Geld, Blut & Revolution?

Wird die Weltwirtschaft bald schon in die nächste Katastrophe stürzen, ausgelöst von Chinas Kreditblase, Europas Deflationstendenz, der Geldflut der japanischen Notenbank? Oder steht die Konjunktur trotz aller bösen Omen vor einer Renaissance, mit Griechenlands Rückkehr an die Kapitalmärkte und den zwar volatilen, aber im­mer noch hohen Börsenkursen? Darüber lässt sich gut spekulieren zwischen Karfreitag und österlicher Auferstehung.

Leider ist für solche Meditationen die Volkswirtschaftslehre ein kaum verlässlicherer Wegweiser als für die Erlösungshoffnungen die Theologie. Ein Grund mehr, über die Feiertage den neuen Essay «Mo­ney, Blood and Revolution» von George Cooper zu studieren. Das Werk analysiert auf brillante, pointierte Weise die Krise der ökonomischen Wissenschaft. Und entwirft interessante Perspektiven, wie sie zu überwinden wäre.

Cooper entwickelt die These, dass der heutigen Volkswirtschaftslehre eine tiefgreifende Erneuerung bevorsteht. Wie die ptolemäische Astronomie im 15. Jahrhundert immer raffiniertere Hypothesen und «Hyperzyklen» postulieren musste, um trotz ihrer falschen Grundannahme – nämlich dass die Planeten sich um die Erde drehen – die Bahnen der Himmelskörper einigermassen berechnen zu können, so versteigt sich die heutige Ökonomie in immer esoterischere mathematische Modelle, die die reale Funktionsweise der Wirtschaft dennoch nicht beschreiben, geschweige denn voraussagen können.

Coopers Darstellung der Denkschulen, die die heutige Ökonomie dominieren, und der bizarren Widersprüche, die sich aus ihrem fundamentalen Dissens ergeben, ist bestechend. So wird zum Beispiel einerseits die universitäre Ökonomie stark von neoklassischen Modellen dominiert, die davon ausgehen, dass Marktkräfte, die nicht verzerrt werden, zu einem optimalen Gleichgewicht tendieren. Andererseits betreiben alle Notenbanken einen massiven «monetaristischen» Interventionismus und versuchen über Geldmengensteuerung der gebeutelten Realwirtschaft auf die Beine zu helfen. Wie passt das zusammen? Überhaupt nicht. Nach Cooper sind solche Widersprüche das Symptom der fundamentalen Defizite der heutigen Nationalökonomie.

Einen Grundfehler des vorherrschenden Paradigmas erblickt er darin, dass zwar theoretisch die Tugend des Marktes im Anreiz zum Wettbewerb liegt, dass aber die gängigen ökonomischen Modelle Marktteilnehmer gar nicht als Konkurrenten im strengen Sinn, sondern als «Maximierer» beschreiben. Das rationale Wirtschaftssubjekt will, laut Lehrmeinung, seinen Gewinn maximieren. Der Wille zu maximalem Gewinn ist aber nicht deckungsgleich mit dem Willen, die Mit-Wettbewerber zu schlagen. Letzterer hat eine kollektive Dimension – meine Leistungsbereitschaft hängt davon ab, wie gut die Konkurrenten sind, die ich schlagen will – und ist sehr viel komplexer zu modellieren. Marktteilnehmer verhalten sich in der Regel wie Usain Bolt: Sie rennen nicht so schnell, wie sie könnten, sondern nur schnell genug, um zu gewinnen. Deshalb versagt laut Cooper die Ökonomie bereits vor der Aufgabe, die wirtschaftlichen Grundanreize zu formalisieren.

Das mangelnde Verständnis für die Einflüsse des sozialen Umfeldes führt auch dazu, dass die heutige Volkswirtschaftslehre die Wichtigkeit der institutionellen Rahmenbedingungen unterschätzt. Für Cooper ist wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, wie sie sich mit der Industrialisierung zu entwickeln begann, untrennbar mit demokratischen Regierungsformen verknüpft. Langfristige wirtschaftliche Wohlfahrt ist an ein institutionelles Setting gebunden, das die Einkommenstransfers von der Unter- zur Oberschicht (über Unternehmensgewinne und Kreditzinsen) durch Gegentransfers von oben nach unten (über progressive Steuern und Sozialleistungen) kompensiert. Wenn die Transfers nur in eine Richtung laufen, wird das System ineffizient und instabil.

Mit einem wirtschaftlichen «Zirkulationsmodell» will Cooper darlegen, weshalb zwar Einkommensunterschiede nötig sind, um Wettbewerb zu erzeugen, andererseits aber auch Ausgleichsmechanismen existieren müssen, damit der Wettbewerb nicht aufgrund zu grosser Einkommenspolarisierung zerstört wird.

Vernichtend urteilt Cooper über die Politik des billigen Geldes, mit der die Weltwirtschaft seit Jahrzehnten gedopt wird: Billiges Geld fördert Privatverschuldung – also längerfristig Vermögenstransfers von unten nach oben. Sinnvoller wäre gewesen, mit Staatsverschuldung gegen die Krise anzugehen und so von oben nach unten umzuverteilen. Die Auferstehung der Weltwirtschaft könnte auf sich warten lassen.

 

Insel der Seligen

Von Zürich bis London herrscht riesige Wohnungsnot. Nicht in Wien.
Was macht diese Stadt besser?

 

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Blick vom DC Tower auf die städtische Siedlung «Kaisermühlen»

an der Donau


Text Martin Beglinger
Bild Oliver Helbig


Die Wiener wohnen im Paradies. Sie leben in der «lebenswertesten Stadt der Welt», wie die grosse Mercer-Studie eben wieder befand, das dritte Jahr infolge. Dumm nur, dass es die Wiener selber nicht merken. «Ich sags den Politikern immer wieder: Die Lebensqualität von Wien ist längst kein Argument mehr, sondern ein Problem. Sie befördert eine Anspruchshaltung, die die Stadt nie erfüllen kann.»

Der dies den Politikern erklärt, heisst Dietmar Steiner, ist 62 und ein Mann, der fast alles weiss über das Wohnen in Wien und die Entwicklung dieser Stadt. Steiner – Bart, Brille, fröhlicher Kettenraucher – ist Direktor des Architekturzentrums Wien. Sein Büro liegt mitten im hippen Museumsquartier, und dort sitzt er nun in seinem schwarzen Kittel und blauen Yuri-Gagarin-T-Shirt an einem grossen Tisch und sagt es gleich noch einmal: «Den Wienern gehts einfach zu gut!» Dass sie ihr Glück nicht bemerkten, das liege vor allem am heimischen Naturell: «Der Wiener is halt a Raunzer, ein mieselsüchtig und unzufriedener Mensch. Sein liebster Satz heisst: Es kann nur schlechter werden.»

Das ist falsch, gerade was das Wohnen betrifft.

Die Stadt Wien, viermal so gross wie Zürich, ist der grösste Immobilienbesitzer Europas. Ihr gehören nicht weniger als 220 000 Wohnungen, 200 000 weitere hat sie finanziell gefördert, jährlich kommen rund 5000 neue Wohnungen hinzu.

Mittlerweile leben 60 Prozent der 1,75 Millionen Wiener in einer Stadtwohnung – und zwar sehr günstig im internationalen Vergleich, da mögen sie raunzen, so viel sie wollen. Im Durchschnitt zahlen sie gut 3 Euro pro Quadratmeter; macht zum Beispiel 240 Euro für 80 Quadratmeter. Der geförderte Wohnbau, den meistens eine der vielen, vielen Genossenschaften realisiert, ist teurer, bietet aber auch weit mehr. Ein zufälliges, aktuelles Angebot: 103 Quadratmeter in drei Zimmern plus 28 Quadratmeter Terrasse und Loggia für 1390 Euro, mitten in der Stadt – ein ferner Traum für London, Paris oder Zürich.

Acht von zehn neuen Wohnungen werden in Wien unter Regie der Stadt gebaut, nur zwei von Privaten, und allesamt unterliegen sie einem Mietrecht, das als kompliziertestes der ganzen Welt gilt, auch wenn es immer auf das Gleiche hinausläuft: Der Mieter hat recht. (Siehe dazu den Artikel auf Seite 30)

Für stramme Bürgerliche ist das alles reiner Kommunismus, doch Stadtpolitiker aus der halben Welt pilgern hierher, weil sie wissen wollen, wie dieses Wiener Wohnwunder funktioniert. Nur lässt es sich schlecht kopieren, denn das Wunder wurzelt in einer anderen Zeit. Vor knapp hundert Jahren hinterliess die Habsburger Monarchie zwar eine Hauptstadt mit grandiosen Palästen und mondänen Ringstrassen, aber miserable Bleiben für ihre Untertanen. Zwischen 1850 und 1910 war die Metropole nicht gewachsen, sondern explodiert, von 400 000 auf 2 Millionen Einwohner, doch am Ende des Ersten Weltkriegs wohnten 98 Prozent der Wiener ohne fliessend Wasser und Strom, Toiletten gabs ohnehin nur auf dem Gang.

Diese Not war die grosse Chance der Roten. Die Sozialdemokraten, seit 1921 ununterbrochen an der Macht, abgesehen von den Hitler-Jahren, versprachen sofortige Besserung. So wurde der steuerfinanzierte Gemeindebau zur politischen DNA des «Roten Wien» – und ist es bis heute geblieben.

Eine seiner Keimzellen ist der Karl-Marx-Hof, 1930 fertigerstellt, 1382 günstige Wohnungen für 5500 Leute, ein architektonisches und städtebauliches Monument. Seine Bewohner hatten fortan nicht nur Toiletten und Strom in der eigenen Wohnung, sondern ebenso Wäschereien, Kindergärten, Läden, Lokale sowie eine Bibliothek in ihrer Siedlung. Und nicht zuletzt: grosszügige Innenhöfe. Bauten wie der Karl-Marx-Hof waren «die Antwort der Sozialdemokratie auf Schloss Schönbrunn», sagt Dietmar Steiner.

«Wohnhaus der Gemeinde Wien» steht gross und rot auf allen 3200 Gemeindebauten,welche bis 2004 in Wien erstellt wurden, auch wenn längst nicht jeder Bau so imposant ist wie der Karl-Marx-Hof, der gerade renoviert wird. Die Superblocks aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren versprühen eher DDR-Charme.

Seit 2004 baut die Stadt nicht mehr selber als Monopolistin, sondern sie schreibt ihre Vorhaben öffentlich aus, lässt (halb-)-private Bauträger bauen, weil es so günstiger und besser wird und weniger korruptionsanfällig ist.

 

«Wien ist einfach vernünftig.»
Doch ein Prinzip ist in Wien bis heute so gut wie heilig: städtischer Grundbesitz bleibt städtisch. Das machte diese Wohnbaupolitik erst möglich, und mit jedem weiteren Wähler, der in einen Gemeindebau einzog, wurde sie unangreifbarer. Mit 60 Prozent städtischen Mietern ist die Wiener Wohnbaupolitik endgültig in Beton gegossen.

Andere Metropolen hatten kein rotes Jahrhundert wie Wien und auch nie so viel Bauland und Immobilien oder nicht mehr, weil bürgerliche Regierungen es längst an Private verkauft haben. In Deutschland zum Beispiel, erinnert Dietmar Steiner, wurden in den letzten zwanzig Jahren «Hunderttausende» von günstigen städtischen Wohnungen an Private verkauft.

Und warum nicht in Wien?

«Jetzt werd ich emotional!», sagt Steiner: «Weil Wien einfach vernünftig war! Wohnen kann nicht alleine kapitalistisch geregelt werden. Es gibt einfach eine staatliche Fürsorgepflicht für leistbares Wohnen.»

Das könnte Michael Ludwig nicht besser formulieren. Er ist einer jener Politiker, mit denen Steiner oft zu tun hat. Ludwig, 53, ein zurückhaltend freundlicher Sozialdemokrat in Anzug und Krawatte, ist in der Stadtregierung zuständig fürs Wohnen, ein mächtiges Ressort, sein Vorgänger Werner Faymann benutzte es als Sprungbrett ins Amt des österreichischen Bundeskanzlers.

Wien hat wohl mehr Wohnbauprogramme als Kaffeehäuser. Zwei Millionen Quadratmeter Bauland stehen für den geförderten Wohnbau zur Verfügung, Stadtrat Ludwig verteilt heute jährlich 650 Millionen Euro – davon 300 Millionen als Finanzierungshilfe für Neubauten, 200 für Gemeindebau-Sanierungen und 100 Millionen für jene 100 000 armen Wiener, für die selbst die billigste Gemeindewohnung noch zu teuer ist.

Wie alle Wiener Wohnbaupolitiker hat auch Michael Ludwig ein grosses Ziel: «dass man den sozialen Status auch künftig nicht an der Adresse ablesen kann». Das Zauberwort heisst «soziale Durchmischung». Damit ein Wiener Jungarchitekt tatsächlich neben einer polnischen Putzfrau wohnt, hat die Stadt die obere Einkommensgrenze auf 3017 Euro pro Person respektive 4497 Euro für ein Ehepaar angehoben, was hoch ist bei einem durchschnittlichen Wiener Angestelltenlohn von 3500 Euro. Es soll bewirken, dass auch der Mittelstand eine gute Chance auf eine günstige Stadtwohnung hat und deshalb, so das Kalkül, die städtische Wohnbaupolitik auch politisch mitträgt.

Der Wiener Jungarchitekt, um bei diesem Beispiel zu bleiben, will erfahrungsgemäss aber lieber in einen geförderten Neubau einziehen als in einen Gemeindebau. Denn der geförderte Wohnbau ist grosszügiger und hat rein gar nichts mit Plattenbautristesse zu tun. Wien fördert auch Saunas und Swimmingpools und Dachterrassen und «überhaupt alles in Sachen Wohnbau, was privat nicht finanzierbar ist», wie Dietmar Steiner frotzelt, und er muss es ja wissen. Er präsidiert nämlich eine Kommission, die darüber wacht, dass der geförderte Wohnbau den hohen architektonischen, städtebaulichen, ökologischen und sozialen Standards entspricht. Und erst noch bezahlbar bleibt.

Ja, wie ist das eigentlich alles finanzierbar? «Das frage ich mich auch», sagt Steiner, «und ich sag Ihnen offen: Ich weiss es nicht.» Doch eine Ahnung hat er schon: Er liefert die Hälfte seines Einkommens als Steuern ab.

Und was meint Stadtrat Ludwig dazu? Hat nicht seine Abteilung «Wiener Wohnen» 2,6 Milliarden Euro Schulden? Ja, hat sie, aber er sieht das trotzdem entspannt. «Schliesslich stehen diesen Schulden auch reale Werte gegenüber. Und weil es gemeinnütziger Wohnbau ist, fliesst kein Geld ab wie bei den Privaten.» Was die Stadt im Wohnbau verdient, investiert sie auch wieder dort.

Überhaupt hat Wien offiziell überraschend wenig Schulden, nämlich rund 4,5 Milliarden Euro, verglichen mit den 63 Milliarden des faktisch bankrotten Berlin. Die EU würde eine viel höhere Verschuldung erlauben, sagt die zuständige Wiener Finanzstadträtin schon fast triumphierend, deren Stadt in den letzten Jahren vier Bahnhöfe neu gebaut oder saniert hat und sich einen hervorragenden öffentlichen Verkehr leistet. Letzterer ist erst noch fast gratis, seit die Grünen ihr grosses Wahlversprechen umgesetzt haben und die Wiener jetzt für umgerechnet 1 Euro pro Tag durchs gesamte Stadtgebiet fahren können. (Kontrolliert wird eh nie.)

