Zum Schaden der Demokratie

Demokratie ist kein Regierungsprogramm, sondern eine Regierungsmethode. Sie liefert keine inhaltlichen Vorgaben, wie eine Sachfrage zu entscheiden ist, sondern ein Verfahren, um über Sachfragen Entscheide zu fällen. Nichts ist deshalb wichtiger für einen demokratischen Staat, als dass er zu seinen Entscheidungsprozeduren Sorge trägt – und in ganz besonderem Masse gilt das von der direkten Demokratie.
Ein fairer öffentlicher Diskurs, eine qualitativ hinreichende vierte Gewalt, ein minimal informierter Bürger: All dies sind nicht fakultative Gütemerkmale, sondern die absoluten Grundvoraussetzungen funktionierender Volkssouveränität. Man sollte eigentlich glauben, dass in einem Land wie der Schweiz über diese Tatsache ein fester Grundkonsens besteht. Es sollte selbstverständlich sein, dass über alle politischen Lager und alle inhaltlichen Differenzen hinweg ein fundamentales Fairnessgebot nicht infrage steht. Allerdings zeigt sich heute in dramatischer Deutlichkeit, dass diese Selbstverständlichkeit immer weniger gegeben ist.
Der Gewerbeverband hat mit seiner Anti-SRG-Kampagne eine neue Benchmark des Propaganda-Zynismus gesetzt. Sicherlich hat uns die SVP mit Schäfchen-Plakaten und «Kosovaren schlitzen Schweizer auf» schon lange an verschärfte Standards der Ruchlosigkeit gewöhnt. Dass mittlerweile jedoch eine amtierende Bundesrätin und der SRG-Generaldirektor in bester «Stürmer»-Manier karikiert und obsessiv wiederholte, völlig groteske Fantasiezahlen (die 1000- ­Franken-Gebühr) zum Totschlagargument stilisiert werden können, stellt eine neue Eskalationsstufe dar. Bis zu einem gewissen Grad wird man die Entgleisungen der «Gewerbezeitung» wohl den persönlichen Hassdelirien eines profilierungssüchtigen Verbandsdirektors zuschreiben dürfen. Noch erstaunlicher als das Übersteuern von Hans-Ulrich Bigler und seiner Kampftruppe ist jedoch die Nachsichtigkeit, mit der an Orten, wo man ein Minimum an demokratischem Rückgrat erwarten dürfte, auf die Hasspropaganda reagiert wird.
Immerhin: Es gibt auch politische und publizistische Akteure in unserem Land, deren staatsbürgerliche Basisinstinkte nach wie vor intakt sind. Nationalrat Beat Flach, der als Grünliberaler ins RTVG-Nein-Lager gehört, zögert dennoch keine Sekunde, im «SonntagsBlick» das Offensichtliche auszusprechen: «Der Gewerbeverband hat hier jede Contenance und jeden Anstand verloren.» Der «SonntagsBlick» selber – ob­wohl man den Ringier-Medien weiss Gott nicht vorwerfen kann, sie würden eine Pro-RTVG-Kampagne führen – denunziert die «Demagogie» und das «Wutgebrüll» der SRG-Gegner. Boulevardmedien kultivieren zwar selber die «Zuspitzung», aber beim «SonntagsBlick» weiss man zwischen Volkstümlichkeit und Volksverhetzung zu unterscheiden. Eine völlig andere Behandlung erfährt die Causa Bigler allerdings am anderen Ende des publizistischen Spektrums, nämlich bei der NZZ.
Wer erwartet hätte, dass das Leitblatt des Schweizer Bürgertums sich unzweideutig von der degoutanten Desinformationskampagne distanziert, wird eines Besseren belehrt. Der Inlandchef der Zeitung hält sich in einem Kommentar zwar die Nase zu angesichts des «Gerangels um die TV-Gebühren», will aber zu beiden Seiten strikte Äquidistanz bewahren. Schliesslich würden «hüben und drüben» Vorwürfe erhoben. «Wahr oder falsch?» Diese Frage mag der Kommentator nicht entscheiden. Indem er Biglers Methoden mit denen seiner Kontrahenten gleichsetzt (wofür es nicht den geringsten Anlass gibt), exkulpiert er ihn de facto. An der Falkenstrasse findet man den pöbelnden Gewerbler unfein – aber ihn in die Schranken weisen? Das wäre denn doch zu viel verlangt.
Noch deutlicher wird dieser Standpunkt in einem weiteren Artikel der NZZ. Der Gewerbeverband wage mit seiner Kampagne einen «Kantengang». Ein Problem hat der Artikel nicht mit der primitiven Niveaulosigkeit der Kampagne– eine Beurteilung «nach ästhetisch-moralischen Gesichtspunkten» hält er für nicht ziel­führend –, sondern ausschliesslich damit, dass sie nicht funktionieren könnte.
Es ist eine schlichte Tragödie, dass einem immer ideologisierteren Bürgertum offenbar jeder Sinn dafür abhandenkommt, dass die Substanz der Schweizer Demokratie nicht darauf gründet, welches Lager einen Abstimmungskampf gewinnt, sondern darauf, wie solche Debatten ausgefochten werden. Es gibt selbstverständlich auch legitime Argumente gegen die RTVG-Revision. Aber sollte die Hasskampagne des Gewerbeverbandes erfolgreich sein und Schule machen, dürfte ernster Schaden entstehen für unser Land.

Wenn Hunde ins Restaurant fressen gehen

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Kalt gerührter Risotto, Dry-Aged-Fressi und was Martin Parr daran gefunden hätte
 

Ich gebe gern zu, ich bin wankelmütig. Während vieler Jahre habe ich meinen grossen, schwarzen Köter ohne jede Skrupel zum Essen mitgenommen, und manchmal, wenn Hunde nicht erwünscht waren, habe ich das mit Unverständnis quittiert. Vor allem in Italien lässt man dich ja mit Hund kalten Arsches verhungern.
Natürlich sind mir schon damals die Typen aufgefallen, die in berühmte Restaurants an der Goldküste eine Kaschmirdecke mitbrachten, auf der sich ihr Pinscher dann ausstrecken durfte. Ich sah mit einem gewissen Erstaunen, dass nicht nur ein Teller für das Herrchen aufgedeckt wurde, sondern ein zweiter mit dem gleichen Essen, nur minus Gemüse. Den Anblick, als der gut gekleidete Gentleman seinen Pudel mit einer kleinen Silbergabel vom Tisch hinunter fütterte, werde ich nie vergessen. Es hatte ikonischen Charakter: Wäre der englische «Mag­num»-Fotograf Martin Parr in der Nähe gewesen, würden wir heute über ein buntes Bild dekadentester Tierliebe verfügen.
Aber es kommt noch schlimmer. Ein Sternekoch erzählte mir, wie selbstverständlich manche seiner Gäste davon ausgehen, dass man ihren Hunden mit demselben Respekt begegnet wie menschlichen Gästen. Zum Beispiel habe ein Stammgast regelmässig Risotto für seinen Hund bestellt – ganz klassisch, versteht sich, mit angeschwitzten Zwiebeln, aufgegossenem Weisswein, fünfzehn Minuten lang mit Hühnerfond gerührtem Rundkornreis und anschliessender Verfeinerung durch Butter und Parmesan.
Zusätzlich verlangte der fürsorgliche Stammgast allerdings, dass man den Risotto auf für den Hund bekömmliche Temperatur abkühle – und dass der Risotto für den Köter dann zur selben Zeit serviert werde wie jener Risotto, den der Gast für sich selbst bestellt hatte, dieser natürlich heiss und dampfend. In der Küche führte diese Bestellung regelmässig zu Chaos, denn sie absorbierte gleich zwei Köche: einen, der den Risotto rührte, und einen, der den Risotto für den Köter mit Eis auf Betriebstemperatur brachte. Der Stammgast pflegte schliesslich mit den Fingern zu prüfen, ob die Mahlzeit für sein Vieh eh nicht zu heiss sei.
Fiel die entsprechende Prüfung negativ aus, musste der Geschäftsführer aufmarschieren und sich coram publico zur Sau machen lassen. Ich kann verstehen, dass man beim Anblick von Hund und Herr, wenn sie das nächste Mal ihr Stammlokal betraten, Attentatsfantasien bekommen konnte.
Dagegen machen sich die Dekadenzen jener Gäste, die ihren Hunden einfach Steaks vom Dry-Aged Beef bestellen, geradezu gewöhnlich aus: Sie wollen ja nur ein Stück Fleisch, auf das Züchter und Metzger ganz besondere Aufmerksamkeit verwendet haben, und bezahlen dafür den angemessenen Preis. In diesem Preis, finden sie, muss auch inkludiert sein, dass der Küchenchef seinem Fleischposten den Auftrag gibt, das Steak für den Dackel von der Frau Liechtenstein medium rare zu braten und auf den Pfeffer zu verzichten.
Müssen Köche für Hunde kochen? Ich finde: Nein. Ich bin damit einverstanden, wenn die Küche auf Anfrage Abschnitte und Knochen in einen Napf schmeisst, die der Fifi mit demselben Appetit verzehren wird wie den kalt gerührten Risotto. Aber ich halte es für eine ungeheure Respektlosigkeit gegenüber Köchen und Küchenchefs, Geschäftsführern, Kellnern und Ab­wäschern, ihnen zuzumuten, im Vieh, das man vielleicht noch so liebt, dasselbe sehen zu müssen wie man selbst.

