine Französin heiraten, attraktiv, jung, einen Kopf kleiner als ich. Jetzt habe ich eine Deutsche geheiratet, die Mutter jüdisch, der Vater nicht. Früher wäre das für mich undenkbar gewesen, nie hätte ich gedacht, eine Frau zu heiraten, die nicht reinrassig ist. Pardon. Ich weiss, wie schrecklich dieses Wort klingt, aber so habe ich damals gedacht, und so denken die meisten orthodoxen Juden. Ich habe bis zur Heirat damit gerungen.
 
Warum ist das so wichtig?
 
Frenkel — Diese Frage habe ich mir so oft gestellt. Ich habe eine Frau, die ich liebe, eine attraktive, kluge, schlagfertige Frau – wieso war mir so lange ein Dorn im Auge, dass ihr Vater kein Jude ist? Das ist doch rassistisch. Aber fragen Sie mal Ihre jüdischen Freunde, ob sie ihre Töchter mit einem Nichtjuden verheiraten wollen. Da schauen alle weg. Ich bin jedenfalls heute sehr froh, dass ich meine Frau geheiratet und mich diesem Denken widersetzt habe. Es geht um den Menschen, nicht um die Hülle, nicht um die Herkunft, nicht um die Religion. Das sagt sich so leicht, ich weiss, und doch ist es eben für viele unglaublich schwer.
 
Trägt Ihre Frau eine Perücke?
 
Frenkel — Sie trug eine. Eine Woche lang. Aber sie fühlte sich unwohl.
 
Wie jüdisch erziehen Sie Ihre Kinder?
 
Frenkel — Wir schicken sie in den jüdischen Kindergarten. Danach sollen sie auf die Volksschule. Es ist wichtig, dass sie die Wahlfreiheit haben. Aber: Der Sabbat ist mein Pièce de résistance, den müssen wir einhalten, wenn wir das nicht schaffen, ist alles weg. Meinem Buben habe ich neulich gesagt, er soll sein Käppchen abnehmen. Momentan ist das nicht gut, und Kinder können sich nicht verteidigen.
 
Was geht in Ihnen vor, wenn Sie in Zürich orthodoxe Juden auf der Strasse sehen?
 
Frenkel — Ich empfinde eine grosse Trauer. Ich würde es mir so sehr wünschen, dass diese Menschen glücklich sind. In ihren Augen und an ihrem Gang sehe ich etwas anderes.
Meyer — Das geht mir ähnlich. Wenn ich durch das Quartier Wiedikon spaziere, sollte ich ja eigentlich denken: Das sind meine Leute. Aber die Kluft ist zu gross. Umgekehrt wird das auch so sein. Wenn ich denen sagen würde, ich sei jüdisch, würden sie wohl grosse Augen machen. Zudem bin ich sowieso skeptisch. Soviel ich verstanden habe, geht es bei dieser Lebensweise darum, ein möglichst reines Leben zu führen. Man verspricht sich eine grösstmögliche Nähe zu Gott und dadurch eine grösstmögliche Seligkeit. Ich sehe diese aber bei niemandem. Und damit meine ich nicht nur die Juden. Es betrifft auch andere Arten von Spiritualität, bis hin zu den Yoga-Fanatikern. Niemand, der sein Leben so stark auf Regeln und Ideen ausrichtet, wirkt glücklich auf mich.
 
Haben Sie orthodoxe Freunde?
 
Meyer — Nein. Spätestens seit meinem Buch nicht mehr.
 
Frenkel — Meine besten Freunde sind Nichtjuden. Das hat sich so ergeben.
Wann haben Sie, Herr Meyer, gemerkt, dass Sie Jude sind?
 
Meyer — Ich kann das nicht datieren. Es war nicht am Tag, als ich erfuhr, dass es verschiedene Religionen gibt. Es war auch nicht am Tag, als mir meine Mutter erklärte, dass ich jüdisch bin. Was mich vielmehr spüren liess, dass ich Jude bin, waren die geschmacklosen Judenwitze in der Schule wie beispielsweise: Wie viele Juden bringst du in ein Auto?
 
Frenkel — Wie viele?
 
Meyer — Zwei vorne, zwei hinten und sechzehn im Aschenbecher. Wieso lachst du?
 
Frenkel — Weil es so grässlich ist.
 
Meyer — Mich haben solche Sprüche immer verletzt. Das galt für rassistische Bemerkungen generell. Es gab ja auch die Tamilenwitze, aber die verschwanden bald wieder, dann kamen die Türkenwitze. Antisemitische Klischees verschwanden nicht, irgendwie scheinen Judenwitze ein Evergreen zu sein.
 
Haben Sie als Kind je verheimlicht, Jude zu sein?
 
Meyer — Ich liess es lange unerwähnt, aus Furcht vor Abneigung. Meine Mutter hat in ihrer Kindheit ausgeprägten Judenhass erfahren, wie sie mir erzählte. Später fiel es mir leichter, die Irritation der Leute auszuhalten, wenn sie erfuhren, dass da jetzt ein Jude vor ihnen steht.
 
Frenkel — Ich bin früher in der Schule nach dem Turnen immer als Erster unter die Dusche, auch im Militär. Ich habe immer versucht zu verstecken, dass ich Jude bin. Als ich später am Flughafen bei der Gepäcksortierung arbeitete, war ich der einzige Schweizer und der einzige Jude – und dennoch wussten es alle. Bei aller Scham kam aber auch ein gewisser Stolz hinzu. Ich war immer stolz, Jude zu sein.
 
Haben Sie antisemitische Vorfälle erlebt?
 
Frenkel — Wenige. Die üblichen Sprüche wie: «Du Saujude» und so. Aber ich glaube, die Jugos in der Schweiz hattens schlimmer als wir. Wir hatten mal in der fünften Klasse Läuse, und alle sagten, das komme sicher von Paolo, was ich abscheulich fand. Ich wurde gehänselt, ja, aber das wurden andere auch: die Dummen, die Dicken oder eben Paolo, der Italiener. Ich war halt der Jude.
 
Meyer — Mir passiert es immer wieder, dass mir jemand sagt, es überrasche ihn nicht, dass ich Jude bin, wegen meiner Nase. Ich antworte dann jeweils: Hör mal, das ist ein antisemitisches Klischee, das ist Nazipropaganda. Worauf mir dann gesagt wird: Nein, das ist so, das weiss man. Das treibt mich jedes Mal in den Wahnsinn.
Sie haben sich jahrelang nicht sonderlich um Ihre jüdischen Wurzeln gekümmert, Herr Meyer. Dann erschien vor zwei Jahren Ihr Buch: «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse». Seitdem gelten Sie als jüdischer Autor, der zu jüdischen Themen Stellung bezieht. Wie fühlt sich diese Rolle an?
 
Meyer — Es hat mich auch überrascht, dass ich 37 Jahre lang völlig säkular durch die Welt lief, dann diese Idee hatte und mich derart intensiv mit dem Judentum auseinandersetzte – meinem Judentum. Es hat nichts mit Religion zu tun, es ist ein kleines, persönliches Judentum, bei dem Politik und Humor und eben auch Antisemitismus eine Rolle spielen. Und nach einem solchen Buch darf man sich auch nicht wundern, wenn einen die Welt als jüdischen Autor wahrnimmt, wobei mich diese Rolle sehr ehrt, auch sie gehört zu meinem persönlichen Judentum. Mühsam wird es erst, wenn die Leute mich mit einem offiziellen Vertreter des Judentums verwechseln und irgendwelchen Unmut bei mir kundtun.
Zum Beispiel?
 
Meyer —  Ich sass neulich im Café Sprüngli, als eine Frau auf mich zukam und sagte: «Ich habe Ihr Buch gelesen, sehr lustig, aber ich muss Ihnen was sagen: Die Juden auf der Strasse, die grüssen mich nicht und schauen mich nicht an.»
Was antworten Sie?
 
Meyer —  Ich sagte ihr, das gehe mich nichts an. Sie argumentiert halt aus Unkenntnis, wie viele andere auch. Sonst wüsste sie, dass ein frommer Jude sie nicht anschauen darf, weil es unrein ist. Aber eben, ich verstehe nicht, was die Idee ist – soll ich die Beschwerde am Freitagabend in der Synagoge vortragen und die anderen Juden zu anständigem Grüssen auffordern?
Frenkel —  Ich verstehe deine Reaktion. Und trotzdem hat die Frau nicht unrecht. Nirgends in der Thora steht, man dürfe nicht «Guten Tag» sagen. Ich kenne einen nun wirklich toleranten Kioskbetreiber in Zürich-Wiedikon, der mich mal fragte: «Herr Frenkel, ich versuche jeden und jede zu verstehen, alles kein Problem, aber: Wieso schauen mich Orthodoxe nie an, wenn sie Zigaretten kaufen?»
 
Und? Wieso schauen sie nicht?
 
Frenkel — Aus Angst.
 
Meyer — Das ist doch egal, ob sie nun grüssen oder schauen. Lasst doch diese Leute in Ruhe ein bisschen wunderlich sein.
 
Was sind die Reaktionen aus jüdischen Kreisen auf Ihre Texte, Herr Frenkel?
 
Frenkel — Der Ton ist sehr aggressiv. Fremde Menschen rufen mich an und werfen mir Schimpf und Schande an den Kopf. Einige wechseln die Strassenseite, wenn sie mich sehen. Ich werde angeschwärzt, bei den Eltern meiner Schüler, beim Rabbiner. Der Druck von ganz oben ist enorm. Und jetzt haben wir noch gar nicht von den Halb-und Nullreligiösen gesprochen, die mich noch weniger mögen.
 
Ganz oben – aber nicht von Gott, oder?
 
Frenkel — Von jüdischen Organisationen. Für manche bin ich ein rotes Tuch.
 
