Brief an alle Salatisten

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Grüner Daumen: Das «Kräuter»-Kochbuch von Tanja Grandits samt drei herrlichen Salaten
Zu den grossen Geheimnissen des Kochens gehört, wie man einen guten Salat zusammenmischt. Typisch, höre ich die Salatisten unter euch höhnen, dass die Fleisch- und Pastafresser (= ich, mehr oder weniger) vor der Aufgabe in die Knie gehen, ein paar grüne Blätter ordentlich zu waschen und mit einer angemessenen Sauce in eine Speise zu verwandeln.
Schon gut. Wie eine Salatsauce funktioniert, habe ich gelernt, seitdem ich weiss, wo das Senfglas steht und wie sich der Honigpott öffnen lässt. Aber die Stufe, aus dem Pflichtbegleiter jedes Sommeressens etwas wahrhaft Köstliches zu machen, scheint mir tatsächlich hoch.
Dafür braucht es professionelle Hilfe, und die hole ich mir diesmal bei Tanja Grandits aus ihrem eindrucksvollen Buch «Kräuter» (AT Verlag), in dem es viele originelle Rezepte mit grüner Beteiligung gibt, Getränke, Kuchen, Vegetarisches, Deftiges – insgesamt höchst anregend. Im Kapitel über Salate finden sich einige Rezepte, bei denen man schon beim Durchlesen ahnt, dass sie augenblicklich ins Standardrepertoire der eigenen Küche wandern werden.
 

Hier meine drei liebsten Grandits-Salate, ausprobiert und mit geschlossenen Augen genossen.
 

1. Bohnen-Röstschalotten-Salat mit Estragon und Haselnüssen
Das brauchen Sie…
…für den Salat:
400 g grüne, feine Bohnen
2 Bund Estragon, gezupft, einen Teil frittiert
2 EL gehacktes Bohnenkraut
100 g Haselnüsse, geröstet und grob gehackt
Fleur de Sel
…für das Dressing:
2 Schalotten, fein gewürfelt
2 Knoblauchzehen, geschält und fein gewürfelt
2 EL fein gehackter Ingwer
1 rote Chilischote, fein gehackt
50 ml Sonnenblumenöl
2 EL Sojasauce
2 EL Balsamicoessig
2 EL süsse Chilisauce
So wirds gemacht:
Die Bohnen in kochendem Salzwasser in vier bis fünf Minuten bissfest kochen und in Eiswasser abschrecken. Die Bohnen längs halbieren.
Für das Dressing Schalotten, Knoblauch, Ingwer und Chili im Sonnenblumenöl anbraten, bis die Schalotten goldbraun sind. Sojasauce, Balsamicoessig und Chilisauce unterrühren.
Die Bohnen mit Dressing, Estragonblättern, Bohnenkraut, Haselnüssen und Fleur de Sel marinieren. Anrichten und mit frittiertem Estragon bestreuen.
 

2. Kräuter-Pinienkern-Salat mit Löwenzahn und Zimtöl
Das brauchen Sie…
…für das Zimtöl:
100 ml Olivenöl
5 Zimtstangen, grob gemörsert
…für das Schalottenfritt:
3 Schalotten
1 Msp. Matcha-Grünteepulver
1 TL Reismehl
Öl zum Frittieren
…für das Dressing:
3 EL Estragonessig
1 Limette, Saft und abgeriebene Schale
5 EL Zimtöl
Fleur de Sel
schwarzer Pfeffer aus der Mühle
…für den Salat:
300 g gemischte Kräuter (z.B. Blattpetersilie, Basilikum, Minze, Estragon, Brunnenkresse, Kerbel), gewaschen und gezupft
100 g feine Löwenzahnblätter, gewaschen
150 g Pinienkerne, geröstet
So wirds gemacht:
Für das Zimtöl das Olivenöl auf 60 Grad erhitzen und den Zimt dazugeben. Abgedeckt über Nacht ziehen lassen. Dann durch ein Sieb passieren.
Die Schalotten in feine Ringe schneiden. Grünteepulver und Reismehl mischen und die Schalottenringe darin wälzen. Bei 160 Grad knusprig frittieren. Auf Küchenpapier abtropfen lassen.
Alle Zutaten für das Dressing gut verrühren.
Kräuter, Löwenzahn und Pinienkerne mischen, mit dem Dressing marinieren und abschmecken. In Schüsseln anrichten und mit dem Schalottenfritt bestreuen.
 