Eine Menge Geld bringen Wien die knapp 13 Millionen Touristen pro Jahr ein. Sie vergnügen sich in einer modernisierten Kulturstadt, die kaum mehr zu erkennen ist im Vergleich zu früher. Dietmar Steiner erinnert sich an Ausflüge ins Zürich der frühen Siebzigerjahre, «da war das Niederdorf die Hölle im Vergleich zum toten Wien». Damals galt noch immer eine Verordnung aus der Zeit von Maria Theresia, dank der ein Wirt die Eröffnung eines zweiten Gasthauses in seiner Nähe verhindern konnte.

Alles längst vorbei. Auch in Wien bestimmen die Stadtbohemiens, kurz Bobos, das Bild in den inneren Bezirken – und nirgends mehr als im Museumsquartier, das Dietmar Steiner mal «Bobos Stadtwohnzimmer» nannte. Und doch ist Wien – wegen seiner Wohnbaupolitik – deutlich weniger gentrifiziert als die Innenstädte von London, München oder Zürich.

Trotzdem wohnen noch nicht alle Wiener im Paradies wie Dietmar Steiner, der mit seiner Frau in einem 200-Quadratmeter-Altbau am Stadtpark lebt für 11 Euro pro Quadratmeter. Was teuer ist für Wien. Die Ansprüche wachsen, der Run auf die geförderten schönen Wohnungen bleibt gross. Wer den ordentlichen bürokratischen Weg geht, der wartet ein oder zwei Jahre, bis er genau das findet, was er will. Oder er ist vielleicht Jungarchitekt und kennt zufällig den Dietmar Steiner gut. Dann greift der Direktor Steiner zum Telefon «und ruft halt den Direktor der Genossenschaft an, obs da nicht eine andere Möglichkeit gibt, und meistens gibts eine», wie Steiner freimütig mit einem chrosenden Lachen bekennt. «Wien ist Balkan, keine Frage! Wir sind hier weit weg von deutscher Gründlichkeit und Schweizer Redlichkeit.»

 

«Gebens mer a Pistoln!»
Es gibt Raunzer, die sagen, dass der Balkan vor allem im Wiener Gemeindebau lebt und erst recht, seit vor gut zehn Jahren auch Ausländer das Recht auf Gemeindewohnungen erhielten. Stadtrat Ludwig, der selber in einem Gemeindebau aufgewachsen ist wie ungefähr 99 Prozent der Wiener Sozialdemokraten, hört das allerdings gar nicht gerne und zitiert sofort eine wissenschaftliche Studie, die bescheinigt, dass die Wiener Gemeindebauten keine Ghettos sind.

Was stimmt. Wer einige dieser Siedlungen besucht, zum Beispiel die riesige am Rennbahnweg – 2424 Wohnungen aus den Siebzigerjahren −, der stellt rasch fest: Wiens Aussenbezirke sind nicht die Pariser Banlieue, auch wenn die Stimmung unter den letzten Urwienern, die hier zwischen Türken, Serben, Kroaten, Bosniern, Rumänen und Bulgaren leben, schon a bissl mit der von Stadtrat Ludwig beschriebenen kontrastiert. Auf Youtube ist es dokumentiert: «Wie schaut denn das Leben im Gemeindebau aus?», wollte ein ORF-Reporter wissen. «Entsetzlich, mein Herr, entsetzlich! I wohn ochtafuchzg Johr da, i muess glei weinen, i reg mi so auf.» Die nächste Dame sagt ins Mikrofon: «Katastrophe, gebens mer a Pistoln in d Hand, peng peng!»

Mehr als ein Drittel der Wiener Bevölkerung hat mittlerweile «Migrationshintergrund», wie Stadtrat Ludwig sagt, die FPÖ ist in den Gemeindebauten und neuerdings auch im geförderten Wohnbau kräftig auf dem Vormarsch, während die SPÖ ihren Wählern mit zunehmender Verzweiflung zu erklären versucht, warum Wachstum und Zuwanderung gut für Wien sind. «Bei diesem Thema hört man im Wiener Rathaus die Schweizer Alphörner», schrieb «Die Presse» nach der Abstimmung über die Masseneinwanderung.

 

Die neue Skyline
Seit dem Fall der Mauer ist Wien wieder ins Zentrum Europas gerückt, und mit dem EU-Beitritt im Jahr 1995 ist die Stadt gewachsen wie nie mehr nach 1918. Jährlich wächst Wien um rund 15 000 Menschen, Tausende neuer Wohnungen sind bereits in Planung, namentlich auf dem ehemaligen Flugfeld Aspern, wo der Bau eines neuen Stadtteils für 20 000 Menschen begonnen hat, samt künstlichem See und Arbeitsplätzen für ebenfalls 20 000 Leute.

Die Stadt schiesst auch in die Höhe. 1989 war Wien noch grau und flach und der Stephansdom mit seinen 137 Metern das höchste der Gefühle. Damals publizierte Dietmar Steiner ein Plädoyer für Hochhäuser, mit der Folge, dass ihn der seinerzeitige Bürgermeister Helmut Zilk ins Rathaus zitierte und zusammenstauchte: «Steiner, solche Artikel schreibst nimmer! In Wien gibts keine Hochhäuser! Und wennst welche sehen willst, dann gehst auf Dienstreise nach Hongkong!»

Mittlerweile hat Wien eine neue Skyline oder wenigstens eine halbe: die Donau City am Ufer der neuen Donau. Es ist der Versuch eines Miniminimanhattans, man möchte gerne Weltstadt werden, doch stolz ist Steiner nicht darauf, nicht mal auf den DC Tower, Österreichs soeben eingeweihtes höchstes Gebäude. Der schwarze Glasturm ist 250 Meter hoch, wenn auch noch ziemlich leblos, weil halb leer. Es fehlen die privaten Mieter – und die Investoren für den geplanten Zwillingsturm.

In den letzten Jahren ist ein Dutzend neue Hochhäuser entstanden, darunter das Hotel Sofitel von Jean Nouvel mit einem hinreissenden «Nachtgarten» im obersten Stock von Pipilotti Rist. Ein gutes weiteres Dutzend Hochhäuser ist geplant. Das meiste sei allerdings «mediokre Büroarchitektur», meint Steiner. Wien fehle ein architektonisches Qualitätsbewusstsein, wie er es zum Beispiel in Basel finde. Der schönste und wichtigste Bau in seiner eigenen Stadt ist für den Chef des Architekturzentrums noch immer die berühmte Postsparkasse von Otto Wagner aus dem Jahr 1906. «Das ist der Beginn der Moderne.»

Spricht er über den «typischen privaten Investorenbau», wird Steiner wieder ein wenig emotional. Er ist nämlich der Meinung, dass «die Stadt dadurch ihre Würde verloren hat». Nicht nur Wien, viele europäische Städte sieht er als Folge der Immobilienspekulation gesichtsloser werden, die Innenstädte immer ähnlicher und die Vorstädte alle gleich hässlich. «Sobald eine Stadt vom Marketing getrieben ist und vor den Investoren auf die Knie muss, hat sie keinen Einfluss mehr auf das architektonische Geschehen. Eine europäische Stadt funktioniert aber nur, wenn ein starker politischer Wille vorhanden ist. Barcelona zum Beispiel ist nicht wegen privater Investoren zu dem geworden, was es heute ist und alle so bewundern, sondern weil mächtige Bürgermeister es so wollten.»

 

«Holt dei Goschn»
Der heutige Wiener Bürgermeister, Michael Häupl, ein Biologe und Schulfreund von Steiner, habe zwar ein grosses Herz für den sozialen Wohnbau, aber leider keine Ahnung von Architektur. Und als er doch mal öffentlich etwas zu einem Neubau sagte, erklärte Steiner dem Bürgermeister in dessen getäfertem 400-Quadratmeter-Büro: «Bitte holt dei Goschn. Du verstehst was von Lurchen, aber nichts von Architektur.»

Selbst Wien, diese «Insel der Seligen» (Steiner), kann sich nicht allen Kräften des Kapitalismus entziehen. Mit ihrem Grossangebot an günstigen Wohnungen vermochte die Stadt zwar lange Zeit auch die Mieten der Privatwohnungen tief zu halten, doch das wird immer schwieriger. Denn auch hier hat die Finanzkrise die Immobilienpreise markant nach oben getrieben, weil Milliarden aus den Aktien in Wohneigentum umgelenkt wurden. Die schicksten Gassen im 1. Bezirk werden derzeit gnadenlos guccisiert, die globalen Labels verdrängen die traditionsreichen Einheimischen aus den schönsten Lagen, sehr zum Ärger der Wiener. Zugleich ziehen täglich neue reiche Deutsche und noch viel reichere Russen in millionenteure Glitzerapartments ein, unter Raunzen der ganzen Stadt.

Die grösste Bedrohung für das «Rote Wien» kommt aber aus Brüssel. Und es ist nicht nur eine Bedrohung, sondern geradezu ein «Anschlag auf den sozialen Wohnbau» durch die Europäische Union, wie Bürgermeister Häupl und Wohnbaustadtrat Ludwig, ansonsten keine EU-Feinde, es nennen. Damit meinen sie ein Ur­teil der früheren EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes, die zwei privaten holländischen Immobilieninvestoren recht gab. Die beiden hatten geklagt, der staatlich geförderte Wohnbau verzerre den freien Wettbewerb und benachteilige private Investoren. Prompt musste die holländische Regierung im Jahr 2010 die Obergrenze für subventioniertes Wohnen senken, mit der Folge, dass eine halbe Million Mittelständler ihren Anspruch auf geförderten Wohnungsbau verlor.

Nun fürchtet man im Wiener Rathaus, dass auch die österreichische Immobilienlobby auf dieses Urteil verweisen und Gleiches verlangen könnte. Deshalb haben Häupl und Ludwig dreissig europäische Stadtregierungen zu einer Gegenlobby formiert, die von Amsterdam bis nach Zagreb reicht.

Wien, das schon so manche Belagerung pariert hat, wird auch diesen Anschlag überleben.

Flirt mit dem Balkan

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Die Türkei beginnt in Wien. Nirgends erlebt man das so schön wie am täglichen Strassenmarkt im Brunnenviertel.


Text Mathias Ninck
Bild Oliver Helbig


Zwei Inder sitzen mit hochgeschlagenem Kragen am Holztisch vor dem Denis und trinken Chai. Der blutrote Tee soll sie wärmen, noch hat die Sonne an diesem Märzmorgen nicht richtig Kraft, die Männer stecken in dicken Ledermänteln. Sie reden über Geschäftliches, gerade sind sie zurück von einer Einkaufstour in der Slowakei. Par­kash Chand Sehgal und Sukhedev Singh Chhina fahren alle zwei Wochen mit ihrem Kia-Kleinlaster durch Europa, einmal nach Frankfurt, nach Rom, dann nach Budapest, und kaufen Ware ein, «einfach alles», wie Chhina sagt, billige Brillen, billige Klamotten, billige Gürtel, Spielsachen. Er hat zwei Stände am Brunnenmarkt. Ein paar Schritte vom Denis entfernt steht sein Sohn und verkauft – 3 Euro kostet die Hose, 1 Euro der Snapback, es ist ein Kampf, «vor zehn Jahren lief das Geschäft noch». Sehgal ist aus Delhi, Chhina aus Punjab, beide sind Mitte der Achtzigerjahre zugewandert, damals waren sie ganz jung und ganz hoffnungsfroh.

Das Denis – Café & Restaurant ist ein türkisches Lokal an der Brunnengasse im Wiener Viertel Ottakring. 16. Bezirk. Ein Einwandererviertel, schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Arbeiter leben hier, arme Leute. An der Gasse, überhaupt in dem Viertel, hat Wien ein anderes Gesicht als in den Reiseprospekten und in der Innenstadt, es gibt keine Sisi und keinen Demel, hier ist Balkan. Kurz vor Mittag schwebt eine breite Duftwolke von Koriander und grilliertem Lammfleisch über allem. Es gibt zwar einen Würstlstand, aber wie einsam und verloren er dasteht in all den Dürüm- und Kebab- und Lahmacunbuden!

 

Der neue Hotspot
Der Brunnenmarkt ist mit seinen 176 Ständen der längste permanente Markt Europas. Es gibt ihn seit 1830, und vor fünfzehn Jahren, als das Viertel kaputtging, lag er im Sterben, man wollte ihn schliessen, aber dann ist er plötzlich auferstanden, ein kleines Wunder – und mehr noch: Jetzt boomt er. Er wird zu einem «Hotspot», wie die Leute das nennen. Es gibt neuerdings und zum ersten Mal einen Bancomaten an der Gasse, und das sagt eigentlich alles: Die Kaufkraft ist da! Am Yppenplatz, dem Zentrum des Viertels, wo vor ein paar Jahren noch alles tot und zugenagelt war, haben Cafés und Restaurants aufgemacht und ihre Stühle hinausgestellt auf das Kopfsteinpflaster, und da sitzen sie jetzt an der Sonne, trinken White Frappuccino und Aperol Spritz, die jungen Leute mit ihren Blues-Brothers-Sonnenbrillen und Retro-Kinderwagen und aufgeklappten Laptops. «Der Brunnenmarkt ist Multikulti geworden, man bekommt jetzt nicht mehr nur Türkisches, sondern auch Rucola, und es ziehen mehr und mehr Junge und Kreative her, aber es fallen nicht die Reichen und Schönen ein wie in der Innenstadt», sagt die Schriftstellerin Doris Knecht, die am Brunnenmarkt ihre Schreibstube hat. «Ich mag das Flair dieses Strassenmarktes.»

Ein Mann mit loderndem Blick und grauen Bartstoppeln setzt sich zu ihr, die vor einem indisch-veganischen Restaurant namens Arjuna ihren Espresso trinkt. Der Mann hat zu lange gefeiert am Vorabend, davon erzählt er jetzt, und während er sich ein Nachmittagsbier genehmigt, reden Knecht und er über Matthias Hartmann, der am Burgtheater gefeuert worden ist – was für ein Thema. Peter Hörmanseder heisst der bartstoppelige Mann, er ist vom Kabarettisten-Trio Maschek, und eine Woche später wird er das alles fürs ORF zu einer grandiosen Mediensatire verarbeiten, vier Minuten «Super-Hartmann». Dann erzählt er von der Strasse, an der er wohnt, ein paar Blocks südlich vom Brunnenmarkt. «Bei mir sperren sie alle Lokale zu», sagt er. Der Einzelhandel stirbt, Spielhöllen gehen auf. «Das ist meine Kritik.» Er wohnt neben einem Riesen-Einkaufszentrum, Lugner City, einer «eigenen Stadt in der Stadt», wie er es nennt, «da treten türkische Bands auf und kleine Starlets, es gibt eine irre Gastronomie, von Burger bis Sushi, die Jugendlichen des Viertels hängen da ab. Optisch ist das tot, aber es lebt».