Was muss man schreiben, damit Juden in Zürich die Strasse wechseln?
 
Meyer — Das würde mich auch interessieren.
 
Frenkel — Lässt man bei den orthodoxen Juden für einmal alle Gebote weg und versucht, zu den Menschen vorzudringen, dann stösst man auf enormen Widerstand. Die Beschreibung von allzu Menschlichem, davor haben einige Panik.
 
Meyer — Zum Beispiel?
 
Frenkel —  Sexualität. Oder nehmen wir die Armut, die in einigen dieser Familien herrscht, die Verwahrlosung der Kinder mitten in Zürich, in einer der reichsten Städte der Welt. Mut braucht es auch, wenn man sagt, dass einem der Tod von zwei palästinensischen Kindern näher geht als der Tod israelischer Soldaten. Ich will jetzt gar nicht darüber reden, wer angefangen hat, wer zurückschoss und sich verteidigt, nein. Ich will nur mal die Trauer zulassen über den Tod dieser Kinder. Ich habe auch kleine Kinder, mir geht das sehr nahe. Für diesen Satz erhalte ich bestimmt eine Rüge, da bin ich sicher.
 
Meyer — Dem schliesse ich mich an. Es ist doch absurd, dass es Mut braucht und offenbar aufsehenerregend ist, wenn zwei Juden bedauern, dass palästinensische Kinder sterben. Mitgefühl muss neutral sein, sonst ist es kein Mitgefühl, sondern heuchlerische und selektive Betroffenheit. Als das Haus der Zunft zur Zimmerleuten in Zürich brannte, ist ein Feuerwehrmann umgekommen, Kerzen wurden hingelegt, der Schock war gross. Wenn in Dietikon ein Türke vom Gerüst fällt, interessiert das niemanden.
Sie gelten als Nestbeschmutzer, Herr Frenkel. Was treibt Sie an?
 
Frenkel — Meine Frau leidet darunter, doch ich kann nicht anders. Auch sie fragt mich immer: «Warum tust du das?»
 
Abarbeiten nennt man das.
 
Frenkel — Möglich.
 
Anonyme Anrufe, Menschen, die die Strassenseite wechseln. Wie frei sind Sie zu sagen, was Sie wollen?
 
Frenkel — Ich habe viele Jahre in einem jüdischen Altersheim als Wochenendaushilfe gearbeitet. Ich habe mit den alten Menschen gesungen, gebetet, habe versucht, sie glücklich zu machen. Jetzt, als Reaktion auf meine Artikel, darf ich dort nicht mehr arbeiten. Dabei steht das Judentum für mich für eine Spannbreite von Meinungen. Nehmen wir die 1920er-Jahre, da hat es nur so ge­sprudelt, die Stadt Berlin hat pulsiert unter jüdischem Einfluss. Literatur, Musik, Wissenschaft, aber auch das religiöse Leben. Die grossen Rabbiner dieser Zeit waren Universalgelehrte. Und heute? Heute herrscht ein Gesinnungsterror, der alles verbieten möchte. Die Orthodoxie steht an einem Wendepunkt.
 
Wie meinen Sie das?
 
Frenkel — Nehmen wir Israel. Was die Rabbiner da alles durchsetzen wollen, da bekomme ich Angst. Israel wird mehr und mehr zum Gottesstaat, die israelische Gesellschaft entzweit sich. Man sieht die Entwicklung auch hier in der Schweiz: die Orthodoxen kapseln sich ab. Wieso gibt es keine Infostände, an denen sie sich erklären? Wieso gibt es keinen Tag der offenen Türe in der Synagoge, so wie das die Moscheen machen?
 
Meyer —  Hast du das denen mal vorgeschlagen?
 
Frenkel — Wer hört schon auf mich? Ich habe das schon als Jugendlicher an der Talmudschule gefordert. Ich sass neben Ultraorthodoxen am Tisch und fragte, wieso man die Schule nicht mal öffne für die anderen Menschen. Das hatte zur Folge, dass ich den Platz wechseln musste. Wie soll das denn alles weitergehen, wenn Teile der jüdischen Gesellschaft immer religiöser werden? Ich bin doch auch religiös. Ich bete, aber ich igle mich nicht ein. Ich lebe im Jahr 2014 und halte trotzdem den Sabbat ein. Deshalb schaue ich übrigens auch immer auf die Uhr. Ist es schon sechs?
 
Halb vier.
 
Frenkel — Dann haben wir noch Zeit.
Es gibt, neben dem Antisemitismus, auch diese andere Seite, diesen etwas unbeholfenen Umgang der Nichtjuden mit Juden. Man will niemanden verletzen. Man hat Angst, etwas Falsches zu sagen, und sagt lieber nichts.
 
Meyer — Das erlebe ich oft. Die meisten haben sogar Mühe, das Wort «Jude» in den Mund zu nehmen. «Jude» allein ist offenbar schon ein schwieriges Wort.
 
Und was hören Sie stattdessen?
 
Meyer — Die meisten sagen: «Du bist doch jüüüdisch», mit langem ü. Oder: «Du hast eine jüdische Mutter.» Oder: «einen jüdischen Hintergrund.» Oft wird das Wort nicht mal ausgesprochen, als handle es sich um Krebs: «Du bist doch … also … » Und neulich sagte mir jemand: «Haben Sie eine geschichtliche Verbundenheit mit dieser Religion?» Im Grunde genommen ist diese Unsicherheit aber auch verständlich und sensibel. Man weiss, man hat es mit Beschädigten zu tun.
Es ist die Last der Geschichte. Man hat Hemmungen, Kritik zu äussern, anders als bei Muslimen, die in der Schweiz in den letzten Jahren als schwarze Schafe herhalten mussten, als Sozialhilfebezüger und Fundamentalisten. Muslimische Mädchen müssen zum Schwimmunterricht, jedes Kopftuch wird zum Politikum. Juden gegenüber ist die Gesellschaft nachsichtiger. Dabei weiss man doch, dass auch orthodoxe Juden vom Staat Sozialhilfe beziehen – für die Öffentlichkeit ist das kein Thema.
 
Frenkel — Da ist was Wahres dran: Nichtjuden getrauen sich nicht mehr zu fragen, und die religiösen Juden wissen nicht, wie antworten. Als ich noch Lehrer war, habe ich das mit den Schülern geübt. Was antwortet ihr, habe ich sie gefragt, wenn jemand auf der Strasse wissen will, warum ihr solche Sachen anzieht? Die Kinder konnten es mir auf Deutsch nicht erklären und sprachen Jiddisch oder Hebräisch. Bei den Erwachsenen ist das nicht anders. Die einzige Parallelgesellschaft, die in Zürich existiert, ist die der orthodoxen Juden. An den Schulen sieht man das deutlich: Das Niveau sinkt meiner Meinung nach rapide, es ist schlimm, und es tut mir weh, das mitanzusehen.
 
Eine Parallelgesellschaft in der Schweiz? Dem Musterland der Integration?
 
Meyer — Dass eine Parallelgesellschaft toleriert wird, nur damit die religiöse Freiheit gewährleistet ist, leuchtet mir nicht ein. Aber ich habe auch schon gehört, dass sich innerhalb der orthodoxen Gemeinde Veränderungen abzeichnen. Offenbar gibt es unter den frommen Juden viele Junge, die sich eine bessere Ausbildung wünschen, was zu Friktionen führt mit der älteren Generation, die Religion über alles stellt. Den Jüngeren reicht es an­scheinend nicht mehr, mit 25 vier Kinder zu haben, aber dafür kein Diplom.
Am 12. Juni dieses Jahres wurden drei israelische Jugendliche beim Trampen im Westjordanland entführt. Einen Mo­nat später begann die Militäroperation der Israelis, auch als Reaktion auf anhaltenden Raketenbeschuss Israels durch die Hamas. Wie haben Sie diese letzten Wochen erlebt?
 
Meyer —  Mich macht es betroffen und hilflos, dass Gewalt die einzige Sprache ist, zu der man greift. Beide Seiten, die israelische und die palästinensische, sind hasserfüllt und unversöhnlich, keiner scheint eine andere kommunikative Option zu haben. Das habe ich im «Blick» schon während des letzten Gaza-Konflikts geschrieben, worauf ich zu einem Sabbat-Essen eingeladen wurde. Zu meinem Erstaunen kam es aber nicht zu einer angeregten Diskussion, sondern einer regelrechten Gerichtsverhandlung. Einer der Anwesenden hat mir gesagt: Wenn du in so einer Situation nicht zu Israel stehen kannst, musst du schweigen. Das empfand ich als faschistoid. Wenn schon in der Diaspora dieser blanke Hass dominiert, dann ist eine friedliche Lösung unmöglich.
 
Der Hass in der Diaspora kommt vielleicht auch als Reaktion auf Facebook-Einträge, wie es sie vor ein paar Tagen gab in der Schweiz. Jemand schrieb, man solle alle Zionisten steinigen.
 
Frenkel — Der Facebook-Eintrag ist eine Katastrophe, klar. Der Junge, der so was schreibt, braucht eine Ohrfeige. Aber zu hoch halten sollte man das auch nicht. Es kommt mir so vor, als würde das alles auch medial ausgeschlachtet. Die jüdischen Organisationen rennen zu den Medien, die Medien drucken diese Kindereien – und schon haben wir noch mehr Hass.
Der Antisemitismus nimmt in Ländern wie Frankreich zu, 5000 französische Juden wollen das Land dieses Jahr verlassen, das Magazin «Newsweek» schrieb von «Exodus – Warum die europäischen Juden wieder fliehen». In Davos kam es letzte Woche zu Beschimpfungen.
 
Frenkel — Ich habs gelesen.
 
Kindereien?
 