3. Spinat-Brot-Salat mit Fenchelöl und Bergkäse
Das brauchen Sie…
…für das Fenchelöl:
100 ml Olivenöl
3 EL Fenchelsamen, zerstossen
…für das Dressing:
2 unbehandelte Zitronen, Saft von 2 und abgeriebene Schale von 1 Zitrone
50 ml Fenchelöl
Fleur de Sel
schwarzer Pfeffer aus der Mühle
…für den Salat:
4 Scheiben Brioche oder Weissbrot
100 g Bergkäse
300 g junger Blattspinat, geputzt und gewaschen
1 Handvoll Fenchelblüten
2 EL Fenchelöl
So wirds gemacht:
Für das Fenchelöl das Olivenöl mit den Fenchelsamen auf 70 Grad erwärmen. 3 Stunden abgedeckt ziehen lassen, dann durch ein Sieb abgiessen.
Brioche/Brot rundherum in Fenchelöl knusprig braun anbraten und zerpflücken. Den Bergkäse sehr dünn hobeln.
Alle Zutaten für das Dressing gut verrühren und die Spinatblätter darin wenden. Mit Brioche und Käse anrichten, mit den Fenchelblüten bestreuen und mit etwas Fenchelöl vollenden.

Europa wird geprüft

Bei Redaktionsschluss war noch nicht ab­schliessend geklärt, wie die neueste Runde im Gerangel um die griechische Staatspleite schliesslich ausgehen wird. Trotz der potenziell dramatischen Konsequenzen eines Grexit ist man allerdings versucht zu sagen: Darauf kommt es kaum an. Natürlich sollte ein Grexit unbedingt verhindert werden, nicht nur weil die Gläubigerländer dann Aussicht haben, wenigstens einen Teil ihrer Kredite zurückzubekommen, sondern auch weil keiner mit Sicherheit sagen kann, ob die Währungsunion überlebensfähig bleibt, wenn die Büchse der Pandora eines Euro-Austritts einmal geöffnet ist. Wer will dann ausschliessen, dass nicht Italien oder andere südeuropäische Länder dem griechischen Beispiel folgen? Es könnte der Anfang vom Ende sein.
Trotz der existenziellen Einsätze, um die es beim Griechenlandpoker geht, darf jedoch nicht aus dem Blick geraten, dass die eigentlichen Grundprobleme der Währungsunion von den permanenten Notverhandlungen zwischen Athen und der Eurogruppe kaum berührt werden. Selbst wenn tatsächlich ein Last-minute-Kompromiss erzielt wird, dürfte die nächste Griechenlandkrise nur eine Frage der Zeit sein. Es reicht nicht, den Krisenstaaten das Fortwursteln zu ermöglichen. Sie brauchen eine realistische Wachstumsperspektive. Im Rahmen des institutionellen Settings der heutigen EU ist jedoch schwer zu sehen, wie dafür die Bedingungen geschaffen werden sollen.
Es ist kein Zufall, dass diese Woche nicht nur die Griechenlandverhandlungen auf dem Programm der Eurogruppe standen, sondern auch erste Debatten über ein Konzeptpapier zur «Vollendung» der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, das unter Führung von Kommissionspräsident Juncker ausgearbeitet wurde. Die Stossrichtung des Papiers ist richtig: Den Ausgangspunkt bildet die Feststellung, dass die Währungsunion nur dann eine Zukunft hat, wenn es die Eurozone schafft, die strukturellen Ungleichgewichte bei der Wettbewerbsfähigkeit längerfristig zu beheben. Ohne eine Wirtschaftsunion – das heisst eine in entscheidenden Fragen koordinierte Wirtschaftspolitik – wird es keine dauerhafte Währungsunion geben. Es bedeutet einen grossen Fortschritt, dass dieses Problem nun auf höchster Ebene diskutiert wird, während noch vor Kurzem so getan wurde, als müsse man bei den Mitgliedsländern lediglich Budgetdisziplin durchsetzen und sie auf den «Fiskalpakt» einschwören – dann sei das Hauptproblem gelöst. Das Problem ist allerdings, dass wirtschaftspolitische Koordination – insbesondere bei der alles entscheidenden Arbeitsmarkt- und Lohnpolitik – nicht ohne ein hohes Mass an politischer Integration zu haben ist. Es scheint zweifelhaft, ob für solche Vorhaben in den Mitgliedsländern noch Mehrheiten vorhanden sind.
Die EU stellt eine absolut singuläre Form supranationaler Koordination dar, die den Versuch macht, einen riesigen Wirtschaftsraum zu konsolidieren, indem sie die politischen Institutionen schafft, die diesem Wirtschaftsraum die richtigen Rahmenbedingungen garantieren. Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik hat diese Pionierleistung auf folgenden Begriff gebracht: «Die Europäische Union beweist, dass transnationale demokratische Regierungsformen möglich sind, sie bringt aber auch an den Tag, dass diese Form der politischen Steuerung extrem anspruchsvoll ist.» Die Eurokrise ist die historische Bewährungsprobe der EU. Ob diese dem Anspruch der wirtschaftspolitischen Integration genügen kann, muss sich zeigen.
Beängstigend ist, wie stark sich der Druck, die nationale Agenda über die ge­meinsame EU-Politik zu stellen, verschärft hat. Nur vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass etwa Frankreich seine Grenze gegenüber Italien für Flüchtlinge plötzlich dichtgemacht hat. Es gibt in Frankreich keine Flüchtlingskrise. Die Asylverfahren bewegen sich mit etwa 60000 im Jahr in einem undramatischen Rahmen. Dass sich die französische Regierung dennoch veranlasst sah, gegen das Schengen-Abkommen zu verstossen, war ein rein politischer Entscheid. Illegale Flüchtlingscamps in Paris haben viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, Oppositionsführer Sarkozy profiliert sich mit harter Anti-Migranten-Rhetorik. Die Regierung Hollande sah sich offenbar genötigt mitzuziehen – Schengen hin oder her.
Während der nationalistische Affekt Terrain gewinnt, plädieren andere politische Kräfte für stärkeren europäischen Zusammenhalt. Insbesondere die USA mobilisieren gegen den Grexit, weil sie auf keinen Fall wollen, dass das Nato-Land Griechenland aus der antirussischen Front ausbricht. Auf der einen Seite steht ein triumphierender Nationalismus, auf der anderen Seite das Blockdenken des Kalten Krieges. Die kooperativen supranationalen Institutionen aber erscheinen längerfristig ernsthaft bedroht.