Das falsche Exempel

Wenn eine Politposse ins Groteske kippt, sollte man sich an Dürrenmatt halten: «Es ist mir nicht gelungen, dich der Verbrechen zu überführen, die du begangen hast, nun werde ich dich eben dessen überführen, das du nicht begangen hast», heisst es in «Der Richter und sein Henker». Die Affäre Markwalder ist eine Übersprungshandlung, mit welcher die Schweizer Medien das quälende Problem der institutionalisierten Käuflichkeit Schweizer Politiker wegen einer Lappalie plötzlich aufkochen – während die schweren Schäden, die der Checkbuch-Lobbyismus unserem politischen System zufügt, weiter kaum Wogen werfen.
Sicher: Dass ein kasachischer Diktator für ungefähr 7000 Franken eine nationalrätliche Interpellation erstehen kann, ist kein Ruhmesblatt (besonders über den Discountpreis wird man sich wundern in Zentralasien). Vor dem Hintergrund jedoch, dass sich heimische Interessengruppen gegen hohe Summen parlamentarisches Wohlwollen erkaufen – und den «Volksvertretern» nicht nur irrelevante Interpellationen, sondern folgenreiche Gesetzestexte in die Feder diktieren –, wird hier ein absurdes Exempel statuiert.
Es gibt zwar einen Markwalder-Skandal, aber der hat nichts mit Kasachstan zu tun und dauert bereits seit 2008 – seit die Nationalrätin für die Zurich In­surance Group eine Fünfzig-Prozent-Stelle versieht, für welche sie 100 000 Franken Jahresgehalt beziehen soll. Die Assekuranz ist eine der regulierungsabhängigsten Branchen, hat zahllose Parlamentarier auf der Paylist und erwirtschaftet aufgrund der von ihr erkauften Berner Gewogenheit milliardenschwere Zusatzgewinne – auf Kosten der Schweizer Bürger. Exemplarisch zeigen dies die wiederaufflammenden Auseinandersetzungen um die Legal Quote, also jenen Anteil der Anlagegewinne aus Altersrentenkapital, den Lebensversicherungen von Gesetzes wegen sich selber gutschreiben und den Versicherten vorenthalten dürfen.
Es geht um riesige Summen: Jeder zweite Arbeitnehmer zahlt seine BVG-Beiträge an eine Lebensversicherung. Laut einer Studie von Travailsuisse sind allein von 2005 bis 2012 rund 3,6 Milliarden Franken an die Versicherer geflossen. Ein beträchtlicher Teil dieser Gewinne ist darauf zurückzuführen, dass die Berechnungsgrundlagen der Legal Quote im Gesetzestext unpräzise formuliert und in den Umsetzungsverordnungen so ausgelegt wurden, dass der Kapitalertragsgewinn für die Versicherungen rund doppelt so hoch ausfällt wie ursprünglich vorgesehen. Die Versicherungen haben so viele Ständeräte auf ihrer Gehaltsliste, dass sie in der für das BVG-Gesetz zuständigen Sozialkommission die Mehrheit kontrollieren. Es käme einem Mirakel gleich, wenn der Ständerat die sprudelnden Gewinne der Assekuranz mit einer verschärften Legal Quote beschneiden würde.
An dieser Stelle muss man Christa Markwalder allerdings in Schutz nehmen. Beim unmittelbar renditerelevanten Versicherungslobbying war sie nie an vorderster Front aktiv. Erstens ist sie gar nicht Mitglied in der Sozialkommission, und zweitens amtet sie als National- und nicht als Ständerätin. Checkbuch-Lobbyismus wird mit Vorliebe in der kleinen Kammer betrieben. Im Nationalrat muss man dreizehn Parlamentarier kaufen, um eine Kommissionsmehrheit zu erreichen, im Ständerat reichen sieben «Volksvertreter». Die Versicherungsbranche  kann rechnen.
Markwalder profiliert sich als Aussenpolitikerin und als Befürworterin einer Öffnungspolitik gegenüber Europa. Auch in dieser Rolle ist sie für die Zurich Insurance Group, die wie alle Grosskonzerne erkannt hat, dass die Bilateralen unverzichtbar sind für ihr Geschäft, ein strategisches Asset. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass FDP-Präsident Philipp Müller die Kasachstan-Affäre instrumentalisiert hat, um Markwalder öffentlich zu desavouieren. Versucht die FDP-Parteileitung ihre exponierteste Europapolitikerin zu entsorgen? Muss man daraus Rückschlüsse ziehen, wie weit Müllers Wahlkampfpakt mit der SVP geht und wie weit er gewillt ist, die Anti-EU-Politik der Volkspartei mitzutragen?
Häufig ist zu hören, Lobbyismus sei ein normaler Bestandteil der Verhandlungsdemokratie, am Schweizer System sei gar nichts auszusetzen. Das ist nicht richtig. Demokratische Prozesse bestehen tatsächlich darin, dass Interessenvertreter Kompromisslösungen aushandeln. Und ja, Demokratie ist eine schmutzige Angelegenheit: Sie wird umflort von einem unausmerzbaren Graubereich der Hinterzimmerabsprachen, persönlichen Ambitionen, intransparenten Deals und finanziellen Anreize. Genau deshalb aber, genau weil Partikularinteressen die konkrete Entscheidungsfindung immer dominieren, müssen möglichst saubere Spielregeln durchgesetzt werden. Transparenzpflichten für Lobbyisten wären das eine. Noch viel dringender aber wäre es, dass alle Parlamentarier ihre sämtlichen Einkünfte offenlegen müssen.

Das Tavernen-Rätsel

ma1520_034_kol_seilerÜberraschungen in Griechenland: Es gibt doch gutes Essen. Aber man muss danach suchen.
Diese Kolumne hat eine Vorgeschichte: eine Kolumne. Als ich vor etwa zwei Jahren an dieser Stelle über die, Achtung Ironie, Segnungen der griechischen Küche schrieb und zu dem Schluss kam, das Einzige, was den Griechen je eingefallen sei, sei griechischer Joghurt, provozierte das hämischen Szenenapplaus. Wie immer, wenn man Vorurteile stämmig bedient.
Aber es gab auch Beschwerden. Ein junger Sternekoch, der aus Griechenland stammt, richtete mir aus, das Bashing der griechischen Durchschnittstaverne sei billig. Wenn ich mit ihm in Griechenland unterwegs gewesen wäre, hätte ich freihändig eine Kolumne über das sagenhafte Niveau der griechischen Küche schreiben können.
Zuletzt fügte es sich also, dass ich Teil einer Fact Finding Mission wurde, die sich den Reizen und Herausforderungen Messeniens widmete, jener südwestlichen Region auf dem Peloponnes, wo die mykenische Kultur ihre Wiege hatte und wo heute gute Orangen, Zitronen, Mandeln, Feigen und vor allem Oliven angebaut werden. Mit im Tross war besagter Sternekoch samt lokalen Auskennern, die wussten, wo man abends einkehren würde: wo sich also von zwei Thesen eine als die gültige erweisen würde – jene, dass griechisches Feuer jedes Lebensmittel zwangsläufig verderbe, oder jene, dass gerade die einfachen Sachen nicht nur von guter, sondern von exquisiter Qualität seien. Es ging wohlgemerkt nicht um irgendwelche Spitzenhütten, deren Chefs angesichts anderer Chefs die Korken knallen und die Hummerscheren zischen lassen; es ging um die Kneipe wie du und ich – so kam es, dass unser Kleinbus irgendwo hinter Pylos enge Bergstrassen hinaufjagte und uns in einer Taverne namens Trichordo ablud.
«Was ist so besonders an dieser Kneipe?», fragte ich.
«Nichts», sagte der Koch. «›Das ist ja das Besondere.»
Dann erklärte er sein Bonmot. Hier, in der winzigen Ortschaft Mesochori, werde so gekocht, wie auch zu Hause gegessen wird. Das sei im Übrigen der Grund, warum in den Tavernen keine authentische Hausmannskost zu bekommen sei – kein Mensch gehe in die Kneipe, um Gerichte zu essen, die man zu Hause ohnehin vorgesetzt bekommt. In der Kneipe wünsche man sich etwas Besonderes – und damit befinde man sich augenblicklich abseits jener Qualitäten, um die es uns ja gerade geht, wenn wir fremde Länder bereisen und ihre kulinarischen Kulturen kennenlernen wollen. Zuerst standen auf dem Tisch ein paar Bierflaschen, dann zwei Weinkrüge mit einem einfachen Rosé, dann kamen in rascher Folge Kleinigkeiten: mit Tomaten und Käse überbackenes Weissbrot, fantastische Oliven, ein weicher, würziger Feta, der im Vergleich zum salzigen Industriekäse von sämiger Eleganz war, ein Teller mit köstlichem, bitterfeinem gekochtem Grünzeug, aus dem nur die Zichorien einwandfrei zu identifizieren waren, dann eine grandiose Eierspeise, in der sich wilder Spargel und Ei genau die Waage hielten, und schliesslich der Höhepunkt: das Lamm mit den Artischocken, gemeinsam geschmort und für jeden Anwesenden genau als letzter Happen bemessen. Es war in Summe ein unaufgeregtes, aber auch grossartiges Essen. Das Wunsch­essen des Reisenden. Ich muss zugeben: Meine These war mit diesem Abend hinfällig. Ich nahm alles zurück, was ich gegen die griechische Küche vorgebracht hatte. Aber eines wollte ich wissen.
«Wie viele von diesen Tavernen gibt es hier?», fragte ich.
«Drei.»
«Hier im Dorf?»
«Nein. In ganz Messenien.» Schreibt euch also die Telefonnummer auf und reserviert einen Tisch: +30 6945 428699.