Frenkel — Davos ist ein gutes Beispiel. Ich war neulich dort. Es gibt so viele Juden im Sommer in Davos, sie laufen herum wie in Israel. Dass es zu Problemen und von mir aus auch zu Schlägereien kommt in dieser sensiblen Zeit, ist doch klar. Wir Juden leben heute in einer goldenen Zeit in der Schweiz. Wir dürfen alles, es gibt keine Schranken mehr. Mir wurde vor ein paar Wochen ein Schrebergarten zugewiesen. Jetzt erhalten Juden auch noch Schrebergärten, das letzte Refugium, vor ein paar Jahren wäre das undenkbar gewesen. Wenn es zu Problemen kommt mit der Bevölkerung, wie in Davos, dann sollte man das nicht überbewerten. Was sollen denn die Albaner sagen, die keine Lehrstelle erhalten wegen ihres Nachnamens? Die Türken?
 
Meyer — Ich bin auch der Meinung, dass ein Facebook-Eintrag eine Harmlosigkeit ist, weil dabei kein Schaden entsteht. Andererseits sehe ich auch 3000 Jahre ununterbrochenen Judenhass und muss sagen: Ich fühle mich schlecht, wenn ich sehe, dass so viele Menschen sich legitimiert und aufgerufen fühlen, unqualifizierte Bemerkungen zu machen über Israel. Auch dass viele von den Juden sprechen, aber Israel meinen, ist grotesk.
 
Frenkel — Der Hass auf die Juden war während der Diskussion um die nachrichtenlosen Vermögen noch extremer.
 
Welche Rolle spielt der Holocaust in Ihrem Leben? Wird er vergessen oder allenfalls reduziert auf «Schindler’s List»?
 
Meyer — Das Entsetzen über den Holocaust steckt tief in mir drin und überwältigt mich immer wieder. Wobei ich den Holocaust nicht den Deutschen anlaste, sondern dem Menschen. Der Mensch ist fähig zur absoluten Entmenschlichung, das zeigt sich in seinem Umgang mit sich selbst, mit anderen, mit der Natur und den Tieren, für die wir ja auch Vernichtungslager erbaut haben, im Namen des kulinarischen Genusses und der Mode.
 
Frenkel — Ich habe «Schindler’s List» in einem kleinen Kino in Wettingen geschaut. Ich glaube, kurz vor der Pause kam diese Szene mit dem Blattschuss eines KZ-Wärters auf einen ausgemergelten Juden. Danach musste ich auf die Toilette. Da war eine lange Schlange davor, auch bei den Männern. Die Leute sahen, dass ich eine Kippa trug. Und da passierte etwas Unglaubliches: Alle Leute wichen auf die Seite, sodass ich als Erster pinkeln gehen konnte! Ich denke sehr viel an den Holocaust und komme nicht davon weg. Ich zweifle an Gott, habe Furcht vor ihm, ducke mich. Nichtjuden sind sich nicht im Ansatz bewusst, wie stark wir Juden – auch nach 70 Jahren – darunter leiden. Alles, was nach 1945 folgte, ist eine Reaktion darauf. Die Religiösen verstehen den Holocaust bis heute nicht, die Säkularen üben sich entweder in Kampfpose oder Ablenkung. Wahrscheinlich hat die Judenvernichtung einen dermassen tiefen Einschnitt bei mir und anderen Juden ausgelöst, dass das Judentum blutlos geworden ist.
 
Was ist Ihre Haltung zu Israel?
 
Meyer — Wie kann ich eine Haltung zu einem Land haben? Das ist mir zu einfach.
 
Was bedeutet es für Sie?
 
Frenkel — Die Nachbarn wollen das Land zerstören, klar, muss man militärisch vorgehen. Was mich aber mehr beschäftigt, ist der schwindende Zusammenhalt der israelischen Gesellschaft. Viele Junge ziehen weg, nach Berlin, weil es ihnen zu religiös wird im Land. Ich war dreimal in Israel, ich habe an der Klagemauer geweint. Bei der Ankunft in Tel Aviv habe ich früher den Boden geküsst, wie der Papst. Aber heute ist es mir immer fremder. Im Taxi werde ich übers Ohr gehauen. Israel ist kein jüdischer Staat mehr für mich, sondern ein Staat mit vielen Juden drin. Ich habe Angst: Wenn der Messias kommt, so steht es in der Heiligen Schrift, dann müssen wir alle nach Israel.
 
Meyer — Ist das fakultativ?
 
Frenkel — Nein, auch du musst mit.
 
Meyer — Wickelt die El Al das dann ab?
 
Frenkel — Ich bleib lieber in der Schweiz.
 
Meyer — Ich liebe Israel, und es macht mich gleichzeitig krank. Ich liebe die Kultur, das Essen, die Zugänglichkeit. Gleichzeitig empfinde ich die Siedlungspolitik und den rassistischen Umgang mit den Arabern als widerwärtig. Der Aussenminister Avigdor Lieberman ist homophob und auch sonst ein fragwürdiger Charakter, das Land ist korrupt, und was mich besonders irritiert, ist die blinde Verständigung darauf, man habe die moralischste Armee der Welt und unternehme alles, um zivile Opfer zu vermeiden. Israel ist in meinen Augen masslos brutal – und trotzdem liebe ich es. Auch mir kommen Tränen an der Klagemauer, und wenn ich in Tel Aviv lande, fühle ich mich zu Hause.
 
Frenkel — Apropos Klagemauer. Wie spät ist es?
 
Halb sechs.
 
Frenkel — Ich muss gleich los.
 
Herr Frenkel, Herr Meyer, wir sitzen nun schon den ganzen Nachmittag in diesem Restaurant. Lassen Sie uns zum Schluss ein paar dumpfe antisemitische Vorurteile an Ihnen überprüfen, einverstanden?
 
Frenkel — Schiessen Sie los.
 
Juden wollen immer geliebt werden.
 
Meyer —  Schwachsinn. Jeder Mensch will geliebt werden.
 
Frenkel — Weil ich mir als Jude meiner Exponiertheit be­wusst bin, versuche ich so wenig Abdrücke wie möglich zu hinterlassen und den Nichtjuden dadurch zu gefallen. Also: Ja.
Juden haben ein gestörtes Verhältnis zur Mutter.
 
Frenkel — Ein angespanntes.
 
Meyer — «Gestörtes» passt schon.
 
Juden sind paranoid.
 
Frenkel — Stimmt. Am Sonntagmorgen müssen meine Kinder mucksmäuschenstill sein, denn ich habe Angst davor, dass meine nichtjüdischen Nachbarn sagen: «Typisch jüdisch. Am Samstag singen und tanzen sie, und wenn wir dann am Sonntag ausschlafen wollen, sind sie immer noch laut.» Ich habe tausend solcher Ängste, ich bin durchs Judentum geschädigt.
 
Meyer — Sie sind hochgradig paranoid. Aber denkt man nur fünf Sekunden nach, weiss man auch, woher das kommt. Wer will es ihnen also verübeln?
 
Juden regieren die Welt.
 
Frenkel — Auch das stimmt.
 
Meyer —  Machst du Witze?
 
Frenkel — Nein. Es ist so.
 
Meyer — Mir wird schlecht. Schon das Wort «regieren» stört mich. Bei rund 0,2 Prozent der Weltbevölkerung sollen die Fäden zusammenlaufen, die über das Geschick des Planeten entscheiden?
 
Frenkel — Ja. Du gehörst dazu.
 
Meyer — Ich regiere die Welt mit?
 
Frenkel —  Durch deinen Erfolg und deine guten Kontakte zu den Medien hast du Macht und kannst Meinungen im «Blick» platzieren.
 
Meyer —  Macht ist für dich, wenn man von Ringier angefragt wird, eine Kolumne zu schreiben? Du willst doch nur provozieren. Ist dir langweilig?
 
Frenkel — Dann ersetzen wir «Macht» meinetwegen durch «Einfluss». Wenn jüdische Organisationen behaupten, momentan gebe es mehr antisemitische Äusserungen, kommt das auf Seite drei von «20 Minuten», der wichtigsten Seite des Blatts. Wenn vom Verband der Albaner einer sagen würde, es gibt mehr Rassismus gegen Albaner, weil sie häufiger an der Türe zur Disco abgewiesen werden, dann kräht kein Hahn danach.
 
Meyer — Das stimmt, aber es ist kein Beleg für die Weltmacht der Juden.
 
Frenkel — Doch. Wenn der Schweizerische Israelitische Ge­meindebund Jahresversammlung hält, wird ein Bundesrat eingeladen, und das Fernsehen berichtet live. Der SIG vertritt 10 000 Juden, das sind weniger als bei jedem Fussballverein.
 
Meyer — Langsam verstehe ich, warum man die Strassenseite wechselt, wenn du daherkommst. Nächstes Klischee, bitte.
 
Juden haben Sinn für Humor.
 
Frenkel — Sie haben einen gewissen Sinn für Dramatik. Deshalb gibt es so viele tolle Regisseure und sehr viele Witze. Sie wissen, wie man den Witz ansetzen muss und wo.
 
Meyer — Jüdischer Humor ist doch einfach Humor. Ich sehe den Unterschied nicht.
 
Frenkel — Und ob es einen gibt. «Seinfeld» ist noch immer unerreicht. Das ist ein sehr jüdischer Humor. Diese Ich-Bezogenheit, dieses dauernde Zweifeln an sich. Es ist eine jüdische Eigenart, über sich selber lachen zu können. Ich habe mal einen Text über meine Brüste geschrieben, ich kann gut Witze machen über mich. Nichtjuden können das nicht.
Juden haben Glatzen.
 
Frenkel — Halbglatzen.
 