Der Brunnenmarkt hat eine Ordnung bekommen und eine Ordentlichkeit. Die aus rostigen Stahlrohren und Brettern zusammengesteckten Stände sind grösstenteils wohnwagenartigen Glaskabinen gewichen, beheizbar, mit fliessendem Wasser, drumherum stehen dann Zusatztische mit Türmen aus Kartoffelsäcken und Zwiebelsäcken, Schachteln mit Wachteleiern oder Ständer, die behängt sind mit Spielzeuggitarren, mit Socken, Trainerhosen aus Polyester. Fünf Unterhosen: 2 Euro. Kein Umtausch. Ein Kilo Erdbeeren: 2.99 Euro. Zehn Eier: 1 Euro. Einen halben Kilometer lang, Stand an Stand, es gibt laute Marktschreier, stille Händler, einsilbige Verkäufer, an die Innenwand ihrer Glaskabine gelehnt, das iPhone am Ohr. Ein orientalischer Basar. Essensstände, Obststände, solche mit Gemüse, Käse, es gibt kunstvoll aufgebaute Türme aus Pouletbeinen, Pouletfüssen, -brüsten, Gewürze, Ingwer gemahlen, roter Paprika, aus dem Radio trieft das Glück, uralte Schlager, den ganzen Tag nonstop, Radio Niederösterreich.

 

50 Euro Tagesumsatz
Die Frau, die hier, am Stand 117, Bier und Nüsse und Tee aus der ganzen Welt anbietet, heisst Ketewana Tsatsashuily Yaprak. Ihre Eltern wanderten aus, Anfang der Siebzigerjahre, wie viele andere Juden, von Georgien nach Israel, machten Zwischenhalt in Wien, und als Ketewana erwachsen war, fuhr sie hierhin zurück, «weil das Klima so angenehm ist». Ketewana, heute 55, sagt, bis weit in die Achtzigerjahre hinein sei das Geschäft am Brunnenmarkt gut gelaufen, gut genug zum Überleben, sie hat Textilien verkauft, Heimtextilien, dann gingen die guten Kunden mehr und mehr in die Shoppingcenter einkaufen, und als schliesslich die chinesische Billigware den Markt flutete, war ihr Geschäft tot. Drum hat sie auf Lebensmittel umgesattelt, macht jetzt wieder einen «respektablen Tagesumsatz, nämlich 50 Euro, und wenn es gut läuft auch mal 120», wie sie sagt. Sie seufzt mit ironischer Affektiertheit. Die Tagesgebühr für den Stand beträgt zum Glück nur 2.80 Euro.

Zwei Strassenzüge weiter, im Innenhof einer Siedlung aus der Gründerzeit: ein Mann im schwarzen Wams, mit zerzaustem Haar. Er referiert über die «interessanten Strukturen», die Wien hier aufweise. Unter seiner slawischen Stirn und gewaltigen Brauen schimmern die munteren Augen eines Professors. Kurt Smetana ist Architekt und leitet die sogenannte Gebietsbetreuung Ottakring, er ist also Anlaufstelle für die Bewohner des Brunnenviertels, die in Sachen Wohnen und Zusammenleben immer mal wieder ein kleines oder grosses Problem haben. «Hier ist das Headquarter von Soho in Ottakring, einer Kulturinitiative, die uns geholfen hat, das Viertel wieder auf die Beine zu bekommen.» Hinter ihm ducken sich zweistöckige Gewerbegebäude in den Hof, daneben der nächste Hinterhof, einer nach dem andern, schmale, uralte Strukturen, ein Ort mit einem anarchischen Flair. Die vergammelten Hinterhöfe und all das Nichtperfekte und leicht Versiffte drumherum ziehen die Künstler und jungen Kreativen an. Das ist das Glück der Stunde. «Hier geht abends die Post ab», sagt Smetana.

 

Alle waren unzufrieden
Im Jahr 2000 hatte Smetana den Tiefpunkt erlebt, wie er erzählt. «Zwischen 1991 und 2001 sind fast ein Drittel der Wiener aus dem Brunnenviertel weggezogen, es hatte ein schlechtes Image, wer weggezogen ist, vermittelte das Gefühl: Endlich habe ich den sozialen Aufstieg geschafft. Gleichzeitig zogen Leute aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus Ostanatolien her, in vielen Häusern gab es nur im Gang vor der Wohnungstür WC und fliessend Wasser, diese Leute waren kinderreich und arm, sie brauchten zum Leben viel Ware, aber die musste billig sein. Der Verfall des Marktes kumulierte sich, es war der klassische Downgrading-Prozess, die Kaufkraft verschwand. Es gab lauter 1-Euro-Shops, Spiellokale, Massagesalons. In der Folge kamen die Leute aus der Innenstadt nicht mehr, die den Markt auch genutzt hatten, der Markt war schliesslich ganz herunten. Laut und dreckig. Alle waren unzufrieden.»

Die Frage war: Was macht Wien mit diesem Viertel? Lässt man es ganz verrotten? Oder fördert man die Gentrifizierung? «Jeder hatte eine andere Vorstellung», sagt Smetana. Die Gebietsbetreuung beschloss eine «Generalsanierung» des Marktes. 2005 wurde der Markt erst mal autofrei gemacht, es gab dann fest installierte Marktstände mit fliessendem Wasser, jetzt musste nicht mehr jeden Morgen um vier in der Früh alles aufgebaut werden. Man suchte Wirte für die Lokale am Yppenplatz. Und in der Brunnenpassage eröffnete die Caritas ein grosses Integrationszentrum, das schliesslich international ausgezeichnet worden ist: Kinder und Jugendliche aus allen Schichten entwickeln hier gemeinsame Programme, Tanz, Chor, Lesungen, und geleitet werden die Veranstaltungen immer von Top-Leuten – es gibt Aufführungen zusammen mit den Wiener Sängerknaben, und die türkischen Eltern platzen vor Stolz, wenn ihre Tochter im Volkstheater auftritt. Die Sanierung gelang. «Heute ist der Brunnenmarkt der umsatzstärkste Markt der Stadt Wien geworden», sagt Kurt Smetana.

Der Morgen ist übergegangen in einen warmen Frühlingsnachmittag, die Inder im Denis sind fort, die Chai-Gläser abgeräumt. Am Fenster sitzt Frau Dahner, 62, eine Wienerin, sie hat eine grosse Platte vor sich, das Denis-Tagesmenü, Selleriesuppe und gefüllte Melanzani mit Gemüse. Dazu ein Berg Tsatsiki. Erika Dahner wohnt im 22. Bezirk und ist mit der U-Bahn hergefahren, wie sie jetzt erzählt, für ihre Enkeltochter zimmert sie nämlich eine Kommode mit Wickeltisch, den will sie weiss anmalen und mit Glassteinen dekorieren, und die bekommt sie im Bastelladen am Brunnenmarkt. Hoffentlich.

 

Mein Bub und der David Alaba
Erst mal essen. Frau Dahner erzählt ihr ganzes Leben, sie fängt mit den einfachen Dingen an, wie sie mit ihrem Mann eine kleine Firma geführt hat, Verlassenschaften und Entrümpelung, wie sie Wohnungen aufgelöst hat, Estriche und Keller geräumt, Einrichtungen demontiert und alles auf dem Flohmarkt im 1. Bezirk verkauft, wie sie zwei Kinder aufgezogen hat, ein Mädchen, einen Buben … apropos, der Bub, Emanuel, er ist schon lange erwachsen und U10-Trainer beim SV Aspern – jetzt leuchten ihre Augen –, Emanuel hat Berühmtheit in die Familie gebracht, ein wenig Glanz. «Sie kennen David Alaba, oder? Linker Verteidiger beim FC Bayern München. Fussballer des Jahres. Als David Alaba ein Bub war, hat mein Sohn ihn trainiert. Emanuel war wie ein Vater für ihn. Er hat ihn mit neun in den Klub geschickt, hat gesagt: Den brauchen wir. David ging bei uns zu Hause ein und aus, er ist ein Teil der Familie, meine Enkel haben mit ihm gespielt. Und jetzt ist er ein Weltstar! Wenn wir Karten brauchen für die Champions League, dann rufen wir ihn in München an, und er schickt sie uns.»

Dann hat Frau Dahner die Rechnung bezahlt, 5.90 Euro, und ist hinausgetreten in die Brunnengasse, ins Gewusel und Gewurle des Marktes, in diese Farbenpracht, hinein ins Geschnatter der Menschen, all der Ausländer, Serben, Türken, Deutsche, Griechen, Inder, Polen, Vietnamesen, ein langsam fliessender Strom entlang der Marktbuden, der sie jetzt endgültig verschluckt.

Grundkurs Croissantverzehr

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Ich mag Croissants – ach was, ich liebe sie. Wenn ich Zugriff auf gut gebackene Exemplare habe, schaffe ich es selten, nur ein Stück zu verzehren. Zwei sind das Minimum, obwohl ich das dritte bloss deshalb nicht esse, weil ich mir die schiefen Blicke ersparen möchte, die mich abtasten und fragen, ob ich mich für eine Filmrolle vorbereite, in der ich den alten Marlon Brando spiele, als Körperdouble.

Die Schweiz ist ein guter Ort, um Croissants zu essen. Sie rangiert mit ihrer Gipfeli­kultur nicht weit hinter den häufig etwas gröberen, deftigeren, fetteren und salzigeren Varianten Frankreichs; «nicht weit hinter» ist in diesem Zusammenhang ganz ernst ironisch gemeint, soll heissen: Ich ziehe die eleganteren, luftigeren Federboa­croissants, wie sie in der Schweiz gebacken werden, den französischen Originalen vor. Von denen nimmst du eines zum Frühstück und fragst dich, während du dein aktuelles Gewicht in den Schaum des zweiten Café au Lait rührst, ob du eben ein Schnitzel gefressen hast. Dann korrigierst du das Gewicht im Schaum.

Croissants sind Nahrungsmittel, über die man definitiv sagen kann: Man muss sie irgendwo finden. Zu Hause Croissants zuzubereiten ist keine Option. Klar, ich weiss, es gibt auch Leute, die der Sekte der Halbfertiggipfeli anhängen, die man als Stückwerk im Supermarkt kauft und zu Hause fertig bäckt. Davon halte ich nichts.

Wenn schon, denke ich, muss die ganze Tortur absolviert werden, das Anrühren des Hefeteigs, das Gehenlassen, das Einarbeiten der Butter in den zickigen Teig, das sorgfältige Falten der Teigfläche, auf das neues Ausrollen folgt, bis eine Struktur entsteht, die fein und formbar und kompakt erscheint, in sich aber in zahllose hauchdünne Teigfolien gegliedert ist.

Ist mir zu kompliziert. Hol ich mir beim Bäcker.

Ich möchte in dieser Kolumne jedoch gar nicht über die subtilen Qualitäten von Croissants sprechen, sondern über ein Problem, das untrennbar mit dem Verzehr von Gipfeli verbunden ist: Wie soll man die blöden Dinger eigentlich essen, ohne sich mit den Bröseln ein Muster der Unzivilisiertheit auf das Hemd zu krümeln? Mit Schrecken erinnere ich mich an ein Frühstück mit einer sehr eleganten Kollegin, die sich während unseres Meetings auf den Verzehr eines Tässchen Tees beschränkte, während ich, glücklich über das Angebot an Frühstücksproviant, zu meinem Cappuccino genau die zwei Croissants verzehrte, mit denen ich mich, wie ich fand, noch nicht als Fresssack zu erkennen gab – jedoch, wie ich später merkte, sehr wohl als Person, die man nicht unbedingt als Anstandslehrer für höhere Töchter engagieren sollte. Als ich nach einem freundlichen, anregenden Gespräch aufstand, um mich zu verabschieden, rieselten aus dem Gewöll meines dunkelblauen Kaschmirpullovers so viele Blätterteigschuppen wie Nadeln von den Ästen eines Christbaums, den man Ende März langsam abräumt.

Ich sah die Krümel zuerst gar nicht selbst – ich sah sie in den Augen meiner Frühstückspartnerin, und ich wünschte mir für einen Moment, der mir lang und peinlich vorkam wie ein Furz im Aufzug, ich hätte nur einen offenen Hosenstall gehabt. Das kann bekanntlich passieren. Vollgekrümelte Kaschmirpullover hingegen gehen gar nicht.

Seither übe ich. Es ist mein Ziel, über lang oder kurz eine Technik zu erlernen, wie man Croissants isst, ohne entweder auf dem Teller oder auf der eigenen Kleidung ein Schlachtfeld zu hinterlassen – haben Sie schon einmal gesehen, wie der Ort aussieht, an dem ein Bussard einen Singvogel zerlegt hat? So.

Ich nehme winzige Bissen mit harten, zusammengekniffenen Lippen. Ich sitze ge­rade. Ich breche kleinste Einheiten vom Croissant ab, um sie mir elegant wie ein Aspirin zuzuführen. Ich habe den Teller im Blick, meine Brust im Blick, das Croissant im Blick.

Macht keinen Spass. Vielleicht sollte man Croissants sowieso nur zu Hause essen. Allein. Weit über die Spüle gebeugt.

 

Illustration: Alexandra Klobouk

Die Bewahrerin

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Wertkonservativ und dennoch weltoffen. Wie schafft ein Mensch – oder ein Land – diesen Spagat? Ein Hofbesuch bei der grünen Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli, einer der momentan erfolgreichsten linken Politikerinnen.

 


Text  Daniel Ryser
Bild  Nadja Athanasiou


In diesem Land verlaufen Gräben, das haben die Analysen der jüngsten Abstimmungen wieder gezeigt, Gräben zwischen Stadt und Land, zwischen Geber- und Neh­mer­kantonen im Finanzausgleich, zwischen wirtschaftlicher Realität und nationalistischer Folklore und auch zwischen den Sprachregionen. In Reitnau im Kanton Aargau verlaufen die Gräben zwischen den Misthaufen der einzelnen Bauernhöfe.

Eine deutliche Mehrheit hat hier am 9. Februar Ja zur Masseneinwanderungsinitiative der SVP gestimmt, obwohl das Land kaum verbaut ist und man trotzdem mehr Platz hat: Verdichtung bedeutet in Reitnau, dass sich die Bauernfamilien noch vor fünfzig Jahren mit dreizehn Familienmitgliedern generationenübergreifend ein Haus teilen mussten, heute hat jede Generation ihr eigenes Haus. Deutlich wurde hier Ja gestimmt, obwohl das Postauto nach wie vor nur alle dreissig Minuten gemütlich durchs Dorf brummt und dabei jeweils auch noch mehrere Minuten auf sich warten lässt. Es wurde Ja gestimmt, «obwohl viele hier zum Einkaufen am Wochenende doch lieber mit dem Auto nach Deutschland fahren, als die eigene Wirtschaft zu unterstützen, weil es ein bisschen billiger ist», wie Susanne Hochuli sagt, während sie im Blaumann, ein Tuch um den Kopf gebunden, beim Eindunkeln die Pferde in den Stall treibt.

«Scheiss-Gratismentalität», sagt die Aar­gauer Regierungsrätin.

Vor einiger Zeit hat sich Hochuli ein Bett gekauft: lokal produziert, ziemlich teuer. «Man kann entgegnen: Ich könne es mir ja jetzt leisten. Aber ich kaufe mir lieber eines, das länger hält, statt eines, das ich nach ein paar Jahren ersetzen muss und das irgendwo in Übersee unter schlechten Bedingungen produziert wurde.»