etwas leisten – nicht bloss erben

Es könnte scheinen, als hätte der Allmächtige die Idee der Erbschaftssteuer lediglich in der Absicht in die Welt gesetzt, den Geist des Liberalismus auf die Probe zu stellen und kläglich scheitern zu lassen. Die Erbschaftssteuer nämlich vereint Eigenschaften, die sie für Be­für­worter bürgerlicher Werte zu einer sehr delikaten Angelegenheit werden lässt. Jetzt steht uns in der Schweiz der grosse Gradmesser für liberale Prinzipientreue bevor, und die bürgerlichen Parteien liefern das Schauspiel, das sich auch schon in Ländern wie den USA beobachten liess: Sie winden sich, sie schwitzen Blut – und suchen verzweifelt nach Gründen, um diese vermaledeite Steuer definitiv verhindern zu können.
Es ist aus mehreren Gründen ein un­schönes Spektakel: Erstens ist unbestreitbar, dass die Erbschaftssteuer diejenige Steuerform darstellt, die dem liberalen Gebot der Chancengleichheit am direktesten entspricht. Die steuerliche Belastung der Erbfolge ist nicht eine unter beliebigen Methoden, mit denen moderne Staatsapparate sich Finanzmittel verschaffen. Ihre Legi­timität bildet vielmehr das Fundament des Selbstverständnisses des bürgerlichen Standes, der seine erarbeitete Wirtschaftsmacht gegen die ererbten Privilegien des Adels geltend machen musste. Sie ist der direkteste Ausdruck der Überzeugung, dass eigenständige Leistung – und nicht das Übernehmen bestehender Pfründe – belohnt und durch steuerliche Belastung möglichst wenig gehemmt werden soll. Erben ist die einzige Form des Gelderwerbs, die ohne eigene Leistung vollzogen werden kann. In einer Gesellschaft, die sich zu Leistungsprinzip und Chancengleichheit bekennt, sollte es deshalb selbstverständlich sein, dass – noch vor den Arbeitseinkommen und vor den (eigenständig geschaffenen) Vermögen – die Erbschaften steuerlich belastet werden.
Aus diesem Grund existiert die Erbschaftssteuer in den meisten Ländern schon sehr lange (in England seit dem 17. Jahrhundert, in Frankreich seit der Revolution), lange bevor es überhaupt nur denkbar gewesen wäre, die Einkommenssteuer einzuführen. In den meisten Ländern wird bis heute eine Erbschaftssteuer erhoben. Auch in der Schweiz war sie bekanntlich eine gut etablierte Institution – bevor über die letzten zwanzig Jahre aus Gründen der Fiskalkonkurrenz die direkten Nachkommen in den meisten Kantonen von Steuerabgaben befreit wurden. Jetzt, da diese Entwicklung korrigiert werden soll, erheben sich die bürgerlichen Parteien wie ein Mann gegen die legitimste aller Steuerformen, deren Durchsetzung dereinst das fiskalische Definitionsmerkmal der Emanzipation des Bürgertums war. Was läuft da schief?
Zum einen existiert gegenüber der Erbschaftssteuer ein weitverbreiteter negativer Affekt. Der Wunsch, seinen Nachkommen etwas zu vermachen und seine Eigentumsrechte auch noch pos­t­hum auszuüben, ist tief verwurzelt. Eine fiskalische Belastung der Erbfolge hat psychologisches Irritationspotenzial auch bei Bürgern, die aufgrund des hohen Freibetrages von zwei Millionen Franken von der neuen Schweizer Erbschaftssteuer gar nie betroffen wären. Zum anderen bilden diejenigen (knapp 100 000) Bürger, die de facto eine Erbschaftssteuer entrichten müssten, also grosse Vermögen besitzen –, die Macht­elite des Landes, als deren Interessenvertreter sich die Rechtsparteien auch betrachten. Es ist der ewige quälende Widerspruch der «wirtschaftsnahen» Parteien: Predigten über Chancengleichheit und Leistungsprinzip sind gut für Festreden, doch wenn es darauf ankommt, nimmt man lieber die Interessen derer wahr, die das Geld schon haben – und, bitte schön, behalten möchten!
Da diese Widersprüche peinlich sind, muss jetzt ein grosses Schattenboxen für Ablenkung sorgen. Die Erbschaftssteuer-Initiative soll KMU-schädlich sein, obwohl es am Parlament läge, die Regelungen für Betriebsübernahmen festzulegen, und obwohl es in der Hand der bürgerlichen Mehrheit wäre, diese so grosszügig wie nötig zu gestalten. Es wird damit argumentiert, dass mit der Vermögenssteuer in der Schweiz bereits eine Substanzsteuer existiere. Das trifft zu, aber unter anderem könnten die Einnahmen aus der Erbschaftssteuer von den Kantonen zur Senkung der Vermögenssteuer genutzt werden. Es wird schliesslich geltend gemacht, es würden ohnehin schon zu viele Steuern erhoben. Diese Behauptung wird durch den Vergleich mit der Steuerbelastung in anderen OECD-Ländern kaum gedeckt. Schon gar nicht ändert es etwas daran, dass die Erbschaftssteuer ihren Platz haben müsste im Schweizer System.
Erbschaftssteuern sind ganz einfach «ein gewisses Korrektiv gegen die Entwicklung einer Schicht von reichen Faulpelzen». So sah es Winston Churchill, ein Mann, der etwas wusste von bürgerlicher Prinzipienfestigkeit.

Ein paar Wahrheiten über Spargel

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Spargel ist das Saisongemüse schlechthin. Tipps, um bis Juni wirklich genug davon essen zu können
 