Wir begannen mit der Frage, wie Sie den Sabbat in der Kindheit verbrachten. Es ist jetzt fast 18 Uhr, ein warmer Freitag im August 2014. Die Sonne geht unter. Was nun?
 
Frenkel — Ich gehe nach Hause, helfe meiner Frau mit den letzten Vorbereitungen, aufräumen, staubsaugen. Das Essen habe ich schon am Donnerstag gekocht, Fleischsuppe. Und dann hoffe ich, dass die Kinder Freude haben am Sabbat. Mir war das mal so wichtig früher, während des Segensspruchs, da wurde mein ganzer Körper durchflutet mit Wonne und Gottesnähe. Heute ist das nicht mehr so, leider, ich würde mir wünschen, dieses Gefühl würde mich wieder einmal ergreifen.
 
Herr Meyer?
 
Meyer — Ich gehe ebenfalls nach Hause und räume ebenfalls auf. Nicht weil Sabbat ist, sondern wegen der Unordnung. Ich gehe gern aufgeräumt ins Wochenende.
 
Frenkel — Wars das schon mit den Vorurteilen? Was ist mit: Juden denken immer an Sex_
 
Meyer — Juden sind gut im Bett?
 
Frenkel — Das stimmt nicht, ich bin ganz schlecht. Ich habe ständig diese Rückenprobleme. Bei Juden ist es ja üblich, dass sich das Paar zwei Wochen lang nicht berührt, weil es als unrein gilt, und da …
 
Da – was?
 
Frenkel — Ach, nichts. Ich sollte mit niemandem über unser Intimleben reden. Das mag meine Frau nicht. Sonst werden aus den zwei Wochen – zwei Jahre. •

Mevlâna Böyle Dedi

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Spät schlich ich ins Bett, verbrechergleich war ich durch den Flur gegangen, einem Seiltänzer gleich schritt ich über die Dielen ins Zimmer, nichts knarrte, nichts quietschte, auch die Bettfedern nicht, als ich mich zwischen Leintuch und Bettzeugs schob, mich so langsam in das Bett legte, als wäre ich mit Nitroglycerin gefüllt.
Trotzdem wurde meine Frau wach und murmelte aus dem weichen Bau des Bettes mit geschlossenen Augen: «Was hast du noch gemacht? Wie spät ist es?» Und ich sagte ihr: «Spät. Schlaf nur weiter.» Aber sie stützte sich nun auf und fragte erneut, worauf ich sagte: «Was ich gemacht habe, so lange? Das errätst du nie.» Aber sicher errate sie es, sagte sie, worauf ich erwiderte, ich würde eine Wette eingehen, ich würde alles verwetten, was ich besitze, sie würde niemals daraufkommen. «Aber wir sind verheiratet, was du besitzt, das gehört mir schon.» – «Hm», machte ich, «das stimmt, aber etwas wirst du nie besitzen, nämlich das Wissen, was ich zuvor gemacht habe, als du schon geschlafen hast.» Und ich beschloss, es ihr nie zu verraten. Niemals. Wie jede Nacht legte ich noch meine Armbanduhr ab, die Zeiger und Ziffern leuchteten irrsinnig hell in der Dunkelheit. Es war drei Uhr morgens.
Es gibt Momente, da sitzt man auf dem Sofa und weiss, man sollte zu Bett gehen. Das Licht des Fernsehers ist nicht gut für den Menschen, das des Computers auch nicht, denn der Körper meint, man starre in die Sonne, es sei Tag, und die Jungs und Mädchen von der Melatoninfabrik in der Zirbeldrüse im Zwischenhirn zucken bloss mit der Schulter und sehen kein Bedürfnis, die Produktion des Schlafhormons hochzufahren. Sie machen weiter Pause. So ermüdet zwar der Körper unter der Last des tagsüber Getanen, aber der Geist geistert weiter, flackernd wie die blaue Flamme eines Gartengrills, kurz bevor das Gas ausgeht.
Man sitzt also auf dem Sofa, den aufgeklappten Computer auf dem Schoss wie einen jungen Labrador, und schaut sich in der Welt um. Konfiguriert auf der Homepage von Bugatti einen Wagen in halb «Orange Infernale», halb «Orange Tibet». Man kontrolliert zum vierten Mal die Lottozahlen der Abendziehung (vielleicht hat es ja eine Korrektur gegeben). Obwohl man weiss, dass es klüger wäre, ins Bett zu gehen, noch in einem Buch zu lesen, gibt man sich den sinnlosesten Dingen hin, als wohne in einem drinnen ein renitenter Teenager, der etwas nicht tun will, bloss weil das Sinn macht, was er tun sollte. Und das alles nur, weil man zu müde ist, um ins Bett zu gehen. Ich dachte schon, ich rufe einfach die 144 an und frage, ob sie mich ins Bett bringen könnten. Und wieder einmal klebte ich einen Post-it-Zettel an meine Hirnrinde: «Digitale Ausgangssperre nach 19 Uhr einführen, gleich morgen!»
Und als ich gar nicht mehr wusste, was ich tun sollte, als mir einfach nichts mehr einfallen wollte, wo ich im Internet noch herumlungern könnte, da hörte ich mir im iTunes Store indianische Kriegstänze an, stiess so auf die Oglala Sioux Singers und durch sie über Umwege (klick, klick, klick) kam ich zu Metin Alatli.
Von Metin Alatli hatte ich in meinem Leben zuvor noch nie gehört, aber was ich hörte im halben Koma, in dem ich mich befand, war aussergewöhnlichst. Psychedelische türkische Synthesizermusik aus den 70er-Jahren, als die elektronischen Musikinstrumente aussahen wie Telefonzentralen in Schwarz-Weiss-Filmen und klangen wie Käfige voller geprügelter Vögel aus einer fernen Galaxie. Die Lieder von Metin Alatli trugen verheissungsvolle Titel wie «Beyo?lunda Gezersin» oder «Silemezler Gönlümden» oder «Mevlâna Böyle Dedi» und sie tönten, als hätte mir jemand eine kräftige Portion C20H25N3O in den Abendtee gemischt.
Es war etwas, was ich im Leben zuvor noch nie gehört hatte, was mich mit einer gewissen Zufriedenheit erfüllte, die mir die Energie gab, mich vom Sofa zu erheben und endlich ins Bett zu gehen. Und niemals würde meine Frau herausfinden, was ich getan hatte in dieser Nacht. Dass ich den wundersamen Klängen von Metin Alatlis synthetischen Zaubermaschinen gelauscht hatte.
Es tut gut, ein Geheimnis zu haben und mit ihm ins Bett zu gehen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht entglitt ich der wachen Welt.

Wenn von «Jüdischen Kreisen» die Rede ist

Gerigate hat sich von einer albernen Provinzposse zum gravierenden Politskandal ausgewachsen. Dass in der Schweizer Politik mit immer härteren Bandagen gekämpft wird, ist keine neue Erkenntnis. Dass nun aber ein Bündel Indizien den Verdacht nährt, politische Gegner Geri Müllers ver­suchten den Ruf des Stadtammanns und Nationalrats mit zugetragenen, privaten Nacktfotos zu zerstören, ist eine neue Eskalationsstufe der Ruchlosigkeit.
Wer es als wünschenswert erachtet, dass politische Auseinandersetzungen von bigotten Boulevardjournalisten und windigen Spin-Doktoren beherrscht werden, der darf erfreut sein über Müllers Sturz. Wer glaubt, dass politische Konflikte in öffentlichen Debatten und mit offenem Visier aus­zufechten sind, der kann nur hoffen, dass nicht nur die Zielperson, sondern auch die Initiatoren von Gerigate einen vernichtenden Reputationsverlust erleiden.
Ich habe nicht das geringste Verständnis für Geri Müllers Hamas-Sympathien. Selbst Sacha Wigdorovits attestierte dem «Magazin» in einem Vortrag vor der Handelskammer Schweiz-Israel eine «immer wieder proisraelische» Berichterstattung. Es geht hier nicht um die Frage, wer sich wie positioniert bezüglich des Nahostkonflikts. Es geht um die Frage, ob Minimalstandards der Fairness im Medien- und Politiksystem unseres Landes gewahrt bleiben.
Die Sonntagspresse hat weitere Informationen darüber geliefert, welche Rolle Sacha Wigdorovits und Josef Bollag gespielt haben in der zwielichtigen Angelegenheit. Doch vieles bleibt ungeklärt. So schafft es Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Sonntag» und Enthüller der Geri-Story, in einer langatmigen Selbstrechtfertigung und einer Zusammenfassung der Affäre kein Wort darüber zu verlieren, welche Informationen ihm PR-Mann Wigdorovits tatsächlich zugespielt hat. Wäre es nicht die Basisleistung seriöser Publizistik, relevante Informationen offenzulegen? Besonders in eigener Sache?
In einem Punkt hat Patrik Müller allerdings recht: Es ist höchst irritierend, dass der Schweizer Blätterwald nun widerhallt von Theorien über die Intrigen «jüdischer Kreise». Einige Publikationen vergreifen sich im Ton. Es gibt keine Intrigen «jüdischer Kreise». Es gibt einen sehr unappetitlichen Skandal, in den die Juden Sacha Wigdorovits und Josef Bollag verwickelt sind. Beide sind im übrigen durch aktives Pro-Israel-Lobbying, das sie über ihre Stiftung Audiatur betreiben, in der Öffentlichkeit präsent. Doch weder Bollag noch Wigdorovits können den Anspruch erheben, das Schweizer Judentum zu vertreten.
Bei Wigdorovits, der als PR-Experte fürs Unzimperliche landläufig bekannt ist und nie ein repräsentatives Amt innehatte, erscheint das selbstevident. Bollag hingegen ist zwar Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Baden, doch diese distanziert sich in einem scharfen Communiqué von der «politischen Auseinandersetzung zwischen Dr. Bollag und Herrn Stadtammann Müller».
Bollag hatte ausserdem bis 2008 das Amt des Vizepräsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes inne. Mehrere Quellen bestätigen, dass er 2008 gern zum Präsidenten des SIG gewählt worden wäre, dass er aber auf starke Ablehnung stiess und stattdessen aus der Geschäftsleitung ausschied. Einer der Gründe, weshalb Bollag das Vertrauen des SIG verlor, lag darin, dass er verantwortlich war für die Aktivitäten von «Media Watch», einer Lobbying-Gruppe, die mit nichttransparenten Undercover-Methoden Ein­fluss nehmen wollte auf die Israel-Berichterstattung in der Schweiz. Der SIG betrachtet Öffentlichkeitsarbeit zugunsten Israels selbstverständlich als eine seiner Aufgaben, aber verdeckte Operationen und James-Bond-Methoden lehnt er ab. Die jüdische Wochenzeitung «Tachles» beschrieb die SIG-Vizepräsidentschaft Bollags als eine «Ära der Flops, des Misstrauens, intransparenter Verbandsarbeit und ethisch fragwürdiger Agitation in einer Mentalität von Angst und Paranoia». Bollag ist immer wieder juristisch gegen «Tachles» vorgegangen, auch gegen diese Passage, konnte jedoch nie einen Prozess gewinnen. Er ist nicht der Repräsentant einer «jüdischen Verschwörung». Ganz im Gegenteil: Das Schweizer Judentum hat Bollag aufgrund seiner Neigung zu kon­spirativen Methoden schon vor Jahren die Repräsentationsfunktionen entzogen.
Bollag und Wigdorovits erscheinen im Grunde als tragische Figuren. Ihren Eifer für die jüdische Sache kann niemand infrage stellen. Doch ihre Verstrickung in Gerigate könnte das Schweizer Judentum schwerer schädigen, als es ein antizionistischer grüner Stadtammann und Nationalrat in seinem Leben je vermocht hätte.