Bestellen Sie Maguro menchi-katsu

ma1525_026_kol_seilerDas Exotische, das Interessante und unsere bäurische Bequemlichkeit
Eine der Hürden, über die wir regelmässig springen müssen, ist die bäurische Bequemlichkeit, die uns zu Langweilern macht. Oder sagen wir: die Angst vor der eigenen Neugier.
Das meine ich so: Als ich zuletzt im Schlepptau von ein paar Habitués ins Kokoro geschleift wurde, den neuen Japaner an der Neufrankengasse im Zürcher Kreis 4, beruhte das grosse kleine Glück dieses Abends auf der Tatsache, dass ich nicht in der Verantwortung stand, meine eigenen Bestellungen abzugeben. Das erledigten die dafür Befugten, und sie nahmen ihre Aufgabe ernst: Ich weiss nicht, wie viele Speisen insgesamt an unseren Tisch getragen wurden, und darunter befanden sich auch solche, die ich als Reisrollen oder Sushi oder vielleicht auch als Edamame hätte identifizieren können.
Aber natürlich wurde es erst dort spannend, wo wir im Wirkungskegel eines erstaunlich eleganten Sake sonst noch hingreifen durften: zu geflämmtem Aal auf Reis, zu Pouletflügeln mit Crevettenfüllung, zu den Jakobsmuscheln mit Spargel, zu Maguro menchi-katsu, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Unser kulinarisches Innenleben folgt ja immer demselben Prinzip. Wir essen, was wir kennen. Bei manchen Kindern in meinem Einzugsgebiet ist dieses Prinzip besonders stark ausgeprägt und lässt sich auf den Nenner Spaghetti ohne mit nichts bringen. Wie aber soll einer Kultur, der bereits eine mit Butter und Basilikum angerührte Tomatensauce eine zu grosse Herausforderung bedeutet, ein vitales kulinarisches Erwachsenenleben entwachsen?
Wie oft habe ich den folgenden Dialog schon geführt:
«Isst du Innereien?»
«Um Gottes willen, nein!»
«Hast du sie überhaupt schon einmal probiert?»
«Sicher nicht. Schon von der Vorstellung wird mir übel …»
An dieser Stelle entsteht aber die Langeweile, wie ich sie oben angedeutet habe. Denn natürlich hat Essen mit Gewohnheiten zu tun, mit Geschmäckern, denen man vertraut, weil man sie kennt, und denen man folgt, weil man sie liebt: Kein Italiener wird je das Zusammenspiel einer cremigen Mozzarella mit der Saftigkeit einer reifen Tomate und der zupackenden, ätherischen Frische des Basilikumblatts vergessen können, wie es ihm die Grossmutter regelmässig zum Abendessen hinstellte.
Vielleicht sollten sich aber alle, die an dieser Stelle sehr italophil nicken und mir dafür Baci zuwerfen, daran erinnern, dass die italienische Küche in Mitteleuropa noch in den Sechzigerjahren als Gastarbeiterfressen diffamiert wurde, als eine Küche, die man nicht probierte, weil einem schon von der Vorstellung …
Es ist also einerseits die kulturelle Distanz und andererseits der konservative Hang, auf Nummer sicher zu gehen, wenn wir beim Japaner Sushi, beim Chinesen Frühlingsrolle und beim Vietnamesen Phở bestellen, im US-Steakhouse Filetsteak und beim Thai Tom Kha Gai – und ja, auf eine gewisse Weise ist dieses Spektrum eh schon breiter und weltoffener, als man unserer Fleischrahmrösti-Kultur je zugetraut hätte.
Und doch ist das Unkonventionelle, das Unerprobte, das Unbekannte jenes Terrain, wo wir die wahren kulinarischen Schätze finden. Das Spezielle daran ist, dass wir die Schatzkarten, auf denen diese verzeichnet sind, jedes Mal in der Hand halten, wenn wir zum Beispiel in die Neufrankengasse bei Kokoro einfallen.
Maguro menchi-katsu sind übrigens frittierte Thunfischburger mit würziger Sauce.
Könnte man ohne Weiteres einmal ausprobieren.