Spargel, Leute, ist das Memento mori des Gemüsesektors. Die Asparagaceae gehören zu den wenigen Lebensmitteln, deren ausschliesslich saisonales Vorkommen wir akzeptieren. Zwar winken wir auch zypriotische, marokkanische oder, ich weiss nicht, peruanische Ware durch, sobald die ersten, voreiligen Bäume knospen und wir endlich den typischen Frühlingsgeschmack auf der Zunge schmecken wollen, aber wenn Anfang Juni die Spargelbauern zusammenpacken und den Märkten fernbleiben, ist auch unsere Lust auf Spargel vorbei.
Wie aber schaffen wir es, in knapp zwei Monaten so viel Spargel zu essen, dass wir im Juni gelassen seufzen können: Ciao, bella, bis nächstes Jahr? Hier ein paar Vorschläge abseits der klassischen Zubereitungsweisen.
1. Essen Sie Spargel roh.
Claudio Del Principe weist in seinem Kochbuch «Italien vegetarisch» (Brandstätter) emphatisch darauf hin, «wie knackig, frisch und intensiv» roher Spargel schmeckt, wenn man ihn gar nicht erst mit Hitze in Berührung bringt. Die frischen Spargeln werden geschält und von den harten Enden befreit, dann diagonal sehr dünn geschnitten oder gehobelt, die Spitzen längs halbiert und mit dem Rest auf den Tellern verteilt. Nun werden die Spargeln mit bestem Olivenöl und Weissweinessig beträufelt und mit Salzflocken und frisch ge­mörsertem Pfeffer bestreut. Als zusätzliche Säure empfiehlt Del Principe den Saft von Amalfi-Zitronen oder sizilianischen Grapefruits. Köstlich.
2. Garen Sie den Spargel in der Folie.
Dieser grossartige Tipp stammt von Hans Haas aus dem Münchner «Tantris». Den weissen, gut geschälten Spargel mit Salz, Zucker und einem Stück Butter portionsweise auf eine doppelt gefaltete Alufolie legen, in der sich so viel Luft befindet, «dass der Dampf gut zirkulieren, aber nicht entweichen kann» (Haas). Spargelstangen bei 190 Grad 30 bis 35 Minuten im Ofen garen, sodass sie im eigenen Saft weich werden. In der Folie servieren, samt brauner Butter und Schnittlauch.
3. Braten Sie Ihren grünen Spargel.
Godfather Alain Ducasse steuert dieses etwas deftige Rezept bei (aus «Ducasse Nature», Hädecke): Grüne Spargeln im unteren Drittel schälen, harte Enden abschneiden. Köpfe auf 7 Zentimeter Länge abtrennen, Stangen in der Mitte halbieren. In einer Schmorpfanne Olivenöl erhitzen, Spargeln hineinlegen, salzen und braten, bis sie weich sind. Auf eine vorgewärmte Platte legen. Nun 5 Esslöffel Balsamico in die Pfanne geben, Bratensatz damit abschaben. 2 Esslöffel schwarze, entsteinte Oliven zugeben (Ducasse empfiehlt Taggiasca- oder Nizza-Oliven) und erhitzen, dann die Balsamico-Oliven über die Spargeln geben, mit frisch gehobeltem Parmesan bestreuen, kräftig pfeffern. Dazu Weissbrot (und Cava, Leute, Cava!).
4. Grillen Sie den grünen Spargel.
Ich glaube, das ist das einzige Rezept von Yotam Ottolenghi, zu dem dieser keinen Knoblauch verwendet. Auch Ottolenghi («Genussvoll vegetarisch», DK) befreit die grünen Spargeln von ihren holzigen Enden, mischt dann allerdings die ganzen Stangen mit Rapsöl und würzt sie mit Salz und Pfeffer. Dann legt er sie im rechten Winkel auf die Rillen einer bereits heissen Grillpfanne: «Sechs bis neun Minuten unter gelegentlichem Wenden grillen, bis die Spargeln gerade mal al dente sind und leichte Grillspuren aufweisen.» – Kein Gericht, um es ohne Zähne zu essen, das nur zur Vorwarnung.
Dazu gibt es Feta (zu einem halben Kilo Spargel acht dünne Scheiben, etwa 60 Gramm) und, essenziell, die abgeriebene Schale einer unbehandelten Zitrone. Ein Fest.

Salaam Italia

Khalid Chaouki, der erste Muslim im italienischen Parlament,
kämpft für die Flüchtlinge und ein neues Italien.
 

Von Sacha Batthyany und Nicola Scevola
 

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Am 3. Oktober 2013, kurz nach vier Uhr morgens, kenterte ein Kutter wenige Hundert Meter vor der Küste Lampedusas. Er war in der libyschen Hafenstadt Misrata losgefahren und schon seit zwei Tagen auf See, 500 Männer und Frauen, die meisten aus Somalia und Eritrea, als der Motor ausfiel und ein paar der Flüchtlinge ihre T-Shirts anzündeten, um die Küstenwache auf sich aufmerksam zu machen. Doch das Feuer geriet ausser Kontrolle, Panik brach aus, das Schiff begann zu sinken und riss einige mit in die Tiefe, andere schwammen oder hielten sich an den Leichen fest, die auf der Oberfläche trieben. Die Fischer Lampedusas wunderten sich über die gellenden Schreie der Möwen an jenem Morgen, der Wellengang war hoch, wie immer zu dieser Jahreszeit. Erst nach einer Weile bemerkten sie, dass es keine Vögel waren da draussen, sondern Menschen – und sie retteten 155 aus dem Wasser, über 300 starben. Taucher berichteten, sie hätten Kinderleichen auf dem Meeresgrund entdeckt.
Der Arzt auf Lampedusa, Pietro Bartolo, sagte: «Ich habe noch nie solch eine menschliche Tragödie gesehen.»
Die Bürgermeisterin Lampedusas, Giusi Nicolini, sagte: «Es ist furchtbar, einfach nur furchtbar.»
Angela Merkel sagte, sie sei tief bestürzt, und José Manuel Barroso, damals EU-Kommissionspräsident, schritt an den Särgen vorbei, die im Flughafenhangar der Insel aufgereiht waren, und sprach davon, wie er all diese Toten sein Lebtag nicht vergessen werde. «Es muss, muss, muss anders werden!», rief der italienische Innenminister Angelino Alfano beim selben Anblick, und Cecilia Malmström, damalige EU-Innenkommissarin, sagte: «Das ist das Bild einer Union, die wir nicht wollen.»
366 Särge waren es am Ende, braune Kästen mit namenlosen Leichen, und die, welche überlebt hatten, kamen ins Flüchtlingslager nebenan. Sie erhielten neue Kleider, lagen auf ihren Matratzen, rauchten und hörten vielleicht, wie all die Politiker nach ein paar Tagen in ihren Helikoptern wieder davonflogen; der Journalistentross zog weiter, es wurde kalt auf Lampedusa, der Winter kam, als ein junger Mann beschloss, nach ihnen zu sehen.
Aber Khalid Chaouki, frisch gewählter Abgeordneter des sozialdemokratischen Partito Democratico, der erste Muslim in Italiens Parlament, ein Junge aus Marokko, hatte nicht vor, nur Hände zu schütteln und nach ein paar Interviews wieder zu verschwinden. Chaouki nahm sich eine Matratze und legte sich neben sie. Er sprach ihre Sprache, nahm Notizen, machte Selfies von sich auf dem Bett, wie das 32-jährige Menschen heute eben tun, und stellte sie ins Netz. Er twitterte «buona notte da #lampedusa», schrieb auf seinem Smartphone Medienmitteilungen auf Italienisch und Englisch, in denen er den Alltag der Menschen beschrieb, den Schimmel in der Dusche, überforderte Wärter, die den Insassen befehlen, sich draussen im Hof nackt auszuziehen, und sie mit Desinfektionsmittel gegen Krätze einsprühen. «Ich gehe erst, wenn sich das hier bessert», postete er auf Facebook – und Lampedusa war wieder zurück in den Schlagzeilen.
Giusi Nicolini, Bürgermeisterin dieses kleinen Stückchens Felsen, sprach daraufhin von KZ-ähnlichen Zuständen, weil die Menschen im Lager nur Nummern seien.
Die BBC rief an.
Italienische Politiker meldeten sich genervt aus ihren Weihnachtsferien und versprachen Besserung, und tatsächlich wurden die Flüchtlinge noch vor Ende des Jahres 2013 an einen anderen Ort verlegt mit Flugzeugen der Poste Italiane. Und er, Khalid Chaouki, geboren in Casa­blanca, wurde landesweit bekannt.
«Khalid for President», schrieb man ihm damals auf seine Facebook-Wall, und die Anzahl seiner Freunde und Follower wuchs im Minutentakt.
«Chaouki, du Kebabfresser, du lebst nicht mehr lange», schrieben seine Gegner, und auch die formierten sich, mittlerweile erhält er mindestens eine Morddrohung pro Woche.
Damals, Anfang 2014, rechnete er nicht damit, dass er ein Jahr später im Weissen Haus bei Präsident Obama zu Abend essen würde, weil er als Symbol für gelungene Integration junger Muslime in Europa gilt. Weil er einen Draht hat zu den jungen Einwanderern aus Afrika und ihre Geschichten kennt.
Womit er aber immer rechnete, waren neue Schiffsunglücke, schlimmere als jenes im Oktober 2013. Neue Schreie ertrinkender Männer und Frauen, die tönen wie Möwen, neue Kinderleichen auf dem Meeresgrund, wie jetzt wieder im April.
Eineinhalb Jahre sind zwischen den beiden Tragödien vergangen, mehr als 5000 Flüchtlinge starben seitdem auf ihrer Reise übers Meer. Politiker haben Reden gehalten, Prominente Geld gesammelt, der Papst hat für die Toten gebetet, und Chaouki war jeden Tag unterwegs, in Lagern und Problemvierteln, auf den Schiffen der italienischen Marine, die für die Operation Mare Nostrum Flüchtlinge in Seenot aufgriff. Er war auf Gemüseplantagen im ganzen Land, dort, wo einige der jungen Afghanen und Syrer, Bangladesher und Inder landen, wenn sie einmal Arbeit finden, wobei man von Arbeit nicht reden kann, denn sie werden gehalten wie Tiere.
Hat sich sein Einsatz gelohnt? Hat sich irgendwas zum Besseren verändert?
Stille. Khalid Chaouki ist in Strassburg an einem Parlamentariertreffen, Angela Merkel spricht mit Matteo Renzi, David Cameron hat seinen Wahlkampf unterbrochen, die ganze politische Klasse Europas tagt in irgendwelchen Zimmern. Es ist Ende April 2015, vier Tage sind vergangen, seit 800 Menschen vor Lampedusa starben. Chaouki schweigt und sagt schliesslich: «Nein. Natürlich nicht.» Betrachte man die Zahlen, dann habe sich gar nichts verbessert, im Gegenteil. Nur der Druck sei grösser, endlich etwas tun zu müssen. Lampedusa habe bis vor kurzem kaum jemanden interessiert, «nun geht es um die Würde Europas. Wir müssen Lösungen präsentieren.»
Und die wären?
 