Auf dem Hof in Reitnau ist Hochuli aufgewachsen, mit drei Geschwistern, zehn Milchkühen und zwanzig Muttersauen. Die Mutter ist gelernte Krankenschwester, der Vater war René Hochuli, ein legendärer Lokalpolitiker und Bauer, Gründer der Kleinbauernvereinigung, der sich in den Achtzigern heftige Kämpfe mit dem Bundesrat und dem nationalen Bauernverband lieferte. Beiden warf er vor, auf Kosten der kleinen Betriebe die Industrialisierung der grossen Höfe zu betreiben. Er setzte sich für Direktzahlungen ein, und Otto Piller bezeichnete ihn als «einen Mann, der den klei­nen und mittleren Bauern in der schweizerischen Politik eine Stimme gab».

 

Die wahre Konservative
«Ich hätte kein Problem damit, wenn in Zukunft die Ausländerkontingentierung nach Neinstimmen-Anteil verteilt wird, so wie es Christian Levrat nach der Abstimmung gefordert hat», sagt sie und hebt mit einem Kran einen Heuballen durch eine Luke vom Dachboden in den Stall hinab. «Ich weiss nicht, wer uns Bauern in Zukunft die Felder bestellen soll. Immerhin beanspruchten wir 20 000 der bisher 113 000 Ausländer, die jährlich hierherkommen, um zu arbeiten. Dass die ländlichen Regionen die Initiative trotzdem angenommen haben, ist keine Überraschung: Dauernd meint man, Zeichen setzen zu müssen. Es wäre schön, wenn man das nun, anders als bei den Minaretten, auch mal spüren würde. Plakativ gesagt: Es gibt Länder, in denen Patienten in den Spitälern von den Familien gepflegt werden müssen.»

Vor dem Fenster der Küche des zur Wohnung umgebauten früheren Schweinestalls, in der die 48-Jährige allein lebt – die zwanzigjährige Tochter ist soeben nach Bern gezogen, um Medizin zu studieren –, liegt weites Land, Wiesen, Äcker, am Horizont ein paar Bauernhäuser.

«Die südlichen Täler des Aargaus sind zum Teil sehr konservativ», sagt sie. «Die Ausrichtung der Landeskirche in meinem Dorf erlebe ich als fundamental, es gibt in der Gegend methodistische Brüdervereine, einen evangelischen Brüderverein. Drüben, über dem Hügel, liegt das Ruedertal, da siehts auf abgelegenen Höfen aus wie in einem Gotthelf-Film: Frauen mit hochgebundenen Zöpfen, langen Röcken – eine wortgetreue Auslegung der Bibel. Dort gilt bereits eine andere Religion als Bedrohung», sagt Hochuli. Sie schiebt eine Nespresso-Kapsel in die Maschine und zitiert den antiken Philosophen Epiktet: «Es sind nicht die Din­ge selbst, die uns ängstigen, sondern die Vorstellung, die wir von den Dingen haben.» Und sie sagt, dieser Satz treffe auch auf sie zu.

«Ich würde mich selbst als wertkonservativ bezeichnen. So war ich zum Beispiel lange der Meinung: Eine Familie, das ist Papa, Mama, Kind.» Das hätte ein Evangelikaler aus dem Ruedertal nicht schöner sagen können. Aber wie kommt die Grüne Hochuli drauf? Kann einen da noch irgendein Abstimmungsergebnis wundern, wenn selbst Grüne ein derartig altmodisches Familienbild vertreten?

«Die Natur hat mich geprägt wie nichts anderes. Und ich habs einfach biologisch betrachtet», sagt sie. Inzwischen ist ihr als Regierungsrätin die Fachstelle für Familie und Gleichstellung unterstellt, «und ich muss zugeben: Ich habe gelernt, dass mein enges Bild von Familie kompletter Müll ist.» Dass Familie zum Beispiel auch heissen könne, dass Menschen einfach in einer Beziehung und gegenseitiger Verantwortung stünden, etwa ein homosexuelles Paar, das ein Kind adoptiert.

«Wertkonservativ zu sein setzt in meinen Augen voraus, dass man bereit ist, seine Werte oder seine Ängste zu überprüfen: Entspricht das, was ich bewahren will, überhaupt der Realität? Hat es überhaupt jemals der Realität entsprochen?»

«Der alte Kuhstall meines Grossvaters – mit dem Holz, der Wärme – war für mich heimelig, die Kühe waren angebunden, und zweimal am Tag durften sie zum Saufen raus. Heute weiss man: So wie Kühe früher hier gehalten wurden, das war Tierquälerei. Also hat man es geändert.»

Dieses ständige Überprüfen und Korrigieren, sagt sie, sei eine der Herausforderungen der heutigen Politik in einer sich schnell und ständig verändernden Welt, in einem Land, «wo ein bäuerlicher Betrieb im Aargau wohl mehr gemeinsam hat mit einer bäuerlichen Familie im Kosovo als mit einer modernen Familie in Genf», wo das Bewahrende durch das Ständemehr eine unverhältnismässig starke Stimme habe und die progressiven Gebiete, die den Wohlstand des Landes garantierten, dauernd überstimmte. «Der Aargau ist ein konservativer Kanton. Aber selbst hier spielt das hochgehaltene bürgerliche Familienbild in der Realität fast keine Rolle mehr. Wir haben Studien erstellt, die zeigten: 90 Prozent der Müt­ter arbeiten zumindest auf tiefem Niveau Teilzeit, der Kanton Aargau ist voller Patchwork-Familien, voll Alleinerziehender. Das sowieso erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene traditionelle Familienbild hält selbst in einem konservativen Kanton dem Realitätscheck nicht stand.»

 

Ausserorts 30, innerorts 70
Die meisten Konservativen seien vor allem dort konservativ, wo sie es verschmerzen könnten: beim Familienbild, bei den Ausländern, beim Thema Öffnung. «Aber diese Politik ist nicht sorgsam, sie ist egoistisch. Sagen Sie mal Blocher oder Spuhler, sie sollten nur hier statt im billigen Ausland produzieren, dann hört es schnell auf mit dem konservativen Heimatbild.»

Dem traditionellen Familienbild, an das sie selbst lange glaubte, hat Hochuli nie ganz entsprochen: Ihre uneheliche Tochter haben im Dorf einige als Provokation verstanden, und dann wurde das Kind noch nicht einmal getauft. Vor sechs Jahren trennten sich auch noch die Eltern. Kajas Vater, ein Bauer, lebt heute ein paar Häuser weiter, er ist der Pächter des Landes, seit Susanne Hochuli am 30. November 2008 als Regierungsrätin gewählt wurde und ihr für wirkliche Hofarbeit keine Zeit mehr bleibt. Man habe ein sehr gutes Verhältnis, «aber eigentlich wissen wir heute genauso wenig voneinander wie damals», sagt sie trocken.

Die vier Hochuli-Kinder mussten viel auf dem Hof helfen, die Mutter achtete jedoch darauf, dass Bildung nicht zu kurz kam. Ferien gab es nicht, man musste auf den Hof schauen und auf das Geld. Schriftsteller und Politiker, die den Vater besuchten, gingen auf dem Hof ein und aus, die junge Susanne, noch keine sechzehn, begleitete den Vater regelmässig zu Bauernversammlungen, «wo es sehr laut zu und her ging», sagt sie. «Heute sitzen häufig mehr Leute auf dem Podium als im Saal, das war damals anders, die Leute waren von der Politik und den Debatten mitgerissen, und ich war es auch.» Im alten Citroën fuhren Vater und Teenager-Tochter durchs Land. «Vater war ein ganz mieser Autofahrer. Schon auf dem Weg zu den Versammlungen politisierte er, regte sich hinter dem Steuer über die politischen Gegner auf. Das lenkte ihn derart ab, dass er ausserorts 30 fuhr und innerorts 70.»

Die ältere Schwester zog bald in die Stadt, Susanne blieb, wie sie sich selbst bezeichnet, «das Landei», hielt als Teenager Vorträge zur Milchkontingentierung, wenn der Vater verhindert war. «Er war eine sehr eigenständige Person, kam medial extrem gut an, war kommunikativ stark und ein Querdenker. Er lag mit vielen Leuten im Clinch, vertrat auch unpopuläre Begehren und hatte damit überhaupt kein Problem.»

«Hau ab, du Fotze», hat ein Jugendlicher Susanne Hochuli in Bettwil angebrüllt. Ein Mann stand direkt hinter ihr und sagte ununterbrochen: «Arschloch! Arschloch! Arschloch!» Einwohner versperrten ihr den Weg, verbarrikadierten die Strasse, damit ihr Dienstwagen nicht wegfahren konnte. Es brauchte die Polizei, die dem Spuk an einem Novemberabend 2011 ein Ende machte, nachdem sich Susanne Hochuli an einer Informationsveranstaltung der Bettwiler Bevölkerung gestellt hatte. Sie sollte zusammen mit dem Direktor des Bundesamtes für Migration den Plan des Bundes vorstellen, in einer alten Militäranlage am Rande des 500-Seelen-Dorfs 140 Asylbewerber unterzubringen. Dieser Plan war das Ergebnis von Verschärfungen, welche die SVP und die FDP gefordert hatten. Jetzt stellte sich ausgerechnet eine von der SVP geführte Gemeinde gegen diese Pläne: Man warf Hochuli vor, sie wolle die «Perle des Freiamts» zerstören. Später stellte sich heraus, dass die Militäranlage von Bettwil, anders als es der Bund behauptet hatte, damals gar nicht für solche Zwecke hätte benutzt werden dürfen. Das fand der Rechtsdienst des Regierungsrates im Nachgang zur tumultuösen Veranstaltung heraus. Die Bettwiler triumphierten. Es war Hochulis grösste politische Niederlage (während ihr die im Vorfeld stark kritisierte und nun problemlos funktionierende Unterbringung von 70 Asylbewerbern im Gebäude der Höheren Fachschule Gesundheit und Soziales in Suhr viel Lob einbringt).

«Dass wir bei der juristischen Abklärung dem Bund vertrauten, war ein Fehler», sagt sie heute. Sie sagt auch, dass man mit dem Thema Asyl als Politikerin im Aargau eigentlich nur verlieren könne. Auch wenn man, wie etwa in Suhr, viele Bedenken abfangen könne, wenn man mit den Leuten vor Ort von Anfang an eng zusammenarbeitet. Was sie im Nachgang zu den Vorgängen in Bettwil jedoch beschäftigt habe, Paragrafen und Bedenken hin oder her, sei die extreme Feindseligkeit der Bevölkerung gewesen, «die in den Asylbewerbern keine Menschen sahen, sondern Raubtiere». Auf Youtube kann man heute sehen, wie sich Hochuli einer wütenden Menge entgegenstellt, die Arme verschränkt, der Körper voll auf Abwehr, jedes Votum aus dem Publikum wütender als das andere, bis die Leute schliesslich fast geschlossen den Saal verlassen. «Es hat mich schockiert zu sehen, was passiert, wenn eine Masse von einem Anführer aufgewiegelt wird und für Argumente nicht mehr empfänglich ist.» Diese Situation, sagt Susanne Hochuli, habe sie an die dunkelsten Stunden der europäischen Geschichte erinnert.

Wie bitte?

«Sie haben mich schon verstanden», sagt sie. Sie vergleiche nicht Taten, sie vergleiche bloss Mechanismen.

 

Steile Karriere
Als Kind und Jugendliche habe sie hin und wieder Albträume gehabt: Sie sah sich selbst als Teil einer orchestrierten, wütenden Masse, die ausser Kontrolle zu geraten drohte, und sie wusste dabei nicht, wie sie sich entscheiden sollte – sich fügen oder sich dagegenstellen. Sie wisse nicht, warum sie dieses Thema als Kind derart stark beschäftigt hat. Genauso wenig, sagt sie, warum sie sich schon immer für die Geschichte der jüdischen Diaspora in Europa interessiert hat «und somit auch für den Holocaust, über den wir in der Schule im Gegensatz zu den Römern wenig erfahren».Als Kind las sie Kinderbücher über den Holocaust, als Jugendliche habe sie die Werke des jüdischen Schriftstellers Isaac B. Singer verschlungen, später jene der Philosophin Hannah Arendt. Von Hannah Arendt hängt auch ein Spruch in ihrem Aarauer Büro: «Der Sinn von Politik ist Freiheit.»

Wieso interessierte sie sich schon als Kind derart für die jüdische Geschichte?

«Ich weiss es nicht.»

Das kann nicht sein.

«Doch.»

Sie schenkt Kaffee nach, zerschneidet den Schokoladenkuchen, den die 78-jährige Mutter – sie wohnt im alten Haupthaus des Hofes – gebacken hat. Draussen, vor dem Küchenfenster, kippt der Expartner den Inhalt einer Schubkarre auf den gemeinsamen Misthaufen.

Dann sagt sie: «Als ich klein war, erzählte meine Mutter uns Geschwistern, dass sie während dem Zweiten Weltkrieg jüdische Kinder versteckt haben.»

Wer sind «sie»?

«Die Eltern meiner Mutter. In ihrer Wohnung in Moosleerau. Meine Grosseltern waren bodenständige Leute, die sich mit einem eigenen Malergeschäft hochgearbeitet hatten: Sie hatten das erste Telefon und das erste Auto im Dorf. Sie waren stark christlich geprägt, liebenswürdig, aber sehr streng. Und sie hatten Kontakt zu einer Lotty Rosenfeld – einer Jüdin aus St. Gallen, die jüdische Kinder aus Deutschland in die Schweiz schmuggelte und hier unterbrachte. Manchmal kam eines dieser Kinder auf seiner Reise für ein paar Tage zu meinen Grosseltern. Die schärften meiner Mutter und ihren Ge­schwistern ein: Sollte es, wenn ein jüdisches Kind im Haus ist, jemals an der Türe klopfen, müssten sich die Geschwister schweigend an den Küchentisch setzen und ein Spiel spielen. Das jüdische Kind würde dann in einem Unterschlupf versteckt. Dieses Bild, wie es an der Tür klopft, meine Mutter am Tisch sitzt und mit ihren Geschwistern spielt, während sich irgendwo im Haus ein Kind vor den Behörden versteckt, hat sich eingebrannt.»

Sie wollte nicht Politikerin werden und Bäuerin schon gar nicht. Sondern Journalistin. Mit zwanzig zog sie von Reitnau nach Bern, arbeitete für den «Schweizer Bauer», für DRS 1 und DRS 3, absolvierte die Journalistenschule von Ringier und arbeitete als Redaktorin für die «Berner Zeitung» – mit gerade 23 erhielt sie ein Angebot von «Echo der Zeit» – eine steile Karriere. Dann, 1989, starb ihr Vater René Hochuli, der König der Kleinbauern, mit 53 an Krebs. Und er hatte sich geweigert, die Nachfolge des Hofs zu regeln: «Die von ihm lancierte Kleinbauerninitiative stand kurz vor der Abstimmung. Er weigerte sich, den nahenden Tod zu akzeptieren.» Die Brüder waren sechzehn und einundzwanzig, die ältere Schwester schon längst in Zürich installiert, also lag es an Susanne, den Hof zu übernehmen oder zu verkaufen. Ihr damaliger Chef sagte: «Es gibt gewisse Dinge, die du trotz aller Zweifel tun musst, weil du dich sonst für den Rest deines Lebens fragst: Was wäre gewesen, wenn ich anders entschieden hätte?» Also schlug sie das Angebot von «Echo der Zeit» aus und übernahm den Hof der Eltern.