Weshalb droht der Grexit?

Auf der einen Seite stehen demokratisch gewählte Politiker, die sich für Land und Leute wehren. Auf der anderen Seite stehen supranationale Technokraten, die sich nur der ökonomischen Vernunft verpflichtet fühlen. Erstere wissen, dass die Leidensfähigkeit der griechischen Bevölkerung am Ende ist. Letztere wissen, dass die Reformen, die bisher umgesetzt wurden und zu denen sich Athen für die Zukunft bereit erklärt, ungenügend sind, um eine Entschuldung zu vollziehen. An­sprüche der Demokratie und wirtschaftliche Zwänge sind auf Kollisionskurs. Ein Crash wird unvermeidlich.
Das ist das Narrativ, mit dem in den meisten europäischen Medien die Griechenland-Krise erklärt wird – mit mehr oder weniger Verachtung für die renitenten Griechen, mit mehr oder weniger Verständnis für den tragischen Konflikt von Demokratie und wirtschaftlicher Räson. Es gibt nur ein Problem mit diesem Narrativ: Es ist kreuzfalsch.
Nicht die Griechen verstossen gegen die ökonomische Vernunft. Im Gegenteil: Ihre Forderung nach einem Schuldenschnitt und nach einer Lockerung des Austeritätskurses ist ein Gebot der wirtschaftlichen Notwendigkeit – wie der IWF schon 2012 konstatierte. Auch die politische Zwangslage ist nicht so gelagert wie allenthalben dargestellt.
Zwar ist die Syriza-Regierung tatsächlich an Wahlversprechen gebunden, aber noch enger erscheint der Manöv­rierraum der deutschen Kanzlerin. Es gibt keinen Zweifel, dass die Griechen einen Schuldenschnitt brauchen, aber weder die CDU noch die SPD sieht sich heute in der Lage, den Wählern diese un­angenehme Wahrheit zuzumuten. Das deutsche Management der Griechenland-Krise beruht weiterhin auf den Prä­missen eines moralischen Lehrstücks – man will die «faulen Griechen» Mores lehren. Dass die Griechen erstens nicht faul sind, zweitens bereits gewaltige Opfer erbracht haben und drittens damit nicht ihre Wirtschaft saniert, sondern eine Depression herbeigeführt und die Staatsschulden in noch höhere Höhen gedrückt haben, scheint heute dem Publikum nicht mehr vermittelbar zu sein. Die «Bild»-Zeitung hält das Deutungsmonopol über die «faulen Griechen» und treibt die Regierung vor sich her. So ist die absurde Situation entstanden, dass eine griechische Staatspleite immer unausweichlicher wird, obwohl allen Seiten – den Euroländern und den Griechen – mit einem vernünftigen Kompromiss ungleich besser gedient wäre.
Dass die Gläubigerländer sich nicht von ökonomischen Prinzipien, sondern von Manövern zur Gesichtswahrung leiten lassen, zeigt der Dissens zwischen dem IWF und der Eurogruppe, der mittlerweile die Verhandlungen belastet. Der IWF argumentiert heute tatsächlich technokratisch. In einem Artikel erklärte Chefökonom Olivier Blanchard, dass Griechenland einen Schuldenschnitt braucht, auch wenn er die theoretische Möglichkeit noch offenhalten will, dass ein solcher Schuldenschnitt über Zinssenkungen und Fristverlängerungen erzielt werden soll – also ohne explizite Annullierung eines Teils der Schuldenlast. Dem entgegen zeigt der IWF sich hart bei den Konditionen, die mit einer solchen Umstrukturierung verbunden sein sollen. Er will nicht akzeptieren, dass die Griechen eine Budgetplanung vorlegen, die von vornherein klarmacht, dass die Kon­ditionen nie erfüllt werden können.
Andere Prioritäten hat die Eurogruppe unter Führung von Deutschland. Einen Schuldenschnitt will sie auf gar keinen Fall – aber bei der Nicht-Erfüllung einzelner Auflagen will man sich flexibel zeigen. So würde die Kanzlerin auch einen griechischen Primärüberschuss von 0,8 statt 1 Prozent akzeptieren, und Jean-Claude Juncker wollte sich gar darauf einlassen, die geforderten Rentenkürzungen um 400 Millionen Euro abzumildern, wenn diese Summe bei den Militärausgaben kompensiert wird. Die Eurogruppe will die Stunde der Wahrheit um jeden Preis vertagen. Dass mit dieser Politik die Probleme nicht gelöst werden und Griechenland in der Krise gefangen bleibt, ist für die Entscheidungsträger nicht von Relevanz. Hauptsache, man gibt sich unnachgiebig und lässt sich nicht vorführen!
Die Griechenland-Krise ist kein Lehrstück, aber sie enthält dennoch eine Moral: Politiker, die, statt Realismus zu zeigen, ausländische Partner verteufeln, werden gefährlich schnell zu den Gefangenen ihrer eigenen Mythenbildung. Auch für die Schweiz dürfte diese Lektion bedeutsam werden: Eine solide Entwicklungsperspektive hat unser Land nur im partnerschaftlichen Einvernehmen mit dem europäischen Umland. Heute sind weite Teile unseres politischen Führungspersonals damit beschäftigt, die Eurokrise zu nutzen, um die EU insgesamt als diktatorisches Reich des Bösen an die Wand zu malen. Werden wir morgen den Handlungsspielraum haben für einen vernünftigen Kom­promiss – oder werden wir Gefangene unserer Mythen bleiben?