Wie in Guantánamo
Ein Jahr zuvor, an einem wolkenlosen Tag, steuert Khalid Chaouki seinen grauen Fiat Freemont durch den dichten Verkehr Roms. Er telefoniert, schreibt ein paar SMS, checkt sein Twitter-Konto, während er nebenbei erklärt, was in der europäischen Flüchtlingspolitik alles schiefläuft. Chaouki ist auf dem Weg nach Ponte Galeria in ein sogenanntes Identifikationszentrum. Es befindet sich ausserhalb der Stadt, eingefasst von schmutzigen Feldern, und erinnert von weitem an die Gefangenenlager Guantánamos: Hohe Zäune mit Stacheldraht umgeben das Gelände, Wachtürme an jeder Ecke, Innenhöfe ohne Schatten. Hierher kommt, wer auf einem der Schiffe aus Afrika unterwegs nach Europa von der Polizei festgenommen wurde, wer keine Papiere hat, weil er sie wegschmiss.
Es gibt in ganz Italien 13 dieser Zentren, doch Ponte Galeria hat einen besonders schlechten Ruf. Mehrmals haben sich Migranten ihre Münder zugenäht, um gegen die unmenschlichen Bedingungen zu protestieren. Sie zogen kleine Metallstäbe aus ihren Feuerzeugen, rissen Fäden aus ihren Laken und stachen sie sich in die Lippen.
Chaouki ist nicht zum ersten Mal hier. Gemeinsam mit Juristen vermittelt er zwischen Migranten und der Polizei und konnte in kurzer Zeit einiges bewirken: Hunde werden nicht mehr eingesetzt, um Druck auf die Insassen auszuüben. Die Beratung habe sich verbessert, heisst es aus NGO-Kreisen, es komme zu regelmässigen Treffen mit den Botschaften.
Kurz vor dem Eingangstor des Lagers bleibt Chaouki stehen, steigt aus und beginnt mit einem jungen Senegalesen zu sprechen, der am Strassenrand wartet. «Die Polizei hat mich erwischt, als ich Taschen in Roms Gassen verkaufte», sagt der Mann. Er hatte kein Visum und keinen Pass, also brachte man ihn nach Ponte Galeria und liess ihn heute frei, «nach drei Monaten», weil keiner wusste, was man mit ihm soll. So wie dem Senegalesen geht es den meisten hier. Sie werden aufgegriffen, enden auf irgendwelchen Stockbetten, wo sie bis zu sechs Monate verbringen, unterschreiben Formulare, die sie nicht verstehen, und werden wieder vor die Tür gesetzt.
«Was wirst du jetzt tun?», fragt Chaouki. «Keiner da, der dich holt?»
Der Senegalese schüttelt den Kopf: «Wer denn?»
 

Der Geschichtensammler
Es ist früher Nachmittag. Um diese Uhrzeit dürfen sich alle in den Innenhöfen frei bewegen, ein langer Korridor, umgeben von sechs Meter hohen Gittern, keine Bäume, keine Bänke, Flugzeuge vom nahen Flughafen Fiumicino donnern über die Köpfe der meist jungen Männer, die hier draussen stehen und rauchen. Als sie Chaouki sehen, kommen sie auf ihn zu. Einige kennen ihn und schütteln seine Hand, andere nähern sich ihm langsam und erzählen ihm zögerlich ihre Geschichte: von der Überfahrt, der Polizei, ihren Familien zu Hause. Chaouki schreibt sich ihre Namen auf, macht Notizen, aber vor allem hört er ihnen zu, zwei, drei Stunden lang. Er war Journalist, bevor er Abgeordneter der Sozialdemokraten wurde, das sieht man, und er wird die einzelnen Lebensgeschichten, die er sich notiert hat, später mit Juristen durchgehen und schauen, was sich machen lässt. Dann steigt er wieder in sein Auto, auf dessen Rückbank sich zwei Kindersitze befinden. Vor dem Eingangstor sucht er nach dem Senegalesen, den er angesprochen hat, doch der ist weg, verschwunden in einem der anonymen Wohnhäuser am Stadtrand Roms. Er wird in ein paar Tagen wieder Taschen verkaufen in Trastevere oder Sonnenbrillen auf dem Campo dei Fiori, wer weiss das schon; einer dieser Schwarzen halt, an denen die Touristen, die das ganze Jahr über die Innenstadt verstopfen, vorbeiziehen, als existierten sie nicht.
Chaouki braust wieder zurück in die Stadt, er hat Dutzende von Nachrichten auf seinem Telefon, das er wie ein Süchtiger einmal pro Minute in die Hände nimmt. Er ist spät dran. Er wollte doch seiner Frau helfen, wollte mit seinen Söhnen spielen, Adam und Ilias, fünf- und dreijährig, doch jetzt steckt er im Stau, nichts geht mehr, weder vorwärts noch rückwärts; für jemanden, der so rastlos ist wie er, ist der Abendverkehr Roms die Höchststrafe.
 

«Geh zurück zu deinen Ziegen»
1992 kamen Khalids Eltern von Marokko nach Italien und lebten in einer Einzimmerwohnung ohne Heizung in Reggio Emilia. Sie besassen einen Kebabstand, der aber nicht gut lief, und weil Italien in der Krise ist und es keine Arbeit gibt, zogen sie weiter an den Stadtrand von Charleroi, belgische Öde, kurz nachdem ihr Sohn Khalid 2013 jüngstes Parlamentsmitglied wurde. Chaouki spricht nicht gern über seine Eltern, sagt nur, dass es vielen so gehe wie ihnen, die Zahl der Migranten in Italien nehme in Wirklichkeit ab. Auch wenn alle das Gegenteil behaupten. «Zwar steigt auch hier die Angst vor Überfremdung, wie überall in Europa, dabei ziehen viele der Flüchtlinge weiter in den Norden», nach England, nach Skandinavien, weil sie keine Arbeit finden.
Im Unterschied etwa zu Holland, Deutschland oder der Schweiz hat Italien keine Erfahrung mit Einwanderern. Noch vor Jahren gab es kaum Menschen mit ausländischem Hintergrund in höheren Ämtern, keine Ärzte, keine Lehrer, und so ist Chaoukis Generation der heute 30-Jährigen die erste, die in der italienischen Gesellschaft angekommen ist. «Ich bin ein neuer Italiener», beantwortet er die Frage nach seiner Identität, stolz auf seinen italienischen Pass und seine marokkanischen Wurzeln, ein Muslim im Zentrum der christlichen Welt. «Salaam Italia» heisst sein erstes Buch, in dem er aufgeschrieben hat, wie so ein Leben geht zwischen den Kulturen und Religionen. «Ich bin ein Symbol dafür, dass man es schaffen kann», sagt er selbstbewusst, und es gibt viele, denen es bei solchen Sätzen Schaum vor den Mund treibt: «Geh zurück zu deinen Ziegen, wo du herkommst», schreiben sie ihm auf seine Facebook-Seite, «du hast hier nichts verloren, und nimm die Zigeuner gleich mit.»
«Natürlich verstehe ich die Angst vieler Italiener», sagt er und hupt und flucht über den Verkehr wie ein echter Römer. «Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Wir haben grosse soziale Probleme in den Aussenbezirken.» Diese Angst aber lasse sich abbauen, dafür brauche es Zeit; blanker Rassismus allerdings sei das andere, der sei hartnäckig und tief verwurzelt. Bereits als Kind habe er damit Erfahrungen gemacht. Er war der einzige Ausländer seiner Klasse in einem Dorf in der Nähe Parmas. Als ein Regenschirm verloren ging, hat man natürlich ihn bezichtigt, den kleinen Marokkaner, «marocchino bastardo». Und Jahre später, 2001, als Präsident der Jungen Italienischen Muslime, wurde er nach den Anschlägen auf die Twin Towers in New York als Radikaler verunglimpft – dabei ist das Gegenteil der Fall.
«Khalid war der Erste, der sich für einen italienischen Islam starkmachte», sagt Adil El Marouakhi, Direktor eines interkulturellen Zentrums in Reggio Emilia und Khalids langjähriger Freund. «Er proklamierte einen neuen, einen progressiven Islam, der weniger geprägt sei von der arabischen Kultur, und viele der Jungen, die ihm zuhörten, konnten sich damit identifizieren.»
Nach der zweistündigen Fahrt von Ponte Galeria ist Chaouki endlich in der Nähe seiner Wohnung, keine zehn Minuten vom Bahnhof Termini entfernt. Er stellt den Wagen ab und eilt zur Piazza Vittorio, wo seine Söhne auf ihn warten. «Papa», rufen sie von weitem, und er rennt ihnen entgegen.
 