 

Mila, der Saisonnier
Ein riesiges Debakel. «Ich hatte ja immer bloss ausgeholfen und wusste nicht, wie man die Maschinen bedient. Also stand ich morgens auf und beobachtete, was die anderen Bauern taten. Und dann machte ich es ihnen nach.»

Statt journalistischer Redaktionsarbeit schleppte sie nun Fünfzig-Kilo-Futtersäcke, lud mit dem Traktor Gras auf, fuhr mehrere Maschinen zu Schrott, rammte Balken im engen Wagenschopf, weil Mila, der Saisonnier aus dem Kosovo, der ihr half, keine Fahrerlaubnis hatte. Und um finanziell über die Runden zu kommen, arbeitete sie nebenbei als «10vor10»-Redaktorin.

«Ich weiss rückblickend nicht mehr, wie es letztlich funktioniert hat. Ich weiss nur, dass ich noch nie in meinem Leben so viel geflucht habe. Ich absolvierte einen Viehhalterkurs, und einige Bauern halfen mir. Aber für viele war ich eine extreme Provokation: dass eine junge Journalistin meint, sie könne ankommen und machen, was diese Männer ihr Leben lang gemacht haben. Viele hatten auch auf das Land spekuliert. Und dann war ich alles andere als diplomatisch, was nicht hilfreich war.»

Journalisten belagerten sie wegen dem Lebenswandel, und sie klopfte Sprüche: «Wie ich mir den Tagesablauf als Bäuerin vorstelle? Ich stehe um neun Uhr auf, koche Kaffee und schaue dann nach, ob die Subventionen schon im Briefkasten liegen», sagte sie in der Sendung «Persönlich» des Schweizer Radios. In der Rubrik «Ein Tag im Leben» dieses «Magazins» sagte sie, sie brauche ja nicht zu duschen, wenn sie in die landwirtschaftliche Schule gehe. Dort seien ja nur Bauern. Zudem sei sie nicht liiert und suche sich nun einen reichen, alten Mann.

«Ich weiss nicht, was mich damals geritten hat. Ich bedachte auf jeden Fall nicht, dass Ironie in diesem Umfeld und zu diesem Zeitpunkt nicht verstanden werden konnte. Nach den beiden Beiträgen wurde ich im Dorf geächtet. Der ‹Magazin›-Artikel wurde an allen Bushaltestellen in Reitnau aufgehängt, die Leute wechselten die Strassenseite.»

Damals habe sie gelernt, mit sehr wenig auszukommen. «Ich lernte auch, mich durchzubeissen. Und ich lernte zuzugeben, dass man an seine Grenzen kommen kann. Ich lernte einstecken. Und ich lernte, dass ich das, was ich will, auch bekomme.»

Sie wollte einen Luzerner, ebenfalls Bauer. Zusammen betrieben sie nun den Hof, stellten bald auf Bio um. Er war hilfsbereit, das entspannte im Dorf die Lage. Dass wenig später eine uneheliche Tochter zur Welt kam und nicht getauft wurde, beunruhigte manche wieder ein wenig. Aber der Hof war gerettet. «Und als er richtig lief, wollte ich einen neuen Schritt machen.» Mitte der Neunziger liess sie sich zur Reittherapeutin ausbilden, arbeitete auf dem Hof mit schwierigen Kindern und Behinderten. Dann kam der Anruf.

Es ist eine Anekdote, die durchaus etwas über Susanne Hochulis Art erzählt, eine Art, die ihr manchmal Kritik einbringt, auch von links, die Freund wie Gegner verwirren kann: Ist sie eiskalt berechnend? Oder einfach naiv? Oder aber erfrischend unkonventionell? Dass sie zum Beispiel als Regierungsrätin eine dreiköpfige angolanische Flüchtlingsfamilie auf ihrem Hof aufgenommen hat, die nach wie vor bei ihr lebt, war das Kalkül? Wenn ja, was kalkulierte sie damit im konservativen Aargau? Oder wollte sie wirklich, wie sie sagte, ein Zeichen setzen, dass nicht nur diesem Land, sondern auch einigen Menschen direkt geholfen wäre, wenn die Schweizer etwas weltoffener und hilfsbereiter wären?

Der Anruf damals kam aus dem Kosovo.

Dort herrschte Krieg, im Dorf der Familie ihres ehemaligen Saisonniers Mila hatte es viele Tote gegeben, die Familie war nach Albanien geflüchtet. Jetzt rief Mila in Reitnau an und bat um Hilfe: Man habe nichts mehr, kein Haus, kein Essen, kein Geld. Ein paar Wochen später, im Sommer 1999, landete die damalige Bäuerin und Reittherapeutin an Bord einer Schweizer Militärmaschine in Albanien und reiste von dort in ein Flüchtlingslager in Kruja. Sie brachte Kleider und Geld, flog zurück und gründete angesichts ihrer Eindrücke zusammen mit anderen umgehend eine Hilfsorganisation. Sie trieb die Waren auf – Nägel, Zelte, Decken, Pfannen, Holz, Geld –, ein Transportunternehmer brachte sie ins Kriegsgebiet. Einmal schmuggelte Susanne Hochuli 40 000 Franken im BH über die mazedonische Grenze. «Es herrschte völliges Nachkriegschaos», sagt sie.

 

Mut der Chefin
Als sie am 30. November 2008 mit 70 751 Stimmen in den Regierungsrat gewählt wurde – seit 2004 sass sie für die Grünen im Grossen Rat –, übernahm sie ein Departement, in dem es unter ihrem Vorgänger, dem SVP-Mann Ernst Hasler, personell viel Ärger gegeben hatte. Wenn man heute das Departement besucht, liegt Hochulis Bauernhund, ein Mischling namens Mira, im Gang und lässt sich von den Mitarbeitern kraulen und vom Chauffeur der fünf Regierungsräte Cervelat füttern. Und wenn sich Hochuli nach dem Besuch in einer Unfallklinik, wo sie mit Amputationen konfrontiert wird, in einem leicht esoterischen Anflug das Alles-fliesst-Zeichen auf das Fussgelenk tätowieren lässt, damit es vor Amputation verschont bleiben möge, rennt die Assistentin, beeindruckt vom Mut der Chefin, kurz darauf ebenfalls ins Tattoostudio. Und eine andere Mitarbeiterin ebenfalls, und nach der Deutsch-französisch-schweizerischen Oberrheinkonferenz stossen die engsten Mitarbeiter zu ihr, um gemeinsam ein Ferienwochenende zu verbringen.

 

Handschlag verweigert
«Ihre grösste Stärke ist die Dossiersicherheit.» Das sagt einer ihrer ehemals schärfsten Kritiker und politischen Gegner, der SVP-Grossrat Wolfgang Schibler, Gemeindeammann von Bettwil, dem Ort, der Susanne Hochuli an Albträume aus ihrer Kindheit erinnerte. Er selbst habe wegen der Bettwil-Geschichte keine Vorbehalte gegen die Regierungsrätin. «Sie musste die Suppe auslöffeln, die ihr der Bund eingebrockt hatte.» Dann sagt er: «Sie ist ein wenig wie Ronald Reagan. Sie hat ein gutes Gespür, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben.» Als Mitglied der Gesundheitskommission treffe er sich mit der Vorsteherin des Departements für Gesundheit und Soziales regelmässig zu Sitzungen. «Sie hat immer gute Argumente, und wenn sie mal in einem Punkt nicht Bescheid weiss, hat sie immer die richtige Person dabei, die helfen kann. Ihr Departement ist sicher das intensivste im Kanton, und sie führt es gut. Wir sind zwar häufig anderer Meinung, aber die Sitzungen sind gut strukturiert und ge-führt. Sie ist immer gut vorbereitet, und sie hat Drive, das kann man nicht leugnen. Oft geht es ihr zu wenig schnell, dann wird sie ungeduldig. Das ist ihre Schwäche.»

Als sie 2012 in den Regierungsrat wiedergewählt wurde, verweigerte Hochuli ihrem Konkurrenten von der SVP, Andreas Glarner, den Handschlag, als der ihr gratulieren wollte. Sie habe bereits am Vorabend gewusst, dass sie Glarner im Fall eines Sieges die Hand nicht geben werde. Sie verneint, nachtragend zu sein: «Ich sagte Glarner schon vorher: ‹Heute gebe ich dir die Hand nicht, denn ich nehme nur Gratulationen an, die ernst gemeint sind. Sobald der Wahltag vorbei ist, arbeiten wir wieder normal zusammen.› Und das haben wir auch getan. Es ging mir darum, ein Zeichen zu setzen: Ständig beklagen sich Leute wie SVP-Mann Glarner über verrohende Sitten, aber in ihrer politischen Sprache steckt eine ständige verbale Gewalttätigkeit. Manchmal erlebe ich Parlamentsdebatten, in denen die Angriffe offen rassistisch werden. Ich goutiere diesen Stil nicht. Und ich empfinde Politik auch nicht als ein Spiel, in dem man sich fern jedes Anstands heftig angreift und am Ende des Tages lachend auf die Schulter klopft.» Gut möglich, dass sich die Geschichte wiederholen wird: «Ich weiss nicht, ob ich 2016 noch einmal antreten werde. Ich bin für vier Jahre gewählt. Alles, was ich im Moment wissen muss: Die Dossiers, an denen ich arbeite, sind extrem spannend. Und diese Arbeit würde ich gern zu Ende zu führen.»

Zweimal klappern wir nachmittags mit ihrem Volvo Brockenhäuser in der Region Aarau ab auf der Suche nach einem Basteltisch für die zwei Flüchtlingskinder, die auf ihrem Hof wohnen, und für die Tochter des Partners und ein bisschen auch für die Regierungsrätin selbst – erfolglos aber, weil sie klare Vorstellungen hat, wie der Tisch auszusehen hat, und kein Brockenhaus helfen kann. Einmal, zwischen zwei Brockenhäusern auf einem Parkplatz, fragt sie, ob man an Geister glaube. Nein, und die Frau Regierungsrätin? «Ich weiss es nicht.» Die bodenständige Hochuli hat einen Draht nach oben? «Nein. Aber ich meine, es gibt viel mehr Dinge, als wir erfassen können.» Wie meint sie das? «Es gibt Menschen, die Kraftorte spüren. Oder pendeln. Ein befreundeter Pfarrer sagt, seine Frau spüre Geister. Ich selbst spüre so etwas nicht, aber ich spreche den Leuten nicht ab, dass sie es tun. Warum wurden alle Kirchen so ausgerichtet, dass dort, wo die Kanzel steht, wo gesprochen wird, eine andere, belebendere Erdstrahlung herrscht als dort, wo geschwiegen wird, die Leute sitzen?» Glaubt sie an Gott? «Nein. Zumindest nicht an den Gott, der in der Bibel beschrieben ist. Aber ich bin in einem sehr religiösen Dorf aufgewachsen. Das hat mich geprägt. Ich glaube, dass es eine Hölle gibt: In dem Moment, in dem man stirbt, wird einem klar, was man alles verpasst oder falsch gemacht hat. Welch schrecklicher Mo­ment! So stelle ich mir die Hölle vor. Ich halte es auch für möglich, dass es Sie in einer anderen Form wieder gibt. Als Hase. Oder als Regenwurm. Aber wesentlich für das jetzige Leben ist nur, dass es mich so, wie es mich jetzt gibt, nur einmal gibt.»

Wenn man sie inhaltlich angreift, kann es passieren, dass ihre Antwort aus einem langen Lachen besteht, bevor sie einem die Hand auf die Schulter legt und erst dann Gegenargumente ins Feld führt, wenn man schon ein wenig vom Charme des Unvermittelten verzaubert ist, von ihrem Lachen, vom Augenaufschlag, von der kollegialen Berührung. Es gibt Leute, die das als Flirten bezeichnen, als Masche. Journalisten dichteten ihr deshalb schon Affären an. Es störe sie nicht, sagt sie, dass es Leute irritiert, wenn eine Regierungsrätin in der Disco tanzt. Montags besucht sie «Orientalisches Tanzen», wenn «Balkan-Express» auf dem Programm steht, besucht sie mit ihrer Toch­ter und deren Freundinnen den Aarauer Club «Kiff». Aber kiffen, sagt sie, tue sie nicht, sie könne nicht einmal Zigarettenrauch inhalieren.

Spaziergang in der Mittagspause mit dem Hund. Thema Landwirtschaft. Empfindet sie als ehemalige Bäuerin und Regierungsrätin eines Nehmerkantons das Abstimmungsverhalten der subventionierten Bauern nicht als Egoismus? «Seien Sie vorsichtig, dass Sie nicht über Bauern reden wie andere über Asylbewerber: ‹Die Schmarotzer, die in die Schweiz kommen und meinen, wir zahlen denen alles, und wollen nichts schaffen und fahren auch noch gratis Zug!› » Nein, sagt sie. Als Kritikerin der Globalisierung stehe sie hinter der Ernährungssouveränität, «aber nicht nur für die Schweiz, sondern für alle Länder».

Sie versuche, sorgsam zu sein, sagt sie, zu anderen, aber auch zu sich selbst. Sorgsam – dieses Wort benutzt sie oft. Sorgfältig ebenfalls. Ein anderes S-Wort, das für grüne Politiker zentral ist, kommt in ihrem aktiven Wortschatz nicht vor: Solidarität. Warum nicht? «Weil ich lieber von Nachhaltigkeit rede.» Ist das nicht ein abgedroschener Modebegriff? «Nein.» Aber was ist aus grüner Sicht falsch am Begriff der Solidarität? Kann man grün sein, ohne solidarisch zu sagen? Landet man denn dann nicht bei Ecopop? «Sie verstehen mich falsch: Solidarität ist ein wichtiges Wort, und ich hoffe, dass ich Solidarität sowohl in meiner pädagogischen Karriere als auch als Politikerin und Mutter vermittelt habe. Aber wenn ich im Aargau von Solidarität statt von Nachhaltigkeit rede, kommt häufig die Antwort: ‹Immer muss man mit allen solidarisch sein!› Und dann geht der Laden runter. Wenn ich von Nachhaltigkeit rede, dann erreiche ich die Leute besser. Und um Ihre Anspielung zu kon­tern: Ecopop ist nicht nachhaltig.» Das sehen die Initianten genau anders: solidarisch womöglich nicht, aber nachhaltig auf jeden Fall. «In meinen Augen funktioniert das eine nicht ohne das andere. Ein System, das sich von der Welt abkoppelt und abschottet, das nicht solidarisch ist, das ist nicht nachhaltig, es ist höchstens pseudonachhaltig. Wenn man sich als Teil der Welt empfindet, kann man weder für die Masseneinwanderungsinitiative noch für Ecopop stimmen. Ecopop ist weltfeindlich. Ich will keine Mauer um die Schweiz bauen. Ich trage lieber Sorge zu den Dingen, die uns umgeben, und verschmelze gleichzeitig mit der Welt. Um uns entwickelt sich die Welt in rasantem Tempo, und die Schweiz entwickelt sich dadurch glücklicherweise mit. Ich halte es absolut nicht für erstrebenswert, uns zurück zu den Eidgenossen zu degradieren.»