Das Fingermanifest

ma1524_kol_seilerÜber viel zu viel Werkzeug am Wirtshaustisch und was man wirklich braucht (aber nur selten bekommt)
 

Zuerst schaust du in die Speisekarte, entscheidest dich für ein aus mehreren Gängen zusammengesetztes Menü, dann er­schrickst du auch schon über deinen Mut. Denn wie aus dem Nichts taucht ein Kellner auf, der einen Waffenschrank an deinen Tisch schleppt und beginnt, deine Bestellung mit einer entsprechenden Anzahl von Messern, Löffeln und Gabeln auf dem Tisch abzubilden.
Weil es die Küche bekanntlich auch gern gut mit uns meint und Grüsse schickt, die wir nicht bestellt haben, wird das vor uns platzierte Waffenarsenal um entsprechende Gattungen erweitert – ein Löffelchen, ein Gäbelchen, wenigstens aber das runde Buttermesser, mit dem wir – hungrig, wie wir sind – herrliche Rohmilchbutter auf das ebenfalls unbestellte Brotassortiment schmieren.
Der Effekt: Erstens ist der Tisch schnell und flächendeckend mit Metallwerkzeug gefüllt. Zweitens: Gegen jede Vernunft essen wir mehr Brot, als wir wollen, und sehen den Segnungen der Köche bereits notgesättigt entgegen (der schwedische Klassiker Mathias Dahlgren löst dieses Dilemma, indem er Brot als eigenen Gang serviert, und zwar erst nach dem ersten Tsunami an Appetizern – das lehrt uns geschickt, die Menge an Brot unter Kontrolle zu behalten, ohne dass Dahlgren deswegen seine Backkompetenz zurückstellen müsste).
Was wir alles an Besteck bekommen: niedliche Gäbelchen und Löffelchen, mit denen auch unsere Kinder im Kindergarten Pudding speisen könnten. Ihr Format weist uns darauf hin, dass wir in der Abfolge der Speisen noch am Spielen sind. Ernst, Leute, wird es nämlich erst, wenn das Fleischmesser mit der scharfen Klinge zur Anwendung kommt – zwischen Vorspeisenlöffelchen und Klinge liegen aber noch sieben weitere Dinger, etwa das unvermeidliche Fischmesser, über dessen Form wir seit jeher rätseln, weil die naheliegende Funktion des schaufelförmigen Dings – das Fleisch des Fisches von den Gräten zu heben – in ungefähr null von hundert Fällen zum Einsatz kommt. Fisch wird nämlich nur in Restaurants, wo es keine Fischmesser gibt, im Ganzen serviert. Das Getue um die Schaufelmesser bleibt ein Echo jener Klassenfolklore des Bürgertums, mit dem dieses in den Salons des 19. Jahrhunderts sein Herrschaftswissen zelebrierte.
Auch die scharfe Klinge weist in vielen Fällen (nämlich wenn man nicht gerade bei Jacky Donatz eine Kalbskotelettdiät absolviert) eher auf den Charakter der zu erwartenden Speise hin als auf ihre Textur. Oft ist das Fleisch, das ein Menü zwangsläufig abschliesst, so weich (weil vakuumbehandelt und erst im Finish mit der heissen Pfanne in Kontakt gekommen), dass man es mit ein bisschen gutem Willen auch mit dem Löffel zerteilen kann.
Damit bin ich endlich bei meinem Lieblingsinstrument angekommen, das ich für das mit Abstand wichtigste Instrument der modernen Hochküche halte, beim Saucenlöffel. Der Saucenlöffel ist kürzer als jeder normale Löffel und auch nicht wie jener der schöpfenden Hand nachgebildet, sondern eher eine grössere Variante des Buttermessers, mit einer grösseren, aber flachen Schaufel am Ende ausgestattet. Der Saucenlöffel ist dazu da, die wahren Anstrengungen der Köche auch zu geniessen, ihre Pürees, Schäume, Reduktionen, die aromatischen Pointen, die manchmal nur einen Punkt auf dem Teller ausmachen, angemessen wahrnehmen zu können.
Wenn ich zum Essen keinen Saucenlöffel bekomme, frage ich nach einem. Und wenn mir der nicht gebracht wird, berufe ich mich stattdessen auf das Recht, mein allerliebstes Küchenbesteck zu Hilfe zu nehmen: meine Finger.