Das Heu in der Suppe

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Es wird Heu gemacht in diesen Tagen. Über den Wiesen liegt würziger, zupackender Sommergeruch. Die Traktoren rasen mit Anhängern, auf denen sich getrocknetes Heu türmt, über schmale Feldwege. Jetzt muss es schnell gehen mit dem Einbringen des gerade getrockneten Grases. Bald wird es regnen, und es ist noch viel Stoff draussen auf den Wiesen.

Während die Bauern hyperventilieren, blähen wir, vielleicht mit einem Rucksack in derselben Landschaft unterwegs, geniesserisch die Nasenflügel: Gibts einen Geruch, der dem von an der Sonne getrocknetem Heu gleichkommt? Der Duft enthält alles: das Motiv der Verwandlung, wie ein Natur- zu einem Kulturgut wird; die permanente Überraschung, wenn die unzähligen Kräuter ihre ätherischen Öle an den Augenblick verschenken, in dem wir sie wahrnehmen können; Johanniskraut, Oregano, wilde Minze und viele andere, die wir ohne das «Grosse Pflanzenbestimmungsbuch» nicht richtig benennen könnten. Grossen Anteil an der Würze des Geruchs hat übrigens das etwas rätselhafte Kumarin, ein aromatischer, sekundärer Pflanzenstoff, der bei der Heutrocknung eine Hauptrolle spielt.

Wie kompliziert es ist, Gras in Heu zu verwandeln, spiegelt sich im Hyperventilieren der Bauern. Mindestens 80 Prozent der Biomasse müssen trocken sein, damit das Heu als solches gelten kann und die Ernte von den Wiesen konserviert. Es ist kein Zufall, dass die komplizierten, vielschichtigen Arbeitsgänge, die dafür notwendig sind, viele Produzenten abschrecken. Die Maschinen, die Heuballen aufnehmen und gleichzeitig in Plastikfolien verpacken, sind populär. Die Siloballen haben freilich mit dem getrockneten Heu nicht viel gemeinsam: In ihrem Inneren gärt es, und es ist der Milch (und allen Folgeprodukten) anzuschmecken, ob Kühe mit getrocknetem Heu oder mit Siloheu gefüttert werden. Die Fermentierung des gemähten Grases spiegelt sich eins zu eins in der Milch; ich kann nur empfehlen, Milch und Käse von Kühen, die mit getrocknetem Heu gefüttert werden, jedem anderen Produkt vorzuziehen – entschuldigen Sie bitte die Abschweifung.

Ich wollte nur vom Geruch des Heus schwärmen, und es dauerte – bis es mich ins Entlebuch verschlug –, dass ich auf die Idee gekommen wäre, dass dieser Geruch auch in ein Gericht, also in handfestes Essen, zu übertragen sein müsste: Auf der Karte des Rössli in Escholzmatt steht ein Gericht namens «Heusuppe» – und diese Suppe hat die Ambition, jenes erstaunte, optimistische Grundgefühl, das uns überkommt, wenn wir in eine Wolke frischen Heugeruchs geraten, augenblicklich wiederherzustellen.

Die erste grosse Überraschung: Es gelingt ohne Abstrich. Zweite grosse Überraschung: Die Sensation ist kinderleicht selbst herzustellen (wobei «kinderleicht» nicht unbedingt für das Gericht selbst gilt, aber ich will nicht vorgreifen). Stefan Wiesner, der Wirt im Rössli, stellt aus bestem Sommerheu und dazu kongruenten, getrockneten Kräutern eine klein gehäckselte Mischung her, die anschliessend wie der Inhalt eines Teebeutels verwendet wird. Hier das Rezept:


Zutaten: 1,5 l Rahm, 0,5 l Kalbs- oder Geflügelfond, 0,15 l Schaumwein, 17 g Heu- und Kräutermischung.

Rahm und Fond werden zusammen aufgekocht, anschliessend kommt das Heu in die Suppe – wie Tee ins Wasser. Vier Minuten ziehen lassen, dann sofort durch ein feines Sieb abgiessen. Kurz vor dem Servieren den Schaumwein zu­­geben und noch einmal kurz aufkochen. Mit Salz und Pfeffer würzen.


Wiesners Kräutermischung ist über www.stefanwiesner.ch zu bestellen; man kann die Mischung aber auch jederzeit selbst aus frischem Heu zubereiten, sofern es von unbehandelten Biowiesen stammt. Der Effekt ist erstaunlich. Der Sommer ist da. Und bleibt. Und bleibt.

 

Illustration: Alexandra Klobouk

Der Volkspädagoge

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Kaum ein Linker findet so viel Resonanz in der Bevölkerung wie Rudolf Strahm.

Nur in seiner eigenen Partei ist er unbeliebt. Warum?


Text  MARTIN BEGLINGER
Bild  ANDRI POL
Über Privates spricht er ungern, und auch der Hausbesuch eines Journalisten ist ihm zunächst nicht geheuer. «Aber i wott de ke Homestory!» Das wäre auch nicht sehr ­ergiebig. Sein kleines Reihenhaus in der Berner Vorortsgemeinde Herrenschwanden ist rasch beschrieben. Aussen von üppigem Grün überwuchert, innen bis unters Dach mit Papier gefüllt – Bücher, Ordner, Mappen, alles sorgsam geordnet und beschriftet. Nun stehen noch ein Spielzelt im Wohnzimmer und ein Kinderbett im Büro, seit er «Nonno» ist und einmal pro Woche seine Enkelin hütet.

«Ich bin jetzt Veteran», kokettiert Rudolf Strahm, der frühere SP-Nationalrat und Preisüberwacher. Sein Haar ist schlohweiss, aber mit seinen 71 ist er drahtig wie mit 31 und packt jeden Tag, als wärs sein letzter. Um neun hat er die tägliche Joggingrunde im nahen Wäldchen längst abgespult. Zudem geht er wahlweise schwimmen, wandern, tauchen, im Herbst in die Wüste, im Winter aufs Eis und einmal pro Monat – wer würde das vermuten – auf den Tanz (früher Afro, heute Oldies aus den Sixties).

Doch in den letzten Monaten war wenig Zeit dazu. Er musste schreiben, sein neues Buch zu Ende bringen, unbedingt! Es heisst «Die Akademisierungsfalle» *, ein Herzensthema, aber das sind ohnehin alle seine zwölf Bücher – wie auch jede einzelne Kolumne, die er für den «Tages-Anzeiger» und den «Bund» schreibt.

 

Hundert Auftritte – pro Jahr
Und das ist längst nicht alles: Der Mann hält Vorlesungen an den Universitäten Bern und Freiburg, er gibt Weiterbildungskurse an Schulen, alles in allem ist er gegen hundertmal pro Jahr im Land unterwegs, um Leute aufzuklären, sie mit Zahlen, Grafiken, Argumenten von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen.

Wer all dies auf sich nimmt, muss ziemlich getrieben sein, ein Missionar gar. Rudolf Strahm bevorzugt einen andern Begriff. Er versteht sich als Aufklärer, als «Volkspädagogen», wie er sich selber einmal nannte. Das heisst zunächst: Fakten vor Ideologie. Und es heisst nicht zuletzt: «Kein akademisches Geschwurbel. Ich will verstanden werden.»

Das wird er, oben wie unten. Seine direkte, kraftvolle Sprache kommt an. Strahm wird gehört wie kaum ein anderer politischer Kolumnist in der Schweiz. Er diskutiert im kleinsten Kreis mit Bundesrätinnen, er trifft regelmässig Regierungsräte, Chefbeamte und manchmal auch Grossbankpräsidenten zum vertraulichen Gespräch. Zugleich erhält er Aberhunderte von Mails und Briefen, und Tausende liken seine Kolumnen auf den Onlineforen.