Die Kunst und ich

Es ist so. Ich halte mich für einen kulturempfänglichen Menschen. Ich liebe Literatur, habs sogar studiert, könnte nicht ohne. Musik: selbstverständlicher, täglicher Teil meines Lebens. Filme: unbedingt. Theater: von mir aus. Und dann ist da noch Kunst. Kuck ich mir an. Ich gehe immer wieder in Museen oder Galerien. Freunde von mir sind Künstler. Die Kunstszene fasziniert mich, sie verströmt im Moment ein Fluidum von gesellschaftlicher Revolution und nicht mehr bloss den Hefegeruch eines selbstreferenziellen Wichsklubs, wie es mir lange schien. Ich habe das Gefühl, dass sich dort die vielleicht interessantesten Menschen dieser Zeit tummeln, dass es dort gerade am aufregendsten ist, dass dort das Licht der Aufmerksamkeit am hellsten scheint.

Sprich: Ich bin für Kunst. Voll. Dieses Wort, übrigens, ist ja kein neues in der Jugendsprache, aber mir scheint, es erfährt in ihr gerade eine semantische Erweiterung – denn während es bisher als Ausdruck der verstärkten Bejahung gebraucht wurde («Magst du Delfine?» – «Ja, voll.»), hört man es vermehrt auch als simple Affirmation: «Gibst du mir bitte mal das Salz?» – «Ja, voll.» / «Kommst du morgen auch?» – «Ja, voll.» Und in ein paar Jahren, wenn der Trend anhält, dann wird es wohl auch heissen: «Möchtest du Cheyenne Angel Bliss zu deiner dir angetrauten Ehefrau nehmen, sie lieben und ehren in guten wie in schlechten Tagen?» – «Ja, voll.»

Zurück zur Kunst: Ich bin keine Philisterin. Ich weiss um die Bedeutung von Kunst. Ich interessiere mich für die Gedanken hinter der Kunst. Es gibt Kunstwerke oder zumindest von Künstlern hergestellte Dinge, die ich anschaue und gut finde. Oder lustig. Oder schön (darf man das überhaupt sagen?). Oder schlau.

Aber mehr passiert nicht. Es ist nicht wie bei Büchern, die mich über Tage oder Wochen beschäftigen, die in mir den Wunsch wecken können, mit so vielen Menschen wie möglich darüber zu sprechen oder mein Leben zu verändern, oder die es auch schaffen, alles, was ich bisher für meine Meinung gehalten habe, auf den Kopf zu stellen, alles aus den Fugen zu heben. Es ist nicht wie bei Musik, die die Macht hat, aus Melancholie Euphorie zu machen oder auch noch den banalsten Moment bedeutungsschwer. Es ist nicht wie bei Filmen, die mich zum Weinen bringen können oder es schaffen, mir eine Thematik, die eben noch so fremd schien, so nahezubringen, dass sie (wenn meist auch nur vorübergehend) zu MEINER Thematik wird. Es ist auch nicht wie bei Theater, wo ich zumindest immer wieder ergriffen bin von der Tatsache, dass Menschen JETZT GERADE sich den Blicken so vieler Menschen aussetzen und andere Menschen JETZT GERADE genau das Gleiche sehen, hören und riechen wie ich, und dessen systemische Manierismen mich zur Weissglut bringen können.

Kunst kann das alles nicht bei mir. Emotional lässt sie mich kalt. Ich glaube, man könnte mich kunstfrigide nennen.

So, jetzt ist es raus.

Ich fühle mich nicht besser.

Wenn jemand meint, sie oder er schaffe es, mich künstlich zu erregen, bitte melden unter redaktion@dasmagazin.ch

Ich glaube, ich bin kunstfrigide.

Ein Gespräch mit Urs Widmer

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Letzten Herbst trafen wir Urs Widmer zu einem langen Gespräch in seinem Arbeitszimmer in Zürich, er hatte gerade seine Autobiografie “Reise an den Rand des Universums” herausgegeben. Er schreibt darin, es sei sein letztes Buch. “Natürlich glauben wir Ihnen kein Wort, das ist nicht ihr letztes Buch”, forderten wir ihn heraus, ohne etwas zu wissen. Darauf sagte er: “Ja, niemand glaubt mir. Ich hoffe auch zu Recht.” Die Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt. Das Interview hier noch einmal in voller Länge.


Gespräch Finn Canonica & Simona Pfister & Birgit Schmid
Illustration Jordy Van Den Nieuwendijk


Das Magazin — Was ist das, ein gelungenes Leben? Wer Ihr neues Buch «Reise an den Rand des Universums» gelesen hat, eine Autobiografie, muss zum Schluss kommen, dass Sie eines haben.


Urs Widmer — Ein gelungenes Leben scheint mir eins zu sein, in dem man möglichst wenig fremdbestimmt lebt und in dem man, wenigstens halbwegs begreifend, was man tut, mit der grösstmöglichen Menge an Lust und der notwendigen Menge an unvermeidbarem Schmerz umgeht. Dazu braucht man sehr, sehr viel Glück, günstige Umstände, eine Begabung für etwas Spezifisches und die Bereitschaft und Fähigkeit, aktiv dazu zu schauen, dass ein so hohes Projekt auch glückt. Nur Menschen, die sehr nah am Horizont des Lebens lustwandeln, dürfen es riskieren zu beurteilen, ob das eigene Leben geglückt ist oder doch eher nicht. Wenn man unterwegs ist und der Horizont noch weit weg, sind noch viele Fallstricke verborgen. Ich erlaube mir, alt, langsam zu mir selber zu sagen: Ich habe ein geglücktes Leben gehabt und habe es immer noch.


Ab welchem Moment beginnt man genauer über das Leben nachzudenken?


Das ist ein Prozess, selten ein Erkenntnismoment. Es gibt eher einen Moment, in dem Sie jäh die eigene Sterblichkeit spüren. Ihr Herz will nicht mehr, und Sie wissen plötzlich, um was es geht. Aber das ist etwas anderes.


Sind das körperliche Momente?


Die Sterblichkeit? Ja. Ich hatte mit achtundfünfzig eine schwere Herzoperation, und bis siebenundfünfzigeinhalb habe ich mich unsterblich gefühlt. Aber dann wusste ich plötzlich: holder Irrtum! Ich bin äusserst sterblich. Von da an hatte ich ein anderes Lebensgefühl.


Geben Sie uns einen Rat: Was muss man machen, damit einem das Leben gelingt?


Ich will dieses Gespräch nicht als einer führen, der ein Vorbild sein will, und kann also auch keine Ratschläge geben, sondern ich kann nur von mir reden. Ich habe, noch während der Pubertät, mit einer wilden Heftigkeit gespürt, dass ich nicht die «Lügen der bürgerlichen Welt» mitmachen wollte, was natürlich mit der eigenen Familiengeschichte zu tun hatte. Alltagslügen, charmant gesagt, damit das System intakt blieb. Ich überlegte, wie ich mich in diesem Gewirr von Sätzen verhalten sollte, die selten genau das meinten, was sie sagten.


Und Sie hatten das Glück, ein begabter Mensch zu sein.


Mein Glück war, dass ich in einem Haus aufgewachsen bin, das meine Begabung gefördert hat. Um mich herum waren dauernd witzige, gescheite, lebenssprühende Menschen, und viele von ihnen waren Schriftsteller. Und da dachte ich: So einer könnte ich auch werden. Das Wunder meines ganzen Lebens ist, dass diese Rechnung aufgegangen ist. Ja, alles ist noch besser herausgekommen, als ich es in meinen kühnsten Hoffnungen erwarten durfte. Ein paar gute Bücher, ein paar gute Theaterstücke. Viel mehr kann keiner von den Göttern verlangen. Dazu brauchts natürlich eine Menge günstiger Umstände. Mein Leben weist keine Brüche auf. Kein Krieg, er blieb jenseits der Stacheldrahtzäune. Keine jähen Tode mir Naher. Der, den Sie heute vor sich sehen, hat noch viel zu tun mit dem kleinen Buben, der ich gewesen bin.


Sie hatten aber auch Glück in der Liebe, ein schon fast kitschig zu nennendes Glück.


Ich bin seit fünfzig Jahren mit derselben Frau zusammen und habe das deutliche Gefühl, sie sei die Richtige.


Weitere Gründe?


Ich hatte drittens eine Begabung, die mir erlaubt hat, möglichst wenig fremdbestimmt zu leben. Das Schriftstellerleben hat mir in der Summe zwar sehr viel Glück eingebracht, aber ich wurde auch schon früh auf meine Defizite aufmerksam. Ich war ein hochneurotischer junger Mann, angstbesetzt, mit Ticks und allem. Ich habe gemerkt, dass das so nicht geht. Darum habe ich eine Psychoanalyse gemacht, die der von Woody Allen locker Konkurrenz macht, also sehr lang und intensiv. Und sie hat mir ausserordentlich gut getan, denn jetzt, in meinen alten Tagen, lebe ich relativ angstfrei und habe einen weiteren Blick. Mit andern Worten: Dies ist mein eigener Beitrag an die ganze Geschichte. Ein Mensch zu werden und nicht eine Marionette, an deren Fäden irgendein Mächtiger rupft. Ich wollte den Lebensdreck ausserhalb der Bücher aufräumen, nicht in ihnen.


Es gibt auch Dinge, auf die man null Einfluss hat: Freunde sterben, Kriege beginnen, Krankheiten setzen einem zu.


Jeder Mensch braucht ja eine gewaltige Menge von


Abwehrkräften, um das Entsetzliche in sich selber und von aussen abzuwehren. Das ist ja auch gesund. Wenn wir keine Abwehr hätten, würden wir in Sekundenschnelle untergehen. Wenn wir jeden Tod in Syrien miterleben würden, wären wir keine dreissig Sekunden am Leben. Ich hatte das Glück einer relativ stabilen Abwehr, die aber doch löchrig war, porös, sodass durch die Löcher immer wieder Schmerzen durchdrangen, die ich einfach nicht übersehen konnte. In gerade noch aushaltbaren Dosen. Ich glaube beispielsweise, dass man in der Wirtschaftswelt oft Leute mit monumental starken Abwehrsystemen antrifft. Wenn diese Mauer das ganze Leben über hält, ist es kein Problem – zumindest nicht für diese Menschen selber. Aber wenn der Schmerz dann plötzlich irgendwo durchbricht, ist das wie eine Explosion. Und dann nennt man das Burn-out, und die Suizide, von denen wir in letzter Zeit lesen mussten, gehören auch hierher.


Sie beschreiben gewisse Abgründe, aber immer mit eleganter Zurückhaltung. Heute dagegen gehört ständiges Jammern über alles Mögliche, was gerade nicht gut läuft, zum Leben wie die Yogastunde oder Äpfel aus dem Reformhaus. Sind wir unbescheidener geworden?


Ich weiss nicht. Ich musste mich in meiner Kindheit sehr stark wehren gegen die für Kinder unverständlichen Spannungen zwischen den beiden Eltern, die stark mit der klinisch kräftigen Depression meiner Mutter zu tun hatten. «Endogene Depression» nannte man das damals. Wir alle kennen ja depressive Gefühle, aber das war wirklich wesentlich mehr. Jedenfalls habe ich mich da gewehrt, und zwar genau mit dem Gegenteil von Bescheidenheit: nämlich mit Grössenfantasien.


Wie sahen die denn aus?


Ich habe mir eine Kindheit lang – fiebernd, blind für den Rest der Welt – tolle Sachen vorgestellt, bei denen ich immer der Held war: das, was heute unter dem Namen Grössenwahn einen schlechten Ruf hat. Ich habe beispielsweise das Postauto über den Berninapass hinweggesteuert; ich war ein toller Fussballspieler, der die Tore nur per Fallrückzieher machte und immer getroffen hat, und ich habe im Schlussspurt der Tour de France Fausto Coppi locker übersprintet. Das sollte nicht das ganze Leben anhalten, aber in der Rückschau habe ich ein gutes Verhältnis zu meinen Grössenfantasien, weil ich das Gefühl habe, sie haben mich auch gerettet. Natürlich war es nachher eine Leistung, wieder auf den Boden zu kommen, die Welt zwingt dich ja dazu. Wenn du es nicht schaffst, bist du später am Arsch. Das ist eine grosse Gefahr, dass man als Erwachsener immer noch Luftschlösser baut und viel zu lange in seinen Schimärenzimmern herumirrt. Kommt man erst irgendwann mit vierundfünfzig auf die Welt, weil man merkt, das hat alles nicht funktioniert, dann ist es ein wenig spät.


Sie schreiben, wirklich eng sei die Schweiz in den Vierzigerjahren gewesen.


Für mich nicht, ich war ein Kind. Für die Erwachsenen schon.


Der Satz ist eine Anspielung auf Paul Nizons «Diskurs in der Enge». Richtig?


Ja, natürlich. Darum wird die Wendung auch heute noch gebraucht, heute meiner Ansicht nach völlig unangebracht. Sie können ja in den TGV sitzen und sind in vier Stunden in Paris. Die Enge hat übrigens nicht mit dem Kriegsende aufgehört, sondern bis tief in die Fünfzigerjahre war eine Auslandsreise zwar möglich, aber extrem schwierig. Man hat es sich dreimal überlegt, ob man den ganzen Visumkram macht, um nach Rom zu fahren. Da war die Schweiz wirklich eng, und da war die Schweiz auch ärmlich.


Sind Sie denn selber auch ärmlich aufgewachsen?


Ich erlebte meine Jugend nicht als arm. Wir waren es auch nicht. Mein Vater war Lehrer, aber wir konnten nicht mit Geld um uns werfen.


Ihnen wurden bürgerliche Werte vermittelt, Bildung schien wichtiger als Reichtum.


Oh ja, und wie! Und zwar war alles widersprüchlich: Mein Vater war der typische Bildungsintellektuelle, und meine Mutter war überhaupt nicht intellektuell, hatte dafür aber sehr bürgerliche Ideale, die sie von ihren Eltern geerbt hatte. Denn diese waren einige Jahre lang reich gewesen: Mein Grossvater war einer der Vizedirektoren der Ciba. Die Ciba war bei seinem Eintritt eine kleine Firma, kein Chemiegigant. Im Laufe des Ersten Weltkriegs vergrösserte und bereicherte sich die Ciba allerdings, und da wurde mein Grossvater einer von fünf Vizedirektoren und hat ziemlich viel Geld verdient. Also ist meine Mutter in einem Setting aufgewachsen, das nach Geld gerochen hat – weil auch welches da war. Villa, Fiat, bis im Crash von 1929 alles sein jähes Ende fand. Meine Mutter schämte sich beispielsweise, in die EPA zu gehen, ein Billigwarenhaus in Basel damals, während es allen anderen egal war.


In Autobiografien werden Dinge gerne aufgeblasen oder Luft rausgelassen. In Ihrem Buch ist die Grundbewegung eher die des Luftrauslassens.


Ich würde jetzt nicht dieses Bild verwenden, aber Sie haben recht. Meine Psychoanalyse brachte meine Neurosen nicht zum Verschwinden, aber sie hat sie deutlich verkleinert. Das Buch, von dem wir reden, kann nur ein alter Mann schreiben. Ich meine das auch nicht als Witz: Es ist ein letztes Buch. Ich meine das auch in einem literaturtheoretischen Sinn: Was soll danach noch kommen? Ich habe immer mit autobiografischem Material gearbeitet.