Die ewige Fluchtburg

Ein Aspekt der Fifa-Affäre ist ziemlich irrelevant: die Frage, ob Joseph Blatter in einem strafrechtlichen Sinn ein Vergehen angelastet werden kann oder nicht. Diese Frage dürfte zwar sowohl die amerikanischen Strafverfolgungsbehörden, die seinen Skalp wollen, als auch die sicher exzellenten Anwaltsteams, welche nichts unversucht lassen werden, um Blatters Kragen zu retten, auf Jahre hinaus beschäftigen. Wie auch immer aber der juristische Titanenkampf ausgehen wird, er wird nicht das Geringste an zwei Tatsachen ändern: dass erstens die Fifa eine Organisation ist, die bis ins Mark von systemischer Korruption verseucht ist; und dass zweitens niemand das System Fifa eindrucksvoller personifiziert als der Mann, der während knapp 17 Jahren als ihr Präsident amtete.
Es ist grotesk, die Fifa schuldig zu sprechen und gleichzeitig Blatter von aller Verantwortung auszunehmen. Genau dies allerdings wird in der Schweiz von einem breiten Kreis patriotischer  Blatter-Sympathisanten getan. Man kann über das Ausmass des Realitätsverlustes, den diese Trotzig-gegen-den-Rest-der-Welt-Haltung inzwischen verursacht, nur noch staunen. Den Schaden wird der Wirtschaftstandort Schweiz tragen.
Die «Weltwoche», verlässliches Presseorgan der Putin-Versteher und Denunziantin des «US-Imperialismus» stilisiert den Fifa-Präsidenten zum «bis zur Sturheit unabhängigen» Überschweizer. Erinnert sich noch irgendjemand an die Zeit, als ein solides Bekenntnis zum Nordatlantikpakt die unverbrüchliche Basis der rechtsbürgerlichen Gesinnung war? Doch auch aus anderen politischen Lagern sind verblüffende Töne zu vernehmen, etwa vom ehemaligen SP-Stadtpräsidenten und langjährigen Präsidenten von «Zürich Tourismus» Elmar Ledergerber. Der oberste Hüter über das touristische Image der Stadt Zürich singt eine regelrechte Hommage auf den «cleveren, mit allen Wassern gewaschenen, charmanten Walliser». Obwohl die amerikanischen Ermittlungen erst anlaufen, weiss Ledergerber offenbar schon heute, dass Blatter sich in einem korruptiven Umfeld bewegte, «ohne je selber korrupt zu werden». Man kann ob so viel Allwissenheit nur beeindruckt sein. Ob man mit derartiger Selbstgerechtigkeit dem Tourismusland Schweiz einen Gefallen erweist, dürfte auf einem anderen Blatt stehen.
Es mag im Übrigen durchaus zutreffen, dass Blatter in seiner letzten Amtszeit tatsächlich seriöse Versuche unternommen hat, um die Korruption unter Kontrolle zu bringen, und dass er dabei vom Exekutivkomitee sabotiert wurde. Es mag auch richtig sein, dass er selber nie einen Cent an Korruptionsgeld in die eigene Tasche steckte. Das ändert nicht das Geringste an seiner persönlichen Ver­antwortung für den desaströsen Zustand des Weltfussballverbands. Erstens ist Blatter der Vater des Systems der Direktzahlungen an die nationalen Fussballverbände. Dass er ihre Einführung versprach, war ein wesentliches Motiv für seine Wahl zum Fifa-Präsidenten im Juni 1998. Blatter schuf das weltumspannende System der Subventionsströme – und damit das Potenzial für ihren Missbrauch. Seine Hausmacht gründete darauf, und genau in diesem Sinne war er, wenn nicht der Komplize, so doch der Profiteur des Korruptionssystems. Zweitens hat niemand Blatter dazu gezwungen, das Amt des Fifa-Präsidenten zu versehen. Wenn es tatsächlich so gewesen sein sollte, woran gewisse Zweifel bestehen, dass Blatter die Missbräuche zwar bekämpfen wollte, aber nicht bekämpfen konnte, so wäre es ihm freigestanden, seinen Platz zu räumen und das System nicht weiter zu decken – bevor ihn die US-Justiz dazu zwingt. Blatter ist nicht ein Verbandsfunktionär, der es zwangsläufig mit Weltgegenden zu tun bekommt, die leider Gottes korrupt sind. Er war der Mitbegründer eines Systems, das die massive Korruption im Weltfussball erst möglich gemacht hat.
Alle diese Zusammenhänge sind offenkundig und einfach zu durchschauen. Unbeeindruckt davon bleibt jedoch die politische Schweiz. Der Zufall des parlamentarischen Kalenders hätte es dem Ständerat ermöglicht, mit einer scharfen «Lex Fifa» das Signal auszusenden, dass die Eidgenossenschaft es in Zukunft nicht mehr als ihr Geschäftsmodell ansieht, korrupten Organisationen einen «save haven» zu bieten. Er hat darauf verzichtet.
Die Schweiz hat nach der Finanzkrise rasch und konsequent eine griffige Bankenregulierung eingeführt und ist beizeiten auf den internationalen Informationsaustausch eingeschwenkt. Alles für die Katz: Jetzt werden wir wieder durch die Weltpresse geschleppt als die ewigen Unbelehrbaren des Fluchtburggeschäfts.
Ist ein simpler Sportverband diese Kompromittierung wirklich wert?