Nur die Exponenten seiner eigenen Partei mögen ihn gar nicht. Entweder sie schweigen, oder sie schimpfen. Präsident Christian Levrat stellt sich taub, wenn der Oberlehrer Strahm sich meldet, andere weichen aus. Es gibt beinah schon einen Anti-Strahm-Re­flex in der Partei, und man könnte den Rest dieses Artikels problemlos mit den Krächen füllen, die Strahm früher mit Peter Bodenmann ausfocht und später mit der machtbewussten Susanne Leuten­egger Oberholzer, genannt SLO, die fraktionsintern noch schärfer austeilt als früher Bodenmann, ihr langjähriger Buddy in Bern. «Peterli, du abgschlag­ne Lügner!» – «Rüedu, du hüere Protestant!» Und SLO sagte es einmal so (in der «Tageswoche»): «Gegner wie Strahm waren ein totaler Ansporn, mich zu behaupten.» So tönte das unter Parteifreunden, es waren Jahre der Führungs- und Richtungskämpfe, Jahre voller Gift und Galle.

Ausserhalb seiner Partei mochte er noch so gut ankommen, innerhalb hatte er nie grosse Karrierechancen, weder als Fraktionschef noch als Regierungsrat. «Zu wenig linke Rhetorik», meint er.

Doch es ist nicht nur das. Es geht auch um Inhalte. Die Parteilinke lastet Rudolf Strahm eine entscheidende Mitschuld an zwei historischen Niederlagen an. Die erste war die EWR-Abstimmung 1992, die «Blochers halblinker Schneepflug» (Bodenmann) mit seiner EWR-skeptischen Analyse «Europa-Entscheid» zu Fall gebracht habe. Mit diesem Buch, sensationelle 40 000 Mal verkauft, konnte Strahm sein Reihenhaus abzahlen, aber es kostete ihn sämtliche Sympathien der linken EU-Befürworter.

Die zweite Abstimmung war jene vom 9. Februar 2014 über die Masseneinwanderung. Strahm schrieb eine einzige Kolumne dazu und gab ein Interview, worin er sich zwar nicht direkt zu einem Ja bekannte («das hätte ich Blocher nicht gegönnt»), aber er lieferte seine linken Argumente gegen einen «völlig liberalisierten Personenverkehr». Das Wesentlichste: Der Bundesrat unternehme nichts, um die realen Sorgen der Bevölkerung wegen der starken Zuwanderung zu entschärfen.

 

Die Hinrichtung
Nun gab es kein Halten mehr gegen den «Emmentaler Täuferbuben». Ein einziger «Blocher’scher Erguss!» sei das, «SVP-Politik mit allen Ressentiments!», «Rassistisch!», giftete die Chefredaktorin der Ge­werkschaftszeitung «Work» gegen ­Strahm, der früher selber einmal Gewerkschaftsfunktionäre ausgebildet hatte. Strahm war gekränkt wie selten und wähnte sich in einem politischen Schauprozess – eine journalistische Hinrichtung zwecks Abschreckung von Gleichgesinnten. Es war nur ein halber Trost, dass seine Mailbox gleichzeitig mit Glückwünschen und Durchhalteparolen überquoll und ihm ein Unia-Funktionär hinterher gestand: «Die Hälfte meiner Leute hat Ja gestimmt.»

Diese Attacken zeigen vor allem eines: Dem Veteranen Strahm wird offensichtlich ein Einfluss zugeschrieben wie kaum einem amtierenden SP-Parlamentarier.

«Ich werde überschätzt», sagt Strahm dazu. Aber man merkt sofort, dass er das selber nicht glaubt, so zögerlich sagt er es. Er weiss sehr wohl um seine Wirkung. «Wenn ich ins Volk rufe, dann glaubt man mir mehr als Levrat!», hielt er anderen Genossen auch schon in heiligem Zorn entgegen.

Klar, umpolen kann er niemanden. So schrieb er sich zum Beispiel die Finger wund für die Mindestlohninitiative – völlig chancenlos. Aber er kann Meinungen verstärken. «Das dachte ich schon lange, endlich schreibts mal einer»: Diese Reaktion hört er oft, vor allem aus dem traditionell sozialdemokratischen und dem moderat bürgerlichen Publikum, und dieses spielt an der Urne oft eine entscheidende Rolle.

Jetzt also das neue Buch: «Die Akademisierungsfalle». Es ist ein Lob auf die Berufsbildung, auf den ersten Blick nicht grad ein Aufregerthema, doch in den 230 Seiten steckt Zunder. Er ahnt, dass allein schon der Titel neuen Zoff absetzen dürfte. Es wäre nicht das erste Mal, auch unter echten und nicht nur unter Parteifreunden.

Einige von ihnen, die er jeden Dienstag zum Nachtessen trifft, darunter Akademiker aus dem Bildungsbereich, waren schon 2011 stinksauer, als Strahm im «Magazin» das Buch «Handwerk» des Soziologen Richard Sennett lobte. Endlich hatte mal ein hoch respektierter In­­tellektueller die praktische Intelligenz der Handarbeiter gepriesen und den aka­demischen Bildungskatechismus infrage gestellt. Strahm schrieb: «Unsere Bildungspolitiker, die sich in ihrer Hilf­losigkeit immer mehr auf standardisierte IQ-Tests, Pisa-Ratings und Befragungsraster berufen, stehen nach diesem Buch mit verkürztem Kopf in der Landschaft.»

Seither ist dieses Thema in Strahms Dienstagsclub tabu. Dem Frieden zuliebe.

Dabei hasst Strahm weder Akademiker noch Intellektuelle. Er, der studierte Nationalökonom, ist ja selber einer, sein Sohn ist Informatiker. Strahm ärgert sich nur über die «geistig schmalbrüstige Mainstream-Erziehungswissenschaft», die lange so tat, als sei die Matura alles und eine Berufslehre fast nichts.

 

Langsam dämmerts
Neu ist seine Haltung keineswegs, er weibelt seit zwanzig Jahren für die berufliche Aus- und Weiterbildung. Neu ist nur, dass er seit der Finanzkrise nicht mehr so allein mit dieser Ansicht steht. In den Schweizer Medien erhält er mittlerweile breiten Raum für seine Thesen, und selbst in der OECD dämmert es langsam einigen, dass italienische Maturaquoten von 75 Prozent womöglich nicht der Weg ins Paradies sind, sondern in eine Jugendarbeitslosigkeit von 40 Prozent führen. Wie in Frankreich, Spanien, Griechenland oder Grossbritannien. Offensichtlich produzieren diese Bildungssysteme an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbei, die brutale Zeche bezahlt Europas arbeitslose Jugend.

Statistik um Statistik belegt Strahm, wie die Länder mit einem dualen Berufsbildungssystem wirtschaftlich durchwegs besser abschneiden als jene ohne. Das sind, nebst der Schweiz, vor allem Deutschland und Österreich, teils auch die Niederlande und Dänemark. Alle diese Länder haben markant weniger junge Arbeitslose. Kein Zufall also, dass auch Präsident Obama 2013 das deutsche Berufsbildungssystem zum Vorbild für die USA ausrief.

In fast jedem dieser internationalen Vergleiche liegt die Schweiz vorne, der Bund hat 2014 zum offiziellen Jahr der Berufsbildung erklärt, und Strahm selber erklärt die Schweizer Kombination von betrieblicher Berufsausbildung und staatlicher Berufsfachschule mittlerweile gar im chinesischen Fernsehen.

Er könnte also gelassen sein. Ist er aber nicht.

Rudolf Strahm fürchtet, auch die Schweiz könnte in die Akademisierungsfalle geraten. Die Matura ist begehrt wie nie, die Geisteswissenschaften sind überlaufen, während es an Ärzten, Ingenieuren und Pflegepersonal fehlt, welche die Schweiz aus dem Ausland holt. Strahms Dauermahnung: «Der Fachkräftemangel ist hausgemacht!»

Seine eigene Partei sieht er bereits mitten in der Akademisierungsfalle. Ihre Sprache, ihre Themen – «alles zu elitär» für Strahm. «Das ist nicht böser Wille, sie kennen es nur nicht anders.» Schon als Nationalrat klagte er, dass die wenigsten Parlamentarier eine Ahnung von der Berufsbildung hätten, ganz besonders in seiner eigenen Fraktion. Wie denn auch, wenn die meisten an der Uni studiert haben? «Sehr viele Exponenten der SP-Fraktion sind nach dem Studium mehr oder weniger direkt Berufspolitiker geworden. Die eigene Erfahrung in einem Betrieb fehlt.»

Die Welt der Lehrlinge, ob in der Industrie oder bei den Dienstleistern, interessierte Strahms Fraktionskollegen nie wirklich. Denn es ist meistens die Welt der KMU, der Gewerbler, und dieses Milieu riecht für viele Linke schwer nach – SVP. «Mit der Berufslehre produzieren wir SVP-Wähler», sagte eine welsche SP-Nationalrätin einmal zu Strahm. Deutlicher ist das Ressentiment nicht zu formulieren.

Nicht, dass er selber ein vorbehalt­loser Freund aller Gewerbler wäre, die er weiss Gott kennt von all seinen Referaten und Streitereien in seiner Rolle als Preisüberwacher. «Elende Blockierer» seien sie, «jaaaa, und manchmal ganz unmögliche Typen», die von staatlichen Mindestlöhnen und mehr Arbeitnehmerschutz, wie Strahm sie will, meist null und nichts halten.