Auf den Schiffen der Marine
Vier Monate später, Oktober 2014, steht Chaouki in der grossen Halle des Flughafens Catania. Er hat ein paar Parlamentarier eingeladen, gemeinsam wollen sie sich ein Bild machen von der Operation Mare Nostrum, einer humanitä­ren Mission, die am 18. Oktober 2013 startete, kurz nach der Lampedusa-Tragödie: Fünf Marineschiffe, begleitet von vier Helikoptern, drei Flugzeugen und zwei Drohnen halten Ausschau nach Menschen in Not, bis zu 90 Seemeilen von der italienischen Küste entfernt. Doch schon jetzt, nach einem Jahr, soll Mare Nostrum eingestellt und durch die Operation Triton ersetzt werden, weil das alles viel zu teuer sei, 9 Millionen Euro im Monat. Ausserdem würde ein Anreiz geschaffen, so sagt es Deutschlands Innenminister Thomas de Maizière: Noch mehr Menschen würden versuchen, übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen, jetzt, da die Marine Notleidenden hilft.
Chaouki sieht das anders. «Menschen fliehen in Nussschalen übers Mittelmeer, weil sie keine Zukunft mehr haben. Sie kommen sowieso, ob sie nun aufgelesen werden oder nicht», sagt er, umringt von seinen Politikerkollegen. Deshalb ist er ge­kommen, um für Mare Nostrum zu werben. Gemeinsam folgen sie einem Marineoffizier in blütenweisser Uniform in einen Bus, der sie zu zwei grauen Helikoptern führt. 40 Minuten dauert der Flug übers Meer bis auf das Deck der San ­Giusto, ein 136 Meter langes Schiff der italienischen Marine, in dessen Bauch sich Hunderte von Flüchtlingen befinden, die aufgelesen wurden, kurz bevor sie ertrunken wären.
Khalid Chaouki und seine Parlamentarier, alles Männer, die sich ein wenig fühlen wie auf einem Abenteuerurlaub, werden auf der San Giusto von Kapitän Mario Mattesi begrüsst und von Admiral Massimo Vianello, der für die Koordination der gesamten Operation Mare Nostrum verantwortlich ist – zwei Männer, die vielleicht mehr über das Flüchtlings­desaster der letzten Jahre wissen als alle anderen, weil sie täglich die Leichen im Wasser einsammeln, als wären es PET-Flaschen, und in die Gesichter sehen von denen, die es eben noch geschafft haben. Die Offiziere bringen die Politiker in einen fensterlosen Konferenzraum mit Neonlicht an der Decke und beginnen ihre Powerpoint-Präsentation, kurze, militärische Sätze, jedes Wort ein Treffer:
— Sieben Schiffe voller Flüchtlinge sind täglich Richtung Italien unterwegs.
— Im Sommer mehr als im Winter.
— Die meisten starten von Zuwara oder Gasr Garabulli in Westlibyen. Andere von Ägypten. Selten von Tunesien. Flüchtlinge aus Zuwara reisen in der Regel in Holzbooten, während die aus Gasr Garabulli Schlauchboote benutzen, die in China hergestellt werden und bei den ersten Wellen kentern. Migranten aus Ägypten kommen auf alten Fischerbooten.
— Menschen flüchten, weil sie in ihren Herkunftsländern verfolgt werden oder weil sie keine Zukunftsperspektive haben. Die Kritik an Mare Nostrum, die Operation ziehe Flüchtlinge an, ist falsch. Die meisten Migranten sind männlich, meist unter 45, der Frauenanteil liegt bei 10 Prozent, Jugendliche sind selten, kommen aber vor. Kleinkinder ebenso.
— Seit dem Start der Operation Mare Nostrum wurden 330 Menschenhändler festgenommen.
— Noch Fragen?
 

Ein Land ohne Bomben
Chaouki wippt mit den Füssen, wie ein Schüler, der bereits alles weiss und nicht warten kann, bis es weitergeht. Eine Stunde schon dauert die Präsentation, telefonieren kann er nicht, sein iPad muss in der Tasche bleiben, er will zu den Migranten, deshalb ist er gekommen. Endlich verteilt ein Arzt des Gesundheitsministeriums Ganzkörperanzüge, Masken und Handschuhe und führt die Gruppe von Männern, die aussehen wie Ärzte im Ebola-Gebiet, in eine Halle von der Grösse eines Fussballfeldes, in der sich die Flüchtlinge befinden. Sie sitzen am Boden, eng beieinander, ohne Matratzen, keine Kissen. Manche haben sich Nummern auf die Hosen geschrieben, damit man ihre Verwandten anrufen kann, falls man sie tot aus dem Wasser zieht. Es gibt drei Toiletten, eine Ecke für medizinische Notfälle, einen Isolationsraum für Menschen mit ansteckenden Krankheiten und ein Abteil für Frauen und Kleinkinder, getrennt nur durch eine blaue Plane.
Insgesamt sind 774 Flüchtlinge an Bord, die meisten aus Afrika, erstaunlich viele Familien, 74 Jugendliche ohne Eltern. Die Luft ist schwül, speziell unter den weissen Anzügen, die Politiker fluchen. Sie wissen nicht genau, wie sie sich verhalten sollen, nur Chaouki ist in seinem Element. Im Unterschied zu den anderen, die eng beieinander stehen bleiben, schüttelt er Hände, spricht Englisch, Französisch und Arabisch, macht sich Notizen, so wie in den Lagern in Rom, so wie auf Lampedusa, so wie fast jeden Tag seit Monaten.
«Warum haben Sie sich auf die Reise gemacht?», fragt er einen Syrer, der mit seiner Frau und fünf Kindern unterwegs war, als sein Boot kenterte.
«Entweder wir sterben zu Hause oder auf der Überfahrt», antwortet der Mann, was mache das für einen Unterschied.
«Was erwarten Sie sich von Italien?», fragt er einen Jugendlichen.
«Ein Land ohne Bomben.»
So geht das weiter, bis die San Giusto am frühen Nachmittag den Hafen von Reggio Calabria erreicht, wo Polizisten auf die Migranten warten, Routineangelegenheit an Europas Küsten. Sie stellen sich in Reihen auf, Jugendliche da, Familien dort. Es sind dieselben Gurtbänder wie an den Flughäfen, wo Menschen geordnet Schlange stehen auf ihrem Weg zu Geschäftsterminen oder in die Flitterwochen, aber dieser Hafen hier hat damit nichts zu tun, es ist dessen Antipode.
«Wer keinen Pass hat und sich weigert, Fingerabdrücke zu hinterlassen, kann trotzdem passieren – was sollen wir denn tun?», sagt ein Polizist. Sie hätten keine Zeit, jeden Einzelnen zu überprüfen, die nächste Schiffsladung komme in wenigen Stunden. «Und wenn ich ehrlich bin», sagt er noch, «dann würde ich als Flüchtling auch nichts unterschreiben und Italien so schnell wie möglich verlassen.»
Italiens Asylwesen wird immer wieder kritisiert, die Grenzkontrolle sei zu nachlässig, Akten würden verschwinden; der Informationsaustausch (Eurodac) gestalte sich schwierig, heisst es gerade auch von Schweizer Behörden, die acht von zehn Flüchtlingen, die über Italien nach Chiasso kommen, wieder zurückschicken – was gemäss Dubliner Übereinkommen auch rechtmässig ist. Doch die Bedingungen in Italien sind derart prekär, dass nicht einmal die Grundversorgung gewährleistet ist. «Was wir hier sehen, passiert in Italien jeden Tag an mehreren Orten rund um die Uhr», sagt Chaouki und zeigt auf die Menschen in löchrigen T-Shirts, die später in Busse verfrachtet werden und irgendwann auf den Strassen landen. «Manchmal muss man Dinge mit eigenen Augen sehen, um das ganze Chaos zu verstehen», sagt er.
 

Hochzeitsreise nach Paris
Khalid war neun Jahre alt, als er nach Italien kam, ein schmächtiger Junge, der stark an Asthma litt. Man brachte ihn in eine Klinik in der Nähe des Skiortes Cortina d’Ampezzo, die christliche Nonnen leiteten. Dort hatte er ein religiöses Erwachen, so nennt er es heute, er fing an, fünfmal am Tag zu Allah zu beten auf einem kleinen Teppich unter den Jesuskreuzen an der Wand. 2001 war er einer der Gründer der Jungen Muslime Italiens, «er hat früh gelernt, sich zu behaupten», sagt seine Frau Khalida, die ebenfalls aus Marokko stammt und gemeinsam mit ihrem Mann 2007 die italienische Staatsbürgerschaft erhielt. «Früher hatten wir dauernd Angst, Italien verlassen zu müssen. Auf unserer Hochzeitsreise wollten wir nach Paris, da hatten wir noch keine EU-Pässe, und wir wurden an der Grenze zurückgehalten»; auch das habe ihn zu dem gemacht, was er heute sei, erzählt Khalida über ihren Mann. «Er kam von ganz unten, und heute ist er im Parlament: Das ist sein Bild von Europa, dafür kämpft er.»
Khalida studierte Pädagogik und arbeitet heute nachts in einem Migrantenheim für Kinder. Sie trägt das traditionelle Kopftuch, ihre Lippen sind geschminkt. «Wir waren überglücklich, als er ins Parlament gewählt wurde, der erste Politiker Italiens aus Marokko, der erste Muslim, aber wir wussten auch, dass sich unser Leben verändern wird.»
Die Presse fiel über sie her, und wenn ihr Mann wieder mal in einer Talkshow antritt, wie jüngst gegen Matteo Salvini von der Lega Nord, der ihm zurief, er solle doch nach Syrien, in Italien habe er nichts verloren, dann sei in den sozialen Medien die Hölle los. «Das Land muss sich in Zukunft noch mehr öffnen. Ich hoffe es auch für unsere Kinder», sagt Khalida. Manchmal, wenn alles zu viel werde, wenn ihr Mann Khalid dauernd am Handy hänge und er zwischen zwei Gutenachtgeschichten twittere und Sky-TV ein Interview verspreche, «dann verstecke ich alle seine Geräte, seine Telefone und Tablets, weil er sonst nie aufhört».
 