Natürlich glauben wir Ihnen kein Wort, das ist nicht Ihr letztes Buch.


Ja, niemand glaubt mir. Ich hoffe auch zu Recht.


Sie müssten den Abschied von der Literatur vielleicht mehr inszenieren. Wie Philip Roth zum Beispiel.


Ich bewundere Philip Roth, «Portnoys Beschwerden», ein Höhepunkt. Aber hier denken Sie gewiss an sein berühmtes Diktum. Das Alter sei ein Massaker. Das ist natürlich auf Pointe hin gesprochen, und in dem Sinne stimme ich ihm nicht zu. Es gibt Schönes, was mit dem Alter zu tun hat. Eine neue Heiterkeit. Eine neue Gelassenheit. Aber Roth hat trotzdem recht.


Schreiben Sie doch gegen diesen Horror an.


Das Schreiben ist meine Glücksmaschinerie. Nur muss ich auch etwas haben zum Schreiben. Schreiben, wenn es gelingt, schafft mindestens eine zweite Art von Glück. Das ist etwas Tolles: Wenn Sie für das Durcheinander, in dem wir hier leben – und die Vergangenheit und die Erinnerung sind auch ein Durcheinander –, wenn Sie dafür eine Struktur und eine Form finden, macht Sie das glücklich.


Sie sagten vorhin, dass Sie ein gutes Leben hatten. Vergleichen Sie sich manchmal mit anderen?


Zuerst einmal: Von einem «geglückten Leben» gibt es zwei Sichten. Erstens: was man von sich selber denkt. Und zweitens: was man von anderen denkt. Da kann es durchaus sein, dass man jemanden idealisiert. Ich weiss nicht, ob Nelson Mandela denkt, er habe ein geglücktes Leben gehabt. Achtzehn Jahre im Gefängnis ist im eigenen Empfinden vielleicht doch nicht so unheimlich geglückt, und doch bewundern wir ihn. Umgekehrt hat Hitler sicher mindestens zwischen 1933 und 1943 sein Leben für ausserordentlich geglückt gehalten. Da muss man aufpassen. Ich habe einfach fast physisch das, was man «Fremdbestimmung» nennt, nicht ausgehalten. Ich habe es ja probiert: Ich bin immerhin vier Jahre lang in Büros gehockt. Ich habe nicht wirklich gelitten, weil ich als Verlagslektor einen interessanten Beruf hatte. Aber eigentlich habe ich doch gelitten, die Neurose noch nicht beherrscht. Und jetzt habe ich auch ein Büro, in dem wir gerade sitzen, aber in dem leide ich nicht. Ein grosser Teil der Bevölkerung macht nicht das, was ihm gemäss sein könnte, und er hat doch keine andere Wahl. Das ist schrecklich.


Dann ging es aber doch rasch bis zum Erfolg.


Die ersten zehn Jahre, bis ich dreissig war, habe ich sicher zwei Romane, drei Theaterstücke geschrieben, die einfach schlecht gewesen sind. Und ich habe gewusst, dass sie schlecht sind. Da habe ich natürlich auch noch anderes gearbeitet, ich musste ja Geld verdienen. Ich weiss eigentlich nicht, wieso ich so selbstgewiss am Projekt Schreiben drangeblieben bin. Aber dann habe ich, aus heiterem Himmel sozusagen, etwas geschrieben – damit endet «Reise an den Rand des Universums» –, bei dem ich das erste Mal gefunden habe, es sei in Ordnung.


Gleichzeitig haben Sie Ihre Frau kennengelernt. In der Hand ein erstes Manuskript, vom dem Sie wussten, dass es gut ist, am Arm die Liebe Ihres Lebens. Geht doch kaum noch besser.


Das ist natürlich eine echte Lebenspointe. Auf die habe ich natürlich nicht verzichtet in meiner Autobiografie. Die Geschichte, in der sie das Buch liest, am Strand in Barcelona, ist nicht erfunden. Ich habe mir nicht erlaubt, wirklich etwas grob zu erfinden. Das war wirklich alles so. Aber man muss auch erkennen, was für ein Geschenk diese Geschichte ist.


Auch wenn Sie sich dagegen sträuben, noch einmal Fragen zur Kunst der Lebensführung: Einer Ihrer Lieblingsschriftsteller ist Stendhal, den Ihr Vater auch übersetzt hat. Stendhal, weiss man aus seiner Biografie, war ein Meister des Hin- und Herspringens zwischen Aktion und Kontemplation. Mal heulte er wegen einer Frau, die ihn verschmähte, am anderen Tag zog er bestens gelaunt mit Napoleon in den Krieg.


Ich habe das nicht unbedingt an Stendhal festgemacht. Ich las einfach alle seine Bücher und fand sie toll, teilweise auch, weil mein Vater sie übersetzt hatte. Das war ein wenig meine Lebensrolle: Ich las die Bücher meines Vaters, weil meine Mutter es nicht tat. Das hat mich stark geprägt. Da bekam ich mit der Zeit eine Liste von Idealen: Stendhal, Flaubert, aber auch Kafka, Tschechow, Joseph Conrad. Das war ein Katalog von Autoren, die wirklich zu meinem Herzen sprachen. Ob ein Schriftsteller wirklich Ihr Schriftsteller ist, erkennen Sie am Gefühl, dass Sie alles von ihm lesen wollen. Ich glaube, jeder hat nicht mehr als zehn Autoren, die wirklich «seine» sind.


Gibt es Tugenden oder Charaktereigenschaften, von denen Sie sagen können: Die sind extrem wichtig? In Ihrem Buch beschreiben Sie Ihre Bewunderung für einen Bergsteiger namens Fritz. Fritz spricht nicht viel, und wenn er es tut, sagt er nur Wichtiges, und in kritischen Situationen verliert er nie die Nerven.


Das sind so Ideale, die man halt nicht leben kann, weil man anders gestrickt ist. Eine wichtige Tugend ist bestimmt – es ist mir fast peinlich, das zu sagen – Demut, also das Gegenteil von ständigem Auftrumpfen. Allerdings neige ich, der gern demütig sein möchte, auch zu grossen Sprachgesten und Pathos.


Ach ja? Meinen Sie in Ihren Büchern oder in öffentlichen Äusserungen?


Oh, in meinen Büchern gibt es viele pathetische Momente. Persönlich habe ich die Tendenz, einen Tisch zu dominieren, weil ich so viel rede. Das ist nicht unbedingt demütig.


In Ihren Werken tun Sie aber genau das nicht. Sie provozieren nicht eine Polemik um jeden Preis, wie das vielleicht andere, wie Muschg oder Nizon, tun oder getan haben.


Nein, das tue ich in der Tat nicht. Ich bin ja auch keine Stimme der Nation und wollte es niemals sein. Ich bin kein Max Frisch, auch den wollte ich nie beerben. Ich habe in meinen Büchern immer probiert, «ne pas péter plus haut que mon cul», wie das französische Sprichwort sagt. Trotzdem habe ich mich in für mich persönlich gefährliche Bereiche begeben – psychisch gefährlich. Zum Beispiel ist auch «Herr Adamson» kein mutloses Buch. Es handelt immerhin von einem, der mit dem Tod spielt, und das ist nicht nur ein Witz. Aber ich wollte nie angeben. Schon gar nicht mit meinen erotischen Erfahrungen. Ich wollte nicht, wie manche meiner alten Kollegen es tun, im Alter zeigen, was für ein toller Hirsch ich immer noch bin mit fünfundsiebzig.


Hat man heute mehr Mühe, demütig zu leben?


Ja. Man kriegt so viele Angebote von der Aussenwelt, die einem erlauben zu meinen, man müsse gleich alles kriegen. Ich bin nicht so aufgewachsen, dass ich gemeint habe, ich könne alles kriegen.


Sie sprachen von der Durchlässigkeit, die auch zu einem geglückten Leben gehöre. Man müsse Schmerz und Abgründe zulassen. Aber wie findet man das richtige Mass, dass das Dunkle nicht überhandnimmt?


Das alltägliche Leben ist oft von einer unendlichen Ödnis, weil es so eindimensional ist. Dem entgeht niemand. Jemand, der Künstler wird, und ich bin halt einer geworden, findet in seiner Kunst einen Ausweg, aber den kann ich natürlich nicht weiterempfehlen, und ich meine das nicht arrogant. Ich kann doch nicht jemandem den Rat erteilen: Gehen Sie doch malen! Oder: Schreiben Sie doch mal eine Sinfonie! Entweder Sie können es, oder es klappt eben nicht.


Wann hatten Sie denn das Gefühl, dass das, was Sie schreiben, Literatur ist?


Es ist schwierig zu definieren, was das eigentlich ist, literarisches Schreiben. Es ist ein Gefühl, welches Sie beim Schreiben plötzlich haben: Jetzt bin ich auf dem Terrain der Literatur. Und sofort setzt das Glück ein. Wahrscheinlich ist es eine Art Aufladung von allem. Jedes Wort hat tausend Volt in sich. Es ist ein geradezu erotisches Gefühl den Sätzen und Wörtern gegenüber. Und wenn diese Erotik über Seiten hinweg klappt und Sie erregt sind, aber in einem gebändigten, strukturierten, formgebundenen Sinn erregt, dann geschieht etwas: auf dem Papier und mit Ihnen. Ich kann mich erinnern, wie ich, als ich den Tod meiner Mutter beschrieben hatte für «Der Geliebte der Mutter», freudestrahlend nach Hause kam und zu meiner Frau sagte: «Jetzt habe ich gerade den Tod meiner Mutter geschrieben, toll!»


Wenn Sie nicht schreiben könnten, wäre vielleicht alles anders gekommen.


Ja, stellen Sie sich vor, meine Frau hätte gefunden, mein erstes Buch damals sei schlecht.


Sie hätten eine andere Frau suchen können.


Das hätte ich gewiss nicht. Aber es wäre ein harter Schlag gewesen, und es wäre wahrscheinlich etwas länger gegangen, bis ich doch ein Schriftsteller geworden wäre.


Hilft Selbstironie eigentlich, durchs Leben zu kommen?


Natürlich. Ich habe ein gut gefülltes Reservoir an Humor, auch wenn ich nicht auf Pointen hin schreibe. Auch beim Humor habe ich meinen Vater im Hintergrund: Er war der Weltmeister der Kalauer. Er machte alle Kalauer, die es gibt, und auch die, welche es nicht gibt. Beide haben wir teilweise parallel Schnitzelbänke gemacht. Ich kann mich gut an ein Fest mit fünfzig, sechzig Leuten bei Freunden meiner Eltern erinnern. Da hat mein Vater eine Schnitzelbank gemacht und ich auch. Da war ich etwa fünfzehn und habe meinen Vater an die Wand gesungen. Das war ein Schlüsselerlebnis meines Showlebens! Mein Vater war seltsamerweise nicht begeistert, dass sein Sohn so gut ist, sondern er war gekränkt. Er war eingeschnappt.


Wie macht man das genau: sich erinnern?


Erinnerungen sind etwas sehr Unformuliertes und Isoliertes. Man hat ja keinen Strang von schlüssigen Erinnerungsgeschichten, die von A bis Z durchgehen, sondern es sind eher einzelne Flecken. Die Erinnerungen betrügen einen auch. Da kommt man sich selber nicht auf die Schliche. Es ist deshalb bestimmt auch nicht alles wahr, was man so blauäugig-konkret erinnert. Die Erinnerung korrigiert dauernd, und zwar meistens zu unseren Gunsten. Wir sind alle begabt im Vergessen der eher peinlichen, schambesetzten und schmerzhaften Dinge und haben einen leichteren Zugang zum Angenehmen, das uns das Gedächtnis erst noch besonders hübsch zurechtgemacht hat.


Es ist verblüffend, wie Sie sich an Ihre ersten Jahre erinnern.


Ja, das ist tatsächlich seltsam. Ich kann den Anfang des Lebens viel besser erinnern als den Rest. Ab dreissig, als ich wirklich erwachsen war, gibt es ein Erinnerungsdurcheinander, bei dem ich ganze Jahrzehnte verwechsle. Schon allein aus diesem Grund könnte ich keine Fortsetzung meines Buches schreiben.


Das bedeutet doch, dass es eine Art Technik gibt, die einem hilft, sich intensiv zu erinnern und Erinnerungen an die Kindheit wie Schätze ausgraben zu können?


Ja, vielleicht, aber das fällt mir nicht auf. Die Erinnerung stellte sich ganz widerstandslos ein. Im Übrigen habe ich ja die Deutungshoheit über die Erinnerungen: Ich sage, was ich sagen will. Und was ich nicht sagen will oder kann, weil ich es nicht mehr weiss, kommt logischerweise nicht vor. Am Ende sieht es so aus, als sei ich ein Erinnerungstitan und wisse über alles genau Bescheid. Aber die Löcher sind einfach nicht geschrieben.


Die ersten Ferien im Lötschental schildern Sie ungeheuer anschaulich und genau.


Ja, da trickse ich natürlich ein wenig: Wir waren ja zehn Jahr lang immer wieder dort. Ich weiss nicht genau, ob die Erinnerung an die Küche aus dem fünften oder neunten Jahr stammt. Aber beispielsweise meine erste Liebe, die Liebe zu der Ziegenhirtin, da war ich tatsächlich ungefähr fünf und weiss das auch noch ganz genau. Ich habe versucht, bei den früheren Erinnerungen nicht zu erfinden. Dort, wo sie eine Konstruktion sind, wie bei meiner Zeugung, ist mein «Betrug» dann offensichtlich. Obwohl mir meine Eltern auch darüber viel erzählt haben – Sie mussten ja begründen, wieso ich «der Lötschi» heisse.


Ihre Eltern haben Ihnen in den Vierzigerjahren erzählt, wo sie Sex hatten und Sie gezeugt wurden? Ziemlich erstaunlich.


Nein. Meine Eltern waren zwar hochneurotisch, aber sie hatten Ideale einer Freiheit, einer Emanzipation, die den heutigen Idealen durchaus glichen. Das, was wir heute als Emanzipation erleben, gab es in den Zwanziger- und Dreissigerjahren schon einmal. Dann wurde alles durch das Grauen des gemeineuropäischen Faschismus verschüttet.


Wenn man sich nicht erinnert, ist es so, als ob man kein Leben gehabt hat, richtig?


Ja, das glaube ich schon. Ein Leben ohne Erinnerungen ist furchtbar. Alzheimer ist das Schlimmste.


Wieso ist vieles erst im Nachhinein, also in der Erinnerung, so schön?


Weil alles Schmerzliche weggefallen ist. Die kratzende Begleitmusik des Alltags. Ich merkte kaum, wie gut es mir damals ging. Ich war gesund wie ein Ochse und hatte die Energie eines Berserkers. Jetzt bin ich nach drei Stunden Arbeit erschöpft und muss ein Nickerchen machen. Das ist elend, aber es könnte noch schlimmer sein. Heute ist mein Motto: Solange es nicht wehtut …


Sie schreiben im Buch über «erwachsene Erwachsene». Wann haben Sie sich als erwachsen wahrgenommen?