Es ist das Erste heute

ma1523_kol_seilerEin warmer Frühsommertag, Van Morrison und das erste Glas
Es muss nicht jeder ein grosser Freund von Countrymusik sein, aber erstens ist Van Morrison kein fiedelnder Redneck aus Nashville, sondern genau an der Wasserscheide zwischen Soul und Jazz unterwegs, wo man hie und da auch an eine Kreuzung kommt, an der es rechts bergab zu den Slidegitarren geht. Zweitens gibt es auf Van Morrisons einziger Countryplatte «Pay The Devil» von 2006 einen Song, der ziemlich genau beschreibt, wie es uns dieser Tage geht, wenn wir zum Beispiel einen ausführlichen Spaziergang hinter uns haben oder einen langen Nachmittag am Seeufer oder von mir aus auch eine beherzte Joggingrunde, von der wir uns gerade erst den Schweiss von der Stirn gespült haben. Es geht um den Moment, wenn wir vor einem gefüllten Glas stehen und es durchaus ein bisschen verliebt in Augenschein nehmen.
«There stands the glass
That will ease all my pain
That will settle my brain
It’s my first one today»
Nicht, dass Van Morrison der Autor dieser Zeilen wäre (die haben die Nashville-Veteranen Russ Hull, Mary Jean Shurtz and Audrey Grisham schon Anfang der Fünfzigerjahre geschrieben, als allerorten noch viel hemmungsloser gepichelt wurde), aber seine Version kehrt das Innerste dieses Liedes nach aussen. Sobald Van Morrison, für einen Takt sogar a cappella, zu singen beginnt, siehst du nichts anderes mehr vor dir als ein gut eingeschenktes Glas Bier, an dessen Aussenseite sich das Kondenswasser sammelt, von dessen Boden die Kohlensäure ungeduldig aufsteigt und das appetitlich von schneeweissem, cremigem Schaum gekrönt wird (alle Nicht-Biertrinker dürfen sich an dieser Stelle ganz nach Belieben eine elegante Flöte mit fein perlendem Champagner, ein eiskaltes Glas Weisswein aus Epesses oder auch einen überdimensionalen Gespritzten vorstellen, von mir aus auch einen Hugo mit Minze oder einen Aperol Spritz im XXL-Format).
Wir betreten nämlich gemeinsam mit dem irischen Mannsbild gefährliches Terrain. Was ist denn das für ein Glas, das solche Sehnsucht in uns weckt? Es ist, daran besteht kein Zweifel, nicht nur da, um den Durst zu stillen, sondern es verspricht mehr: Es verspricht Linderung der Sorgen und Abhilfe, wenn nicht Heilung unausgesprochener Schmerzen. Es hat die Macht, dunkle Gedanken zu vertreiben und die Luft aus allzu virulenten Ängsten zu lassen:
«There stands the glass
That will hide all my tears
That will drown all my fears
Brother I’m on my way»
Natürlich macht der Song dann den obligaten Schlenker in Richtung Liebeskummer. Dass der Tröstung auch Kummer innewohnen muss, darf uns nicht überraschen. Der Verführung durch den Alkohol müssen schliesslich zwangsläufig die Sünde und der Sünde die Läuterung folgen, wenigstens in der Kunst (wenn sie uns nicht ausschliesslich auf das finale Scheitern vorbereiten möchte wie die quälenden Säuferromane von Malcolm Lowry oder Richard Yates). Hier, wo das Köstliche am kleinen Rausch besungen wird, an der Flucht aus dem Tag, am kaum merklichen Schwindel, der als Belohnung für die Schmerzen des Tages dient, wird nur eine kleine Entschuldigung mitgeliefert, wenn der Sänger vor dem Barkeeper steht und diesen auffordert, das Glas bitte bis ganz oben zu füllen:
«It’s my first one today …»
Man kann den Song allerdings auch mehrmals hintereinander abspielen.

Wer will eine gute Steuersystematik?