Stundenlohn 3 Euro
Wieder auf der Strasse. Eine neue Woche, eine neue Expedition Chaoukis. Nachdem er die Flüchtlingslager abgeklappert hat, auf den Schiffen war und in den Aussenquartieren, macht er sich auf, um sich die Arbeitsbedingungen genauer anzusehen von denen, die in Italien bleiben. Chaouki rast mit seinem Auto nach Sabaudia, 90 Kilometer ausserhalb Roms, dafür braucht er eine gute halbe Stunde. Jemand sagte ihm, dass es indische Sikhs gebe, die gehalten würden wie Sklaven. Das Amphetamin und Opium, die einige benötigten, um die Müdigkeit und die Strapazen der Feldarbeit auszuhalten, bekämen sie gleich von ihren Arbeitgebern geliefert. Chaouki hat daraufhin seine Anwälte informiert, ein paar Journalisten angerufen, und schon ist er unterwegs in dieser ländlichen Gegend, wo heute über 8000 landwirtschaftliche Unternehmen ihr Gemüse und ihre Früchte anbauen, die auch in der Schweiz auf dem Teller landen, aber das nur so nebenbei.
«Die meisten der Arbeiter auf dem Feld sind illegal hier», sagt Marco Omizzolo, ein Mann, der die Gegend gut kennt; er war es, der Chaouki kontaktierte. «Sie kamen vor Jahren nach Italien und sind einfach geblieben.» Menschen aus Bangladesh und Indien, erstaunlich viele Sikhs, sagt Omizzolo, «stolze, in sich gekehrte Männer. Man muss sie gut kennen, damit sie erzählen, welche Substanzen sie einnehmen, um so eine Zucchini-Ernte zu ertragen.»
In einem nahen Sikh-Tempel trifft Chaouki auf Gurvinder Singh, einen Bauern aus Punjab, der älter wirkt als seine 28 Jahre. Singh kam 2011 nach Italien mit einem Arbeitsvisum für neun Monate, das längst abgelaufen ist. «Wir werden gezwungen, 13 Stunden am Tag zu arbeiten, sieben Tage die Woche», erzählt er nach einer Weile; dann verstummt er wieder, was Chaouki kaum aushält.
«Der Stundenlohn beträgt 3 Euro», fährt der junge Bauer aus Indien endlich fort, ein kräftiger Mann, mehr als einen Kopf grösser als Chaouki. Er arbeite für einen Gemüsebetrieb, sein Chef, ein Italiener, schulde ihm 6000 Euro, behauptet Singh, die Arbeit für sechs Monate. «Wenn wir ihn darauf ansprechen, droht er damit, das Geld für immer zu behalten.»
Chaouki, der so viele Geschichten gesammelt hat über die Flüchtlinge und deren Blick auf sein Italien, wirkt schockiert. «3 Euro in der Stunde?»
«Ja», antwortet Singh, «ich fühle mich betrogen und vergewaltigt.»
Chaouki greift zum Telefon, benachrichtigt Politiker, noch mehr Journalisten. Dem leisen Singh, der so ungern über sich spricht, wird der ganze Rummel unheimlich, aber da ist Chaouki schon nicht mehr zu stoppen. Er steigt ins Auto, wütend fährt er zu Ortoverde, einem Gemüse- und Früchteproduzenten, der 80 Prozent seiner Ernte nach Deutschland, Österreich, auch in die Schweiz exportiert, vor allem Karotten, Kraut und Kohlrabi. Er hat keinen Plan, als er den Besitzer, einen Herrn namens Sergio Filosa, mit den Vorwürfen konfrontiert, wie er sich dabei fühle, seinen Angestellten 3 Euro zu bezahlen, worauf ihn Filosa von seinem Grundstück jagt. «Das ist moderne Sklaverei, einen Katzensprung von Rom entfernt», wird Chaouki später in die Fernsehkameras sagen, die er selber bestellt hat. Auch so kommt man in die Schlagzeilen.
Nicht alle seiner Parteimitglieder mögen Chaoukis Auftritte, er sei zu jung, zu unerfahren, er mache es sich zu leicht, weil er Probleme zwar anspreche, sie aber nicht löse. Chaouki kennt die Vorwürfe aus den eigenen Reihen, doch sie lassen ihn kalt. «Die Linke in ganz Europa leidet unter Komplexen. Aus lauter Angst, es sich mit jemandem zu verscherzen, haben sie vergessen zu handeln. Und was ist passiert? Sie haben das Feld der Lega Nord überlassen, die im Fernsehen sagen darf, was sie will.»
Dinner im Weissen Haus
In den Wintermonaten November, Dezember verschwinden die Bootsflüchtlinge aus den Medien, obwohl die Zahlen alarmierend sind. Es sind zwar weniger als im Sommer, doch im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl verzehnfacht.
Dann folgt der Terrorakt auf die Zeichner von «Charlie Hebdo» in Paris, der Anschlag in Kopenhagen. Barack Obama und sein Aussenminister John Kerry organisieren in Washington eine Konferenz zur Terrorbekämpfung, und sie laden nebst Staatschefs auch wichtige Vermittler ein, Brückenköpfe aus Europa. Menschen, die beide Seiten kennen, keine Falken, eher Tauben, darunter den Bürgermeister Rotterdams, Ahmed Aboutaleb, und den 32-jährigen Kahlid Chaouki, den rastlosen Journalisten, der das Italien der Migranten so gut kennt wie kaum ein anderer. Er gelte als Stimme des neuen Italien, so stellt er sich vor und spricht in der Rede von seinen Plänen, ein neues Davos zu organisieren, aber nicht für die Grossen und Mächtigen, sondern für den arabischen Raum, speziell für die Jugend, jene Menschen, die illegal nach Europa kommen wollen. «Man muss ihnen zuhören, auf ihre Bedürfnisse eingehen», sagt er, nur so könne man sie von der Reise über das Mittelmeer abhalten. Am Abend isst er im Weissen Haus, wo ihn viele für einen Praktikanten halten, das erzählt Chaouki am nächsten Tag in einer Filiale von Subway in der Nähe des Aussenministeriums und lacht, während er an einem Roastbeefsandwich kaut und über sein weisses iPhone fegt. «Die italienische Nachrichtenagentur braucht ein paar Zitate», sagt er mit vollem Mund, aus den Boxen an der Decke singt Taylor Swift.
Es ist Mitte Februar, in Washington tobt ein Schneesturm, Chaouki steht eingehüllt in seinen Mantel am Strassenrand. «Es wird wieder zu Tragödien auf dem Meer kommen, die Lage in Libyen und in Syrien ist ausser Kontrolle.» Er sei mit den Leuten vor Ort in Kontakt. «Die warten nur, bis es wieder etwas wärmer wird und das Meer sich beruhigt.»
Was kann man tun, um die Katastrophe zu verhindern?
«Wir müssen die Operation Mare Nostrum wieder ins Leben rufen, es ist unsere Pflicht, Flüchtlinge in Seenot vor dem Ertrinken zu retten, das Meer ist längst ein Friedhof. Gleichzeitig braucht es Auffanglager der EU in Afrika. Die Flüchtlinge sollen Asyl beantragen können, bevor sie sich auf die Reise machen. Es bräuchte ein Quotensystem, damit sie gerecht unter den Ländern Europas verteilt werden können, das Dubliner Übereinkommen taugt nichts, zu viel lastet auf den Schultern Italiens.» All das sagt Chaouki, während wir die Strasse überqueren zu Obamas Konferenz.
 