Aber deshalb hält er nicht gleich jeden Lehrmeister für einen Rassisten, wenn der mal einen «Jugo» im Betrieb zusammenstaucht. Und vor allem «sind die Gewerbler nun mal die Träger dieses Berufsbildungssystems, und sie haben auch schon manch unmöglichen Kerl als Lehrling eingestellt». Gewerbler, sagt Strahm, seien immer wieder «erstaunlich gute Hosensackpsychologen, die 15-jährige Schnösel einstellen, welche nur Probleme mit den Eltern, der Freundin und dem Töffli haben. Doch am Ende der Lehre sind zuverlässige junge Fachmänner mit guten Perspektiven aus ihnen geworden.»

 

Die kulturelle Kluft
Die Akademisierungsfalle ist das eine. Für Strahm steckt aber noch weit mehr dahinter, nämlich eine «kulturelle Kluft». Damit meint er einen tiefen – und wachsenden – Graben zwischen akademischer Bildungselite und breiter Bevölkerung. Hier liegt womöglich der grösste Zunder in seinem Buch begraben. Er schreibt: «Der Bildungsdünkel der universitären Elite (in der auch ich mich beruflich und als Dozent bewege) ist kulturell ein Kampf um Deutungshoheit und Herrschaft. Universitäre Forschung, akademische Titel, wechselseitige Zitationen, Schwurbelstile und Geringschätzung gegenüber allem, was nicht zur Bildungselite gehört, sind letztlich Herrschaftsinstrumente.»

Für eine Akademiker- und vor allem eine Geisteswissenschaftlerpartei, wie es die SP mehr als jede andere Partei ist, wirken solche Sätze wie eine Stinkbombe von rechts, auch wenn Begriffe wie «Deutungshoheit» und «Herrschaftsinstrument» aus dem Denkmuster von links stammen.

Jüngere und akademisch gebildete Linke, hat Strahm die Erfahrung gemacht, «verstehen gar nicht, wovon ich hier rede». Und das ist genau das Problem: «Die Bildungselite, die es gut meint, realisiert nicht, dass sie mit ihrer hochgestochenen Sprache in der Bevölkerung nicht ankommt.» Diese «Entfremdung» erinnert ihn an die Berner Aristokratie des 19. Jahrhunderts. «Die glaubten auch, sie wollten nur das Beste für das Volk. Und merkten nicht, dass sie sich immer mehr von ihm entfernten.»

Der Abgrund offenbart sich für Strahm in Bildungsfragen wie dem Lehrplan 21 oder dem Fremdsprachenstreit, ebenso in den Debatten über Europa und Ausländer, ja «überall dort, wo es um Wert- und Weltanschauungsfragen geht». Die Kluft spaltet das Land, seine Partei, ja Strahms eigenen Freundeskreis.

Aber der Veteran mag jetzt keine grossen Rücksichten mehr nehmen. Wenn der Club Helvétique – darunter auch mehrere seiner linken Freunde – jene 51 Prozent der Stimmenden tel quel als «Scheuklappenschweizer» abserviert, die Ja zur Masseneinwanderungsinitiative gesagt haben, dann packt Strahm die Wut über dieses «elitäre Manifest»: «Das sind nicht alles Abschottungsbürger!»

Er fürchtet nur, dass er auch diesmal nicht verstanden wird, sondern gleich mitschubladisiert als «Scheuklappenschweizer». Als verkappter Blocherianer.

Das ist die zweite grosse Falle, vor der er seit langem warnt: «die Blocherfalle». In einer Kolumne schrieb er, der Blochers Abwahl für richtig hielt: «Zu mindestens 50 Prozent haben sich die Linken und die Bürgerlich-Liberalen den blocherschen Machtzuwachs selber zuzuschreiben! Weil sie vorhandene Probleme des Landes immer so lange verdrängten, bis es nicht mehr anders ging und Blocher das Terrain schon besetzt hatte.»

Sehr ähnlich sieht das Helmut Hubacher, der selber eben ein Buch über den Umgang mit Blocher ** geschrieben hat.

Nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative entdeckte Strahm in der Vox-Analyse den Beleg dafür, was er bereits von vielen Berufsberatern gehört hatte: dass die 50- bis 58-jährigen Schweizer mit mittleren Qualifikationen zunehmend schlechte Jobchancen gegenüber Jungakademikern aus dem Ausland haben. Die Folge davon: Überdurchschnittlich viele lehnen den freien Personenverkehr ab.

Wieder eine Kolumne, auf die er mehr als hundert Mails erhielt, die allermeisten zustimmend, auch ein paar ablehnende von Politologen, und er fragt sich, warum denn nicht seine Partei solche Fragen zum Thema macht. Die Antwort: weil sie in der Blocherfalle steckt.

Wie der Volkspädagoge Rudolf Strahm derart zwischen alle parteipolitischen Stühle geraten konnte – seiner SP zu rechts, der SVP zu links, der FDP zu etatistisch und der CVP zu protestantisch –, ist nur durch seine Herkunft zu erklären. Eben, der «Täuferbub aus dem Emmental». Sein Vater war Mitglied einer Freikirche, Primarlehrer und Chorleiter, die Mutter stammte aus einer Kleinbauernfamilie. Ruedi, ältestes von fünf Kindern, im Kriegsjahr 1943 in diese gotthelfsche Arbeit-Fleiss-und-Glaube-Welt hineingeboren, machte 1959 eine Chemielaborantenlehre im fernen Basel. Danach studierte er Chemie am Technikum Burgdorf und ging 1966 wieder zu Geigy nach Basel. Dort erklärte ihm der Personalchef, der spätere FDP-Nationalrat Paul Wyss, wer bei ihnen etwas werden wolle, müsse zusätzlich Betriebswirtschaft studieren und Offizier werden.

 

Der Student Strahm
Also wurde der junge Strahm Offizier und begann mit 25 Wirtschaft an der Uni Bern zu studieren. Volkswirtschaft. Doch an seinem ersten Studientag wurde gleich gestreikt, es war Mai 1968, die Studenten gingen für Studienreformen und Ho Chi Minh auf die Strasse.Und mittendrin der Rüedu, Täufersohn, Chemiker und Offizier – jene Mischung, aus der einer der sonderbarsten Schweizer Achtundsechziger entstehen sollte: ein linker Patriot, ein säkularisierter Protestant mit starkem Gerechtigkeitsempfinden.

Strahm habe sich zwar von seinem christlich-kleinbürgerlich-konservativen Milieu emanzipiert, schreibt sein Freund Peter Hablützel (der frühere Chef des Eidgenössischen Personalamtes) in einem Essay ***, aber ohne eine nachhaltige Aversion dagegen zu entwickeln. Nicht einmal gegen die Kirche. Er ist zwar längst «areligiös», aber ausgetreten ist er nie. Als einer der ersten Schweizer Linken hat er sich mit kirchlichen Hilfswerken wie Fastenopfer und Brot für Brüder in der Entwicklungshilfe engagiert und später die ersten Drittweltläden gegründet («Jute statt Plastik»).

Strahm sieht durchaus eine Verbindung zwischen den Emmentaler Täufern und den Achtundsechzigern: die Aufmüpfigkeit gegen die Obrigkeit, ob gegen die hohen Herren von Bern oder gegen die Amerikaner. Oder gegen die Übermacht der grossen Wirtschaftskonzerne.

Von Parolen wie «Überwindung des Kapitalismus» hält er zwar nichts und von einem bedingungslosen Grundeinkommen auch nicht viel – er ist einfach zu bodennah für solche «Träumereien». Wohl aber trat er früh gegen die wirtschaftliche Übermacht der Konzerne an. Gegen Nestlé (unterstützt vom jungen Zürcher Anwalt Moritz Leuenberger) oder gegen die Banken («noch vor Jean Ziegler»). 1970 schrieb er seinen ersten Artikel gegen Kapitalflucht, 1976 arbeitete er an Zieglers erstem fulminantem Buch mit, «Une Suisse au-dessous de tout soupçon», und 1978 holte ihn Helmut Hubacher als Zentralsekretär in die SP, wo er als Erstes Unterschriften für die Bankeninitiative zu sammeln begann.

Hubacher ist der einzige Ex-Präsident, mit dem er sich meistens gut verstand (sie waren soeben gemeinsam an den Thunerseespielen), und Jean Ziegler ist noch heute so von ihm angetan, dass er im gleichen Gewerkschaftsblatt, das Strahm eben noch journalistisch massakriert hatte, vorschlug: «Enteignet die Grossbanken! Rudolf Strahm als UBS-Präsident!» Der Unterschied zwischen Strahm und Ziegler ist nur, dass Strahm von CS-Präsident Urs Rohner innerhalb eines Tages zum Gespräch nach Zürich eingeladen wird, nachdem er öffentlich dessen Rücktritt verlangt hat.

Rudolf Strahm hat drei grosse Vorteile nach vierzig Jahren im politischen Geschäft: Er kennt seine Dossiers, er beherrscht die Mechanik der Macht, und er kennt das Personal. Doch Letzteres wechselt rasch, vor allem im Parlament, und dort ist niemand scharf auf ruhelose und rechthaberische Veteranen, die ihnen vor dem Licht stehen. Im Gegenteil: Liegt Strahm einem Nationalrat wegen der Berufsbildung oder sonst was in den Ohren, dann kann sein Furor rasch kontraproduktiv werden («Nid scho wieder dää . . .»).

 

Mit der Macht per Du
Sein Trumpf bleibt seine breite Resonanz in der Bevölkerung, und der öffnet ihm weiterhin fast jede Tür für Hintergrundgespräche mit bestinformierten Beamten und Chefbeamten. Strahm hat nicht nur eine klare Meinung, er recherchiert auch, bevor er öffentlich meint.

Mit allen amtierenden Bundesräten ist er per Du, ausser mit Frau Widmer-Schlumpf. Den Hannes (Schneider-Ammann) kennt er seit langem aus dem Nationalrat, doch das hindert ihn nicht, den Wirtschafts- und Bildungsminister am schärfsten von allen zu kritisieren.