Mit der Diskussion um die Erbschaftssteuervorlage gerät die Gesamtgestaltung des Schweizer Steuersystems verstärkt in den Fokus. Bürgerliche Gegner der Initiative bekennen sich zwar dazu, dass die Erbschaftssteuer grundsätzlich ein urliberales Konzept ist. Sie machen aber geltend, dass sie in der Schweiz dennoch nicht zulässig sei, weil mit der Vermögenssteuer bereits eine gewichtige Substanzsteuer existiere und weil mit einer zusätzlichen Abgabe auf Vermögensbeständen eine exzessive Belastung entstehen würde.
Im Prinzip herrscht Einigkeit, dass Erb- und Vermögenssteuern verwandte Fiskalabgaben darstellen und dass sie nicht gleichzeitig zu hoch angesetzt werden dürfen. Auch Hans Kissling, der geistige Vater der Erbschaftsinitiative, räumt ein, dass die Schweizer Vermögenssteuer eine nicht optimale Form der Abschöpfung darstelle, und plädiert dafür, dass die Zusatzeinnahmen, die sich für die Kantone aus der neuen Erbschaftssteuer ergeben würden, zur Senkung der Vermögenssteuer verwendet werden. Schliessen sich Vermögens- und Erbschaftssteuern aus? Wäre eine 20-Prozent-Belastung von Erbschaften, gemessen am Gesamtsteuersystem, überhaupt gerecht?
Ein Blick in die OECD-Steuerstatistik ist aufschlussreich. Die Schweiz erhebt heute mittelhohe Substanzsteuern. Im Jahr 2012 betrugen sie 1,8 Prozent des BIP und lagen genau im OECD-Durchschnitt. Es gibt zwar viele Länder, deren Besteuerung von Vermögenswerten deutlich tiefer liegt (etwa Deutschland oder Schweden), es existieren aber auch Länder, welche die Vermögensbestände viel aggressiver abschöpfen (insbesondere die USA, Grossbritannien und Kanada). Wenn wir von einer Maximalschätzung des Erbschaftssteueraufkommens ausgehen (also von 6 Milliarden), dann würde die Substanzbesteuerung in der Schweiz um etwa 0,9 BIP-Punkte ansteigen. Im internationalen Vergleich wäre sie damit nicht mehr durchschnittlich, sondern hoch. In der angelsächsischen Spitzengruppe wäre die Schweiz damit aber noch lange nicht.
Ein Argument, das für hohe helvetische Substanzsteuern plädiert, ist die Tatsache, dass in der Schweiz keine Kapitalgewinnsteuern existieren. Es wäre viel sinnvoller, Kapitalzuwächse konsequent zu besteuern und stattdessen die Vermögen der Bürger nicht mit Abgaben zu belasten. Deshalb erscheint es seltsam ironisch, dass erst vor ein paar Monaten ein «bürgerlicher Schulterschluss» die längst fällige Einführung einer Kapitalgewinnsteuer verhindert hat. Es sind genau die Kräfte, die eine rationale Gestaltung des Schweizer Steuersystems blockieren, die sich nun hinter den helvetischen Eigenheiten verstecken wollen.
Nebst den steuersystematischen Einwänden wird auch geltend gemacht, dass mit der Erbschaftssteuer die Gesamtsteuerlast zu hoch würde. Dieses Argument wird von den statistischen Daten allerdings nicht gedeckt. Wenn wir die Schweizer Steuerquote im OECD-Vergleich betrachten, so liegen wir nach den USA und Japan auf Platz 3 in der Tiefsteuerrangliste (Stand 2013). Auch wenn die Erbschaftssteuer eingeführt würde, kämen wir weiterhin auf Platz 3. Die Behauptung, die Erbschaftssteuer würde unser Land in eine Steuerhölle verwandeln, ist aus der Luft gegriffen.
Seriöser ist der Einwand, dass die Erbschaftssteuern die sehr grossen Vermögen, welche bereits hohe Vermögenssteuern bezahlen, zusätzlich stark belasten würden. Das trifft zu und wäre für die Betroffenen sicher unangenehm. Allerdings gibt es Gründe, weshalb genau dieser Effekt als wünschenswert erscheint. Denn die Entwicklung von Steuern und Abgaben ist in den letzten Jahren überproportional zulasten der unteren Einkommensschichten gegangen.
Man nehme die Krankenkassenprämien: Im Zeitraum 2003 bis 2013 sind die Prämien um 50 Prozent gestiegen, die Prämienverbilligungen aber nur um 25 Prozent. Eine Folge davon ist, dass das unterste Lohn-Quintil einen immer höheren Anteil seines Einkommens für die Krankenversicherung verwenden muss (nach einem BFS-Bericht waren es 1998 noch 8,5 Prozent, 2009 aber schon 10,9 Prozent). Man nehme die Mehrwertsteuer. Zur Sanierung von AHV und IV wurden die Mehrwertsteuern seit 1995 um 21,5 Prozent erhöht. Würden noch die alten Sätze gelten, so wäre die Mehrwertsteuerbelastung heute um rund 4,8 Milliarden tiefer. Die Last dieser Steuererhöhung haben ebenfalls überproportional die unteren Einkommen getragen.
Das Schweizer System von Steuern und Abgaben hat im internationalen Vergleich sehr moderate Umverteilungseffekte. Daher erscheint eine Zusatzbelastung der obersten Vermögensklassen durchaus verantwortbar. Wenn britische und amerikanische Erbdynastien mit 40 Prozent Erbschaftssteuer umgehen können, sollten 20 Prozent – trotz der Vermögenssteuern – auch für die Schweizer Reichtumseliten verkraftbar sein.