Ungefähr mit dreissig. Für mich spielte es eine grosse Rolle, dass ich an einem ganz anderen Ort war, in Frankfurt am Main. Dort, in einer anderen Kultur, mit anderen Menschen, war ich einfach ein junger Mann, der etwas machte, nämlich Bücher schreiben. Da fühlte ich mich gleich wesentlich erwachsener. In diesem verflixten Basel war ich ja doch immer der Sohn meines stadtbekannten Vaters.


Sie schreiben auch: «Ich war jung, ich bin alt.» Haben Sie dieses Gefühl wirklich immer ganz plastisch und sagen es genau so: «Ich bin jetzt alt.»?


Ich bin alt.


Und Sie fühlen sich auch so: alt?


Ja, ich fühle mich alt. Aber das Kind, das ich einmal war, ist immer noch in mir aufbewahrt. Das ist vielleicht der Vorteil eines Schriftstellers: Ich kann alle Lebensalter wunschgemäss abrufen. In diesem Sinn bin ich nicht immer alt. Als ich älter wurde, habe ich etwas Interessantes entdeckt: Ich weiss nie, wie sich diejenigen fühlen, die älter sind. Ich bin fünfundsiebzig und habe keine Ahnung, wie sich ein Achtzigjähriger fühlt. Meine Erfahrung ist, dass man immer das Falsche antizipiert. Das Verheerende kommt aus einem Winkel, auf den Sie nicht schauen. Plötzlich ist etwas da, mit dem Sie überhaupt nicht gerechnet haben – und es geht nicht mehr weg. Das wird im Alter von Tag zu Tag deutlicher.


Sie machen uns nicht gerade Hoffnung.


Ich habe, als ich jung war, immer gedacht, die alten Menschen machen das absichtlich – so blöd den Weg versperren, so langsam ins Tram einsteigen. Das war eine fremde Indianerhorde, deren Gebräuche ich überhaupt nicht verstand, so wie die Jungen heute eine fremde Indianerhorde sind. Man hat das Alter, das man hat. Diese ledrig-gesunden Siebzigjährigen, die ihre Tochter als ihre beste Freundin bezeichnen («Wir machen alles zusammen»), gehen mir schwer auf die Nerven.


Einen wichtigen Teil in Ihrem Buch nimmt die Erinnerung an Ihre frühesten Triebregungen ein, und Sie schreiben relativ offen darüber.


Ich denke, dass der Trieb überhaupt die stärkste Kraft in uns ist.


Haben Sie zu viel Freud gelesen?


Ich habe viel gespürt! Der Trieb sagt dir, was du tun sollst. Manchmal widerspricht der Verstand ein bisschen, und manchmal widerspricht er nicht, und du tust etwas, was sich als Blödsinn erweist, manchmal auch als etwas Wunderbares. Aber der Trieb gibt dir die Befehle, nicht umgekehrt.


Kriegt man den Sexualtrieb mit zunehmendem Alter nicht besser in den Griff?


Da wär ich mir nicht so sicher. Der Trieb nimmt vielleicht ab, aber nicht so wahnsinnig. Steuern können Sie das nicht. Sie können ihn nur beobachten und nicht jeder Triebregung nachgeben. Kurz: Es läuft darauf hinaus, dass der Trieb ein ziemlich kräftiges Tier ist, das Sie nicht im Griff haben. Meine Triebstationen habe ich im Buch beschrieben. Ich brauchte diese Stationen, bei denen ich teilweise der Verlierer war, teilweise einer Frau Schmerz bereitet habe. Das «musste» sein. So ist jedes Leben gestrickt. Erst danach war ich offenbar reif, die richtige Frau zu kennen. Aber der Trieb hört ja dann nicht auf, dir Vorschläge zu machen. Sie kennen gewiss den alten Spruch: Wenn der Schwanz steht, ist der Verstand im Arsch. Das gilt auch für Frauen.


Auch wenn Sie es nicht mögen, geben Sie uns nun bitte ein paar Ratschläge mit auf den Weg.


Man muss lernen, sich selbst zu justieren. Was da die grösste Aufmerksamkeit verdient, muss man selbst herausfinden. Bei mir war es der Narzissmus. Eines der Lebenskunststücke ist es, den Narzissmus wie einen Ball in der Hand zu halten, damit er nicht zu gross wird, sodass man immer noch über den Narzissmus hinausschauen und fühlen kann. Das ist allerdings nicht so einfach.


Wie machen Sie das? Wie behalten Sie ihn gerade gross oder klein genug?


Wieder: durch Selbstironie. Ausserdem werde ich narzisstisch gut genährt. Gerade jetzt wieder durch das Buch, auf das ich viel Echo erhalte. Das ist eine narzisstische Fütterung. Wenn ich nie Erfolg gehabt hätte, wenn die Leute mich nicht gern lesen würden, würde ich verdorren und verkümmern.


Ihre Frau war allerdings sicher auch ein Korrektiv.


Sie ist meine erste Leserin geblieben.


Sagt sie heute auch noch: Bleib auf dem Boden?


Nein, überhaupt nicht. Heute bin ich auf dem Boden.


Wenn Sie jetzt mit Ihrem Enkelkind vor einem Kaminfeuer sässen und das Kind würde fragen: Opa, was wird am meisten überschätzt? Was würden Sie antworten?


Wie gesagt, ich bin ein schlechter Ratgeber. Darum zitiere ich jetzt meinen Vater. Als ich ein Jüngling war, sagte er einmal zu mir: «Weisst du, Urs, das mit den Frauen überschätzt man.» So soll man es nicht machen.


Wie soll man es dann machen? Wie bleibt man so heiter wie Sie?


Ich habe immer versucht, nah bei mir selber zu leben. Das ist aber gar nicht so einfach. Sie merken schon, dass es da eine Differenz gibt. Diese Differenz nennt man Neurose: Sie merken, dass Sie neben den Schuhen stehen und nicht genau wissen, warum, und es ist selbst auch nicht reparierbar. Das ist übrigens das Ungeheuerlichste an Goethe: dass er eine lebenslange Selbstanalyse gemacht hat. Dass er ein Leben führte, bei dem er auf sich schaute und sich korrigierte. Wie Freud später. Im Unterschied zu Goethe hat Freud alles, was ihm an Erkenntnissen zufiel, systematisiert. Das ist eine noch unglaublichere Leistung: Er hat sich selber analysiert und daraus ein System gemacht, das in seinen Grundgedanken (das Unbewusste, der Trieb) bis heute richtungweisend geblieben ist.


Das «Kunstwerk des Lebens», wie es der Goethe-Biograf Rüdiger Safranski formuliert hat, ist Ihnen also geglückt?


Jetzt habe ich endlich einen klaren Ratschlag: Sie müssen im Leben von Ihrem eigenen Material ausgehen. Von dem, was Sie sind, was Sie sein und werden könnten. Wenn Sie zu lange an zu grossen und zu falschen Idealen festhalten, dann kann das nur schiefgehen, dann sind Sie unglücklich. Sie müssen Ihre Kompromisse mit den eigenen Möglichkeiten und dem Leben finden.


Das heisst, dass das Delta zwischen dem, was man werden will, und dem, was man ist, nicht zu gross sein darf?


Ja, richtig. Sie müssen ein Gefühl dafür entwickeln, was innerhalb und ausserhalb des grünen Bereiches liegt. Das Gefühl können Sie nicht begrifflich genau definieren, aber es muss vorhanden sein. Dem können Sie nachhelfen, indem Sie es sich bewusst werden lassen. Und dann brauchen Sie auch noch eine ganze Portion Glück.


Heute denken doch viele Leute nur noch über ihr eigenes Potenzial nach, sie loben sich selbst über den grünen Klee, züchten ihre Körper hoch und beten eine Art inneren Gott an.


Das ist nicht das, was ich meine. Das hat eher mit Narzissmus zu tun, mit einem verwöhnten Leben. Wir hatten in der Schweiz auf so viele Arten so viel Glück, dass man sich schwer vorstellen kann, dass es auch etwas härter sein könnte.


Der Narzissmus ist vielleicht die Zentralkrankheit unserer Zeit.


Dem würde ich nicht widersprechen. Aber es gibt einen positiven Narzissmus, der Ihnen hilft. Es kommt wirklich – wie bei fast allem – auf das Mass an. Vielleicht ist das ein weiterer Ratschlag: Man muss eine Art Gefühl fürs Mass entwickeln.


Haben Sie eine Autobiografie geschrieben, weil Sie an dem Punkt angelangt sind, den Max Frisch so formuliert hat: «Leben ist langweilig. Ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich schreibe.»


Nein, da stimme ich Max Frisch nicht zu. Ich behaupte, dass ich mich seit fünfzig Jahren nicht mehr gelangweilt habe. Ausserdem begründe ich im Buch auch, wieso ich glaubte, es schreiben zu müssen: Nicht weil ich mich langweilte und mir das Leben nichts mehr geboten hat, sondern weil ich glaubte, ich hätte mein gesamtes inneres Material bereits in meinen anderen Büchern aufgebraucht. Die sehen vielleicht fantasiebestimmt aus, aber vieles ist stark in realen Erlebnissen verwurzelt, wenn auch metaphorisiert. Ich habe also wirklich geglaubt, ich hätte kein Material mehr für etwas anderes. Nur noch das Banal-Tatsächliche. Deshalb habe ich mir einen Tritt von hinten gegeben und gesagt: Das mache ich jetzt. Ich schreibe jetzt alles auf, bevor es zu spät ist. Und ich lebe übrigens immer noch im Gefühl, dass danach nichts mehr kommt.


Sie leben jetzt aber noch weiter. Vielleicht haben Sie einen ganz neuen Lebensabschnitt vor sich, in dem Sie wieder Neues erleben.


Ja, das ist meine heimlichste Hoffnung: dass ich mit dem den letzten Gerümpel weggeräumt habe und jetzt auf eine neue Ebene komme mit einem neuen Horizont und über etwas schreibe, das ich mir im Traum nicht vorstellen kann zu schreiben. Aber dafür brauche ich irgendeinen Anfang – und der ist noch nicht da.

Amsel, Kuckuck, Afrika

«Sehr gut», dachte ich, «dass auch ältere Semester noch an Konzerte gehen. Respekt.» In einer Schlange stand ich, vor mir eine Frau und ein Mann im Rentneralter, dem regnerischen Wetter entsprechend rüstig-sportlich gekleidet, beide trugen Jack-Wolf­skin-Jacken, blau, identische Modelle. Wir alle warteten artig, um zu einem Konzert eingelassen zu werden. Als die Wolfskin-Twins an der Reihe waren, kam es zu einer kurzen Diskussion mit dem Türsteher, alles, was ich hörte, war, wie der Türsteher rief: «Namibia ist rechts um die Ecke.» Etwas verwirrt zottelten die Wolfskin-Twins wieder davon, hinaus in den Regen. Und alles ging weiter, die Zeit, der Einlass, das Konzert. Der Satz aber, der nistete sich in meinem Kopf ein, wie eine Amsel sich ihr Nest baut im Motorraum eines abgestellten Autos aus Zweigen, Halmen, Moos und Flechten, so machte es sich der Satz bequem: «Namibia ist rechts um die Ecke.» Nach dem Konzert schaute ich in den Glaskasten im Foyer, in dem die Veranstaltungen des Monats ausgehängt waren, und tatsächlich: Am selben Tag fand eine weitere Veranstaltung am selben Ort in einem anderen Saal statt. Eine Dia-Multivisionsshow mit dem Titel «Namibia – Traumhaftes Afrika». Die Wolfskin-Twins wollten gar nicht an das Konzert – sie wollten atemberaubende Bilder sehen von den höchsten Dünen der Welt in der Namibwüste, Sehnsucht wecken nach der Etosha-Pfanne mit ihrer grossartigen Tierwelt und dem Caprivistreifen, der wie ein Zipfel im Nordosten des Landes sich fast bis zu den Victoriafällen erstreckt. Dieser Landzipfel übrigens, der Caprivistreifen, der wurde nach Georg Leo von Caprivi de Caprera de Montecuccoli benannt, der Nachfolger von Otto von Bismarck als deutscher Reichskanzler wurde, 1890 war dies. Denn ist ja nicht nur rechts um die Ecke, Namibia war einmal «Deutsch-Südwestafrika».

«Namibia ist rechts um die Ecke», dach­te ich, als ich beim Bäcker stand, am nächsten Morgen. «Namibia ist rechts um die Ecke», dachte ich, als ich im Büro den Mantel an den Haken hängte. «Namibia ist rechts um die Ecke», dachte ich den ganzen Tag, der Satz kam wie ein renitenter Kuckuck aus seinem Uhrengehäuse, wann immer es ihm passte, auch als ich abends zu Hause am Küchentisch sass und auf einen Fächer starrte, ihn studierte.

Ein Fächer ist grundsätzlich ein – vor allem in sommerheissen Ländern wie Spanien oder Japan gern genutztes – Hilfsmittel, um durch eine einfache Handbewegung einen kühlenden Luftzug zu veranstalten. Dieser Fächer jedoch war ein Farbfächer, dessen Sinn nicht in der Gesichtskühlung liegt, sondern in der praktischen Darstellung aller im sogenannten RAL-System erfassten Farben. In den Händen hielt ich den Fächer, da ich die schwierige Aufgabe zu bewältigen hatte, eine Farbe zu bestimmen, in der ich etwas lackiert haben wollte. Ich konnte mich frei entscheiden. Nun ist es leider so, dass es mehr als eine Farbe gibt. Wenn es nur eine Farbe gäbe auf der Welt, dann wäre das Leben zwar nicht bunt, aber viel einfacher. Im RAL-Ordnungssystem «Classic» existieren 213 Farben – im System «Design» sind es gar deren 1625. Sie tragen Namen, sie tragen Nummern, von RAL 1000 (Grünbeige) bis RAL 9023 (Perldunkelgrau). Dazwischen liegen Welten. Nur schon Weiss, die hellste aller Farben: Ein jeder weiss, es gibt sie nicht. Man muss nur zwei verschiedene weisse Blatt Papier nebeneinanderlegen, um es zu sehen. Nun ist nicht nur die schiere Anzahl verschiedener Farben verwirrend, sondern auch der Ursprung des systematischen Ordnungswillens. Das Akronym RAL nämlich steht nicht für «Real Alle Lacke» oder «Rocking As Light», sondern für «Reichs-Ausschuss für Lieferbedingungen», und es hat seinen Ursprung im Jahr 1925.

Das klingt heute, im Jahr 2014, doch irgendwie reichlich seltsam. «Reichs-Ausschuss für Lieferbedingungen» mag so gar nicht passen zu Farben, die – so genormt sie auch sein mögen – nicht nur schön anzusehen sind, sondern auch so klingen: Azurblau (wie die Loks der ungarischen Staatsbahnen es sind, RAL 5009), Rapsgelb (wie die Kennzeichnung der Erdgasleitungen, RAL 1021) oder Resedagrün (RAL 6011).

Am Ende entschied ich mich, den Fächer in der Hand wie Monika Fasnacht ihr frisch aufgenommenes Blatt im «Samschtig-Jass», für eine Farbe, nämlich RAL 1016, Schwefelgelb. Das war vielleicht nicht richtig, aber sicher auch nicht falsch. Denn: «Namibia ist rechts um die Ecke.»