Alain Berset, der altersmässig Strahms Sohn sein könnte, kennt er kaum, umso besser hingegen Simonetta (Sommaruga). Mittlerweile hat er es aufgegeben, seine Rolle als ihr Einflüsterer jedes Mal dementieren zu wollen. Es stimmt ja. Wobei er nicht einflüstert, was nach Fernsteuerung riecht, aber «alle paar Monate» intensiv mit der Justizministerin die grossen Themen «z Bode redt», manchmal auch einen ganzen Abend bei ihr zu Hause. «Als Veteran bin ich frei», sagt Strahm. Er könne ihr ungefiltert sagen, was er denke und sie vielleicht sonst nicht höre, auch weil er kein Pöstchen von ihr begehre.

 

Unglaublicher Hass
Im Nationalrat sassen die beiden hintereinander, und Strahm bekam aus nächster Nähe mit, wie Sommaruga vom linken Fraktionsflügel um Andrea Hämmerle, Pierre-Yves Maillard oder Franco Cavalli geschnitten wurde, nachdem sie mit drei Co-Autoren im Jahr 2001 das nachmals berüchtigte Gurten-Manifest publiziert hatte. «Die SP akzeptiert eine Begrenzung der Zuwanderung», stand zum Beispiel drin, und allein dieser Satz reichte, um das «Gurken-Manifest» zu schreddern.

«Da war ein unglaublicher Hass», erinnert sich Strahm, der oft als Mitautor genannt wird. Das ist er nicht, doch er distanzierte sich auch nie davon, obwohl er fand, so gehe es tatsächlich nicht. «Im ganzen Manifest stand kein einziger Satz zur sozialen Frage und zum Thema Gerechtigkeit. Das ist inakzeptabel für eine Partei wie die SP.» 2005 schrieben Strahm und Sommaruga gemeinsam ein Buch, eine Art erweitertes Gurten-Manifest, einen «praktischen Reformplan für eine moderne Schweiz», von dem er unterdessen schon einiges umgesetzt sieht, insbesondere bei der Integrationspolitik, die der Justiz­ministerin obliegt.

Integration, sagt Strahm, hat entscheidend mit Sprache und Ausbildung zu tun, und damit ist er wieder bei seinem Buch, das die Berufsbildung als zentralen Integrationsfaktor schildert – nicht nur für bildungsferne Einwanderer, sondern für alle Leute mit hohem Armutsrisiko. «Prävention und Bekämpfung von Armut heisst berufliche Ausbildung und Arbeitsmarktintegration», sagt Strahm. Also nicht Sozialpolitik. Er weiss natürlich, dass er damit «die Sozialarbeitsszene provoziert», zumal er von den Sozialarbeitern («Völlig falsch ausgebildet!») verlangt, dass sie sich mehr an den Berufsberatern orientieren, deren oberstes Ziel die Eingliederung in den Arbeitsmarkt ist.

Zu jenem Thema hingegen, das ihn am meisten umtreibt, schweigt der Volkspädagoge bis auf Weiteres: Europa. Der 9. Februar sei noch lange nicht verdaut, aber auch er ist ratlos nach der Niederlage, die er dem Bundesrat ausdrücklich an den Hals gewünscht hat (zum Ärger von Simonetta).

Ja, er lag falsch, als er der EU 1992 fehlendes ökologisches Bewusstsein vorwarf. Sie ist heute weit grüner, als er damals dachte, gesteht er selber ein. Doch seine Grundskepsis ist geblieben. Das grosse Friedensprojekt, das die EU einmal war, vermag Strahm immer weniger zu erkennen, dafür immer deutlicher ihr «neoliberales Deregulierungsprogramm».

Man dürfe nicht wegen jedes Hüstelns eines EU-Funktionärs hyperventilieren, müsse sich alle Optionen offenhalten; sicher ist für Strahm nur eines: In diesem Jahr läuft nichts mehr. In Brüssel warten alle, bis «der Filou» Barroso, den Strahm als Jungmarxisten in Genf kennen lernte, weg ist und die neuen Kommissare installiert sind.

Voraussichtlich 2016 dürfte dann der nächste grosse Europa-Entscheid an der Urne fallen: Bilaterale ja oder nein? Rudolf Strahm liebäugelt bereits mit seinem dreizehnten Buch.

 

* Rudolf Strahm: «Die Akademisierungsfalle. Warum nicht alle an

die Uni müssen», Hep-Verlag, 2014

 

** Helmut Hubacher: «Hubachers Blocher», Zytglogge-Verlag, 2014

 

*** Peter Hablützels Text ist erschienen in: Rudolf Strahm: «Kritik aus

Liebe zur Schweiz», ­Zytglogge-Verlag, 2012

Ein Kerl von einem Käfer

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«Wir sind so gerne in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.» Das schrieb Nietzsche. Es kam mir in den Sinn, als ich knirschenden und knackenden Schrittes durch den Wald ging, aber ich hatte so meine Zweifel an dem Satz, denn ich fand doch, dass die Bäume auf mich herunterblickten. Auch die Sträucher schauten streng. Und dann lief mir einer über den Weg, der keinen Hehl daraus machte, dass er mich nicht mochte. Als er mich bemerkte, erhob er seine Waffen: ein Hirsch­käfer.

Was für ein faszinierendes Tier, das mir so mutig sein Geweih entgegenstreckte (das selbstverständlich kein Geweih ist, sondern ein Paar Mandibeln), obwohl es nichts auszurichten wüsste gegen die robuste Sohle meiner Meindl-Wanderschuhe, aber: Natürlich zertrete ich keine Käfer! Nie! Schon gar nicht ein solches Prachtexemplar. Ich ging vielmehr auf die Knie und betrachtete das Wesen fasziniert. Hätte der Käfer sprechen können, er hätte sicher gesagt: «Ich hasse die freie Natur, weil mir Menschen über den Weg laufen und mich betrachten, als wäre ich vom Zirkus. Als wäre ich ein Freak. Aber hey, komm nur näher, ich mach dich platt, ich zersäble deine dicke Nase. Komm nur her, du …»

Imponiergehabe ist eine der Charaktereigenschaften, welche man typischerweise einem Macho zuschreibt. Imponiergehabe ist zugleich Drohung wie auch Locken: Es soll rivalisierende Geschlechtsgenossen einschüchtern, aber auf das andere Geschlecht betörend wirken. Und dieser Hirschkäfer, er drohte. Nachdem ich mit meinem iPhone fünfundzwanzig schlechte Fotos des Tieres geschossen hatte, liess ich es in Ruhe und ging weiter. Die Bäume verdrehten die Augen.

Wieder in der Zivilisation, besorgte ich mir ein bisschen bedruckten Wald, also ein Buch, um mehr über den Hirschkäfer zu erfahren, denn wie so oft: Man weiss nichts. Nichts. Nichts. Das Buch war nicht dick, aber je mehr ich las, desto grössere ­Gefühle entwickelte ich für den kleinen Käfer. So imposant der männliche Hirschkäfer anzusehen ist, so stark er scheint und martialisch im Gehabe: Ihm ist ein kurzes Leben beschert. Es dauert bloss drei bis acht Wochen. Und diese drei bis acht Wochen dienen einer Aufgabe: Frau finden, Kinder machen. Erschwerend kommt hinzu, dass das gewaltige Werkzeug des männlichen Hirschkäfers recht unnütz ist. Für die Nahrungs­beschaffung ist es ganz und gar ungeeignet. Um an den Saft des Eichenbaums zu gelangen, benötigt der männliche Hirschkäfer entweder einen wunden Baum oder aber die Hilfe eines Weibchens, welches mit seinem kleineren, aber praktischeren Kieferwerkzeug die Rinde ritzt. Der männliche Hirschkäfer ist unfähig, für sich selbst zu sorgen. Nicht selten kommt es vor, dass dieser Saft durch Pilzbefall in Gärung gerät und dadurch alkoholhaltig wird. Der berühmte Koleopterologe (das ist nichts Unanständiges, bloss ein anderes Wort für Käferkundler) Adolf Horion beschrieb den Hirschkäfersuff wie folgt: «Erst fangen sie an zu krakeelen, dann taumeln sie vom Baume herunter, versuchen in drolliger Weise bald auf dem einen, bald auf dem anderen Bein zu stehen, wobei sie immer von neuem umpurzeln, bis sie schliesslich den Rausch verschlafen.» Beim Trinken kommen sich auch die Geschlechter näher. Das geht dann so: Das Weibchen öffnet mit seinem Werkzeug den Saftfluss des Baumes und sondert Lockstoffe ab, das Männchen fliegt heran, meist in der Abenddämmerung – ganz so, als ginge es in eine Bar. Selbstverständlich sind da weniger Weibchen als Männchen; der grosse ungarische Entomologe (das ist kein Enten-, sondern ein Insektenkundler) Friedrich F. Tippmann beschrieb gar sogenannte Rammelbäume, auf denen Hunderte männlicher Hirschkäfer um wenige Weibchen kämpften. Als wäre das Leben des männlichen Hirschkäfers nicht schon beschwerlich genug, muss er nämlich einen Kampf gewinnen, ein anderes Männchen besiegen, auf den Rücken legen, vom Ast stossen, ansonsten kann er sich mit keinem Weibchen paaren. Der Geschlechtsakt dauert dann im Schnitt achtzehn Minuten. Kurz darauf wird gestorben.

Die vom Weibchen gelegten Eier entwickeln sich zu Larven. Bis wieder ein strammer Hirschkäfer das Licht des Waldes erblickt, dauert es acht Jahre. Acht Jahre! Acht Jahre im Boden als Wurm, dann drei bis acht Wochen auf der Erde: Was für ein Leben. Kein Wunder, kam der Kerl so aggressiv daher.