800 Tote? Ja, 800.
Zwei Monate später, in der Nacht vom 18. auf den 19. April, kentert ein völlig überladener Fischkutter rund 200 Kilometer von Lampedusa entfernt. 800 Menschen sterben. Die Betroffenheit ist gross, aber es gibt keine Demonstrationen in europäischen Innenstädten, ein paar Kerzen vielleicht, aber keine Lichterketten, keine Schweigeminuten wie nach dem Attentat in Paris. Es sind ja auch nicht unsere Toten, die auf dem Meeresgrund liegen, nachdem sie um Hilfe schrien, was tönte, als wären es Möwen. Vier Tage später treffen sich Europas Staats- und Regierungschefs zu einem Sondergipfel in Brüssel. Merkel sagt, sie sei «erschüttert», im Oktober 2013, beim ersten Unglück, war sie noch «tief bestürzt».
David Cameron sagt nicht viel, denn er ist im Wahlkampfmodus und wägt jedes seiner Worte ab.
Papst Franziskus betet, spricht später von «tiefem Schmerz» und hat Tränen in den Augen, während Tony Abbott, der Regierungschef Australiens, den Europäern empfiehlt, die Grenzen endlich dichtzumachen und das Meer zu sperren, so wie er das tue.
«Es braucht europäische Asylbüros in afrikanischen Ländern», fordert Italiens Regierungschef Matteo Renzi, es sind Chaoukis Worte; sowieso sind sich plötzlich alle einig, Mare Nostrum sei richtig gewesen. Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière stand vor einem Jahr noch auf der Bremse und fand alles zu teuer, jetzt sagt er: «Seenotrettung ist das Erste, Wichtigste und Dringlichste, was unverzüglich beginnen muss.» Also verdreifachten sie das Budget – das zwei Jahre zuvor schon einmal so hoch war, dann aber um zwei Drittel gekürzt wurde –, etwas mussten sie ja tun; allerdings sind in der Zwischenzeit 5000 Menschen ertrunken. Es gibt keine Logik in der Asylpolitik Europas, es gibt nur kopfloses Agieren und ein bisschen Betroffenheit.
Was fühlen Sie, wenn Sie von Ihrem Büro hinaus aufs Meer schauen, Frau Nicolini?
Giusi Nicolini, die Bürgermeisterin Lampedusas, sagt: «Trauer. Ich denke an die Tausenden von Menschen am Meeresgrund, die nie ein Begräbnis bekommen werden und über die niemand spricht. Ich denke an die 366 Särge vor 19 Monaten im Hangar meiner Insel. Es waren nicht genug, um die europäischen Politiker wachzurütteln. »
Ein paar Tage vor der Tragödie fuhr Khalid Chaouki nach Catania, um ein Flüchtlingsheim zu inspizieren. Er fuhr ohne Anmeldung, machte Fotos, tat, was er immer tut: Er sprach mit den Menschen und versuchte, ihre Lage zu verbessern, sei es auch nur, die Ration an warmem Wasser zu erhöhen. Bei den Sikhs in Sabaudia hat er auch erreicht, dass die Gewerkschaften zu intervenieren begannen und höhere Stundenlöhne fordern. Es sind nur Tropfen im Meer, aber immerhin.
Er fuhr weiter nach Pisa an eine Konferenz über Migration und war schon auf der Rückfahrt nach Hause, als ihn die Nachricht erreichte. Er rief das Innenministerium an, um die Anzahl der Toten zu verifizieren. 800? Ja, 800.
Dann schrieb er seiner Frau, wie er sich fühle, und stellte sein Telefon für wenige Minuten auf lautlos.
 

Sacha Batth yany ist Redaktor bei «Das Magazin»; sacha.batthyany@dasmagazin.ch
Nicola Scevola ist freier Journalist und lebt in Mailand. nscevola@gmail.com

Selbstsabotage der FDP

Es ist ein sicheres Indiz dafür, dass eine Debatte zur propagandistischen Schaumschlägerei verkommt, wenn die Sonntagszeitungen «geheime Papiere» vorlegen, die in Tat und Wahrheit schon lange öffentlich sind und nur deshalb nicht zur Kenntnis genommen wurden, weil sie nicht die geringste Substanz haben. Im immer gehässiger werdenden Abstimmungskampf zur Revision des Radio- und Fernsehgesetzes ist es mal wieder so weit: Die «Schweiz am Sonntag» hat am letzten Wochenende nach allen Regeln des Pseudo-Primeurs ein Papier von FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen zum Scoop erhoben, das schon lange auf dem Netz abrufbar ist und wohl vor allem deshalb zuvor niemanden interessiert hat, weil es nur in einer Hinsicht aussagekräftig ist: als ­Dokument der erschütternden medienpolitischen Ahnungslosigkeit des «Medienpolitikers» Wasserfallen.
Wasserfallen, der auch als Vizepräsident der Blocher-nahen «Aktion Medienfreiheit» amtet, skizziert in einem Fünfpunkteplan seine Vorstellungen von der SRG aus «liberaler» Perspektive. En passant begründet er auch noch, weshalb er die zur Abstimmung stehende Gebührenerhebungsreform, bei der es gar nicht um die Definition des SRG-Auftrags geht, zur Ablehnung empfiehlt. Seit dem Nein zur RTVG-Revision durch die FDP-Delegierten darf sich der Nationalrat nun nicht nur von der Gesamt-SVP, sondern sogar von seiner eigenen Partei getragen fühlen.
Der wichtigste Reformvorschlag von Wasserfallen betrifft die Ausgewogenheit zwischen den Sprachregionen. Die minoritären Landessprachen sollen überproportional gefördert, die Deutschschweiz zu einer Gebührenumverteilung gezwungen werden. Diese Forderung ist einleuchtend; allerdings scheint es dem FDP-Medienpolitiker entgangen zu sein, dass er damit keinen Reformvorschlag aufstellt, sondern den Istzustand beschreibt. Im Jahr 2014 wurden 71 Prozent der Einnahmen in der Deutschschweiz erzielt, aber nur 45,6 Prozent der Mittel für deutschsprachige Kanäle ausgegeben. Mehr als ein Drittel der Gelder wird aktuell also umverteilt – ein massives Investment in den Ausgleich zwischen den Sprachregionen.
Seltsam sachfremd erscheint auch Wasserfallens Beleg für die vermeintliche Tatsache, dass die Deutschschweizer SRG überdotiert sei. Er glaubt, dies ergebe sich daraus, dass auch Kanäle von debattierbarer Unverzichtbarkeit wie beispielsweise SRF Info betrieben werden. Unberücksichtigt bleiben bei dieser Argumentation die realen Kostenstrukturen: Nicht das Unterhalten eines Sendekanals schlägt zu Buche, sondern die Bereitstellung von Inhalten. Da SRF Info lediglich Informationssendungen von SRF 1 wiederausstrahlt, sind die Kosten dieses Senders äusserst tief. Die wirklich relevante Frage ist nicht, wie viele Sender die SRG sich leistet, sondern, über wie viel Mittel sie verfügen muss für teure Eigenproduktionen. Wenn Wasserfallen der Ansicht ist, die Eigenproduktion soll zurückgefahren und beispielsweise ein Format wie «Der Bestatter» nicht mehr finanziert werden, dann soll er das öffentlich so deklarieren.
Deutlich macht der Nationalrat immerhin, dass er generell bei der Unterhaltung abbauen will. Unterhaltungssendungen, die auch von Privaten produziert werden könnten, sollen künftig nicht mehr zum SRG-Auftrag gehören. Auch hier manifestiert sich eine eher realitätsferne Vorstellung vom Medium Fernsehen. In allen Ländern mit einem öffentlich-rechtlichen, gebühren-finanzierten Rundfunk sind die öffent­lichen Anstalten massiv bei Unterhaltungssendungen (und Sport) engagiert. Ganz besonders gilt dies von der absurderweise immer als Gegenmodell zitierten BBC. Fernsehsender können ihren kulturellen und informationspolitischen Auftrag nur erfüllen, wenn ein gewisser Unterhaltungsanteil zum Programm gehört. Eine Beschränkung auf Informationssendungen führt zur völligen Marginalisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wie das eindrücklich das Beispiel der USA belegt. Er erreicht dort einen Marktanteil von nicht einmal 2 Prozent.
Die politische Geschichte der Schweiz der letzten zwanzig Jahre ist leider zu guten Teilen die Geschichte der Selbstsabotage der FDP. Mit dem Nein zur RTVG-Revision hat der Freisinn es nun tatsächlich geschafft, seine autodestruktiven Triebe noch einmal zu überbieten. Gewerbeverbandspräsident Hans-Ulrich Bigler wird für seine an Stillosigkeit nicht zu übertreffende Anti-RTVG-Kampagne sogar mit einem bevorzugten Nationalratslistenplatz belohnt. Seit Jahren investiert Christoph Blocher gigantische Summen, um sich ein Medienimperium auf SVP-Linie zusammenzukaufen. Die Schwächung der SRG ist für ihn deshalb ein sorgfältig aufgegleistes, zentrales, strategisches Ziel. Die FDP hingegen wird bei einem Abbau der SRG politischen Schaden nehmen. Doch das hindert den Freisinn nicht im Geringsten daran, beflissen am eigenen Ast zu sägen.